Ausgabe 
(21.10.1934) Nr. 291
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Zeitung

-er Sreien Hansestadt vremen

Nr. 2Si / 4. Vierteljahr

Tertteil 7b Rps

die 7l><mm.Zsile

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Verlages werktäglich

Sprechzeit

Sonntag, 21. Oktober

Einzelpreis 15 Rps.

Zusammenlegung

der Innenministerien des Reichs und Preußens

Berlin, 20. Oktober.

' Der Amtliche Preußische Pressedient teilt mit:

Der preußische Ministerpräsident Eöring hat einem Borschlag des Reichsministers Frick zuge­stimmt, durch den die Geschäfte der bisher ge­trennt geführten Ministerien des Innern von Reich und Preußen nunmehr in einem einheit­lichen Ressort zusammengefaßt werden. Durch diese Maßnahme wird der Bestand des preußischen Ministeriums des Innern als solches nicht be­rührt. Infolge der neben die Personalunion tre­tenden Realunion wird aber eine erhebliche Ver­einfachung und Verbesserung der Geschäftsführung erzielt werden.

Das Ministerium des Innern wird sich in Zu­kunft in folgende Abteilungen gliedern: I. Ver­fassung und Gesetzgebung, II. Beamtentum und Verwaltung (einschließlich der Personalangelegen- heiten), III. Polizei, IV. Volksgesundheit, V. Kommunalverwaltung, VI. Deutschtum, Leibes­übungen und Kirche.

Die Abteilungen I, IV und vi werden unter der Leitung des Staatssekretärs Pfundtner in dem bisherigen Dienstgebäude des Reichs­ministeriums am Königsplatz arbeiten; die Ab­teilungen LI, III und V unter der von Staats­sekretär Erauert in den Räumen des bishe­rigen preußischen Ministeriums Unter den Linden.

s GAöslawische Regierung zurückgetreten

Berlin, 26. Oktober.

Nach aus Belgrad vorliegenden Meldungen ist die Regierung Uzonowitsch, die bekanntlich erst kürzlich der Regentschaft ihre Aemter zur Ver­fügung gestellt hatte, von dieser aber gebeten worden war, im Amte zu bleiben, erneut zurück­getreten. Ueber die Negierungsneubildung liegen bisher nur unkontrollierbare Gerüchte vor. An­scheinend wird mit der Möglichkeit der Bildung einer neuen Regierung unter Führung des Gene­rals Zivkowitsch oder des bisherigen Außenmini­sters Jestitsch gerechnet. Wie verlautet, hält man es an maßgebender Stelle für zweckentsprechend, die jetzige Regierung durch ein Kabinett der nationalen Einheit zu ersetzen. Der ehemalige Slcwenenführer Dr. Koroschetz soll diesem Kabi­nett angehören.

Neue Sorgen für Doumergue

Paris, 20. Oktober.

Es ist nicht ausgeschlossen, daß die französische Regierung schon in den allernächsten Tagen eine neue Krise zu lösen haben wird. Der Arbeits­minister Marquet wird von seiner Partei, den Neusozialisten, vor die Entscheidung gestellt, ent­weder die Regierung oder die Partei zu verlassen. Die Neusozialisten begründen ihren Standpunkt damit, daß die Politik des Vurgfriedenskabinetts seit einigen Monaten eine den Grundsätzen der Partei widersprechende Richtung eingeschlagen habe.

Deutschland wehet sich

Gegen die Verleumdungen seitens der französischen und tschechischen Dresse

(Orabtdoriebt unserer Her

II. IV. Berlin, 20. Oktober.

In Berliner politischen Kreisen beschäftigt man sich eingehend mit der immer stärker und skrupel­loser werdenden Hetzkampagne, die auch in großen und maßgebenden französischen Blättern im Zu­sammenhang mit dem Marseiller Attentat gegen Deutschland getrieben wird. Bisher hat man zu den Vorwürfen, in denen Deutschland als die Brutstätte des internationalen Terrorismus" im allgemeinen und alsSchutzmacht der kroatischen Emigranten" im besonderen hingestellt wird, ge­schwiegen. Man war einmal der Ansicht, daß aus Gründen der Pietät die Tage der Beisetzung der Opfer von Marseille nicht der richtige Zeitpunkt zur Entfesselung einer Pressepolemik waren und man nahm zum anderen an, daß die Vernunft in kurzer Zeit wieder ihr Recht erhalten werde.

Nachdem sich aber herausgestellt hat, daß die sich einander widersprechenden Untersuchungsergeb­nisse der französischen Polizei ohne jede kritische Prüfung sofort der Öffentlichkeit unterbreitet

liner SvbriktlsitunA)

werden, sofern nur ein Angriff auf Ungarn oder Deutschland darin enthalten ist, setzt man sich an maßgebender politischer Stelle energisch den An­würfen gegenüber zur Wehr. Es ist unverkennbar, daß diese französischen Blätter, die aufs lebhafteste von der Präger Presse bei ihrer Hetze unterstützt werden, nicht etwa spontan handeln, sondern die Vorbereitungen gewisser politischer Geschäfte be­sorgen, die keineswegs geeignet sind, den inneren Frieden Europas zu fördern.

Es ist festzustellen, daß die kroatischen Verschwö­rer in den verschiedensten Ländern Europas Un­terschlupf gesucht und gefunden haben. Das beweist die Tatsache, daß dem Königsmord in Frankreich die Verhaftung des Haupträdelsfllhrers in Italien gefolgt ist, während die Tschechoslowakei u. a. mit einer bisher noch nicht aufgeklärten ominösen Paß- asfäre in die Attentatsgeschichte hineingezogen morden ist

Demgegenüber kann festgestellt werden, daß Deutschland verhältnismäßig am wenigsten von

den kontinentalen Nationen mit der kroatischen Emigration zu tun hatte. Die in Deutschland an­sässigen kroatischen Emigranten, die bei uns ebensowenig wie anderwärts ohne weiteres in ihrer Freiheit eingeschränkt werden können, haben wie übrigens auch in anderen Ländern ihre Zeitungen gegründet. Ihre beiden Blätter sind aber im Januar d. Js. verboten worden, als sich herausstellte, daß sie im Dienste staatsfeind­licher Umtriebe gegen Jugoslawien standen. Von diesem Augenblick an wurde für die hinter ihnen stehenden Kreise schärfste Ueberwachung angeord­net.

Um nach gewisser Länder Brauch gegen Deutsch­land hetzen zu müssen, um angeblich dem Frieden zu dienen, sei den Pariser Zeitungen empfohlen, in erster Linie einmal das Treiben der deutschen Emigranten im nächsten Umkreis der eigenen Re­daktionen zu beobachten. Damit würde dem Frieden Europas am meisten gedient. An der korrekten Haltung Deutschlands ist kein Zweifel erlaubt.

Gaarregierung lehnt Winterhilfswerk ab

Eigenartige Begründung des Sammlungsverbots durch die Regierungskommission

Luftrennen England-Australien

Bries dem Betreffenden mitzuteilen hat, und zwar an dessen Anschrift im Saargebiet. Der Betroffene muß innerhalb von vier Tagen seit Aufgabe dieses Einschreibebriefes zur P o st (also nicht seit dem Tage, an dem er ihn erhält), seine Einwendungen gegen diesen Ein­spruch dem zuständigen Kreisbüro schriftlich mit­teilen. Er muß ferner das ihm abschriftlich zuge­stellte Einspruchsschreiben des Einsprucherheben- den seiner Erwiderung an das Kreisbüro bei­fügen.

Also: Wer einen solchen Brief im Saargebiet erhält, muß sofort seine Einwendungen schrift­lich Unterschrift nicht vergessen unter Bei­fügung der Schrift des Gegners an das zustän­dige Kreisbüro der Abstimmungskommission sen­den. Ln Zweifelsfragen wende man sich sofort an die Ortsgruppen des Bundes der Saarvereine.

Saarbrücken, 20. Oktober.

Wie im Vorjahre, so sollte auch in diesem Win­ter ein großzügiges Winterhilfswerk an der Saar aufgezogen werden. Die charitativen Ver­bände zusammen mit der Sozialabteilung der Deutschen Front wollten sich in den Dienst der großen Sache für die leidenden deutschen Volks­genossen an der Saar stellen.

Wie aus dem jetzt veröffentlichten Briefwechsel zwischen den charitativen Verbänden und der Regierungskommission hervorgeht, hatten sich die beteiligten Stellen bereits Mitte September an die Regierungskommission mit der Bitte um Ge­nehmigung der Sammlungen für das Winter­hilfswerk gewandt. Nach wochenlangem Schwei­gen erteilte die Regierungskommission einen a b - schlägigen Bescheid mit der eigenartigen Begründung, daß sie sich im Hinblick auf die be­vorstehende Abstimmung auf den grundsätzlichen Standpunkt stellen müsse, keine Sammlung zu einem Winterhilfswerk zu genehmigen, dessen Träger oder Mitträger eine an der Abstimmung beteiligte politische Organisation sei.

Es muß daher merkwürdig berühren, daß der ablehnende Bescheid der Regierungskommission mit politischen Gesichtspunkten begründet wird, obwohl es sich bei der Durchführung des Winter- hilsswerkes um eine rein charitative Angelegen­heit handelt. Sinn und Zweck des Winterhilfs- werkes an der Saar wie im Reiche ist einzig und allein, die Not der Aermsten zu lindern, zumal von dem Winterhilfswerk des Saargebietes wie stets alle notleidenden Saarländer ohne Rücksicht auf die politische Einstellung erfaßt werden soll­ten. Auf den ersten abschlägigen Bescheid der Regierungskommission hin hatten sich dann die

charitativen Verbände allein an die Regierungs­kommission gewandt. Bis heute ist ihr am 3. Oktober gestellter Antrag ohne jede Beant­wortung geblieben.

Bei dem abgelehnten . Winterhilfswerk > han­delte es sich um die Versorgung von rund 180 O00 Volksgenossen. Es hatte am 1. Oktober beginnen sollen.

Saarabftimmungsberechtigte!

Der Bund der Saarvereine teilt uns mit:

Jede im Saargebiet wohnende Person kann Einspruch gegen die Eintragung einer bereits in die vorläufige Abstimmungsliste aufgenomme­nen Person erhebe».

Die Abstimmungskommission hat nun verfügt, daß derjenige, der einen solchen Einspruch erhebt, eine Abschrift desselben durch eingeschriebenen

London, 26. Oktober.

Das Luftrennen EnglandAustralien begann am Sonnabend um 6.36 Uhr in Mildenhall mit dem Start des Ehepaares Mollison in seinem FlugzeugBlack Magic".

Am Flugplatz hatten sich etwa 20 000 Personen eingefunden, um dem Beginn des Luftrennens beizuwohnen. Bei Tagesanbruch wurden die ersten Maschinen zur Startlinie gebracht, die meisten mit laufenden Motoren. Einige Minuten vor 6.30 Uhr waren alle 20 Flugzeuge an der

Startlinie versammelt, und überall ertönten die Rufe:Glückliche Landung!" Die letzten Wetter­berichte besagen, daß zwischen England und Bag­dad ziemlich günstige Bedingungen herrschen, außer in der Gegend von Wien.

17 Minuten nach Startbeginn waren alle 20 Flugzeuge in der Luft. 2n einem der holländi­schen Flugzeuge befindet sich als Passagierin die bekannte deutsche Journalistin und Fliegerin Thea Rasche.

(Weitere Meldungen Seite 4)

Das ^ecae HcaA

st. K. Bremen, 21. Oktober 1934.

Merkwürdiges Zusammentreffen: Auf den Anschlagsäulen von Bremen kleben neben den schreienden Freimarkts-Plakaten die schweren dunklen Plakate der Kriegsgräber- fürsorge mit den Kreuzen und dem toten Frontkämpser-Kopf. Hier brüllt geradezu das Leben vor Freude und Ausgelassenheit und da schweigt es. Gewisz recht merkwür­dige Kontraste, wie es die Buntheit und Launenhaftigkeit des menschlichen Lebens nur einmal fertigbringen kann, und doch mag hier ein Walten der Vorsehung mit­gesprochen haben. Es ist gut so, daß der Mensch in seinen fröhlichsten Tagen an das Ende aller Dinge erinnert wird, und es ist in diesem Falle ganz besonders angebracht, den deutschen Menschen, wenn er mit der rechten Hand für die Freude des Lebens Mark-Stücke ausgibt, die linke Hand zu fragen, ob hier vielleicht noch ein Groschen für das ferne Grab des unbekannten Front­kämpfers im Auslande übrig ist. Ich habe die Sammler für die Kriegsgräbersürsorge gestern bei ihrer Arbeit beobachtet und habe auch die Menschen gesehen, die um die kleine Opsergabe angehalten wurden. Manchmal war es, als wenn sich meine Faust ballen sollte, um irgend so einem teilnahmslosen, kalten Gesicht für einen Augenblick etwas Schamröte zu geben. Geld? Geld und wieder Geld? fluchten die einen, und die anderen zuckten nur mit den Achseln. Die Tritten kauften aus Gewohnheit, und sagen wir ein­mal Disziplin, die Plakette für 20 Pfg., um ein neues Stück für ihre Plaketten-Samm- lung zu haben, und der Rest gab freudigen Herzens. Das waren die Menschen, die noch nichts vergessen hatten, deren Seelen noch Narben aus dem Weltkrieg trugen.

Kriegsgräbersürsorge ist keine politische Angelegenheit, über die man sich streiten könnte. Hier handelt es sich um eine reine Ehrensache des gesamten deutschen Vol­kes, und hierfür 20 Pfennig zu geben, ist wirklich ein geringfügiges Opfer, dem sich niemand entziehen sollte. Wer einmal nach dem Kriege im Ausland aus den ehemaligen Kriegsschauplätzen gewesen ist. wird mit Wehmut Betrachtungen angestellt haben über die prunkvollen Kriegerfriedhöfe unserer ehemaligen Gegner und über die Bescheiden­heit der deutschen Kriegerfriedhöfe. Rein äußerlich künden schon die Friedhöfe an: Hier liegen dieSieger" und hier dieBe­siegten". Vieles ist auf den deutschen Krieger­friedhöfen dank der Arbeit desVolks­bundes Deutsche Kriegsgräbersürsorge" schon besser geworden, aber unendlich viel bleibt noch zu tun übrig. Wir maßen uns beileibe nicht an, ähnliche Prunkfriedhöfe wie die ehemaligen Gegner zu errichten, dazu sind wir ein armes Volk, aber das können unsere gefallenen Frontsoldaten von der späteren Nation mit Recht verlangen, daß man ihre Gräber wenigstens so erhält, wie es einem deutschen Friedhof würdig ist.

Ein gutes Schicksal hat im deutschen Volke unter der Führung Hitlers wieder den Be­griff des Heldischen lebendig werden lassen. Das Heldische aber im deutschen Volk be­ginnt, wenn wir nur die jüngste Vergangen-

Xonrsil «Isr N§.-Xulturgsnivin«lv

Kammermusik aus der Zeit Friedrichs des Croßen. Im Zuge des neuen Kulturprogramms des NSK. ist dieses Konzert als ein bedeutsamer Schritt auf dem Wege der lebendigen Durch­dringung deutscher Musikgeschichte zu werten. Keine musikalische Antiquitätenschau, sondern im künstlerischen Genuß die erzieherische Rllckerinne- rung an eine Zeit, in der ein großer König jen­seits von den Staatsgeschäften im Reich der Töne den Frieden suchte, der ihm im Lebenskampf ver­sagt bleiben mußte. So wahrte das instrumental nur durch Flöte und Cembalo stilecht belebte Streichkonzert die einheitliche historische Linie. Fraglich erscheint uns allerdings, ob Fremdlände- rei bei der Auswahl der Musikfolge für die Gegen­wart ästhetisch oder pädagogisch von Vorteil ist. Denn das höchste Ziel der NS.-Sinfonie ist doch fraglos die Erschließung der Jugend, die in den jeweiligen Vorkonzerten mit echter Begeisterung ihre Aufnahmebereitschaft bekundet. Und da be­steht die Gefahr, daß bei der Nebeneinander- reihung von Ausländern, die höchstens in der Formensprache mit den deutschen Meister ver­wandt sind, mit Friedrich dem Srotzen und Wolf- gang Amadäus Mozart, für die Lernenden die Abstände verwischt werden, die im 18. Jahrhun­dert Deutschland eine musikalische Eipfelstellung verschafften. Wir sprechen damit nicht gegen den historischen Sinn der Veranstalter nur erschein uns die mühsam errungene Abwehrfront lebens­wichtiger. die wir in der zielbewußten Pflege deutscher Musik gegenüber den romanischen und romanisierenden Einflüssen auf die tonalen Au - drucksformen aufgerichtet haben ^ °

durch die Konzerte der NSK. sicheren Rückhalt er­fahren muß.

Werke wie die einleitend gebotenen Streich, konzerte von Lully und Pivaldi mögen muß-

geschichtlich interessant und auch zu ihrer Zeit musikalisches Entzücken ausgelöst haben. Heute läßt uns ihre Sprache unangefochten, denn zu leicht drängen sich Vergleiche auf, und man ist versucht, diese Tonschöpfungen rein betrachtend aufzunehmen. Trotz der Flüssigkeit und in einigen Sätzen einzigartigen Eleganz der Linienführung, mit der Musikdirektor C. I. Trümper den oft auseinander fließenden spielerischen Variationen Sinn und Beziehung zu geben vermochte, trotz der Geschlossenheit und Spielfreudigkeit des Orchesters fielen die Ausländer gegenüber dem großen Fried­rich und Mozart ab. Wir haben Trete Eoette am Cembalo andere Aufgaben feinfühlig und mühelos bewältigen hören. Aber auch hier er­reichte sie, trotzdem ihr diese 'leichteren Formen nicht ganz zu liegen scheinen, eine wundervolle Beseelung des leicht trocken klingenden Cembalo­tones. Eigenartig wirkte in dem Vivaldikonzert die räumliche Betonung des Echos, indem ein Teil der Streicher vom Orchestr entfernt aufgebaut wurde. Die Echowirkung sollte doch wohl auch durch Dämpfung und Sordine zu erzielen sein.

Notwendigen und schönen Ausgleich brachte das Flötenkonzert Nr. 3 von Friedrich dem Großen. Daß sich dieses Werk nur durchgefällige" Melodien ohne tieferen Gehalt auszeichnen soll, erscheint uns bei der Mentalität und dem mensch­lichen Schicksal des Königs zumindest zweifelhaft. Viele werden aus diesen Tönen, die oft nach einer scheinbar spielerisch-farbenfreudigen Kadenz plötz­lich in dunkle gebrochene Halblaute hinüber­wechseln, bewegte Abbilder seines geschichtlichen Lebens erblicken. Gerade hier ist eine tiefere Schau in die Vergangenheit notwendig. Mit der VerwässerungFlötenkonzert von Sanssouci" können und dürfen wir uns heute nicht mehr begnügen. In diesem Werk erhält das Kammer­

konzert überhaupt erst die persönliche Note, die allein seine Rechtfertigung bedeuten kann. Auch Otto Nicolai, der mit hingegebener. Behut­samkeit und Ehrfurcht dieFlötentöne" des Königs wieder erweckte, bewies damit die not­wendige menschlichere Einfühlung in das Werk, das vielleicht jenseits jeder musikkritischen Wer­tung ein lebendiges Stück deutscher Musikgeschichte darstellt.

In dem Violinkonzert O-Dur für Violine und Streichorchester stellte sich ein junger Geiger vor, der nach der breiten Ankündigung Großes ver­sprechen mußte. Er hat es auch gehalten! Für einen Vierzehnjährigen stellt dieser Mozart eine ungeheuere Gedächtnisprobe dar, noch mehr aber muß diese unendliche Fülle von musikalischen Ausdrucksformen ein Gemüt verwirren, das noch nicht die Erlebnisse hatte, die hier Tongestalt fanden. Hans Kruschek hat technisch die Kraft zum großen Virtuosen. Mas den Inhalt angeht, so erscheint er uns ernsthaft genug, daß er hier nicht zumWunderknaben" gestempelt werden braucht. Wir hören von seiner Berufung nach Berlin und sind überzeugt, daß er dort verdiente Förderung finden wird. C. I. Trümper war dem jungen Geiger in seinem ersten öffentlichen Konzert sichere Stütze.

DieKleine Nachtmusik" ist ein Werk, das in die Unsterblichkeit einging, weil es trotz der Form des Rokoko alle Tiefen der deutschen Musikalität ausschöpft. Viele Deutungen hat es in seinem zweihundertjährigen Leben gefunden. C. I. Trümper faßte und gab es als Serenade, die Ständchen, Romanze, Tanz und Verklingen in der Ferne umschließt. Dies« leichtere Deutung prägte sich konseguent im Orchester aus. Wir möchten der ernsteren Auffassung den Vorzug geben, wenn auch hier die funkelnden Schönheiten der Partitur glänzend wiedergegeben wurden.

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Millöcker:Das verwünschte Schloß"

Eine alte verstaubte und heute ganz und gar unbekannte Operette mit einer Kindermärchen­handlung in einemVerwunschenen Schloß" ist zu einer frischen temperamentvollenRevue" gewor­den: ein verwunschenes Schloß wird in der Hand­lung ein verwünschtes Schloß. Und dennoch gibt es in dem alten halbzerfallenen Schloß Birken­stein, in das Leute yineingeraten, die nicht hinein- gehören und die dann auch soviel erleben, daß sie das verwunschene Schloß am Ende verwünschen, so­viel Hokuspokus und Zauber, daß die beste Frei- marktstimmung nicht ausbleiben kann. Denn der Spielleiter Heinrich Kastner hat alle Kräfte eingesetzt, die zur Verfügung standen, diesem Schla­ger den richtigen Rahmen und die geeignete Auf­machung zu geben. In der Tischlerei hat man dir Schloßbauten gezimmert, die Theodor Schlonski entworfen hat. Die Schneider-Werk­stätten des Theaters haben aus Christi Hart­mann s Entwürfen einen Regenbogenbügel mit Kostümen behängt. Man durfte so mit großen Er­wartungen der Erstaufführung entgegensehen. Und es wäre ein Wunder gewesen, wenn das Publikom nicht mitgegangen wäre.

Vom ersten Akt an herrschte durch alle sechs Bilder hindurch die gleiche Stimmung im Hause: Jubel über Jubel, und Dankbarkeit für diese ab­wechslungsreiche Fülle von Bildern, für die Tänze Gabriele Dalgreens. Den Winzertanz mit den witzigen Käthe-Kruse-Puppengesichtern, den Serviettentanz, den Geistertanz, den Husaren­marsch .... Ueber diese Dinge derAufmachung" hinaus, die wirklich alles überbietet, was auf diesem Gebiete in Vremen geboten wurde, hat man sich bei der Einstudierung des Werkes große Mühe gegeben. Bei der Besetzung haben die besten Kräfte unserer Operette ihr« Aufgaben gefunden:

Manny Bremer, Beate Roos-Reuter, Hans Eleixner, Georg Schmidt und andere. Prächtig ist das groteske Paar Philipp Orlemann und Senta Esser von Levetzow. Der geschulte Chor und die große Statisterie beleben die Bühne mit Lunten Märchenmenschenmassen, man hat den Eindruck, als wollte das Theater sich selbst mit Theater feiern, um ja die bremische Freimarkts-Ausge- lassenheit auchzünftig" zu zeigen.

Heinrich Kastner, Willy Kopf, Gabriele Dal- green, Christi Hartmann und die Hauptdarsteller ernteten das, was sie gesät hatten: Veifalls- Stürme, die das Haus minutenlang erfüllten, un­widerstehliche Beifallsbezeugungen auf offener Szene, man mußte sich einfach zuDa capos" ver­stehen, Freimarktsstimmung auf der ganzen Linie.

^Is ^ctsls riocb jung war . . .

Adele Sandrock, die noch immer, vielleicht mehr als je, die Lachmuskeln der Hörer entzückt, wenn sie auf der Flimmerwand erscheint, soll vor Zei­ten eine recht gut aussehende junge Dame gewe- sein sein. Davon zeugt ein Erlebnis, das sie wie berichtet wird einst während einer Eisen- bahnfahrt gehabt hat. Da saß ihr ein Herr gegen­über, der hinter seiner Zeitung hervor unaus­gesetzt verliebte Blicke auf die Künstlerin warf. Doch war er so schüchtern, daß er es nicht wagte, seinen Empfindungen Ausdruck zu verleihen. Mehr als einmal nahm er einen Anlauf, sie an­zureden, blieb aber immer wieder auf der Strecke liegen. Adele sah es, und sie bedauerte diese außerordentliche Schüchternheit, die ihr um so mehr gefiel, als der junge Mann auch sonst einen vorteilhaften Eindruck machte. Endlich war es mit der Geduld der Schauspielerin zu Ende. Und ihre-» tiefe Stimme tönte durch den stillen Raum:Sie, junger Mann, an der nächsten Station steige ich aus." 7"