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Nr. 72 / 3. Jahrgang
Mittwoch,
13.
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Zwei große Nationen vertiefen ihre freundschaftlichen Beziehungen
„Hier Berlin! - Dort Tokio?"
Eröffnung des Fernsprechverkehrs zwischen der deutschen und japanischen Hauptstadt
SA-Aufmarsch in Berlin
Am 21. März: Tag der Alten Garde
Berlin, 12. März.
Am Tage der zweiten Wiederkehr des historischen Tages von Potsdam, am 21. März, findet in Berlin ein großer Aufmarsch der SA. aus dem ganzen Reiche statt, an dem von jedem SA.-Sturm Deutschlands der dien stalte st e SA.-Mann teilnimmt. Zugleich marschieren alle Sturmfahnen, die den Namen eines für die Bewegung gefallenen SA-Mannes tragen, sowie aus jeder SA.-Eruppe das älteste Feldzeichen mit auf. Es ist mit einer Beteiligung von über 18 000 SA.-Männern zu rechnen.
Der Auftakt des großen Tages bildet ein Appell der SA. im Sportpalast, zu dem der dienstälteste SA.-Mann als Repräsentant seines Sturmes entsandt ist, während seine Kameraden am Standort antreten, um durch Eemein- schaftsenrpfang auch ihrerseits an dem Appell teilzunehmen. Im Anschluß daran marschiert die Alte Garde in breiten Zwölferreihen zur Wilhelmstraße, wo der Vorbeimarsch abgenommen wird. Am 22. März findet vor dem Reichstagsgebäude eine Parade auf st ellung der alten SA. statt, bei der Stabschef Lutze zu seinen Männern sprechen wird. Neben diesen großen Veranstaltungen wird den SA.-Männern Gelegenheit zu Stadtbesichtigungen gegeben. Abgeschlossen wird der feierliche Tag durch Kamerad- schaftsabsnde der einzelnen SA.-Gruppen.
Beförderungen im NGKK.
Berlin, 12. März.
Der Führer ernannte mit Befehl vom 23. Febr. zum Ehrenführer im Range eines Obergruppenführers des NSKK. den Reichsschatzmeister der NSDAP. Franz Xaver Schwarz, Reichsschatzmeister Schwarz bekleidet den gleichen Rang bereits in der SA. und SS. Gleichzeitig ernannte er zum Ehrenführer im Range eines Gruppenführers des NSKK. den Gauleiter Joseph Bürckel. Durch den gleichen Befehl wurden ernannt bzw. befördert: Gruppenführer Joseph Seydel — bisher im Stäbe der Obersten SA.- Führung — unter Versetzung zum NSKK., zum Kraftfahrinspekteur West, Oberführer Karl Offermann, unter Beförderung zum Brigadeführer, zum Kraftfahrinspekteur Ost. Standartenführer Heinrich Sauer, unter Beförderung zum Oberführer, zum Führer der Motorbrigade Pommern.
Achtung! Vertrauensratswahl!
Berlin, 12. März.
Das Reichswahlbüro der DAF. für die Vertrauensratswahlen teilt mit: Der letzte Tag für die Auslegung der Listen für die Vertrauensratswahlen am 12. und 13. April 1935 ist der 28. März. Nach diesem Tage werden keine Liste» mehr angenommen. Die Wahlpropaganda setzt schlagartig mit dem 2. April ein und findet ihren Höhepunkt am 9. und 19. April. Die bekanntesten Führer der Bewegung und der Deutschen Arbeitsfront werden zu den Gefolgschaften der Betriebe sprechen. Als Wahltag ist der 12. und 13. April vorgesehen. Nur an diesen beiden Tagen wählen die Gefolgschaften ihre Vertrauensräte.
Berlin, 12. März.
Dienstag vormittag ist der Fernsprechverkehr zwischen Berlin und Tokio eröffnet worden. Als erste Gespräche sind Begrüßungsansprachen zwischen den Vertretern der Reichsregierung, dem Reichsminister 4»es Auswärtigen und dem Reichsverkehrs- und Reichspostminister und den Vertretern der japanischen Regierung, dem japanischen Minister des Auswärtigen und dem japanischen Verkehrsminister ausgetauscht worden. Außerdem wurden Ansprachen gewechselt zwischen dem Reichsleiter des Außenpolitischen Amtes der NSDAP, sowie dem Präsidenten der Reichswirtschaftskammer einerseits und dem Vertreter des internationalen Kultusinstitutes in Tokio und dem Präsidenten des Verbandes der japanischen Handelskammer andererseits.
Der japanische Verkehrsminister hielt die erste Ansprache, in der er die Hoffnung aussprach, daß die Einrichtung des Fernsprechver-
Athen, 12. März.
Die von den griechischen Aufständischen erbeuteten Schiffe haben sich wieder der Athener Regierung zur Verfügung gestellt. Der Hauptführer der Aufständischen, Venizelos, ist an Bord des Kreuzers „Awerosf" mit Admiral Domesticha und allen aufständischen Offizieren von Kreta geflohen. Der Kreuzer hat die Aufständischen-Führer auf der znr Zwölfinselgruppe gehörenden Insel Kasos an Land gesetzt. Die geflüchteten Aufrührer befinden sich somit auf italienischem Hoheitsgebiet. Der Kreuzer „Awerosf" wird in das Arsenal von Salamis zurückkehren und sich der Regierung Tsaldaris zur Verfügung stellen. Vor ihrer Abreise von Kreta haben die Aufständischen-Führer die dortigen Staatskassen, Banken und Zollämter ausgeplündert.
Venizelos ist von Italien sofort interniert worden. Er wird als politischer Flüchtling betrachtet, soll also nicht ausgeliefert werden.
Der Führer der Aufständischen-Organisation „Republikanische Verteidigung", General Papu - las, der in Athen für Venizelos tätig war und sich verborgen hielt, hat sich am Dienstag den Behörden gestellt. Dank der Aktion der Regierung konnte der Aufstand 24 Stunden nach Beginn des Angriffes in Mazedonien völlig niedergeworfen werden. In ganz Griechenland herrscht hierüber große Freude. Alle Städte haben reichen Flaggenschmuck angelegt.
General Kamenos ist mit 17 Offizieren unter Mitnahme von 60 Millionen Drachmen auf bulgarisches Gebiet geflüchtet. Zwei weitere
kehrs dazu beitragen möge, die Wohlfahrt und die Freundschaft zwischen den beiden Nationen zu vergrößern. Sie wird von großem Vorteil für die Entwicklung des Handels sein. Der Reichs- postminister erwiderte: Ich begrüße die neue Fernsprechverbindung als eine wertvolle Vermehrung unserer Verkehrsmittel und wünsche von Herzen, daß sie zu einer Erleichterung für den Austausch geschäftlicher Mitteilungen jeder Art und vor allem zu einer Vertiefung der freundschaftlichen Beziehungen zwischen unseren Ländern beitragen möge.
Reichsaußenminister Freiherr von Neu rath sagte in seiner Ansprache: Die Eröffnung des regulären Fernsprechverkehrs bietet die Möglichkeit, das Verständnis für die Vorgänge in den betreffenden Ländern zu erleichtern. Ich bin überzeugt, daß sich die Beziehungen unserer beiden Nationen im Zeichen aufrichtiger Freundschaft weiter entwickeln werden. Der japanische Außenminister Hirota antwortete: Es freut mich
außerordentlich, daß besonders in letzter Zeit sich unsere gegenseitigen Beziehungen auf allen Gebieten immer freundschaftlicher entwickeln. Ich möchte diesen Anlaß benutzen, Euer Exzellenz und dem deutschen Volke, das sich unter der Führung seines Reichskanzlers Adolf Hitler um den Wiederaufbau des Teutschen Reiches mit Erfolg bemüht, meine besten Grüße zu übermitteln und gleichzeitig meine herzlichsten Wünsche für das Wohl und Gedeihen Deutschlands auszusprechen.
Der Reichsleiter des Außenpolitischen Amtes Rosenberg führte u. a. aus: Die nationalsozialistische Bewegung ist des Glaubens, daß das ferne Japan die. Bestrebungen der deutschen Wiedergeburt mit an erster Stelle verstehend aufgefaßt und gewürdigt hat, und wir hoffen, daß aus den großen geistigen Kämpfen auch die japanische Kultur, bewußt im Leben unserer Zeit stehend und doch fest verwurzelt in ihrem Jahrtausende alten Charakter, einem neuen Blühen entgegengeht.
Vorbild Oldenburg
Rovers Verivaltungsreform marschiert
Die „Oldenburgische Staatszeitung" veröffentlicht aus Anlaß der Anwesenheit des Reichsministers Hanns Kerrl in Oldenburg und der Prüfung der Oldenburgischen Verwaltungsreform durch drei Beauftragte des Ministerpräsidenten Eöring unter der Überschrift: „Die Verwaltungsreform des Gauleiters Carl Röver marschiert" einen Artikel des Oberregierungsrats Carstens, dem wir die folgenden bedeutsamen Ausführungen entnehmen:
Die Oldenburgische Verwaltungsreform vom Jahre 1933, deren Ausgangspunkt und Kernstück die Neugliederung der Gemeinden und Amtsverbände bildete, hat sich in den zwei Jahren seit ihrem Inkrafttreten in jeder Beziehung erfolgreich ausgewirkt, nicht nur nach der organisatorischen, sondern auch nach der finanzwirtschaftlichen Seite hin.
Bekanntlich hat das Oldenburgische Staatsministerium eine Denkschrift über die Oldenburgische Verwaltungsreform, die sich in der Hauptsache mit der Neugliederung der Gemeinden und Ee- meindeverbände und den dafür maßgeblichen Grundsätzen befaßt, ausarbeiten lassen und im August 1934 der Öffentlichkeit übergeben. Es erschien vor allem ratsam, die verwaltungs- und finanzpolitischen Erwägungen, die zu einer Vergrößerung der oldenburgischen Kommunen, insbesondere der Gemeinden, geführt haben, einem größeren Kreis zugänglich zu machen. Die Gemeinden im deutschen Reiche sind überaus stark zersplittert — es sind über SO 000 Gemeinden vorhanden, die hinsichtlich ihrer Größe und Einwohnerzahl weit hinter den vor der Reform in Oldenburg bestehenden Erötzenverhältnissen zurückbleiben — urü> diese Gliederung bedarf nach oldenburgischer Auffassung dringend einer Reform. Hier spielen vor allem die Eedankengänge über eine große Reform der Verwaltung im ganzen Reich mit hinein, die mit Erfolg nur durchführbar ist, wenn man die öffentliche Verwaltung systematisch von unten nach oben hin vereinfacht.
2m Sommer 1934 hat sodann das Oldenburgische Staatsministerium bei dem Präsidenten des Rechnungshofs des Deutschen Reichs (Reichsspar- kommissar) eine Untersuchung der auf kommunalem Gebiete durchgeführten Reformmaßnahmen und deren Auswirkungen angeregt und dafür das Amt und den Amtsverband Wesermarsch in Vorschlag gebracht.
Der Reichssparkommissar hat dem Ersuchen der Oldenburgischen Staatsregierung stattgegeben und im Amtsbezirk Wesermarsch an Ort und Stelle die Auswirkungen der Reform auf die Staatsund die Gemeindeverwaltung, insbesondere auf die Staatsaufsicht über die Gemeinden (Amts- verbände), auf den Finanzausgleich, auf das Verhältnis zwischen Amtsverbänden und den ihnen ungehörigen Gemeinden usw. nach der grundsätzlichen Seite hin geprüft.
Das llntersuchungsergebnis des Reichsspar- kommissars ist in zwei Abhandlungen niedergelegt, die beide im Verlag von Franz Wahlen, Berlin, erschienen sind. Die erste Abhandlung, die den Titel „Denkschrift zur Förderung der Reichsreform und des Finanzausgleichs unter Zugrundelegung der oldenburgischen Verwaltungsreform von 1933" trägt, befaßt sich in sehr eingehenden Ausführungen mit den finanzpolitischen und ver-
Venizelos auf italienische Insel geflohen
Sämtliche Kreuzer wieder in den Händen der Regierung
Sonderzüge mit Rebellen sind in Richtung Dedea- gatsch abgefahren. Die griechische Regierung hat dem griechischen Konsul in Philippopel befohlen, sich an die bulgarisch-griechische Grenze zu begeben und die 60 Millionen Drachmen zu beschlagnahmen, die der Aufrllhrergeneral Kamenos mitgenommen hat. Gleichzeitig soll der Konsul die Verhaftung des Generals Kamenos und seiner Offiziere fordern. Dem griechischen Gesandten in Sofia ist Anweisung erteilt worden, in diesem Sinne Schritte Lei der bulgarischen Regierung zu unternehmen.
In der Nacht zum Dienstag kam es im Hauptquartier der Aufständischen in Kanea auf Kreta noch zu einem überraschenden Zwischenfall. Es erschien plötzlich ein Flugzeug, das von den Aufständischen für ein Regierungsflugzeug gehalten und heftig beschossen wurde. Das Flugzeug landete darauf und nun stellte man fest, daß sich an Bord einige französische Journalisten befanden,
Will Macdonalö zurücktreten?
London, 12. März.
Der politische Berichterstatter der „Cvening News" behauptet, nicht nur unter den Anhängern der Regierung, sondern auch unter den Mitgliedern des Kabinetts herrsche Besorgnis über die unmittelbare Zukunft Macdonalds. Es seien die Gerüchte über einen bevorstehenden Rücktritt des Premierministers wieder aufgelebt. Politische Freunde Maodonalds seien überzeugt, daß er be-
die Venizelos um eine Unterredung ersuchen wollten. Venizelos empfing die Journalisten und erklärte ihnen, daß er sich nach dem Fehlschlag des Aufstandes endgültig von der Politik zurückziehen wolle. Auf den Inseln Chios, Samos und Mytilene wurden im Laufe des Dienstag die von den Aufständischen vertriebenen Regierungsbehörden wieder in ihre Aemter eingesetzt.
Jstambnl, 12. März.
Die türkische Regierung fährt fort, die griechischen Handelsdampfer, die aus dem Schwarzen Meer kommen und nach Griechenland oder nach fremden Häfen des Mittelmeeres fahren, anzuhalten. Die Schiffe werden vorläufig im Hafen des Goldenen Horns interniert. Die Maßnahme erfolgt im Einvernehmen mit der griechischen Regierung, um zu verhindern, daß den Aufständischen Material in die Hände fällt. Bis jetzt sind 8 Schiffe in Jstambul festgelegt
reits beschlossen habe, die Downingstreet in der nahen Zukunft zu verlassen.
Simon am 25. März in Berlin?
London, 12. März.
„Times" erwartet nunmehr den Berliner Besuch des englischen Außenministers Sir John Simons für den 25. und 26. März. Da Eden ungefähr zur selben Zeit nach Moskau gehen wetde, werden beide wahrscheinlich bis Berlin zusammen- reisen.
Der Mozart -es
Ein verkanntes deutsches Musikgenie / IZum
Repräsentiert Johannes Vrahms musikalisch den äußersten deutschen Norden, so gilt das gleiche bei Hugo Wolf für den äußersten deutschen Süden (genauer Südosten). Beide Meister landen schließlich ziemlich gleichzeitig in Wien (um 1880).
Während aber Vrahms' Stern schon aufgegangen ist, kämpft Wolf noch furchtbar mit dem Hunger und künstlerischer Form, fällt außerdem als Kritiker des „Wiener Salonblatt" scharf und schonungslos über Brahms her . . .
Beider Meister Form, Farbe und Wesen ist klar und leicht aus der Atmosphäre der jeweiligen Heimatlandschast zu erklären: Brahms, einem Bauerngeschlecht der Dithmarschen entstammend, herb, unerotisch, diszipliniert: der Norddeutsche. Wolf: launisch, — sinnlich, undiszipliniert, fast balkanisch-wild, leidenschaftlicher Wagnerver- eher: ein Oesterreichs!, ein „Steyrer".
Seine Heimat Windischgratz liegt in der südlichen Steyermark, nahe Cilli (Celje) - an der Drau. Dieses Gebiet gehört als Slowenien nach dem Schandvertrag von Trianon jetzt an Jugoslawien. Die Landschaft ist nicht mehr alpin, mitunter sogar fast thüringisch mild, aber auch noch nicht karstig oder gar balkanisch-orientalisch. Satte grüne Wiesen, dichte Laubwälder, Weinberge, Wasserfälle, Tafelberge, Felsen und Steinbrüche!! Sie stellt eine Art Brücke zwischen süddeutscher und balkanischer Landschaft dar, mit italienischer Hitze gespeist. Ein Klima, wie in Körnten, Süd- tirol.
Nach Böhmen schenkte dieses duftig-romantische Steyermark Oesterreich die bedeutendsten Musiker, doch werden wir sehen, wie wenig der Prophet im eigenen Vaterland gilt, vor allem, wenn er, wie Wolf, es nicht versteht, übermäßig scheu und sen-
-eutfchen Liedes
75. Geburtstag von Hugo Wolf am l Z. Mär)
sibel, die Reklametrommel zu rühren und sich diplomatisch-weltmännisch in „wohlhabenden Kreisen" zu bewegen.
Wolf war ein vollkommen unbürgerlicher, zer- spaltener Mensch; auf der Schule, die er früh verließ, auf dem akaoemisch-muffigen Konservatorium, im Verkehr mit Schülern, „Führern" des Kunstlebens, Protektoren, überall „eckte" er an. Fühlte sich ewig mißverstanden, verletzt, gehöhnt. Ein neurasthenischer Außenseiter, ein Hyperindi- vidualist. Auch sein Schaffensprozeß verlief ähnlich des Van Gogh, Skriabini oder Moussorgskij, in fanatisch-eruptiver Art. Seine Hauptwerke, wie die herrlichen Mörikelieder, das italienische oder spanische Liederbuch, wurden in einem Zustand vulkanischer Besessenheit in ganz kurzer Zeit hintereinanderweg zu Papier gebracht. (Döbling und Perchtoldsdorf bei Wien 1899/90). Es ist so, als ob er in Todesangst, seine Gedanken nicht mehr zu Ende formen zu können, sich in diese förmliche Raserei Hineinsteigert. (Aehnliche Gefühle sollen Richard Wagner bei der Entstehung seines Tannhäusers begleitet haben). Wie anders dieser Schaffensvorgang bei sogenannten „bürgerlichen" Meistern, wie etwa Brahms oder Richard Strauß, die gesund und ruhig, regelmäßig „arbeitend" und feilend, sich mit pünktlicher Regelmäßigkeit an den Schreibtisch setzen konnten, nachdem sie sich einen Namen und einen sicheren Verleger „errungen" hatten . . .
Und ebenso, wie der Maler Van Gogh, der Russe Skriabini, jung, nach außerordentlichen Krämpfen des Schaffens, jäh ausgebrannt starben, (sicher waren diese Schajfenskrämpfe die unbewußte Vorahnung des Endes) so starb auch Hugo Wolf, den Bilder, Briefe und Anekdoten
als unscheinbaren, hektischen, nervösen Menschen mit flimmernden, stechenden schwarzen Augen schildern, jung in Wien — an den Folgen einer unheilbaren Krankheit.
Ein schreckliches, unruhiges Leben hatte er geführt, und kaum hatten ihm einige gute (und wohlhabende) Freunde eine kleine, gemütliche Wohnung eingerichtet, ging er elend in einer Irrenanstalt zugrunde. Auch bei seinen damaligen Besuchen in Berlin (Proben zum „Feuerreiter" unter Siegfried Ochs) machte er bereits einen völlig verstörten Eindruck . . .
Wolf war ein glühender Wagnerverehrer. Formal hat er (wie Vruckner in der Instrumentation) die Motiv-Technik, den scharf-charakterisie- renden Sprechgesang, die Tonmalerei, den „orchestralen" Klaviersatz dem Meister abgesehen. Seine Wagnerverehrung nahm — als er junger Student war — rührend-groteske Formen an: er begleitete den Meister, hinter dem Wagen herlaufend, vom Ringstratzen-Hotel bis in die Oper, er suchte bei den Proben seine Aufmerksamkeit zu erringen; ja, einmal wurde er sogar „vorge- gelassen". Der Eindruck haftete sein ganzes Leben hindurch! Auch seine so selten gespielte Oper „Der Corregidor" zeigt in der Instrumentation der Blechbässe und der Erinnerungsmotio-Technik klar den Wagner-Epigonen. Allerdings im negativen Sinne. Denn die großartige dramatische Abwechslungs- und Steigerungtechnik hat er — leider! — nicht von Wagner gelernt.
Sein Leben war ärmlich, eine unerhörte Hungerleiderei Er gab Stunden, schrieb Kritiken, begleitete, spielte auch manchmal zum Tanz auf. Er liebte Bücher — wie der große Johanne- Brahms — Und hat Mörike in dessen Hein 'and Schwaben noch populärer gemacht, als er on war. Es würde in diesem Rahmen zu w.it führen, wollte man seine 150 Meisterlieder, die ihn als Liederkomponisten auf eine
Stufe mit Schubert, Schumann und Johannes Vrahms stellen, einzeln analysieren. Seine Mörike-, Goethe-, Keller-, Heyse- und Eeibel- lieder, das spanische und italienische Liederbuch sichern ihm über Jahrzehnte hinaus, allerdings nur bei einem Kreise von Kennern, eine bedingte Unsterblichkeit.
Einige der Lieder sind auch instrumentiert. Es seien wenigstens genannt: „Weyla's Gesang („Du bist Orplid mein Land"), Schlafendes Jesuskind, Gebet, In der Frühe, Er ist's (Frühling läßt sein blaues Band) und einige Eoethelieder, vor allem das herrliche Mailied („Die Nachtigall, sie war entfernt"). Auch seine lustige, sonnige, duftige
„Italienische Serenade" wird hier und da gespielt.
Populär ist Hugo Wolf nie geworden, und wird es auch kaum werden. Jedenfalls hat sein Freund Detlev von Liliencron recht mit einem glossierenden Gedicht auf die Verkennung Wolfs unter seinen Volksgenossen. (Wolf hatte ihm in München seine Mörikelieder vorgespielt):
„Und während du glühend sangest,
Gingen draußen die Deutschen vorüber:
Sie trugen in ihren Taschen Billette zu „Mamsell Nitouche,"
Und diese Deutschen gingen zu „Mamsell Nitouche . . ." Larl Luokns.
Karl von Element
Liebe im Vorfrühling
Vor dem Kiefernwald führte ein breiter Wie- senstreifen hinab zum See.
An dieser Stelle hatten sie sich verabredet.
Tatsächlich hatte die Sonne kurz aus den Wolken hervorgelächelt, das Land ringsum in ein Licht tauchend, das wiederum alles lächeln ließ, was im Umkreis dieses Lichts lebte. Er hatte nicht zu viel versprochen, als er gesagt: „Die Sonne wird gewiß scheinen, Fräulein, ich spüre den Frühling schon in allen Knochen und im Blut. Die Sonne wird scheinen. Und Sie — Sie werden doch kommen, nicht wahr?"
Die Unterredung verlief in einem kleinen Papierwarengeschäft des Städtchens, in dem er als Verkäufer angestellt war. Er stand hinter dem Ladentisch und beugte sich leicht zu ihr binüber, während sie im Laden stand, den sie vor fünf Minuten betreten hatte, angeblich um Briefpapier zu kaufen.
Beide waren sehr jung.
„Vielleicht" würde sie kommen, sagte sie, das
kecke Näschen hochhebend. Worauf er errötete. Da stand er nun seit einer Weile schon unter den ersten Stämmen des Kiefernwaldes. Die Bäume ragten hier weit voneinander entfernt und der Wind strich kühl vom See herauf. Der Mantel des jungen Mannes flatterte. Er ging mit hastigen Schritten auf und ab, immer wieder und wieder in die Richtung spähend, aus der sie kommen mußte. Er biß die Zähne zusammen und ballte die Fäuste in den Taschen. Er fror ein wenig, was er jedoch nicht zugab. Manchmal überkam ihm eine Welle von Zärtlichkeit, die ihm das kahle noch winterliche Land schon frühlings- haft verzauberte. Sie kommt, dachte er. Ich werde ihr alles, alles sagen. Wir wollen Hand in Hand zum See hinuntergehen dann und schweigen und nur das Glück spüren, das uns die Zukunft geben wird. Wir werden...
In diesem Augenblick tauchte sie hinter der Wegbiegung auf. Sie kam mit schnellen, energischen Schritten daher, den Kopf ein wenig