Ausgabe 
(23.4.1935) Nr. 111
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Nr. 111 / 3. Jahrgang

Dienstag. 23. April

Anzeiaen-Grundvreise: Die S2-mio-geile im Anzeigenteil 12 Rp>. die 7g-mm-geile im Tertteil 7L Rpf. Ermäßigte Grundpreise (für kleine Anzeigen. Familienanzeigen u a.» sowie sonstige Bedingungen laut Preisliste «. lNachlaßstassel v.» Für Anzeigen durch Fernsprecher kein- Gewähr. Annahmeschluß 18 Uhr. Sprechzeit: Verlag werktäglich von 1213 Uhr; S chriftleitung Dienstag bis Freitag von 12'/,13'/r Uhr.

Einzelpreis 15 Rpf.

Unser lagesspiegvl

Der Tag der Luftwaffe nahm im ganzen Reiche einen glänzenden Verlauf.

Wegen der Meinungsverschiedenheiten zum sranzösisch-sowjetrussischen Militärpakt reiste Lrtwinow von Gens ab und die Verhandlun­gen wurden vertagt.

Das Autore..en um denGroßen Preis von Monte Carls« gewann Fagioli auf Mercedes- Benz.

Den Ehrenpreis des Führers im Tennis-Her­rendoppel erhielt das Paar v. Cramm/Henkel.

Bei dem internationalen Hockey-Jugendtur- njer in der Bahr wurden von über 250 Spie­lern aus dem In- und Auslande 10 Spiele ausgetragen.

Im Freundschaftsfutzball trennten sich in der Bremer Kampfbahn der 1. FL. Nürnberg und der SB. Werder 2:1 (0:1).

Die Sammelaktion derInneren Mission" in Bremen erbrachte mit rund 2100V Mark ein erhebliches Mehr gegen das Vorjahr.

Die Lärmbekämpsungswoche findet in diesem Jahre vom 6. bis 12. Mai statt.

Ein grohes Erdbeben auf Formosa richtete dort ungeheuren Schaden an.

Erdbeben fordert 3000 Tote

Tokio, 22. April.

Am Sonntag früh gegen 7 Uhr wurde die Insel Formosa von einem schweren Erdbeben heim­gesucht. Besonders stark litten die Provinzen Taitschu und Schintschiku, also der Westen und Nordwesten der Insel. Amtlich sind bisher 228 Töte und an 7VVV Verletzte gemeldet worden. Nach andere» Berichten soll jedoch die Zahl der Toten bereits über 1300 betragen. Die Einwohner ver­ließen bei den ersten Erdstößen sogleich ihre Wohnstätten, «m sich zu retten. 17VVV Häuser wurden völlig zerstört, an 2V VVV trugen große Beschädigungen davon. Dabei ist allerdings zu berücksichtigen, daß es sich überwiegend um kleinere Holzbauten handelt. Die Eisenbahnlinie ist an mehreren Stellen unterbrochen.

Vom Observatorium wird berichtet, daß das Erdbebenzentrum Wischen den beiden genannten Provinzen liegt. Der Generalgouverneur und die Regierung haben Flugzeuge in das Unglücksgebiet entsandt. Die Regierung in Tokio plant Hilfs­aktionen.

Etwa gleichzeitig mit dem Erdbeben auf For­mosa trat der Vulkan Asama bei Karui- sawa, einem Gebirgsort 140 Kilometer nordwest­lich von Tokio, in Tätigkeit. Der Ausbruch, der der größte seit 40 Jahren ist, dauerte eine Stunde. Die Lavamassen verursachten viele Wald­brände. Der letzte Ausbruch dieses Vulkans er­folgte im Jahre 1932. Die Rauchwolken er­reichten eine Höhe bis zu 409V Metern. Die Be­amten der Beobachtungsstation konnten erst nach Stunden die Station verlassen.

Meldungen von der Insel Formosa zufolge hat das Erdbeben bisher 3VVV Tote und 850V Ver­letzte gefordert.

Die japanische Regierung hat einen Zerstörer mit einem Hilsskorps an Bord nach Formosa be­ordert. Von seiten der Regierung und von privaten Hilfsorganisationen sind Hilfsaktionen eingeleitet worden. Militärabteilungen mit Proviant und Betten sind unterwegs.

Vertagung der Verhandlungen Litwinow Laval

Frankreich will sich besinne«

Rat der Volkskommissare fordert Bericht/ Die Donaukonferenz verschoben?

Itralitberivlit unseres naeli 6enk entsanäten kr.-Vertreters

Gens, 23. April.

Die zwischen Laval und Litwinow bestandenen Meinungsverschiedenheiten über die im sowjet- russisch-französischen Paktentwurf vorgesehenen gegenseitigen Veistandsperpslichtungen haben noch am Sonnabend vor Ostern dazu geführt, daß das in Genf vorbereitet gewesene diplomatische Essen in letzter Stunde abgesagt wurde und die feier­liche Paraphierung des Paktes unterblieb.

Am Quai d'Orsaq haben sich offenbar zuletzt doch noch erhebliche Zweifel darüber eingestellt, ob es in Frankreichs Interesse liegen könne, den Militärpakt mit Rußland in Gegensatz zu dem Locarno-Pakt geraten zu lasten und man hat sich am Ende zu der Erkenntnis durchgerungen, daß auch der Russenpakt im Rahmen des Völkerbunds­paktes funktionieren müsse. Das freilich war gerade, was Rußland nicht wollte.

Schwer enttäuscht davon, daß Frankreich sich durch den Locarno-Vertrag, der auch Englands und Italiens Garantie trägt, sich für gebunden erachtet und Rußland seine militärische Unter­stützung nur unter dem ausdrücklichen Vorbehalt auf seine aus dem Locarnopakt erwachsenen Ver­pflichtungen geben möchte, ist der russische Außen­minister Litwinow in den Abendstunden des Sonnabends von Genf abgereist, um, wie dann offiziell aus Moskau verlautete, einen von dem Rat der Volkskommissare in Moskau eingefor­derten Bericht über die Dinge in Genf zu er­statten.

Es liegt diese plötzliche Abreise Litwinows aus Gens ganz auf der Linie der allgemein brutale» Politik Moskaus, aber es scheint, daß man in Paris mit einiger Erleichterung diesmal diese Brutalität über sich ergehen läßt, weil man froh

ist, sich über die Weiterentwicklung des franzö- stsch-sowjetrnssischen Verhältnisses »och etwas besinnen zu können, bevor man sich sozusagen mit Haut und Haaren durch den vorgesehenen Pakt den Sowjets verschreibt.

Bemerkenswert ist übrigens, daß sich die jüngste Entwicklung bei den sowjetrussisch-französischen Paktverhandlungen auch auf die geplanten Donau- verhandlungen auszuwirken beginnt da die kleine Entente den Donaupwkt zu erörtern sich weigert, solange der französisch-fowjetrusstfche Militärpakt nicht unterzeichnet ist. So spricht man heute bereits in englischen diplomatischen Kreisen davon, daß an die Donau-Konferenz vor Ende Juni gar nicht zu denken sei. weil die Länder der Kleinen Entente darauf bestehen, daß erst ihre Sicherheit voll ge­währleistet werde, bevor die den Ländern Oester­reich-Ungarn und Bulgarien auferlegten Rü­stungsbeschränkungen gelockert werden könnten.

DerTag der Reichslustwaffe"

" stellt Ehrenwachen in Berlin - Großer Flugtag in Xempeihof

JagdgeschwaderRichthosen

Berlin, 22. April.

Am ersten Ehrentag für die Reichsluftwaffe, zu dem der Reichsminister der Luftfahrt den 21. April, den Todestag des Rittmeisters Man­fred Freiherr von Richthosen, bestimmt hat, wurden am Ostersonntag die Standortwachen von det Luftwaffe gestellt.

Am Mittag zog die vom JagdgeschwaderRicht- hofen« gestellte Wachkompanie mit Musik und Spielmannszug der Machtgruppe Berlin durch das Brandenburger Tor zum Ehrenmal. Die Linden waren in ihrer ganzen Ausdehnung auf beiden Straßenseiten dicht mit Menschen um­säumt, die dem ersten Anmarsch der jungen Truppe in ihren schmucken Uniformen und blaugrauen Stahlhelmen beiwohnen wollten. Vor dem Ehrenmal hatte Staatssekre­tär Generalleutnant Milch mit den Offizieren der Luftstreitkräfte Aufstellung genommen. Nach der Vergatterung setzte die Fliegerwachkompanie ihren Weitermarsch zur Reichskanzlei und zum Reichsministerium der Luftfahrt fort, wo das Jagdgeschwader die Wachen stellte Außerdem hielt am Grabe Richthofens auf dem Jnvaliden-Fried- hof bis zur einbrechenden Dunkelheit ein Doppel­posten die Ehrenwache. Im Zeughaus hatte die Eeneralverwaltung der staatlichen Museen an dem in der Vorhalle aufgestellten Flugzeug desRoten Kampffliegers« einen Kranz niedergelegt. Das Ehrenmal wurde abends durch Scheinwerfer an­gestrahlt.

Der ersteTag der Reichsluftwaffe" fiel mit dem bereits herkömmlich gewordenen Oster- Volksflugtag auf dem Tempelhofer Feld zu­sammen, der sich nach einer großen Ehrung für den Fliegerhelden Manfred von Richthosen durch

Fliegerkommodore Oberstleutnant Udet und den stellvertretenden Gauleiter Eörlitzer zum Volksfest gestaltete. 250 000 Menschen füllten den weiten Platz und sahen den hohen Leistungen deutscher Flieger zu. Unter den Ehrengästen sah man Vertreter fast aller Behörden, sowie viele Kriegs- und Sportflieger.

Udet überbrachte die Grüße des Reichslustfahrt­ministers Hermann Eöring. Als alter Geschwa­derkamerad Manfred von Richthofens, so führte er aus, sei es ihm eine besondere Ehre des Mannes zu gedenken, der den Ruf der deutschen Luftwaffe im Kriege weit über die Grenzen des Vaterlandes getragen habe. Richthosen sei ein Name, der zum Symbol für deutsches

Schweres Omnibusunglück

Fulda, 22. April.

Ein schweres Omnibusunglück ereignete sich in der Nacht vom 1. zum 2. Osterfeiertag in der Nähe von Fulda. Das Trompeterkorps des Stand­ortes Fulda befand sich in einem Postomnibus auf der Rückfahrt von einem Konzert in Eersseld (Rhön). Als der Wagenführer versuchte, einen Personenkraftwagen zu überholen, verlor er die Gewalt über den Wagen und fuhr mit voller Ge­schwindigkeit gegen einen Baum. Hierbei wurde die mitfahrende Frau des Wagenführers tödlich verletzt, während von den Angehörigen des Trom­peterkorps fünf schwer und neun leicht verletzt wurden.

Soldatentum geworden ist. Dieser Richt- Hofen-Eeist sei der gleiche, der das Reich Adolf Hitlers aufgebaut habe, der keine kleinliche Klau­seln und Kompromisse, sondern nur die gerade große Linie-, das rückhaltlose Eintreten für den Kameraden und die rücksichtslose Vernichtung des Gegners bedeute. Die seltene Tatkraft Richt­hofens sei übergeströmt auf seinen letzten Nach­folger im Geschwader Hermann Eöring, dem es jetzt durch den kühnen Entschluß des Führers er­möglicht worden sei, mit seinen Mitarbeitern eine neue stolze Luftwaffe aus dem Boden zu stampfen. Den Dank an Richthosen könnten die alten Flie­ger nicht besser zum Ausdruck bringen als im Gelöbnis an den Führer, diesen Geist fortzusetzen in unverbrüchlicher Treue zu Adolf Hitler.

Nachdem das Lied vom guten Kameraden ver­klungen war, sprach der stellvertretende Gauleiter Staatsrat Eörlitzer. Er feierte die Größe Richthofens und dankte dem Führer für die Rück­gabe der Wehrfreiheit, auf Grund der Hermann Eöring eine Luftwaffe schaffe, die Deutschland den nötigen Schutz gewährleiste. Unsere Flieger seien die Helden des Friedens, sie seien aber auch die notwendigen Soldaten, wenn Krieg zwi­schen den Völkern ausstehe.

In flotter Folge wickelte sich nun das ab­wechslungsreiche Programm ab, bei dem Willy Stoer und Gerd Achgelis mitwirkten. Be­sonderen Beifall errang wieder Ernst Udets Cour- tos-Akrobatikmaschine, auf der er seine bekannten Fallstürze, Loopings und Rollen ausführte, die immer wieder rauschenden Beifall auslösten. So­dann zeigte Udet gleiche Kunststücke mit einem Segelflugzeug. Tosender Beifall dankte den Fliegern.

che Revolution 'tigen Revolutio- ührt habe. Die

Hitler-Freiplatzspende

In seiner Dankesansprache an die Män­ner der NS.-Volkswohlfahrt. als den Trä­gern des Winterhilsswerkes, bezeichnete der Führer und Reichskanzler das Winter­hilfe w e r k als das sicher te Zeichen dafür, daß die nationalsozialistisck- schon jetzt auch zu einer geis nierung unseres Volkes ges .

362 Millionen RM. Gesamtaufkommen wur­den nicht durch Steuern aus Deutschland herausgeprekt. Hunderttausende von frei­willigen Helfern trugen sie aus freiwilligen Gaben eines ganzen Volkes zusammen, ein Dokument nationaler Solidarität ohneglei­chen in der Geschichte.

Die Revolution geht weiter! StiIlstand ist Rückgang. Darum wird auch das Winterhilfswerk, nach einer Erklärung des Führers, zu einer dauernden Einrichtung des neuen Deutschlands werden, einer Ein­richtung, die den einmal erwachten Opfer- und Einsatzbereitschaftswillen des deutschen Menschen ständig lebendigerhalten und ver­tiefen wird.

Die Revolution geht weiter! Wir warten nicht bis zum Beginn des nächsten Winter- hilfswerkes! In Deutschland ist noch zuviel aus vergangener Zeit gutzumachen, als daß wir uns einer spießerhaften Ruhe hingeben könnten. Noch sind unzählige deutsche Volks­genossen körperlich geschwächt und seelisch zermürbt von all dem Elend der Hungerjahre und der Not der Arbeitslosigkeit. Noch tra­gen Tausende von Kämpfern der nationalen Erhebung schwer an den Folgen jener Kämpf und Strapazen, denen sie unter dem Einsatz ihrer ganzen Person sich mit einer Begeisterung sondergleichen unterzogen haben, um der nationalsozialistischen Idee zum Durchbruch zu verhelfen. Es ist nichts anderes als Erfüllung einer ganz primitiven Dankespflicht, wenn wir ihnen durch dieHitler-Freiplatzspende" im Rahmen des Erholungswerkes des deutschen Volkes ein paar Wochen der sorglosen Ruhe und Ausspannung bereiten. Sie sollen ge­sunden. Wir wollen an ihrem Geist uns aus­richten und im Zusammenleben mit ihnen jenen Fanatismus für ein neues Deutsch­land in uns hineintrinken, der durch sie das Vaterland wieder groß und frei gemacht hat.

Die Revolution geht weiter! Hat oas Winterhilfswerk aller Welt den Beweis er­bracht, daß wir wirklich sind eineinig Volk von Brüdern", so werden Erholungswerk und Hitler-Freiplatzspenden diesen Beweis nur unterstreichen und seinen Eindruck ver­mehren. Das Winterhilfswerk arbeitete sei­nem Wesen nach meist mit einer gewissen unvermeidlichen Anonymität. Das Erho­lungswerk führt uns zusammen, Mensch zu Mensch, läßt uns innerlich miteinander verwachsen und das Wort von der Volksgemeinschaft, von der wir auf allen Veranstaltungen der Winterhilfe eine Vorstellung bekamen, zu einem unauslösch­lichen Erlebnis werden.

Die Stiftung eines Freiplatz es soll dem Führer unser schönster Dank sein für das Größte, das er uns durch die nationale Revolution geschenkt hat, das Erlebnis echter Volksgemeinschaft.

nsk.

Werner Geller»

Ein Mann wird anerkannt

Sie standen auf der Bühne des Hochofens. Noch zitterte die Luft heiß und glühend vom letzten Abstich des Eisens, kein Windhauch kam, die Glut zu verwehen, die steil aus den verkrusteten Sand­rinnen emporstieg. Manchmal zogen durchsichtige Schwaden vorbei, es roch nach Phosphor, nach Kohlenoxyd und Schwefel und schnürte die Brust ein.

Der würde also nun, sagte der Betriebsleiter Haas und machte mit dem Kopf eine leichte Be­wegung zu dem oavck. pbil. Ferdinand Bergner neben sich, der würde also nun vier Wochen bei ihnen arbeiten, als sechster Mann, ab morgen. And zu Bergner gewandt:Sie hören auf den Ersten Mann."

Mehr sagte er nicht, und auch die anderen sagten nichts. Die Leute guckten an den beiden vorbei in die Luft, unbewegt. Die Sache war erledigt.

Allein ging Bergner über das Werksgelände dem Portal zu, an der Kokerei und dem Stahl­werk vorbei, über Eisenbahnschienen und Fahr­wege, unter Bühnen, Kränen, schwebenden Lasten, Zwischen einem Gewirr von Hallen und Gerüsten, zwischen Bergen eisernen und stählernen Mate­rials. Alles war kalt und starr, hart und ab­weisend, fast feindlich. Aber die Feindlichkeit ge­hörte zum Wesen dieser Dinge, sie war natürlich und in Ordnung, sie tat nicht weh. Ja, sie war lebensnotwendig, wenn Güte, Wärme und Liebe überhaupt sein sollten. Güte und Liebe. Hatten sie ihn nicht abgewiesen? Hatten sie nicht an ihm vorbeigesehen in die leere Luft? Denn er drängte sich, ein Unberufener, in ihre Reihen, er riß ihnen einen Teil Arbeit weg, die ihnen und ihren Bru­dern gehörte.

Der erste Abstich versickerte. Es strahlte über die Bühne ein gleißendes Licht und eine höllische Glut. Mit 1300 Grad Celsius trieb die gold-gelbe Lava durch den Sand und schleuderte taufende Wärmeeinheiten von sich in den Raum. Mit ab­gewandten und verzerrten Gesichtern, die Schlip­pen in den asbestbehandschuhten Fäusten, warfen die Männer Erde hinunter in die brodelnde Glut der Pfannen, um explostonslüsterne Gase, wo sie entstanden, zu neutralisieren und zu beschwich­tige» -. Donnernd fuhr derWind"

in die Cowpers.

Bergner war durchaus nicht schwächlich, aber ungewohnt derartiger Anstrengung. Der Kopf brannte ihm wie im Fieber, die Augen schmerz­ten ihn, die gasschwangere Luft beengte ihm die Brust. Es verlangte ihn nach Wasser, nach Kühle, nach Ruhe. Da kam, während er noch halb be­nommen an die Bühnenbrüstung gelehnt stand, der Erste Mann.Wir wollen Masse holen", sagte er, und sah an Bergner vgrbei ins Ungefähre. Sie gingen die schmale, steile Treppe hinunter zwischen den Winderhitzern durch in einen Schup­pen, wo die Masse lagerte. Bergner hielt den Sack, und der andere schippte ihn voll bis zum Rande. Keiner sagte ein Wort. Da sah, zum ersten Male-, der Arbeiter dem Studenten ins Gesicht. Es war ein seltsamer Blick, kalt, überlegen.Ich will ihn dir aufhelfen", sagte der Mann.Das wäre nett", sagte Bergner. Eins, zwei Bergner fühlte, wie er leicht einknickte. Vier Säcke schleppte er hinauf, dann war zweiter Abstich.

Noch war die Luft schwanger von Gas und Glut des Höllenslusses, noch fühlte Bergner seine Knie leise zittern, da kam der Erste Mann. ,LLir wollen Stoßstangen holen", sagte er und ging

voran. Sie gingen einen langen, winkligen Weg, am Kraftwerk und am Walzwerk vorbei, zum Materiallager. Während sie gingen, während die Lungen gierig und in vollen Zügen die verhält­nismäßig reine Luft sogen, während kühler Wind die heißen Köpfe umspülte, vollendete sich in Verg- ner eine äußerste Bereitschaft des Willens, eine leidenschaftliche, fast schmerzliche Verbissenheit. Jeder nahm fünf schwere, lange vierkantige Eisen- stangen auf die Schultern, dann gingen sie. Auf dem engen, winkligen, Hindernisreichen Wege stieß Bergner hier und da an, er fühlte die Kanten des Eisens durch die dünne blaue Jacke in die Schulter dringen und bei jedem Stoß die Haut zerscheuern. Aber er beachtete es nicht, er dachte nicht daran, er ging. Ging dem andern nach bis auf die Bühne. Und dann sagte der, während er angelegentlich die verstümmelte Tonpfeife stopfte: Du kennst nun den Weg, du kannst nun allein gehen." Sonst sagte er nichts. Bergner ging noch dreimal, dann war Abstich.

Als um 2 Uhr die Schicht gewechselt wurde, war außer den knappsten dienstlichen Anweisungen kein Wort zu dem Studenten gesprochen worden. Als sie m die Umkleideräume gingen, ging Berg- ner als letzter, so daß die andern nicht sehen konnten, daß er schwankte. Als sie aber in der Waschkaue, nur mit einer Hose bekleidet, vor den Waschbecken standen, sahen sie, daß dem Studenten Bergner die Haut in Fetzen von der rechten ver­krusteten Schulter hing und zwei breite, von Schweiß verwischte Vlutwege die Brust und den Rücken hinabliefen.

War das noch einen Tag auszuhalten? Konnte der Körper noch einen Tag diese Anstrengungen, konnte die Seele noch einen Tag diese von Ab­lehnung pralle Luft ertragen? Was aber, wenn sie es nicht mehr ertrugen Vielleicht hätte er es den Leuten erzählen sollen: daß sein Vater, der Studienrat, vor einem halben Jahre gestorben sei, daß er noch eine Reihe jüngerer Geschwister habe.

daß ihm nur noch zwei Semester bis zum Refe­rendar fehlten, daß er deshalb das Geld verdienen müsse, das zu verdienen der Werksdirektor, seines Vaters Freund, ihm ermöglichte. Vielleicht hätte er auch die Leute darauf hinweisen sollen, daß ihm selbst eine noch viel trostlosere und aussichts- ärmere Zukunft bevorstehe als ihnen, daß auch er leide und leiden werde. Vielleicht hätten sie dann ein Einsehen gehabt, vielleicht hätten sie ihn dann ein wenig verstanden vielleicht! Aber er wußte, daß er ungefragt kein Wort an sie würde richten können, daß er kein Wort von diesen Dingen über seine Lippen bringen könne. Und er wußte auch, daß sie ihn nicht fragen würden. Wozu also noch? Als er in das Haus seiner Mutter kam, sagte er, ohne es zu merken, halblaut vor sich hin: Wir sind alle allein."

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Mit müdem Kopf und müden Gliedern, obwohl er gerade aufgestanden war, überquerte Bergner zur Frühschicht das Werksgelände. Die Dunkel­heit erschien ihm lauernd, die Kälte schmerzlich, es war ihm trostlos zumute. Jetzt werden sie wieder acht Stunden an mir vorbeisehen, dachte er, und wenn sie mir wieder Stoßeisen auf die kaputte Schulter legen ich könnte es nicht. Wenn er den Arm im Schultergelenk bewegte, hatte er reißende Schmerzen.

Er war als erster auf der Bühne, als noch die Nachtschicht am Werke war. Mann für Mann kamen die andern. Er stand an der Bühnenbrü­stung, an derselben Stelle, an der er tags zuvor um diese Zeit gestanden hatte. Ohne Gedanken, mit unguten Gefühlen, sah er unbewegten Auges in die Nacht der Schlote und Essen, der Türme und Gerüste, der Lampen und Flammen, des ko­chenden Eisens und schäumenden Stahls. Es war alles so seltsam, so überwältigend und so nichtig.

Wir wollen abstechen", sagte der Zweite Mann und stieß ihn sanft in die Seite. Dabei sah ihm

der alte Hochöfner voll ins Gesicht und nickte ihm mit großen, ernsten Augen zu.

Sie stachen ab. Sie standen in feuriger Glut, in gleißendem Licht, in gasschwangerer Luft. Einer der Leute kam, einen Arm vor dem Gesicht, über die Rinne zu Bergner.Stellen Sie sich doch hinten in die Kühle", rief er,hier braucht man keinen!" Bergner, geradezu erschrocken über diese Anrede und ein wenig benommen, fühlte in sich eine breite, warme Blutwelle zum Herzen dringen. Danke", rief er mechanisch und stellte sich etwas zurück. Mit ungeschütztem Gesicht konnte er von hier aus die ganze Bühne, das überwältigende Schauspiel des Abstichs übersehen. Und da er seit Augenblicken eine ganz unbegreifliche, ganz plötz­liche Erleichterung, fast eine stille Freude in sich spürte, war er ganz aufgetan der Schönheit des phantastischen Bildes, und er fühlte auf einmal mächtig und beseligend den Stolz und die Größe der Menschen, die solcherart die gewaltigsten Kräfte der Natur zähmen und beherrschen. Der Student Ferdinand Bergner war in diesen Augen­blicken nahezu glücklich.

Der Abstich war beendet, der Wind, 800 Grad Celsius und zwei Atmosphären, durchjagte wieder den Ofen. Da stand, wie von ungefähr der Erste Mann neben Bergner. Wie von ungefähr zog er seine Zigarettenbüchse.Rauchen Sie auch? Bitte!" Er sah dem Studenten ins Gesicht, mit offenen, guten, etwas unsicheren Augen. Bergner nahm.Danke!" Und dann sagte der Erste Mann in einem Atem, und man konnte an der Wortwahl erkennen, daß die Rede präpariert war:Wie gefällt es Ihnen am Hochofen? Wissen Sie, das Herbeiholen von Material findet nur alle acht oder vierzehn Tage statt, und man kann sich das ja auch etwas verteilen. Und beim Abstich brau­chen Sie nicht vornean zu stehen, Sie sind ja nur Sechster. Dann wird es doch gehen, nicht wahr?" Jubelnd und gewaltig tönte ringsumher die Sin­fonie der Arbeit-

t' -SOL. ve'-'EMlOI'M'r'