Ausgabe 
(29.3.1935) Nr. 88
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Nr. 88 / z. Jahrgang

Freitag, 29. März

Einzelpreis is Rpf.

Gin außerordentlich bedeutsamer Erfolg des bremischen Senats

Norddeutsche Hütte kommt neu in Betrieb

Arbeit für viele hundert Volksgenossen / Starke Belebung des bremischen Güterumschlags

S. L. Bremen, 28. März.

Jahre wirtschaftlichen Niedergangs, der den Ee- meinschaftsgedanken tötete und krasseste Selbst­sucht auf den Schild erhob, liegen hinter uns. Po­litische Spiegelfechtereien mit ihrem Phrasen- schwall und beutehungriger Egoismus wollten das Gespenst nicht sehen, das alles in den Strudel des Niederganges zu reißen und zu vernichten drohte. Seien wir immer dessen eingedenk, was Adolf Hit- ler und seine Getreuen taten, als sie das Ruder des Staatsschiffes herumrissen und einen Kurs steuerten, der uns — des sind wir alle mit uner­schütterlichem Vertrauen gewiß — zur politischen Freiheit und wirtschaftlichen Selbstbehauptung führen wird.

Unsere Hansestadt Bremen, deren Grundlage als eines der deutschen Ausfalltore zur Welt immer Handel und Schiffahrt sein werden, leidet schwer unter den Deutschland schicksalsmäßig auf- gezwungenen Beschränkungen und Hemmungen des Außenhandels und Seeverkehrs. Die mit großem Erfolg durchgeführte Belebung des Binnen- marktes hat sich ohne Zweifel auch hier bemerkbar gemacht, indem sie zahlreichen Volksgenossen wie­der zu sinnvoller Arbeit verhalf und damit ihr Leben von neuem vor eine Aufgabe stellte. Alle aber einzuschalten in den blutvollen Kreislauf der Wirtschaft, ist das Ziel unserer nationalsozialisti­schen Regierung in Bremen, die sich nicht mit Vor­schußlorbeeren schmückt, sondern handelt, auch wenn es im stillen geschieht.

Nach zähen Verhandlungen, die sich lange Zeit hinauszogen, ist es jetzt gelungen, eine neue Bresche in den Wall der Arbeitslosigkeit zu schla­ge» und dem bremischen Wirtschaftsleben einen kraftvollen Auftrieb zu geben:

Die Norddeutsche Hütte wird wieder eröffnet

Eine Besserung der Absatzverhältnisse, die im Verlauf des Jahres 1933 zu verzeichnen war, hätte an sich die Wiederaufnahme der Arbeit in den seit Ende 1931 stilliegenden Hochofen- und Zementwerks-Betrieben der Gesellschaft ermög­licht, wenn nicht die Frage der restlosen Ver­wendung der lleberschußgase hindernd im Wege gestanden hätte. Den Verhandlungen darüber, die mit dem Städtischen Gas­werk und der Norddeutschen Hütte gep. -n wurden, ist jetzt ein voller Erfolg besitz., en gewesen, dessen Auswirkungen in ihrem ganzen Umfange noch nicht abzusehen sind. Darüber, daß sie wohltuend und über den engen Kreis der unmittelbar Beteiligten hinaus spürbar sein werden, besteht kein Zweifel, und wir alle, die wir an unserem Gemeinwesen mit voller Liebe unseres Herzens hängen, dürfen der Bremischen Regierung aus tiefster Ueberzeugung dankbar dafür sein, daß sie das Werk, das nun vor seinem endgültigen Abschluß steht, so gefördert hat, wie es nur immer möglich war.

Die Wiedereröffnung der Hütte am Weserstrom bedeutet für uns einen Markstein in der wirt­schaftlichen Entwicklung eines schweren Ausstiegs, der unter nationalsozialistischer Führung ange­treten wurde und — so hoffen wir — in stetiger, gradliniger Richtung fortschreiten wird.

Seit der Inbetriebnahme im Jahre 1908 mit unserer heimischen Wirtschaft verwurzelt, hatte die Norddeutsche Hütte, deren Mehrheitsbesitz bei der Firma Krupp A.-E. in Essen liegt, im Jahre 1930 mit dem Staate Bremen einen Gas- lieferungsvertrag für unbestimmte Zeit abgeschlossen, nach dem jener jährlich 10 Mill. Kubikmeter Koksofengas zum Verbrauch in den bremischen Haushaltungen bezog. Die Verhand­lungen zur Wiederaufnahme der Hochofen- und Zementwerks-Betriebe beruhen auf eben diesem Vertrage, da die Gestehungskosten der Erzeugnisse der Hütte mit von der Verwendung der im Hoch­

ofenprozeß anfallenden lleberschußgase abhängig sind. Hier greift nun die neue Vereinbarung ein, indem sie die vertraglich zu beziehende Gas- menge auf das dreifache, d. h. 30 Mill. Kubikmeter jährlich erhöht und es der Hütte damit ermöglicht, auf ihre Rechnung zu kommen.

Die Grundlage dafür, daß neues Leben im be­drängten Westen unserer Stadt einzieht und die industrielle Tätigkeit in Vxemen wieder erweckt wird, ist damit gegeben. Nun könnte die Frage mit Recht gestellt werden: Was wird aus dem Gaswerk und den dort beschäftigten Volks­genossen? Denn die Eigengasgewinnung mutz naturgemäß abgedrosselt werden. Auch hier ist ganze Arbeit geleistet worden: Die ander­weitige Unterbringung aller frei­werdenden Arbeitskräfte ist ohne Ausnahme gelungen. Sie werden von der

Norddeutschen Hütte eingestellt und erhalten da­mit ein Tätigkeitsfeld, das dem ihrigen nicht fern­liegt und keine Schwierigkeiten machen sollte, sich darin zurechtzufinden.

Das in naher Zukunft bevorstehende Anblasen der drei Hochöfen mit einer jährlichen Leistungs­fähigkeit von 239 099 Tonnen Roheisen und die Wiederinbetriebnahme aller Nebenbetriebe ist von denkbar größter Bedeutung, um so mehr, wenn wir in Betracht ziehen, daß die Norddeutsche Hütte 1929, im Jahre ihrer besten Beschäftigung, einen Umsatz von 1S.72S Millionen RM. ver­zeichnete und neben 112 Angestellten 881 Arbeiter beschäftigte. Darüber hinaus haben sachverständige Gutachter den Plan gebilligt und gutgeheißen, den Betrieb an der Wasserkante in unmittelbarer Nähe des vorbeiflutenden See- und Binnenwasser- straßenverkehrs wieder aufzunehmen.

(Fortsetzung im Innern des Blattes.)

Deutschland und Spanien

Empfang des neuen spanischen Botschafters beim Führer und Reichskanzler

Berlin, 28. März.

Der Führer und Reichskanzler empfing Don­nerstag den neuen Botschafter der spanischen Republik, FranciscoAgramentey Lor- tijo, um sein Beglaubigungsschreiben und das Abberufungsschreiben seines Vorgängers ent­gegenzunehmen. Außer dem Reichsminister des Auswärtigen Freiherrn von Neurath nahmen die Herren der Umgebung des Führers und Reichskanzlers an dem Empfang teil. Der Bot­schafter überreichte die Handschreiben des Präsi­denten der spanischen Republik mit einer Rede in seiner Landessprache, in der es hieß: Spanien unterhält ununterbrochen schon seit mehr als 116 Jahrhunderten normale diplomatische Be­ziehungen zu Deutschland. Dieser außergewöhn­liche Umstand verpflichtet die beiden Regierun­gen zu einer größeren Verantwortlich­keit bei ihren gegenwärtigen Handlungen. Das neue Spanien hat in seine Verfassung als einen der wichtigsten Grundsätze den der Aechtung des Krieges als Eroberungsmittel aufgenommen. Spaniens Mitarbeit an allen Werken des Friedens ist offenkundig.

In diesem Geiste bietet es sich heute dem großen deutschen Volke zur entschlossenen Mitarbeit an. Unsere beiden Völker sind dazu berufen, ihre Beziehungen auf dem politischen Gebiet täglich enger zu knüpfen. Beide Völker müssen sich vollkommen verstehen und einmütig an dieser edlen Ausgabe zusammenarbeiten.

Ich bitte daher, Euerer Exzellenz die wärmsten Wünsche sowohl für den Ruhm und das Blühen des großen deutschen Volkes, als auch dafür aus­

sprechen zu dürfen, daß Euere Exzellenz immer von Gesundheit und Erfolg begleitet sein mögen bei der patriotischen und selbstlosen Arbeit, die Euere Exzellenz für die Erhöhung der nationalen Würde im Rahmen gegenseitiger Hochachtung der Völker zugunsten -des Weltfriedens übernommen haben.

Der Führer und Reichskanzler ant­wortete: „Mit Recht haben Sie die Bedeutung der seit 116 Jahrhunderten zwischen Deutschland und Spanien ununterbrochen bestehenden diploma­tischen Beziehungen hervorgehoben, die nur ein Ausdruck sind für die alte Freundschaft und die mannigfachen Verbindungen unserer Länder auf politischem, wirtschaftlichem und kulturellem Ge­biet. Sie weisen darauf hin, mit welcher Ent­schiedenheit das neue Spanien seinen Willen zur Mitarbeit an allen Werken des Friedens zum

Der FLihfei' beim Jagdgeschwader Nichthofen

Zum ersten Male seit Bestehen der Reichsluft- wasfe stattete der Führer und Reichskanzler am Donnerstag in seiner Eigenschaft als Oberster Befehlshaber der Wehrmacht einem Verband der jungen deutschen Luststreitkräfte seinen Besuch ab. In Begleitung des Reichsministers der Luft­fahrt, General der Flieger Göring, und des bei dieser Gelegenheit zum Generalleutnant ernann­ten Staatssekretärs der Luftfahrt, Milch, besich­tigte der Führer am Nachmittag die in Döberitz liegende Gruppe des Jagdgeschwaders Richthofen. In sinnfälligster Form betonte damit auch der

Ausdruck bringt. Seien Sie überzeugt, daß das neue Deutschland.von dem gleichen Wunsch nach friedlicher Entwicklung beseelt ist und Ihrem Vaterlande, das auf eine so große Geschichte zurückblicken kann, mit besonderem Verständnis und dem Wunsche nach vertrauensvoller Zusam­menarbeit gegenübersteht.

Ich begrüße es daher lebhaft, Herr Botschafter, daß Sie die besondere Berufung fühlen, neben kul­turellen, sozialen und wirtschaftlichen Beziehungen auch die politischen Beziehungen unserer Länder weiter auszugestalten. Die freundlichen Wünsche des Herrn Präsidenten der spanischen Republik für das Gedeihen Deutschlands und für mich persön­lich nehme ich mit bestem Dank entgegen. Ich er­widere sie aufrichtig und heiße Sie, Herr Bot­schafter, im Namen des Deutschen Reichs herzlich willkommen.

Führer die Bedeutung der Tradition^ die mit dem Namen Richthofen das neue Jagdgeschwader an die ruhmreiche Vergangenheit der alten deut­schen Fliegertruppe bindet. General Göring als letzter Kommandeur des alten und als oberster Chef des neuen Richthofengeschwaders stellte dem Führer zunächst die angetretenen Offiziere, Unteroffiziere und Mannschaften der Döberitzer Fliegergruppe vor. Nach dem Abschreiten der Front starteten die Jagdstaffeln und zeigten Verbandsexerzieren in der Luft. Danach fand eine Besichtigung der Vodenanlagen auf dem Flugplatz und eine kurze Schlußbesprechung statt, bei der sich der Führer in Worten vollster An­erkennung über die gezeigten Leistungen äußerte.

Blick nach Südosten

ir. IM. Bremen, 29. März.

Der Wahlkampf in Ungarn ist Wahlbeginn ^ndet. Am heutigen Tage de­

in Ungarn.

ginnt der Wahlakt selbst, der am 7. April seinen Abschluß finden wird. Obschon die Wiederherstellung der deutschen Wehrhoheit und die deutsch-englischen Be­sprechungen nicht zuletzt auch im Donau- Raum lebhaft erörtert wurden, haben im Wahlkampf Ungarns innenpolitische Fragen im Vordergrund gestanden. Die Entscheidung, die der Wähler setzt über die Regierung Gömbös und ihr sozial-wirtschaftliches Re­formprogramm zu fällen haben wird, darf aber doch auch em allgemein-politisches In­teresse beanspruchen, da die Feststellung der Kräfteverhältnisse bei den zur Opposition ge­hörenden Gruppen der Sozialdemokraten» Liberalen und Legitimsten stimmungsmäßig nicht nur für die Entwicklung in Ungarn aufschlußreich ist. Der Sieg des Minister­präsidenten gilt trotz der scharfen persön­lichen Angriffe, die Graf Bethlen in einer Wahlrede gegen Gömbös unternahm, schon jetzt als sicher. In Budapest glaubt man, daß der Regierungspartei von den 245 neu zu verteilenden Parlamentssitzen minde­stens 150 zufallen werden, wozu noch 30 bis 40 Mandate der Partei Tibor von Eckhardts kämen. Auch nach unseren Beobachtungen dürfte die kxampfhafte Wahlpropaganda der Marxisten an ihrer Niederlage nicht das Geringste ändern. Zum Nachteil Ungarns würde sich die völlige Ausschaltung der Sozialdemokraten bestimmt nicht auswirken, denn das in mehrfacher Hinsicht schwer ge­prüfte Land im Herzen des Donauraumes bedarf wie kaum ein anderer Staat einer ruhigen, zielbewußten Konzentration aller seiner nationalen Kräfte.

Italiencyicyie oer «egieyun- " gen Rom-Belgrad ist zu- Iugoslannen. gleich ein lehrreicher Beitrag zu dem Thema: „Die Geschmeidigkeit und Wendigkeit der italienischen Außenpolitik". Der Versailler „Friedens"-Schluß brachte die beiden Bundesgenossen des Weltkrieges, da Italien Dalmatien wieder herausgeben mußte, in ausgesprochene Feindschaft zu­einander, die mehrmals einen offenen Kon­flikt herbeizuführen drohte. Das während

und die Lösung der Fiume-Frage in Angriff nahm. Jener Vertrag wurde aber nach Ab­lauf seiner vorläufigen Geltungsdauer 1928 nicht wieder erneuert, was hauptsächlich auf die antifranzösische, revisionsfreundliche Ein­kreisungspolitik Mussolinis gegenüber Ju­goslawien zurückzuführen war. Man er­innert sich des italienischen Militärbündnisses mit Albanien, der Anknüpfung freundschaft­licher Beziehungen Rom—Sofia, der Unter- zeichnung des italienisch-ungarischen Freund­schaftsvertrages und der späteren Einbe­ziehung Oesterreichs in die römische In­teressensphäre. Zu welch bedenklichem Grad die Spannung zwischen Jugoslawien und Italien inzwischen, seit 1927, wieder ange­stiegen war, hat unmittelbar nach dem Mar- seiller Königsmord die ungezügelte scharfe Pressefehde der beiden Länder gezeigt. In

Wo ist Karl Krause?

Der Reichsjender Berlin sucht

Mai 1916. Die deutschen Truppen liegen vor Verdun. In einer Eefechtspause gibt der deutsche Soldat Karl Krause seinem Kriegskameraden Anton Pabst seine Taschenuhr zur Reparatur. „Da, meine Uhr! Sie ist stehengeblieben. Ich wäre dir dankbar, wenn du sie wieder in Gang bringen würdest!" Anton Pabst ist Uhrmacher von Beruf, er wird dem Kameraden gefällig sein.

Was mag den Soldaten Karl Krause bewogen haben, soviel Aufhebens von seiner Uhr zu machen angesichts einer der größten Schlachten der Weltgeschichte? Ist es da nicht überflüssig zu wissen, ob eine Minute oder Stunde vergangen ist. Man liegt hier wie seit Ewigkeiten, und es ist gar keine Aussicht vorhanden, aus dem Hexen­kessel herauszukommen. Gewiß, die Uhr ist ein Einsegnungsgeschenk, eine Erinnerung an Zeiten, die nun längst vergangen sind. Der deutsche Soldat Karl Krause muß plötzlich an den Tag seiner Konfirmation denken. Was für Sorgen man da hatte! Satz der Kragen oder saß er nicht? Wie schwierig war es, solch einen Steh­kragen richtig umzubinden. Ja, die Uhr hatte ein gut Stück seiner eigenen kleinen Lebens­geschichte miterlebt und konnte manches erzählen. Zudem war sie ein wunderbarer Mechanismus, beinahe so kompliziert wie der Mensch selbst, uno wer weiß wozu sie noch gut war. Es gab Uhren, die ihrem Besitzer das Leben gerettet hatten. Uhren, in denen das Geschoß, das dem Besitzer gegolten hatte, steckengeblieben war. Der deutsche Soldat Karl Krause denkt: es wäre gut, wenn mir der Kamerad die Uhr bald zurückgeben würde.

und findet einen frontjoldaien

Der Geschützdonner setzt wieder ein, Granaten bersten, es ist, als wenn die Erde aufgerissen wird und die Menschen verschluckt. Kameraden sehen die Kameraden fallen, ganze Truppenteile, eben noch beieinander, werden auseinanderge­sprengt, der einzelne ist nur noch Spielball eines ungeheuerlichen Geschicks. Anton Pabst verliert seinen Kameraden aus den Augen und sieht ihn während des ganzen Krieges nicht wieder. Nie­mand kann ihm Auskunft geben, wo sein Kame­rad Karl Krause geblieben ist „Vielleicht ist er gefallen!" denkt er. „Ich werde versuchen, seinen Angehörigen die Uhr zurückzugeben." Ein Soldat vor dem Feind aber kann nicht viele Briefe schreiben, und was nützt das Vriefeschreiben, wenn man nicht weiß, an wen man sie zu senden hat. Der Krieg geht zu Ende, Anton Pabst hat noch immer die Uhr seines Kameraden.

Deutschlands Notzeit und Schmach begann. Eine Revolte von Vaterlandsverrätern, die man Revolution nannte. Versailler Diktat, Inflation, Arbeitslosigkeit, Korruption, Verlotterung der Gesinnung, des Charakters und der Kultur, Par­teiwirtschaft, jeder kämpft um die nackte Existenz, jeder hat mit sich selbst zu tun. Nur wer Cha­rakter hat, denkt an seinen Nebenmann. Anton Pabst ist in seine Heimatstadt Frankfurt am Main zurückgekehrt und übt wieder seinen alten Beruf aus. Er bekommt viele Uhren in seine Hände, alle versteht er zu reparieren, aber mit einer weiß er nichts anzufangen. Es ist die Uhr seines ehemaligen Kriegskameraden. Was mag aus ihm geworden sein? Tot?

Der Uhrmacher Anton Pabst setzt Annoncen in die Zeitung, er erkundigt sich bei diesem und jenem nach seinem alten Waffengefährten. Nie­mand kann ihm Antwort geben. Die Zeit ver­geht. Deutschland ist wieder zur Nation geworden. Niemals ist so schnell Geschichte geschrieben worden wie in diesen Jahren. Ueber all die gewaltigen Ereignisse aber hat Anton Pabst seinen Kame­raden Karl Krause nicht vergessen. Er muß ihn finden. Unter den Lebenden, unter den Ver­mißten oder unter den Toten!

Endlich entdeckt er seine Spur. Sie führt in die Reichshauptstadt, nach Berlin. 2n Berlin leben vermutlich zehntausend Männer namens Krause. Die Post kann keine Auskunft geben, die Adreßbücher versagen, aber Anton Pabst setzt seine Bemühungen fort und wendet sich an die nationalsozialistische Kriegsopferversorgung in Berlin. Nirgends ist der Name des alten Waffen­gefährten verzeichnet. Da erinnert sich irgend- jemand des deutschen Rundfunks. Niemand ist findiger als die Post, sagte einmal der franzö­sische Dichter Balzac. Er kannte den Rundfunk nicht. Wo die Post versagte, schaffte der Rund­funk Rat. Die Zeitfunkabteilung des Reichs­senders Berlin läßt im „Echo am Abend" nach dem Vermißten forschen und es stellt sich noch am selben Abend heraus, daß der Gesuchte in Berlin wohnt und der verlorene Kriegskamerad ist. Nachbarn machen ihn darauf aufmerksam, daß er vom „Echo" gesucht wird. „Ich?" fragt Karl Krause, der Vermißte, Totgeglaubte und Wieder­gefundene, „Ich?" „Ja!" meint der Nachbar, „und eine goldene Uhr sollst du auch noch haben!" Der Nachbar schmunzelt, das „Echo" hat seinen Zweck erfüllt, am meisten aber freut sich der Uhrmacher Anton Pabst in Frankfurt, und diese Freude mag für seine bewiesene Kameradschaft die beste Be­lohnung sein.

snttengeschichte der Kinobesucher

Äm Dunkeln ist gut munkeln

Ich gehe aus Leidenschaft ins Kino. Zum Psy­choanalytiker habe ich mich wider Willen ent­wickelt. Ursprünglich war ich nämlich der Ansicht, man ginge nur. des Films wegen ins Kino. Da­von haben mich meine Nachbarn abgebracht.

Wer naiv genug ist zu glauben, im Kino wäre es dunkel und still, der irrt sich. Im dunklen Parkett feiert die anonyme Seele Orgien. Nie­mand geniert sich. Wer einen Vonbonkrllmel in die falsche Kehle gekriegt hat, hustet ebenso lange, bis er aus der Luftröhre wieder in die Speise­röhre hopst. Wer halt das Schlucken hat, hält sich beileibe nicht Ohren, Nase und Mund zu; nein, er piepst quietschvergnügt und lacht sich obendrein noch eins. Im Dunkeln ist gut munkeln.

Mit dem

Beethovenpreis

ausgezeichnet

llis prsullisoks ckk-mio cksr llünsts dst ckon ckissjäkeigen ^tsatliodsn llustkoesn preis prok. Trapp rorlisdov.

Kurz nach dem Dunkelwerden sieht es im Kino so aus: zwei schwarze Menschenreihen sitzen auf­gereiht rechts und links, nur in der Mitte gähnt ein leerer Streifen. Das ist aber nicht etwa ein Gang, nein, das ist eine Lücke. Schnurgerade, als wäre sie mit dem Lineal gezogen: die Plätze für die Zuspätkommenden. Wenn sich die Seitensitzer häuslich eingerichtet haben, erscheinen die Passa­giere der Mittelplätze. Nun gehts los! Ein stummes, verbissenes Drama der Zehen von Platz eins bis sechzehn. „Platz sechzehn" hält „Platz eins" für einen Flegel, weil der sich nicht erhebt.' Infolgedessen balanciert „Platz 16" seinen Absatz geschickt auf die große Zehe von „Platz eins", denn Strafe muß sein. „Platz zwei und drei" stehen auf. „Platz sechzehn" lächelt dankend und blitzt „Platz vier" strafend an. „Platz vier" wiegt 190 Pfund! „Platz sechzehn" muß sich also zum Eum- mimenschen verwandeln. Endlich ist er durch, während die Hinteren Reihen, die nun schon eine volle Minute die scharmante Silhouette von „Platz sechzehn" sahen, in bedrohliches Rhabar- bergemurmel ausbrechen. Endlich sitzt Nummer sechzehn. Aber noch sind viele Platzinhaber der mittleren Plätze zu erwarten . . .

Knisterkünstler

Das sind die Virtuosen der Stille. Sie warten möglichst auf die dramatischen Höhepunkte, auf die Siedepunkte der Spannung, auf erschütternde Szenen und besonders aus wirklich schöne, lyrische Liebesszenen Dann knistern sie Sie reinen nicht ihre Fruchtbonbonrollen auf, nein, sie zerschneiden sie mit dem Fingernagel, dann wickeln sie das