Ausgabe 
(22.3.1935) Nr. 81
Seite
1
 
Einzelbild herunterladen

vremmKWtUmy

öas amUiche Srgan Ses Freien

I '

Montag?). Mvvutsbezu-z- RM. 2.3N einschl, 3» Rps gusteNinmsmliükr'

-ntE n P°McheÜ"ö°mbuä 172 72^Ä^ -»'sschl P°stbestellMld Der BezugsprM ist im voraus zu

-Kaunarlna ^ Betriebsstörungen begründen einen Anspruch aus Erstattung aber Ersah,

N-.-E°uverIag We,er-Ems G. m. b. H.. Bremen. Am Eeeren k-8 / Fernsprecher: Roland «25.

19 3 5

Nr. 81 / 3 . Jahrgang

Anzeigen-Grundpreise: Die S2-mm.ZeiIe im Anzeigenteil >2 Rps. die 7N-mm.AeiIe im

Ermäßigte Grundpreise stür kleine Anzeigen stiamilienanzetgen » a., sowie sonstige l^dinguoflen laut

Preisliste 1 , lNachlaßstns!eI V.s Für Anzeigen durch Fernsprecher keine Gewahr Annahmeichlnß S Uhr. Sprechzeit: Verlag werktäglich von 12 -13 Uhr; Schriftleitung Dienstag bis Freitag von 12'/^-13/-Uhr.

Freitag, 22. März

Einzelpreis 13 Nps.

England plant keine Gonderabkommen

Simon über den Berliner Besuch

Möe des englischen Außenministers im Unterhaus

London, 21. März.

Im Unterhaus hielt am Donnerstag Außen­minister Simon seine mit Spannung erwartete Rede.Wir hoffen", so erklärte der Außenminister, in wenigen Tagen eine freimütige Aussprache mit dem Kanzler des Deutschen Reiches zu haben, denn der Berliner Besuch verlangt völlige Freimütig­keit. Es ist allgemein bekannt, daß diese Besuche, die Eden und ich selbst in Berlin, Moskau und Warschau abzustatten im Begriff sind, eine'In­formationsreise darstellen. Ich übertreibe keineswegs, wenn ich sage, daß die deutsche Mittei­lung vom vergangenen Sonnabend für ganz Eng­land wie ein schwerer Chok gekommen ist. Sie hat unvermeidlich die Proteste der britischen Re­gierung, der französischen Regierung und der itali­enischen Regierung herausgefordert.

Einseitige Aufkündigung welcher Art auch immer die Erklärung hierfür sein mag erhebt

unvermeidlich die Frage nach dem Wert von Ab­machungen. Und dies war eine sehr schlechte Vor­bereitung für künftige Abmachungen. Wie ich überzeugt bin, werden mir alle zustimmen, daß wir unter diesen Umständen protestieren muhten. Nichtsdestoweniger wird das Unterhaus zugeben, dah die Schritte, die wir in Verbindung mit diesem höchst ernsten Ereignis getan haben, die weiseren Schritte gewesen sind. Wir fordern eine Versicherung, dah der Umfang der Besprechungen in keiner Weise beschränkt werden soll, und nach­dem wir diese Vorbehalte und diesen Protest ge­macht haben, bin ich davon überzeugt, dah es notwendig und richtig ist, diesen Besuch durchzu­führen.

Aber ich muß noch eine Bemerkung über die deutsche Mitteilung machen. Nicht nur der Zeit­punkt der Mitteilung, sondern die Natur und der Inhalt der Mitteilung werfen ein störendes Licht auf die Aussichten einer Regelung durch Verein­

barungen. Ich will heute nicht auf Zahlen ein­gehen, aber eins muß festgehalten werden: Die in der Mitteilung angedeuteten Ziffern für die deutsche Heeres stärke sind so groß und gehen so beträchtlich über die vor weniger als einem Jahr vorgeschlagenen Zahlen hinaus, ja, überschreiten in der Tat alles, was zur Zeit irgendeine Macht in Westeuropa aufzubieten hat, daß sie ernste Zweifel darüber auswerfen, ob ein Abkommen mit einigen der Nachbarn Deutsch­lands möglich sein würde, falls auf solche Ziffern bestanden werde.

Es ist kaum notwendig, zu sagen, dah wir keinerlei Sonderabkommen zwischen England und irgendeinem anderen Lande planen. Die Besuche in Berlin, Moskau oder Warschau bedeuten nicht, dah wir Paris, oder Rom, oder Brüssel, oder. wie ich hinzufügen möchte, Eens den Rücken ge­kehrt haben. Die europäische Regelung kann nur dann gründlich sein, wenn sie allumfassend ist."

Deutschland erkennt Proteste nicht an

Französische und italienische Noten in Berlin überreicht

Schutz

der Varteiuniform

Mitgehende Befugnisse -es Reichsfchatzmeisters der NSDAP.

Berlin. 21. März.

Zur Durchführung des Gesetzes gegen heim­tückische Angriffe auf Staat und Partei und zum Schutz« der Parteiuniformen ist die dritte Verord­nung erlassen worden. Danach ist der Reichsschatz­meister der NSDAP. ermächtigt, bei Zuwider­handlungen gegen das Verbot der Herstellung und des Vertriebes von parteiamtlichen Uniformen die nach dem Gesetz erforderliche Zustimmung zur Strafverfolgung zu erteilen. Für die Er­teilung der Erlaubnis zur Herstellung und zum Vertrieb von parteiamtlichen Uniformen und Ab­zeichen erhebt der Reichsschatzmeister der NSDAP. eine Gebühr. Die Verordnung bestimmt im ein­zelnen, welche Fahnen und Abzeichen zu den par­teiamtlichen Fahnen und Abzeichen gehören.

Der Reichsschatzmeister wird ermächtigt. Vor­schriften über die Herstellung von parteiamtlichen Uniformen, Fahnen und Abzeichen zu erlassen. Zu­widerhandlungen gegen diese Vorschriften werden mit Geldstrafe oder Haft bestraft. Das Verbot, ohne Erlaubnis Abzeichen der NSDAP. herzu­stellen oder zu vertreiben, bezieht sich nach der Verordnung auch auf SA.-Sportabzeichen, das Ko- Lurger Abzeichen, das Abzeichen der Parteitage Nürnberg 1929 und 1933 und das Abzeichen des SA.-Treffens Braunschweig.

Ferner trifft die Verordnung Bestimmungen darüber, was mit den Uniformen von Mitgliedern geschieht, die aus der Partei oder ihren Gliederun­gen ausscheiden. Innerhalb von drei Monaten nach dem Ausscheiden sind die Abzeichen sowie alle Uniformteil«, die die Kennzeichen und Merkmale der Uniform darstellen, entschädigungslos an die vorgesetzte Dienststelle des Ausgeschiedenen abzuliefern und die übrigen llniformteile, die nicht schwarz oder dunkelblau sind, umzufärben. Die Ablieferung und Ümfärbung ist nicht notwendig, wenn der Ausgeschiedene mit Zustimmung seiner vorgesetzten Dienststelle innerhalb von drei Mo­naten nach dem Ausscheiden die Abzeichen und Uniformen an zugelassene Verkaufsstellen oder an Mitglieder der NSDAP. oder ihre Gliederungen veräußert, die zum Tragen derartiger Uniformen und Abzeichen berechtigt sind. Bei ehrenvollem Ausscheiden oder Ausscheiden infolge Ablebens kann die vorgesetzte Dienstbehörde dem Ausgeschie­denen oder dessen Erben den Besitz des Abzeichens oder der Uniform belassen. Hierüber ist eine Be­scheinigung zu erteilen. Der Reichsschatzmeister der NSDAP. ist ermächtigt, die zur Durchführung dieser Verordnung erforderlichen Vorschriften zu erlassen.

Der Führer in Wiesbaden

Wiesbaden, 21. März.

Nach seiner Erkrankung hat der Führer Gelegen­heit genommen, für einige Tage Erholung in dem wundervoll gelegenen Taunusbad Wiesbaden zu suchen. Das HotelRosse", in dem der Führer Wohnung genommen hat, liegt völlig ruhig. Wohl warten Tausende begierig darauf, den Führer zu sehen, lärmende Kundgebungen aber unterbleiben. Den Vormittag leitete der Führer mit einem Spa- ziergang in dem herrlichen Kurgarten ein. Später besichtigte er eingehend das Kurhaus.

Berlin, 21. März

Der französische Botschafter Francols Poncet hat Donnerstag vormittag den Reichsminister des Aeußeren Freiherr« von Nenrath aufgesucht, um ihm eine Note zu überreichen, in der gegen das Gesetz für den Aufbau der Wehrmacht vom 1«. März 1838 protestiert wird. Der Reichsminister hat die Note entgegengenommen und den Bot­schafter darauf hingewiesen, daß die von der fran­zösischen Regierung gegebene Begründung für ihren Protest der tatsächlichen Lage nicht Rech­nung trüge- und deutscherseits deshalb abgelehnt werden müßte.

Auch der italienische Botschafter Cerruti suchte gegen Mittag den Reichsminister des Aeußeren aus, um ihm eine Note zu überreichen, in der die italienische Regierung gegen dieeinseitige Ab­änderung des Versailler Vertrages" durch das Reichsgesetz für den Ausbau der Wehrmacht vom 1«. März Einspruch erhebt. Der Reichsminister des Aeußeren hat nach Entgegennahme der Note den Botschafter gleichfalls darauf hingewiesen, daß die dem Schritt gegebene Begründung abge­lehnt werde» müsse, da der Versailler Vertrag durch die Nichteinhaltung des Abrüstungsverspre­chens der anderen Unterzeichnermächte von diesen nicht eingehalten worden sei.

Genf, 21. März.

Das Völkerbundssekretariat veröffentlicht das Telegramm der französischen Regierung an den

Generalsekretär des Völkerbundes, in dem der Genfer Bund ersucht wird, sich mit der durch die Wiederherstellung der deutschen Wehrhoheit ge­schaffenen Lage zu befassen. Es heißt in dem Te­legramm: Durch ein Gesetz, dessen Inhalt am 16. März den Botschaftern Frankreichs, Englands, Italiens und Polens in Berlin mitgeteilt und das am gleichen Tage veröffentlicht worden ist, hat sich die Reichsregiernng entschlossen, im Reich die allgemeine Wehrpflicht wiedereinzuführen und die deutsche Armee auf der Grundlage einer Heeresstärke von 12 Armeekorps und 36' Divisio­nen neu zu organisieren. Die deutschen Behörden

Kredite, Kredite. . .

Frankreichs Aufrüstung zur Luft

Paris, 21. März.

In der Sitzung des Luftfahrtausschusses der Kammer am Mittwoch hat Luftfahrtminifter Ge­neral Demain angekündigt, daß er unverzüglich einen Gesetzesvorschlag einbringen werde, der es ihm erlaube, die für das kommende Jahr vorge­sehenen Kredite für die Militärluftfahrt in Höhe von 1 Milliarde Frank sofort zum Ausbau der französischen Luststreitkräfte zu verwenden. Außerdem sollen diese Kredite um eine halbe Milliarde erhöht werden, so daß der Lustfahrt­minister zusammen mit den für 1835 bereitgestell­ten Krediten in Höhe von 2 Milliarden Frank über 3V- Milliarden Frank verfügen würde.

allermeisten seiner Volksgenossen erzählend zu verkünden. Er zeigt unablässig und unerschüt­terlich seinen Volksgenossen das Los derer, die auszogen, Deutschland draußen Wege zu bahnen, Felder urbar zu machen, den deutschen Namen durch Sein und Leistung zu vertreten, läßt den Helden klein werden vor der ungeheuren Auf­gabe, macht aus dem kleinen, durchschnittlichen Mann, der nichts Außergewöhnliches will und tut, einen wahrhaften Helden. Er verkündet den an­deren Völkern mit Worten, wuchtig wie Hammer­schläge, daß man ein aufstrebendes, wachsendes junges Volk wie das deutsche nicht innerhalb der zu engen europäischen Grenzen einpferchen kann und darf, sondern daß man ihm Raum ge­ben muß nach dem Maß seiner Kräfte. Dieses Was des Erzählens, der Erlebnisstoff, das Zu­sagende ist bei Grimm so reich, so besonders, so einmalig, so bis in das Letzte erlebt und durch­lebt, daß man den Eindruck hat, er reichte wenn es sein müßte für drei Menschendasein.

Und da ist nun das andere, von dem zum Eingang gesprochen wurde und diese Fülle erlebten Lebens wird mit einer Leidenschaft ohnegleichen, mit einem Eifer, dem es um alles geht, mit einer Unerbittlichkeit, die faule Ver­gleiche nicht kennt, der Allgemeinheit erzählend übermittelt, daß es sich nicht mehr um eine An­gelegenheit des Genusses dabei handelt, um etwas, das man hinnimmt und wieder fahren­läßt, sondern um eine Frage der Lebensentschei- dnng, zu der man mit Für und Wider Stellung nehmen muß. um Dinge der Lebenshaltung, die zu verändertem, gebessertem Handeln zwingen. So weit geht dieser Eifer um die Sache, diese Lei­denschaft um Verwirklichung des durch Erleben zum Willensziel Gewordenen bei Grimm, daß seine Kunst dieses Wort nun durchaus nicht im überlebten, verpflichtungslosen Sinn, sondern als verpflichtender, Werteschaffender Begriff ge­faßt darunter zuweilen leidet. Nicht das ist

haben außerdem einige Tage vorher die Schaf­fung einer deutschen Militärluftfahrt öffentlich bekanntgemacht. In dem einen wie in dem an­deren Fall hat die deutsche Regierung durch einen einseitigen Akt die vertraglichen Verpflichtungen bewußt verleugnet, die in den Verträgen enthal­ten sind, die Deutschland unterzeichnet hat.

In Berücksichtigung des Ernstes der Frage, die durch den deutschen Schritt entstanden ist, habe ich die Ehre, Sie zu bitten, eine außerordentliche Tagung des Völkerbundsrates einzuberufen zur Prüfung des vorliegenden Antrages.

gez.: Pierre Laval.

Regierungserklärung in Oslo

Oslo, 21. März.

Die neue norwegische Regierung stellte sich am Donnerstag dem Storting vor. In seiner Regie­rungserklärung führte Ministerpräsident Ny- gaardsvold aus, die neue Regierung fei eine Minderheitsregierung, die jedoch von dem starken Wunsch des Volkes nach wirkungsvolle­ren Maßnahmen gegen die Wirtschaftskrise unter­stützt werde. Die Regierung, die sich für eine bes­sere Zusammenarbeit und Organisation in der In­dustrie einsetze, werde ihr Bestes tun, um aus allen Gebieten wirklich Werteschaffende Arbeit durch den größtmöglichen wirtschaftlichen Erfolg zu sichern. Sie wird alle Bestrebungen unterstützen, die eine Verminderung der Arbeitslosigkeit zum Ziele haben.

gegen sein HauptwerkVolk ohne Raum" zu sagen, daß sich seine These in der vorgetragenen Ausschließlichkeit nicht halten läßt, da Deutsch­land in vieler Hinsicht nicht einVolk ohne Raum" sondern auch einRaum ohne Volk" war. Es kommt bei der Kunst durchaus nicht immer und vor allen Dingen auf die Richtigkeit der veranlassenden Erkenntnis, vielmehr auf die Mächtigkeit der sich ergebenden Leistung an. Aus

Ikons Srimin (* 22. Uüi -2 1875)

der falschen Vermutung heraus, daß die Lieder seines Volkes einmal eine epische Einheit darge­stellt hätten, hat der arme finnische'Medizin-Stu­dent Elias Lönnroth die unvergängliche Tat nicht so sehr der Sammlung und Sichtung als der Schaffung des großartigen finnischen National- EposKalewala" vollbracht. Und auch die Ein­wendung, daß der RomanVolk ohne Räum"

Schwarze Gefahr

Das Neger-Problem in den Vereinigten Staaten von Amerika

Chicago, im März.

Vor einem Chicagoer Gericht hat sich kürz­lich folgendes ereignet: Zwei streitende Nege­rinnen waren mit ihrem Anhang vor dem Richter erschienen. Die eine Partei war mit dessen Urteil nicht recht zufrieden, und als der Gerichtsdiener sie aus dem Saal weisen wollte, erhielt er einen Faustschlag ins Ge­sicht. Daraufhin warfen sich die Neger, Män­ner wie Frauen, mit dem Rufe:Freiheit und Gerechtigkeit" auf die anwesenden Poli­zisten und Gerichtsbeamten und begannen auf sie einzuschlagen und zu stechen. Auch Schüsse knallten. Aus dem ganzen Gebäude mußten Reserven herangeholt werden, um der tobenden Schwarzen Herr zu werden. Ein Polizeioffizier, den die Schwarzen zu Boden geworfen hatten, starb am Herzschlag, zwölf Polizisten erlitten mehr oder weniger schwere Verletzungen.

Dieses Geschehnis ist um so unfaßbarer, als in den südlichen Staaten des gleichen Amerika kein Schwarzer wagen würde, sich neben einen Weißen zu setzen, ja auch nur den Raum zu betreten, in dem Weiße essen oder wohnen, es sei denn als Auswärter. Der Süden hat es trotz seiner Niederlage im Bürgerkrieg, der um die Befreiung der Neger­sklaven geführt wurde, verstanden, den Far­bigenauf seinem Platz" zu halten. Das heißt, die Weißen in den Südstaaten sorgen für die Wohlfahrt der Schwarzen im Grunde besser als der Norden, aber sie halten eisern daran fest, daß die weiße Herrenrasse rein erhalten bleibt und daß sie unbedingt und unter allen Umständen die Herrschaft in der Hand behält, lind der Neger in den Süd­staaten ist auch keinen Augenblick im Zwei­fel darüber, daß er nur so lange auf ein in gewissen Grenzen behagliches Leben wie auf Sicherheit für Leib und Leben rechnen darf, solange er die unbedingte Herrschaft der weihen Amerikaner respektiert.

Im Norden ist der Neger politisch frei. Er entsendet seine Abgeordneten zu allen Par­lamenten und Körperschaften. Sein wirt­schaftlicher Aufstieg ist nicht gehemmt, alle Bildungsmittel stehen ihm offeni Ja, theore­tisch ist er auch gesellschaftlich gleichberech­tigt einzelne Staaten gestatten die Heirat zwischen Weiß und Schwarz. Aber in der Praxis ist der Farbige im Norden der Ver­einigten Staaten von der Welt der Weißen kaum weniger geschieden als im Süden. Der Unterschied ist nur der, daß die Grenzen hier nicht so unverrückbar feststehen wie im Süden, sondern fließend sind. Und so versucht der Schwarze unablässig, sie vorsichtig immer weiter zu verrücken. Farbige dringen in Stadtviertel und Parkanlagen ein, die bis­her den Weißen vorbehalten waren. Ein Neger aus dem Süden, der anfangs nur mit Herzklopfen einen Eisenbahnwagen zu be­treten wagte, in dem Weiße sitzen, setzt sich nach etlichen Jahren ohne weiteres neben eine weiße Daniel obgleich noch anderswo Platz ist. Und schließlich vergessen einzelne Neger so weit alle Grenzen und alle Vor-

zu breit sei, trifft in dem meistens vorgebrach­ten Sinne nicht zu. Epik auch das werden wir langsam wieder lernen müssen kann gar nicht breit genug, sondern nur zu wenig breit, kann nur zu schmal sein. Wohl aber stimmt es, daß Hans Grimm hier des öfteren das Erzählen vergißt, beiseitestellt; daß er von seinem Eifer um die Sache übermannt, von seiner Lei­denschaft der Weltänderung überwältigt Ab­handlungen, Vortrage, politische und wirtschaft­liche Erörterungen einschiebt, die nebenherge­hen und zum zweitenmal tun, was durch die Er­zählung schon getan ist oder vorwegnimmt, was dann erzählend noch getan wird. Hölderlin hat einmal gesagt:Das ist das Maß der Begei­sterung, das jedem einzelnen gegeben ist, daß der eine bei größerem, der andere bei schwächerem Feuer die Besinnung noch im nötigen Grade be­hält. Da wo die Nüchternheit dich verläßt, ist die Grenze deiner Begeisterung". Diese Grenze, an der die Nüchternheit, die heilige Nüchternheit, ihn verläßt, ist bei Hans Grimm sehr weit hinaus- gerückt, so weit wie bei kaum einem zweiten Dichter unserer Tage; aber inVolk ohne Raum" ist sie vielfach überschritten und zwar oftmals gerade dann, wenn Hans Grimm, weil er die Grenziiberschreitung spürt und vor sich selber als Fehler empfindet, sich in erhöhtem Maße, allzu geflissentlich dem Anschein der Nüchternheit und Sachlichkeit gibt. So wird das Werk, welches am schnellsten zum Weltruhm kam, auch am schnellsten vergehen und dann zur Hauptsache nur noch literarhistorisches und wirtichaftspolitisches Interesse haben. Bleiben aber, solange es eins deutsch« Dichtung gibt, werden:Die Olewagen- saga",Der Richter in der Karu",Mordenaars Graf" saus denSüdafrikanischen Novellen"), Die Geschichte von dem alten Blute und der un­geheuren Verlassenheit", :Der Händler" (aus dem BandeLüderitzland") und manche andere Erzählung noch. Von ihnen wagt man unbedenk-

Hans Franck über Hsns Grimm

Ein Dichter zum bv. Geburtstag eines Dichters

Man hatte sie in Deutschland fast aus den Au­gen verloren und auch jetzt ist sie bei weitem nicht tief genug in das Bewußtfein der Allgemeinheit eingedrungen, die Erkenntnis: Wer ein Erzähler sein will, der muß zunächst einmal etwas Bedeut­sames mitbringen, das zu erzählen, weiterzuer­zählen sich lohnt; und er muß zum anderen von einem solchen Eifer, einer solchen Leidenschaft erfüllt sein, dies besondere, unvergleichliche, per- sönlich-überpersönliche Erlebnis seinem Volk er­zählend zu vermitteln, daß er zugrunde ginge, wenn er von innen oder außen her zum Schwei­gen gezwungen würde. In den Zeiten, da man auch bei uns mehr und mehr die Kunst um der Kunst willen betrieb, während sie doch Dienst an der Gesamtheit und um der Gesamtheit willen ist. in dieser gottlob vergangenen oder doch ver­gehenden Zeit konnte man es immer wieder er­leben, daß Nichtigkeiten und Giftigkeiten der Kunst" nicht nur verteidigt, sondern gepriesen wurden mit der himmelnden Versicherung:2a, wie ist es erzählt gemalt geformt." Und .kaum jemand sah, daß man damit so handelte, wie wenn man zu einem Hungernden, dem man ftade Schaumschlägereien oder verdorbene Brocken vorsetzt, in dem Augenblick, da er sie zurück­schiebt, lobpreisend sagte:2a, satt wirst du nicht davon, aber wie ist es zubereitet! Mit einer ) ' .Kunst' ohnegleichen." Zu den wenigen, die in - den Jahren der Verkehrung unserer Dichtung, insbesondere unserer Erzählung, nicht so ver­fuhren, sondern umgekehrt, also richtig, gehört Hans Grimm. Er war bei dieser Zurechtrückung nicht nur zeitlich, sondern auch der Bedeutung nach, wenn nicht der erste, dann einer der ersten.

Da geht dieser Sohn eines hochgeistigen Vaters und einer hochherzigen, herrlichen, vorbildlich deutschen Mutter zunächst einmal hin und wählt einen Beruf, der durch seine Nüchternheit und Sachlichkeit von dem Dichtertum, auf das die Magnetnadel seines Herzens unverrückbar zeigt, so weit wie möglich entfernt ist, der geradezu seinen Gegensatz bildet oder doch darzustellen scheint: Er wird Kaufmann. Dann verläßt er Europa und dient in Deutsch-Südwest diesem erwählten Beruf mit ganzer Hingabe. Er tut also das, was auch Knut Hamsun zunächst tat, ohne sich um das Dichten zu kümmern: Er stellt sich handelnd dem Leben. Aber während Ham­sun, wie ein zweiter Odysseus, die Vielfalt des irdischen Daseins durchmißt und dann Jahrzehnt um Jahrzehnt dazu braucht, um das Allesver- bindende, Alleserklärende darzustellen: die Mensch­lichkeit im Guten und im Bösen, ergreift und be­greift Hans Grimm die Welt aus der Einfalt, von dem einen festen Punkt seines Ringens um die Wirklichkeit her.

Und welches ist dieses eine, das Grimm fern von der Heimat zum Richtpunkt für all sein Den­ken und Tun, sein Schreiben und Dichten, sein Mahnen und Urteilen wird? Das Deutschtum, das er in einem anderen Erdteil viel tiefer, um­fassender, klarer, verpflichtender erlebt als jene. welche daheimgeblieben sind, das Deutschtum in seinen Begrenzungen und Gefährdungen, mit seinen Schwächen und Fehlern, aber auch mit sei­nen Borzügen und Bewährungen, in seiner Un- oerwüstlichkeit und Heldenhaftigkeit Hans Grimm wird nicht müde. sein besonderes unge­wöhnliches Erlebnis den Deutschen umfassen­der und vorurteilsloser erlebt zu haben als die