Ausgabe 
(15.3.1935) Nr. 74
Seite
1
 
Einzelbild herunterladen

meiner

das amtliche Organ Ses Senats

-er Freien Lanfestadt vremen

ZL-k-tl

Bremer Zeitung erscheint täglich (auch Montags). Monatsbezug: RM. 2,30 einschl. 80 Nps. Zustellungsgebühr: durch die Post RM. 2,30 einschl. Ueberweisungsgebühr, ausschl. Postbestellgeld. D«r Bezugspreis ist im voraus zu entrichten. Postscheck Hamburg 172 72. Betriebsstörungen begründen keinen Anspruch aus Erstattung oder Ersatz. NS.-Gauverlag Weser-Ems E. m. b. H., Bremen, Am Geeren 68 / Fernsprecher: Roland 628.

1

9

3

5

Anzeigen-Grundprcise: Die 22-mm-Zeile im Anzeigenteil l2 Rpj.. die 70 -mm.Zeile im Textteil -5 Rpj.

Ermäßigte Wrundpreise (für kleine Anzeigen Familienanzeigen u. a.) ubr

Preisliste «. (Nachlaßstassel 0.) Für Anzeigen durch Fernsprecher kerne Gewahr. Annahme chlutz l« Uyr. Sprechzeit: Verlag werktäglich von 1213 Uhr; Schristleitung Dienstag bis Frertag von 12 13 /, uyr.

Nr. 74 / 3. Jahrgang

Freitag, 15.

März

Einzelpreis 15 Rps.

Trauerbeflaggung

Erlaß zum Heldengedenktag

Berlin, 14. März.

Der Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda, Dr. Goebbels, hat zum Helden­gedenktag folgenden Erlaß veröffentlicht:Am Sonntag, 17. März, gedenkt das deutsche Volk der Gefallenen des Weltkrieges. In allen Orten des Reiches werden würdige Gedenkfeiern stattfinden. Ich fordere die Bevölkerung auf, an diesem Tage zu Ehren der toten Soldaten Trauerbeflaggung zu zeigen."

Sport und Reichsschulung

Zwischen dem Reichssportführer von Tschammer und Osten und dem Reichsschulungsleiter der NSDAP., Dr. Max Frauendorfer, wurde folgende Vereinbarung getroffen:

1. Um die Einheitlichkeit der nationalsozialisti­schen Erziehung im deutschen Volke herbeizufüh­ren, wird die Arbeit der Dietwarte des Deutschen Reichsbundes für Leibesübungen in ein geregel­tes Verhältnis zum Reichsschulungsamt der NSDAP. gebracht.

2. Zu diesem Zweck wird von dem Reichsschu­lungsleiter der NSDAP. der Reichsdietwart zum Beauftragten für die weltanschauliche Schulung im Deutschen Reichsbund für Leibesübungen er­nannt. Die Gau-, Bezirks- und Kreisdietwarte werden von den Eauschulungsleitern der NSDAP. auf Antrag des Eaubeauftragtsn des Reichssport- führers als Beauftragte für die weltanschauliche Schulung des Reichsbundes für Leibesübungen für ihren Bereich bestätigt. Sie sind gleichzeitig für die Tätigkeit aller weiterer Dietwarte ver­antwortlich.

3. Diejenigen Dietwarte, die als Beauftragte für die weltanschauliche Schulung vom Reichs­schulungsleiter oder den Eauschulungsleitern der NSDAP. anerkannt werden, müssen Parteigenos­sen sein. Ausnahmen sind nur mit besonderer Genehmigung des Reichsschulumgsleiters der NSDAP. zulässig.

4. Die Schulung der Dietwarte des Reichsbun­des für Leibesübungen auf den Schulen der NSDAP. wird auf Antrag des Reichsdietwartes vom Reichsschulungsleiter der NSDAP. bestimmt.

b. Sämtliche Dietwarte des Reichsbundes für Leibesübungen sind verpflichtet, den vom Reichs­schulungsleiter herausgegebenen Schulungsbrief der NSDAP. zu beziehen.

Berlin, 8. März 1835.

gez. von Tschammer, Reichssportführer, gez. Dr. M. Frauendorfer, Reichsschulungsleiter.

Vorbild Deutschland

Athen, 14. März.

Der griechische Kriegsminister Kondylis er­klärte dem Vertreter des Deutschen Nachrichten­büros : Jetzt gehen wir einer Wiedergeburt der Nation mit einer Stärkung der autoritären Staatsgewalt entgegen. Wie der große Führer der edlen befreundeten deutschen Nation, auf dem Willen des Volkes sich stützend, Wunder in der Neuorganisation des deutschen Volkes vollbrachte, so wollen auch wir versuchen, auf das Vertrauen des griechischen Volkes gestützt, der griechischen Seele neues Leben und zeitgemäße Ideale einzu­flößen.

Folgen der fieberhaften Aufrüstung Gowjetrußlandö

Gtörungsfnier aus Paris

Eine aufschlußreiche französische Stellungnahme zu den Berliner Besprechungen

Paris, 14. März.

Das Nachrichtenbüro Havas veröffentlicht eine Information aus London, in der zur diploma­tischen Lage Stellung genommen wird. Es heißt in dieser Meldung, man habe guten Grund zu der Annahme, daß Sir John Simon und Eden beauftragt würden, dem Reichskanzler persönlich zur Kenntnis zu bringen, daß das Londoner Ka­binett das Sicherheitsproblem im Westen wie im Osten Deutschlands als von­einander unlösbar betrachte. Jede Anregung, die Sicherheit in Osteuropa unabhängig von Frank­reich zu organisieren, würde daher in London als nicht den Erfordernissen der Lage entsprechend angesehen. Die Sicherheit sei im übrigen nur durch gegenseitigen Beistand zu erreichen,

Wenn diese Ansicht in Berlin gebilligt würde, würden die englischen Besucher alle Freiheit haben, um mit den deutschen Unterhändlern über eine Anerkemnung der deutschen Auf­rüstung zu verhandeln. Diese Anerkennung dürfe jedoch nicht soweit gehen, Deutschland die gleichen Streitkräfte wie Sowjetrußland zuzugestehen.

2m übrigen bedauere man in gut unterrich­teten Londoner Kreisen, daß Deutschland vor dem Besuch der englischen Minister in Berlin zur Militarisierung der Zivilflieger

schreite, die eine sehr deutliche Verletzung des Teiles V des Versailler Vertrages darstelle. In London glaube man, daß einer Verhandlung zur Schaffung eines neuen vertraglichen Sicherheits­systems nicht eine Maßnahme hätte vorausgehen sollen, die einer einseitigen Kündigung des frühe­ren diplomatischen Werkzeuges gleichkäme. Man wisse noch nicht, ob deswegen ein diplomatischer Protest erfolgen werde oder ob Sir John Simon die Angelegenheit selbst in Berlin behandeln werde. Jedenfalls sei aber sicher, daß sie nicht mit Stillschweigen Übergängen werde.

Excelsior" sagt, man würde diesmal nicht auf irgendeinneues Manöver" (?) hereinfallen, das auf eine Trennung Englands, Frankreichs und Italiens oder die Zerschlagung der Londoner Er­klärung hinauslaufe. Gereizt sprichtEcho de Paris" davon, daß Deutschland die Mächte vor eine vollendete Tatsache gestellt habe, ja das Blatt versteigt sich dazu, von einer Erpressung zu reden und verlangt, daß die drei Mächte zu einer Beratung zusammentreten.

H

Tie Meldung der Havas-Agentur zeigt deutlich die französischen Versuche, bereits jetzt den im englisch-französischen Abkommen vom 3. Februar vorgeschlagenen freien Ver­

handlungen eine bestimmte Richtung zu geben. Daß Deutschland den Frieden für den Osten ebenso wie den für den Westen wünscht, ist so selbstverständlich, daß es in dieser Angelegenheit keines Schrittes der englischen Staatsmänner in Berlin bedarf. Inwieweit hierzu aber gerade die Beistands­pakte notwendig sind, wie man sie sich in Frankreich und auch anderswo denkt, das werden erst jene kommenden Berliner Ver­handlungen zu erweisen haben.

WennHavas" die Notwendigkeit eines gewissen festen Verhältnisses zwischen den Streitkräften Sowjet-Rußlands und denen Deutschlands anerkennt, so bedeutet dies ge­wiß einen Fortschritt. Es wäre im Sinne einer allgemeinen Rüstungsbeschränkung nur zu wünschen, daß auch dem Rätebund gewisse Anregungen, gegeben würden, seine bisher uferlosen Rüstungsvorbereitungen zu mäßigen. Daß gerade der von Havas be­mängelte deutsche Entschluß hinsichtlich des militärischen Flugwesens durch solche aber auch durch andere Zusammenhänge zu einer unabwendbaren Notwendigkeit werden mußte, ist im Grunde von der Weltöffentlich­keit längst anerkannt worden.

Lebenslänglicher Kerker für Muteten

Urteil im Wiener Prozeß gegen den früheren österreichischen Gesandten in Rom

Wien, 14. März.

Im Rintelen-Prozetz wurde am Donners­tagnachmittag das Urteil gefällt. Der An­geklagte Dr. Rintelen wurde zu lebensläng­lichem Kerker verurteilt. Dr. Rintelen sei schuldig, im Jahre 1934 in Wien und Rom den ihm bekannten Anschlag auf das Bundes­kanzleramt gebilligt und dadurch gefördert zu haben, daß er sich als Chef der neu zu bildenden revolutionären Regierung zur Verfügung stellte. Er habe damit das Ver­brechen der entfernten Mitschuld am Hoch­verrat begangen. Die Untersuchungshaft wird für den Fall einer späteren Be­gnadigung angerechnet.

Vor der Urteilsverkündung stellte Rintelens Verteidiger, Dr. Klee, in seinem Plädoyer fest, daß der Prozeß in keiner Richtung eine Klärung über die Geheimnisse und Hintergründe des 28. Juli gebracht habe. Er kritisierte das Ver­halten des Staatsanwalts, weil er die wichtigsten Beweismittel nicht schon in der Voruntersuchung aufgerollt habe. Dr. Rintelen sei nie Natio­

nalsozialist gewesen; er habe nur aus ethi­schen und wirtschaftlichen Gründen das Verhält­nis zu dem Brudervolk bessern wollen. Der Ver­teidiger ging darauf auf die einzelnen Beweise ein. Er erklärte, daß die eindringlichste Ver­nehmung des gesamten Eesandtschaftspersonals nichts Belastendes ergeben habe. Man habe dann das keineswegs erhebende Schauspiel erlebt, wie im letzten Augenblick der Kammer­diener des Gesandten in Rom zur Zeugenbarriere geschleift wurde. Der Verteidiger erklärte mit erhobener Stimme, daß Ripoldi gelogen habe. Von dem ganzen römischen Beweismaterial sei nichts übrig geblieben als der üble Geschmack, den die Erkenntnis auslöse, daß man den österreichi­schen Gesandten in Rom vom ersten Tage seines Amtsantritts an bespitzelt und beschnüffelt habe.

Der Verteidiger besprach sodann das Verhal­ten Dr. Rintelens am Nachmittag des 25. Juli, zergliederte die Vorwürfe des Staatsanwalts, daß sich der Angeklagte nicht richtig benommen ,habe und erklärte schließlich, daß solche Vorwürfe sehr unangebracht seien, wenn man sich vor Augen halte, daß man sogar Personen, die für die Ruhe und Ordnung im Staate zu sorgen hatten, keinerlei Vorwürfe über ihr Verhalten am 25. Juli gemacht habe.

Der Verteidiger entwickelte ein Bild von dem Angeklagten als Politiker und stellte fest, daß er ein armer Mann gewesen sei, was man nicht von allen Politikern sagen könne. Er verwies auch nachdrücklich auf das schöne Zeugnis des Fürstbischofs von Seckau. Der Verteidiger erklär« schließlich, daß die Anklage zusammengebrochen sei und verlangte den Freispruch des Ange­klagten.

In seiner Antwort unterstrich der Staatsanwalt Dr. Tuppy erneut seine Argumente. Er bat den Gerichtshof sehr eindringlich, nicht von der Mög- lichkeit Gebrauch zu machen, Rintelen zu lebens­länglichem Kerker oder zum Tode zu verurteilen. Er überließ die Festsetzung des Strafmaßes dem Gerichtshof.

Dr. Rintelen bat ein Schlußwort halten zu dürfen und führte aus:Ich bin unschuldig. Ich habe immer offen für meine Ideale gekiimpft. Ich wollte nie etwas anderes als ein gutes Einver­nehmen Oesterreichs mit Deutschland. Ich habe mich dabei in einer Linie mit dem größten öster­reichischen Staatsmann Dr. Seipel befunden. In dieser Ueberzeugung sehe ich mit Ruhe Ihrem Ur» teilsspruch entgegen."

Iuden in der Klemme

Zum Berner Prozeß um dieProtokolle der Weisen von Zion"

R. fvlii.Erst rechneten sie mit der Dumm­heit ihres Gegners, um dann, wenn sich ein Ausweg nicht mehr fand, sich selber einfach dumm zu stellen" di.se Charakteristik, die der Führer in seinem BuchMein Kampf" gewissen Demagogen widmet, trifft haarscharf auch aus die jüdischen Drahtzieher des seit längerer Zeit schwebenden Berner Prozesses um die Echt­heit der Protokolle derWeisen von Zion" zu. Der Gegenstand des Prozesses stützt sich auf einen Vorgang, der sich vor zwei Jahren in Bern zutrug. Tort wurden bei einer Ver­anstaltung der Nationalen Front die ebenso berüchtigten wie verräterischenProtokolle der Weisen" in deutscher Sprache verkauft, wobei ein kaum zwanzigjähriger Buch­händler, Silvio Schnell, seinem Namen alle Ehre machte. An sich wäre jene Verbreitung derProtokolle" nicht sonderlich bemerkens­wert gewesen (sind doch schon unzählige ähn­liche Aufklärungsaktionen gegen das Juden­tum ohne gerichtliche Nachspiele erfolgt), wenn Alljuda hier nicht doch eine hervor­ragend günstige Gelegenheit zur Inszenie­rung eines ihm ohnehin ausgezeichnet lie­gendenTreh's" gesehen hätte. Nie hatte man bisher etwas Greifbares gegen die Echtheit derProtokolle" unternommen, eben weil der Gegenbeweis nicht erfolgreich zu führen ist. Jetzt aber glaubten die Demas­kierten, endlich einmal mit der Dummheit ihrer Feinde rechnen zu dürfen. Zwei Mo­mente waren es, mit der sich die Dreistig­keit ihrer Klageerhebung recht­fertigen ließ: die komplizierten und daher schwer zu überblickenden Rechtsbestim­mungen der Schweiz sowie die auffallende Jugendlichkeit und Unersahrenheit des Haupttäters". Herrliche Aussichten, so kal­kulierten die jüdischen Rechtsanwälte, zur Ueberlistung und Mundtotmachung des Gegners!

Eine willkommene Handhabe für die Ver­schleierung der Tatsachen bot von An­fang an das Berner Gesetz über die Schundliteratur, das sich mit der Drucklegung und dem Verkauf von Schrift­werken beschäftigt,deren Form und Inhalt geeignet sind, zur Begehung von Verbrechen anzureizen, die Sittlichkeit zu gefährden ..." Aus der Heranziehung gerade dieses Ge­setzes erkennt man deutlich die Tendenz der jüdischen Klage: DieProtokolle der Weisen von Zion" sollen von einem Gericht, also . öffentlich, als Schundliteratur und damit in­direkt als Fälschung erklärt werden, oh:.r daß die Fälschung wissenschaftlich nachge­wiesen zu werden braucht. So jedenfalls dachte man sich die Sache bei Beginn des Prozesses.

Inzwischen aber hat sich die Situation, wie das angesichts des Lügengewebes ja auch nicht weiter verwunderlich ist, sehr zu un- gunsten der jüdischenAngreifer" verändert. Der junge Hauptangeklagte ist zur unan­genehmen Ueberraschung der Semiten nicht ganz ohne Ratgeber geblieben, und zwar hat

Reinhold seinen

Schicksale, an der

Wer kennt sie nicht, die Gestalten am Wegrand, die dem Kraftwagen entgegenwinken und mit­genommen werden wollen? Wie man sich diesen Wünschen gegenüber verhalten soll, darüber sind sich die Kraftfahrer nicht einig. Und sie weiden es wohl auch nie werden. Es mag unter diesen Gasten, die sich selbst einladen, manch unsaubere Existenz sein, auch gelegentlich ein gefährlicher Bursche. Ich habe jedenfalls mit diesen Fahr- gästen keine unangenehmen Erfahrungen gemacht. Sie haben mir die langen Stunden der Fahrt verkürzt und mich manchen Einblick in die Bahn ihres Lebens und in die Buntheit ihrer Schick­sale tun lassen. Interessante Begegnungen waren dabei, seltsame Menschen mit seltsamen Schick­salen.

4-

Da war ein spindeldürres Männchen in abge­tragenem Mantel, das mich im Spätherbst an einem Kreuzweg aus der Landstraße hinter Köln anhielt. In den steifgefrorenen Fingern hielt es einen umschnürten Karton. Sein' Anliegen war nicht groß: nur bis zum nächsten Dorf. Zögernd kommt Brocken um Brocken heraus: Er reist mit Seife von Dorf zu Dorf, marschiert am frühen Morgen aus Köln immer nach einer anderen Richtung. Früher kleiner Versicherungsbeamter, seit etlichen Jahren abgebaut; zu Hause eine ver­härmte Frau und ein Häuflein Kinder. Das Schicksal von Tausenden. Aber er will sich über Wasser halten und kämpfen, anstatt auf der faulen Haut zu liegen. Wackerer kleiner Mann, ich habe dir gern etwas abgekauft.

Irgendwo bei Darmstadt an einer Großtank- stelle hielt mich am Spätnachmittag ein Siebzehn-

Strafte gefunden

jähriger an, als wir dort tankten. An unserer Wagennummer sehe er, daß wir nach Köln wollten, und ob wir ihn nicht mitnehmen könnten. Als der Wagen durch das hessische Kleinbauern­land gegen Mainz rollte, packte er mit seinen Sorgen aus: Er müsse schleunigst nach Hamburg. Gestern vormittag habe er in Earmisch-Parten- kirchen am Postschalter einen Brief seiner Schwe­ster vorgefunden, daß seine Mutter schwer erkrankt sei und er ungesäumt nach Hause müsse. Ueber München und Stuttgart war er in drei Etappen von Lastwagen mitgenommen worden.- Die ganze lange Fahrt am nächtlichen Rhein entlang ging dem müden Jungen die Sorge um die Mutter nicht aus dem Kopf. Selbst die Loreley, über der der Vollmond blinkte, interessierte ihn nicht. Und ich vergesse das dank­bare Aufleuchten seiner Augen nicht, als ich ihn bei einem Eroßspediteur in Köln gleich in einen Sechstonner verfrachtete, der ihn bis zum nächsten Mittag nach Hamburg bringen würde.

*

Weit vor Dortmund im freien Feld hielten mich ein paar Knirpse an: Sie müßten noch nach Hause. Es ging schon gegen Abend. Auf mein Ja" erklärte der kleine Wortführer, sie müßten aber noch ihre Kartoffeln mitnehmen, Und so polterten die straffen Säckchen in den Wagen, die sie tagsüber auf den abgeernteten Feldern auf­gelesen hatten. Die drei Stunden Wegs hatten die Kerlchen am Morgen zu Fuß zurückgelegt. Die unterernährten Kinder hatten sich zuviel zugemutet: Kaum saßen sie im Wagen, da schlief der Kleinste schon, trotz d"es lebhaften Geplappers der übrigen. Als ich ihnen in einer der Elends- straßen von Dortmund vor einer verfallenen

Mietskaserne ihre Kartoffelsäcke hinausreichte, waren sie im Nu verschwunden. Ohne ein Wort des Dankes. Den Dank mutz man schließlich in sich tragen.

Im Monschäuer Land, unweit der belgischen Grenze, hatte ich an einem Sonntagabend eine lustige Gesellschaft geladen: Sechs lebendige

Kinder, wie die Orgelpfeifen, mitsamt ihrer Mutter. Sie kamen von der Kirmes im Heimat­dorf der Mutter und waren noch voll von all den guten Dingen, die ihnen die Großmutter zugesteckt hatte. Die Mutter, eine von den verarbeiteten, früh gealterten Bauersfrauen dieses armen Ee- birgslandes, saß still inmitten der munteren Schar, für die diese Autofahrt durch den abend­lichen Wald das Erlebnis ihrer jungen Jahre war.

4-

Eines Tages bin ich bei Heimbach mit einem verkommenen Genie zusammengekommen: Ein

Maler, der auf Wegrainen und Alleebänken seine Glasbilder austuschte, mit deren Verkauf er sich durchschlug. Der Rucksack barg das Kochgeschirr dieses modernen Nomaden. Die ausziehbaren Stangen eines Stativs baumelten daneben.Noch eine Stange muß ich mir verdienen, dann habe ich mein Zelt zusammen und bin nicht mehr auf die Herbergen und Strohschober angewiesen," meinte er mit einem Hinweis auf die Zeltplane oben auf dem schweren Rucksack. Seit fünf Jahren hat er Deutschland kreuz und quer durchwandert. Das Wanderfieber hat ihn nicht mehr losgelassen. Die anspruchslosen Elasbildchen dieses fahrenden Künstlers, der zugleich ein Lebenskünstler war, halfen ihm schlecht u-id recht durchs Leben. Ob er je den Weg zurückfinden wird von der Land­straße in den umhegten Bereich der Bürgerlichkeit?

4-

Gestalten der Landstraße wie in einem Kaleidoskop zieht die lange Reihe der Menschen

an mir vorüber, die mich ein Stück Wegs begleitet haben. Der Blick in ein unbekanntes Menschen­leben, in ein fremdes Schicksal, den diese kurzen Stunden des Zusammenseins vermittelten, hat seinen besonderen Reiz. Es ist, wie wenn man im Vorbeifahren durch das erleuchtete Fenster eines Hauses sieht. Man nimmt flüchtig einen Eindruck mit, der schnell wieder von neuen Bildern zuge­deckt wird, der aber im Untergrund haften bleibt.

Zlo Hsnns Röster

Freitag gibt

Einladungen soll man ausnützen. So dachte auch Dill, als er eines Tages Drollig, traf. Er traf ihn so gegen die Mittagstunde.

Was gibt es denn heute bei euch zu Mittag?" fragte er.

Drollig dachte nach.

Heute? Welcher Tag ist heute?"

Freitag."

Freitags gibt es Schellfisch."

Schellfisch!"

Dill jauchzte in höchster Seligkeit.

Schellfisch! Schellfisch esse ich für mein Leben gern."

Meine Frau macht jeden Freitag Schellfisch."

Wie ich dich beneide!"

Warum?"

Schellfisch! Schellfisch!"

Drollig blieb nichts anders übrig, als Dill ein­zuladen. Zum Mittagessen. Zu seiner Frau. Zum Schellfisch. Der Schellfisch kam auf den Tisch.

Dill seufzte in höchster Wonne:Schellfisch!"

Bitte, Dill langen Sie zu."

Dill langte zu. Es reichte für drei. Dadurch reichte der Schellfisch kaum für zwei.Schellfisch!"

Für eine kurze Spanne ist man zusammen in der Enge des Wagens, in der Gemeinschaft des­selben Weges, und dann gehen die Pfade des Lebens wieder auseinander. Für eine Weile ist man eingeordnet in Schicksal und Lebensweg eines anderen, den man nach ein paar flüchtigen Dankesworten aus dem Auge verliert. Schicksals­wege berühren sich für eine Weile, um dann um so weiter auseinanderzuführen.

s Schellfisch

stöhnte Dill zwischen den besten Bissen.Ach wer doch auch joden Freitag Schellfisch essen könnte."

Essen Sie ihn so gern?"

Am liebsten jeden Freitag."

Drolligs Frau blieb nichts anders übrig, als zu antworten:Dann kommen Sie doch jeden Freitag zu uns."

Dill kam jeden Freitag zu Drolligs. Zum Schell­fisch. Pünktlich wie eine Uhr stellte er sich ein. Jeden Freitag. Seit acht Wochen.

Das geht nicht so weiter," meinte Frau Drollig.

Was?"

Dein Freund Dill. Er sagt nicht Danke, er sagt nicht Meff. Kommt nur zum Essen und nach dem Essen. Ich will einfach nicht mehr."

Drollig sann auf Abhilfe, dann sagte er:

Vergiß doch nächsten Freitag den Schellfisch."

Vergessen?"

Ja. Koch einfach etwas anderes. Was Till nicht so gern ißt."

Und Dill?"

Er wird es dann schon merken."

Dill merkte es.

Als er am nächsten Freitag kam, gab es keinen Schellfisch. Sondern einen beliebigen Braten mi': einer beliebigen Bei lag».