Ausgabe 
(2.4.1935) Nr. 92
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-er Freien Hansestadt vremen

Nr. 92 / 3. Jahrgang

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Dienstag, 2. April

Einzelpreis 15 Rps.

Göring Befehlshaber der Flakartillerie

Berlin, 1. April.

Mit dem 1. April hat der Reichsminister der Luftfahrt, General der Flieger Göring, den Ober­befehl über die Flakartillerie übernommen.

Aus diesem Anlaß fand Montag vormittag auf dem Truppenübungsplatz Döberitz in feierlicher Form die Uebernahme der beiden Flakabteilun­gen Döberitz und Lankwitz statt. Auf dem Ge­lände des Hasenheidener Berges standen die Ab­teilungen in Paradeaufstellung. Um 11 Uhr traf Reichsminister General Göring mit seinem Stab ein. Der Befehlshaber des Luftkreises Berlin meldete die angetretene Truppe, die im Anschluß an die nunmehr folgende Besichtigung von Gene­ral Göring mit einer Ansprache begrüßt wurde. In dieser gab General Göring seiner Freude über die ausgezeichnete Verfassung der Truppe Ausdruck. Er dankte dem Heer für die bisherige Betreuung der Flakartillerie, die am heutigen Tage mit den Luftstreitkräften in der Reichsluft­waffe zu einem einheitlichen Ganzen zusammen­geschlossen werde, jederzeit bereit, in der Vertei­digung des deutschen Luftraumes für die Sicher­heit der deutschen Nation mit leidenschaftlicher Hingabe Leib und Leben einzusetzen. Die An­sprache schloß mit einem Sieg-Heil auf Führer, Vaterland und Volk. Im Anschluß an die An­sprache erfolgte der Vorbeimarsch der beiden Flakabteilungen an ihrem neuen Oberbefehls­haber, General der Flieger Göring.

Nur noch Luftämter

Berlin, 1. April.

Die Durchführung der Reichsluftfahrtverwal­tung, die seit Juni 1934 den Luftämtern als Nach­geordnete Behörden des Reichsministers der Luft­fahrt obliegt, hat eine teilweise Aenderung der bisherigen Grenzen der Luftamtsbezirke notwen­dig gemacht. Im Zuge dieser Neuabgrenzung ist das Luftamt Darmstadt aufgelöst worden, so daß in Zukunft nur noch 15 Luftämter bestehen. Der bisherige Bezirk des Luftamtes Darmstadt ist teilweise dem Luftamt Frankfurt a. M. (Pro­vinz Rheinhessen und Starkenburg), teilweise dem Luftamt Stuttgart (Rheinpfalz und Saarland) zugeteilt worden.

FeldZägei'koi'ps eingegliedert

als Bestandteil der preußischen Schutzpolizei Berlin, 1. April

Nach Durchführung des Verussbeamtengesetzes und nach organisatorischen Aenderungen in der Po- lizei werden Fehlstellen in der Schutzpolizei durch das Feldjägerkorps ausgefüllt. Zu diesem Zweck hat der Reichs- und Preußische Minister des Innern im Einvernehmen mit dem Ministerpräsidenten, dem Stellvertreter des Führers und dem Chef des Sta­bes der SA. das bisherige Feldjägerkorps unter dem 1. April 1935 in die preußische Schutzpolizei eingegliedert. Dadurch wird die Schutzpolizei wei­terhin durch alte Kämpfer der nationalsozialisti­schen Bewegung ausgefüllt.

Mit der Eingliederung des Feldjägerkorps in die Schutzpolizei fallen die besonderen Aufgaben, die das Feldjägerkorps im Rahmen der NSDAP. und ihrer Gliederungen zu erfüllen hatte. Vielmehr werden diese Aufgaben nunmehr von der gesamten Polizei wahrgenommen.

,Wer etwas leistet, darf auch fordeew

Gegen Klassen- und Kastengeist

Dr. Leg eröffnet den Versammlungsfeldzug der DAF.

Berlin, l. April.

Der Versammlungsfeldzug der Deutschen Arbeitsfront für die Vertrauensratswahlen wurde Montag vom Reichsorganisationsleiter und Leiter der DAF., Dr. Ley, mit einer Be­triebskundgebung in den Berliner Siemens- Werken eröffnet. Dr. Ley sprach zu 60 000 Be­triebsangehörigen von der Halle des Schaltwer­kes aus. Bis zum Wahltag werden unter Ein­satz der besten Redner der Bewegung im ganzen Reich rund 140 000 Betriebsversammlungen im Zeichen des Kampfes gegen Klassen- und Kasten­geist stattfinden.

Der Betriebssichrer,' Karl Friedrich v. Sie­mens, wies darauf hin, daß Einigkeit fllt jede Gemeinschaft von Menschen eine unbedingte Not­wendigkeit sei, wenn ein gemeinsames großes Ziel erreicht werden solle.

Dann führte Dr. Ley aus: Meine lieben

Arbeiter und Arbeiterinnen! Wer mit mir die Fahrt nach Madeira mitmachen' konnte, hat ge­sehen, wie die Welt gerade auf dieses Beispiel der Zusammengehörigkeit schaute, wie die Fremden es einfach nicht begreifen konnten, daß ein neues Volk sich aus Niederbruch und Schande emporhebt. Wir wollen ein glückliches

Volk sein, ein Volk, das die Arbeit nicht als Last, sondern als Segen empfindet und seinen gerechten Lohn erhält. Wir wollen unser Volk stark machen für seinen Schicksalskampf. Wir wollen, daß nicht Haß, Neid und Mißgunst die Menschen beherrscht, sondern das Lebens­bejahung, Lebensfreude, Licht und Sonne die Menschen froh macht. Wir wollen das Leben. Das hat auch der portugiesische Propa­gandaminister erkannt, als er sagte, ein solches Volk, das das Leben wolle, könne den Krieg nicht wünschen.

Ueber allem steht uns als oberstes Gesetz: das Leben des einzelnen hat nur Sinn in der Ein­ordnung in die Gemeinschaft. Wer fordert, muß zuerst auch geben und opfern. Wir sprechen nicht nur von der Gemeinschaft, sondern wir üben sie tagtäglich. Wir wollen die Bahn frei machen, damit jeder nach seiner Leistung zum Segen der Gesamtheit emporsteigen kann! Wir sind nicht so töricht zu glauben, daß man die In­teressengegensätze aus der Welt schaffen kann. Wir wollen beiden Seiten ihren berechtigten Ehr­geiz lassen, denn er allein ist der Motor für die Entwicklung der Nation. Aber wir wollen, daß die Menschen nicht knechtselig unterwürfig

und verängstigt ans Werk gehen. Wer etwas leistet, hat nicht nur das Recht, sondern auch die Pflicht, zu fordern

So wollen wir nun in einer gigantischen, freien Wahl der Welt beweisen, daß sich die Deutsche Arbeitsfront tatsächlich in die Herzen der schaf­fenden Menschen eingesressen hat. Die Welt wird sich daran gewöhnen müssen, daß ein neues Deutschland, ein Deutschland der Ehre urid der Kraft entstanden ist. Aber alle Kanonen nutzen nichts, wenn nicht hinter ihnen die Ein­heit des Volkes steht Der französische Kriegs­minister hat gesagt, daß Frankreich zwar das mächtigste Heer babe, Deutschland aber ein neues Volk! Das ist es! Wir wollen den Frieden, weil wir das Leben wollen. Aber es muß ein Leben der Ehre und der Achtung sein.

So bitte icki euch. Arbeiter und Unternehmer, zu bedenken: Ihr wählt nicht uns. ihr wählt

Menschen, die euer Vertrauen baben. ihr wählt euch selber, ihr wäblt Deutschland, euer Schicksal! Helft mit! Seid dankbar dem Führer, daß er uns aus der Nacht der Dunkelheit, des Hasses und des Verfalles herausgeführt bat zu neuem Leben. Seid dankbar und t- -'

„Unverzüglich beenden!

Simon über den Schritt der Memel-Garantiemächtr in Kowno

London, 1. April.

Im englischen Unterhaus wurde der Außen­minister Montag gefragt, welcher Natur der Ein­spruch gewesen sei, den England gemeinsam mit den anderen Unterzeichnermächten des Memel- statuts unternommen habe. Außenminister Sir John Simon erwiderte: „Wie bereits in der Antwort am 18. März zum Ausdruck gebracht worden ist, sind kürzlich durch die englische, die französische und die italienische Regierung bei der litauischen Regierung Vorstellungen erhoben wor­den. Im Verlauf dieser Vorstellungen ist die li­tauische Regierung dahin unterrichtet worden, daß die gegenwärtig« Lage im Memelgebiet, in dem sich kein Direktorium befindet, das das Vertrauen des Landtages besitzt, unvereinbar ist mit dem Grundsatz der dem Memelgebiet durch das Statut gewährleisteten Autonomie, und daß es die Pflicht der litauischen Regierung ist, diesen Zu­stand unverzüglich zu beenden."

Hierzu drahtet unsere Berliner Schrift­leitung: Sollte sich der Protest der Signatar­mächte auf die Frage der Einsetzung eines ver­fassungsmäßigen Direktoriums beschränken, so wäre damit nicht mehr geschehen, als die Signa­tarmächte in den vergangenen Jahren schon oft­

mals ohne jede praktische Erfüllung unternommen hatten. Die Ursache der unhaltbaren Zustände im Memelgebiet liegt nicht nur darin, daß das Direktorium ohne Vertrauen des Landtags re­giert. Der eigentliche Grund für die unmögliche Lage der deutschen Bevölkerung ist die Einfüh­rung des Belagerungszustandes und die damit be­gründete Anwendung von Gewalt gegen alle Bestimmungen des Memelstatuts und gegen den Landtag selbst.

In den vergangenen Jahren hat die litauische Regierung Proteste der Signatarmächte immer damit beantwortet, daß sie Beamte aus dem Me-

melgebiet herausgezogen und nach Litauen ver­hetzt hat. Man hat dann den durch das Memel- Statut bestimmten Zustand der Autonomie wieder hergestellt, um nach wenigen Wochen neue Ver­letzungen des Memel-Statuts. zu begehen. Es kommt Deutschland nicht auf einen Protest der Signatarmächte, sondern aus Beseitigung der litauischen Gewaltherrschaft an. Im Augenblick liegt Deutschland aber das Schick­sal der von den Mord- und Zuchthausurteilen Betroffenen am nächsten. Die Signatarmächte haben die Pflicht, dagegen in Kowno sofort ein­zuschreiten.

Wahlsieg des Kabinetts Gömbös

Budapest, 1. April.

Am ersten Abstimmungstag für die ungarischen Reichstagswahlen wurden bis Mitternacht fol­gende Ergebnisse bekannt: Die Partei der natio­nalen Einheit erhielt 133 Mandate, die Kleinlandwirtep artet 16, die christ­liche Wirtschaftspartei 2 und die nationalsozialistische Partei ein Man­dat. Elf Mandate fielen den Parteilosen zu.'In weiteren elf Bezirken sind Stichwahlen erforder­lich. Von den zur Vergebung gelangenden 245

Mandaten ist somit bereits die Entscheidung über 163 Mandate gefallen.

Die vier Wahlkandidaten der ungarländischen Schwaben sind bei den Wahlen unterlegen. In Kreisen des schwäbischen Deutschtums hat ihre Niederlage Bestürzung hervorgerufen. Nach der geschlossenen Unterstützung, die die deutschen Wahl­kandidaten unter der schwäbischen Bevölkerung gefunden hatten, konnte damit gerechnet werden, daß zumindesten die beiden Spitzenkandidaten des schwäbischen Deutschtums, Dr. Kußbach und Dr. Vasch, gewählt würden:

Neues zum Neichsjagögesetz

Vom komm. Lrßisjägs^prsistsr ,1V. Rsie.barck

Jeder Jäger kennt die Neuregelung des gesam­ten Jagdrechtes durch das grundlegende preußische Jagdgesetz vom 18. Januar 1934. sowie durch das Reichsjagdgesetz vom 3. Juli 1934. Er weiß auch, daß mit dem Inkrafttreten des Reichsjagdgesetzes, also mit dem 1. April 1985, alle die Jagd betreffen­den Landesgesetze außer Kraft getreten sind, und er hat seit dem Bekanntwerden des Reichsjagdgesetzes auf die angekündigten Ausführungsbestimmungen sehnlichst gewartet.

Diese Bestimmungen sind in der Verordnung vom 27. März 1935, ausgegeben am 29. März 1935 und in Kraft getreten am 1. April 1935, nunmehr enthalten. Die Verordnung umfaßt nicht weniger als 71 Paragraphen, die zu den einzelnen Para­graphen des Reichsjagdgesetzes Stellung nehmen, bzw. sie erläutern und ergänzen Jeder Jäger tut gut daran, diese Verordnung, die bestimmt in den amtlichen Fnchblättern noch »m Laufe dieser Woche im Wortlaut erscheinen wird, genau durchzustudie­ren und sich die einschlägigen Bestimmungen genau einzuprägen.

Es soll nur schon jetzt aus der Fülle der Bestim­mungen herausgegriffen werden, was speziell für dieinBremenwohnhaftenJäger von be­sonderer Bedeutung ist, und was zu wissen jeden Jäger interessieren muß. Dabei mag darauf hinge­wiesen werden, daß das preußische Jagdgesetz vom 18. Januar 1934 gleichsam die Grundlage für die Ausführungsbestimmungen bildet Wer alst^das preußische Jagdgesetz vom vorigen Jahre intensiv beherrscht, dem wird es keine Schwierigkeiten machen, sich die Aenderungen, die durch die Aus­führungsverordnung gekommen sind einzuprägen. Das Wichtigste ist die Erlangung des Jagd­scheine s. Die Verordnung besagt, daß dienten Jagdscheine am 1. April 1935 ungültig werden. Dadurch wird aber die Anordnung des Reichsjäger­meisters vom 21. März 1935, daß: die letzten Iah- resjagdscheine bis zum 20 April 1935 noch ihre Gültigkeit behalten, gewiß nicht hinfällig. Man hat offenbar bei der Drucklegung der Ausführungsbe­stimmungen übersehen, daß diese Bestimmung durch die Sonderverfügung des Herrn Reichsjäger­meisters überholt ist.

Während nach dem preußischen Jagdgesetz in Deutschland wohnhafte Ausländer wie Inländer behandelt wurden, ist eine solche Bestimmung in den Ausführungsbestimmungen nicht enthalten, doch können Ausländer mit Zu­stimmung des Gaujägermeisters einen Jagdschein -zu Jnländergebühren erhalten. Der Jnländer- Jahresjagdschein kostet wie im vergangenen Jahre 50 RM.; der Tagesjagdschein 6 RM. zu­züglich einer Gebühr von 2 RM. für Jagdhaft­pflichtversicherung. Der Jahresjagdschein für Ju­gendliche kostet 25 RM. Das Gesuch aus Aus­stellung von Jagdscheinen ist dem zuständigen Kreisjägermeister (für die in Bremen wohn­haften Jäger bei dem Verfasser) schriftlich nach Vordruck mit Unterlagen vorzulegen.

Die Unterlagen sind: Bestätigung der Ver­sicherungsgesellschaft über den Ab­schluß einer Jagdhaftpflichtversicherung. Die Be­stätigung muß ergeben, daß das Risiko für die Dauer des gesamten Jagdjahres gedeckt ist. Wei­ter ist der Nachweis des Bezuges eines der amtlichen Verkündungsblätter

Gin Leben -er tätigen Liebe

Dem Gedächtnis Friedrichs v. Bodeischivtngh zum 25. Todestag am 2. Äprii / Von Theodor yenker

Als vor einem Vierteljahrhundert der greise Pastor Dr. Friedrich von Bodelschwingh in Bethel bei Bielefeld die Augen zur ewigen Ruhe schloß, da trat an seine Bahre eine große Gemeinde, der er fast 40 Jahre lang mit treuester Hingabe gedient, um ihrem „Vater" das letzte, dankbare Lebewohl zu sagen. Durch eine ganze Gemein­schaft ging das schmerzerfüllte „Unser Vater Bodelschwingh ist tot!" und drang von da durch ganz Deutschland und in die Welt, wo sein Name wohlbekannt und sein Wirken berühmt und ge­liebt war. Denn seine „Gemeinde" war eine son­derliche vor allem: Bethel — schon damals ein umfassender Begriff, ein Reich der geistig und körperlich Aermsten und Elendesten, die Vater,,

Bodelschwingh in demütigem Dienst zu sich ge­zogen und um sich versammelt hatte.

,',Bethel" — das war und ist Inbegriff des Lebens und Wirkens Friedrichs von Bodel­schwingh, eines Werkes, das er vom allerklein- sten Anfang zum größten und höchsten Ziel ge­führt hat — eine seltene Gestalt- und Wahrwer- dung des grundlegenden Nächsten- und Liebes­gebotes unserer deutschen, christlichen Welt- und Eottanschauung, mit der er den Menschen, und zwar den Verlorensten unter ihnen, und also seinem Gott barmherzig und demütig gedienl hat.

Bethel, das ist führende, ergreifende und bei­spielgebende Liebe eines Menschen, die berufene Tat eines gläubig und zuversichtlich für Gott schlagenden Herzens und Geistes, einer zum Ewi­gen und Göttlichen in jedem Menschen drängen­den Seele, vor allem derer, die der tiefsten Barm­herzigkeit und nie ruhenden Liebe am ersten und meisten bedürfen. „Bethel" und „Bodelschwingh — eine Einheit, die stark und zeugend in unse­

rem deutschen Leben steht,- denn von der vielglied- rigen Heimat Bethel aus spannt sich ein'geistiges und tätiges Netz über Deutschland, manche seiner Fäden gehen über die ganze Welt; Bethel ist ein neuzeitliches Wahrzeichen höchster christlicher Nächstenliebe, die sich ganz und bedingungslos hingibt, als ein Werkzeug göttlichen Zweckes, ge­weiht den Lehren und Gesetzen der deutschen Luther-Bibel. Bethel: das ist Gottes-Dienst.

Bodelschwinghs Entwicklungsweg führte inner­lich, wie äußerlich schicksalsmäßig seiner Berufung nach und für Bethel zu, sein Lebensgang zuvor war Vorbereitung für diese seine eigentlichste und innerste Erfüllung. Als Bergmann. Erubenarbei- - ter und Landwirt begann seine Laufbahn, auf der er mehr und mehr vom barmherzigen Dienen und Helfen ergriffen und schließlich zur Theologie geführt wurde. Nach seinem Studium in Basel, Erlangen und Berlin und anschließend einer fünfjährigen Wirksamkeit in Paris an der deut­schen Gemeinde (der erste tiefere Anklang an Bethel) wurde er 1864 als Pfarrer in das klein« Dellwig (Ruhrtal) gerufen. Mit der Beamtung in Bielefeld (Bethel) betrat er dann unmittelbar das Feld der inneren Mission, die seine ureigenste und höchste Berufung war.

Als er 1872 seine neue schwere Aufgabe über­nahm, war die Bethel-Welt noch in den kleinsten Anfängen.' Fünf Jahre zuvor hatte der Super­intendent Wißmann mit vier epileptischen, d h. fallsüchtigen. Jungen den Anfang gemacht sich dieser unglücklichsten aller Kranken, die nur wenig Fürsorge fanden, anzunehmen, und das kleine Hilfswerk war langsam gewachsen, bis Wißmann für die vermehrten Aufgaben den ihm befreun­

deten Bodelschwingh berief. Seit dieser in die Bethsl-Arbeit eingetreten war, wuchs das Werk unaufhaltsam und schnell zu überragender Größe: das Erweitern, Vergrößern und Bauen, das Ver­bessern und Neuschaffen nahm kein Ende mehr! Aus der inneren und drängenden Hilfsnotwendig- keit und Liebespflicht herauf entstand eine aus sich gestellte und geschlossen-eigene Welt — für die Epileptiker ihrem Leiden gemäß ein wichtiges und grundlegendes Erfordernis — mit Hunderten von nimmermüden ihr in einem Sinne dienen­den Menschen: und ihr tätiger Geist, die leitende Seele des Ganzen war Bodelschwingh.

Neben der Heimat der meist unheilbaren und schrecklichem Ende entgegengehenden Epileptiker gründete er Pflegestätten für die „geistig Fall- süchtigen", die Verirrten und Verlorenen, die Arbeitslosen, Landstreicher und Bettler: Arbei-

Frieckrieb v. Loäelsebvlngv

terkolonien, z. V. Wilhelmsdorf, Arbeiterheime. Der Herbergs-Verein ist sein damit verbundenes Werk — in damaliger Zeit vereinzelte und va­terländische, echt soziale Großtaten; denn Heimat, Scholle und Arbeit galten schon ihm als Grund­lagen eines glücklichen, zufriedenen Volkes, äußerlich und innerlich als Schutz und Hilfe für seine gefährdeten „fallsüchtigen" Teile. Pfle­gerinnen und Pfleger für die aufopfernde Arbeit an seinen immer zahlreicher werdenden Kranken bildete er selbst aus (Diakonissen- und Diakonen­haus). Bald konnte er auch Schwestern und Vrüder in die Ferne, z. V. auch in die Mission nach Deutsch-Ostafrika, senden, wo man ihrer in seinem Sinne bedurfte.

In seinem tiefgründigen Wesen ragt das Be- thel-Liebeswerk nicht nur äußerlich mit seinem unentwegt wachsenden Bestand und seiner nach wie vor wichtigen und notwendigen Wirkung, sondern vor allem auch innerlich mit seinem um­fassenden Gehalt, in seiner ganzen Gestalt tätig und beispielvoll in unsere Zeit. Ihre neuen

Gustav W. Lberlein, Vom

schützenden Gesetze zur Bekämpfung und Verhü­tung erbkranken Nachwuchses — zu dem die Epi­leptiker größtenteils auch gehören — heben den vom Schicksal Betroffenen gegenüber die unge­heure, Verantwortungsreiche Pflicht nicht auf, deren Erfüllung Bethel verkörpert.

Aus Liebesgaben und Spenden wurde im Laufs von Jahrzehnten das riesige Bethel erbaut, für das Bodelschwingh der erfolgreiche „Allerwelts- bettler" war; die „Brockensammlung" und der „Pfennigverein" sind seine kennzeichnendsten, das scheinbar Kleine und Geringe achtenden Einrich­tungen. Und doch sagte die dankbar-erkennende Mitwelt, daß Bethel nicht vom „Vetteln" und Bitten, sondern vom Danken entstanden sei, denn Bodelschwingh wurde bis zu seinem Ende nicht müde, allen in irgendeiner Weise helfenden und spendenden Menschen, vor allem aber seinem zur Vollbringung des schweren Werkes helfenden, segnenden Gott zu danken. —

Darum gedenken heute auch unzählige Men­schen aus tiefstem Herzen dankbar dieses echt deutschen Eottesmannes, des Vaters Bodelschwingh.

Das Licht vom Voöensee

Um diese Zeit, die Schneeglöckchen hatten sich gerade zum erstenmal in der Welt umgesehen und kamen vor Verwunderung aus dem stummen Läuten nicht heraus, um diese Zeit kehrte ich einmal braungebrannt nach Rom zurück. Ob ich in Tripolis gewesen sei. fragten die Leute, die Mädchen steckten die Köpfe zusammen und kicher­ten. vielleicht dachten sie ich hätte Braunolin benutzt, die dummen Dinger, und ein Marine­offizier drehte sich nach mir um, ckls ob er einen Verdacht habe. Deserteur oder so.

„Ich bin nicht in der Sahara gewesen", sagte

ich, „ich habe mich auch keiner Selchkur in St. Moritz unterzogen, nein, ich komme vom Boden­see. Ich bin nur einmal mit dem Dampfer von Dingelsdorf nach Konstanz gefahren und zurück, das ist alles."

Wie lange denn so eine Seefahrt dauere, frag­ten sie ungläubig. Nun, so drei bis vier Stunden, das genügt Aus der Hinfahrt wird man rot. auf der Rückfahrt braun. Da aber staunten die römi­schen Bleichgesichter!

Manche auch deswegen, weil sie sich den Boden- see niemals so riesengroß vorgestellt hätten. Vier