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Nr. 106 / 3. Jahrgang
Dienstag, 16 . April
Einzelpreis is Rpf.
Unser lagesspiegel
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Die siir heute in Gens auf der Tagesordnung stehende französische Denkschrift wird von der englischen Presse verurteilt.
Der Entwurf je eines Lustpaktes zwischen Frankreich und Italien sowie zwischen Italien und England wird in der internationalen Presse viel besprochen.
Auch in England geht man jetzt zu Steuer- maßnahmen «ach bevölkerungspolitische» Grundsätzen über.
In Pommerellen kam es zu Mißhandlungen von Zugehörigen der deutschen Minderheit. Die am 15. April fälligen Zinsscheine der Dawes-Anleihe werden nur noch in Reichsmark eingelöst.
Kreispropagandaleiter Pg. Tretow gibt die Richtlinien für die Feierlichkeiten zum 1. Mai in Bremen bekannt.
Kreiswalter der DAF., Pg. Schwenk, ruft die bremische» Betriebe zur Meldung der Ver- trauensratswahl-Ergebnisse auf.
Der bremische Stromvaudirektor Kölle ist im Alter von 60 Jahren gestorben.
E Am 1S. Mai tritt für Bremen eine Neuregelung des Schlachtviehmarktes in Kraft.
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verhandelt
London, 18. April
Der französische Korrespondent des „Daily Telegraph" meldet aus Stresa, es besieh« Grund z« drr Annahme, daß gegenwärtig zwischen Frankreich «nd Italien über »ine» zweiseitige« Luft- vertrag verhandelt «erde «nd daß mit seiner lln- terzeichnung im nächste« Monat anf der Donan- ko»f»reu, in Rom z« rechnen sei. Dies« Vertrag Kaue wahrscheinlich, wie der Korrespondent hinzufügt, als Vorläufer eines ausgedehnteren französisch-italienischen Abkommens angesehen werde», das sich auf die aktive Verteidigung des Friedens i« Donaugeviet beziehen würde.
Paris, 15. April
Die Verlautbarungen über den Abschluß zweiseitiger Luftabkommen veranlassen einige Sonderberichterstatter zu der Feststellung, daß auch zwischen Italien und England über einen solchen Pakt, der vielleicht sogar einen größeren Umfang annehmen könnte, schon verhandelt werde. Anfangs Mai wird sich der französische Lustfahrtminister General Demain nach Rom begeben, um wie „Paris Soir" meldet, sich mit Mussolini über die Ausarbeitung des zweiseitigen Lustabkommens zu »nterhalten.
Befolgung des Memelftatu)s
Mailand, 15. April.
Dir italienische Zeitung „Tazetta del Popolo" teiÜ mit, daß die drei Regierungschefs auf der Konferenz in Stresa die Notwendigkeit erkannt hätten, daß das Memelstatut wiä>er in Wirksamkeit gesetzt worden müßte. Dadurch würde eine N-nmgsursach« «nd Gefahrenquelle beseitigt.
Heute Behandlung der Varlser Denkschrift lm Völkerbundsrat
Keine konkrete« Maßnahmen
Allenfalls: „Wirtschaftliche Sanktionen für die Zukunft" / Umfangreiche Verhandlungen
(Ornütberiviit unseres »neb (lenk eutsaockteu Ki'.-8edriktleiters)
Genf, 15. April.
Die Genfer Verhandlungen des Völkerbundsrats, für die nur wenige Tage zur Verfügung stehen, werden aller Voraussicht «ach mit der Annahme einer Entschließung enden, in welcher mit größerer oder geringerer Anlehnung an das Ergebnis von Stresa zu der neuen europäischen Situation Stellung genommen wird, wie sie durch das Londoner Protokoll vom 3. Februar und die deutschen Maßnahmen auf wehrpolitischem Gebiet geschaffen worden ist. Nach den vorläufigen Genfer Meldungen wird der Rat zwei Berichterstatter ernennen, die ihm einen Bericht über die französische Denkschrift zu den deutschen Rüstungsmatz- nahmen vorlegen sollen.
Das bedeutet, daß der Inhalt dieser Denkschrift aus der rein französischen Fassung herausgehoben und gewissermaßen in eine für dem Eesamt-Völ- kerbundsrat tragbare Formulierung gebracht werden soll. Offenbar ist es Macdonald gelungen, die Franzosen von ihrer ursprünglichen Absicht abzubringen, außer dieser Denkschrift auch noch einen
besonders formulierten Entschließungsantrag einzubringen. Diese Formulierung wird man nun den beiden Berichterstattern überlasten.
Eine der interessantesten formellen Fragen ist dabei die, ob in dieser Entschließung, in der voraussichtlich ganz allgemein von einseitigen Vertragsaufhebungen und von den Möglichkeiten ihrer künftigen Verhinderung die Rede sein wird, der Name Deutschland ausdrücklich genannt wird oder ob man es bei einer ganz allgemeinen Fassung ohne Nennung einer einzelnen Nation bewenden läßt.
vorläufig hat es den Anschein, als ob die Behandlung der ganzen Sache, die erst am Dienstag an die Reihe kommt, nachdem der Montag der abessinischen Frage vorbehalten war, ans einer sehr allgemeinen Linie verlanfen wird. Man wird von dem deutschen Spezialfall ausgehen, aber dann das Problem verallgemeinern. Bon konkreten Maßnahmen gegen Deutschland kann ohnehin nicht die Rede sein. Man wird den Hauptton ans die Verhinderung ähnlicher Fälle legen.
Vielleicht wird dabei, da man „alle irgendwie anwendbaren Maßnahmen" für einen solchen künftigen Fall in Bewegung setzen will, auf wirtschaftliche Sanktionen oder etwas Ähnliches abzielen. Bemerkenswert erscheint es. daß alles das nur für die Zukunft geplant, nicht aber als augenblicklich anwendbare Maßnahme ins Auge gefaßt wird. Die Debatte wird sicher sehr umfangreich, da nicht nur die in Stresa vertretenen Großmächte, sondern auch die Russen, die Polen, die Vertreter der Kleinen Entente und die anderen Ratsmächte zu Wort kommen werden. Immerhin besteht die Möglichkeit, daß am Mittwoch, spätestens Donnerstag, die Verhandlungen abgeschlossen werden.
Zum italienisch-absssinischen Streit stellte Baron Aloist bei der Ratstagung fest, daß Italien nunmehr bereit sei, in kürzester Frist zwei Schiedsrichter ernennen zu lassen. Der Ratsprästdent, der türkische Außenminister Rüschtü Aras, erklärte, unter diesen Umständen sei es nicht notwendig, die Frage auf die Tagesordnung der außerordentlichen Ratssitzung zu setzen.
„Bombe gegen den Völkerbund"
Das Vrefse-Echo der französischen Protestnote
London, 15. April
Das englische Arbeiterblatt „Daily Herald" schreibt zu den Ergebnissen von Stresa:. Frankreich habe mit der Veröffentlichung seiner Denkschrift eine Bombe auf den Völkerbund geworfen. Gegen jede Entschließung, die auf der französischen Note aufbaue, werde wohl im Völ- kerbundsrat energischer Widerstand erfolgen. In einem Leitartikel nimmt „Daily Herald" zu dem Beschluß der drei Mächte Stellung, den Völkerbundsrat um Einsetzung eines Ausschusses zu ersuchen, der Strafmaßnahmen für Vertragsbrüche erwägen solle. Das Blatt sagt, der Völkerbund sei geschaffen worden, um für den Frieden zu sorgen, und nicht, um die Durchführung von Verträgen zu erzwingen. Die Mächte seien sich etwas spät darüber klar geworden, daß Deutschland sich von den verbleibenden Versailler Einschränkungen befreien könne, ohne sich eine „Strafe" (!) zuzuziehen. Deshalb wollten sie jetzt das Gesetz ändern.
Zu dem Wortlaut der französischen Protestnote gegen die deutsche Aufrüstung sagt „Times", jeder gerecht Denkende müsse anerkennen, daß die Verletzung eines diktierendenBertrags etwas anderes sei als die Verletzung eines in Freiheit abgeschlossenen Abkommens. Ueberdies sei Deutschland im Jahre 1932 Gleichberechtigung versprochen worden. Wenn die Geheimhaltung der Aufrüstung durch die deutsche Regierung auch zu tadeln sei, so müsse man doch
fragen, welche andere Methode in der Praxis für ein entwaffnetes Land möglich sei, dem man die Gleichberechtigung versprochen habe. Hoffentlich werde die britische Regierung. auch weiterhin Mussolinis Ansicht unterstützen, daß eine neue Erwägung der betreffenden Teile der Friedensverträge überfällig sei.
Die „Time s" betont im Leitartikel, daß die Konferenz von Stresa die Zusammenarbeit zwischen England, Frankreich und Italien nicht nur aufrechterhalten, sondern sogar noch enger gestaltet habe. „Daily Mail" ist befriedigt, daß England keine neuen Verpflichtungen eingegangen ist. Im gleichen Blatt beurteilt Ward Price das Ergebnis der Konferenz recht pessimistisch. Der Nachdruck, den Macdonald aus die erneute Bekräftigung der ,-Solidarität Frankreichs, Italiens und Großbritanniens" als eines der Hauptergebnisse der Konferenz gelegt habe, unterstreiche die Entzweiung Europas, die täglich größer werd«. Das einzig wertvolle Ergebnis von Stresa sei die Vereinbarung einer Konferenz in Rom, auf der Deutschland vertreten sein solle.
Stockholm, 15. April
Die schwedische Presse beurteilt das Ergebnis von Stresa mit recht kühler Zurückhaltung. Durchweg wird zugegeben, daß die Konferenz im Grunde von Deutschland gerettet worden sei. Die französische Klage an den Völkerbund wird in der Form als scharf, in den Erfolgsaus
fichten als recht schwach beurteilt. „Svenska Dag- bladet" unterstreicht als Hauptergebnis der Konferenz die Tatsache, „daß England und Italien fest zu Locarno stehen" und daß „eine enge Zusammenarbeit zwischen den drei Mächten zum Schutze des Friedens" zu verzeichnen sei.
„Selbstüberhebung"
Gerechtes Urteil Lloyd Georges
Newyork, 16. April.
Im „New Pork American" gibt Lloyd George einer gewissen Befriedigung über den Ansgang der Konferenz von Stresa Ausdruck; er fügt aber hinzu, es würde ein Fehler sein, wenn man annehmen wollte, daß in Stresa irgend etwas in bezug auf die künftige Entwicklung Europas geregelt worden sei.
Das französische Dokument, fährt Lloyd George fort, das Deutschland Verletzung der Abrüstung sklausel des Versailler Vertrages vorwirft, ist ein Glanzstück arroganter Verstellung. Ein« Verletzung dieser Klausel mutz man im Gegenteil Frankreich und den Alliierten, der Tschechoslowakei und anderen Nationen einschließlich Italien zum Vorwurf machen. Ihr gegenwärtiger Unwille über Deutschland, weil es sich weigert, die Vertragsklauseln, die von ihren Urhebern gebrochen worden sind, länger als bindend anzusehen, ist eins der Musterbeispiele pharisäischer Selbstüberhebung.
Preisüberwachung
Kürzlich hielt drr Reichskommissar für Preisüberwachung, der Leipziger Oberbürgermeister Dr. Soerdeler, vor der Betriebsgemeinschast des dent- schen Aerztehausrs in Berlin eine« grundsätzlichen Vortrag über Sinn »nd Ausübung seines Amte».
Der Erfolg einer Sache, die die breiteste Öffentlichkeit berührt, ist zumeist erst dann gesichert, wenn alle von ihr berührten Kreise ihren Sinn begreifen und dadurch zu dem Willen gelangen, ihre Durchführung nach besten Kräften zu unterstützen. So ist « auch um die Ausgaben des Reichskommissar» für Preisüberwachung bestellt, die weniger aus der Linie einer diktatorischen Regelung der Preisgestaltung im Wirtschaftsleben liegen, als vielmehr in einer wirtschaftlichen
Beurteilung der Lage der Dinge, um so aus " ' ltcr ' .
dem Resultat die Wege zu finden, die nach Möglichkeit ohne brutalen Eingriff in den Wirtschaftsprozeß, den Interessen von Produzenten und Konsumenten gleich gerecht werden.
In normalen Zeiten regelt sich die Preisbildung aus dem Warenmarkt aus dem gesunden Verhältnis zwischen Angebot und Nachfrage. Haben jedoch politische Feinddiktate Kreditkrisen und damit Verblockungen des natürlichen Warenaustausches unter den Völkern hervorgerufen und kommt dann noch hinzu, daß die Wirtschaft des am meisten betroffenen Landes die rechtzeitige Umstellung aus die veränderte Lage versäumte, dann kann zwar zuerst eine ungesunde Scheinblüte der Wirtschaft eintreten, in deren Gefolge aber unweigerlich immer «in Niedergang sich bemerkbar macht, der dann natürlich auch den Konsumenten trifft.
Stillegungen von gewerblichen Betrieben bringen immer höhere Erweroslosenziffern, und schließlich scheint der Moment nicht mehr fern, an dem das gesamte Gebäude der Wirtschaft und damit auch das Volk an sich zusammenzubrechen droht. Im alten System standen wir kurz vor dieser Katastrophe. Die nationalsozialistische Regierung wandte ihr erstes Augenmerk auf eine Aen
derung dieses Zustandes und erkannte als ltell
Mittel dazu: 1. Zeitweilige Fernhaltung der jugendlichen Jahrgänge aus dem Produktionsprozeß durch ihre Bindung im Arbeitsdienst usw. 2. Neuverwurzelung der gewerblichen Arbeiter mit dem Heimatboden durch Siedlung, die es dem Arbeiter ermöglicht, aus Grund der eigenen Leistung außerhalb seines Betriebes, sein Lebensniveau zu heben und krisenfest zu werden. 3. Einsatz öffentlicher Mittel in Arbeitsbeschaffungsaktionen, um der gewerblichen Wirtschaft neuen Antrieb zu geben.
Nun kann gesagt werden, daß die Punkte eins und zwei mit großem Erfolg m die Praxis umgesetzt werden konnten. Aber auch der Einsatz öffentlicher Mittel zur Arbeitsbeschaffung wirkte sich zuerst einmal in der erwarteten Weise aus. Dann jedoch machte sich eine Bewegung bemerkbar, die den Endersolg der großen Arbeitsbeschaf- sungsaktionen in Frage zu stellen drohte.
Hans Srma«
Von den Titeln der Bücher
Die Reime sind tatsächlich von Johann Wolf- gang von Goethe!
Passanten. Sie find nicht mehr Name, sondern Blickfang des zum Reklamechef gewordenen Dichter».
Die Kühen Werke der Dichtkunst hatten so wenig einen Titel wie die Menschen damals einen Familiennamen! Homers Jlias haben erst wir getauft, und das Nibelungenlied wurde ohne Titel und selbst ohne Verfasser der Nachwelt überliefert. So blieb es auch bei den ersten gedruckten Büchern: sie beginnen gleich mit dem Text, den sie zu sagen haben, und allenfalls kommt ganz am End« «in« schlichte Notiz: geschrieben oder an den Druck gegeben von .. .
Das Dichten war mittlerweile ja eine gesellschaftliche Uebung, ein Unterhaltungsspiel geworden. Wenn ein Herr von Beust seine Gedichte erscheinen läßt, so darf das Titelblatt nicht verschweigen, daß der Dichter ein „Herzoglicher Eothaischer Lan- des-Lcynmerrath und Mitglied der Jena- und Göttingischen Teutschen Gesellschaften" ist.
Da war die Zeit, wo das Buch noch den Reiz des Neuen hatte und von Schreiber und Leser sehr wichtig genommen wurde. Was wir heute kurz- weg „Simplicissimus" nennen, das betitelte sich damals „Der Abentheuerliche Simplicissimus Teutsch, das ist: die Beschreibung des Lebens eines seltzamen Vaganten, genannt Melchior Sternfels von Fuchshaim, wo und welcher Gestalt Er mem- Kch in diese Welt kommen, was er darinn gesehen, gelernt, erfahren und ausgestanden, auch warumb er solche wieder jreywillig quittiert. Ueberaus lustig und männiglich nützlich zu lesen".
': Nun wußte wohl jedermann, was er von solchem Buch zu erwarten und zu halten hatte.
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Im sechzehnten Jahrhundert hatte man übrigens erstmals dem Buch einen Rückentitel gegeben. Der französische Vllchersammler Jean Erolier de Servil fand sich in seiner Bibliothek nicht mehr zu- recht, also ließ er auf den Rücken jedes seiner Bücher den abgekürzten Titel zeichnen.
Vielleicht war das die Eeburtsstunde des Schlag- wortes? — Tatsache ist, daß die Bllchertitel zusehends kürzer werden.
Dajür tritt der Berfasser etwas stärker hervor.
.Luise Millerin" war ein sachlicher Titel.
Aber Iffland, der erfahrene Theaterfachmann, hatt« vielleicht recht, wenn er dem jungen Schiller vorschlug, dafür das schlagkräftige „Kabale und Liebe" zu setzen. Die Leserschaft hatte plötzlich genug bekommen an all den „Emilia Ealottis", „Miß Sara Sampsons" und anderen Personennamen auf dem Theaterzettel. Das Publikum wollte schon im Titel sehen, daß ihm nicht Einzelschicksale, sondern allgemeine Probleme auf der Bühne vorgeführt wurden.
Es kommen als Uebergang die „oder".
Lenz heißt sein Stück „Der Hofmeister oder die Vortheile der Privaterziehung". Goethe überlegt, wie man den „Faust" allgemein gültig betiteln könnte.
Und überdies machte sich schon eine bürgerlich- bequeme Moral bemerkbar. . .
„Werthers Leiden" könnte vielleicht mißverstanden werden, und Goethe läßt auf den Titel der zweiten Auflage einen Vers drucken: Jeder Jüngling sehnt sich so zu lieben, / Jedes Mädchen so geliebt zu sein, / Ach, der heiligste von unsern Trieben / Warum quillt aus ihm die grimme Pein? / Du beweinst, Du liebst ihn. liebe Seele, / Rettest sein Gedächtnis von der Schmach; / Sieh, Dir winkt sein Geist aus seiner Höhle / Sei ein Mann, und folge mir nicht nach!
Hübscher find noch die Titel der kleinen Herren der Literatur, denn diese haben oft ein besseres Gefühl für das, was dem Zeitgeist gemäß ist als die großen Olympier.
Die „Werke müßiger Nebenstunden" galanter Kavaliere waren um 180V verschwunden. Das Bürgertum suchte seinen Platz und sein Schicksal in der Literatur, aus der es so bald wieder vertrieben werden sollte von den unbürgerlichen Romantikern.
Beispielhaft noch die Romane Johann Martin Millers, des viel gedruckten und noch häufiger gelesenen Zeitgenossen Goethes. Einer heißt: „Die Geschichte Gottfried Walthers, eines Tischlers, und des Städtleins Erlenburg. Ein Buch für Handwerker und Leute aus dem Mittelstand". Ein anderes nennt sich „Aus den Briefen zweyer Liebenden, Eyn Beytrag zur Geschichte der Zärtlichkeit" . . .
Wer weiß nun nicht Bescheid über Geschmack und Zeitgeist?
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Aber noch fehlt den Titeln das Anreißerische!
Herr von Kohebue ftitt auf den Plan. „Das Kind der Liebe oder der Straßenränder". „Phi- libert oder die Verhältnisse", „Die schöne Solotänzerin oder das Glück im Vürgerhause" tauft er die Kinder seiner Muse.
Das lockt Ins Theater! Das reizt zum Lesen!
Das ist ein Plakat, fast wie die Titel unserer Tage, wo wir an Reklametechnik des Titels uns schon gewöhnten. „Fragen Sie Frau Christine!", „Wohin rollst Du, Aepfelchen?", „Kleiner Mann, was nun?", „Und so verbringst Du Deine kurzen Tage!" — das sind fast nicht mehr Titel einer Dichtung sondern Worte persönlicher Anrede! Sie sprechen nicht mehr vom Werk, sondern hin zum
Uadsat sna knts, IibsIII . - .
Auch Titel haben ihre Geschichte. Das geistig« Leben wird gehetzter und in den Ausdrucksformen schärfer. „Mein Kampf" ist ein Fanal gegen die
fast behaglichen „Gedanken und Erinnerungen". Man fühlt im Titel dieser Werke den Unterschied zwischen den Notjahren unseres Jahrhunderts und der doch jriedlichen Zeit Bismarcks. Was Goethe „Dichtung und Wahrheit" nannte, das heißt bei Eerhart Hauptmann heute „Buch der Leidenschaft".
Bücher haben ihre Schicksale!
Weines Abenteuer als Landhelfer
Gestern bin ich angekommen. Gestern hat man mich durch Ställe und Scheunen geführt, noch mit mitleidigen Fragen und mit lächelnden Seitenblicken und mit Augenzwinkern, das ich nicht verstand. Und heute bin ich Landhelser. Ich schlafe nur ab und zu und wache denn lange und denke nach. Ach, wie wenig Zweck dieses Denken hat. Freude liegt darin und Angst zugleich. Na, Turnen hatte ich immer Zwei. So schlimm wird es nicht werden.
Ich habe im Dunkeln zu Bett gehen müssen. Sie haben mir gesagt, ich würde vielleicht eine Lampe in die Kammer kriegen, und ich habe mich demütig gefreut. Vielleicht, haben sie gesagt. Und dabei war ich doch gewohnt, lange Abende über Büchern zuzubringen. Aber ich habe nicht gewagt zu fordern, ich bin so etwas hier wie ein kleines Kind, das zwar Wünsche äußern darf und dem man freundlich Erfüllung zusagt, ohne daß man es ernst nimmt. Und es ist tatsächlich so, daß ich mich selbst nicht ganz ernst nehmen kann. Denn jetzt eben bin ich noch gar nichts.
Und dann mutz ich raus aus den Federn. Es poltert die Treppe zu mir herauf, es klopft dröhnend an die dünne Bretterwand meines Ver- schlages, der auf dem Boden des alten Bauernhauses steht, und: „Aufstehen!" heißt es. Ich reiße den Mund weit auf und muß gähnen,
quetsche noch im Gähnen mein Ja heraus und sage: „Komme schon," wenig freundlich, denn ich bin plötzlich sehr müde. Ich hocke aus der Bett- kante, starre in die Dämmerung draußen, und meine Hände suchen meine Strümpfe.
Ich stolpere die Treppe hinunter, einer dunklen Gestalt in die Arme, die mich knurrend empfängt: „Morrn!" — „Morrn!" sage ich heiser. Die Haustür ist offen. Es zieht. Ich denke an Essen, der Knecht, der mich unterweisen soll, an Arbeiten. Darum mißverstehen wir uns. Ich weiß genau, wo die Küche ist, er aber geht ganz woanders hin, hinaus über den Hos in die lange, große Scheune, in der die Kühe stehen. Die Tür, die zur Küche geht, ist verschlossen, und da. begreife ich denn endlich, daß es nichts zu essen geben sollte, sondern zu arbeiten, und ich gehe langsam zur Scheune, wo mein Führer mich schon erwartet, aber er sagt nichts. Es kostet ihn immer sehr große Ueberwindung, zu reden, bei mir natürlich besonders.
Zwei Mägde sitzen schon da und melken. Statt auf ihre Arbeit zu sehsn, schauen sie auf mich. Sie kichern, ohne rot zu werden und ohne aufzuhören. Ich bin noch ungewaschen und hungrig und folglich glänzender Laune. Ich trete mit den guten Schuhen in einen dicken Klumpen Kuh-