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Nr. 85 / 3 . Jahrgang
Dienstag, 26. März
EinzeSpreiS 15 Nps.
Simon und Eden beim Führer und Reichskanzler
Die deutsch-englischen Besprechungen
Ausgangspunkt: Die englisch-französischen Beschlüsse vom 3 . Februar
Lipfki bei Neurath
Kein polnischer Vrotest
Berlin, 25. März.
Der polnische Botschafter Lipski hat am Sonnabend, dem 23. März, den Reichsautzenmini- ster Freiherrn von Neurath aufgesucht, um mit ihm die gegenwärtige internationale Lage zu besprechen, wie sie sich auf Grund der letzten Ereignisse entwickelt hat. Die in der Auslandspresse aufgetauchte Behauptung eines Protestes der polnischen Regierung gegen das Reichsgesetz vom 18. März ist völlig unzutreffend.
Auch Oesterreich . . .
Wien, 25. März.
Der österreichische Außenminister Berger- Wakdeneck sagte in einer Rede, er habe auf seinen Auslandsreisen in jeder Beziehung EleichberechtigungfürOe st erreich verlangt und werde sich nicht eher zufrieden geben, bis dieses Ziel völlig erreicht sei. Die Eleichberecht:- gung sei unterwegs und werde sehr bald kommen. Zur Frage der Jugenderziehung erklärte der Außenminister, daß Oesterreich das italienische Vallila-System wählen werde, das den österreichischen Verhältnissen angepaßt werden solle.
Keulen, Totschläger, Gtahlruten
Danzig, 25. März.
Im Anschluß an eine sozialdemokratische Wahlversammlung in Zoppot hielt die Polizei überraschend eine Razzia ab. Sie durchsuchte 120 Angehörige und Wahlordner der Sozialdemokraten. Das Ergebnis war überraschend, obwohl ein Teil der Gestellten sich vorher der Waffen zu entledigen versuchte. Die Polizei fand bei den Durchsuchten eine Pistole, eine Uebungshandgranate, die als Schlaginstrument benutzt wurde, 26 Keulen und Totschläger, ferner Gummiknüppel und Stahlruten. 23 Sozialdemokraten wurden verhaftet.
Ferner wurde in der Versammlung ein Dan- ziger Staatsangehöriger namens Wasilewski festgenommen, da er durch hetzerische Zurufe in polnischer Sprache die Menge in Erregung versetzte und durch sein aufreizendes Verhalten die Arbeit der Polizei erschwerte.
Llngam ruft Genf an
Ministerpräsident Eömbös über die Lösung der europäischen Frage
Der ungarische Ministerpräsident Eömbös erklärte: Derjenige, der die europäische Frage wirklich lösen wolle, solle die Ungerechtigkeiten und die Demütigungen beseitigen, die den sogenannten besiegten Staaten auferlegt worden seien. Deutschland habe die Gleichberechtigung verlangt und, nachdem sie ihm nicht gewährt worden sei, habe es sich selbst diese Gleichberechtigung unter Berufung auf seine Souveränität gegeben. Ungarn könne Deutschland auf diesem Wege nicht folgen weil Ungarn als Mitglied des Völkerbundes das gleiche Ansuchen vor den Völkerbund bringen werde. Wir hoffen, fuhr Eömbös fort, daß wir, gestützt aus unsere italienischen Freunde und auf alle jene, die sich auch bisher als unsere Freunde erwiesen haben, das Ziel erreichen werden.
Berlin, 25. März.
Der Führer und Reichskanzler empfing Montag vormittag den britischen Außenminister Sir John Simon und Mister An- thony Eden im Beisein des Reichsaußen- ministers Freiherrn von Neurath und des britischen Botschafters Sir Eric Phipps.
Besprechungen fanden statt sowohl am Vormittag als auch am Nachmittag über einige der Fragen, die in dem englisch-französischen Kommunique vom 3. Februar erwähnt worden sind.
Tie Besprechungen, an denen deutscherseits auch der Sonderbeauftragte für Abrüstungsfragen, Herr von Ribbentrop teilnahm, werden im Laufe des Tienstagvor- mittags wieder aufgenommen werden.
London, 25. März.
Die „Evening News" schreibt, es sei anzunehmen, daß nicht nur die englischen Gäste sich über die deutsche Politik, sondern auch die deutschen Gastgeber sich über die britische Europa-Politik
' Paris, 25. März.
Die französische Kammer nahm Montag mit 453 gegen 123 Stimmen das Flottenbaupro- gramm 1835 an. Das Gesetz ermächtigt den Kriegsmarineminister, vor dem 31. Dezember 1935 ein Linienschiff und zwei Torpedoboote sowie zu einem späteren Zeitpunkt ein zweites Linienschiff auf Kiel zu legen und im Rahmen der Haushaltspläne 1935 bis einschließlich 1939 folgende Summen zu verwenden: 785 Millionen Frank (etwa 139 Millionen Reichsmark) für das in diesem Jahre aus Kiel zu legende Linienschiff, 148 Millionen Frank für zwei Torpedoboote und 132 Millionen Frank für Ersatz und Reseroeteile dieser Einheiten. Ein Versuch der Sozialisten, die Aussprache zu vertagen, wurde mit großer Mehrheit abgelehnt.
2n der allgemeinen Aussprache warf der linksgerichtete Abgeordnete Reynaud der Regierung vor, eine Vorlage eingebracht zu haben, die einem überholten Zustande entspreche. Sie sei ausgearbeitet worden, weil die italienischen 35 OOO-T.-Kreuzer die französischen 26 000-T.- Einheiten Lbertroffen hätten. Die Italiener hätten sich aber jetzt zur Zusammenarbeit mit Frankreich bereit erklärt.
Das jetzt auf Kiel zu legende Linienschiff solle erst nach vier Jahren und das zweite, das ebenfalls 785 Millionen Franken kosten werde, im
zu unterrichten suchten. Diese Politik, so schreibt das Rothermere-Vlatt, sei weit nebelhafter als die deutsche und eine Quelle allgemeiner Unsicherheit. Es sei nur zu verständlich, wenn sich Deutschland jedem Abkommen widersetze, das von dem guten Willen Sowjetrutzlands abhänge. Das einzige vernünftige Ziel, das zurzeit erreicht werden könne, sei ein Dreibund zwischen Frankreich, Großbritannien und Deutschland, denn diese drei Länder hätten keine entgegengesetzten Interessen.
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In dem erwähnten Kommunique, das nach den Londoner Beratungen zwischen Vertretern der englischen und französischen Regierung am 3. Februar veröffentlicht wurde, wurde als Zweck gemeinsamer Verhandlungen bezeichnet, den Frieden der Welt durch engere Zusammenarbeit im Geiste freundschaftlichen Vertrauens zu fördern, ein Rüstungsrennen zu verhindern und Kriegsgefahren einzudämmen. Die beiden Regierungen bekannten sich zu der Ansicht, daß zur Wiederherstellung des Vertrauens eine allgemeine Rüstungsregelung, die frei
Jahre 1940 fertig sein. Warum würden so hohe Ausgaben nicht für dringendere Erfordernisse verwandt? Es sei vielleicht nicht zweckentsprechend, daß Frankreich sich auf die Abrüstungskonferenz begebe und dabei den Eindruck erwecke, daß es von vornherein an sie nicht glaube. Der Bau von 35 OOO-To.-Schiffen werde die Nachbarn veranlassen, Frankreichs Wettrüsten nachzuahmen. Was werde die Regierung tun, wenn Deutschland den Bau dieser Schlachtschiffe zum Vorwand nehmen würde, um ein Schiff zu bauen, das jegliche Erwartungen übertreffe?
Der Berichterstatter des Marineausschusses bemerkte, daß die französische Regierung die Möglichkeit hätte, diese Annahme beim Bau des zweiten Linienschiffes zu berücksichtigen.
Kriegsmarineminister Pistri erklärte, der Tonnengehalt der französischen Kriegsmarine müsse feststehend bleiben, denn Frankreich sei an das Flottenabkommen gebunden, das durch das Washingtoner Abkommen und durch Genf festgelegt sei. Er beabsichtige, das Washingtoner Abkommen bis zum Jahre 1937 einzuhalten, trotzdem es gekllndig sei. Die französische Kriegsflotte sei zurückgegangen, während die Vereinigten Staaten, Japan und Italien ihre Flotten um 26, 50 und 16 v. H. erhöht hätten.
Der Admiralstab habe keine Lust zu einer Ueberrllstung. Man gehe von 26 000 zu 35 000
Zwischen Deutschland und den anderen Mächten abzuschließen wäre, wesentlich beitragen würde. Eine derartige Regelung würde Rüstungsvereinbarungen bringen, die für Deutschland den Abschnitt V des Versailler Vertrages ersetzen müßten. Die Londoner Konferenz hatte ferner unter dem Eindruck, daß die Entwicklung der Luftfahrt eine besondere Gefahr für den Frieden darstelle, vorgeschlagen, daß sich die in Frage kommenden Staaten mit ihren Luftstreitkräften gegenseitig unterstützen, wenn einer von ihnen in Westeuropa durch die Luftstreitkräfte einer der vertragschließenden Parteien angegriffen werde. Sie hatte daher beschlossen, Italien, Deutschland und Belgien einzuladen, einer solchen Konvention beizu- treten. Eine amtliche englische Erläuterung jenes Kommuniques wies darauf hin, daß kein Satz in ihm enthalten sei, der als Wiederholung einer Tiktatmethode gegenüber Deutschland betrachtet werden könne, und daß die Probleme Gleichberechtigung und Sicherheit gleichzeitig auf freiem Verhandlungswege zu lösen seien.
Tonnen nicht leichten Herzens über, aber die französische Marine müsse einen Güteraustausch von 45 Millionen Tonnen schützen. Das Linienschiff werde stets den Mittelpunkt einer Seeschlacht bilden. Die Vervollkommnung des Linienschiffes mache es unentbehrlicher denn je. Der Minister sprach sich ferner dahin aus, sich für den Ausbau der Marinefliegerei einzusetzen. Es sei ein Irrtum, daß man die Kriegsmarine durch Bündnisse ersetzen könne. Die Flotte sei die beste Waffe im Geiste der Bündnispolitik. Man dürfe, so betonte Pistri zum Schluß, auch diesozialeSeiteder Vorlage nicht verkennen.
Anschließend verabschiedete die Kammer den Eesetzesvorschlag über die Organisierung der passiven Luftverteidigung, wonach der Staat 99 v. H. der Kosten für den Bau von bomben- und gassicheren Unterständen trägt, während die Gemeinden sich mit 1 v. H. zu beteiligen haben. In der vorhergehenden Aussprache wies der Vorsitzende des Verwaltungsausschusses der Kammer in der Begründung zu dem neuen Gesetz auf die Maßnahmen hin, die in Sowjetrutzland und Deutschland zum Schutze der Zivilbevölkerung gegen Gasangriffe getroffen worden seien. Die Welt wisse, daß Frankreich niemals einen Krieg erklären werde. Man müsse aber leider mit der Möglichkeit rechnen, angegriffen zu werden.
Die menschliche Erkenntnis reicht nicht weit — der Mensch ist zum Handeln geboren. (Friedrich der Große.)
k. lilü. Nationalsozialistischer Politiker sein, das heißt für den Volkserzieher: mitschwim- men im starken, brausenden Strom der Volksgemeinschaft: nicht heißt es: von den Ufern aus kühl beobachtend das Anschwellen der nationalen Kraft lediglich festzustellen... Wir schrieben diese Worte vor einem Jahr mit Bezug auf die Forderung des (tödlich verunglückten) Reichsamtsleiters des NS.- Lehrerbundes Hans Schemm: „Jeder
deutsche Lehrer muß ein nationalsozialistischer Politiker sein." Heute, kurz vor dem Abschluß des Schuljahres, können wir rückblickend hervorheben, daß infolge des unermüdlichen Schaffens der bewährten Kerntruppe in der deutschen Lehrerschaft das Ideal des nationalsozialistischen Pädagogen eine immer tiefere Verwirklichung gefunden hat. Es steht für den deutschen Volkserzieher schon seit langem nicht mehr die Vermittlung toten Wissens, sondern der junge Mensch als künftiges wertvolles Glied der Volksgemeinschaft im Mittelpunkt der Schule. Und dem werdenden Lehrer hat Reichserziehungsminister Rüst in diesen Tagen für seine nationalpolitische Aufgabe einen zuverlässigen Kompaß in die Hand gegeben, indem er ihm das Ziel setzte, nicht mehr und nicht weniger als ,,die völkischen Lebensfunktionen zu begreifen und zum organischen Bild sich aufzubauen".
Ueberhaupt: der gesamte Bildungs- b egri f s ist im Dritten Reich einer so gründlichen Umgestaltung unterzogen worden, daß ihn mit dem der Systemzeit nicht mehr der geringste gemeinsame Inhalt verbindet. Ja, man Kann hier eigentlich nicht mehr von einer Reform sprechen, sondern muß bereits den Tatbestand einer Neuschöpfung zugeben. Der neue Erlaß des Reichserziehungsministers über Aufnahme, Versetzung und Reifeprüfung an den höheren Schulen erbringt hierfür den besten Beweis, wird er doch in der Geschichte des deutschen Bildungsbegriffs eine ganz besonders wichtige Rolle spielen. Für die Beurteilung der Gesamtreise des Schülers wird nämlich nach Durchführung jenes Erlasses nicht mehr in erster Linie die rein geistige Fähigkeit des einzelnen, sondern in noch stärkerem Maße der Grad seiner körperlichen Tüchtigkeit, fein charakterliches Verhalten und seine völkische Eignung von Bedeutung sein.
Das heißt zunächst, daß der sogenannte Intellektualismus nun auch an den höheren Schulen in keiner Form mehr eine Wirkungsstätte besitzt. Die Be- tätigung der geistigen Kräfte des Menschen um ihrer selbst willen, die Ueberschätzung des abstrakten Wissensstoffes, die Dressur des Verstandes in der Beherrschung bloßer Formen und Formeln — damit hat die Schule des nationalsozialistischen Staates endgültig Schluß gemacht. Freilich liegt hierin nicht eine Absage an das Wissen und das aus ihm fußende Können überhaupt. Nach wie vor wird der Fachbildung ein besonderer Wert
Frankreich baut neue Schlachtschiffe
Das Flottenbauprogramm von der Variier Kammer angenommen
Privatüchent Dr. Erich Hyaschke
Achicksalssiunde des deutschen Ordens
Nachstehenden Auszug entnehmen wir dem soeben in der Hanseatischen Berlagsanstalt, Hamburg, erschienenen Werk von Dr. Erich Mafchke: „Der deutsche Ordensstaat. Gestalter seiner großen Meister", das uns auf knappstem Raum eine für uns heute besonders wichtige Kenntnis vom Werden und Wirken des deutschen Ordens vermittelt.
Die Ostseepolitik des Ordens, die sich im friedlichen Wettbewerb und kriegerischer Auseinandersetzung seit der Mitte des 14. Jahrhunderts so erfolgreich entfaltet hatte, mündete in eine territoriale Erwerbspolitik aus, als der Orden im Jahre 1398 die Insel Gotland besetzte, um dem Seeräuberunwesen der Vitalienbriider ein Ende zu machen; sie wurde zehn Jahre danach an König Erich von Norwegen-Schw.eden wieder verkauft, nachdem der Orden sich in diesem Jahrzehnt als wichtiger Faktor im Kampf um die Ostsee erwiesen hatte. Ein Vertrag mit Herzog Wytaut von Litauen (1384) brachte endlich den Orden auch in den rechtlichen Besitz von Samaiten, der Landbrücke zwischen dem Ordensland Preußen und Livland, wenngleich auch diese Erwerbung nur einen vorbereitenden Schritt zu den kommenden großen Auseinandersetzungen mit den Nachbarn in Ost und Süd darstellte.'
Die entscheidende Vorbereitung dazu aber war außerhalb der Ordensgrenze erfolgt: Im Jahre 1386 empfing der litauische Herzog Jagiello mit der Hand der Königin Hedwig, der Erbin der polnischen Krone, auch die polnische Königswürde und nahm für sich und sein Land das Christentum an. Litauen, in dem Jagiellos Vetter Wytaut Herzog blieb, wurde mit Polen uniert, der neue polnische König, der den Namen Wladyslaw annahm, blieb litauischer Grogfurst. Damit legte sich um das Ordensland eine Zange,
die sich von Süden und Osten her jederzeit schließen konnte. Mit der litauisch-polnischen Union hatte das Bündnissystem, das sich im Osten seit der ersten Hälfte des Jahrhunderts vorbereitet hatte, seinen Abschluß erreicht; der Krieg war unvermeidlich geworden. Von preußischer wie von polnischer Seite suchte man ihn hinauszuzögern. Er war dennoch nicht mehr zu vermeiden. Das erstarrte System der östlichen Staaten war mit friedlichen Mitteln nicht mehr auszugleichen und aufzulösen.
Auch im Innern des Ordensstaates befestigte sich die politische Gruppierung und wich die lebendige Ausgeglichenheit der einzelnen Faktoren, seien es Orden, Bischöfe, Städte oder Ritterschaft, einer Spannung, die noch in der Tiefe blieb, aber im Augenblick einer äußeren Not als innere Krise durchbrechen mußte. Noch konnte der Hochmeister im Jahre 1390 in bezug auf die Städtepolitik des Ordens schreiben: „Es ist den Unsern nicht nützlich noch bequem, daß sie von den gemeinen Städten abstehen und sich von der Gemeinschaft scheiden." Wenn aber der Orden im Beginn des neuen Jahrhunderts seinem Mißtrauen gegen die großen Städte durch eine unitarischer geführte Politik Ausdruck gab, so war diese Gemeinschaft der gemeinsamen politischen und wirtschaftlichen Interessen zumindest in Frage gestellt; die bewußt auf eigenen Wegen gehende Politik der preußischen Hansestädte und die Gründung des Eidechsenbundes, eines Zusammenschlusses von Landesrittern des Kulmer- landes (1397), deutete darauf hin, daß die inneren Beziehungen zwischen der Ordensherrschaft und den Ständen als den Vertretern der Landesbevölkerung von einer wachsenden Spannung beherrscht wurden.
So drängt die Entwicklung des preußischen Staates im Innern wie nach außen zu Lösungen, in denen es immer um die Grundlagen des Ordensstaates ging. Dieser beruhte ja seit bald zwei Jahrhunderten noch immer darauf, daß allein der Orden mit seinem Hochmeister der Träger der Herrschaft, war. Der Aufbau des Ordens bestimmte die Gliederung des Staates. Er ordnete das Volk in die gegebene Konstruktion ein, aber er blieb starr in seiner ursprünglichen Ordnung erhalten und setzte die gleiche Starre auch für die Bevölkerung voraus, die indessen aus Preußen und Deutschen zum Volk zusammenzuwachsen begann. Jede Aenderung dieser Ordnung stellt nicht nur eine innere Umbildung des Staates, sondern einen Verrat am Gesetz des Ordens dar, das allein für die Brüder galt. So schwer der Orden sich auf dem Gebiet der Innenpolitik daher dem Zwange der llmordnung fügen wollte, so wenig konnt? er außenpolitisch auf seine ursprüngliche Idee verzichten, die auch die Idee seines Staates war. Voraussetzung für beide war die Aufgabe des Kampfes mit den Heiden. Er brauchte diese geradezu als Gegner in seiner Nachbarschaft, um sie pflichtgemäß bekämpfen zu können. Er durfte es unter keinen Umständen dulden, daß ihnen das Christentum von anderer Seite gebracht wurde. Daher wiesen die Vrü- der immer wieder — der Sache nach ganz zu recht — auf die Unwahrhaftigkeit der Christianisierung Litauens seit der Union mit Polen hin und sahen in dieser Union nicht nur eine außenpolitische Gefahr, sondern einen Schlag gegen die Existenz des Ordensstaates, dem mit dem Entfall der Kampfaufgabe auch die Notwendigkeit seines Vorhandenseins abgesprochen war. Wenn der Orden weiterhin an der Pflicht des Heidenkampfes festhielt, so war er dazu nicht nur vor der öffentlichen Meinung Europas, dessen Ritter ihm noch immer eine wertvolle Hilfe waren, verpflichtet. Kein Staat lebt ohne Sinn und Auf
gabe; auch die Ordensbrüder wollten ihrem Staat das Leben erhalten, indem sie ihm Idee und Aufgabe bewahrten. Sie mußten um so notwendiger scheitern, als diese Idee, die im 13. Jahrhundert, noch den Osten belebt und beherrscht hatte, nicht mehr galt.
Damit waren die Brüder vor eine Entscheidung gestellt, in der sie zwischen dem Gesetz des Ordens und dem des Staates wählen mußten. Nur einer war bereit, die Idee des Ordens zu lasten und den Weg zum Staat zu gehen: Der Hochmeister
Heinrich von Planen. Er blieb auf diesem Wege ohne die Gefolgschaft seiner Brüder. Daher mutzte er scheitern. Er setzte den großen Willen seiner Persönlichkeit gegen die Meinung der Brüder ein. Als einzelner stand er gegen die Gemeinschaft. Als einziger in einer langen Reihe der Hochmeister deutschen Ordens hat er daher ein persönliches Schicksal erlebt, das vem Gesetz der Tragödie erlag. Es gibt allein diese Tragödie, die je in den geschlossenen Reihen des Ordens gespielt hat.
Es handelt sich Lebjinow.
In sechs Wochen wird niemand mehr von ihm sprechen.
Es handelt sich ferner um Natascha Veskowna.
Natascha Veskowna ist tot, auch wenn der Oberste Staatsanwalt des Volksgerichtshofes ihren Leichnam noch dreimal sezieren läßt.
Es ist also der Zyankali-Brief aus dem Arzthause am Litwinow-Prospekt trotz all seiner erschütternden Wahrhaftigkeit heute schon dazu verurteilt, in den Akten des Medizinischen Parteigerichtes in Leningrad zu verstauben.
Dieser Brief ist im vergangenen Monat von dem Arzt Professor Alexander Lebjinow geschrieben und an den Obersten Staatsanwalt des Volksgerichtshofes adressiert worden, drei Tage nach dem Tode der Natascha Veskowna und drei Stunden vor dem Selbstmorde des Alexander Leb- jinow. „Ich schreibe Ihnen, um mit einem Geständnis vor den Schranken des Gerichtes zu erscheinen, ehe ich das mir zukommende Urteil selbst an mir vollstrecke", so beginnt der Brief. Er endet mit dem gleichen Satz. Diese beiden gleich
lautenden Sätze aber rahmen die Geschichte eines Arztes ein, der Jahre hindurch nur sein eigenes Gewissen um Rat fragte . . .
„Mein Unglück begann mit der Untersuchung einer kranken Frau, die keine ärztliche Kunst mehr zu retten vermochte. Sie litt furchtbar. Ich ließ ihren Gatten zu mir kommen und sagte ihm die ganze entsetzliche Wahrheit, die ich seiner Lebensgefährtin verschwiegen hatte. Dann gab ich dem Manne eine Dosis Zyankali und ließ mir von ihm versprechen, daß er den Qualen seiner Frau damit ein Ende bereiten werde. Ich selbst erbot mich, den Totenschein auszustellen und auf Herzschlag zu erkennen", erzählt Lebjinow.
„In dieser Weise habe ich im Laufe verschiedener Jahre vierzig Menschen getötet, weil ich mir das Recht zusprach, sie vor unnützen Qualen zu bewahren. Ich habe nie Gewissensbisse empfunden. Eines Tages aber erkrankte Natascha Veskowna, meine Braut. Ich untersuchte sie und stellte ein Krebsgeschwllr fest, gegen das es keine Hilfe mehr geben konnte. Ich nahm Abschied von ihr, der Ahnungslosen, ich flößte ihr Zyankali ein. Sie starb mit einem Lächeln und in meinen
Zyankali am Litwinow-Prospekt
Me Tragödie eines russischen Ächtes / Don Peter Brehm um den Professor Alexander