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Nr. 136 / 3. Jahrgang
Sonnabend, 18. Mai
Einzelpreis 15 Rpf.
Bremen erhält eine neue Weser-Brücke
Unser lagesspiegel
Das litauische Obertribunal bat in der Me- meler Kassationsklage das Kownoer Bluturteil bestätigt.
Italien trifft weitere militärische Vorbereitungen gegen Abesfinien.
Infolge Verschärfung des Streiks in Le Havre ist die erste Ausreise der „Normandie" in Frage gestellt.
Im ersten Prozeß wegen der Devisenvergehen katholischer Orden wurde ein Zuchthausurteil gefällt.
Die Bauarbeiten für Bremens neue „Westbrücke" werden im Herbst eingeleitet.
Das neueste Schiff der deutschen Handelsflotte, D. „Gneisen«»", lief gestern nachmittag auf der ÄE. „Weser" glücklich vom Stapel. Im Namen der bremischen Regierung be ' grüßte Senator Laue die Teilnehmer an der Reichsverbandstagung der Gemischten Chöre. Als zweiter Verband der freien Wohlfahrtspflege beginnt heute der Caritas-Verband seine Reichssammlungen.
Der Reichssportführer hat für Niedersachsen einen neuen Fachamtsleiter der Deutschen Turnerschaft ernannt.
Fünf Jahre Zuchthaus
für die katholische Ordensschwester
Berlin, 17. Mai.
Im ersten Prozeß wegen der Devisenvergehen katholischer Orden verkündete am Freitag der Vorsitzende des Berliner Schnellschösfengerichtes, Amtsgerichtsrat Jordan, das Urteil gegen die 12 Jahre alte Katharina Wiedenhöfer, gen. Schwester Werner«, die in ihrer Eigenschaft als Provinzial- sekretärin des Ordens der Vinzentinerinnen eine Viertelmillion Reichsmark ins Ausland verschoben hat.
Die Angeklagte wurde wegen fortgesetzter und vorsätzlicher Devisenverbrechen zu einer Gesamtstrafe von 5 Jahren Zuchthaus, 5 Jahren Ehrverlust und 11» vv» Mark Geldstrafe verurteilt; an Stelle der Geldstrafe soll im Nichtbeitreibungs- salle eine Zuchthausstrafe von weiteren 11 Monaten treten. Ferner wurde die Einziehung eines Betrages von 25» WO Mark angeordnet, für die Einziehung haftet die Charitative Bereinigung in Köln-Nippes.
.(Ueber den Verlauf des Prozesses berichten wir im Innern des Blattes.)
Der Führer fährt nach Frankfurt
Berlin, 17. Mai.
Am Tage der Eröffnung der Reichsautobahnstrecke Frankfurt/Main—Darmstadt werden in Anwesenheit des Führers sprechen der Generalinspektor für das deutsche Straßenwesen, Dr. Todt, Gauleiter und Reichsstatthalter Sprenger, Generaldirektor Dr. Dorpmüller und ein am Bau der Strecke beteiligter Arbeiter. Die Schlußansprache hält der Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda, Dr. Goebbels.
Die Kundgebung wird längs der Reichsautobahn auf Lautsprecher und ferner auf alle deutschen Sender übertragen.
Baubeginn: Herbst dieses Jahres
Fertigstellung voraussichtlich 1YZ8 / 4,4-MiMonen-Vrosekt
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K. D. Nach langen und schwierigen Verhandlungen ist es der bremischen Regierung nunmehr gelungen, die Mittel für den Neubau einer Brücke über die Weser im bremischen Stadtgebiet bewilligt zu erhalten. Die neue Brücke wird zwischen der Kaiser- und Eisenbahnbrücke gebaut werden und etwa 199 Meter oberhalb der Eisenbahnbrücke die Weser überquc.en. Wie aus der Abbildung hervorgeht, handelt es sich nicht wie bei der Kaiserbrücke um eine Hängebrücke, srrdern um eine eiserne Flachbrücke ohne jeglichen Aufbau über drei Oesfnungen. Die Brücke hat ungefähr eine Länge von 299 Me
tern und wird von zwei Pfeilern getragen. Die Gesamtkosten für diesen Bau mit allen sich hieraus ergebenden anderen baulichen Veränderungen betragen etwa 4,4 Millionen Mork. Mit den ersten Arbeite» hofft man im Herbst dieses Jahres beginnen zu können. Der Bau selbst wird voraussichtlich im Jahre 1938 fertiggestellt sein.
Mit der Durchführung dieses Projekts geht ein seit Jahren gehegter Wunsch der bremischen Bevölkerung in Erfüllung. Der Verkehr vom und zum Hasen über die Weser wird eine fühlbare Erleichterung bekommen und die Brücke wird weiter zu einer starken Ver-
kel, .r.tlastuug der Faulenstratze, des Drills und der Kaiserbrücke führen. Der Plan zum Bau dieser Brücke besteht bei den zuständigen Stellen schon seit langem. Im Winter 1933 34 griff die neue nationalsozialistische Staatsführung in Bremen das Projekt wieder auf und sehte sich mit allem Nachdruck f.'r feine Durchführung ein mit dem Erfolg, daß jetzt endlich die erforderlichen Mittel hierfür bewilligt worden sind. Die neue Brücke wird gebaut. Bremen ist wieder einen Schritt vorangekommen.
(Einzelheiten über die neue Brücke im Innern des Blattes.)
Kownoer Bluturteil bestätigt
Wird sich Litauen durch Vollstreckung des Urteils außerhalb jeder Volksgemeinschaft stellen?
Kowno, 17. Mai.
Das litauische Obertribunal verkündete am Freitag seine Entscheidung über die Kassationsklage der Verurteilten im Memel-Prozeß. Danach werden mit Ausnahme des Urteils gegen Baron von-der-Ropp alle Kassationsklagen als unbegründet abgelehnt. Gegenüber Baron von-der- Ropp ist Paragraph 3 (Vorbereitung eines bewaffneten Ausstandes) gestrichen worden, jedoch wurden die übrigen Beschuldigungen auch ihm gegenüber aufrechterhalte». Ebenso ist die Zivil- forderung von Frau Jesuttis abgelehnt worden.
Damit sind alle Rechtsmittel nunmehr erschöpft und das Urteil des Kriegsgerichts bleibt in vollem Umfange einschließlich der vier Todesurteile bestehen. Das Urteil ist mit der Entscheidung des Obersten Tribunals rechtsgültig geworden. Der Vollzug erfolgt innerhalb von 21 Stunden.
Den Verurteilten stehen nur noch die Gnaden- mittel offen. Wie man hört, haben die vier zum Tode Verurteilten, nämlich Prieß, Voll, Lepa und Wannagat, nicht die Absicht, Gnadengesuche an den Staatspräsidenten einzureichen; jedoch wird ihr Verteidiger dies für sie tun.
Das Urteil des Kassationshofes in Kowno hat die Befürchtung bestätigt, daß auch das höchste Gericht Litauens nicht in der Lage sein würde, ein Urteil über die Memeldeut- schen zu sprechen, das auch nur einigermaßen dem Rechtsempfinden entspricht. Im Verlauf des ersten Prozesses hat sich für jeden denkenden Menschen erwiesen, daß die Anklage gegen die Memeldeutschen weder nack dem allgemeinen Rechtsempfinden berechtigt war noch auf die drakonischen Bestimmungen gestützt werden konnte, die von der litau
ischen Regierung für Memel erlassen sind. Diese Bestimmungen sind überdies völkerrechtlich untragbar, weil sie dem Memelstatut widersprechen. Trotzdem hat der Kassationshof das Urteil erster Instanz bestätigt und damit einen vollendeten Rechtsbruch begangen.
Die Signatarmächte, die das Memelstatut zu garantieren haben, können aus diese:, Verhalten des Kassationshofes erkennen, daß ihre theoretischen Einsprüche in Kowno gar keine Bedeutung haben. Die litauische Regierung, der jetzt das Begnadigungsgesuch vorliegt und die auch über das Schicksal der zu Zuchthaus verurteilten Memelländer entscheiden kann, hat eine knappe Frist, in der sie noch beweisen kann, daß sie vor dem Aeußersten in ihrer völkerrechtswidrigen Gewaltpolitik zurückschreckt.
Kampf um Abesfinien
Aus der Geschichte des Konflikts Rom — Addis Abeba
ll. »ü. War es Frankreich, das in dem umstrittenen nordostafrikanischen Gebiet, und zwar in Djibuti, zuerst verkehrspoli» tisch Fuß faßte, so ist von ItaliensBe» strebungen in Abesfinien zu sagen, daß sie von Anfang an großangelegte wirtschaftliche und nationale Ziele verfolgten. Ein Rückblick auf die wechselvolle Geschichte der Beziehungen zwischen Rom und Addis Abeba ist für das Verständnis der augenblicklichen Spannungen in Nordafrika recht aufschlußreich. Schon 1889 schloß Italien einen Handels- und Freundschaftsvertrag mit Aethiopien, in dem vorgesehen war, daß Abesfinien bei Verhandlungen mit anderen Mächten auf den diplomatischen Apparat der italienischen Regierung zurückgreifen sollte. Der abessinische Kaiser Menelik vertrat jedoch später — womit der Wille seines Landes zur Unabhängigkeit zum erstenmal klar zum Ausdruck kam — den Standpunkt, daß Italien den Freundschaftsvertrag falsch ausgelegt bzw. unrichtig übersetzt habe. Die Bereitschaft Addis Abebas, bei außenpolitischen Verhandlungen die italienische Regierung als Vermittler in Anspruch zu nehmen, sei durchaus nicht im Sinne einer bindenden Verpflichtung, sondern auf der Basis der Freiwilligkeit festgeleat worden. Die Auseinandersetzungen über den Vertragstext ließen dann auch sehr schnell Italiens kolonialpolitische Absichten und damit die Schärfe der gegenseitigen Auffassungen erkennen: Die Regierung in Rom leitete aus dem Vertrag von 1889 Protektoratsrechte ab, die sie nunmehr offiziell zur Kenntnis der Mächte brachte, und der abessinische Kaiser antwortete mit entschiedenen Protesten. Militärische Grenzaktionen führten schließlich zum offenen Krieg, in dessen Verlauf das italienische Heer von einer abessinischen Uebermacht — mit französischen Waffen .? — 1896 bei Adua bekanntlich völlig aufgerieben wurde. Der noch im gleichen Jahr geschlossene Friede zu Addis Abeba machte Abesfinien zwar vom italienischen Protektorat frei, ooch hat Italien seither der Anerkennung der Unabhängigkeit Aethiopiens mehr formelle als faktische Bedeutung beigelegt.
Die weitere Entwicklung des Verhältnisses zwischen Italien und dem einzigen selbständigen Eingeborenenstaat Noroafrikas mar nicht unwesentlich durch die Tatsache beeinflußt, daß in Abesfinien neben den französischen Ansprüchen stets auch englische und später sogar japanische Interessen sich geltend machten. Für England ist es neben der Sicherung des Seeweges nach Ostindien und des Nilweges nach Zentralafrika vor allem wichtig, daß die Quellgebiete des blauen Nils, von denen aus die Wasserversorgung des Sudans zu regulieren ist, nicht fremden Händen
Regine in Wirklichkeit
Das Urbild einer Mmgestalt / Von Lsrl Heinrich Uückert
Irgendwo muß jeder Dichter und Eeschichten- srfinder einmal an das wirkliche Leben anknüpfen, wenn er dann auch seiner Phantasie die Zügel noch so frei geben mag. Und nicht weniger als die Gestalten aus Romanen, Filmen und Hörspielen sind oft die Menschen geeignet, Teilnahme zu erwecken, die jenen Figuren als Modell dienten. Zeigen sich ihre Schicksale auch zumeist schlichter und weniger kunstvoll verwickelt, so haben sie doch den Vorzug, wirklich erlebt zu sein und darum erhöhtes Mitgefühl zu erregen. Aufschlußreich ist es ferner, zu sehen, wie der Dichter solch eine .wahre Begebenheit änderte, um sie in die kunstgemätze Form zu bringen; oft mag man sich bei einer romanhaft oder dramatisch abgehandelten Frage überlegen: Wie steht es denn nun in Wirklichkeit, hat diese künstlerische Deutung recht? — Nun, nichts kann solche Erwägungen eindeutiger abschließen als ein Blick auf das Modell, nach dem die künstlerische Schilderung entstand.
So ist es auch bei der Gestalt der „Regine", der Frau, die einen Mann aus anderem Stand und anderem Lebenskreis heiratet, wie sie uns der Film jetzt wieder nahebrachte. Das Motiv der Geschichte wurde bekanntlich einer Erzählung Gottfried Kellers entnommen. Im achten Kapitel des „Sinngedichtes" schildert er den Lebenslauf der Magd Regine, die so seelenstark und herrlich ist, daß ein heimkehrender Deutschamerikaner sie kurzerhand zu seiner Frau macht. Die Aufgabe, sich in den neuen Lebenskreis zu finden, die langen einsamen Monate, während derer der Gatte verreisen muß, das unglückliche Mißverständnis um den Bruder, der hilfeheischend heimlich für eine Stunde kommt — in all diesem
folgt der Film der Kellerschen Erzählung. Der Dichter aber hat das nicht völlig frei erfunden. Er lernte in Zürich einen deutschen Gelehrten kennen, den Göttinger Anatom Friedrich Jakob Henle, der in den Jahren 1810 bis 1813 an der Schweizer Hochschule lehrte. Henle wohnte bei einem Kollegen zur Miete, und dessen schönes Dienstmädchen Elise Egloff aus Gottlieben im Thurgau gefiel dem Professor so, daß er es, Gegenliebe findend, heiratete. Im Herbst 1811 wurde Elise in ein deutsches Töchterheim gebracht, wo sie sich für ihre Rolle als Eelehrten- gattin vorbereiten konnte. Henle war unterdessen nach Heidelberg übergesiedelt, und als badischer Hofrat führte er in den Osterferien 1816 Elise als seine Frau heim. Das einstige arme Dienstmädchen fügte sich erstaunlich schnell in de neuen Verhältniße, niemand in der zweifellos nicht unkritischen Heidelberger Gesellschaft fand Anlaß zu Tadel oder Spott, Elise wurde vielmehr ob ihrer Schönheit allgemein bewundert: Leider durfte sie ihr Glück nicht lange genießen. Kaum zwei Jahre später wurde sie -von einer Lungenentzündung dahingerafft; zwsi Kindern hatte sie das Leben geschenkt.
Gottfried Keller, der den Beginn dieser romanhaften Geschichte schon in Zürich beobachtet hatte, traf seinen Freund Henle später als Witwer in Heidelberg wieder. Das Schicksal Elisens hat den Dichter tief beschäftigt, trotzdem verarbeitete er es lange Zeit nicht in seinen Werken — im Gegensatz zu mehreren Konjunkturschriftstellern, die gleich den Stoff sensationell aufbauschten. Und gegen diese Auffassung hat Keller dann seine Novelle geschrieben.
Die Heldin seiner Geschichte läßt der Schweizer Dichter zugrundegehen, im Gegensatz zu der Wirklichkeit, im Gegensatz auch zum Film, der den Ausgang dann wieder milderte. Böse Zufälle (nicht böse Absichten wie im Film) führen in der Novelle die Katastrophe herbei. Ob Gottfried Keller der Meinung war, daß eine Frau diesem ungewöhnlichen Schicksal mit Naturnotwendigkeit erliegen müsse, oder ob ihn nur der dichterische Gestaltungsdrang zu der dramatischen Zuspitzung trieb? Er selbst deutet so, daß seine Geschichte „mehr eine Frage des Schicksals als der Bildung sei". Betrachten wir das Leben der wirklichen „Regine", der Elise Egloff, so ist nicht einzusehen, warum ein so treffliches Menschenkind den Wechsel von der Magd zur Hofratsgattin nicht meistern sollte. Wir erleben es oft genug, daß ein Mann aus kleinen Verhältnissen Großes leistet und dabei Kenntnisse und Bildung nachträglich erwirbt. Warum sollte das nicht auch einer Frau gelingen? — In besondere menschliche Nähe wird uns die Gestalt der wirklichen „Regine" gerückt, wenn wir von Eingeweihten erfahren, daß ihr zweites Kind als Witwe eines deutschen Gelehrten hochbetagt noch unter uns Lebenden weilt.
Vruckner-Festwoche in Freiburg i. Vr.
(25. Mai bis 2. Juni)
Das 5. Brucknerfest, das von der internationalen Brucknergesellschaft in Gemeinschaft mit der Stadt Freiburg im Vreisgau vom 25. Mai bis 2. Juni in der schönen alten Schwarzwaldstadt veranstaltet wird, ist für die gesamte Musikwelt von wesentlicher Bedeutung, denn es geschieht dabei zum erstenmal in der Geschichte der Musik, daß in einem Zyklus sämtliche Sinfonien des großen Meisters, die s-moll-Messe und das Ds vsuw zur Aufführung gebracht werden.
Ernst v. Wolzogen
Vom Friedhof meiner Gestalten
Dieser Beitrag wird uns aus dem Nachlaß des bekannten Dichters zur Veröffentlichung überlassen.
Ich wandle zwischen Gräbern — kein Wunder bei meinem Alter! Da liegen sie in langen Reihen, die Weggefährten der Jugend, die mehr oder minder guten Freunde aus den Mannesjahren, die Mitstreiter und bösen Feinde, auch liebe Kinder und Verwandte. Aber die meisten dieser Kinder haben ausgewachsene Gräber, denn es sind nicht die Früchte meiner Lenden, sondern die Früchte meines Hirns, die hundert und aber hundert Gestalten, die meine Einbildungskraft schuf, die ein Teil von mir waren und doch wieder eigene Wesen, meinem Blute fremd. Allerlei Leute, die ich mir herausgriff aus dem Gewimmel, durch das mein Lebensweg mich führte.
Ich habe nämlich fast nie ganz ohne Modell meine dichterischen Gestalten schaffen können. Mit ganz wenigen Ausnahmen haben alle Figuren, die meine Schöpfungen bevölkern, ihre lebendigen Vorbilder gehabt. Und diese Vorbilder, diese guten und bösen Menschen, diese mehr oder minder ver- trakten wunderlichen, einfachen oder verwickelten Lebewesen, die mir bewußt oder unbewußt Modell stehen mußten, auf deren Kosten meine Phantasie schmarotzte, für die ich meine Leser in Liebe und Begeisterung erglühen machte, fröhlichem oder boshaftem Gelächter preisgab — sie sind mit wenigen Ausnahmen alle tot. Ein weitgedehnter Oampo santo umgibt mich —. Auf Marmorsteinen prunken Namen, die alle Welt kennt; die allermeisten aber sind bescheidene, kleine Leute gewesen. Ihre Hügel sind eingesunken, ihre Kreuze umgesallen, ihre Urnen zerbröckelt. In diesen Friedhof schleppe ich mich an freundlichen Sonnentagen besonders gerne spazieren und trage ein paar Blumen und
ein paar Tränen nach den Gräbern meiner Lieblinge.
Unter den Leuten, die unsere Bücher lesen und unsere Komödien im Theater besuchen, gibt es nur ganz wenige, die sich eine rechte Vorstellung machen von dem Verhältnis des Dichters zu seinem Modell. Die meisten glauben, daß wir einfach die Wirklichkeit abschreiben und photographieren. Und dann sind sie natürlich geneigt, unsere Kunst gering zu schätzen. Es ist ja richtig, Laß sich in der Wirklichkeit viel tollere Romane und Komödien abspielen, als selbst eine fruchtbare Phantasie zu ersinnen vermag. Es ist auch richtig, daß es im Grunde gar keine völlig belanglosen Menschen gibt, daß einfach jedermann befähigt wäre eine Rolle in einer Dickitung zu spielen; aber dennoch bleibt der schöpferischen Kraft des Dichters noch das Wichtigste zu tun, um aus einer fertigen Fabel und aus lebendigen Modellen ein Kunstwerk zu schaffen. Das sogenannte Schlüsseldrama oder die Schlüsselgeschichte, welche einen, etwa durch die Zeitung bekannt gewordenen Vorgang einfach übernimmt und die handelnden Personen der Wirklichkeit so nachzeichnet, daß sie ohne weiteres zu erkennen sind, werden mit Recht als literarisch minderwertig eingeschätzt. Aber so eine bequeme Abschreiberei von der Wirklichkeit bringt ein rechter Dichter überhaupt nicht fertig.
Einem Karl May, vielleicht dem genialsten Fabuliere!, den die deutsche Erzählungskunst überhaupt auszuweisen hat, haben es sämtliche Spießer unter seiner riesigen Lesergemeinde schwer übel genommen, daß er sich selber als den Erleber der wildesten Abenteuer in fernsten Landen und bei fremden Völkern darstellte, ohne jemals seine Schreibstube verlassen zu haben. Sie sagen: das