Ausgabe 
(13.4.1935) Nr. 103
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das amtliche Drgan -es Senats

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Nr. 103 / 3. Jahrgang

Sonnabend, 13. April

Einzelpreis is Rps.

Das Ergebnis des zweiten Verhandlungstages in Gtrefa

Einheitsfront für Gens

Gemeinfchafisantrag zum deutschen Wchrgesetz vor dem Völkerbundsral

Unser lagesspiegel

In Stresa wurde man über die Behandlung des französischen Völkerbundsantrags zum deutschen Wehrgesetz einig.

Weiterer Gegenstand der diplomatischen Ge­spräche von Stresa bildete die Bereitschaft Deutschlands, einem Nichtangriffspakt im Osten zuzustimmen.

Im Judenprozeß von Kairo hielt Professor Grimm ein glänzendes Plädoyer.

Durch Sandstürme wurde in Amerika ein Teil der Weizenernte im Werte von 30 Millionen Dollar vernichtet.

Die bremische Landesbank hat den Rest der Dollaranleihe gekündigt.

Die Teilnehmerzahl an den Sommerkursen der DAF.-Schule in Bremen übersteigt bereits die des Vorjahres um das Dreifache.

Die Argo rechtfertigt mit ihrem Abschluß für 1034 das in sie gesetzte Vertrauen.

Das Führer-korps der Harter in München

München» 12. April.

München stand am Freitag im Zeichen einer be­deutsamen Zusammenkunft des Mihrerkorps der Partei. Am Vormittag versammelten sich die Re'ichsleiter, die Gauleiter mit ihren Stellvertre­tern sowie die Amtsleiter der Reichsleitung im großen Sitzungssaal des Münchener Rathauses zu einer umfassenden politischen Aussprache unter dem Vorsitz des Stellvertreters des Führers, Ru­dolf Hetz. Die Tagung wurde eingeleitet mit einem feierlichen Gedenken an den Verlust, den das Führerkorps der Partei seit seiner letzten Zu­sammenkunft durch den Tod des Gauleiters Hans Schemm erlitten hat.

In Anwesenheit insbesondere auch aller der­jenigen Reichsleiter, die als Reichsminister der Reichsregierung angehören, wurden die aktuellen innerpolitischen Fragen behandelt.

Die mehrstündige außerordentlich fruchtbare Aussprache stand ganz im Zeichen der engen Zu­sammenarbeit zwischen Partei und Staat gerade in dem geschlossenen Kreise der alten führenden Vorkämpfer der nationalsozialisti­schen Bewegung, jener Zusammenarbeit zwischen den Männern, die an der Seite des Führers in den Zentralen des Reiches und der Partei arbeiten und denen, die draußen als seine Stellvertreter die Träger der politischen Entwicklung des deutschen Volkes sind. Die Tagung bewies erneut, daß das Führerkorps der Partei heute ebenso der entschei­dende Faktor der innerpülitischen Entwicklung des Reiches ist, wie es einst die Kraftzentrale des nationalsozialistischen Kampfes um die Macht war. Am Nachmittag versammelten sich im Brau­nen Haus die Reichsleiter zu einer Tagung, in der die politischen Ergebnisse der großen Vor­mittagstagung erörtert und zusammengefaßt wur­den. Der Abend vereinigte das gesamte Führer- korps der Partei zu einem geselligen Beisammen­sein mit dem Stellvertreter des Führers.

Stresa, 12. April.

Wie der französische Außenminister nach Rück­kehr von der Jsola Bella, wo die Verhandlungen zwischen den englischen, französchen und italieni­schen Staatsmännern am Freitagabend um 7 Uhr abgeschlossen wurden, erklärte, ist zwischen den drei Mächten Einigkeit hinsichtlich ihrer Haltung in Genf erzielt worden. Der Sonderberichterstatter der Agentur Havas in Stresa will ankündigen können, daß damit die Konferenz von Stresa ihr Ziel bereits so gut wie erreicht habe und offiziell am Sonnabend zum Abschluß kommen werde.

Der seit Donnerstag vormittag zwischen den englischen, französischen und italienischen Ver­tretern erfolgte Meinungsaustausch habe eine

gründliche Prüfung des französischen Antrages an den Völkerbundsrat bezüglich der deutschen Aufrüstung ermöglicht. Die drei Regierungen seien übereingekommen, ge­meinsam diesen Antrag vor dem Völkerbunds­rat zu vertreten, doch werde es Sache des Völker­bundsrates sein, von sich aus den Wortlaut der Entschließung festzulegen, in der die Verletzung der internationalen Verpflichtungen durch Deutschland verurteilt werden solle. Ferner sind die Vertreter der drei Mächte übereinstimmend der Ansicht, daß, um den Folgen der deutschen Aufrüstung vorzubeugen, die Organisation der Sicherheit in Europa verstärkt werden müsse. Frankreich habe bereits praktische Schritte zur Stärkung der Sicherheit unter­nommen, die es auf jeden Fall in kürzester Frist zu einem günstigen Abschluß führen wolle.

den große Palmenfächer zu schwenken. Vielleicht sollt« damit ein praktischer Zweck erreicht werden, vielleicht war es nur dekorativ gemeint? — Wer weiß! — Was aber tat ich? — Ich schwöre Ihnen, daß ich mit meinem Tun bestimmt keine böse Ab­sicht verfolgt habe! Es war mir wirklich nichts daran gelegen, das Glück zweier Menschen zu zer­stören. Aber es wurde durch meine „Fahrlässig­keit" zerstört. Denn ich hatte mich mit meinem Palmenwedel so unglücklich aufgestellt, daß ich beim Schwenken mit den Blättern immer ausge­rechnet zwischen die beiden Gesichter kam und Orpheus und seine Geliebte immer von neuem entsetzt auseinanderfuhren.

Der Erfolg war, daß das Publikum zuerst schmunzelte, dann aber seiner Belustigung durch lautes Lachen Luft machte. So war ich also zum zweiten Male bös hereingefallen. Aber dann, später, ist doch alles gut gegangen, hoffentlich bleibt es weiter so. Jedenfalls verspreche ich Ihnen, daß alles, was ich erzählt habe, die lautere Wahrheit gewesen ist, wenn auch mein neuester Film „Warum lügt Fräulein Käte?" heißt.

Em Bremer Wissenschaftler 75 Jahre

Professor Dr. Eduard G i l d e m e i st e r, der hervorragende Chemiker, begeht am 16. April in Goslar den 75. Geburtstag. Er entstammt der alten angesehenen Bremer Kaufmanns- und Gelehrtenfamilie Eildemeister sowohl von Vaters wie von Mutters Seite her und kam in Bonn zur Welt als Sohn des berühmten Orientalisten Johann Eildemeister. Er studierte in Bonn, München und Freiburg Arzneimittellehre und Chemie und war Jahrzehnte lang Direktor der großen chemischen Fabrik Schimmel L Co. in Miltitz bei Leipzig. 1926 zog er sich nach Goslar zurück. Sein dreibändiges Werk über „Die äthe­rischen Oele" erschien auch in englischer und fran­zösischer Spracht.

Italien sei bereit, den gleichen Weg einzu­schlagen.

England allerdings lege eine größere Zu- > rückhaltung an den Tag. Es glaube, daß Fort­schritte in der praktischen Organisation der Si­cherheit schwer zu erzielen seien, solange eine neue Befragung Deutschlands nicht endgültig die Reichsregierung vor ihre Verant­wortlichkeit gestellt habe.

Nachdem der Völkerbundsrat sich über Frank­reichs Verwahrung gegen die deutsche Aufrüstung ausgesprochen haben werde, könne Laval nach War­schau und anschließend nach Moskau fahren, wo er den französisch-sowjetrussischen Abkommensentwurs unterzeichnen werde. Die englischen Minister ihrerseits würden die Erkun­digung bei der Reichsregierung vornehmen, von der die endgültige Entwicklung der diplomatischen Lage in Europa abhängen werde.

Die neue Führerstandarte. Professor Klein- München hat für den Führer diese neue Standarte geschaffen, die sowohl am Wagen wie auch auf der Reichskanzlei in der Wilhelmstraße geführt wird. Entsprechend der Stellung des Führers als Staatsoberhaupt wie als Oberbefehlshaber der Wehrmacht sind in der Standarte die Hoheits­zeichen des nationalsozialistischen Staates und der Wehrmacht vereint. In der Mitte befindet sich ein van einem golddurchwirkten Eichenlaub­kranz umgebenes Hakenkreuz.

Offenheit und Klarheit

„Stahlhelm" oder „NSDFB.?"

Bremen, 13. April.

Je mehr man durch die Jahre und die machtvolle Geschlossenheit des national­sozialistischen Staates Abstand bekommt von den schmachvollen Begebenheiten zwischen Kriegsende und dem Siegestage Adolf Hit­lers, desto schneller wollen gewisse Kreise (hinter denen satanisch lächelnd die Kulissen­schieber Überstaatlicher Mächte ihren Gift­becher mischen) vergessen machen, daß einzig und allein die nationalsozialistische Bewe­gung in der Lage gewesen ist, die rote Pest in Deutschland entscheidend niederzuschlagen und den freien Staat der Deutschen wieder aufzurichten. Und hier und dort — teils ver­schämt, teils unverschämt — versuchen Drahtzieher wieder im Trüben zu fischen mit Standes- und Besitz-Dünkel, mit überlebten und abgestandenen Vorrechten, lächerlichem persönlichem Ehrgeiz verbunden mit Ueberheblichkeit und Wichtigtuerei und egoistischen Zielen, für welche der revolu­tionäre deutsche Mensch des Dritten Reiches keinerlei Verständnis hat. Sie tarnen sich

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Das gestörte Liebespaar

VonDolly Haas

Wir setzen heute unsere Artikelfolge, in der «am- haste Bühnen- und Filmkiinstler von ihren „An­fängen" berichten, mit einer Plauderei von Dollh Haas fort. Wie man sieht, tanzt- sie schon von Ansang an aus der Reihe.

Das war damals am Operettenhaus zu Ham­burg, als ich (nicht gerade in einer Hauptrolle!) in LSHar's „Paganini" zu spielen hatte. Besser gesagt: Ich hatte nicht zu spielen, sondern zu tan­zen, denn auf Grund meiner tänzerischen Ausbil­dung hatte man mich in das Ballett gesteckt. Also unser Auftritt kam heran und ein toller Zigeuner­tanz mit Tamburin und Tschin-bum-bum riß die Zuschauer aus der behaglichen Ruhe und feuerte das ganze Haus mit seinen temperamentvollen Rhythmen an. Doch auch der feurigste Zigeuner­tanz hat mal ein Ende, und man muß aufpassen, den richtigen Abgang zu erwischen. Aber an Auf­hören habe ich — damals jedenfalls — nicht ge­dacht. Ich wirbelte noch immer aus der Bühne toll herum und machte mit meinem Tamburin einen so gewaltigen Lärm, daß ich wirklich nicht bemerkt hatte, wie nach und nach sich die ganze Bühne leerte, wie das Orchester aufhörte, zu spielen — es hatte ja tatsächlich nichts mehr zu spielen — und das Publikum sich über den öffent­lichen Solotanz glänzend zu amüsieren schien. Ein lautes Zischen aus den Kulissen weckte mich end­lich aus meinen Träumen und ließ mich Hals über Kopf von der Bühne verschwinden.

Sie können sich denken, was es da für einen „Abriß" gegeben hat! Es war das letzte Mal, daß ich aus der Bühne tanzte. Seitdem bin ich nur noch Schauspielerin. Aber auch das will ge­lernt sein. Jedenfalls muß man auch da ganz

klein anfangen und im Chor untertauchen. So hatte ich dann kurze Zeit darauf als Chormädchen in der Gluck-Oper „Orpheus" mitzuwtrlen. Meine Hauptaufgabe bestand darin, mit meinen Kolle­ginnen bei der zärtlichen Begrüßung der Lieben-

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Berlin für Nichtangriffspakt im Offen

Die wirklichen Ursachen für die „unbehaglichen Zustände" in Europa

(vraktberiekt unseres naek Stresa vatsanäten kr.-Svkriktleiters)

Stresa, 12. April.

Ein weiteres Ergebnis, das die Konferenzmit- glieder am Abend des zweiten Stresa-Tages ver­zeichnen konnten, ergibt sich aus einer Berliner Nachricht über Deutschlands wiederholt ausge­sprochener Bereitwilligkeit, Nichtangriffspakte im Osten abzuschließen. Neichsauhenminister Freiherr von Neurath hat aus eine telegraphische Anfrage Simons hin den englischen Botschafter in Berlin über die Bereitwilligkeit Deutschlands unter­richtet. Bon den fremden Staatsmännern wird besonderes Gewicht auf den Zusatz gelegt, daß diese Bereitwilligkeit auch dann gelten würde, wenn einzelne Teilnehmer solcher Pakte unter sich Verabredungen treffen. Der Inhalt dieser Nachricht wurde in der Konferenz als überaus wichtiges Ereignis aufgenommen

Berlin, 12. April

Zur Drei-Mächte-Konserenz in Stresa schreibt die Deutsche Diplomatische Korrespondenz u. a.: Ebenso wie England es nicht bei einer Protest­aktion gegen die deutsche Initiative vom 16. März bewenden ließ, sondern sich angesichts der neuen Situation erst recht um eine Verständigungs­grundlage bemühte, ebenso hat Deutschland nie das Ziel aus dem Auge verloren, seine berech­tigten Interessen mit denen der europäischen Staaten- und Kulturgemeinschaft im Rahmen eines allgemeinen Systems in dauernde Ueberein­stimmung zu bringen.

Wenn jetzt nach den Zielen und Absichten Deutsch­lands gefragt wird, so ist zu erwidern, daß sie eng

mit dem zusammenhängen, was die anderen Staa­ten wollen. Das Verhalten Deutschlands ist in der Vergangenheit meist nur die zwangsläufige Folge der Handlungen oder Unterlassungen der anderen gewesen. Es kann auch für die Zukunft nicht losgelöst von den anderen Erscheinungen und Tendenzen der europäischen Politik betrachtet werden. Eine derartige isolierende Betrachtungs­weise, die gern mit Schlagworten und Uebertrei­bungen einhcrgeht, wäre die verkehrteste Methode sür eine Konferenz, die den Tatsachen gerecht werden möchte, aus einer unersreulichcn Gegen­wart eine fruchtbare Zukunft gestalten zu helfen.

Ein englisches Blatt hat mit Recht daran er­innert, daß auch die Beschwerden Deutschlands eine Prüfung verdienen. Die Zustände, die zu diesen deutschen Beschwerden immer wie-

Görmgs Dank

Berlin, 12. April.

Ministerpräsident General der Flieger Eö- ring teilt mit: Anläßlich unserer Vermählung sind meiner Frau und mir so zahlreiche Beweise herzlicher Freundschaft und getreuer Gesinnung zu­gegangen, daß es uns vorerst nur möglich ist, auf die Tausende von Briefen und Telegrammen allen, die unserer in nationalsozialistischer Verbunden­heit gedachten, auf diesem Wege unseren aufrich­tigen Dank zu sagen. Die uns aus allen Volks­kreisen des Reiches und insbesondere von den Bei­

der Anlaß geben, sind in der Tat Elemente der Unruhe in Europa. Wenn in einem bestimmten Gebiet seit Monaten eine Ungerechtigkeit die an­dere ablöst, ohne daß die berufenen Instanzen für wirksame Abhilfe sorgten, so wird hier ein schlech­tes Beispiel für die Autorität des Rechtes in den internationalen Beziehungen gegeben. Das gleiche gilt jahrelang von der hartnäckig in der Praxis festgehaltenen Diskriminierung Deutschlands, die nur durch eine selbständige Initiative überwunden werden konnte. Wenn man feststellen zu müssen glaubt, daß diese Initiative in Europa Kompli­kationen und unbehagliche Zustände hervor­gerufen habe, so mutz man gerechterweife auf ihre wahren Ursachen zurückgehen und dort die bessernde Hand anlegen, wo, nicht durch den etwaigen schlechten Willen Deutschlands, sondern aus inneren Entwicklungsnotwendigkeiten heraus, eine Verschärfung und Komplizierung bestehender Mißstände zu befürchten ist.

liner Volksgenossen entgegengebrachte liebevolle Anteilnahme, -die uns mit stolzer Freude erfüllt hat, haben wir als die Krönung aller Freund­schaftsbeweise empfunden, die uns an unserem Hochzeitstage widerfahren sind.

Allen Kameraden der Ehrenformationen wie des Ehrenspaliers schüttle ich dankbar herzlichst die Hand. Auch für die sinnigen, herzlichen und kostbaren Gaben, die in so außerordentlicher Fülle und Reichhaltigkeit uns übermittelt wurden, vermag ich auch im Namen meiner Frau zu­nächst nur auf diesem Wege zu danken.

Warten s>ie doch ab!

„Sie müssen aber etwas warten", sagt die ärzt­liche Sprechstundenhilfe, die Sekretärin des Direk­tors, Schriftleiters oder Rechtsanwalts, „bitte, nehmen Sie Platz!" Also nimmt man Platz. Wich­tige Persönlichkeiten sind bekanntlich niemals so­fort zu sprechen, weil sie immer im Beansprucht- sein stecken. Sie haben immer genau die fünf Minuten zu wenig Zeit, die der Besucher zuviel hat. Und somit beginnt der Wartezustand. Es gibt Hunderte und Tausende von Wartezimmern in jeder Stadt. Aber Warten ist selten eine er­freuliche Angelegenheit. Es ist meist eine schwer« Leistung. Und dann besonders, wenn uns eine Mitteilung unangenehmer Art oder ein Schmerz bevorsteht, dann wird Wartenmiissen zur Höllen- pein. Die Zeit, die kostbare, mit der wir sonst so sehr geizen, hat nun alle Gültigkeit verloren.

Das Wartezimmer entsteht auf die natürlichste Art dadurch, daß mehrere Menschen einen einzigen zu sprechen wünschen. Das Verhältnis von An­gebot und Nachfrage liegt damit sehr günstig für den, der hinter der begehrten Tür sitzt. Welch eine bedeutende Rente an Selbstsicherheit für den Sprechzimmerbewohner! Es hat aber auch manch­mal seine Schattenseite. Oft trägt jemand ein un­sichtbares Wartezimmer überall mit sich herum — selbst bis in den nächsten Freundeskreis oder so­gar bis in die Familie. 2n der Liebe gehört es zu den echtesten Reizen der Weiblichkeit, den Be­werber zunächst einmal „im Wartezimmer Platz nehmen zu lassen". Jedes Frauenzimmer umgibt sich instinktiv mit einem Wartezimmer. Es gibt Männer, die im täglichen Leben sich kein Vorzim­mer gefallen lassen, die wie rauhe Landsknechte durch alle Türen hindurchdringen, aber in der Liebe verbringen sie die schönsten Jahre ihres Lebens im Wartezimmer. „Der kann warten!" Das ist eine der schlimmsten Herabsetzungen.

Der Takt. und die Ritterlichkeit des Sprechzim­merbewohners macht den leidigen Wartezustand hinterher meist wieder gut. Der Besucher bekommt einen angenehmen Polstersessel angewiesen. Wer seiner Kehrseite zu Hause nur harte Holzstühle an­bieten kann, der ist schon erquickt durch das Lab­sal bequemen Sitzens. Ein Zigarettenangebot ist die Krönung der Ritterlichkeit — es wird aber nur da angewandt, wo der Empfangende ahnt, daß er selbst von dem Besuch einen Vorteil haben wird. Ein Zigarrenangebot ist bereits eine Kapi­talsanlage und fällt schon unter das Unterneh­merrisiko. Steht der Besucherstuhl mitten im Raum, so kommt man sich einsam vor wie im Ozean. Steht er der Persönlichkeit, an die man ein Anliegen hat, zu nah, so ist das auch nicht rich- tig. Abstand halten bedeutet im Leben viel, oft sogar alles.

Abwarten, ohne Tee zu trinken — das ist die Tugend des Wartezimmerinsassen. Daß der Mensch warten kann, unterscheidet ihn vom Tier. Das Tier kann nur lauern. Lauern ist ein gieriges Gespanntsein. Warten ist höchste Disziplinierung unserer inneren Erregung und Erwartung. Es ist immer verdächtig, wenn jemand hastig nach einer Zeitung oder Zeitschrift greift. Er kann seine fie­berhafte Erregung nicht abbremsen, er mutz sie „umleiten". Die Nervösen fangen an zu wandern, als wären sie Tiger. Bären oder Füchse im Zoo hinter Eisenstäben. Sie müssen immer etwas „unternehmen", sie täuschen sich eine dauernde Tätigkeit vor, während sie doch bloß die Schuh­sohlen abnutzen.

Große Männer hatten und haben immer eine Eigenschaft: sie können warten. Bis ihre Zeit ge­kommen ist. Souverän, königlich haben sie sich in der Hand. Sie sind gelassen, d. h. in sich selbst wie in ein Eranitfundament eingelassen. Die nord­deutschen Küstenbewohner und vor allem die