Ausgabe 
(5.3.1935) Nr. 64
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ÜasanMche Man -es Senais -er Freien Hansestadt öremen

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Nr. 64 / 3. Jahrgang

Dienstag, s. März

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Lage in Griechenland

Athen, 4. März.

Mehrere Kriegsschiffe der griechischen Aufständi­schen wurden von den verfolgenden Regierungs­flugzeugen mit Bomben belegt. Dabei wurde auf den Schiffen großer Schaden angerichtet und unter der Besatzung brach eine Panik aus. Um den Fliegern den Angriff zu erschweren, trennen sich die Schiffe voneinander. Mehrere Torpedoboote müssen geschleppt werden.

In der Nacht, in der der Putsch unternommen wurde, beobachtete man in der Venizelos gehören­den Villa in Athen Lichtsignale, auf die ein anderes Haus antwortete.

Die Regierung plant, angesehene Anhänger von Venizelos festzunehmen und in Theben in einem besonderen Lager als Geiseln festzusetzen. Der Erzbischof von Athen versucht, auf friedlichem Wege den Aufstand beizulegen. Die Regierung hat bisher drei Jahrgänge mobilisiert.

Ganz Kreta, Teile Thraziens und Südostmaze­doniens mit den Städten Kawala und Drama sind in den Händen der Aufständischen. Mili­tärische Verstärkungen nach Saloniki sind von Athen aus abgegangen. Nach dem Eintreffen wei­terer Regierungstruppen wird ein allgemeiner Angriff eröffnet werden. Die Regieruyg glaubt an den endgültigen Sieg, da sie über Line lleber- macht an Truppen und einer besseren militärischen Ausrüstung ihrer Streitkräfte verfügt.

Alle Leuchttürme an der makedonischen Küste haben ihre Feuer in der letzten Nacht gelöscht, um die Fahrzeuge der Aufständischen in Verwirrung zu bringen. Der Hafen von Saloniki blieb für alle Schiffe die ganze Nacht geschlossen.

SSen begleltet Simon

London, März.

Es ist nunmehr entschieden worden, daß Außen­minister Simon auf seiner Reise nach Berlin von Lordsiegelbewahrer Eden begleitet werden wird.

Da Simon am kommenden Sonntag wieder nach London zurückkehrt, wird er bei der großen Aus­sprache anwesend sein können, die am Montag, 11. März, im Unterhaus über Wehrfragen des britischen Reiches stattfindet. Dir Hauptsprecher für die Regierung werden der stellvertretende Ministerpräsident Baldwin und Außenminister Simon sein.

Die neue Gamfegiemng

Saarbrücken, 4. März.

Am Montag nahm die neue Saarregierung ihre Arbeit auf. Sie setzt sich folgendermaßen zu­sammen: Regierungschef: Gauleiter Joseph Bürckel; stellvertretender Regierungschef: Re­gierungspräsident Jung; Abteilung 1-2.: Jung; Abteilung Iv: Barth, Kommunalauf- sicht, Bauten und Wirtschaftsabteilung: Abtei­lung IC: Nietmann, Arbeit, Arbeitsbeschaf­fung, Landwirtschaft, Eewerbeaufsicht, Veterinär­wesen, ferner Leiter der Zweigstelle des Landes­arbeitsamtes: Abteilung II: Dr. Obe, Provin- zialanstalt, Landesfürsorgeverband; Abteilung III: Wambsgantz, Schulwesen; Abteilung IV: Binder, Oberversicherungsaussicht, Versorgungs­gericht, Dienstkammergericht.

Dr. Schacht auf der Leipziger Messe

Deutschland in -er Weltwirtschaft

Stellung des Nationalsozialismus zum Aufbau des Welthandels / Deutschlands koloniale Ansprüche

Leipzig, 4. März.

Die Kommission für Wirtschaftspolitik der NSDAP. veranstaltete Montagabend in einer Halle des Leipziger Messegeländes eine große Kundgebung, die unter dem Motto stand: Deutschland in der Weltwirtschaft! Die Redner auf dieser Kundgebung waren Reichs- bankpräsident Dr. Schacht, der Präsident der Reichswirtschaftskammer Geh. Kommerzienrat Hecker, der Reichskommissar für Preisüber­wachung Dr. Goerdeler und der Leiter der Kommission für Wirtschaftspolitik Bernhard Köhler.

Der mit der Führung der Geschäfte des Reichs- wirtschaftsministers beauftragte Reichsbankpräsi­dent Dr. Schacht hielt einen Vertrag über Deutschland in der Weltwirtschaft". Er führte u. a. aus:

Wir wollen uns keinem Zweifel darüber hin­geben. daß Deutschland heute vor wirtschafts- politischen Aufgaben steht, die dem normalen Na- tionalökonomen als beinahe unlösbar erscheinen. Dazu kommt, daß wir die Lösung finden müssen zu einer Zeit, wo noch ein erheblicher Teil der Auslandswelt sich unserem geistigen Ringen gegenüber feindlich einstellt. Denn die natio­nalsozialistische Revolution ist nicht von materiellen Gesichtspunkten ausgegangen,, sondern bedeutet einegeistige ll m w äl -

zung. Es ist diese geistige Kraft der national­sozialistischen Bewegung, die jetzt die Welt zum Nachdenken bringt.

Wenn der Nationalsozialismus mit Recht das Sichbreitmachen fremdrassigen Wesens in Staat und Kultur ausmerzt, so heißt das nicht unter­schiedslos jeden Juden vernichten, und wenn frei- maurerische Heimlichtuerei mit Recht abgetan wird, so gilt deshalb nicht jeder Freimaurer als Landesverräter. Aber Mißgriffe dieser Art sind vergängliches Beiwerk, das noch keiner Revolu­tion gefehlt hat. Was aber Revolutionen an gei­stigen Großtaten hervorbringen, bleibt, und das große geistige Gut der nationalsozialistischen Re­volution wird seinen unvergänglichen Siegeslauf durch die Geschichte halten.

Meine sogenannten ausländischen Freunde lei­sten weder mir noch der Sache, aber auch sich selbst gar keinen Dienst, wenn sie mich zu den angeblich unmöglichen nationalsozialistischen Wirtschafts­theorien in einen Gegensatz zu bringen suchen und mich gewissermaßen als den Hüter wirtschaftlicher Vernunft hinstellen.

Ich kann Ihnen versichern, daß alles, was ich sage und tue, die absolute Billigung des Führers hat, und daß ich nichts tun und sagen würde, was seine Billigung nicht hat. Also, Hüter der wirt­schaftlichen Vernunft bin nicht ich, sondern ist der Führer. Die Stärke des nationalsozialistischen Re­

gimes liegt eben in der einheitlichen Willens­lenkung durch den Führer und in der begeisterten und bedingungslose» Hingabe seiner Mitarbeiter und des Volkes an ihn.

Die Wirtschaftskrise der Welt dauert nun schon ins sechste Jahr. Vor dem Kriege hatte Deutschland 28 Millionen Forderungen und 15 Jahre später mehr als 25 Milliarden RM. Schulden an das Ausland. Deutschland hat alles getan, um die ihm aufgezwungene Umstellung zu vollziehen und seine Schulden abzuzahlen. Das Ausland hat aber den Erfolg dieser Anstrengungen durch seine Handelsrestriktionen und Wäh­rungsdumpings vereitelt. Außerdem ist ein Teil unserer Gläubigerstaaten zu dem System der Clearings übergegangen und hat damit dem Welthandel einen neuen Schlag versetzt. Diese Clearingsverträge haben nicht nur unseren Tran­sithandel fast vollständig zum Erliegen gebracht, sie haben darüber hinaus durch ihren Bürokratis­mus und durch ihre Formularwirtschaft den frem­den Käufer abgeschreckt, in Deutschland einzu­kaufen. Ferner haben sie den Rohstoff-Verede- lungskredit lahmgelegt und den normalen deut­schen Einfuhrkredit fast vollständig unterbunden.

(Fortsetzung im Innern des Blattes)

Neue Regierung in Ungarn

Julius von Gömbös bleibt Ministerpräsident

Budapest, 4. März

Die Mitglieder der ungarischen Regierung ver­sammelte» sich Montag vormittag unter dem Vor­sitz des Ministerpräsidenten Gömbös zu einem Ministerrat. Das Kabinett beschloß aus Antrag des Ministerpräsidenten den Rücktritt der Re­gierung. Den Beschluß des Ministerrats brachte Gömbös unverzüglich dem Reichsverweser zur Kenntnis, der den Rücktritt annahm und gleich­zeitig mit der Bildung des neuen Kabinetts den bisherigen Ministerpräsidenten Gömbös betraute.

Es gelang dem Ministerpräsidenten, sofort das folgende Kabinett zusammenzustellen: Minister­präsident und Kriegsminister: Gömbös; Minister des Aeußeren: von Kanya; Finanzminister: Fa- binyi; Ackerbauminister: Daranyi; Justizminister: Lazar; Inneres: Nicolaus von Kozma (neu); Kultus- und Unterrichtsminister: Homan; Han­delsminister: Eeza Bornomissza (neu).

Zur Bildung der neuen Regierung erklärte Mi­nisterpräsident Gömbös, auch das neue Kabinett brauche den nationalen Arbeitsplan als Grund­lage seiner Regierungszislsetzungen. Die allge­meine Richtung der innerpolitischen Zielsetzung und der Wirtschaftstätigkeit der Regierung werde beibehalten. Bei den kommenden Verhandlungen

mit dem Ausland werde Ungarn im Verein mit den anderen Staaten der Sache des Friedens zu dienen bestrebt sein. In innerpolitischer Beziehung stehe an erster Stelle die Verwirklichung der auch bisher vertretenen Reformpläne, die in strenger Einfügung in den Jdoenkreis der fortschrittlich­konservativen und konstitutionellen Auffassung entsprechend dem politischen Glaubensbekenntnis des Ministerpräsidenten verfolgt werden solle. Das Reformprogramm der neuen Regierung besteht ein­mal aus den sogenannten konstitutionellen Re­formen (Ausdehnung der Machtbefugnisse des Reichsverwesers, Wahlrechtsreformvorlage, Re­form des Oberhauses und des Presserechts), ferner in der Durchführung von siedlungspolitischen Re­formplänen, des Jnteressenvertretungsgesetzes und der Volkserziehungsreform. Diese Pläne bilden, wie Gömbös betonte, ein organisches Ganzes.

Englands Heeresetat erhöht

London, 4. März.

Die Haushaltsvoranschläge für das englische Heer sind am Montag veröffentlicht worden. Sie belaufen sich auf 43,55 Millionen Pfund (622,6

Millionen Mark) und weisen gegenüber dem Vor­jahr eine Erhöhung um 3,95 Millionen Pfund (47,4 Millionen Mark) auf. Die neuen Vor­anschläge sehen die Verstärkung des Mannschafts­bestandes von 149 599 Mann auf 152 299 vor. Von der Erhöhung der Ausgaben entfällt ein beträcht­licher Teil aus die Arsenale, für die weitere 2,1 Millionen Pfund (26,4 Millionen Mark) aus­geworfen sind. Die Territorialarmee erhält 267 999 Pfund (3,294 Millionen Mark) mehr als im Vorjahr.

Vertrag ÄtalienAbesfinien

London, 4. März.

Wie Reuter meldet, hat die italienische Regie­rung der britischen Regierung mitgeteilt, daß ein Abkommen zwischen Italien und Abesfinien abge­schlossen worden sei zur Errichtung einer neutralen Zone in der Gegend von Ual-Ual, um neue Schar­mützel an der Grenze zu verhindern.

Es wäre zu wünschen, daß mit diesem Ab­kommen auch der Weg zur Beilegung der noch zwischen beiden Staaten schwebenden territorialen Streitfragen freigelegt ist.

Politik um Gömbös

Zielbewußte Vorbereitung von Reformen

Der Rücktritt des Kabinetts Gömbös mag manchem überraschend gekommen sein. Ebenso überraschend wie die dem Rücktritt auf den Fuß folgende Neubildung des Kabinetts. Wer indessen einigermaßen um die innenpolitischen Verhältnisse in Ungarn Bescheid weiß, konnte keinen Augenblick sich darüber im unklaren befinden, das Gömbös' Rücktritt nicht ohne Einverständnis mit dem ungarischen Staatsoberhaupte erfolgt ist und daß dieser Rücktritt nur den Sinn haben konnte, die politischen Pläne der beiden ver­antwortlichen Männer in Ungarn um ein gutes Stück weiter der Verwirklichung zu­zuführen.

Daß dies tatsächlich der Fall ist, war denn auch bereits wenige Stunden nach Gömbös' Rücktritt an der raschen Neubildung des Kabinetts deutlich zu erkennen, selbst für die Gegner Gömbös', die jedenfalls weit mehr von seinem Rücktritt zu befürchten als zu hoffest hatten.

Es ist der rasche Rücktritt und die ebenso überraschende Neubildung des ungarischen Kabinetts Gömbös nichts anderes, als ein weiterer zielbewußter Schachzug des un­garischen Ministerpräsidenten zur Matt­setzung seiner innenpolitischen Gegner. Sie, die bereits Morgenluft zu wittern glaubten, und einen geheimen Zwiespalt zwischen dem Reichsverweser und dem Ministerpräsidenten erkennen zu können hofften, sehen sich jetzt vor die Tatsache gestellt, daß Gömbös nicht allein nach wie vor das volle Vertrauen des Staatsoberhauptes besitzt, sondern dazu noch im Einverständnis mit diesem Staatsober­haupt sich durch die Rekonstruktion seines Kabinetts eine noch zuverlässigere Plattform, als er vorher besaß, zu schaffen vermochte. Damit hat er sich freie Bahn für seine Re­formpläne erkämpft. Diese Reformpläne gehen dahin, die ungarische Landwirtschaft in ähnlichem Sinne, wie es bei der deutschen geschah, vor Spekulationen und Verschuldung zu schützen, gegen den beherrschenden Ein­fluß der Großbanken einen Damm zu setzen, die Kartelle unter Kontrolle zu stellen und dazu noch die Wahlrechtssrage zu lösen. Daß er dabei in den eigenen Reihen, der soge­nannten Einheitspartei, die bisher die Regierungspartei bildet, nicht durchweg Zu­stimmung finden konnte, läßt sich denken, wenn man weiß, daß gerade in diesen Reihen Großbanken und Kartelle ihre Vertreter haben. Nicht umsonst hielt Gömbös seit Monaten schon Ausschau nach Bundes­genossen und nicht umsonst suchte er sie dort, wo seine geplanten Reformen Zustimmung finden mutzten: nämlich bei den Kleinland- wirten, die, obwohl formal in Opposition, mit gutem Grund, von Gömbös Erleichterung ihrer Lage erhoffen.

War es also schon klug von Gömbös, über den Rahmen der eigenen Partei hinaus Füh­lung zu halten mit dem Oppositionsführer Tibor von Eckardt, hinter dem in erster Linie die sogenannten ungarischen Kleinlandwirte stehen und der zudem als Nachfolger des bekannten Grafen Apponyi Vertreter Ungarns im Völkerbund gewesen war, also eine ziemliche Volkstllmliä-keit in Ungarn besitzt, so ist vollends der Rücktritt

Richard Villinger

Gin Besuch in seinem Dichterhetm / Eigenbericht derBremer Leitung"

Unser Mitarbeiter hatte Gelegenheit, den wohl ursprünglichsten und eigenwilligsten. Dichter unter den Lebenden, der von der oberbaherischen Scholle herkommt, die ihm alle seine Werke diktiert, in seinem Berliner Heim aufzusuchen.

Richard Villinger empfängt uns an einem wundervollen, schönen Vorfrühlingstag im Haufe eines Freundes in Dahlem. Hier ist die Groß­stadt verstummt und es beginnt fast das Land. Hier fühlt sich in einem stillen Stübchen der Dich­ter derRauhnacht" und derRosse" wohl: er sieht auf entzückende weiße Landhäuschen und auf einen großen Garten. Wie schön läßt es sich hier schreiben in einer Atmosphäre erlesenen künst­lerischen Geschmacks, die von kostbaren alten Holz­schnitzereien, Skulpturen und von einer Haus­orgel gekrönt wird.

Der Dichter ist erst ein wenig stockend mit den Mitteilungen, die der neugierige Besucher aus ihm herauszulocken versucht, aber er scheint das gewöhnt. Trotzdem er hier nur kurze Zeit zu Gaste ist, macht er keineswegs den Eindruck eines hastigen Mannes, der von Premitzre zu Premi­ere eilt, im Gegenteil: er macht in seiner kan­tigen, riesigen bäuerlichen Figur (die soviel An­laß zu amüsanten Anekdoten gab!) und seiner abgeklärten Ruhe einen unerschütterlich-stabilen Eindruck.

Echt wirkt er sofort, wenn er von seiner Hei­mat St. Marienkirchen bei Scherding am Jnn spricht, wo es noch ein seltsames oberösterrei­chisches Erbhofrecht gibt, das ihm, dem Erstge­borenen, sofern er sich nicht verheiratet, lebens­länglich ein Existenzminimum an Nahrung und

Kleidung zusichert. Lächelnd erzählt er, daß er Lei seinen Tantiemen und seiner großen Gönner­schaft dieses Minimum (Eier, Milch, ein Anzug, ein. Hut im Jahr!) nicht auszuwerten braucht. Den Erbhof bewirtschaftet heute noch sein Bruder: von Zeit zu Zeit führt Billinger sein Weg wieder zurück zu neuer Anregung auf der hei­matlichen Scholle. Der Dichter erzählt . . .

Meine Stücke entstehen ganz instinkt- und bluts- mätzigsie bluten aus mir heraus!" sagte er wörtlich.Das Wesentliche an meinen Dichtungen scheint mir, daß etwas Goldenes, Warmes, Menschliches in ihnen enthalten ist, das zu allen Herzen sprechen sollte, den Zuschauer über den Alltag erhebend, ja, sie schreien sogar förmlich nach Musik.Ich höre immer eine unsichtbare Flöte Arien singen." Vielleicht wäre ich ein guter Opernlibrettjst geworden, aber das kann ja noch kommen/ Aber auch in meinen kommenden StückenBauernpassion" und einer Malertra­gödie aus der Aera der Präraffaeliten wird Musik als Begleitung erforderlich sein.

Die Kritik wird sich gewiß wundern, daß ich in diesem innigen, poefievollen Werk mal nicht ins bäuerliche Waldhorn stoße, sondern die zarte Violine spiele. Denn dieses Stück wird ein reines Seelengemälde zwischen zwei künstlerisch empfin­denden Menschen, dem Maler Rosselti und seinem Modell sein. Es spielt in London im Stil der achtziger Jahre und in ihm dominiert die Mode des Oül äs Lsris. Es ist der mich unqebeuer packende Leidensweg eines jungen Mädchens, der hier plastische Gestalt annehmen soll. Die Umrisse sind noch unscharf und etwas verworren, aber es sprudelt schon-.

In dem Schauspiel mit apernhastem Ein­schlag, nach dem alten Leiden-Christi-Spiel ge­staltet, gehen zwei Handlungen ineinander auf. Zur Zeit der Bauernkriege wird ein Hufschmied viele von Billingers Vorfahren waren Huf­schmiede! zum Vauernführer ernannt. Er hat seine Tochter verstoßen, die Schauspielerin ist, damals also eine verachtete Komödiantin. In der Karfreitagsnacht gelingt den Bauern ein Sieg über ihren Todfeind, den Grafen, sie werden dann aber zurückgeworfen, zum Teil gefangen­genommen und eine Anzahl von ihnen, darunter

NWZ

der Hufschmied, wird zum Tode durch den Strang verurteilt.

Jetzt setzt die zweite Handlung ein. Die Schau­spielertruppe, darunter als Maria Magdalena die Tochter des Bauernobersten, spielt wie noch nie zuvor am Karfreitagsmorgen mit suggestiver Gewalt das alte Leiden-Christi-Spiel vor dem herrischen und kaltherzigen Grafen. (Dieses Spiel hat Villinger in seiner Jugend von ober­bayerischen Vauerntruppen noch spielen sehen!). Das rührende Spiel der Maria Magdalena und ihre Klagen um den Heiland am Kreuze so soll die biblische Maria Magdalena vor Pi- latus getanzt haben! zwingen den Grafen zur Milde und Gnadeals ihre Tränen auf die Trommel fallen . . ." sagt Villinger und in diesem Augenblick umstrahlt ihn unsichtbar der Glorienschein des wahrhaften Dichters! befiehlt er, die Bauern freizugeben . . Was dahinter steht, spricht der Dichter, ist der Gedanke, daß die Kunst höher und dauernder ist als die brutale Macht, exemplifiziert an der verstoßenen Komödiantin und dem kriegerisch-wilden Grafen.

Dieses Stück möchte Villinger im Herbst gern im BerlinerTheater des Volkes" sehen, von dem er mit Begeisterung und Leidenschaft spricht. Aber die Uraufführung muß es natürlich im Leipziger Alten Theater Detlefs Siercks erleben. Billingers Wegbereiter.

Während der Dichter uns von seinen Plänen erzählt, gerät er sichtlich in Feuer und verliert seine Zurückhaltung und Kantigkeit, ja, sein Tiroler Dialekt hat schließlich etwas so Gemüt­liches und Wärmendes, daß man sich schon freut, wenn er wieder einmal in Berlin ist. dieser ur­wüchsige und doch so kunstbegeisterte Bajuware...

Auch von seinen Filmplänen erzählt er. Sehr anstrengend war die Arbeit mit dem eigen­willigen Luis Trenker, für dessen großen Tirol- FilmDer verlorene Sohn" Villinger die Dialoge

schrieb. Von weiteren Filmplänen sei noch er­wähnt, daß Villinger das Manuskript zu Leni Riefenstahls FilmTiefland" (nach dÄlberts gleichnamiger Oper!) arbeitet, den Alfred Abel inszenieren soll. Lsrl Luokns.

Das Älter des Siegers

General Weygand, der Oberbefehlshaber des jranzösischen Heeres, trat kürzlich in den Ruhestand. Der Abschied dieses Offiziers veranlaßte eine Pa­riser Zeitung zu einer Untersuchung über die Frage, in welchem Alter die größten Feldherren der Weltgeschichte ihre bedeutendsten Siege erran­gen. Das Blatt vertrat die Ansicht, daß im allge- meinen der Lorbeer sich um ergraute oder schnee­weiße Schläfen winde. Weygand ist heute 68 Jahre alt. Nahezu gleichaltrig war Generalfeldmarschall von Hindenburg, als er die Schlacht von Tannen- berg für Deutschland gewann. Moltke, der große Schweiger, war ebenfalls ein Siebziger, als er die Schlacht von Sedan, die den Ausgang des deutsch­französischen Krieges entschied, mit mathematischer Sicherheit schlug. Blücher, der unsterbliche Mar­schall Vorwärts, stand im 73. Lebensjahr, als er bei Waterloo das Kriegsglück zu den Fahnen der vereinigten Preußen und Engländer zwang. Dieses Lob deutscher Feldherren aus französischem Munde klingt sehr ehrenvoll für uns, dennoch soll man sich vor Verallgemeinerungen hüten, die geeignet sind, falsche Vorstellungen zu erwecken. Fast alle Lebens­alter des erwachsenen Mannes stellten die großen Feldherren der Geschichte. Als Fünfundzwanzig- jähriger siegte Alexander der Große bei Arbela, Hannibal als Einunddreißigjähriger bei Cannä. Mit 18 Jahren siegte der Jüngling Karl XII. bei Narva, mit 29 Jahren Napoleon bei Areales. Gustav Adolf schlug im Alter von 37 Jahren die Schlacht bei Breitenfeld, Friedrich der Große mit 45 Jahren Leuthen und Cäsar mit 52 das siegreiche Tressen bei Pharsalus.