Ausgabe 
(19.10.1934) Nr. 289
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Üas amtliche Organ -es Senais

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-er Freien HansestM vremen

————— Zweigniederla ssung Bremen, Eeeren 8-8 / Fernruf: Roland 623.

Nr. 289 / 4 . Vierteljahr

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Freitag, 19. Oktober

Einzelpreis 15 Rpf.

Decr/itLie^ee

Zehn Tage nach den Schüssen von Marseille

8. Klii. Während gestern von der südsla­wischen Hauptstadt aus der in Marseille er­mordete König Alexander feierlich zu Grabe getragen wurde, während in Belgrad die Staatsoberhäupter und die Sonderbeauf­tragten fast aller europäischen Länder zu gemeinsamer Trauer vereint waren, setzten die gewissenlosen Kriegshetzer ihr sofort nach dem verabscheuungswürdigen Attentat inszeniertes Intrigenspiel zur Ent­zweiung der Völker unbehindert fort. Die Schüsse von Marseille hatten zwar wiederum bewiesen, daß die „Politik des Revolvers", sofern die verantwortlichen Staatsmänner die Gesetze der Menschlichkeit und der Vernunft rückhaltlos anerkennen, mit Natur­notwendigkeit am Widerstand der fried­liebenden Welt scheitern mutz — aber die internationalen Giftmischer, die phantasie- vollen Greuelmärchen-Dichter und nicht zu­letzt die profithungrigen Rüstungsgewinnler sehen nun einmal in jedem politischen Mord einen willkommenen Anlatz zur Verhetzung der Nationen mit „besseren", raffinierteren Mitteln. Da wird zunächst im Chor der all­gemeinen Entrüstung — „die Maske des Mitgefühls schützt vor jedem Verdacht" — der Mörder ebenso wie seine grauenvolle Tat gleichfalls in Grund und Boden verdammt. Ja, die Empörung macht sogar hellseherisch: Noch ehe die Polizei über einwandfreie Untersuchungsergebnisse verfügen kann, haben diese gefährlichsten aller politischen' Verbrecher bereits die Hintergründe des Anschlags „durchleuchtet", die schuldigen Mittäter und Mitwisser „entlarvt" sowie einige Regierungen und ihre Völker „hin­reichend verdächtigt".

Die skrupellose Art, mit der man von den Redaktionszimmern einiger Pariser Platter aus teils Deutschland, teils Ungarn mit dem Marseiller Anschlag in irgendeinen ursächlichen Zusammenhang zu bringen ver­suchte, ist ein klassisches Beispiel für die verwerflichen Methoden jener heuchlerischen Drahtzieher. Auch jetzt, nachdem die Identi­tät des Mörders als mazedonischer Terro­rist zweifelsfrei festgestellt ist, nehmen die Presseangriffe vor allem gegen Ungarn und neuerdings auch gegen den „internationalen Faschismus" kein Ende. Das entspannungs- bedürftige Verhältnis zwischen Italien und Südslawien wird auf diese Weise zugespitzt, die weitere Isolierung Ungarns propagiert, Warschau gegenüber Budapest mitztrauifch gemacht, die öffentliche Meinung Süd- slawiens irregeführt — alles das nur, um die für das Rüstungsfieber der Staaten so wichtigen Spannungen zu erhöhen. Kommt es. trotz aller Kraftanstrengungen, nicht zum ernsten Austrag eines der Konflikte, so darf doch die Rüstungsindustrie wenigstens mit einigen geschäftsbelebenden Neubestellungen rechnen. Von mehreren Balkanstaaten wird anoekündigt, daß sich der Völkerbund nach Abschluß der Trauerfeierlichkeiten in einer außerordentlichen Tagung mit der Mordtat von Marseille beschäftigen werde. Wie wäre es, wenn sich der Genfer Bund dann auch einmal mit den ohne Revolver und Bom­ben arbeitenden Friedensfeinden befassen würde?

Feierlicher Gtaatsakt in Belgrad und Topola

König Alexanders letzte Fahrt

Ministerpräsident Göring begleitet den ermordeten südslawischen Herrscher zu feiner Ruhestätte

Belgrad, 18. Oktober.'

Die Beisetzungsfeierlichkeiten für den verstor­benen König Alexander begannen am Donners­tag früh um 8 Uhr in der Kathedrale unter dem Geläut aller Glocken und unter Trauersalut der Land- und Schiffsbatterien. Die kirchliche Ein­segnung vollzog der Patriarch mit Hilfe der ge­samten hohen Geistlichkeit der Hauptstadt. In den Straßen «artete die gewaltige Menschen­menge. Da Zehntausende, die aus dem ganzen Lande gekommen waren, keine Unterkunft gefun­den hatten, waren die Straßen schon die Nacht hindurch von einer gedrängten Menschenmenge gefüllt.

Von der Kirche aus bewegte sich der Trauer- zug um 9.30 llhr am alten Schlosse vorbei zum Bahnhof durch ein vielgliederiges lückenloses Spalier, das auf der einen Seite von der Armee, auf der anderen Seite von der Bevölkerung ge­bildet wurde. Der Trauerzug bot ein großartiges Bild. Er wurde durch ein mächtiges Kreuz er­öffnet, das von Eardeunteroffizieren getragen wurde. Dann folgten Abteilungen Gardekavalle­rie in ihren blauen, rotverzierten Uniformen, die Fahnen sämtlicher südslawischer Regimenter, eine Abteilung Eardeinfanterie in dunkelblauen Mänteln und schwarzroten Pelzmützen, eine fran­zösische Jnfanterieabteilung in hellblauen Uni­formen und eine Marineabordnung. Besonderes Aufsehen erregte eine englische Matrosenkompanie der Mittelmeerflotte, die mit gesenktem Gewehr im Zuge schritt. Rumänische Abteilungen folg­ten in blauen Blusen mit weißem Waffenriemen und reicher Eoldverschnürung. Tschechoslowakische Infanterie marschierte in steingrünen Mänteln vorbei. Die türkischen Soldaten waren von Kopf bis Fuß in Grau gekleidet. Das farbenreichste Bild bot das griechische Militär mit seinen schwarzen Opanken, weißen Trikothosen, bauschi­gen faltenreichen' Röcken und roten Mützen. Ihnen folgten Abteilungen der südslawischen Armee in Felduniform.

Tiefe Bewegung ging durch das Volk, als das Lieblingspferd des Königs, geführt von zwei Eardeoffizieren, vorbeischritt. Hinter dem Pferde trugen auf violetten Sammetkissen die höchsten Würdenträger des Heeres und der Marine die Krone, das Zepter, den Apfel, das Banner sowie den. Degen des Königs.

Lautes Weinen und Wehklagen kündigte das Herannahen der Lafette an, auf der der Sarg ruhte. Soweit es das Gedränge zuließ, warfen sich die Menschen auf die Knie. Die Lafette wurde nicht von Pferden, sondern von Gar'Lesol- daten aller Truppengattungen ge­zogen. Der Sarg war schlicht. Die prächtigen Kränze wurden auf dreißig schwarzverhängten Lastautomobilen der Lafette vorangesührt. Die größten unter ihnen wurden von Offizieren ge­tragen, darunter auch die Kränze, die Minister­

präsident Göring an der Bahre niedergelegt hatte. Die Vorbeifahrt des Sarges verbreitete tiefe Er­griffenheit unter der Menge. Hinter dem Sarg« schritten im tiefsten Schwarz die Mitglieder der königlichen Familie, die Königin Maria von Südslawien, die rumänische Königmmutter und Prinz Paul in Zivil: der junge. König

Peter II. ging in Sokol-llniform an der Seite seiner Mutter. Der königlichen Familie iolgten die fremden Staatsoberhäupter, unter ihnen die Könige von Rumänien und Bulgarien, sowie der Präsident der französischen Republik Lebrun. Tann kamen die Führer der zweiuud- zwanzig ausländischen Abordnungen, die zu den Beisetzungsfeierlichkeiten entsandt worden waren.

Der preußische Ministerpräsident Hermann Gö­ring schritt in der ersten Reihe der Abordnungen. Alle Blicke richteten sich auf ihn, denn er steht wie kein anderer ausländischer Vertreter im Mittel­punkt des sympathischen Interesses der südslawi­schen Oefsentlichkeit.

Den auswärtigen Abordnungen folgten die Mit­glieder der Regierung, die ehemaligen Minister­präsidenten, unter denen der Slowene Dr. Koro- schetz auffiel, die Mitglieder des Senats und der Skupschtina und die unabsehbare Reihe ^er Ver­tretungen aller großen Organisationen und Ver­eine im Staat. Auch eine Zigeunerkapelle schritt im Zuge mit und spielte Trauerweisen.

Der Vorbeimarsch des Zuges währte bis zu dem Augenblicke, als die Lafette mit den sterblichen lleberresten des Königs in Sicht kam, fast eine Stunde. Der Zug bewegte sich langsam zum Bahn­hof, wo die. Lafette vor dem Eingangstor hielt Dort defilierten zum letzten Male die Generale und alle am Zuge beteiligten südslawischen und auswärtigen Militärabteilungen vor dem toten König. In der Bahnhofshalle wartete indessen ein Sonderzug, der den Sarg nach Topola, 50 Kilo- meter südlich von Belgrad, bringt.

Auf allen Stationen der Strecke war die Bevöl- kerung versammelt, um dem König die letzte Ehre zu erweisen. Der Zug traf um ^3 Uhr in Topola ein. Ministerpräsident Göring und die anderen Vertreter auswärtiger Regierungen begleiteten den König auf der letzten Fahrt. In Topola wurde der Sarg von der Bevölkerung aus dem Wagen gehoben und in die Stiftungskirche König Peter I. nach Oplenatz gebracht. Die Kirche liegt auf einem Hügel und blickt weit ins Land hinaus.

Hochrufe auf Deutschland

Göring bei Prinz Paul und in der Skupschtina Belgrad, 18. Oktober.

Ueber die Ehrung, die dem preußischen Mi­nisterpräsident in der Skupschtina zuteil wurde, werden noch folgende Einzelheiten berichtet:

Der Ministerpräsident begab sich auf Einla­dung des Präsidenten der Skupschtina, Dr. Ku-

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Gott mit uns! In Treue fest!

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Der Saarbevollmüchtigte Bürckel sprach zur bevorstehenden Eaarabftimmung

Kaiserslautern, 18. Oktober.

Auf der großen Saarkundgebung in der hiesigen Fruchthalle hielt der Saarbevollmächtigte der Reichsregierung Bürckel eine eindrucksvolle Rede, die von den Anwesenden mit stürmi­schem Versal laufgenommen wurde.

Bürckel wies zu Beginn seiner Ausführungen auf die Wlkerbundstagung im November hm, die sich in der Hauptsache mit der Saardenkschrift Barthous befassen werde. Die Aeußerungen Dou- mergues geben uns die Hoffnung, daß ern ehr­licher Friedenswille zweier großer Nationen und Völker endlich zur Grundlage einer anständigen und ehrenvollen Verständigung wird.

Der Redner wandte sich dann mit Nachdruck gegen die Versuche der französischen Denkschrift, durch Einmischung in innerdeutsche Angelegen­heiten die Saarabstimmung so zu beeinflussen, wie es allein im Interesse der Status-quo-Anhanger liege. Seit dem ersten Tage jener Verhandlun­gen in Versailles, bei denen das Saarproblem von der französischen Friedensdelegation m die Debatte geworfen wurde, habe es nur zwei Standpunkte in dieser Frage gegeben den deutschen und den französischen. Der deutzche Standpunkt, fuhr Bürckel fort, ist der einfachste, denn er geht von den Grundsätzen des in e - nationalen Völkerrechtes, von den Grundsätzen

des Selbstbestimmungsrechtes der Volker und nicht zuletzt von dem Sinn und Inhalt des Saar- ftatutus aus. Da es als eindeutig erwiesen gilt, daß an der Saar nur deuische Menschen wohnen ist für Deutschland die bedingungslose

Rückgliederung des deutschen Saar­landes eine nackte Selbstverständ­lichkeit.

Wesentlich komplizierter ist der französische Standpunkt gegenüber der Saar. Alle Versuche der französischen Propaganda mußten an der na­tionalen Zuverlässigkeit der reindeutschen Bevöl­kerung scheitern.

Inzwischen hat es die französische Politik sür richtig gehalten, die innerpolitische Entwicklung Deutschlands dazu zu benutzen, ihrer Saarpolitik eine andere Richtung zu geben, d. h. die fran­zösische Propaganda aus die Errichtung eines end­gültigen Status guo zu konzentrieren.

Bürckel setzte sich dann eingehend mit den An­hängern dieses Status guo auseinander, die nicht gegen Deutschland, sondern gegen die deutsche Regierung kämpfen, also den Sinn der Abstim­mung verfälschen, indem sie die Saar­abstimmung zu einer Abstimmung über das gegenwärtige deutscheRe- gierungssystem machen.

Die Gegner der Rückgliederung an Deutschland möchten jeden, der zu Deutschland will, nur als parteipolitischen Gegner behandelt wissen, wäh­rend es dem wahren Sinn des Selbstbestimmungs­rechtes entspricht, wenn jeder deutsche Mensch im Saargebiet, gleichgültig, zu welcher politischen Weltanschauung er sich bekennt, die Rückglie­derung an Deutschland als Selbst­verständlichkeit fordert. Nur wer gegen diese Selbstverständlichkeit Sturm läuft, der allein verstößt gegen eine sinnvolle und notwendig zu jerd-H « atz » R » at»litat.

Ein Status-guo-Saargebiet, betonte Gauleiter Bürckel mit Nachdruck, ist nicht nur das Hinder­nis für eine deutsch-französische, es wäre nicht zuletzt ein ständiger Gefahrenherd für die nationalpolitische Einheit der französischen Nation selber. Anhänger des Status guo sind in der Hauptsache die aus Deutschland ausgewan­derten marxistischen und kommunistischen Anfüh­rer. Sie erstreben ein Aktionszentrum im Her­zen Europas! Sie erstreben ein sicheres Asyl, von dem aus sie die beiden Nachfolgervölker mit ihren internationalen kommunistisch-marxistischen Ideen verseuchen möchten. Ein Status-guo-Saar- gebiet — das wäre nicht der Sieg Frankreichs über Deutschland, das wäre der Sieg des internationalen Bolschewismus über alle europäischen Staaten.

Gauleiter Bürckel schloß, die Saarabstimmung wird zum Rechenschaftsbericht an die Geschichte über die Qualität unseres Volkes. Wer seinen deutschen Vrüdern statt mit „Deutschland" mit „Frei-Saar" antwortet, der sollte es vor seinen Kindern und seinem Gewissen verantworten. Die Fronten stehen klar: Hier Deutsche und dort Nichtdeutsche, die aber auch keine Franzosen sind, sondern jene Entwurzelten, die um die 30 Sil- berlinge sich schlagen.

Drunten im Schacht aber liegt mit der Gruben­lampe in der Hand einer, der trägt noch jenen alten Soldatengürtel, auf dem steht: „Gott mit uns! In Treue fest!" Und das ist unfer Deutschland.

manudi, ins Parlamentsgebäude. Er wurde in den Vorstandsraum geleitet, wo die Mehrzahl der Abgeordneten anwesend war. Schon bei sei­ner Ankunft wurde er von diesen auf das leb­hafteste und freundlichst begrüßt. Der Präsident der Skupschtina bot ihm den Ehrenplatz am Be­ratungstisch an. Der Ministerpräsident über­brachte nunmehr in seiner Eigenschaft als Präsi­dent des Deutschen Reichstags die schmerzliche Anteilnahme der deutschen Volksvertretung an dem unersetzlichen Verlust, den das südslawische Königreich erlitten hat. Er betonte sodann die guten Beziehungen, die zwischen Süd­slawien und Deutschland bestehen, und wies in diesem Zusammenhang auf den Handels­vertrag hin, der die Grundlage für den weiteren Aufbau dieser Beziehungen hätte.

Der Präsident der Skupschtina, Dr. Kuma- nudi, dankte Ministerpräsident Göring für die

herzlichen Worte, mit denen er die Anteilnahme des deutschen Volkes übermittelt hatte. Da trat ein Abgeordneter, ein bosnischer Bauer in Na­tionaltracht, hervor und brachte spontan Hoch­rufe auf das neue Deutschland und den Ministerpräsidenten aus, in die alle Anwesenden begeistert einstimmten.

Im Anschluß an den Empfang in der Spup- schtina begab sich der Ministerpräsident auf Ein­ladung des Mitgliedes des Regentschaftsrates PrinzPaul ins Schloß Dedinje. Er hatte dort mit dem Prinzen eine einstündige Unterredung, die in sehr herzlichem Tone verlief. Der Minister­präsident übermittelte auch dem Prinzen die schmerzlichen Gefühle des gesamten deutschen Volkes und der ganzen deutschen Wehrmacht an­läßlich des Todes des Königs Alexander l. Prinz Paul bedankte sich für die besondere Aufmerksam­keit der Reichsregierung.

An Areciiett

Die uLm /9Z2 / U)ietiecattLeesLeii«ntz: in „Union

/rationale" / Der AecAtsettcA nn ^ccrnLösisc/ien Aaöinett

(Vvo unserem, stLnckixeo knriser II. l.-Wt»rdvi1vr) >

Paris, 17. Oktober.

Tardieu regt sich wieder. Er hat seine empfindliche Niederlage bei den Maiwahlen des Jahres 1932 noch nicht vergessen. Die Scharte soll ausgewetzt werden. Damals wollte er mit lächelndem Zweckoptimismus und Prosperität-Gerede den Sieg seiner Re­gierungsmehrheit erzwingen. Jedes Mittel war ihm recht. Mit vollen Händen verteilte er in der Form von Subventionen und Steu­ernachlässen die berühmten Milliarden, die der normannische „Pö-re Gaspard" Chsron, Poincares knickeriger Finanzminister, im Staatsschatz angehäuft hatte. Doch je krampf­hafter die Anstrengungen wurden, desto un­wirksamer blieben sie. Seine imperia- l i st i s ch e n Z i e l e von dem „Französischen Reich", vergleichbar dem „British Empire", lehnen die breiten Massen in ihrer Einfach­heit ab. Wenn die Linke, von Herriot ge­schickt geführt, in jenen Wahlen einen so entscheidenden Sieg gegen die im Amt und in der Macht befindliche Regierung des Rechtsblocks erringen konnte, so verdankte sie diesen Erfolg in nicht geringem Maße dem Umstand, daß die Gegenseite von Tar­dieu angeführt wurde. Die Mehrheit des Volkes lehnte das politische „Abenteurertum" eines Tardieu ebenso ab, wie sie in den Mai­wahlen des Jahres 1924 Poincarss Ruhr­einmarsch und die darauf aufgebaute Außen­politik verurteilt hatte.

Der Geschlagene vom Mai 1932 besitzt ge­nug politische Erfahrung, um warten zu können. Als PoincarS im Januar 1922 den aus Cannes zurückkehrenden Ministerpräsi­denten Briand, seinen großen Gegenspieler, gestürzt hatte, bot er Tardieu an, in sein Kabinett einzutreten. Aber dieser fühlte seine Zeit noch nicht gekommen; er wollte sich nicht festlegen und lehnte ab. Als im Herbst 1930 der Ministerpräsident Tardieu in den Oustric-Skandal hineingerissen

und vom Senat gestürzt wurde, hielt er es, obgleich seine Regierungsmehrheit unver­sehrt blieb, für geraten, für einige Zeit vom Vordergrund der politischen Bühne zu ver­schwinden. Er begnügte sich mit dem un­politischen Landwirtschaftsministerium und schob seinen Vertrauensmann Laval als Mi­nisterpräsidenten vor, der ihm dann ein Jahr lang den Platz freihielt, bis er wenige Mo­nate vor den Neuwahlen selbst wieder an die Spitze trat, um den Sieg zu erzwingen. Die parteipolitische Umschichtung nach dem Mai 1932 schien ihm bis zu den nächsten Wahlen im Frühjahr 1936 alle Möglichkeiten zu rauben, sich wieder nach vorn zu schieben. Doch für seinen Tätigkeitsdrang gab es keine Unmöglichkeiten. Die Revolte vom 6. Februar dieses Jahres diente ihm dazu, seinen erbittertsten Gegner, Taladier, aus dem Sattel zu heben und sich selbst über die Koalition der „Union nationale" in die Re­gierung zu zwängen, obgleich im Parlament nach wie vor die Mehrheit saß, die das fran­zösische Volk, das Tardieu ablehnte, 1932 dorthin geschickt hatte.

Einmal im Kabinett, wenn auch nur als Minister ohne Portefeuille, machte sich sein Wirken und sein Einfluß bald bemerkbar. Der grundlegende Wandel in der französi­schen Außenpolitik, zu der sich der Minister­rat vorn 17. April entgegen den Bedenken Barthous entschloß, war in der Hauptsache sein Werk. Die in demselben Ministerrat beschlossene Antwortnote an England brach endgültig mit der Briandschen Politik. Je­denfalls bedeutet Tardieus Politik die Nie - derhaltung Deutschlands durch Einkreisung, wobei Italien als unent­behrlich angesehen, die Sowjet-Union unter gewissem Vorbehalt als Bundesgenosse in Kauf genommen wird.

Nachdem der gefürchtete Erfolg der oppo­sitionellen „Front commun" ausgeblieben ist

In Seenot vor Helgoland

Bergungöfahrzeuge an der Unfallstelle

Nördlich von Helgoland ereignete sich am Donnerstagvormittag ein schwerer Schiffs­unfall. Der von Mobile (Golf von Mexiko) nach Bremen kommende 5356 B.-R.-T. große Frachtdampfer „Topatopa" geriet auf die Nordklippen von Helgoland und mußte um Hilfe nachsuchen. Da das Wetter Donnerstagmorgen sehr gut war, rechnete man nach Eintreffen der Schlepperhilfe mit einem baldigen Flottwerden des Schiffes, der der Waterman-Line angehört. Das Wetter verschlechterte sich jedoch zusehends. Im Laufe des Tages kamen dann von der Elbe die Schlepp- und Bergungssahrzeuge „Hermes", „«eebar , „Seeteufel' und „Herkules" der Bugsier-Reederei und Bergungs-A.-G.. außer­dem ein Fahrzeug der „Fair play"-Schleppschisfahrts-Gesellschast und ein Tauchersahr-

Mit Hilfe des Donnerstag abend aufkommenden Hochwassers versuchen die Schlepper das Schiff flott zu machen Die Lage der „Topatopa" hat sich jedoch wesentlich ver- j ch t echter t. Das Schiff leckt bereits und die See wird immer gröber. An der Unfall- sich auch die Mannschaften der Rettungsstation Helgoland der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger, um für alle Fälle helsend eingreifen zu können. Zuerst.fuhr d,e Rettungsmannschaft mit einem Motorboot an die Unfallstelle. Als dann ""Per starker wurde, wurde das große Rettungsboot flott gemacht.

Die Mannschaft der „Topatopa" ist noch an Bord ihres Schiffes. Falls es nicht gelingt, den Dampfer noch abzuschleppen, soll am Freitag die Ladung teilweise oder ganz geleichtert werden. Leichterfahrzeuge und weitere Schlepper sind bereits nach Hel- ^oland unterwegs. D,e „Topatopa" hat Baumwolle und Stückgüter für Bremen an