4
v reiner
ÜasanMche Man -es Senais -er Freien Hansestadt öremen
Bremer Zeitung erscheint täglich (auch Montags). Monatsbezug: RM. 2,30 einfchl. 30 Rpf. Zustellungsgebühr; durch die Post RM. 2,3» einschl. Ueberweisungsgebühr, ausschl. Postbestellgeld. Der Bezugspreis ist im voraus zu entrichten. Postscheck Hamburg 172 72. Betriebsstörungen begründen keinen Anspruch aus Erstattung oder Ersatz.
NS.-Eauverlag Weser-Ems E. m. b. H., Bremen, Am Geeren S—8 / Fernsprecher: Roland K25.
1
9 3
5
Anzeigen-Grundprcise: Die 22-mm-Zeile im Anzeigenteil 12 Rps., die 70-ram-Zsile im Textteil 75 Rps. Ermäßigte Grundpreise (sür kleine Anzeigen, Familienanzeigen u. a.) sowie sonstige Bedingungen laut Preisliste 4. (Nachlaßstassel 0.) Für Anzeigen durch Fernsprecher keine Gewähr. Annahmeschlutz 18 Uhr. Sprechzeit: Verlag werktäglich von 12—13 Uhr; Schriftleitung Dienstag bis Freitag von 12V-—13V- Uhr.
Nr. 64 / 3. Jahrgang
Dienstag, s. März
Einzelpreis i's Npf.
Lage in Griechenland
Athen, 4. März.
Mehrere Kriegsschiffe der griechischen Aufständischen wurden von den verfolgenden Regierungsflugzeugen mit Bomben belegt. Dabei wurde auf den Schiffen großer Schaden angerichtet und unter der Besatzung brach eine Panik aus. Um den Fliegern den Angriff zu erschweren, trennen sich die Schiffe voneinander. Mehrere Torpedoboote müssen geschleppt werden.
In der Nacht, in der der Putsch unternommen wurde, beobachtete man in der Venizelos gehörenden Villa in Athen Lichtsignale, auf die ein anderes Haus antwortete.
Die Regierung plant, angesehene Anhänger von Venizelos festzunehmen und in Theben in einem besonderen Lager als Geiseln festzusetzen. Der Erzbischof von Athen versucht, auf friedlichem Wege den Aufstand beizulegen. Die Regierung hat bisher drei Jahrgänge mobilisiert.
Ganz Kreta, Teile Thraziens und Südostmazedoniens mit den Städten Kawala und Drama sind in den Händen der Aufständischen. Militärische Verstärkungen nach Saloniki sind von Athen aus abgegangen. Nach dem Eintreffen weiterer Regierungstruppen wird ein allgemeiner Angriff eröffnet werden. Die Regieruyg glaubt an den endgültigen Sieg, da sie über Line lleber- macht an Truppen und einer besseren militärischen Ausrüstung ihrer Streitkräfte verfügt.
Alle Leuchttürme an der makedonischen Küste haben ihre Feuer in der letzten Nacht gelöscht, um die Fahrzeuge der Aufständischen in Verwirrung zu bringen. Der Hafen von Saloniki blieb für alle Schiffe die ganze Nacht geschlossen.
SSen begleltet Simon
London, März.
Es ist nunmehr entschieden worden, daß Außenminister Simon auf seiner Reise nach Berlin von Lordsiegelbewahrer Eden begleitet werden wird.
Da Simon am kommenden Sonntag wieder nach London zurückkehrt, wird er bei der großen Aussprache anwesend sein können, die am Montag, 11. März, im Unterhaus über Wehrfragen des britischen Reiches stattfindet. Dir Hauptsprecher für die Regierung werden der stellvertretende Ministerpräsident Baldwin und Außenminister Simon sein.
Die neue Gamfegiemng
Saarbrücken, 4. März.
Am Montag nahm die neue Saarregierung ihre Arbeit auf. Sie setzt sich folgendermaßen zusammen: Regierungschef: Gauleiter Joseph Bürckel; stellvertretender Regierungschef: Regierungspräsident Jung; Abteilung 1-2.: Jung; Abteilung Iv: Barth, Kommunalauf- sicht, Bauten und Wirtschaftsabteilung: Abteilung IC: Nietmann, Arbeit, Arbeitsbeschaffung, Landwirtschaft, Eewerbeaufsicht, Veterinärwesen, ferner Leiter der Zweigstelle des Landesarbeitsamtes: Abteilung II: Dr. Obe, Provin- zialanstalt, Landesfürsorgeverband; Abteilung III: Wambsgantz, Schulwesen; Abteilung IV: Binder, Oberversicherungsaussicht, Versorgungsgericht, Dienstkammergericht.
Dr. Schacht auf der Leipziger Messe
Deutschland in -er Weltwirtschaft
Stellung des Nationalsozialismus zum Aufbau des Welthandels / Deutschlands koloniale Ansprüche
Leipzig, 4. März.
Die Kommission für Wirtschaftspolitik der NSDAP. veranstaltete Montagabend in einer Halle des Leipziger Messegeländes eine große Kundgebung, die unter dem Motto stand: Deutschland in der Weltwirtschaft! Die Redner auf dieser Kundgebung waren Reichs- bankpräsident Dr. Schacht, der Präsident der Reichswirtschaftskammer Geh. Kommerzienrat Hecker, der Reichskommissar für Preisüberwachung Dr. Goerdeler und der Leiter der Kommission für Wirtschaftspolitik Bernhard Köhler.
Der mit der Führung der Geschäfte des Reichs- wirtschaftsministers beauftragte Reichsbankpräsident Dr. Schacht hielt einen Vertrag über „Deutschland in der Weltwirtschaft". Er führte u. a. aus:
Wir wollen uns keinem Zweifel darüber hingeben. daß Deutschland heute vor wirtschafts- politischen Aufgaben steht, die dem normalen Na- tionalökonomen als beinahe unlösbar erscheinen. Dazu kommt, daß wir die Lösung finden müssen zu einer Zeit, wo noch ein erheblicher Teil der Auslandswelt sich unserem geistigen Ringen gegenüber feindlich einstellt. Denn die nationalsozialistische Revolution ist nicht von materiellen Gesichtspunkten ausgegangen,, sondern bedeutet einegeistige ll m w äl -
zung. Es ist diese geistige Kraft der nationalsozialistischen Bewegung, die jetzt die Welt zum Nachdenken bringt.
Wenn der Nationalsozialismus mit Recht das Sichbreitmachen fremdrassigen Wesens in Staat und Kultur ausmerzt, so heißt das nicht unterschiedslos jeden Juden vernichten, und wenn frei- maurerische Heimlichtuerei mit Recht abgetan wird, so gilt deshalb nicht jeder Freimaurer als Landesverräter. Aber Mißgriffe dieser Art sind vergängliches Beiwerk, das noch keiner Revolution gefehlt hat. Was aber Revolutionen an geistigen Großtaten hervorbringen, bleibt, und das große geistige Gut der nationalsozialistischen Revolution wird seinen unvergänglichen Siegeslauf durch die Geschichte halten.
Meine sogenannten ausländischen Freunde leisten weder mir noch der Sache, aber auch sich selbst gar keinen Dienst, wenn sie mich zu den angeblich unmöglichen nationalsozialistischen Wirtschaftstheorien in einen Gegensatz zu bringen suchen und mich gewissermaßen als den Hüter wirtschaftlicher Vernunft hinstellen.
Ich kann Ihnen versichern, daß alles, was ich sage und tue, die absolute Billigung des Führers hat, und daß ich nichts tun und sagen würde, was seine Billigung nicht hat. Also, Hüter der wirtschaftlichen Vernunft bin nicht ich, sondern ist der Führer. Die Stärke des nationalsozialistischen Re
gimes liegt eben in der einheitlichen Willenslenkung durch den Führer und in der begeisterten und bedingungslose» Hingabe seiner Mitarbeiter und des Volkes an ihn.
Die Wirtschaftskrise der Welt dauert nun schon ins sechste Jahr. Vor dem Kriege hatte Deutschland 28 Millionen Forderungen und 15 Jahre später mehr als 25 Milliarden RM. Schulden an das Ausland. Deutschland hat alles getan, um die ihm aufgezwungene Umstellung zu vollziehen und seine Schulden abzuzahlen. Das Ausland hat aber den Erfolg dieser Anstrengungen durch seine Handelsrestriktionen und Währungsdumpings vereitelt. Außerdem ist ein Teil unserer Gläubigerstaaten zu dem System der Clearings übergegangen und hat damit dem Welthandel einen neuen Schlag versetzt. Diese Clearingsverträge haben nicht nur unseren Transithandel fast vollständig zum Erliegen gebracht, sie haben darüber hinaus durch ihren Bürokratismus und durch ihre Formularwirtschaft den fremden Käufer abgeschreckt, in Deutschland einzukaufen. Ferner haben sie den Rohstoff-Verede- lungskredit lahmgelegt und den normalen deutschen Einfuhrkredit fast vollständig unterbunden.
(Fortsetzung im Innern des Blattes)
Neue Regierung in Ungarn
Julius von Gömbös bleibt Ministerpräsident
Budapest, 4. März
Die Mitglieder der ungarischen Regierung versammelte» sich Montag vormittag unter dem Vorsitz des Ministerpräsidenten Gömbös zu einem Ministerrat. Das Kabinett beschloß aus Antrag des Ministerpräsidenten den Rücktritt der Regierung. Den Beschluß des Ministerrats brachte Gömbös unverzüglich dem Reichsverweser zur Kenntnis, der den Rücktritt annahm und gleichzeitig mit der Bildung des neuen Kabinetts den bisherigen Ministerpräsidenten Gömbös betraute.
Es gelang dem Ministerpräsidenten, sofort das folgende Kabinett zusammenzustellen: Ministerpräsident und Kriegsminister: Gömbös; Minister des Aeußeren: von Kanya; Finanzminister: Fa- binyi; Ackerbauminister: Daranyi; Justizminister: Lazar; Inneres: Nicolaus von Kozma (neu); Kultus- und Unterrichtsminister: Homan; Handelsminister: Eeza Bornomissza (neu).
Zur Bildung der neuen Regierung erklärte Ministerpräsident Gömbös, auch das neue Kabinett brauche den nationalen Arbeitsplan als Grundlage seiner Regierungszislsetzungen. Die allgemeine Richtung der innerpolitischen Zielsetzung und der Wirtschaftstätigkeit der Regierung werde beibehalten. Bei den kommenden Verhandlungen
mit dem Ausland werde Ungarn im Verein mit den anderen Staaten der Sache des Friedens zu dienen bestrebt sein. In innerpolitischer Beziehung stehe an erster Stelle die Verwirklichung der auch bisher vertretenen Reformpläne, die in strenger Einfügung in den Jdoenkreis der fortschrittlichkonservativen und konstitutionellen Auffassung entsprechend dem politischen Glaubensbekenntnis des Ministerpräsidenten verfolgt werden solle. Das Reformprogramm der neuen Regierung besteht einmal aus den sogenannten konstitutionellen Reformen (Ausdehnung der Machtbefugnisse des Reichsverwesers, Wahlrechtsreformvorlage, Reform des Oberhauses und des Presserechts), ferner in der Durchführung von siedlungspolitischen Reformplänen, des Jnteressenvertretungsgesetzes und der Volkserziehungsreform. Diese Pläne bilden, wie Gömbös betonte, ein organisches Ganzes.
Englands Heeresetat erhöht
London, 4. März.
Die Haushaltsvoranschläge für das englische Heer sind am Montag veröffentlicht worden. Sie belaufen sich auf 43,55 Millionen Pfund (622,6
Millionen Mark) und weisen gegenüber dem Vorjahr eine Erhöhung um 3,95 Millionen Pfund (47,4 Millionen Mark) auf. Die neuen Voranschläge sehen die Verstärkung des Mannschaftsbestandes von 149 599 Mann auf 152 299 vor. Von der Erhöhung der Ausgaben entfällt ein beträchtlicher Teil aus die Arsenale, für die weitere 2,1 Millionen Pfund (26,4 Millionen Mark) ausgeworfen sind. Die Territorialarmee erhält 267 999 Pfund (3,294 Millionen Mark) mehr als im Vorjahr.
Vertrag Ätalien—Abesfinien
London, 4. März.
Wie Reuter meldet, hat die italienische Regierung der britischen Regierung mitgeteilt, daß ein Abkommen zwischen Italien und Abesfinien abgeschlossen worden sei zur Errichtung einer neutralen Zone in der Gegend von Ual-Ual, um neue Scharmützel an der Grenze zu verhindern.
Es wäre zu wünschen, daß mit diesem Abkommen auch der Weg zur Beilegung der noch zwischen beiden Staaten schwebenden territorialen Streitfragen freigelegt ist.
Politik um Gömbös
Zielbewußte Vorbereitung von Reformen
Der Rücktritt des Kabinetts Gömbös mag manchem überraschend gekommen sein. Ebenso überraschend wie die dem Rücktritt auf den Fuß folgende Neubildung des Kabinetts. Wer indessen einigermaßen um die innenpolitischen Verhältnisse in Ungarn Bescheid weiß, konnte keinen Augenblick sich darüber im unklaren befinden, das Gömbös' Rücktritt nicht ohne Einverständnis mit dem ungarischen Staatsoberhaupte erfolgt ist und daß dieser Rücktritt nur den Sinn haben konnte, die politischen Pläne der beiden verantwortlichen Männer in Ungarn um ein gutes Stück weiter der Verwirklichung zuzuführen.
Daß dies tatsächlich der Fall ist, war denn auch bereits wenige Stunden nach Gömbös' Rücktritt an der raschen Neubildung des Kabinetts deutlich zu erkennen, selbst für die Gegner Gömbös', die jedenfalls weit mehr von seinem Rücktritt zu befürchten als zu hoffest hatten.
Es ist der rasche Rücktritt und die ebenso überraschende Neubildung des ungarischen Kabinetts Gömbös nichts anderes, als ein weiterer zielbewußter Schachzug des ungarischen Ministerpräsidenten zur Mattsetzung seiner innenpolitischen Gegner. Sie, die bereits Morgenluft zu wittern glaubten, und einen geheimen Zwiespalt zwischen dem Reichsverweser und dem Ministerpräsidenten erkennen zu können hofften, sehen sich jetzt vor die Tatsache gestellt, daß Gömbös nicht allein nach wie vor das volle Vertrauen des Staatsoberhauptes besitzt, sondern dazu noch im Einverständnis mit diesem Staatsoberhaupt sich durch die Rekonstruktion seines Kabinetts eine noch zuverlässigere Plattform, als er vorher besaß, zu schaffen vermochte. Damit hat er sich freie Bahn für seine Reformpläne erkämpft. Diese Reformpläne gehen dahin, die ungarische Landwirtschaft in ähnlichem Sinne, wie es bei der deutschen geschah, vor Spekulationen und Verschuldung zu schützen, gegen den beherrschenden Einfluß der Großbanken einen Damm zu setzen, die Kartelle unter Kontrolle zu stellen und dazu noch die Wahlrechtssrage zu lösen. Daß er dabei in den eigenen Reihen, der sogenannten Einheitspartei, die bisher die Regierungspartei bildet, nicht durchweg Zustimmung finden konnte, läßt sich denken, wenn man weiß, daß gerade in diesen Reihen Großbanken und Kartelle ihre Vertreter haben. Nicht umsonst hielt Gömbös seit Monaten schon Ausschau nach Bundesgenossen und nicht umsonst suchte er sie dort, wo seine geplanten Reformen Zustimmung finden mutzten: nämlich bei den Kleinland- wirten, die, obwohl formal in Opposition, mit gutem Grund, von Gömbös Erleichterung ihrer Lage erhoffen.
War es also schon klug von Gömbös, über den Rahmen der eigenen Partei hinaus Fühlung zu halten mit dem Oppositionsführer Tibor von Eckardt, hinter dem in erster Linie die sogenannten ungarischen Kleinlandwirte stehen und der zudem als Nachfolger des bekannten Grafen Apponyi Vertreter Ungarns im Völkerbund gewesen war, also eine ziemliche Volkstllmliä-keit in Ungarn besitzt, so ist vollends der Rücktritt
Richard Villinger
Gin Besuch in seinem Dichterhetm / Eigenbericht der „Bremer Leitung"
Unser Mitarbeiter hatte Gelegenheit, den wohl ursprünglichsten und eigenwilligsten. Dichter unter den Lebenden, der von der oberbaherischen Scholle herkommt, die ihm alle seine Werke diktiert, in seinem Berliner Heim aufzusuchen.
Richard Villinger empfängt uns an einem wundervollen, schönen Vorfrühlingstag im Haufe eines Freundes in Dahlem. Hier ist die Großstadt verstummt und es beginnt fast das Land. Hier fühlt sich in einem stillen Stübchen der Dichter der „Rauhnacht" und der „Rosse" wohl: er sieht auf entzückende weiße Landhäuschen und auf einen großen Garten. Wie schön läßt es sich hier schreiben in einer Atmosphäre erlesenen künstlerischen Geschmacks, die von kostbaren alten Holzschnitzereien, Skulpturen und von einer Hausorgel gekrönt wird.
Der Dichter ist erst ein wenig stockend mit den Mitteilungen, die der neugierige Besucher aus ihm herauszulocken versucht, aber er scheint das gewöhnt. Trotzdem er hier nur kurze Zeit zu Gaste ist, macht er keineswegs den Eindruck eines hastigen Mannes, der von Premitzre zu Premiere eilt, im Gegenteil: er macht in seiner kantigen, riesigen bäuerlichen Figur (die soviel Anlaß zu amüsanten Anekdoten gab!) und seiner abgeklärten Ruhe einen unerschütterlich-stabilen Eindruck.
Echt wirkt er sofort, wenn er von seiner Heimat St. Marienkirchen bei Scherding am Jnn spricht, wo es noch ein seltsames oberösterreichisches Erbhofrecht gibt, das ihm, dem Erstgeborenen, sofern er sich nicht verheiratet, lebenslänglich ein Existenzminimum an Nahrung und
Kleidung zusichert. Lächelnd erzählt er, daß er Lei seinen Tantiemen und seiner großen Gönnerschaft dieses Minimum (Eier, Milch, ein Anzug, ein. Hut im Jahr!) nicht auszuwerten braucht. Den Erbhof bewirtschaftet heute noch sein Bruder: von Zeit zu Zeit führt Billinger sein Weg wieder zurück zu neuer Anregung auf der heimatlichen Scholle. Der Dichter erzählt . . .
Meine Stücke entstehen ganz instinkt- und bluts- mätzig — „sie bluten aus mir heraus!" sagte er wörtlich. „Das Wesentliche an meinen Dichtungen scheint mir, daß etwas Goldenes, Warmes, Menschliches in ihnen enthalten ist, das zu allen Herzen sprechen sollte, den Zuschauer über den Alltag erhebend, ja, sie schreien sogar förmlich nach Musik. „Ich höre immer eine unsichtbare Flöte Arien singen." Vielleicht wäre ich ein guter Opernlibrettjst geworden, aber das kann ja noch kommen/ Aber auch in meinen kommenden Stücken „Bauernpassion" und einer Malertragödie aus der Aera der Präraffaeliten wird Musik als Begleitung erforderlich sein.
Die Kritik wird sich gewiß wundern, daß ich in diesem innigen, poefievollen Werk mal nicht ins bäuerliche Waldhorn stoße, sondern die zarte Violine spiele. Denn dieses Stück wird ein reines Seelengemälde zwischen zwei künstlerisch empfindenden Menschen, dem Maler Rosselti und seinem Modell sein. Es spielt in London im Stil der achtziger Jahre und in ihm dominiert die Mode des Oül äs Lsris. Es ist der mich unqebeuer packende Leidensweg eines jungen Mädchens, der hier plastische Gestalt annehmen soll. Die Umrisse sind noch unscharf und etwas verworren, aber es sprudelt schon-.
In dem Schauspiel mit apernhastem Einschlag, nach dem alten Leiden-Christi-Spiel gestaltet, gehen zwei Handlungen ineinander auf. Zur Zeit der Bauernkriege wird ein Hufschmied — viele von Billingers Vorfahren waren Hufschmiede! — zum Vauernführer ernannt. Er hat seine Tochter verstoßen, die Schauspielerin ist, damals also eine verachtete Komödiantin. In der Karfreitagsnacht gelingt den Bauern ein Sieg über ihren Todfeind, den Grafen, sie werden dann aber zurückgeworfen, zum Teil gefangengenommen und eine Anzahl von ihnen, darunter
NWZ
der Hufschmied, wird zum Tode durch den Strang verurteilt.
Jetzt setzt die zweite Handlung ein. Die Schauspielertruppe, darunter als Maria Magdalena die Tochter des Bauernobersten, spielt wie noch nie zuvor am Karfreitagsmorgen mit suggestiver Gewalt das alte Leiden-Christi-Spiel vor dem herrischen und kaltherzigen Grafen. (Dieses Spiel hat Villinger in seiner Jugend von oberbayerischen Vauerntruppen noch spielen sehen!). Das rührende Spiel der Maria Magdalena und ihre Klagen um den Heiland am Kreuze — so soll die biblische Maria Magdalena vor Pi- latus getanzt haben! — zwingen den Grafen zur Milde und Gnade — „als ihre Tränen auf die Trommel fallen . . ." sagt Villinger und in diesem Augenblick umstrahlt ihn unsichtbar der Glorienschein des wahrhaften Dichters! — „befiehlt er, die Bauern freizugeben . . Was dahinter steht, spricht der Dichter, ist der Gedanke, daß die Kunst höher und dauernder ist als die brutale Macht, exemplifiziert an der verstoßenen Komödiantin und dem kriegerisch-wilden Grafen.
Dieses Stück möchte Villinger im Herbst gern im Berliner „Theater des Volkes" sehen, von dem er mit Begeisterung und Leidenschaft spricht. Aber die Uraufführung muß es natürlich im Leipziger Alten Theater Detlefs Siercks erleben. Billingers Wegbereiter.
Während der Dichter uns von seinen Plänen erzählt, gerät er sichtlich in Feuer und verliert seine Zurückhaltung und Kantigkeit, ja, sein Tiroler Dialekt hat schließlich etwas so Gemütliches und Wärmendes, daß man sich schon freut, wenn er wieder einmal in Berlin ist. dieser urwüchsige und doch so kunstbegeisterte Bajuware...
Auch von seinen Filmplänen erzählt er. Sehr anstrengend war die Arbeit mit dem eigenwilligen Luis Trenker, für dessen großen Tirol- Film „Der verlorene Sohn" Villinger die Dialoge
schrieb. Von weiteren Filmplänen sei noch erwähnt, daß Villinger das Manuskript zu Leni Riefenstahls Film „Tiefland" (nach dÄlberts gleichnamiger Oper!) arbeitet, den Alfred Abel inszenieren soll. Lsrl Luokns.
Das Älter des Siegers
General Weygand, der Oberbefehlshaber des jranzösischen Heeres, trat kürzlich in den Ruhestand. Der Abschied dieses Offiziers veranlaßte eine Pariser Zeitung zu einer Untersuchung über die Frage, in welchem Alter die größten Feldherren der Weltgeschichte ihre bedeutendsten Siege errangen. Das Blatt vertrat die Ansicht, daß im allge- meinen der Lorbeer sich um ergraute oder schneeweiße Schläfen winde. Weygand ist heute 68 Jahre alt. Nahezu gleichaltrig war Generalfeldmarschall von Hindenburg, als er die Schlacht von Tannen- berg für Deutschland gewann. Moltke, der große Schweiger, war ebenfalls ein Siebziger, als er die Schlacht von Sedan, die den Ausgang des deutschfranzösischen Krieges entschied, mit mathematischer Sicherheit schlug. Blücher, der unsterbliche Marschall Vorwärts, stand im 73. Lebensjahr, als er bei Waterloo das Kriegsglück zu den Fahnen der vereinigten Preußen und Engländer zwang. Dieses Lob deutscher Feldherren aus französischem Munde klingt sehr ehrenvoll für uns, dennoch soll man sich vor Verallgemeinerungen hüten, die geeignet sind, falsche Vorstellungen zu erwecken. Fast alle Lebensalter des erwachsenen Mannes stellten die großen Feldherren der Geschichte. Als Fünfundzwanzig- jähriger siegte Alexander der Große bei Arbela, Hannibal als Einunddreißigjähriger bei Cannä. Mit 18 Jahren siegte der Jüngling Karl XII. bei Narva, mit 29 Jahren Napoleon bei Areales. Gustav Adolf schlug im Alter von 37 Jahren die Schlacht bei Breitenfeld, Friedrich der Große mit 45 Jahren Leuthen und Cäsar mit 52 das siegreiche Tressen bei Pharsalus.