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das amtliche Organ Ses Senats
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Nr. 74 / 3. Jahrgang
Freitag, 15.
März
Einzelpreis 15 Rps.
Trauerbeflaggung
Erlaß zum Heldengedenktag
Berlin, 14. März.
Der Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda, Dr. Goebbels, hat zum Heldengedenktag folgenden Erlaß veröffentlicht: „Am Sonntag, 17. März, gedenkt das deutsche Volk der Gefallenen des Weltkrieges. In allen Orten des Reiches werden würdige Gedenkfeiern stattfinden. Ich fordere die Bevölkerung auf, an diesem Tage zu Ehren der toten Soldaten Trauerbeflaggung zu zeigen."
Sport und Reichsschulung
Zwischen dem Reichssportführer von Tschammer und Osten und dem Reichsschulungsleiter der NSDAP., Dr. Max Frauendorfer, wurde folgende Vereinbarung getroffen:
1. Um die Einheitlichkeit der nationalsozialistischen Erziehung im deutschen Volke herbeizuführen, wird die Arbeit der Dietwarte des Deutschen Reichsbundes für Leibesübungen in ein geregeltes Verhältnis zum Reichsschulungsamt der NSDAP. gebracht.
2. Zu diesem Zweck wird von dem Reichsschulungsleiter der NSDAP. der Reichsdietwart zum Beauftragten für die weltanschauliche Schulung im Deutschen Reichsbund für Leibesübungen ernannt. Die Gau-, Bezirks- und Kreisdietwarte werden von den Eauschulungsleitern der NSDAP. auf Antrag des Eaubeauftragtsn des Reichssport- führers als Beauftragte für die weltanschauliche Schulung des Reichsbundes für Leibesübungen für ihren Bereich bestätigt. Sie sind gleichzeitig für die Tätigkeit aller weiterer Dietwarte verantwortlich.
3. Diejenigen Dietwarte, die als Beauftragte für die weltanschauliche Schulung vom Reichsschulungsleiter oder den Eauschulungsleitern der NSDAP. anerkannt werden, müssen Parteigenossen sein. Ausnahmen sind nur mit besonderer Genehmigung des Reichsschulumgsleiters der NSDAP. zulässig.
4. Die Schulung der Dietwarte des Reichsbundes für Leibesübungen auf den Schulen der NSDAP. wird auf Antrag des Reichsdietwartes vom Reichsschulungsleiter der NSDAP. bestimmt.
b. Sämtliche Dietwarte des Reichsbundes für Leibesübungen sind verpflichtet, den vom Reichsschulungsleiter herausgegebenen Schulungsbrief der NSDAP. zu beziehen.
Berlin, 8. März 1835.
gez. von Tschammer, Reichssportführer, gez. Dr. M. Frauendorfer, Reichsschulungsleiter.
Vorbild Deutschland
Athen, 14. März.
Der griechische Kriegsminister Kondylis erklärte dem Vertreter des Deutschen Nachrichtenbüros : Jetzt gehen wir einer Wiedergeburt der Nation mit einer Stärkung der autoritären Staatsgewalt entgegen. Wie der große Führer der edlen befreundeten deutschen Nation, auf dem Willen des Volkes sich stützend, Wunder in der Neuorganisation des deutschen Volkes vollbrachte, so wollen auch wir versuchen, auf das Vertrauen des griechischen Volkes gestützt, der griechischen Seele neues Leben und zeitgemäße Ideale einzuflößen.
Folgen der fieberhaften Aufrüstung Gowjetrußlandö
Gtörungsfnier aus Paris
Eine aufschlußreiche französische Stellungnahme zu den Berliner Besprechungen
Paris, 14. März.
Das Nachrichtenbüro Havas veröffentlicht eine Information aus London, in der zur diplomatischen Lage Stellung genommen wird. Es heißt in dieser Meldung, man habe guten Grund zu der Annahme, daß Sir John Simon und Eden beauftragt würden, dem Reichskanzler persönlich zur Kenntnis zu bringen, daß das Londoner Kabinett das Sicherheitsproblem im Westen wie im Osten Deutschlands als voneinander unlösbar betrachte. Jede Anregung, die Sicherheit in Osteuropa unabhängig von Frankreich zu organisieren, würde daher in London als nicht den Erfordernissen der Lage entsprechend angesehen. Die Sicherheit sei im übrigen nur durch gegenseitigen Beistand zu erreichen,
Wenn diese Ansicht in Berlin gebilligt würde, würden die englischen Besucher alle Freiheit haben, um mit den deutschen Unterhändlern über eine Anerkemnung der deutschen Aufrüstung zu verhandeln. Diese Anerkennung dürfe jedoch nicht soweit gehen, Deutschland die gleichen Streitkräfte wie Sowjetrußland zuzugestehen.
2m übrigen bedauere man in gut unterrichteten Londoner Kreisen, daß Deutschland vor dem Besuch der englischen Minister in Berlin zur Militarisierung der Zivilflieger
schreite, die eine sehr deutliche Verletzung des Teiles V des Versailler Vertrages darstelle. In London glaube man, daß einer Verhandlung zur Schaffung eines neuen vertraglichen Sicherheitssystems nicht eine Maßnahme hätte vorausgehen sollen, die einer einseitigen Kündigung des früheren diplomatischen Werkzeuges gleichkäme. Man wisse noch nicht, ob deswegen ein diplomatischer Protest erfolgen werde oder ob Sir John Simon die Angelegenheit selbst in Berlin behandeln werde. Jedenfalls sei aber sicher, daß sie nicht mit Stillschweigen Übergängen werde.
„Excelsior" sagt, man würde diesmal nicht auf irgendein „neues Manöver" (?) hereinfallen, das auf eine Trennung Englands, Frankreichs und Italiens oder die Zerschlagung der Londoner Erklärung hinauslaufe. Gereizt spricht „Echo de Paris" davon, daß Deutschland die Mächte vor eine vollendete Tatsache gestellt habe, ja das Blatt versteigt sich dazu, von einer Erpressung zu reden und verlangt, daß die drei Mächte zu einer Beratung zusammentreten.
H
Tie Meldung der Havas-Agentur zeigt deutlich die französischen Versuche, bereits jetzt den im englisch-französischen Abkommen vom 3. Februar vorgeschlagenen freien Ver
handlungen eine bestimmte Richtung zu geben. Daß Deutschland den Frieden für den Osten ebenso wie den für den Westen wünscht, ist so selbstverständlich, daß es in dieser Angelegenheit keines Schrittes der englischen Staatsmänner in Berlin bedarf. Inwieweit hierzu aber gerade die Beistandspakte notwendig sind, wie man sie sich in Frankreich und auch anderswo denkt, das werden erst jene kommenden Berliner Verhandlungen zu erweisen haben.
Wenn „Havas" die Notwendigkeit eines gewissen festen Verhältnisses zwischen den Streitkräften Sowjet-Rußlands und denen Deutschlands anerkennt, so bedeutet dies gewiß einen Fortschritt. Es wäre im Sinne einer allgemeinen Rüstungsbeschränkung nur zu wünschen, daß auch dem Rätebund gewisse Anregungen, gegeben würden, seine bisher uferlosen Rüstungsvorbereitungen zu mäßigen. Daß gerade der von Havas bemängelte deutsche Entschluß hinsichtlich des militärischen Flugwesens durch solche — aber auch durch andere — Zusammenhänge zu einer unabwendbaren Notwendigkeit werden mußte, ist im Grunde von der Weltöffentlichkeit längst anerkannt worden.
Lebenslänglicher Kerker für Muteten
Urteil im Wiener Prozeß gegen den früheren österreichischen Gesandten in Rom
Wien, 14. März.
Im Rintelen-Prozetz wurde am Donnerstagnachmittag das Urteil gefällt. Der Angeklagte Dr. Rintelen wurde zu lebenslänglichem Kerker verurteilt. Dr. Rintelen sei schuldig, im Jahre 1934 in Wien und Rom den ihm bekannten Anschlag auf das Bundeskanzleramt gebilligt und dadurch gefördert zu haben, daß er sich als Chef der neu zu bildenden revolutionären Regierung zur Verfügung stellte. Er habe damit das Verbrechen der entfernten Mitschuld am Hochverrat begangen. Die Untersuchungshaft wird für den Fall einer späteren Begnadigung angerechnet.
Vor der Urteilsverkündung stellte Rintelens Verteidiger, Dr. Klee, in seinem Plädoyer fest, daß der Prozeß in keiner Richtung eine Klärung über die Geheimnisse und Hintergründe des 28. Juli gebracht habe. Er kritisierte das Verhalten des Staatsanwalts, weil er die wichtigsten Beweismittel nicht schon in der Voruntersuchung aufgerollt habe. Dr. Rintelen sei nie Natio
nalsozialist gewesen; er habe nur aus ethischen und wirtschaftlichen Gründen das Verhältnis zu dem Brudervolk bessern wollen. Der Verteidiger ging darauf auf die einzelnen Beweise ein. Er erklärte, daß die eindringlichste Vernehmung des gesamten Eesandtschaftspersonals nichts Belastendes ergeben habe. Man habe dann das keineswegs erhebende Schauspiel erlebt, wie im letzten Augenblick der Kammerdiener des Gesandten in Rom zur Zeugenbarriere geschleift wurde. Der Verteidiger erklärte mit erhobener Stimme, daß Ripoldi gelogen habe. Von dem ganzen römischen Beweismaterial sei nichts übrig geblieben als der üble Geschmack, den die Erkenntnis auslöse, daß man den österreichischen Gesandten in Rom vom ersten Tage seines Amtsantritts an bespitzelt und beschnüffelt habe.
Der Verteidiger besprach sodann das Verhalten Dr. Rintelens am Nachmittag des 25. Juli, zergliederte die Vorwürfe des Staatsanwalts, daß sich der Angeklagte nicht richtig benommen ,habe und erklärte schließlich, daß solche Vorwürfe sehr unangebracht seien, wenn man sich vor Augen halte, daß man sogar Personen, die für die Ruhe und Ordnung im Staate zu sorgen hatten, keinerlei Vorwürfe über ihr Verhalten am 25. Juli gemacht habe.
Der Verteidiger entwickelte ein Bild von dem Angeklagten als Politiker und stellte fest, daß er ein armer Mann gewesen sei, was man nicht von allen Politikern sagen könne. Er verwies auch nachdrücklich auf das schöne Zeugnis des Fürstbischofs von Seckau. Der Verteidiger erklär« schließlich, daß die Anklage zusammengebrochen sei und verlangte den Freispruch des Angeklagten.
In seiner Antwort unterstrich der Staatsanwalt Dr. Tuppy erneut seine Argumente. Er bat den Gerichtshof sehr eindringlich, nicht von der Mög- lichkeit Gebrauch zu machen, Rintelen zu lebenslänglichem Kerker oder zum Tode zu verurteilen. Er überließ die Festsetzung des Strafmaßes dem Gerichtshof.
Dr. Rintelen bat ein Schlußwort halten zu dürfen und führte aus: „Ich bin unschuldig. Ich habe immer offen für meine Ideale gekiimpft. Ich wollte nie etwas anderes als ein gutes Einvernehmen Oesterreichs mit Deutschland. Ich habe mich dabei in einer Linie mit dem größten österreichischen Staatsmann Dr. Seipel befunden. In dieser Ueberzeugung sehe ich mit Ruhe Ihrem Ur» teilsspruch entgegen."
Iuden in der Klemme
Zum Berner Prozeß um die „Protokolle der Weisen von Zion"
R. fvlii. „Erst rechneten sie mit der Dummheit ihres Gegners, um dann, wenn sich ein Ausweg nicht mehr fand, sich selber einfach dumm zu stellen" — di.se Charakteristik, die der Führer in seinem Buch „Mein Kampf" gewissen Demagogen widmet, trifft haarscharf auch aus die jüdischen Drahtzieher des seit längerer Zeit schwebenden Berner Prozesses um die Echtheit der Protokolle der „Weisen von Zion" zu. Der Gegenstand des Prozesses stützt sich auf einen Vorgang, der sich vor zwei Jahren in Bern zutrug. Tort wurden bei einer Veranstaltung der Nationalen Front die ebenso berüchtigten wie verräterischen „Protokolle der Weisen" in deutscher Sprache verkauft, wobei ein kaum zwanzigjähriger Buchhändler, Silvio Schnell, seinem Namen alle Ehre machte. An sich wäre jene Verbreitung der „Protokolle" nicht sonderlich bemerkenswert gewesen (sind doch schon unzählige ähnliche Aufklärungsaktionen gegen das Judentum ohne gerichtliche Nachspiele erfolgt), wenn Alljuda hier nicht doch eine hervorragend günstige Gelegenheit zur Inszenierung eines ihm ohnehin ausgezeichnet liegenden „Treh's" gesehen hätte. Nie hatte man bisher etwas Greifbares gegen die Echtheit der „Protokolle" unternommen, eben weil der Gegenbeweis nicht erfolgreich zu führen ist. Jetzt aber glaubten die Demaskierten, endlich einmal mit der Dummheit ihrer Feinde rechnen zu dürfen. Zwei Momente waren es, mit der sich die Dreistigkeit ihrer Klageerhebung rechtfertigen ließ: die komplizierten und daher schwer zu überblickenden Rechtsbestimmungen der Schweiz sowie die auffallende Jugendlichkeit und Unersahrenheit des „Haupttäters". Herrliche Aussichten, so kalkulierten die jüdischen Rechtsanwälte, zur Ueberlistung und Mundtotmachung des Gegners!
Eine willkommene Handhabe für die Verschleierung der Tatsachen bot von Anfang an das Berner Gesetz über die Schundliteratur, das sich mit der Drucklegung und dem Verkauf von Schriftwerken beschäftigt, „deren Form und Inhalt geeignet sind, zur Begehung von Verbrechen anzureizen, die Sittlichkeit zu gefährden ..." Aus der Heranziehung gerade dieses Gesetzes erkennt man deutlich die Tendenz der jüdischen Klage: Die „Protokolle der Weisen von Zion" sollen von einem Gericht, also . öffentlich, als Schundliteratur und damit indirekt als Fälschung erklärt werden, oh:.r daß die Fälschung wissenschaftlich nachgewiesen zu werden braucht. So jedenfalls dachte man sich die Sache bei Beginn des Prozesses.
Inzwischen aber hat sich die Situation, wie das angesichts des Lügengewebes ja auch nicht weiter verwunderlich ist, sehr zu un- gunsten der jüdischen „Angreifer" verändert. Der junge Hauptangeklagte ist zur unangenehmen Ueberraschung der Semiten nicht ganz ohne Ratgeber geblieben, und zwar hat
Reinhold seinen
Schicksale, an der
Wer kennt sie nicht, die Gestalten am Wegrand, die dem Kraftwagen entgegenwinken und mitgenommen werden wollen? Wie man sich diesen Wünschen gegenüber verhalten soll, darüber sind sich die Kraftfahrer nicht einig. Und sie weiden es wohl auch nie werden. Es mag unter diesen Gasten, die sich selbst einladen, manch unsaubere Existenz sein, auch gelegentlich ein gefährlicher Bursche. Ich habe jedenfalls mit diesen Fahr- gästen keine unangenehmen Erfahrungen gemacht. Sie haben mir die langen Stunden der Fahrt verkürzt und mich manchen Einblick in die Bahn ihres Lebens und in die Buntheit ihrer Schicksale tun lassen. Interessante Begegnungen waren dabei, seltsame Menschen mit seltsamen Schicksalen.
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Da war ein spindeldürres Männchen in abgetragenem Mantel, das mich im Spätherbst an einem Kreuzweg aus der Landstraße hinter Köln anhielt. In den steifgefrorenen Fingern hielt es einen umschnürten Karton. Sein' Anliegen war nicht groß: nur bis zum nächsten Dorf. Zögernd kommt Brocken um Brocken heraus: Er reist mit Seife von Dorf zu Dorf, marschiert am frühen Morgen aus Köln immer nach einer anderen Richtung. Früher kleiner Versicherungsbeamter, seit etlichen Jahren abgebaut; zu Hause eine verhärmte Frau und ein Häuflein Kinder. Das Schicksal von Tausenden. Aber er will sich über Wasser halten und kämpfen, anstatt auf der faulen Haut zu liegen. Wackerer kleiner Mann, ich habe dir gern etwas abgekauft.
Irgendwo bei Darmstadt an einer Großtank- stelle hielt mich am Spätnachmittag ein Siebzehn-
Strafte gefunden
jähriger an, als wir dort tankten. An unserer Wagennummer sehe er, daß wir nach Köln wollten, und ob wir ihn nicht mitnehmen könnten. Als der Wagen durch das hessische Kleinbauernland gegen Mainz rollte, packte er mit seinen Sorgen aus: Er müsse schleunigst nach Hamburg. Gestern vormittag habe er in Earmisch-Parten- kirchen am Postschalter einen Brief seiner Schwester vorgefunden, daß seine Mutter schwer erkrankt sei und er ungesäumt nach Hause müsse. Ueber München und Stuttgart war er in drei Etappen von Lastwagen mitgenommen worden.- Die ganze lange Fahrt am nächtlichen Rhein entlang ging dem müden Jungen die Sorge um die Mutter nicht aus dem Kopf. Selbst die Loreley, über der der Vollmond blinkte, interessierte ihn nicht. Und ich vergesse das dankbare Aufleuchten seiner Augen nicht, als ich ihn bei einem Eroßspediteur in Köln gleich in einen Sechstonner verfrachtete, der ihn bis zum nächsten Mittag nach Hamburg bringen würde.
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Weit vor Dortmund im freien Feld hielten mich ein paar Knirpse an: Sie müßten noch nach Hause. Es ging schon gegen Abend. Auf mein „Ja" erklärte der kleine Wortführer, sie müßten aber noch ihre Kartoffeln mitnehmen, Und so polterten die straffen Säckchen in den Wagen, die sie tagsüber auf den abgeernteten Feldern aufgelesen hatten. Die drei Stunden Wegs hatten die Kerlchen am Morgen zu Fuß zurückgelegt. Die unterernährten Kinder hatten sich zuviel zugemutet: Kaum saßen sie im Wagen, da schlief der Kleinste schon, trotz d"es lebhaften Geplappers der übrigen. Als ich ihnen in einer der Elends- straßen von Dortmund vor einer verfallenen
Mietskaserne ihre Kartoffelsäcke hinausreichte, waren sie im Nu verschwunden. Ohne ein Wort des Dankes. Den Dank mutz man schließlich in sich tragen.
Im Monschäuer Land, unweit der belgischen Grenze, hatte ich an einem Sonntagabend eine lustige Gesellschaft geladen: Sechs lebendige
Kinder, wie die Orgelpfeifen, mitsamt ihrer Mutter. Sie kamen von der Kirmes im Heimatdorf der Mutter und waren noch voll von all den guten Dingen, die ihnen die Großmutter zugesteckt hatte. Die Mutter, eine von den verarbeiteten, früh gealterten Bauersfrauen dieses armen Ee- birgslandes, saß still inmitten der munteren Schar, für die diese Autofahrt durch den abendlichen Wald das Erlebnis ihrer jungen Jahre war.
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Eines Tages bin ich bei Heimbach mit einem verkommenen Genie zusammengekommen: Ein
Maler, der auf Wegrainen und Alleebänken seine Glasbilder austuschte, mit deren Verkauf er sich durchschlug. Der Rucksack barg das Kochgeschirr dieses modernen Nomaden. Die ausziehbaren Stangen eines Stativs baumelten daneben. „Noch eine Stange muß ich mir verdienen, dann habe ich mein Zelt zusammen und bin nicht mehr auf die Herbergen und Strohschober angewiesen," meinte er mit einem Hinweis auf die Zeltplane oben auf dem schweren Rucksack. Seit fünf Jahren hat er Deutschland kreuz und quer durchwandert. Das Wanderfieber hat ihn nicht mehr losgelassen. Die anspruchslosen Elasbildchen dieses fahrenden Künstlers, der zugleich ein Lebenskünstler war, halfen ihm schlecht u-id recht durchs Leben. Ob er je den Weg zurückfinden wird von der Landstraße in den umhegten Bereich der Bürgerlichkeit?
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Gestalten der Landstraße — wie in einem Kaleidoskop zieht die lange Reihe der Menschen
an mir vorüber, die mich ein Stück Wegs begleitet haben. Der Blick in ein unbekanntes Menschenleben, in ein fremdes Schicksal, den diese kurzen Stunden des Zusammenseins vermittelten, hat seinen besonderen Reiz. Es ist, wie wenn man im Vorbeifahren durch das erleuchtete Fenster eines Hauses sieht. Man nimmt flüchtig einen Eindruck mit, der schnell wieder von neuen Bildern zugedeckt wird, der aber im Untergrund haften bleibt.
Zlo Hsnns Röster
Freitag gibt
Einladungen soll man ausnützen. So dachte auch Dill, als er eines Tages Drollig, traf. Er traf ihn so gegen die Mittagstunde.
„Was gibt es denn heute bei euch zu Mittag?" fragte er.
Drollig dachte nach.
„Heute? Welcher Tag ist heute?"
„Freitag."
„Freitags gibt es Schellfisch."
„Schellfisch!"
Dill jauchzte in höchster Seligkeit.
„Schellfisch! Schellfisch esse ich für mein Leben gern."
„Meine Frau macht jeden Freitag Schellfisch."
„Wie ich dich beneide!"
„Warum?"
„Schellfisch! Schellfisch!"
Drollig blieb nichts anders übrig, als Dill einzuladen. Zum Mittagessen. Zu seiner Frau. Zum Schellfisch. Der Schellfisch kam auf den Tisch.
Dill seufzte in höchster Wonne: „Schellfisch!"
„Bitte, Dill — langen Sie zu."
Dill langte zu. Es reichte für drei. Dadurch reichte der Schellfisch kaum für zwei. „Schellfisch!"
Für eine kurze Spanne ist man zusammen in der Enge des Wagens, in der Gemeinschaft desselben Weges, und dann gehen die Pfade des Lebens wieder auseinander. Für eine Weile ist man eingeordnet in Schicksal und Lebensweg eines anderen, den man nach ein paar flüchtigen Dankesworten aus dem Auge verliert. Schicksalswege berühren sich für eine Weile, um dann um so weiter auseinanderzuführen.
s Schellfisch
stöhnte Dill zwischen den besten Bissen. „Ach wer doch auch joden Freitag Schellfisch essen könnte."
„Essen Sie ihn so gern?"
„Am liebsten jeden Freitag."
Drolligs Frau blieb nichts anders übrig, als zu antworten: „Dann kommen Sie doch jeden Freitag zu uns."
Dill kam jeden Freitag zu Drolligs. Zum Schellfisch. Pünktlich wie eine Uhr stellte er sich ein. Jeden Freitag. Seit acht Wochen.
„Das geht nicht so weiter," meinte Frau Drollig.
„Was?"
„Dein Freund Dill. Er sagt nicht Danke, er sagt nicht Meff. Kommt nur zum Essen und nach dem Essen. Ich will einfach nicht mehr."
Drollig sann auf Abhilfe, dann sagte er:
„Vergiß doch nächsten Freitag den Schellfisch."
„Vergessen?"
„Ja. Koch einfach etwas anderes. Was Till nicht so gern ißt."
„Und Dill?"
„Er wird es dann schon merken."
Dill merkte es.
Als er am nächsten Freitag kam, gab es keinen Schellfisch. Sondern einen beliebigen Braten mi': einer beliebigen Bei lag».