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Nr. Y8 / 3. Jahrgang
Montag. 8. April
Einzelpreis is Rps.
Danzigs Bevölkerung beweist ihre Treue zum Reich
Großer Wahlsieg -er NGDAP
Hochverräter Dr. Rauschnmg ins -Ausland geflohen
Tanzig, 8. April.
Die Tanziger Vollrstagswahlen hatten das vorläufige Gesamtergebnis:
NSDAP. 13g 20V (109 020)
SPD. 37 530 (37 882)
KPD. 6 880 (14 566)
Zentrum 36 659 (31336)
Liste Weiße
(Nation. Front) 9 766 (13 596)
Liste Pietsch 756 ( — )
Polen 8166 ( 6 743)
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Der frühere Danziger Senatspräsident Dr. Rauschning, der wegen schwerer Vertrauensbrüche aus der NSDAP. ausgeschlossen wurde, hat nach einer Meldung des „Danziger Vorposten" Danzig verlassen und sich ins Ausland begeben. Die Ermittlungen haben ergeben, daß Dr. Rauschning in
seiner Danziger Wohnung tatsächlich nicht mehr auszusinden ist. Nach zuverlässigen Nachrichten soll Dr. Rauschning sich bereits im Auslande besinden. Dr. Rauschning hatte noch am Sonnabend srüh, also unmittelbar vor dem Abschluß der Danziger Wahlen, in der Presse der Sozialdemotratie und des Zentrums einen ossenen Brics an den Danziger Gauleiter Förster veröffentlicht, der nach Form und Inhalt den Tatbestand des Landesverrates erfüllt und sich in keiner Weise von den übelsten Erzeugnissen der Separatisten und Emigranten unterschied. Es ist bezeichnend, daß er noch vor Beendigung der Danziger Wahlen durch Flucht ins Aus- land die Folgerung aus seinem Handeln gezogen hat.
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Nach einer Woche jubelnder Hochstimmung, die mit der Kundgebung vor Reichsminister Dr. Goebbels ihren Höhepunkt erhalten hatte, brach bei klarem kühlen Wetter der Wahlsonntag für Dan
zig an. Punkt 9 Uhr morgens setzte in den 188 Wahllokalen in der Stadt Danzig sowie in Zop- pot und in den drei Landkreisen Höhe, Niederung und Werder die Wahl mit voller Stärke ein. Bereits kurz nach 9 Uhr standen in den meisten Wahllokalen die Danziger Wähler und die Aus- lands-Danziger-Wähler in langen Schlangen an, um ihrer Wahlpflicht zu genügen. Dieser Andrang hielt den ganzen Vormittag und auch mittags über unvermindert an.
Da der Gegner erfahrungsgemäß später eventuell mit Greuel- und Lügenmärchen arbeiten wird, ist von vornherein festzustellen, daß das Wahlgeheimnis überall mit geradezu peinlicher Genauigkeit überwacht wird. In allen Wahllokalen sind Vertreter auch der übrigen Parteien anwesend und können sich davon überzeugen, daß jeder seinen Wahlzettel in vollkommener Abgeschlossenheit ankreuzt und das Wahlgeheimnis in jeder Beziehung gewährt ist. (Fortsetzung S. 2.)
Die letzten Vorbereitungen für Gtresa
Frankreich fordert die „moralische Verurteilung" der
(Drabtborivkt äussrer Lerlivor SodriktloituuK)
Berlin, 7. April
Die Vorbereitungen der Konferenz von Stresa stehen im letzten Stadium. Die Entscheidung wird zuerst am Montag in London erwartet. In Paris und Rom rechnet man damit, diese Entscheidung noch für die letzten Kabinettsberatungen vor der Abreise verwenden zu können. 2n Berlin hat man am Sonntagabend über den augenblicklichen Stand der. Dinge folgende Auffassung:
Weder das französische Kabinett noch Mussolini werden am Dienstag in der Lage sein, bestimmte Entscheidungen auf Grund eines festen Beschlusses des Londoner Kabinetts zu treffen. Man rechnet nicht mehr damit, daß die englische Regierung in offizieller Form der Konferenz von Stresa Vorschläge unterbreiten kann. Man nimmt vielmehr an, daß das englische Kabinett aus ziemlich erheblichen Schwierigkeiten, die bei den Verhandlungen entstehen werden, den Ausweg wählen wird, die Konferenz von Stresa nur mit einer allgemeinen Aussprache zu beginnen.
Das englische Kabinett muß feststellen, daß der Ostpakt erledigt ist. Die englische Regierung hat weiter den sogenannten allgemeinen Beistandspakt zu prüfen, der in England keine große Gegenliebe findet. Man hat teils die Befürchtung, daß das französisch-russisch-tschechische Militär- bündnis nicht verhandelt werden kann und ein System von Nichtangriffspakten zu wenig Sicherheit bietet; teils ist man nicht bereit, einzuge- stehen, daß ein Teil der englischen Vorschläge auf deutschen Vorschlägen beruht.
Die Konferenz von Stresa kann unmöglich nach einem französischen Plan mit einer sogenannten „moralischen Entrüstung" über die deutsche Aufrüstung belastet werden. Sollte man wirklich in Genf später eine Entschließung gegen Deutschland annehmen, so würde das im vollständigen Gegensatz zu den Plänen stehen, die eine Erweiterung der Bölkerbundssatzung vorsehen.
Paris, 7. April.
In gut unterrichteten politischen Kreisen behauptet man, daß die französische Regierung die Richtlinien der französischen Außenpolitik, wie sie kürzlich Rom und London mitgeteilt worden seien, noch nicht geändert habe. Der Ministerrat vom Dienstag werde den Wortlaut der Denkschrift, in der Frankreich den Antrag vor dem Völkerbundsrat unterstützen werde und den Wortlaut des ihn begleitenden Entschließungsentwurfs festlegen. Unter Bezugnahme auf Artikel 11 des Völkerbundspaktes fordere die französische Denkschrift energisch vom Völkerbundsrat die „moralische Verurtei- lugn" der von Deutschland unter Mißachtung der Verträge getroffenen einseitigen Maßnahmen. Der Entschließungsentwurf schlage dem Völkerbundsrat vor, diese „moralische Verurteilung" aus- zusprechen und ziehe überdies, wie gerücht- woise verlautet,' noch positivere Maßnahmen in Betracht. Doch könn«, so wird namentlich in denselben französischen Kreisen betont, der Ministerrat vom Dienstag auf Grund weiterer Jn-
deulschen Maßnahmen
formationen erhebliche Aenderungen an der bisherigen Fassung der französischen Schriftstücke vornehmen.
Eden erkrankt
London, 7. April.
Lordsiegelbewahrer Eden ist Sonntagnachmittag unter Hinzuziehung eines Spezialisten ärztlich untersucht worden. Ueber den Befund wurde eine Verlautbarung veröffentlicht. Danach leidet Eden an einer Ueberanstrengung des Herzens. Zum Teil wird dies auf den letzten durch stürmisches Wetter sehr anstrengend gewordenen Teil seiner Lustreise zurückgeführt. Die Aerzte haben es als notwendig bezeichnet, daß Eden sich für vier bis sechs Wochen völlige Ruhe auferlegt.
Lordsiegelbewahrer Eden wird, wie amtlich mitgeteilt wird, infolge seiner Erkrankung an der Sondersitzung des Kabinetts am heutigen Montag nicht teilnehmen können. Ebenso ist er außerstande, den Staatssekretär des Aeußeren Simon zu der aus Donnerstag festgesetzten Konferenz in Stresa zu begleiten.
Nach Empfang der Mitteilung von Edens Erkrankung sprach der Staatssekretär des Aeußeren, Sir John Simon, am Sonntagnachmittag bei Eden vor. 2m Namen des Ministerpräsidenten MacDonald wurde folgende Mitteilung an die Presse gegeben: Der Ministerpräsident ist aus
persönlichen und politischen Gründen von tiefstem Bedauern über die Erkrankung Edens erfüllt.
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Am 9. April d. I. vollendet General Erich Ludendorsf, der große Heerführer und Stratege des Weltkrieges, sein 7V. Lebensjahr.
Auf dem Gute Pruszenia bei Schwersenz in der Provinz Posen wurde Erich Luden- dorff am 9. April 1865 geboren. Nach Abschluß seiner Erziehung im Kadettenkorps trat er 1882 in das Preußische Inf.-Reg. 57, Wesel, ein. 1885 berief man ihn in den Großen Generalstab, dem er bis zu seiner Ernennung zum Kommandeur des Füsilier- Regiments 39, Düsseldorf, angehörte. Im April des Jahres 1914 erhielt Ludendorsf ferne Beförderung zum Generalmajor und wurde Brigadekommandeur in Straßburg, bis zum Ausbruch,Hes, Krieges--der-, ihn gls Oberquartiermeister der 2.^ Armee, unter.von ^ Bülows Führung, sah. .
Bei dem Handstreich auf Lüttich — die Wegnahme dieses belgischen Festungsgürtels war entscheidend für. den-Ablauf des deutschen Operationsplanes von 1914 —, der durch sechs rasch zusammengezogene Friedensbrigaden, unter General Emmich,. vor sich gehen sollte, gelang.es Ludendorsf, der sich ohne Auftrag an die Front bei Lüttich begeben hatte, da das Armee-Oberkommando II, dem er zugeteilt war, in Hannover zusammentrat, durch persönlichen Einsatz, den entscheidenden Erfolg schon im ersten Ansturm herbeizuführen.
Ludendorsf befand sich während des Vormarsches mit General Emmich am Ende der mittelsten Marschkolonne. Als diese stockte, arbeitete sich Ludendorsf, der an sich der Truppe nichts zu befehlen hatte, bis an die Spitze vor. Der Brigadekommändeur war gefallen. Die Truppe selbst in der'Dunkelheit in heftigsten Straßenkampf verwickelt./ Da übernahm General Ludendorsf aus eigener Initiative kurzerhand das Kommando, über die Truppe und er vermochte es, sie vorwärtszureißen und in das Innere der Festung hineinzuführen. Später stellte es sich heraus, daß die von Ludendorsf mitge
rissene Brigade die einzige war, die das Ziel des Ringens erreichte.
Die Tat von Lüttich bedeutete gleichzeitig die entscheidende Wendung in der Laufbahn Erich Ludendorffs. General von Prittwitz, oer der Lage im Osten nicht gewachsen war, wurde, ebenso wie fein Generalstabschef, abgesetzt-und Hindenburg mit der Führung im Osten betraut. Sein Chef des Stabes wurde Ludendorsf.
Am 22. August 1914, vormittags, erhielt Ludendorsf, der mit der 2. Armee im Äor- ' marsch durch Belgien war, einen Brief Mo.lt- kes, in dem sich die folgende Stelle befindet: „... Sie werden vor eine neue schwere Aufgabe gestellt, vielleicht noch schwerer als die - Erstürmung Lüttich«. Ich weiß ' -keinen anderen Mann, zu dem ich/sd/uck - b e d-i n g t e s V e r t r a u e n hätte raU.'zu Ihnen. Vielleicht retten Sie im Osten noch die Läge."
Und nun begann der Siegeslauf der deutschen Armeen gegen Rußland. Tannenberg, die Schlacht an den Masurischen Seen — Ostpreußen wurde frei. Die russische.Dampfwalze schmolz im Feuer deutschen Siegeswillens, den die geniale Führung Hinden- burg-Ludendorff, im Bunde mit dem unvergleichlichen Elan der dämpfenden Truppe» einer Welt bewies, die schon wähnte, in kur- em Deutschland in die Knie gezwungen zu aben. Aus ewig verbunden mit all diesen leuchtenden Taten der deutschen Kriegsgeschichte ist und bleibt der Name Luden- dorff!
Leider gelang es dem Nachfolger Moltkes in der Stellung des Chefs des Generalstabes des Feldheeres, General Freiherr» von Fal- kenhayn, Hindenburg-Ludendorff e.ine Weile ziemlich kaltzustellen, bis dann schließlich Ende August 1916 die Not die widerstrebenden Geister zwang, Hindenburg-Ludendorff mit dem Oberbefehl über die gesamten deutschen Streit Kräfte zu beauftragen. Ludendorsf wurde hierbei ausdrücklich mit der vollen Mitverantwor-
Der möblierte Herr Schopenhauer
Line wahre Geschichte, erzählt von Erich Wuschalla
Es dürfte ein in der Geschichte der Philosophie seltener Fall sein, daß ein Philosoph wegen tätlicher Beleidigung einer Frau vor Gericht gestellt und verurteilt wird. Dieses Mißgeschick widerfuhr dem dreiunddreißigjährigen Arthur Schopenhauer, dem damals eben erst neubestallten Dozenten an der Berliner Universität. Die widrigen Begleitumstände dieses peinlichen Prozesses waren nicht geeignet, Schopenhauers Einstellung der Weiblichkeit gegenüber eine freundliche Note zu geben.
Der Philosoph bewohnte zu jener Zeit möblierte Räume auf der Niederlagsstraße, ein Schlaf- und ein Studierzimmer. Er hatte mit der Wirtin, der Witwe Becker, fest ausgemacht, niemand dürfe sich in dem Vorraum seiner Wohnung aufhalten, eine Vorsichtsmaßregel, deren Sinn sich nur zu bald erweisen sollte. Eines Tages kam Schopenhauer nach kurzer Abwesenheit in die Wohnung zurück und fand zu seiner großen Ueberraschung das Hausmädchen mit zwei anderen weiblichen Personen im Vorraum sitzend, und zwar in einer angeregten Unterhaltung begriffen. Schopenhauer wollte nun die drei Frauen durch die Wirtin Herausweisen lasten; da Frau Becker aber nicht zu Hause war, forderte er selber die aufgescheuchten Mädchen zum Verlassen des Raumes auf und berief sich dabei auf seine Abmachungen mit der Wirtin. Zwei der Frauen verschwanden auch schleunigst, nur die siebenundvierzig Jahre alte Näherin Luise Marquet ließ sich nicht bewegen, das Feld zu räumen; sie gab ihrer Meinung Ausdruck, als honette Person brauche sie einer so barschen Aufforderung nicht nachzukommen.
Schopenhauer bedeutete ihr, daß er sie nicht zu sehen wünschte, sobald er wieder aus dem Zim-
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mer herauskäme, und ging in seine Wohnung. So wie er war, mit Hut und Stock, kam er dann bald wieder heraus, und da Luise Marquet noch immer im Vorraum saß, drohte er ihr an, er werde sie mit Gewalt hinaussetzen, wenn sie nun nicht endlich von selber ginge. Vielleicht traute das alte Fräulein einem preußischen Universitätsprofessor einen solchen Akt der Gewaltanwendung nicht zu, jedenfalls blieb sie sitzen und sah der weiteren Entwicklung der Dinge womöglich mit einer gewissen Sensationslust entgegen. Sie brauchte nicht lange zu warten. Nach seiner eigenen Darlegung faßte Schopenhauer, „wie es zweckmäßig war", die widerspenstige Frauensperson um den Leib, schleppte sie trotz heftigen Sträubens aus dem Vorraum und warf ihre zurückgelassenen Sachen nach. Aber wie eine Megäre stürmte die Frau noch einmal zurück, so daß sich Schopenhauer genötigt sah, den gewaltsamen Herauswurf zu wiederholen. Diesmal aber kam sie zu Fall und schrie mörderisch. Schopenhauer freilich meinte, sie habe sich absichtlich zu Boden gleiten lasten, um nach Weiberart recht viel klagen zu können, nachdem das gesamte Haus alarmiert war.
Am Tage darauf, dem 13. August 1821, reichte Fräulein Marquet gegen Schopenhauer die Beleidigungsklage ein, wobei sie angab, der Beklagte habe ihr die Haube abgerissen, sie mit beiden Händen am Hals -gewürgt, sie mit Füßen getreten und mit der Faust geschlagen, bis sie ohnmächtig geworden sei. Auch habe er sie als „Luder" beschimpft. Die Klägerin fügte ein ärztliches Zeugnis bei, durch das eine abgerissene Warze und einige blaue Flecken sowie beschleunigter Pulsschlag bescheinigt wurden. Schopenhauer bestritt
diese Darstellung, auch den Zusammenhang zwischen den blauen Flecken und seinem Vorgehen. Nur das Wort „Luder" gab er zu und verlangte, deswegen bestraft zu werden. Selbst wenn das Gericht annehmen wollte, meinte er, daß die blauen Flecken durch ihn verursacht seien, könne er nur sagen, die Klägerin habe sich alles selber zuzuschreiben, denn „solchen kleinen Verletzungen setzt man sich natürlich aus, wenn man da, wo man nichts zu suchen hat, sich unnütz macht und fremder Herren Thüren umlagert hält mit solcher Hartnäckigkeit, daß man mit Gewalt weggeschoben werden muß und dann noch dieser rechtmäßigen Gewalt eine unrechtmäßige entgegensetzt". Wegen des behaupteten beschleunigten Pulses und des allgemeinen Unwohlseins lächelte der Philosoph nur, denn er meinte ja die Weiber genügend zu kennen. „Der beschleunigte Puls mag eine Folge des Aergers bei gekränkter weiblicher Eitelkeit gewesen sein", schrieb er in seiner Rechtfertigungsschrift, und das llebelbefinden solle man bloß nicht tragisch nehmen, „da bekanntlich das weibliche Geschlecht gar häufig in kränklichem Zustande ist und ganz besonders, wenn es will".
Das Urteil erging erst nach sechs Monaten. Durch den Spruch des Hausvogteigerichts wurde Fräulein Marquet mit ihrer Klage abgewiesen, weil Schopenhauer berechtigt war, eine widerrechtlich in den Vorraum eingedrungene Frau herauszusetzen, nachdem sie nicht freiwillig gehen wollte. Sogar die abgerissene Warze und die blauen Flecken wurden dabei als unausbleibliche Begleiterscheinungen berechtigter Gewaltanwendung hingestellt. Frau Marquet legte jedoch Berufung ein, und das Revisionsgericht verurteilte dann Schopenhauer wegen „geringer, ohne merkliche Beschädigung abgelaufener Realinjurien" zu zwanzig Talern Geldstrafe.
Durch diesen Erfolg ermutigt, reichte Frau Marquet beim Kammergericht eine Klage auf Schadengutmachung ein, durch die außer Arzt-
kosten auch eine regelmäßige Monatsrente von fünf Talern, verlangt wurde. Schopenhauer war inzwischen auf eine Auslandsreise gegangen und kehrte erst nach vier Jahren nach Berlin zurück. Einige Monate vorher hatte,das Kammergericht bereits zugunsten der Klägerin entschieden: Schopenhauer sollte ihr einundvierzig Taler Auslagen ersetzen und ihr eine Vierteljahrsrente von fünfzehn Talern so lange zahlen, bis das inzwischen festgestellte Gebrechen — Zittern des Armes — wieder verschwunden sei. Schopenhauer befürchtete nicht ohne Grund, daß er von dieser Rentenzahlung zu Lebzeiten der Klägerin nicht mehr loskommen würde, da, wie er sagte, „sie wohl so klug sein wird, das Zittern des Arms nicht einzustellen".
Er sollte recht behalten. Zwar hob das Berufungsgericht die Verpflichtung zur-Rentenzah-
Phtlander:
Die Äkt<
Der Herr Oberinspektor ist pensioniert worden, vier Wochen später auch der Herr Ländrat. Sie treffen sich beim Spazierengehen vormittags in den Anlagen zu einer für den Beamten ganz unvorstellbaren Zeit: Viertel nach Zehn.
Wie geht's denn dem Herrn Landrat? fragt der Inspektor.
Ach, es ist entsetzlich, antwortet der, dieses Herumsitzen daheim! Meine Frau schimpft, überall bin ich ihr im Wege und länger als eine Stunde kann man doch auch nicht Zeitung lesen, in der Wohnung ... Ich weiß nicht, was ich anfangen soll, lieber Klose, — was machen Sie denn?
Ja, sagt der Inspektor, ja Herr Landrat, so ist mir's auch gegangen am Anfang, aber jetzt hab' ich mich eigentlich schon gewöhnt.
Was machen Sie denn? fragt der Landrat.
lung auf, aber das von der Klägerin angerufene Obertribunal stellte den ursprünglichen Spruch wieder her, und so erhob Fräulein Marquet am Beginn jedes Quartals mit zitterndem Arm diabolisch lächelnd bei dem Philosophen ihre Rente ...
Es ist fraglich, ob der möblierte Herr Schopenhauer sein Vorzimmer gewaltsam von einem widerspenstigen Weibsbild gesäubert haben würde, hätte er gewußt, wie teuer ihm diese Handlung zu stehen kommen sollte. Fräulein Marquet lebte nämlich mit ihrem zitternden Arm noch zwanzig Jahre lang, und zwei volle Jahrzehnte hindurch strich sie pünktlich den Tribut des Philosophen ein. Vielleicht ist sie mit schuld daran, daß Schopenhauer seine geringschätzige Meinung über die Frauen bis an sein Lebensende beibehalten hat.
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Oh, sagt Klose, ich bin neulich nochmal am Amt vorbeigekommen, als die Akten ausgeschieden wurden für den Altpapierhändler, da hab ich gesagt, eigentlich könntet ihr mir davon auch welche geben, und oer Aktuar hat mir darauf einen großen Stoß zugeteilt, mein Junge hat's auf dem Leiterwagen heimgefahren.
Na und? will der Herr Landrat wissen.
Na und, sagt Klose, wie um sich zu rechtfertigen über den lagernden Aktenbesitz. Ja, ich habe sie natürlich gleich sortiert, eine Registraturordnung angelegt, frische Pallien angebracht bei den alten und ein Verzeichnis für die Wiedervorlagen gefertigt.
Ach, sagt der Herr Landrat, und sein Gesicht hellt sich auf, er lächelt schon fast gerührt wie ein Kind: Ach, Klose, könnten Sie mir die Vorlagen nicht regelmäßig abends zur Unterschrist bringen?.