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Zeitung
-er Sreien Hansestadt vremen
Nr. 2Si / 4. Vierteljahr
Tertteil 7b Rps
die 7l><mm.Zsile
Anzeigen-Grundpreise: Die LL-mm-Zeile im Anzeigenteu IS
Verlages werktäglich
Sprechzeit
Sonntag, 21. Oktober
Einzelpreis 15 Rps.
Zusammenlegung
der Innenministerien des Reichs und Preußens
Berlin, 20. Oktober.
' Der Amtliche Preußische Pressedient teilt mit:
Der preußische Ministerpräsident Eöring hat einem Borschlag des Reichsministers Frick zugestimmt, durch den die Geschäfte der bisher getrennt geführten Ministerien des Innern von Reich und Preußen nunmehr in einem einheitlichen Ressort zusammengefaßt werden. Durch diese Maßnahme wird der Bestand des preußischen Ministeriums des Innern als solches nicht berührt. Infolge der neben die Personalunion tretenden Realunion wird aber eine erhebliche Vereinfachung und Verbesserung der Geschäftsführung erzielt werden.
Das Ministerium des Innern wird sich in Zukunft in folgende Abteilungen gliedern: I. Verfassung und Gesetzgebung, II. Beamtentum und Verwaltung (einschließlich der Personalangelegen- heiten), III. Polizei, IV. Volksgesundheit, V. Kommunalverwaltung, VI. Deutschtum, Leibesübungen und Kirche.
Die Abteilungen I, IV und vi werden unter der Leitung des Staatssekretärs Pfundtner in dem bisherigen Dienstgebäude des Reichsministeriums am Königsplatz arbeiten; die Abteilungen LI, III und V unter der von Staatssekretär Erauert in den Räumen des bisherigen preußischen Ministeriums Unter den Linden.
s GAöslawische Regierung zurückgetreten
Berlin, 26. Oktober.
Nach aus Belgrad vorliegenden Meldungen ist die Regierung Uzonowitsch, die bekanntlich erst kürzlich der Regentschaft ihre Aemter zur Verfügung gestellt hatte, von dieser aber gebeten worden war, im Amte zu bleiben, erneut zurückgetreten. Ueber die Negierungsneubildung liegen bisher nur unkontrollierbare Gerüchte vor. Anscheinend wird mit der Möglichkeit der Bildung einer neuen Regierung unter Führung des Generals Zivkowitsch oder des bisherigen Außenministers Jestitsch gerechnet. Wie verlautet, hält man es an maßgebender Stelle für zweckentsprechend, die jetzige Regierung durch ein Kabinett der nationalen Einheit zu ersetzen. Der ehemalige Slcwenenführer Dr. Koroschetz soll diesem Kabinett angehören.
Neue Sorgen für Doumergue
Paris, 20. Oktober.
Es ist nicht ausgeschlossen, daß die französische Regierung schon in den allernächsten Tagen eine neue Krise zu lösen haben wird. Der Arbeitsminister Marquet wird von seiner Partei, den Neusozialisten, vor die Entscheidung gestellt, entweder die Regierung oder die Partei zu verlassen. Die Neusozialisten begründen ihren Standpunkt damit, daß die Politik des Vurgfriedenskabinetts seit einigen Monaten eine den Grundsätzen der Partei widersprechende Richtung eingeschlagen habe.
Deutschland wehet sich
Gegen die Verleumdungen seitens der französischen und tschechischen Dresse
(Orabtdoriebt unserer Her
II. IV. Berlin, 20. Oktober.
In Berliner politischen Kreisen beschäftigt man sich eingehend mit der immer stärker und skrupelloser werdenden Hetzkampagne, die auch in großen und maßgebenden französischen Blättern im Zusammenhang mit dem Marseiller Attentat gegen Deutschland getrieben wird. Bisher hat man zu den Vorwürfen, in denen Deutschland als die „Brutstätte des internationalen Terrorismus" im allgemeinen und als „Schutzmacht der kroatischen Emigranten" im besonderen hingestellt wird, geschwiegen. Man war einmal der Ansicht, daß aus Gründen der Pietät die Tage der Beisetzung der Opfer von Marseille nicht der richtige Zeitpunkt zur Entfesselung einer Pressepolemik waren und man nahm zum anderen an, daß die Vernunft in kurzer Zeit wieder ihr Recht erhalten werde.
Nachdem sich aber herausgestellt hat, daß die sich einander widersprechenden Untersuchungsergebnisse der französischen Polizei ohne jede kritische Prüfung sofort der Öffentlichkeit unterbreitet
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werden, sofern nur ein Angriff auf Ungarn oder Deutschland darin enthalten ist, setzt man sich an maßgebender politischer Stelle energisch den Anwürfen gegenüber zur Wehr. Es ist unverkennbar, daß diese französischen Blätter, die aufs lebhafteste von der Präger Presse bei ihrer Hetze unterstützt werden, nicht etwa spontan handeln, sondern die Vorbereitungen gewisser politischer Geschäfte besorgen, die keineswegs geeignet sind, den inneren Frieden Europas zu fördern.
Es ist festzustellen, daß die kroatischen Verschwörer in den verschiedensten Ländern Europas Unterschlupf gesucht und gefunden haben. Das beweist die Tatsache, daß dem Königsmord in Frankreich die Verhaftung des Haupträdelsfllhrers in Italien gefolgt ist, während die Tschechoslowakei u. a. mit einer bisher noch nicht aufgeklärten ominösen Paß- asfäre in die Attentatsgeschichte hineingezogen morden ist
Demgegenüber kann festgestellt werden, daß Deutschland verhältnismäßig am wenigsten von
den kontinentalen Nationen mit der kroatischen Emigration zu tun hatte. Die in Deutschland ansässigen kroatischen Emigranten, die bei uns ebensowenig wie anderwärts ohne weiteres in ihrer Freiheit eingeschränkt werden können, haben — wie übrigens auch in anderen Ländern — ihre Zeitungen gegründet. Ihre beiden Blätter sind aber im Januar d. Js. verboten worden, als sich herausstellte, daß sie im Dienste staatsfeindlicher Umtriebe gegen Jugoslawien standen. Von diesem Augenblick an wurde für die hinter ihnen stehenden Kreise schärfste Ueberwachung angeordnet. —
Um nach gewisser Länder Brauch gegen Deutschland hetzen zu müssen, um angeblich dem Frieden zu dienen, sei den Pariser Zeitungen empfohlen, in erster Linie einmal das Treiben der deutschen Emigranten im nächsten Umkreis der eigenen Redaktionen zu beobachten. Damit würde dem Frieden Europas am meisten gedient. An der korrekten Haltung Deutschlands ist kein Zweifel erlaubt.
Gaarregierung lehnt Winterhilfswerk ab
Eigenartige Begründung des Sammlungsverbots durch die Regierungskommission
Luftrennen England-Australien
Bries dem Betreffenden mitzuteilen hat, und zwar an dessen Anschrift im Saargebiet. Der Betroffene muß innerhalb von vier Tagen seit Aufgabe dieses Einschreibebriefes zur P o st (also nicht seit dem Tage, an dem er ihn erhält), seine Einwendungen gegen diesen Einspruch dem zuständigen Kreisbüro schriftlich mitteilen. Er muß ferner das ihm abschriftlich zugestellte Einspruchsschreiben des Einsprucherheben- den seiner Erwiderung an das Kreisbüro beifügen.
Also: Wer einen solchen Brief im Saargebiet erhält, muß sofort seine Einwendungen schriftlich — Unterschrift nicht vergessen — unter Beifügung der Schrift des Gegners an das zuständige Kreisbüro der Abstimmungskommission senden. Ln Zweifelsfragen wende man sich sofort an die Ortsgruppen des Bundes der Saarvereine.
Saarbrücken, 20. Oktober.
Wie im Vorjahre, so sollte auch in diesem Winter ein großzügiges Winterhilfswerk an der Saar aufgezogen werden. Die charitativen Verbände zusammen mit der Sozialabteilung der Deutschen Front wollten sich in den Dienst der großen Sache für die leidenden deutschen Volksgenossen an der Saar stellen.
Wie aus dem jetzt veröffentlichten Briefwechsel zwischen den charitativen Verbänden und der Regierungskommission hervorgeht, hatten sich die beteiligten Stellen bereits Mitte September an die Regierungskommission mit der Bitte um Genehmigung der Sammlungen für das Winterhilfswerk gewandt. Nach wochenlangem Schweigen erteilte die Regierungskommission einen a b - schlägigen Bescheid mit der eigenartigen Begründung, daß sie sich im Hinblick auf die bevorstehende Abstimmung auf den grundsätzlichen Standpunkt stellen müsse, keine Sammlung zu einem Winterhilfswerk zu genehmigen, dessen Träger oder Mitträger eine an der Abstimmung beteiligte politische Organisation sei.
Es muß daher merkwürdig berühren, daß der ablehnende Bescheid der Regierungskommission mit politischen Gesichtspunkten begründet wird, obwohl es sich bei der Durchführung des Winter- hilsswerkes um eine rein charitative Angelegenheit handelt. Sinn und Zweck des Winterhilfs- werkes an der Saar wie im Reiche ist einzig und allein, die Not der Aermsten zu lindern, zumal von dem Winterhilfswerk des Saargebietes wie stets alle notleidenden Saarländer ohne Rücksicht auf die politische Einstellung erfaßt werden sollten. Auf den ersten abschlägigen Bescheid der Regierungskommission hin hatten sich dann die
charitativen Verbände allein an die Regierungskommission gewandt. Bis heute ist ihr am 3. Oktober gestellter Antrag ohne jede Beantwortung geblieben.
Bei dem abgelehnten . Winterhilfswerk > handelte es sich um die Versorgung von rund 180 O00 Volksgenossen. Es hatte am 1. Oktober beginnen sollen.
Saarabftimmungsberechtigte!
Der Bund der Saarvereine teilt uns mit:
Jede im Saargebiet wohnende Person kann Einspruch gegen die Eintragung einer bereits in die vorläufige Abstimmungsliste aufgenommenen Person erhebe».
Die Abstimmungskommission hat nun verfügt, daß derjenige, der einen solchen Einspruch erhebt, eine Abschrift desselben durch eingeschriebenen
London, 26. Oktober.
Das Luftrennen England—Australien begann am Sonnabend um 6.36 Uhr in Mildenhall mit dem Start des Ehepaares Mollison in seinem Flugzeug „Black Magic".
Am Flugplatz hatten sich etwa 20 000 Personen eingefunden, um dem Beginn des Luftrennens beizuwohnen. Bei Tagesanbruch wurden die ersten Maschinen zur Startlinie gebracht, die meisten mit laufenden Motoren. Einige Minuten vor 6.30 Uhr waren alle 20 Flugzeuge an der
Startlinie versammelt, und überall ertönten die Rufe: „Glückliche Landung!" Die letzten Wetterberichte besagen, daß zwischen England und Bagdad ziemlich günstige Bedingungen herrschen, außer in der Gegend von Wien.
17 Minuten nach Startbeginn waren alle 20 Flugzeuge in der Luft. 2n einem der holländischen Flugzeuge befindet sich als Passagierin die bekannte deutsche Journalistin und Fliegerin Thea Rasche.
(Weitere Meldungen Seite 4)
Das ^ecae HcaA
st. K. Bremen, 21. Oktober 1934.
Merkwürdiges Zusammentreffen: Auf den Anschlagsäulen von Bremen kleben neben den schreienden Freimarkts-Plakaten die schweren dunklen Plakate der Kriegsgräber- fürsorge mit den Kreuzen und dem toten Frontkämpser-Kopf. Hier brüllt geradezu das Leben vor Freude und Ausgelassenheit und da schweigt es. Gewisz recht merkwürdige Kontraste, wie es die Buntheit und Launenhaftigkeit des menschlichen Lebens nur einmal fertigbringen kann, und doch mag hier ein Walten der Vorsehung mitgesprochen haben. Es ist gut so, daß der Mensch in seinen fröhlichsten Tagen an das Ende aller Dinge erinnert wird, und es ist in diesem Falle ganz besonders angebracht, den deutschen Menschen, wenn er mit der rechten Hand für die Freude des Lebens Mark-Stücke ausgibt, die linke Hand zu fragen, ob hier vielleicht noch ein Groschen für das ferne Grab des unbekannten Frontkämpfers im Auslande übrig ist. Ich habe die Sammler für die Kriegsgräbersürsorge gestern bei ihrer Arbeit beobachtet und habe auch die Menschen gesehen, die um die kleine Opsergabe angehalten wurden. Manchmal war es, als wenn sich meine Faust ballen sollte, um irgend so einem teilnahmslosen, kalten Gesicht für einen Augenblick etwas Schamröte zu geben. Geld? Geld und wieder Geld? fluchten die einen, und die anderen zuckten nur mit den Achseln. Die Tritten kauften aus Gewohnheit, und sagen wir einmal Disziplin, die Plakette für 20 Pfg., um ein neues Stück für ihre Plaketten-Samm- lung zu haben, und der Rest gab freudigen Herzens. Das waren die Menschen, die noch nichts vergessen hatten, deren Seelen noch Narben aus dem Weltkrieg trugen.
Kriegsgräbersürsorge ist keine politische Angelegenheit, über die man sich streiten könnte. Hier handelt es sich um eine reine Ehrensache des gesamten deutschen Volkes, und hierfür 20 Pfennig zu geben, ist wirklich ein geringfügiges Opfer, dem sich niemand entziehen sollte. Wer einmal nach dem Kriege im Ausland aus den ehemaligen Kriegsschauplätzen gewesen ist. wird mit Wehmut Betrachtungen angestellt haben über die prunkvollen Kriegerfriedhöfe unserer ehemaligen Gegner und über die Bescheidenheit der deutschen Kriegerfriedhöfe. Rein äußerlich künden schon die Friedhöfe an: Hier liegen die „Sieger" und hier die „Besiegten". Vieles ist auf den deutschen Kriegerfriedhöfen dank der Arbeit des „Volksbundes Deutsche Kriegsgräbersürsorge" schon besser geworden, aber unendlich viel bleibt noch zu tun übrig. Wir maßen uns beileibe nicht an, ähnliche Prunkfriedhöfe wie die ehemaligen Gegner zu errichten, dazu sind wir ein armes Volk, aber das können unsere gefallenen Frontsoldaten von der späteren Nation mit Recht verlangen, daß man ihre Gräber wenigstens so erhält, wie es einem deutschen Friedhof würdig ist.
Ein gutes Schicksal hat im deutschen Volke unter der Führung Hitlers wieder den Begriff des Heldischen lebendig werden lassen. Das Heldische aber im deutschen Volk beginnt, wenn wir nur die jüngste Vergangen-
Xonrsil «Isr N§.-Xulturgsnivin«lv
„Kammermusik aus der Zeit Friedrichs des Croßen. Im Zuge des neuen Kulturprogramms des NSK. ist dieses Konzert als ein bedeutsamer Schritt auf dem Wege der lebendigen Durchdringung deutscher Musikgeschichte zu werten. Keine musikalische Antiquitätenschau, sondern im künstlerischen Genuß die erzieherische Rllckerinne- rung an eine Zeit, in der ein großer König jenseits von den Staatsgeschäften im Reich der Töne den Frieden suchte, der ihm im Lebenskampf versagt bleiben mußte. So wahrte das instrumental nur durch Flöte und Cembalo stilecht belebte Streichkonzert die einheitliche historische Linie. Fraglich erscheint uns allerdings, ob Fremdlände- rei bei der Auswahl der Musikfolge für die Gegenwart ästhetisch oder pädagogisch von Vorteil ist. Denn das höchste Ziel der NS.-Sinfonie ist doch fraglos die Erschließung der Jugend, die in den jeweiligen Vorkonzerten mit echter Begeisterung ihre Aufnahmebereitschaft bekundet. Und da besteht die Gefahr, daß bei der Nebeneinander- reihung von Ausländern, die höchstens in der Formensprache mit den deutschen Meister verwandt sind, mit Friedrich dem Srotzen und Wolf- gang Amadäus Mozart, für die Lernenden die Abstände verwischt werden, die im 18. Jahrhundert Deutschland eine musikalische Eipfelstellung verschafften. Wir sprechen damit nicht gegen den historischen Sinn der Veranstalter — nur erschein uns die mühsam errungene Abwehrfront lebenswichtiger. die wir in der zielbewußten Pflege deutscher Musik gegenüber den romanischen und romanisierenden Einflüssen auf die tonalen Au - drucksformen aufgerichtet haben ^ °
durch die Konzerte der NSK. sicheren Rückhalt erfahren muß.
Werke wie die einleitend gebotenen Streich, konzerte von Lully und Pivaldi mögen muß-
geschichtlich interessant und auch zu ihrer Zeit musikalisches Entzücken ausgelöst haben. Heute läßt uns ihre Sprache unangefochten, denn zu leicht drängen sich Vergleiche auf, und man ist versucht, diese Tonschöpfungen rein betrachtend aufzunehmen. Trotz der Flüssigkeit und in einigen Sätzen einzigartigen Eleganz der Linienführung, mit der Musikdirektor C. I. Trümper den oft auseinander fließenden spielerischen Variationen Sinn und Beziehung zu geben vermochte, trotz der Geschlossenheit und Spielfreudigkeit des Orchesters fielen die Ausländer gegenüber dem großen Friedrich und Mozart ab. Wir haben Trete Eoette am Cembalo andere Aufgaben feinfühlig und mühelos bewältigen hören. Aber auch hier erreichte sie, trotzdem ihr diese 'leichteren Formen nicht ganz zu liegen scheinen, eine wundervolle Beseelung des leicht trocken klingenden Cembalotones. Eigenartig wirkte in dem Vivaldikonzert die räumliche Betonung des Echos, indem ein Teil der Streicher vom Orchestr entfernt aufgebaut wurde. Die Echowirkung sollte doch wohl auch durch Dämpfung und Sordine zu erzielen sein.
Notwendigen und schönen Ausgleich brachte das Flötenkonzert Nr. 3 von Friedrich dem Großen. Daß sich dieses Werk nur durch „gefällige" Melodien ohne tieferen Gehalt auszeichnen soll, erscheint uns bei der Mentalität und dem menschlichen Schicksal des Königs zumindest zweifelhaft. Viele werden aus diesen Tönen, die oft nach einer scheinbar spielerisch-farbenfreudigen Kadenz plötzlich in dunkle gebrochene Halblaute hinüberwechseln, bewegte Abbilder seines geschichtlichen Lebens erblicken. Gerade hier ist eine tiefere Schau in die Vergangenheit notwendig. Mit der Verwässerung „Flötenkonzert von Sanssouci" können und dürfen wir uns heute nicht mehr begnügen. In diesem Werk erhält das Kammer
konzert überhaupt erst die persönliche Note, die allein seine Rechtfertigung bedeuten kann. Auch Otto Nicolai, der mit hingegebener. Behutsamkeit und Ehrfurcht die „Flötentöne" des Königs wieder erweckte, bewies damit die notwendige menschlichere Einfühlung in das Werk, das vielleicht jenseits jeder musikkritischen Wertung ein lebendiges Stück deutscher Musikgeschichte darstellt.
In dem Violinkonzert O-Dur für Violine und Streichorchester stellte sich ein junger Geiger vor, der nach der breiten Ankündigung Großes versprechen mußte. Er hat es auch gehalten! Für einen Vierzehnjährigen stellt dieser Mozart eine ungeheuere Gedächtnisprobe dar, noch mehr aber muß diese unendliche Fülle von musikalischen Ausdrucksformen ein Gemüt verwirren, das noch nicht die Erlebnisse hatte, die hier Tongestalt fanden. Hans Kruschek hat technisch die Kraft zum großen Virtuosen. Mas den Inhalt angeht, so erscheint er uns ernsthaft genug, daß er hier nicht zum „Wunderknaben" gestempelt werden braucht. Wir hören von seiner Berufung nach Berlin und sind überzeugt, daß er dort verdiente Förderung finden wird. C. I. Trümper war dem jungen Geiger in seinem ersten öffentlichen Konzert sichere Stütze.
Die „Kleine Nachtmusik" ist ein Werk, das in die Unsterblichkeit einging, weil es trotz der Form des Rokoko alle Tiefen der deutschen Musikalität ausschöpft. Viele Deutungen hat es in seinem zweihundertjährigen Leben gefunden. C. I. Trümper faßte und gab es als Serenade, die Ständchen, Romanze, Tanz und Verklingen in der Ferne umschließt. Dies« leichtere Deutung prägte sich konseguent im Orchester aus. Wir möchten der ernsteren Auffassung den Vorzug geben, wenn auch hier die funkelnden Schönheiten der Partitur glänzend wiedergegeben wurden.
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Millöcker: „Das verwünschte Schloß"
Eine alte verstaubte und heute ganz und gar unbekannte Operette mit einer Kindermärchenhandlung in einem „Verwunschenen Schloß" ist zu einer frischen temperamentvollen „Revue" geworden: ein verwunschenes Schloß wird in der Handlung ein — verwünschtes Schloß. Und dennoch gibt es in dem alten halbzerfallenen Schloß Birkenstein, in das Leute yineingeraten, die nicht hinein- gehören und die dann auch soviel erleben, daß sie das verwunschene Schloß am Ende verwünschen, soviel Hokuspokus und Zauber, daß die beste Frei- marktstimmung nicht ausbleiben kann. Denn der Spielleiter Heinrich Kastner hat alle Kräfte eingesetzt, die zur Verfügung standen, diesem Schlager den richtigen Rahmen und die geeignete Aufmachung zu geben. In der Tischlerei hat man dir Schloßbauten gezimmert, die Theodor Schlonski entworfen hat. Die Schneider-Werkstätten des Theaters haben aus Christi Hartmann s Entwürfen einen Regenbogenbügel mit Kostümen behängt. Man durfte so mit großen Erwartungen der Erstaufführung entgegensehen. Und es wäre ein Wunder gewesen, wenn das Publikom nicht mitgegangen wäre.
Vom ersten Akt an herrschte durch alle sechs Bilder hindurch die gleiche Stimmung im Hause: Jubel über Jubel, und Dankbarkeit für diese abwechslungsreiche Fülle von Bildern, für die Tänze Gabriele Dalgreens. Den Winzertanz mit den witzigen Käthe-Kruse-Puppengesichtern, den Serviettentanz, den Geistertanz, den Husarenmarsch .... Ueber diese Dinge der „Aufmachung" hinaus, die wirklich alles überbietet, was auf diesem Gebiete in Vremen geboten wurde, hat man sich bei der Einstudierung des Werkes große Mühe gegeben. Bei der Besetzung haben die besten Kräfte unserer Operette ihr« Aufgaben gefunden:
Manny Bremer, Beate Roos-Reuter, Hans Eleixner, Georg Schmidt und andere. Prächtig ist das groteske Paar Philipp Orlemann und Senta Esser von Levetzow. Der geschulte Chor und die große Statisterie beleben die Bühne mit Lunten Märchenmenschenmassen, man hat den Eindruck, als wollte das Theater sich selbst mit Theater feiern, um ja die bremische Freimarkts-Ausge- lassenheit auch „zünftig" zu zeigen.
Heinrich Kastner, Willy Kopf, Gabriele Dal- green, Christi Hartmann und die Hauptdarsteller ernteten das, was sie gesät hatten: Veifalls- Stürme, die das Haus minutenlang erfüllten, unwiderstehliche Beifallsbezeugungen auf offener Szene, man mußte sich einfach zu „Da capos" verstehen, Freimarktsstimmung auf der ganzen Linie.
^Is ^ctsls riocb jung war . . .
Adele Sandrock, die noch immer, vielleicht mehr als je, die Lachmuskeln der Hörer entzückt, wenn sie auf der Flimmerwand erscheint, soll vor Zeiten eine recht gut aussehende junge Dame gewe- sein sein. Davon zeugt ein Erlebnis, das sie — wie berichtet wird — einst während einer Eisen- bahnfahrt gehabt hat. Da saß ihr ein Herr gegenüber, der hinter seiner Zeitung hervor unausgesetzt verliebte Blicke auf die Künstlerin warf. Doch war er so schüchtern, daß er es nicht wagte, seinen Empfindungen Ausdruck zu verleihen. Mehr als einmal nahm er einen Anlauf, sie anzureden, blieb aber immer wieder auf der Strecke liegen. Adele sah es, und sie bedauerte diese außerordentliche Schüchternheit, die ihr um so mehr gefiel, als der junge Mann auch sonst einen vorteilhaften Eindruck machte. Endlich war es mit der Geduld der Schauspielerin zu Ende. Und ihre-» tiefe Stimme tönte durch den stillen Raum: „Sie, junger Mann, an der nächsten Station steige ich aus." 7"