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Nr. 82 / 3 . Jahrgang
Sonnabend, 23. Mär»
Einzelprris is Rps.
Genfer Ratstagung
Genfer Ratstagung
L. ^I»8, äsr kräsicksirt ckss VölkSibuncksratss
Der ausübende Präsident des Völkerbundsrates Dr. Rüschdü Aras (Türkei) hat beschlossen, Latz der Völkerbundsrat im Laufe der ersten Aprilrooche zu einer außerordentlichen Tagung zusammentreten soll, um den Antrag der französischen Regierung zum deutschen Wehrgesetz zu prüfen.
Konto „Wehröank"
Berlin» 22. März
Der Reichswehrminister gibt bekannt:
Aus allen Kreisen des deutschen Volkes gehe» täglich Leim Reichswehrministerium Geldspenden Und Ankündigungen von Geldspenden ein, die als Beitrag zum Aufbau der Wehrmacht bestimmt find. Meinen herzlichen Dank für all die Beweise einer großen Opfergemeinschast verbinde ich mit der Bitte, zugesagte und künftige Beiträge dieser Art einzuzahlen auf das Konto „Wehrdank" Lei der Deutschen Bank und Disconto-Gesellschaft» Stadtzentrale Abteilung Berlin W 8, Mauer- straße 28/27. Einzahlungen auf dieses Konto nimmt auch jede Filiale der Deutschen Bank und Disconto-Gesellschaft im Reich an. Damit ist gewährleistet, daß alle Spenden ohne Zeitverlust ihrer Bestimmung zugeführt werden.
An die deutsche Äugend
Reichswehrminister Generaloberst von Blom- berg hat dem „Reichsjugendpressedienst" anläßlich der Wiedereinführung der Wehrpflicht folgendes Erutzwort an die deutsche Jugend zur Verfügung gestellt: „Dem deutschen Volke ist die allgemeine Wehrpflicht wiedergegeben worden. Freudigen und dankbaren Herzens wird gerade die deutsche Jugend diesen Entschluß begrüßen; denn wie einst die Väter, so hat heute die deutsche Jugend wieder das alte stolze Recht des freien deutschen Mannes zurückerhalten, für den Schutz und die Ehre des deutschen Vaterlandes mit der Waffe einzutreten. Ich weiß, daß die deutsche Jugend sich dieser Ehrenpflicht stets würdig erweisen wird.
(gez.) von Blomberg."
Syrers beurlaubt
Bremen, 28. März.
Der Regierende Bürgermeister von Bremen hat den Präses der Gewerbekammer Bremen» Hans Ehlers, mit sofortiger Wirkung von seinem Amt vorläufig beurlaubt.
Reichsaußenminister von Neurath zum englischen Besuch
„Offene Aussprache nur nutzbringend"
Einladung Deutschlands zur Teilnahme an der Konferenz in Italien?
Berlin, 22. März.
Der Reichsminister des Aeutzeren, Freiherr von Neurath, hat sich dem Vertreter einer amerikanischen Nachrichtenagentur gegenüber zu dem bevorstehenden Besuch der englischen Regiernngs- vertreter wie folgt geäußert: Die Reichsregierung steht dem Besuch der englischen Regierungsver- treter mit Interesse und Befriedigung entgegen. Angesichts der Entwicklung der letzten Tage kann eine offene deutsch-englische Aussprache nur nutzbringend sein, und zwar für alle europäischen Staaten. Wenn erst einmal das volle Verständnis für unsere Gleichberechtigung durchgedrungen ist, dank sollte es nicht schwer fallen, die Dinge ein gutes Stück vorwärtszubringen. So hoffe ich, daß der Besuch zur Klärung unserer beiderseitigen Auffassungen über die zur Verhandlungen stehenden Fragen in nützlichster Weise beitragen wird.
London, 22. März.
Wie Reuter zu der Unterhaussitzung am Don-
Berlin, 22. Mirz.
Am Tage der zweijährigen Wiederkehr des Staatsaktes von Potsdam hatte Ministerpräsident General E-öring den preußischen Staatsrat zu einer Arbeitstagung im Preußenhause einberufen. Ministerpräsident Göring eröffnete die Arbeitstagung mit einer längeren Ansprache, in der er alle aktuellen politischen Fragen behandelte.
Anknüpfend an das Erlebnis von Potsdam sprach Ministerpräsident Göring von der Bedeutung der Wiedereinführung der allgemeinen Wehrpflicht und ging auf die Fortschritte ein, die der Ausbau unseres Reiches seit dem Staatsakt kk Potsdam gemacht hat. Der Redner zog Parallelen zu der Zeit des Wiederaufstiegs Preußens nach dem Frieden von Tilsit. Der Neubau des Reiches habe nur deshalb in so kurzer Zeit durchgeführt werden können, weil der Schwung der in der NSDAP. zusammengeballten Energien zur Verfügung gestanden hätte. Auch die Beamtenschaft habe an dieser Arbeit einen wesentlichen Anteil.
„Die wichtigsten Ziele der nationalsozialistischen Aufbauarbeit sind und bleiben der Schutz des Reiches nach außen und Einrichtung und Ausbau des Reichsgebäudes nach innen. Aus der Fülle der anderen Aufgaben wachsen namentlich zwei zu immer größerer Wichtigkeit heraus: 1. Die Sicherung der wirtschaftlichen Belange des Reiches und damit die Sicherung von Brot und Arbeit für alle Volksgenossen durch eine zweckentsprechende
nerstag ergänzend erklärt, hat der englische Außenminister Sir John Simon von der Möglichkeit einer Einladung an Deutschland zur Teilnahme an der zweiten Konferenz, die bekanntlich in Italien stattfinden soll, gesprochen Die Regierungen Großbritanniens, Frankreichs. Italiens und unter Umständen auch Deutschlands hätten dann die Möglichkeit, nach der Reihe der Minister- besuche unter den veränderten Umständen die Lage zu besprechen.
In der französischen Presse ist diese unmittelbare Einladung an Deutschland dem englischen Außenminister zum Vorwurf gemacht worden.
In englischen Kreisen wird hierzu erklärt, es habe nie in der Absicht Englands gelegen, die Dreier-Besprechungen in eine Viermächte-Konfe- renz umzuwandeln. Der Hinweis Simons habe lediglich besagen sollen, daß, falls nach dem Berliner Besuch und den abschließenden Dreier-Besprechungen eine erfolgversprechende Grundlage
und kraftvolle Wirtschaftspolitik. 2. Die Fortführung und Vertiefung der Erziehung des deuts ch e n M e n s ch e n zur unauslöschlichen Erkenntnis und zur restlosen Betätigung im Dienste - der nationalsozialistischen Idee durch eine auf dieses Endziel abgestellte Kulturpolitik"
Der Ministerpräsident ging dann näher auf die Erfolge in der Ueberwindung der Arbeitslosigkeit in den letzten zwei Jahren ein. „Grundsätzlich ist zur Frage der öffentlichen Arbeitsbeschaffung zu bedenken, daß auf die Dauer der Erfolg der seit der Machtergreifung geschlagenen Arbeitsschlachten nur dann gehalten werden kann» wenn die Entwicklung der Wirtschaft sich nicht zu stark auf Antriebe stützt, die mehr einmalig und vorübergehend als dauernd wirksam sind und die von außen her in die Wirtschaft hineingetragen werden. Die Unternehmerschaft wird sich davor hüten müssen, daß infolge der staatlichen Aufträge die eigene Initiative einschläft. Der Staat mutz von der Wirtschaft verlangen, daß sie ihre nationale Pflicht erfüllt. Dazu gehört eine möglichst regeBetätigung im Export.
Die allgemeine Hebung des Lebensstandard : Volkes ist und bleibt das Ziel nationalsozialistischer Wirtschaftspolitik. Können wir heute die berechtigten Ansprüche der Arbeiterschaft noch nicht erfüllen, so werden wir besonders darauf bedacht sein müssen, der Arbeiterschaft im übrigen alle mögliche Fürsorge angedeihen zu lassen.
Im Anschluß an die Ausführungen des Ministerpräsidenten Göring sprach der Reichs- und preu-
für weitere Erörterungen gefunden sei, es sich als nützlich erweisen könnte, eine weitere Aussprache unter allen unmittelbar am Sicherheitsproblem interessierten Mächte, darunter auch Deutschland, stattfinden zu lassen. Sollte eine solche Aussprache praktisch Wirklichkeit werden, dann würden zu den Teilnehmern auch die am Ostpakt und am Donaupakt interessierten Staaten gehören.
Großsiegelbewahrer Eden ist am Freitagabend nach Paris abgereist. Man erwartet, daß die dortigen Dreimächte-Vesprechungen, die ersten seit dem neuen Abschnitt der europäischen Politik, den ganzen Sonnabend in Anspruch nehmen werden. Eden beabsichtigt jetzt, am Sonntag früh von Paris.nach Amsterdam zu fliegen, wo er von dem englischen Sonderflugzeug, das Sir John Simon und seine Begleiter nach Berlin bringen soll, an Bord genommen werden wird.
tzische Minister für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung Rüst über die Grundzüge der n a t i o n a l s ozialistischen Erziehung und Bildung. Nach einem Rückblick auf die schulpolitische Entwicklung der Systemzeit führte Rüst u. a. aus: Die neue deutsche Schule muß von jener Bewegung ausgehen, die den neuen Staat geschaffen hat, der Bewegung der nationalsozialistischen deutschen Arbeiterpartei. Die Eroberung des Staates allein ist keine geschichtliche Sicherheit für das Regiment. Unsere Flagge mutz von der nächsten Generation auch noch verteidigt werden. Darum kommt es darauf an, daß sie aus vollständig erwachten Deutschen besteht. Es ist allererste Aufgabe, neue Menschen zu schaffen. Neue Menschen schafft aber nur ein neuer Erzieher. Man kann nicht einen Staat Adolf Hitlers erobern mit den Tugenden des Mutes, der Zähigkeit und der Treue, in der Schule aber weiter einseitig einen faden Intellektualismus züchten. Voraussetzung für die Schaffung einer Jugend, die unseres Geistes ist, ist die erforderliche Zahl der diesen Anforderungen gewachsenen Lehrer. Wenn ich Blut und Boden als die Grundkraftquellen des Volkes erkannt habe. dann muß auch die Erziehung und Bildung aus ihnen heraus entwickelt werden und dementsprechend auch die neue Lehrerbildung. Es wäre geradezu selbstmörderisch, wenn ich den künftigen Landschul- lehrer in die Asphaltwelt der Großstadt hereinnehme.
(Fortsetzung auf Seite 2)
Kriegsschuldlügen
8. blü. Wenn ein Haus einzustürzen droht, nützt es nichts, nur seine Mauern zu stützen: der Gruno, aus dem es siebt, darf kernen Schwankungen ausgesetzt werden. Auch das Bersailler Bertragsgebäude droht mehr und mehr zu einer Ruine zu werden; aber noch möchten die französischen Diplomaten der alten Schule in richtiger Beurteilung der Gefahren die gleichfalls . brüchigen Fundamente von Versailles, die Kriegsschuldlüge, vor dem endgültigen Verfall retten. Nur so Ist es zu verstehen, daß der französische Ministerpräsident Flandin in ferner letzten Parlamentsrede völlig unmotiviert die „Verantwortlichkeit an der Entfesselung des Krieges" erneut Deutschland m die Schuhe schieben wollte und Adolf Hitler aufforderte, die Erinnerungen Bülows über die angeblichen Umstände bei der Kriegserklärung Deutschlands an Rußland nachzulesen. Aus jenen Erinnerungen soll, wie wir erläuternd hinzufügen möchten, hervorgehen, daß sich der Reichskanzler von Bethmann- Hollweg bei seiner Kriegserklärung an Rußland nicht von den Notwendigkeiten der nationalen Sicherheit, sondern lediglich von innenpolitischen Rücksichten gegenüber den Sozialdemokraten habe leiten lassen.
Zunächst eine kleine Richtigstellung: Der französische Kabinettsches spielt mit seinem Hinweis auf Bülows Memoiren offenbar auf eine Unterredung an, die am 1. August 1914 im Dienstzimmer Bethmann-HollwegS zwischen dem Kanzler, dem Geheimen Rat Kriege vom Auswärtigen Amt und dem Generaldirektor der Hapag Albert Ballin stattgefunden haben soll. Kriege, der am Text der Kriegserklärung an Rußland gearbeitet habe, sei vom Kanzler mehrmals ungeduldig gefragt worden, ob die Erklärung noch nicht fertig sei. Ballin habe sich, immer nach Bülows Bericht, darüber gewundert, daß es Bethmann-Hollweg mit seiner Kriegserklärung so eilig habe. Ganz gleich, ob die Angaben über jene Besprechung wahrheitsgetreu sind oder nicht: für die Kriegsschuldforschung werden sie allem schon durch die Tatsache entwertet, daß die Entscheidung über Wortlaut und Absendetermin der Kriegserklärung bereits in der Nacht vom 31. Juli zum 1. August gefallen war. Fatal, Herr Flandin, aber dokumentarisch nachweisbar!
Im übrigen ist die Frage erlaubt: Warum ignoriert der französische Ministerpräsident die Ergebnisse der Kriegsschuld- forschung, die der Behauptung in der berüchtigten Bersailler Note vom 16. Juni 1919, die deutschen Staatsmänner hätten Rußland in Hast den Krieg erklärt, längst das Merkmal der Lüge auf die Stirn gebrannt haben? Jeder, der die Julikrise miterlebt oder sich ernsthaft mit den historischen Ereignissen jener dramatischen Tage beschäftigt hat, weiß, daß der deutschen Kriegserklärung an Rußland ein auf 12 Stunden befristetes Ultimatum voranging. In ihm war angesichts der allgemeinen russischen Mobilmachung die Einstellung jeder Kriegsmaßnahme Rußlands gegen Deutschland und Oesterreich gefordert und die deutsche. Mobilmachung für den Fall einer ablehnenden Antwort angekündigt worden. Die Kriegs-
Aufbau im Zeichen von Potsdam
Ministerpräsident Göring vor dem preußischen Gtaatörat
Vei den Lofotenfijchern
Die wandernden Mtllionenheere des Dorsches
Wie steinerne Riesenfäuste tauchen aus dem Meer Vorläufer jener Gebirgskette auf, die an Norwegens Küste zwischen dem 68. und 68. Grad n. Vr. emporragt, die tzofoten. Uralt sind die Fischgründe an den Lofoten, sie gehören zu den reichsten der Welt und schon um das Jahr 1606 berichtet die Chronik von sagenhaften Fängen. Schon damals strömten die Fischer wie heute von der ganzen norwegischen Küste im West-Fjord zusammen, um den schier unerschöpflichen Reichtum des Meeres zu heben. Freilich, der Reisende, der im Sommer vom luxuriösen Dampfer aus die hinreißend schöne Kette der Lofoten im Glanz der Mitternachtssonne an sich vorüberziehen läßt, sieht und ahnt nichts mehr von dem seltsamen Treiben, das wenige Monate vorher an diesen verlassenen Gestaden herrschte.
Die Hauptsangzeit der Lofotenfischerei dauert von Mitte Januar bis Mitte April. Von unerklärlichem, dunklem Drang getrieben strömen alljährlich um diese Zeit die wandernden Mil- lionenheere des Dorsches in den West-Fjord hinein, um dort'zu laichen. Fischleib an Fischleib drängt und schlänge» sich in der Tiefe vorwärts. Deutlich spürt man am Senkblei, wenn es auf diese lebendige schwimmende Masse der Fischkörper auftrifft. Der Fang wird meist mit Hängenetzen betrieben. An zwei verankerten Bojen hängen die Netze an einer Leine nebeneinander in bestimmter Tiefe, die vorwärts drängenden Schwärme des Dorsches versuchen durch das Netz hindurchzukommen, jedoch die Maschen sind zu eng und die Fische bleiben in ihnen stecken. Jetzt versucht der Fisch zurückzudrängen, aber die Kiemen wirken in den Netzen wie Widerhaken.
An den Lofoten wird meist eine kleinere Ka
beljauart gefangen, der Dorsch. Sie finden sich durchschnittlich in Exemplaren von V- bis R- Meter Länge, Die Hauptfangplätze liegen östlich der Lofoteninseln. In den kleinen Fischerdörfern geht es um diese Zeit hoch her, sind doch fast 36 000 Menschen jedes Jahr hier versammelt. Nicht alle sind Fischer, ein Teil der Männer wird bei der sofort beginnenden Versteigerung und Verarbeitung beschäftigt. Neben dem vorherrschenden Norweger findet man häufig Lappen, und zwar nicht nur norwegische Lappen, sondern auch schwedische unter den Fangleuten. Man stelle sich einmal den Jahrmarktstrubel in der arktischen Winternacht vor, den diese Invasion von 30 000 Männern hervorruft. Der Kampf ums Dasein hat an dieser felsigen Küste Formen angenommen, der einzigartig auf dem ganzen Kontinent sein dürfte!
Alle Arten von Fahrzeugen sind vertreten, vom Hochseefischkutter bis zum Ruderboot. Die kleineren Boote fischen nicht mit Hängenetzen, sondern mit Angelleinen, deren Gesamtlänge häufig ein bis zwei Kilometer beträgt, mit Tausenden von Angelhaken, daran. Gleich den Netzen werden auch diese Leinen abends ausgelegt und am Morgen wieder eingeholt. Ein guter Fang bringt etwa 150 bis 300 Fische.
Die Bedeutung der Lofotenfischerei für die norwegische Volkswirtschaft ist beträchtlich. Ein schlechtes Jahr bringt Not in viele Häuser und Hütten vom NorSkap bis zum Kattegat. Aber auch in die volkswirtschaftlichen Zusammenhänge ist die Lofotenfischerei eng verflochten. Die Exportbeziehungen reichen tief hinein in das Mittelmeergebiet. Als Klippfisch oder Stockfisch ist der Kabeljau eine beliebte Fastenspeise in den katholischen Ländern. Der gefangene Dorsch wird
nahezu restlos verwertet. Dorschleber gibt Leber- tran und Maschinenfett. Der Rogen dient als Köder bei der Angelfischerei, die Köpfe werden zu Fischmehl, einem guten Düngemittel zermah- len. Der Fischleib endlich wird entweder ganz oder aufgeschnitten getrocknet. Meilenlang dehnen sich im Sommer die Holzgestelle, auf denen der Fisch gedörrt wird. Das wird der Stockfisch. Spaltet man den Kabeljau, nimmt man ihn aus und trocknet ihn, nachdem er eingesalzen ist, indem man ihn auf den kahlen, kantigen Felsen ausbreitet, so erhält man den Klippfisch. An allen Nordlandgestaden von Schottland und Island bis zum Nordkap findet man breite Flächen mit Klippfisch bedeckt.
Das Gewerbe der Lofotenfischer ist' hart und unsicher. Die Jahreszeit ist früh, das Wetter ist rauh, oft ist das Warten auf den Fisch vergebens, die Züge haben einen änderen Weg eingeschlagen. Sind die Boote beim Einholen der Netze, so brechen zuweilen plötzlich die Weststürme von der Lofotenwand herein. Es bleibt auch den kleinen und offenen Booten nichts anderes übrig, als auf Leben und Tod über die kochende See des breiten, meeresähnlichen West-Fjordes die Festlandshäfen zu erreichen. So mancher Lofotenfischer hat im West-Fjord sein Seemannsgrab gefunden. Doch alljährlich kommt der Fisch und immer wieder strömen die Menschen dem glückverheißenden Fischgrund zu. Ueber dem ganzen unruhvollen Treiben der Jahrhunderte aber stehen die trotzigen firnbedeckten Türme der Lofotenwand und blicken unbewegt auf Werden und Vergehen von Mensch und Fisch zu ihren Füßen. Halb sehen, halb ahnen wir die verderbenbringenden Klüfte, die Risse und Spalten, wenn die langsam sich schiebenden Wolkenballen vorher Verborgenes unseren Blicken enthüllen. Schar? trennen sich die vorderen, rötlich bestrahlten Bergzüge ab gegen die im Hintergrund mythisch, wie in einen dunklen Mantel gehüllten steinernen Kolosse. 8. Lrilcsso.
Wilhelm von Scholz
Merkwürdige Rettungen
Vor kurzer Zeit ging eine Nachricht durch die Blätter, daß ein nächtlicher Telephonanruf — noch dazu ein, wie sich nachher herausstellte, „Falsch verbunden" — für mehrere Menschen zum Lebensretter wurde. Ein Bankbeamter in New- york hörte in tiefer Nacht das Klingelzeichen, das Mühe gehabt hatte, in seinen Schlaf einzudringen und sich dort erst in Träume verspann. Der Mann konnte sich kaum ermuntern und merkte, als er schließlich wach geworden, schweren Schwindel, Kopfschmerzen, Uebelkeit. Mit Anstrengung stand er auf, tappte taumelig zum Apparat, hörte dort nur, daß der Anruf ihn nicht betreffe, und faßte in dem ihn beunruhigenden Dämmerzustand, dem er sich nicht zu entreißen vermochte, den Entschluß, seine Frau zu wecken, ehe er schlaftrunken wieder ins Bett sank. Er fand die Frau nicht schlafend, sondern in voller Bewußtlosigkeit in ihrem Bett liegend, wurde in seinem Schrecken nun Heller wach, spürte Gasgeruch, nahm alle Energie zusammen, öffnete die Fenster und telephonierte der Polizei. Es gelang, das Ehepaar mit den Kindern am Leben zu erhalten. Mittels Sauerstoffapparaten brachte man die schon tief Betäubten ins Bewußtsein zurück. Die falsche Telephonverbindung hatte die ganze Familie gerettet.
Es ist immer wieder verlockend, über einen solchen Schicksalsfall zu grübeln, sich vorzustellen, wie das Leben der Eltern und ihrer Kleinen an einem Haar gehangen hat, und wie nun eine Unaufmerksamkeit des Beamten, die uns meist nur ärgerlich macht, das größte Glück der Gefährdete!' wurde.
Wie erklärt sich solch ein Fall? Die Frommen werden das Wirken eines Schutzengels, die
Materialisten einen bloßen Zufall, die Okkultisten ein, vielleicht auf den Drähten des Fernsprechers sich fortpflanzendes, dunkles Hilfebegehren aus dem Unterbewußtsein des schlafenden Mannes annehmen, das schließlich den Beamten erreichte und zu der Rettung bedeutenden, falschen Stöpselung im Fernsprechschalter brachte. Eine sichere Erklärung gibt weder die eine noch die andere Auffassung, wenn auch die erste und die letzte unbedingt fühlen lassen, daß der Mensch nie allein ist, sondern immer in Netzen von Verbindungen und Beziehungen steht, von denen er abhängt.
Als am 25. Dezember 1908 das furchtbare Erdbeben Messina vernichtete, ging auch eine große Hochzeitsgesellschaft zugrunde. Fast zwei ganze Familien, die über mehrere Länder zerstreut lebten und zu der Feier von überallher herbeigekommen waren, wurden ausgerottet, als hätte sie das Schicksal dazu eigens zusammengerufen. Das junge Paar aber, dessen Hochzeitstag zum Todestag für den Hauptteil ihrer Angehörigen wurde, blieb vom Untergang verschont. Es hatte sich an jenem schwarzen Tag — vielleicht eigensinnig Und gegen den Wunsch der anderen, die deshalb nicht mitgekommen waren - zu einem Ausflug nach Taormina begeben, das von den verheerenden Erdstößen, die Messina und seine unmittelbare Nachbarschaft zertrümmerten, nicht erreicht wurde.
Auch bei dieser Rettung aus einer so gründlich gegen die Gesamtheit zweier Geschlechter wütenden Katastrophe überfällt uns. wenn wir uns das darin zutage tretende böse und gute Geschick recht vergegenwärtigen und vor die Seele stellen, eine seltsame Stimmung Es ist uns zumute als ob wir einen Herzschlag lang durch einen sich öffnenden Spalt der Tür des Schicksals gesehen hätten — aber es schloß sich die Tür schon wieder, ehe