Ausgabe 
(6.3.1935) Nr. 65
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Nr. 62 / Z. Jahrgang

Mittwoch, 6. März

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Der Führer leicht erkrankt

Verschiebung des Berliner Besuches Simons

oies. Berlin, s.März. Anläßlich feine« Besuche« in Saarbrücken ba» sich der Führer eine leichte Erkältung, verbunden mit starker Heiserkeit, zugezogen. Auf ärztliche Anordnung find daher, zur Schonung der Stimme, die für die nächste Zeit anberaumten Besprechungen abgesagt worden. Unter diesen Umständen hat die Aeichsregierung durch den Aeichsaußenminlfter dem englischen Botschafter die Bitte übermittelt, daß der fest­gelegte Besuch der englischen Minister verschoben werden möge.

Gauleiter Gchemm s

Vayreuth, S. März.

Wi« die Reichspressestelle der NSDAP. meldet, verüngkückte das Sportslugzeug des Gauleiters bayerischen Ostmark, Haus Schemm, am Dienstag, 17 Uhr, auf dem Vayreuther Flugplatz.

Die Maschine, die von dem Eaupiloten Michael Schmidt gesteuert wurde, war aus bisher unge­klärter Ursache unmittelbar nach dem Start mit einer Tragfläche an den Windsack auf dem Dach der Flugzeughalle geraten. Die Tragfläche brach, uud die Maschine stürzte ab.

Einer späteren Meldung zufolge ist Gauleiter Staatsmimster Hans Schemm am Dienstag gegen 28.18 Uhr seinen schweren Verletzungen erlegen. *

Der auf fo tragische Weise ums Leben gekom­mene Gauleiter und Staatsminister Hans Schemm war gleichzeitig Führer des NS.-Lehrerbundes, Leiter des Hauptamtes für Erziehung Lei der Neichsleitung der NSDAP. und bayrischer Mini­ster für Unterricht und Kultus. Er wurde am 6. Oktober 1891 in Vayreuth geboren. Er grün­dete 1928 den Eau Oberfranken der Partei. 1928 zog er als Abgeordneter in den bayrischen Land­tag ein, 1939 in den Reichstag. Am 13. April 1W3 wurde er bayrischer Minister für Unterricht Md Kultus.

Tagung der LandesstellenleNer

Berlin, S. März.

Am Dienstag fand die monatliche Tagung bey Vandesstelleuileiter des Reichsministeriums für! VolUsaufllärung und Propaganda in Berlin statt. Am Vormittag referierten verschiedene Sachbear­beiter Wer ihre Aufgabengebiete. Mittags ver­sammelten sich die LanÄesstellenleiter sowie die Whrer der Berliner PO. und SA. im Sitzungs­saal des früheren Herrenhauses, wo Dr. Goebbels in feiner Eigenschaft als Reichspropagandaleiter zu ihnen über die politische Lage sprach. Dr. Goeb­bels gab diesen alten Gardisten der Partei einen Anblick in die Werkstatt der Politik. Zwei Pro­blem« ständen im Vordergrund, die beide vonein­ander abhängig seien: Die Wirtschaft und die Macht. Ohne Macht könne man keine Wirtschaft ausbauen. Eine leistungsfähige Wirtschaft anderer­seits sei unerläßlich zur Wiedergewinnung der Macht. Hinter der Lösung dieser großen Probleme müßten die kleinen Tagesfragen zurücktreten. Die Männer in der Regierung hätten den Mut zur Verantwortung bewiesen. Sie hätten nicht nach Popularität gehascht, sondern auf lange Sicht ge­arbeitet. Was der Nationalsozialismus in den zwei Jahren seit der Machtergreifung erreicht habe, zeige sich schon in der Veränderung unserer außenpolitischen Situation.

Anschließend wandte sich Dr. Goebbels gegen das Denunziantentum und erklärte in aller Schärfe, daß er in Zukunft seine Mitarbeiter gegen alle Verunglimpfungen auf das nachdrück­lichste in Schutz nehmen werde. Manche Leute verständen die nationalsozialistische Politik nicht, weil sie stur in der Taktik, aber weich und nach­giebig in der Strategie seien. Der Nationalsozia­lismus dagegen sei hart im Grundsatz, aber elastisch in den Mitteln. Der Führer habe bis­her bei allen seinen Maßnahmen noch immer recht behalten und daraus sei das blinde Ver­trauen der Gefolgschaft zum Führer erwachsen.

Das Londoner Echo

London, 5. März.

Die Mitteilung, daß die deutsche Regierung um einen Aufschub des englischen Besuches in Berlin nachgesucht hat, ist den englischen Regierungsstellen am frühen Nachmittag durch den britischen Bot­schafter in Berlin, Sir Eric Phipps, amtlich über­mittelt worden. Die englischen Nachmittagsblätter veröffentlichen die Nachricht von dem Aufschub des

London, 5. März.

Die englische Regierung veröffentlicht ein Weiß­buch, in dem es heißt: Die britische Regierung hat in den letzten Jahren den ständigen Frieden in der Hauptsache mit folgenden Methoden zu erreichen versucht: erstens unverbrüchliche Unter­stützung des Völkerbundes, zweitens im Zusam­menhang mit anderen Nationen die Förderung internationaler Verträge, die ein Gefühl der Sicherheit unter den Nationen erzeugen könnten. Bisher habe man in England geglaubt, daß außer der bestehenden „internationalen politi­schen Maschinerie" nichts für die Aufrechterhal­tung des Friedens erforderlich sei, und daß die älteren Verteidigungsmethoden, Flotten, Heere und Luftstreitkräfte, nicht länger benötigt würden.

Die Ereignisse in der Welt hätten jedoch ge­zeigt, daß diese Annahme verfrüht ist. Es habe sich gezeigt, daß, wenn einmal eine Aktion unter­nommen worden ist, die internationale Maschine­rie für die Aufrechterhaltung des Friedens als ein Schutz gegen eine» Angreifer nicht verläßlich ist. Die nationale Regierung, so stellt das Weiß­buch fest, könne nicht länger ihre Augen vor der Tatsache schließen, daß angemessene Verteidi- gungsmaßnahmen weiterhin für die Sicherheit erforderlich sind.

Der britische Wunsch, die Welt durch das Bei­spiel Englands zur Abrüstung zu führen, habe keinen Erfolg gehabt. Rückschauend wird im Weißbuch die Lage wie folgt geschildert: Die Ab­rüstungskonferenz war zum Stillstand ge­kommen. Weitere Verhandlungen wurden durch die Tatsache behindert, daß Deutschland nicht nur

Besuches in großer Aufmachung und unter fettge­druckten Schlagzeilen. Der liberale „Star" meldet, daß die Berliner Mitteilung eine große Ueber- raschung in London hervorgerufen habe. Der poli­tische Mitarbeiter der „Evening News" meint, daß die englische Regierung eine „sympathische Ant­wort" auf die deutsche Mitteilung absenden werde.

Die Vermutungen» daß die Erkrankung Hitlers nicht der einzige Grund für die Aufschiebung der Besprechungen sei, würde« in diplomatischen eng­

offen in größerem Umfang aufrüstete, sondern auch seinen Austritt aus dem Völkerbund erklärte.

Eine Prüfung der Verteidigungskräfte Groß­britanniens habe ergeben, daß ein Programm für den Ausbau der Verteidigungsmittel in Angriff zu nehmen sei. Für die Flotte und das Heer bedeutet das Verteidigungsprogramm zum größ­ten Teil eine Versorgung mit technischen Bedürf­nissen, Beschaffung moderner Ausrüstungen und genügenden Personals sowie von Kriegsmateri­alreserven. Für die Luftstreitkräfte allein wurde eine merkliche Verstärkung von Einheiten sofort für notwendig erachtet. Erhöhungen werden auch in der vom Heer gestellten Flugzeugabwehr not­wendig sein.

In dem Weißbuch heißt es dann weiter: „Am 28. November 1934 hat die britische Regierung die öffentliche Aufmerksamkeit auf das Wie- deraufrüsten gerichtet, in dem Deutschland begriffen war und hat eine Beschleunigung der bereits abgeschlossenen Erhöhung in den Luft­streitkräften verkündet. Die Aktion der britischen Regierung bedeutet natürlich nicht ein Sichab- finden mit einem Bruch des Vertrages von Ver­sailles. Dieses Wiederaufrüsten wird, wenn es in seinem gegenwärtigen Ausmaß unvermindert und unkontrolliert fortgesetzt wird, die Besorgnis der Nachbarn Deutschlands verstärken und es kann infolgedessen eine Lage erzeugen, in der der Friede gefährdet wird.

Die britische Regierung hat die Erklärungen der Führer Deutschlands, daß sie den Frieden wünschen, zur Kenntnis genommen und begrüßt. Sie mutz aber bemerken, -aß nicht nur die Kräfte, sondern auch der Geist, in dem die Bevölkerung

lisch«» Kreisen nicht geteilt. Einige nichtamtliche Beobachter neigten jedoch der Annahme zu, daß der Aufschub der Verhandlungen mit der gestrigen Veröffentlichung des britischen Weißbuches über die englische Rüstungspolitik zu verbinden sei.

Moskau, 8. März.

Die sowjetrussische Presse veröffentlicht die Nach- richt, daß im Laufe dieser Woche eine Einladung der Sowjetregierung an Sir John Simon zum Besuch der Sowjet-Union überreicht werden wird.

und insbesondere die Lugend des Landes orga­nisiert werden, das allgemeine Gefühl der Un­sicherheit, das bereits unzweifelhaft erzeugt wor­den ist, begründen «nd fördern.

Es sei die Hauptrolle der britischen Luftstreit­kräfte, unter Zusammenwirken mit der Boden- verteidigung für den Schutz des Vereinigten Kö­nigreiches und insbesondere Londons gegen Luft­angriffe zu sorgen.

„Eine weitere Ausgabe für die Rüstungen der drei Wehrdienste", so schließt das Weißbuch", kann daher nicht länger mit Sicherheit aufgeschoben werden."

Englands Luftflotte vergrößert

London, 8. März.

Die Voranschläge für die britischen Luftstreit­kräfte belaufen sich auf 29,68 Millionen Pfund — rund 249 Millionen Mark — und stellen da­nach eine Erhöhung gegenüber dem Vorjahre um fast 3,1 Millionen Pfund dar. Da jedoch schon im alten Finanzjahr gewisse Zusatzkre- dite bewilligt worden sind, die im neuen Haus­haltsjahr verwandt werden, belaufen sich die diesjährigen Bruttoausgaben für die englischen Luftstreitkräfte auf 23,83 Millionen Pfund — rund 283 Millionen Mark. Die in England selbst stationierten Flugstreitkräfte werden im neuen Finanzjahr um 11 Geschwader vermehrt. Darüber hinaus werden die Seeflugstreitkräfte um 19 Frontslugzeuge vergrößert werden. Die Eesamt- stärke der königlichen Luftstreitkräfte wird sich nach Durchführung dieses Programms auf 19656 Geschwader belaufen.

ES siel ein Schatten

Grundsätzliches zum englischen Weißbuch * Bremen, 6. März.

Es kann gar keine Unklarheit darüber aufkommen, daß die Veröffentlichung des englischen Weißbuches im gegenwärtigen Augenblick, d. h. wenige Tage vor dem ge­plant gewesenen Besuche des englischen Staatssekretärs Simon, für den vorgesehe­nen Verlauf der Berliner Aussprache un­möglich zum Vorteil gereichen konnte. Des Führers leichte Erkrankung — wir wünschen innigst, daß sie rasch wieder behoben werde — veranlaßte nun zwar, daß die,Berliner Besprechungen verschoben wurden, indes kann man nicht umhin, zu befürchten, daß verschiedene, uns einfach unbegreifliche Stel­len des englischen Weißbuches auch bei einem vielleicht nun zu einem späteren Zeitpunkt erfolgenden englischen Besuch in Berlin Schatten hinterlassen könnten.

Es ist doch durchaus nicht so» wie es die englische Presse nun hinterher wahr haben will, daß der Inhalt des Weißbuches Teutsche land schon längere Zeit bekannt sein konnte, und daß Deutschland keinen Anlaß daraus zu entnehmen brauchte, von verschiedenen Stellen des Weißbuches sich unangenehm be­rührt zu fühlen. Zugegeben, daß das Weißbuch lediglich innenpolitischen Zwecken dienen sollte, insofern es bei der für den kommenden Montag im englischen Unter- hause angesetzten wehrpolitischen Aussprache sie Stimmung für eine möglichst starke Mehr­heit der Regierung vorzubereiten hatte. Nichtsdestoweniger durften aber dann, wenn schon einmal in dem Weißbuch darauf hin­gewiesen wurde, daß Englands Beispiel ein­seitiger Abrüstung vergeblich gewesen wäre, nicht gerade gegen Deutschland die stärk­sten Vorwürfe erhoben werden und die Schuld am Scheitern des englischen Ab­rüstungswillens Deutschland zur Last gelegt werden.

Deutschlands Rüstungen sollen nach den Ausführungen des Weißbuches nun aus ein­mal eine Gefahr für den allgemeinen Frie­den bilden? Deutschlands „unkontrollierte^ Rüstungen sollen die Besorgnisse seiner Nach­barn erwecken? Ausgerechnet die Rüstungen Deutschlands, des Landes, dessen Rü­stungsstand sich offensichtlich und unbe­streitbar weit hinter dem aller an­deren Großmächte Europas bewegt, dessen Heeres stärke bei weitem kei­nen Vergleich mit den Heeresstärken eben jener — ach um den Frieden so be­sorgten Nachbarn Deutschlands — aushält? Und ausgerechnet der Geist, in dem die Be­völkerung Deutschlands und insbesondere die deutsche Jugend organisiert werde, soll das allgemeine Gefühl der Unsicherheit Eu­ropas begründen und fördern, ja wohl gar im Widerspruch stehen mit der Versicherung deutscher Friedensliebe? Seltsam berührt uns dabei nur die Tatsache, daß die Aus­rüstung anderer Staaten, selbst die Sow­jet-Rußlands, fast gar keine Rolle in dem Weißbuch spielen, und dies, obgleich vor kurzem erst der russische Kriegs­kommissar in geradezu aufsehenerregender Weise sein ungeheures russisches Rüstungs­programm bekanntgegeben hat.

Wenn schon England, so meinen wir, am

England bekennt sich zur Aufrüstung

Gin überraschendes Weißbuch der britischen Regierung

Ausstellungen in der LLunstschau

Pros August LLraus s

Viele, die in der Sonntagsausgabe den Auf­satz über August Kraus gelesen und das Selbst­bildnis gesehen haben, werden sich gefragt haben: wer ist denn dieser Kraus? Nun, bekannt war er schon, fast alle wichtigen deutschen Galerien, angefangen mit der Nationalgalerie und der Münchener Staatsgalerie, besitzen Werke von ihm. Auch die Bremer Kunsthalle hat seit 1997 eine sehr schöne Arbeit (Sabinischer Hirte) in ihrem Besitz. Dennoch ist dieser große Plastiker, der ein Schüler von Reinhold Vegas war, nicht eigentlich volkstümlich geworden. Der Ruhm kam erst spät, kurz vor seinem Tode (8. 2. 1934) zu ihm. Im letzten Jahr seines Lebens beklei­dete er zahlreiche Ehrenämter, u. a. war er Prä­sidialrat der Reichskammer für bildende Künste, dazu Senator und stellvertretender Präsident der Akademie für Künste. Mit diesen Ehrungen löste das neue Reich eine alte Schuld endlich ein.

Ludwig Roselius, der schon früh die Bedeutung des Künstlers erkannt hat, ist um die Sammlung der vielfach zerstreuten Hinterlassenschaft bemüht gewesen und hat eine Ausstellung'von 69 Pla­stiken und 21 Zeichnungen zusammengebracht. Sie wird jetzt in Bremen zum erstenmal gezeigt.

August Kraus, dessen Züge entfernt an die Friedrich des Großen erinnern, ist eine typisch deutsche, ja preußische Erscheinung. Seine Pla­stiken haben etwas überwältigend Einfaches, Spartanisches. Der klare, organische Aufbau der Gestalt ist oberstes Gesetz, vergebens wird man hier nach leeren Posen und theatralischem Bei­werk suchen. Die Körper sind fast immer im Au­genblick der Ruhe gestaltet, aber diese Ruhe ist gesammelte Kraft. Der Hirtenknabe hält ge­

lassen seinen Stab über den Schultern, eine Frau bindet ihre Sandalen, die Eva steht wie träu­mend da, aber Muskeln und Glieder und Ge­sichtszüge sind prall von Leben, von Bereitschaft, die nur auf den Anruf wartet. Bezeichnend ist das Bild der Katze: der einfache Formaufbau arbeitet nur die Muskeln und Knochen heraus, vernachlässigt dagegen die nur füllenden Teile und vor allem das Fell, Der Kugelwerfer, der zum Wurf ausholt, die Tänzerin, die in der Be­wegung einen Augenblick innehält, die Badende, die dem Wasser entgegenschreitet, diese Themen entsprechen so recht den Absichten des Künstlers. Er war eine leidenschaftliche Natur, seine Lei­denschaft aber war gebändigt durch strenge Un­terordnung unter das Gesetz der Form. Die eigentümliche Verbindung, die Preußentum und Antike eingegangen sind und die sich so groß­artig in der Schinkelwache offenbart, wird in diesem Künstler noch einmal bedeutsam lebendig. Es ist vielleicht kein Zufall, daß die letzte Arbeit, nur diese, ein einziger Ausbruch von Kraft ist. Man steht einen rasenden Gaul, auf seinem Rücken einen Nester im Ueberschwang des Dahin- sausens. Man meint, der Künstler hätte sich ein­mal, nachdem er die Form im Griff hatte, er­laubt, seinem Temperament die Zügel schießen zu lassen.

Eine heitere Grazie umspielt bei aller Strenge die Figuren. Auch das ist gewiß preußisch. Friedrich war nicht nur Feldherr und Staats­mann, er schrieb auch graziöse Menuette. Die natürliche Anmut eines Menschen, der sich in der Gewalt hat und sich darum frei und ungezwun­gen geben kann, lebt in den Gestalten, den Kin­derplastiken vor allem, auch in der Tänzerin, der

schönen, weich behandelten Doppelplastik Mutter und Kind, dem Kugelwerfer.

Die beigegebenen Zeichnungen lassen einen Blick in die Werkstatt des Kiickstlers tun. Sie sind auch Uebungsarbeiten, mit der Ahstcht ge-

Dilöaw Uilösnstsin

gus äem KemLläo von

macht, auf der zweidimensionalen Fläche mit der tastbaren Erscheinung fertig zu werden. Fast alle Blätter aber sind mehr als Studien, nämlich eigenwertige Bilder. Man merkt ihnen die Freude des Künstlers an, daß er sich auch ein­mal mit dem Bleistift und dem Pinsel aus- sprechen konnte.

Anna Dräger-Mühlenpfordt

Der Zahl nach ist diese Ausstellung, die das Lebenswerk der in Braunschweig lebenden Künst­lerin zeigt, bescheiden. In weiten Abständen hängen die Gemälde und Zeichnungen an den neu geweißten Wänden. Das Gesamtbild hat etwas Feierliches. Der Farbgrund ist dunkel, hat aber eine seltsame Leuchtkraft. Betrachtet man die Stücke im einzelnen, so erkennt man, daß der Holzgrund, auf den die Oelfarbe aufge­tragen ist, vielfach mit Blattgold überzogen ist. Aber auch wo dieses fehlt, sprüht das Dunkel metallisch. Dargestellt sind seltene Blumen, z. B. Amaryllis, Gladiolen, Kakteen. Zart und hell heben sich die Pflanzen aus dem Grund, bis in das feine Aderwerk der Blätter sind sie wieder­gegeben, nicht im Sinne des Impressionismus, der den unmittelbaren und flüchtigen Augenein­druck wiedergeben will, sondern mit der Genauig­keit eines Forschers, der den Tatbestand, der das Sein und nicht den Augenschein festzuhalten un­ternimmt. Man kann die Bilder nicht mit einem Blick erfassen, man muß aus ihnen mit vem Auge herumwandern. Man geht den Umrissen der Blätter, Knollen und Blüten nach, den Linien der Schäfte, der feinen Farbstufung. Auf jedem kleinen Bildteil geschieht unendlich viel. Lang­sam, wie sie aufgenommen werden wollen, sind die Bilder auch entstanden. Sie sind nicht im Rausch hingeworfen, sondern mit großer Ge­duld und ebenso großer Liebe in monatelanger Arbeit gewachsen. Wenn wie hier ein innerlich

lebender Künstler solange mit einem Gegenstand umgeht, so verwandelt er sich. Es kommt etwas hinzu. Die Andacht, mit der hier die Blume erfaßt ist, strahlt aus ihrem Bilde zurück.

Anna Dräger ist eine religiöse Natur. Wir wüßten es auch, wenn sie nicht Heiligenbilder ausstellte. Ihr Sebastian (Auftrag einer Osna- brücker Kirche) zeigt den Helden, der groß ist im Leiden. In einer sparsamen Sprache, die im Gegensatz etwa zu den dramatischen Mitteln Weißgerbers steht, wird dieses Leiden geschildert. Die Sprache beschränkt sich auf die Windungen des Körpers, der von zwei oder drei spitzen Pfei­len durchbohrt ist, auf die tapfere Wendung des Kopfes und auf die bleichen, gedämpften Far­ben. Der Goldgrund, der den dünnen Farbauf­trag durchstrahlt, gibt dem Kampf des Leiden­den eine würdige Glorie. Von diesem Heiligen­bild zu dem großen Frauenakt ist nur ein Schritt. Der helle Leib einer reifen Frau hebt sich aus dunklem Grund wie bei Cranach etwa oder Baldung Grien. Ueberhaupt ist eine An­lehnung an alte deutsche Meister deutlich. Ru­hend im Schicksal ihrer Schönheit und ihres Frauentums, in geschöpflicher Demut steht ^ie Frau da.

Eine so sorgfältig arbeitende, die Einzelheit genau studierende, das Handwerk beherrschende Künstlerin ist zum Porträttberufen. Wenn Anna Dräger vor einem Menschen sitzt, so geht sie den Einzelheiten mit der gleichen Geduld nach, die sie ihren Blumen widmet. Es gibt keine leeren Stellen. Ein kleiner Raum, der Umkreis des Auges etwa, weiß viel zu erzählen. Die Linien sprechen Schicksal aus. Auch hier gibt die Künst­lerin mehr als die äußere Erscheinung. Es kommt etwas hinzu. Etwas von dem Geheimnis, das jedem Menschenantlitz zugrunde liegt, wird durch Farbe und Linie deutlich. Die Linie herrscht vor, denn Anna Dräger begann als Zeichnerin. ^ muß viel und genau gezeich-