Ausgabe 
(7.4.1935) Nr. 97
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Bremer Zeitung erscheint täglich (auch Montags). Monatsbezua: RM. 2,Zk> cinschl. 30 Rps. Zustellungsgebühr; durch die Post RM. 2,30 einschl. Uebcrweisungsgebühr, ausschl. Postbestellgeld. Der Bezugspreis ist im voraus zu entrichten. Postscheck Hamburg 172 72. Betriebsstörungen begründen keinen Anspruch auf Erstattung oder Ersatz.

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Nr. 97 / 3. Jahrgang

Sonntag, 7. April

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Wenige Tage vor der Konferenz von Gtresa:

SeltsameGrenzsicherung" Frankreichs

60000 Mann bleiben über den vorgesehenen Entlassungstermin hinaus unter den Waffen

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Schüsse

auf Abgeordnete

Gespannte Lage im brasilianischen Staate Para Rio de Janeiro, S. April.

Der brasilianische Staat Para steht erneut vor schweren innenpolitischen Kämpfen. Der In» terventor des Staates, Major Barata, bedrohte die Mehrheit des Staatsparlamentes, da diese sich gegen seine Wiederwahl ausgesprochen hatte. Nachdem Abgeordnete, die der Mehrheit ange­hören, aus dem Parlamentsgebäude geflüchtet waren und sich in die Kaserne der Garnison von BAem zurückgezogen- hatten, ließ sich der Jnter- ventor von der Minderheit des Parlamentes zum Staatspräsidenten ausrufen und verhinderte den Zusammentritt des Eesamtparlaments. Dabei er­klärte er, daß er nur äußerster Gewalt weichen wolle. Die Mehrheit des Parlaments hat das Wahlgericht angerufen. Zur Durchführung der zu erwartenden gerichtlichen Entscheidung wurden die Heeres- und Marinekräfte von Belem alar­miert. Da man ernste Ereignisse befürchtet, sind alle Geschäfte geschlossen und der Verkehr still­gelegt worden.

> Nach einer spätere» Meldung ist es noch am Sonnabend zn schwere» Ausschreitungen gekom­men. Die Abgeordnete» der Mehrheit des Staats­parlaments wurden Lei dem Versuch, unter dem Schutz von Bnndestruppen wieder in das Parla- mentsgebäude zu gelangen, von Anhänger» des Interventen; angegriffen. Bei der Schießerei wur­den drei Abgeordnete schwer verletzt» während SO weitere Personen leichtere Verletzungen davon­trugen. Das Kriegsministerium ist entschlossen, die Rechte der Parlamentsmehrheit mit allen Mittel« durchznsetze».

Der polnische Admiral Swirski, Thef des Ma­rinedepartements des polnischen Wehrministeriums und Oberbefehlshaber der polnischen Hochsee­flotte, ist in London eingetroffen, wo er das englische Marinebauwesen studieren will.

Lus dem Inhalt

der heutigen Ausgabe unserer Zeitung Politik:

Reichsminister Goebbels beendet de» Danziger Wahlkamps

Bremisches:

Bilder zur neuen Friedhofsordnung

Sonntagsspaziergang nach Lilienthal Still« Stunde:

Hochbetrieb in der Hochseefischerei" von Eugenie v. Earvens

Goethes" meerentrungeuesFriesland" Sonderseite:

Unsere Polizei Freund und Helfer des Volkes

Sport:

Wer wird Fieselers Nachfolger?

Werder tritt ohne Hnndt gegen de» HSV. an

Handel:

Senator Bernhard: Von der Tatkraft des Bremer Tabakhandels

Icr. Berlin, 8. April.

Die französische Regierung hat, wie aus Paris berichtet wird, im Ministerrat am Sonnabend die Einbehaltung des jetzt unter den Massen stehen­den Teiljahrgangs bis zum 1t. Juli 1833 beschlos­sen. Dies Kontingent umfaßt normalerweise etwa 88 888 Mann. Es handelt sich also um den Ver­such, mit ziemlich starken militärischen Kräften die Grenzbefestigungen gegenüber Deutschland so lange beseht zu halten, bis man den jetzt am 1. April zur Einziehung gekommenen Jahrgang in dem FestungsgeViet selbst zur weitere» Aus­bildung unterbringen kann.

Diese Erenzmatznahme der französischen Regie-

ki. Berlin, 6. April.

Nach dem Besuch des Preußischen Ministerpräsi­denten, des Stellvertreters des Führers und des Reichspvapagandamimsters in Danzig erwartet man bei der Leitung der NSDAP. und bei der Reichsregierung mit großer Spannung das Er­gebnis der Wahlen in Danzig. Schon bei Beginn des Wahlkampfes und bei der Auflösung des letz­ten Danziger Volkstages ist von maßgebender na­tionalsozialistischer .Seite in Danzig und in Deutschland darauf hingewiesen worden, daß es sich bei den Wahlen in Danzig nicht um eine VolksabstimmungimSinneder Saar- , entscheidung handelt, sondern um ein« Wahl innerhalb eines geschlossenen Staatsgebietes mit dem Ziel, Ordnung, Ruhe und Sicherheit auf der Grundlage des Nationalsozialis­mus zu schaffen. Das Ergebnis der Wahlen wird deshalb, worauf heute in maßgebenden politischen Kreisen noch einmal hingewiesen wird, nicht in Parallele mit der Saarabstimmung gestellt werden dürfen.

In Danzig haben die Parteien, die gegen den Nationalsozialismus stehen, in weiter Form von ihrem Recht der Opposition gegen den na­tionalsozialistischen Senat Gebrauch machen können. Die nationalsozialistische Bewegung konnte auf der anderen Seite bei den Bindungen des Diktats von Versailles den Wählern keine Versprechungen machen, die nach dem Herzen der deutschen Danziger gewesen wären. Es wird zu­nächst die Entscheidung darum gehen, ob die na­tionalsozialistische Bewegung in Danzig zwei Drittel der abgegebenen Stimmen auf sich ver­einigen kann. Das würde, auch wenn entspre­chende verfassungsrechtliche Bestimmungen nicht

rung hat keinerlei tatsächliche Grundlagen in Vorgängen auf deutscher Seite. Es handelt sich vielmehr um den Versuch des französischen Kabi­netts, mit einer militärischen Maßnahme die in­nere Erregung in Frankreich zu beruhigen. Auf der anderen Seite wird man aber in Paris sich sagen müßen,, daß wenige Tage vor der Konfe­renz von Stresa eine derartigeGrenzsicherung" nicht gerade von einem starken Glauben an einen Erfolg der kommenden diplomatischen Verhand­lungen, nicht von einem starken Selbstbewußtsein des militärischen Frankreich und nicht von dem Willen zeugt, auf dem Wege friedlicher Verein­barungen die Probleme Europas in Ordnung zu bringen.

vorhanden sind, einer verfassungsändernden Mehrheit nach dem früheren parlamentarischen Gebrauch gleichkommen. Es ist dabei zu bedenken, datz in Danzig noch nach parlamentarischen Ge­setzen unter dem Druck der Bestimmungen von Versailles regiert werden muß.

Je mehr Stimmen auf die Nationalsozialisten über die Zweidrittel-Mehrheit hinaus entfallen,

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um so größer ist nicht nur der tatsächliche Einfluß in der Gegenwart, sondern auch die Macht bei einmal möglichen späteren Entscheidungen. Vor allem kann ein Senatspräsident von Danzig, der im Volkstag über mehr als zwei Drittel der Abgeordneten verfügt, gegenüber dem Bölker- bundsrat und den Beamten des Eeneral-

Die französischen Rüstungen und militärischen Maßnahmen nehmen «inen solchen Umfang an, daß bei etwaigen Verhandlungen über Rüstungs­beschränkungen, zu denen Deutschland bekanntlich immer bereit ist, das große Maß der französischen militärischen Vorbereitungen zugunsten der Staa­ten berücksichtigt werden muß, gegen die diese Vorbereitungen gerichtet sind.

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Seit einigen Tagen spricht man in Frankreich von der Möglichkeit der Schaffung einer Art Obersten Armeerates, in dem die Land-, Master- und Luftstreitkräfte vertreten sein sollen und der eine noch größere Kommandoeinheit er­möglichen soll. An der Spitze dieses Armeerates möchte man den ehemaligen Generalissimus Wey- gand sehen.

sekretariats des Völkerbundes weit mehr durchsetzen als ein Präsident, der auf eine Koalitionsregierung oder eine knappe Mehrheit angewiesen ist. Die letzten Vorfälle in Danzig und besonders das eigenartige Verhalten des Völkerbundskommissars Leester sowie der hart an Verrat grenzende Aufruf des früheren Präsi­denten Rauschning haben bewiesen, wie not­wendig eine möglichst große Autorität des natio­nalsozialistischen Senatspräsidenten von Danzig ist. (Siehe auch Seite 2.)

Kaiser Kangte in Tokio

Tokio, 6. April.

Der Kaiser von Mandschukuo, Kangte, ist in Begleitung des Prinzen Schischibu in Tokio ein­getroffen. Auf dem Bahnsteig wurde er vom Kaiser von Japan, dem kaiserlichen Prinzen und den Ministern empfangen. Der feierliche Einzug des kaiserlichen Gastes und seines Gefolges er­folgte in vier Staatskarossen durch hohe Ehren­bogen. Die Straßen, deren Absperrung von einem riesigen Aufgebot von Militär und Polizei durch­geführt wurde, waren von einer dichten Zu­schauermenge umsäumt.

Zu Ehren des Kaisers von Mandschukuo fand ein Festmahl statt, in dessen Verlauf sowohl der Kaiser von Japan als auch Kaiser Kangte zu Blinksprüchen das Wort ergriffen. Der Kaiser von Japan begrüßte den Kaiser von Mandschukuo mit herzlichen Worten als Verbündeten, woraus Kaiser Kangte erwiderte, dast Man­dschukuo treu zu Japan stehe, dem es immer zu Dank verpflichtet sei. Das Bündnis zwischen Japan und Mandschukuo, das unlöslich sei, trage in hohem Maße zur Aufrechterhaltung des Frie­dens in Ostafien und in der Welt bei.

Nur keine Täuschung

Eowjetrußlanv will die Weltrevolution

* Bremen, 7. April.

Die Indiskretionen des französischen Ab­geordneten Taittinger über da« belgisch- französische Durchmarsch-Abkommen haben ein seltsames, ja, fast ein erschreckendes Licht auf die französische Diplomatie geworfen. Was man in Paris unter sogen. Sicherheit versteht, ist jedenfalls nun eindeutig bekannt­geworden, und niemand mehr kann im Zweifel darüber sein, wer von den beiden Grenznachbarn Frankreich und Deutschland nun eigentlich Grund hat, sich vorzusehen und seine Sicherheit zu wahren.

Während man fortgesetzt in Zusammen­künften und Friedensgesprächen an der Seine sich den Anschein gab, als ob man nichts sehnlicher wünscht als einen allum­fassenden Friedenspakt ftir Europa, ja, wo­möglich für die ganze Welt, und während man so tat, als müßte man Deutschland es stark verübeln, datz es solchen Pakt, der schwerwiegende Verpflichtungen auch Sow­jetrußland gegenüber enthalten soll, mit Kühler Zurückhaltung beurteilt, hat Frankreich dasselbe Frankreich, das stän­dig nach Frieden und Sicherheit ruft heim­lich ein Bündnis mit Belgien geschlossen, das den Aufmarsch französischer Truppen in Bel­gien gegen Deutschland vorsieht. Und nicht allein das: Mit dem Generalstabe Sowjet- rutzlands, dem der Tschechoslowakei und Ita­liens bestehen nach den Enthüllungen Tait- tingers gleichfalls bereits geheime Abkom­men, und die sowjetrussische Luftmacht ist gehalten, für den Fall eines Krieges Frank­reichs mit Deutschland in voller Stärke Deutschland anzugreifen. Datz auch Ita­lien mit im Bunde sein soll bei den Ab­machungen von Generalstäben untereinan­der, kann um so mehr verwundern, als man meinen müßte, daß Italien ebenso wie Deutschland sich zielbewußt gegen das Vor­dringen der Sowjetrevolution nach Europa stemmt. Oder sollte der Duce wirklich nicht die sowjetrussische Gefahr für Europa so ernst nehmen, wie sie tatsächlich ist?

Die Sowjets verstehen es ja glänzend, das, was sie wollen, aus taktischen Gründen zu verheimlichen, und der Stellvertreter des Führers hat es in seiner Rede am Freitag in Zoppot warnend ausgesprochen, was die Staatsmänner Europas eigentlich von selbst längst erkannt haben sollten, nämlich, daß es mit den Blinksprüchen Rußlands etwas anderes auf sich hat, als eineVerbürger­lichung" der sowjetrussischen Führer. Wenn es den weitrevolutionären Zielen Sowjet­rußlands dienlich erscheint» d. h. wenn es die augenblickliche Lage den sowjetrussischen Staatsmännern vorschreibt, ihre Absicht, die ganze Welt zu bolschewisieren, im Hintergrund zu lassen, dann besinnen sie sich auch nicht im geringsten, auch einmal auf den König von England zu toasten, dem Verwandten des Zaren Nikolaus, der, wie wiederum Rudolf Hetz es plastisch ausdrückte, in Iekaterinburg ums Leben kam, nur, weil er Monarch gewesen war.

Nicht nur das englische Staatsoberhaupt hätte Anlaß, den Ausführungen des Stell­vertreters des Führers etwas tiefer nachzu-

Heute Danziger Wahlsieg der NSDAP

Für Stärkung der Autorität des Genatöpräfldenten

(Orubtbsriobt unserer Berliner Lobrlktlsitnng)

Wssflker als Erneuerer des Ataates

yu Wilhelm v. Humboldts 100. Todestag am 8. April / Von Matthäus Becker

Wir Deutschen find an genialen Eeschwisterpaaren besonders reich. Um nur die Bekanntesten zu nennen: Clemens und Bettina, Jakob und Wil­helm Grimm, Friedlich und Wilhelm Schlegel, Alexander und Wilhelm v. Humboldt. Und wer­den nicht auch Schiller und Gösche von unserm Volk als eine Art Vrüderpaar gesehen, werden st« nicht geradezu mit den Dioskuren, den Söhnen des Zeus verglichen?

Denn die der Kranz des Dichterpreises schmückte, Die beiden strahlverwandten Zwillingssterne,

Die spät noch glänzen in der Zukunft Ferne,

In Freundschaft mir das Schicksal näher rückte."

Zwillingssterne so werden die beiden Großen, die sie haben es oft bestätigt! selbst aus dieser Freundschaft reichsten Gewinn schöpften, von einem Weisen genannt von Wilhelm v. Hum­boldt.

Auch wenn wir nur von dieser Freundschaft wüßten, wäre Humboldt uns unvergeßlich. Und berühmt sogar wäre er, auch wenn ernur Sprach- und Altertumsforscher, nur Erzieher seines Vol­kes, nur Staatsmann gewesen wäre. Doch er war dieses alles zugleich. Was die Universalität dieses Genies anlangt, sind ihm nur Wenige, ist er selbst am ehesten noch Goethe v rgleichbar, den seine Freundschaft bis an das Grab begleitet. Goethes letzter Brief ist an Wilhelm v. Humboldt gerichtet.

Alles, was in Deutschland zum engeren oder weiteren Bereich der klastischen Literatur gehört, ist befreundet oder doch miteinander bekannt, ja, die Literatur ist damals sogar eine oft bean­spruchte Mittlerin zur Knüpfung ehelicher Bande. Nach der Lauchstädter Kur, die ihm Caroline, die Braut, und Schiller, den Freund, zuführt, wird

der Zweiundzwanzigjährige Referendar am Kam­mergericht. Aber muß man nicht schon wieder bedenklich werden, wenn man vernimmt, datz er nach knapp zwei Jahren den Richterberuf an den Nagel hängt? Und warum diese Lossage? Weil der Herr Referendarius in seinem Beruf ein Hindernis für den Weg zur höchsten und voll­kommensten Selbstbildung erblickt! Dabei hat der junge Jurist sich soeben vermählt eben mit der Lauchstädter Badebekanntschaft!

Nun ja, wir Heutigen denken uns nichts dabei wir wissen, es ist alles nicht nur gut, sondern sogar sehr gut gegangen für diesen jungen Mann, für diese Ehe, für Preußen, für Deutsch­land. In solchem Fall sagt man ja dann wohl hernach, daß das Genie seine eigenen Gesetze des Handelns habe. Genug, weil dieser Humboldt dem Leben sich nicht fügen will, darum mutz das Leben sich ihm fügen. Man lebt auf den Thüringer Be­sitzungen der jungen Frau, und während draußen die Vorboten ungeheurer weltgeschichtlicher Ereig­nisse sich künden, bereiten sich durch Humboldt's Freundschaft mit Schiller und Goethe für die Welt des Geistes nicht minder entscheidende Taten vor. Wer aber würde glauben, daß dieser junge Hum­boldt, dem doch schon ein solider bürgerlicher Be­ruf ein unerträgliches Hindernis der Persönlich- keitsentsaltung war, in einem Jahr-Dutzend auch in jener andern Welt sehr entscheidende Taten vollbringen wird! Erst muß er aus Abneigung gegen das politischeGetriebe" zwei Jahre in Paris verbringen, mutz er im entlegensten Spa­nien Studien für ein späteres Werküber die cantabrisch-baskische Sprache und die Ureinwohner Spaniens" treiben um Deutschland zu finden!

Diesseits der Schwelle des neuen Jahrhunderts beginnt der Umbruch. Humboldt ist aus der Zeit der Ureinwohner Spaniens und aus Spanien selbst zurückgekehrt, doch nicht wieder nach Lauchstädt und in die Klassik, nein, nach Berlin. Eine junge Generation beginnt den Staat zu erobern. Das Auswärtige leitet zwar noch Haugwitz, aber hinter ihm steht schon Hardenberg, hinter den Vraun- schweig und Hohenlohe und andern überalterten Generalen stehen Blücher und Eneisenau. Stein ist im Ausstieg.

Humboldt wird dem König zum Ministerrest- denten für Rom vorgeschlagen und zeigt als Preu­ßens Vertreter beim päpstlichen Stuhl die Beru­fung zum großen Staatsmann. Auf Steins Vor­schlag wird er 1809 als Geheimer Staatsrat Leiter der geistlichen und Unterrichtsangelegenheiten. Um den siegreichen Befreiungskampf vorzube­reiten, bedarf es einer durchgreifenden Erneu­

erung des gesamten Erziehungswesens. Und das ist es denn, was Humboldt uns so nahe rückt: er steht in der allgemeinen Volksbildung die Grund­lage aller Bildung überhaupt, er erkennt die enge Verbundenheit aller Stände als unerläßliche Vor­aussetzung einer' allerdings dann auch unbesieg­baren Vaterlandsliebe, und er bekämpft mit Lei­denschaft die Auffassung, als sei die Entfremdung der Volksgenossen durch die verschiedenen Bil­dungswege nun einmal unvermeidbar. Die Grün­dung der Universität Berlin, an die bei Erwäh­nung der Kulturpolitik Humboldt's zuerst gedacht wird, ist in diesem Sinne nur eine seiner natio­nalen Taten. Und doch darf noch eine andre, immer noch so gut wie unbekannte und nie gebüh­rend gewürdigte Tat des späteren Staatsministers am allerwenigsten heute vergossen sein: Hum­boldt ist es, der Deutschland schon einmal die Saar zurückerobert hat. Zar Alexander und Kaiser Franz hatten die deutsche Saar auf dem Wiener Kongreß Frankreich schon so gut wie belassen, und sogar Preußen glaubte, das Saargebiet Deutschland nicht sichern

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Die Stadt Heidelberg veranstaltet im vollen Bewußtsein ihrer hohen kulturellen Ueberliefe­rung vom 6. bis 12. Mai d. I. eine Beethoven- Festwoche unter Leitung von Generalmusik­direktor Kurt Overhoff.

Als Gast-Dirigent eines Symphoniekonzertes wurde Generalmusikdirektor Hermann Abend- roth, der Leiter des Leipziger Gewandhaus­orchesters, gewonnen. Als Solisten wurden u. a. Pros. Georg Kulenkampff und Elly Ney verpflichtet.

An vier Abenden gelangen die 1-, 3., 6., 7., 8. und 9. Symphonie zur Aufführung, als weiteres

zu können. Dabei hatte man sich besonders durch die Denkschrift des Grafen Lapo d'Jstria, eines russischen Staatsmannes russischer Herkunft leiten lassen, der die Auffassung vertrat, das zu Wien geschlossene Bündnis habe mit Napoleons Gefan­gennahme seinen Zweck vollkommen erfüllt. Hum­boldt kämpfte als Einziger einen wahren Titanen- kampf. Schließlich gelang es ihm, die andern zu überzeugen zu überzeugen durch ein meister­haftesMemoire", das Metternich das glänzendste diplomatische Schriftstück genannt hat, das ihm je zu Gesicht gekommen sei.

In Saarbrücken empfing man den Befreier mit Jubel, und Humboldt schrieb an Frau Caroline, dieser Tag sei der schönste seines Lebens gewesen. Daß Frankreich die von Napoleon geraubten Kunstschätze den verschiedenen Ländern zurück­geben mußte, ist demgegenüber zwar ein kleineres, doch es ist immerhin ebenfalls das durchaus nicht leicht errungene ausschließliche Verdienst dieses großen Deutschen, in dem der Geist des preußischen Staates und der deutschen Klassik auf das schönste ihre Verkörperung fanden.

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Chorwerk bringt Univ.-Musikdirektor Pros. Dr. Poppen dieMissa solemnis" heraus. Ein sechster Abend ist dem Elly Ney-Trio vorbehalten, das außerdem in einer Morgenveranstaltung Kammermusik spielt; beide Darbietungen finden, ebenso wie der von Streichquartetten eingerahmte Beethoven-Vortrag von Dr. Richard Benz. im Königsaal des Heidelberger Schlosses statt.

Inmitten der Symphonieabende ist ferner ein Serenadenkonzert im Heidelberger Schloßhof vorgesehen, um bis Besucher des Beethovenfestes auch mit dieser besonders stim­mungsvollen und für Heidelberg typischen Form des' Musikgenusses bekanwizumachen. '