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Zeitung
-er Freien HansestM vremen
Nr. 2y / 3. Jahrgang
Dienstag, 2y. Januar
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„Wenn wir Deutschland beim Wort nehmen..."
Lord Hurtwood's Berliner Eindrücke
Deutschlands Gleichberechtigungsanspruch setzt sich durch / Brigadegeneral Gpears für
entmilitarisierte Zone auch in Frankreich
Ein Kronzeuge
Reinsall der litauischen Anklage im Memelprozeh Kowno, 28. Januar.
Die Art und Weise, wie das Kownoer Prozeß- material für den Memelländer-Prozeß von Polizei und Untersuchungsinstanzen gesammelt wurde, beleuchtete in der Montag-Verhandlung des Pro' zesses die Vernehmung des litauischen Zeugen Martin Vurkandt. Der Zeuge lebte drei Jahre lang als Gutsarbeiter bei Königsberg. Er kehrte dann nach Litauen zurück und begab sich Anfang Januar 1933 auf illegalem Wege nach Deutschland. Auf illegalem Wege kehrte er auch später wieder nach Litauen zurück.
Beim Untersuchungsrichter sind von ihm drei Protokolle unterschrieben worden, in denen es u. a. heißt, er sei der SA. beigetreten, sei zu Pionier- und Kriegsausbildungskursen geschickt worden, habe an militärischen Uebungen teilgenommen, hätte Sprengungen an Brücken, Granatenwerfen und ähnliches gelernt. Die SA.- Gruppe, der er angehörte, habe ein Lied gesungen, „daß sie ins Memelgebiet einmarschieren wolle".
Zum größten Erstaunen der Prozeßbeteiligten erklärte der Zeuge, daß alle seine Angaben nicht aus Wahrheit beruhten. Er sei nicht in der SA. gewesen, habe an keinen Kricgskursen teilgenommen, sei niemals in einem Büro der Neumann- Partei gewesen, habe keinen militärischen Unterricht erteilt und habe auch an solchem nicht teilgenommen.
Bom Gerichtsvorsitzenden scharf angefahren, warum er denn das alles vor dem Untersuchungsrichter gesagt habe, erklärte der Zeuge schüchtern, daß er für den unbefugten Erenzübertritt bestraft werden sollte und daß ihm für diese Aussagen die Strafe erlassen worden sei.
Wieder beschlußunfähig
Die Arbeit des memelländischen Landtags neuerdings unmöglich gemacht
Kowno, 28. Januar.
In Memel sollte am Montag erneut eine Landtagssitzung stattfinden. Von den 24 Abgeordneten waren nur 16 erschienen. Es fehlten u. a. die fünf Abgeordneten der litauischen Fraktion. Der litauische Gouverneur war bei der Sitzung anwesend. Vor Beginn ließ er an den Schriftführer des Landtages Riechert die Frage stellen, ob der Landtag beschlußfähig sei. Dieser lehnte es ab, vor Eröffnung der Sitzung dazu Stellung zu nehmen. Der Gouverneur ließ darauf die Eröffnung gar nicht zu. Riechert verlas noch einen Protest, in dem gegen die Behinderungen beim Zusammentritt des Landtages protestiert wird. Der Landtag ist auf diese Weise schon zum sechsten Mal beschlußunfähig gemacht worden.
Morgen flaggen die Seeschiffe
Hamburg, 28. Januar. Der Führer der deutschen Seeschiffahrt Staatsrat Eßberger, hat eine Anordnung erlassen, nach der auf allen deutschen Seeschiffen am 38. Januar, dem Tage der Machtübernahme durch den Nationalsozialismus, in Betriebsappellen aus die besondere Bedeutung des Tages hingewiesen werden soll. Weiter sollen die im Hafen liegenden Schiffe auf und niederflaggen, während die auf See befindliche» Schiffe die Toppflagge führen solle«.
London, 28. Januar.
Der bekannte englische Politiker Allen Hurt- wood ist, wie berichtet, in diesen Tagen von Berlin nach London zurückgekehrt. Was seine Person betrifft, so war Lord Hurtwood Mitglied der Arbeiterpartei und hatte als Direktor der Zeitung „Daily Herald" mehrere Jahre einen der wichtigsten Posten dieser Partei inne. Er war es auch, der seit 1919 in sehr bestimmter Form immer wieder gegen den Vertrag von Versailles Stellung genommen und die These von der Allein» schuld Deutschlands am Kriege bekämpft hat. Der Sonderkorrespondent der Londoner Zeitung „Daily Telegraph" hat soeben eine Unterredung mit dem heimgekehrten Lord Hurtwood gehabt. Danach faßte der Lord den Eesamteindruck seiner Berliner Besprechungen wie folgt zusammen:
„Deutschland wünscht gegenwärtig leidenschaftlich den Frieden. Wenn wir Deutschland beim Wort nehmen und ihm die Stellung eines gleichberechtigten souveränen Staates wieder zuerkennen würden, — und zwar in einem Augenblick, wo infolge seines Mangels an Rüstungen keine Ge-
Berlin, 28. Januar.
Die in den letzten Wochen in Berlin und Kopenhagen geführten Wirtschaftsverhandlungen zwischen Deutschland und Dänemark haben am 24. Januar in Berlin zur Unterzeichnung eines deutschdänischen Wirtschaftsabkommens über den gegenseitigen Warenverkehr geführt. Die Grundlage des neuen Abkommens bildet das deutsch-dänische Abkommen vom 1. März 1934, das sich als eine beiderseits befriedigende Grundlage für den Ausbau des Warenaustausches zwischen Deutschland und Dänemark erwiesen hat und durch die neue Vereinbarung mit gewissen Ergänzungen auch für das Jahr 1935 aufrechterhalten wird. In Verbindung hiermit sind die zwischen den beiderseitigen Zentral-Banken bereits bestehenden Vereinbarungen über den Zahlungsverkehr ausgebaut worden.
Die Unterzeichnung erfolgte auf deutscher Seite durch den Staatssekretär im Auswärtigen Amt, Dr. von Bülow, und den Führer der deutschen Delegation, Ministerialdirektor im Reichs- und preußischen Ministerium für Ernährung und Landwirtschaft, Dr. Köhler, auf dänischer Seite durch den dänischen Gesandten Zahle, und den Führer der dänischen Delegation, Chef der wirtschaftspolitischen Abteilung des Außen- ministeriums in Kopenhagen, Gesandten Otto Mohr.
fahr darin liegt, seinen Worten Glauben zu schenken — dann würde Deutschland seine Rolle bei der internationalen Zusammenarbeit wieder aufnehmen. In einigen Jahren ist es zu spät.
Lord Allen, der übrigens den nichtamtlichen Charakter seines Besuches in Deutschland hervorhob, gab seiner Ueberzeugung Ausdruck, daß die Stellung des Reichskanzlers Adolf Hitler in Deutschland gegenwärtig unangreifbar sei. (Sie ist es nicht nur gegenwärtig. Die Schriftl. der „B. Z.") Der Kanzler sei von überwältigender Ausrichtigkeit. Aus den Unterhaltungen mit ihm bringe er die Ueberzeugung mit, daß der Kanzler ehrlich den Frieden wünsche. Deutschland sei heute tief erregt und erbittert, daß es die einzige Nation ersten Ranges sei, die eine andere Behandlung als andere Länder erfahre.
Nachdem Lord Allen auf die Gefahr hingewiesen hatte, die aus einer Verkennung oder Unterschätzung einer solchen Einstellung sich ergeben könnte, stellte er fest, daß man in Deutschland schwer gekränkt gewesen sei, als Frankreich das Rüstungskompromiß verwarf. Deutschland könne
Das vorjährige Handelsabkommen mit Dänemark hat die daran geknüpften Erwartungen im allgemeinen erfüllt. Deshalb empfahl sich vom deutschen Standpunkt aus, auch für die neue handelspolitische Möglichkeit seiner Fortgeltung für ein weiteres Jahr ohne erneute Verhandlungen vorzusehen.
Für die deutsche Einsuhr aus Dänemark kommen hauptsächlich landwirtschaftliche Erz eugnisse, wie Butter, Käse, Eier und Vieh, für die deutsche Ausfuhr nach Dänemark fast ausschließlich deutsche Jndustrieerzeug- nisse in Betracht. Die Regelung der inneren Märkte, die die Grundlage der neuen deutschen Agrarpolitik ist, hat es auch in diesem Jahr ermöglicht, den dänischen Ausfuhrbedürfnissen in gewissem Umfange entgegenzukommen. Um die Beschickung der deutschen Märkte sowie die Preise den wechselnden Notwendigkeiten anzupassen, ist für die wichtigsten landwirtschaftlichen Erzeugnisse die Einsetzung gemischter Ausschüsse vorgesehen worden, in denen Sachverständige der beiden Länder vertreten sind und in unmittelbarer Fühlung die leweils erforderlichen Maßnahmen beraten können. Auf der anderen Seite hat Dänemark in einem dem bisherigen Verhältnis zwischen deutscher und dänischer Ausfuhr entsprechenden Ausmaß Einfuhrmöglichkeiten für deutsche Jndustrieerzeug- nisse gewährt.
auch nicht begreifen, warum es im Jahre 1935, da es keine Waffen besitze, von feindseligen Bündnissen umgeben werde, ganz wie 1914, als es schwer bewaffnet gewesen sei. „Ich glaube nicht", erklärte Lord Allen, „daß Deutschland jemals wieder wie in den letzten Jahren bereit wäre, seine Rückkehr zur souveränen Gleichberechtigung mit Zugeständnissen zu erkaufen. Deutschland hat aber auch ebenso wenig wie wir den Wunsch, seine Gleichberechtigung, wenn es sie erlangt hat, zu mißbrauchen".
Sehr beachtenswert ist auch ein Aufsatz des Brigadegenerals Spears, des konservativen Unterhausmitgliedes, im „Daily Telegraph". Spear schlägt nicht mehr und nicht weniger als die Errichtung einer entmilitarisierten Zone aus beiden Seiten der deutsch-französischen Grenze vor. Bisher beziehen sich die Entmilitari- sierungsvorschristen bekanntlich nur einseitig auf Deutschland. Die von Spear vorgeschlagene Zone solle infolge der strategischen Bedeutung von Metz und Straßburg aus jeder Seite der Grenze nicht breiter als 18 Kilometer sein.
Die bisherigen Erfahrungen im Zahlungsverkehr zwischen Dänemark und Deutschland haben ferner auch zu neuen Vereinbarungen über die Regelung des Zahlungsverkehrs geführt, nach denen nunmehr sämtliche Zahlungen im Warenverkehr auch auf dänischer Seite über das Konto der Reichsbank bei der dänischen Nationalbank laufen werden. Die neuen Vereinbarungen in ihrer Gesamtheit lassen erhoffen, daß auch das Jahr 1935 eine befriedigende Entwicklung des Warenaustausches zwischen den beiden benachbarten Länder bringen wird.
Die Themen für London
London, 28. Januar.
Der Pariser Bertreter der Londoner Zeitung „Times" ist der Ansicht, daß bei dem bevorstehenden Besuch der französischen Minister in England angesichts der kurzen zur Verfügung stehenden Zeit die Besprechungen sich fast ausschließlich auf die Abrüstung und die französischdeutschen Beziehungen beschränken werden. Es sei zu befürchten, daß die französischen Hoffnungen enttäuscht werden würden. Zuversichtlicher äußert sich der diplomatische Mitarbeiter des „New Chronicle". Er hält es für wahrscheinlich, daß der Besuch der französischen Minister eine deutliche Aenderung in der britischen Außenpolitik herbeiführen werde.
Vorwärts
durch die Erzeugungsschlacht
Das Ziel der Erzeugungsschlacht, deren Durchführung in den Händen des Reichsnährstandes liegt, ist, dem deutschen Volke für alle Zeiten sein Brot zu sichern, das uns eine über das ganze Ausland hin verbreitete gegen Deutschland eingestellte Gruppe von internationalen Hetzern streitig machen möchte. Die Schlacht wird unbedingt gewonnen werden, ja, man darf sie heute schon als gewonnen betrachten, da alle Kräfte der Nation zusammenstehen, um in restloser Arbeit und mit ungeheurer Tatkraft das gestellte Ziel zu erreichen.
Es ist selbstverständlich, daß ganz tief eingreifende Umstellungen und Verbesserungen innerhalb der Landwirtschaft die Voraussetzungen sein müssen für den schlietzlichen Erfolg. Aber die Aufgaben, die der Reichsminister für Ernährung und Landwirtschaft dem Reichsnährstand in der Verordnung vom 8. November 1933 stellte, nämlich, die Angehörigen des Reichsnährstandes in Verantwortung für Volk und Reich zu einer lebenskräftigen Stütze für den Aufbau, die Erhaltung und die Kräftigung des deutschen Volkes zusammenzuschließen, ist bereits gelöst und Anregungen für alle Verhältnisse und für jeden Betrieb sind bis zu den letzten Reichsnährstandsangehörigen hinausgegangen, auf daß der letzte Bauer weiß, um was es geht.
Merkwürdigerweise gibt es immer noch Leute, die meinen, es sei nicht möglich, den deutschen Boden zur lOOprozentigen Eigenernährung des Volkes zu bestellen. Wenn es aber einer weiß, wie stark der Umfang der landwirtschaftlichen Erzeugung im deutschen Reiche noch gesteigert werden kann, — wenn man nur den Ertrag des Bodens, der als Mehrerzeugung nach den bisherigen Verhältnissen in Erscheinung treten soll, rentabel gestaltet —, so weiß es der Bauer.
Bei einer durchschnittlichen Ernte reicht heute ja bereits unsere Getreideerzeugung für den einheimischen Bedarf aus. An Kartoffeln wird sogar das Vielfache erzeugt, was zur menschlichen Ernährung in Deutschland gebraucht wird, und wenn es gelingt, die Kartoffelanbauflächen zugunsten von anderen Kulturpflanzen zu verringern, dann werden hierdurch bereits neue Anbaugebiete gewonnen für Nahrungsmittel, die wir bisher vom Ausland beziehen mußten. Es gibt keinen Bauern heute, der nicht wüßte, wie die Fleisch-, Milch- Butter- und Fetterzeugung in Deutschland noch außerordentlich gesteigert werden kann, nachdem nunmehr die Einführung der Marktordnung auch dem vom Markte entferntesten Erzeuger die entsprechende Bezahlung seiner Ware fortan sichert. Schon heute darf gesagt werden, daß der Erfolg der Erzeugungsfchlacht nicht allein darin bestehen wird, unsere jetzt annähernd 70 Millionen zählende Bevölkerung zu ernähren, sondern des weiteren noch darin, daß diese Ernährung auch gesichert bleibt, wenn die Kurve des Geburtenüberschusses einmal wieder steilere Höhen erklimmt.
Das ist ja gerade das Bedeutsame noch dazu bei der Erzeugungsschlacht, daß damit
Deutsch-dänisches Wirtschaftsabkommen
Günstige Entwicklung des Warenaustausches / Neue Regelung des Zahlungsverkehrs
Was sich so in Paris begibt
Kleine Bilder aus dem Älltag der Lrtse der Moral?
Die ersten Wochen des neuen Jahrs sind in der französischen Hauptstadt wenig auifvegend verlaufen. Das Theater- und Eesellschaftsleben geht seinen üblichen Gang, ohne daß es bisher größere Ereignisse gegeben hätte. Die Geschäfte sind flau. wie das unangenehm nichtssagende Wetter, und vergebens warten die Pariser auf den Winter, der endlich etwas Abwechslung in den eintönigen Verlauf der Tage und Wochen bringen könnte. Nachdem die Ueberraschung und — sagen wir es offen — die sichtliche Enttäuschung über den überwältigenden deutschen Sieg an der Saar wieder verflogen und auch von dieser Seite her keine Sensationen mehr zu erwarten sind, nehmen die eignen kleinen und großen Sorgen den braven Bürger wieder gefangen und die elegante Pariserin, ob arm oder reich, wendet im Geist ihre erhöhte Aufmerksamkeit bereits der Auswahl ihres Kleiderschmucks für den kommenden Fasching zu. Aber da gibt es doch etwas, was aufhorchen läßt: das ist die geradezu erschreckende Zunahme der Verbrechen. Paris als Millionenstadt war zwar schon immer ein Tummelplatz für lichtscheue Gesellen, und Ueberfälle und Morde waren hier genau so an der Tagesordnung wie die geradezu sprichwörtlich gewordenen Eifersuchtsdramen gewisser heißblütiger Pariserinnen. Aber die Verbrechen, die sich hier in letzter Zeit so häufen, sind anderer Art, haben tiefere Ursachen, bewegen sich in andern Kreisen und greisen so weitgehend hinein in die Schichten des sogenannten guten Bürgertums, daß man auch hier allmählich die deutlichen Warnungs,"'bcn ernst zu nehmen beginnt. Auffallend ist. die Z .nähme der jugend-
Seinestsüt / Von Ä. Linder-Paris
lichen Verbrecher und als Gegenstück dazu die zahlreichen Fälle von schweren Kindermißhandlungen. Auch ein paar blutige Ehedramen in Kreisen, die man in dieser Hinsicht gesund glaubte, haben dazu beigetragen, in der Lefsentlichkeit eine gewisse Unruhe hervorzurufen. Wie? Handelt es sich nicht doch etwa um eine Krise der Moral? Ist das französische Bürgertum, also die Schicht, die bisher dem Land seine besten Söhne schenkte, gar wurmstichig geworden? Das ist der Angstschrei, den man hier jetzt vielfach hören kann. Dennoch gehen solche Befürchtungen zweifellos zu weit. Hüten wir uns davor, zu verallgemeinern! Wohl häufen sich in letzter Zeit die Verbrechen, wobei übrigens auch das- Gesetz der Serie eine Rolle spielen dürfte, und eine Säuberung scheint am Platze. Aber die hätte an anderer Stelle einzusetzen. Frankreichs Bürgertum ist gesund, die heranreifende Jugend in ihrer Gesamtheit nicht gefährdet.
Ein vornehmer Bilderdieb
Ein Graf als Einbrecher und Bilderdieb, das gibt es nicht alle Tage. Der schwere Einbruchsdiebstahl, der dieser Tage in einem Schloß in der französischen Provinz begangen wurde, erregre daher auch in der französischen Hauptstadt einiges Aufsehen. In dem Schloß Gros-Jonc, das dem früheren Abgeordneten Baron Le Veore gehört, waren unter den zahlreichen Kunstwerken ein paar sehr wertvolle Bilder geraubt worden. Die näheren Umstände des Einbruchs ließen daraus schließen, daß der. Diebstahl nur von einem Familienmitglied hatte ausgeführt werden können. In der Tat lenkte sich der Verdacht der
Polizei sofort auf den jungen Grafen Tavier de Seitivaux, den Enkel der Baronin Le Vevre, der sich seit einiger Zeit oft in sehr zweifelhafter Gesellschaft in den Vergnügungslokalen des Montmartre und Montparnasse herumtrieb. Es war der Polizei daher ein leichtes, den Aufenthaltsort des leichtsinnigen Grafen festzustellen und ihn festzunehmen. Der junge Mann legte vor der Polizei ein freimütiges Geständnis ab, erklärte jedoch, er habe seiner Familie lediglich einen Streich spielen wollen, um gegen die Hinaus- zögerung der Erbschaftsteilung zu protestieren. Er habe sich nur das geholt, was ihm seiner Ansicht nach zustand. Auf den Untersuchungsrichter scheint dieser Standpunkt jedoch keinen Eindruck gemacht zu haben, denn er behielt den gräflichen Tunichtgut hinter Schloß und Riegel.
„Leutnant Marion"
Ein anderer Schwindel, dem zahlreiche hohe Offiziere zum Opfer fielen, wird zurzeit in der hiesigen Gesellschaft viel besprochen. Einem aus Algerien stammenden Unteroffizier gelang es, sich unter Vorspiegelung falscher Tatsachen nach Parts versetzen zu lassen. In Paris verworftielte sich der gerissene Schwindler durch Beförderung von eignen Gnaden in einen Leutnant Marion. Er ließ sich schöne Briefbogen drucken und versandte in größtem Ausmaß ein Rundschreiben an kommandierende Generale und andere hohe Offiziere der französischen Armee. In dem Brief wurden die betreffenden Militärs von dem „Leutnant Marion" aufgefordert, für ein zu schaffendes Denkmal für Poincars ihre Spenden an eine Deckadresse zu senden. Merkwürdigerweise gingen viele hohe Offiziere auf den Leim und übermittelten teilweise beträchtliche Beträge, die dem Unteroffizier ein flottes Leben in der französischen Hauptstadt ermöglichten.
Erst vor einigen Tagen hak ein stutzig
gewordener Offizier Anzeige gegen den Betrüger erstattet. Der falsche Leutnant wurde verhaftet und in seiner Wohnung «ine Haussuchung abgehalten. Dort fand man zahlreiche gefälschte amtliche Briefbogen und Stempel. Am Tag seiner Verhaftung wollte er gerade einen neuen Schwindel ms Werk setzen. Er hatte sich Brief
bogen mit dem Kopf der Kanzlei der Ehrenlegion drucken lassen und wollte die Führer der Armee auffordern, durch Spenden zum Ankauf von Napoleonerinnerungen für das Armeemuseum beizutragen. Nun ist aus dem Leutngnt Marion wieder ein kleiner Unteroffizier geworden und bald dürfte er auch dieses Grades verlustig gehen.
Junge s>ängermnen der deutschen Oper
Drei Künstlerinnen antworten der „Bremer Festung"
Erna Berger
Erna Berger hat wohl die härteste und abenteuerlichste Laufbahn, die eine Sängerin haben kann, hinter sich. Man stelle sich vor, daß sie von Dresden erst über den Umweg über Südamerika wieder nach Deutschland gelangte!
Ihr Vater war Eisenbahningenieur und als solcher während des Krieges in Indien interniert. Die kleine Erna Berger blieb in Dresden zurück und hatte hier, da sie eine Bankstellung bekleidete, nur Sonntags Gelegenheit, Gesang zu studieren. Später, als der Vater freigelassen wurde, also nach dem Kriege, ging sie mit ihren Eltern nach Paraguay. Herr Berger wollte Farmer werden. Die sangeseifrige Musikenthusiastin nahm aber vorsorglich Klavier und Noten mit. In mühe-j voller Arbeit quälte sich diese deutsche Familie , mit dem Boden ab, den ihr die Regierung zur Kultivierung zur Verfügung gestellt hatte.
Geradezu ergreifend ist es, wenn man hört, daß die Farm jahrelang nichts einbrachte und daß Frl. Berger in der nächsten Stadt wieder eine Stelle annehmen mußte.
Mählich machte sich das fürchterlichste Heimweh geltend und in der 3. Schisfsklasse floh Erna Bei-, ger aus der „Verbannung" zurück in die Heimat und gab an Bord ein Konzert, das ihr bald die
zweite Klasse ermöglichte. Das war sozusagen ihr erstes Honorar. Ein paar Dollars überreichte ihr wieder eine Verehrerin und mit diesem Sümmchen arbeitete sich die junge Sängerin mühevoll herauf. Bei einer bekannten Dresdner Ee- sangslehrerin. sang sie das Aennchen aus dem „Freischütz" vor und wurde dann weiter zu Generalmusikdirektor Busch geschickt, der sie sofort für die Dresdner Staatsoper engagierte. Ganze 65 Mark betrug ihre Anfangsgage! Allmählich erweiterte sich ihr Repertoire und wie immer bei allen Sängerschicksalen spielte das „Einspringen" eine gewaltige Rolle. Sie übernahm in letzter Minute die Partie der Puppe Olympia in „Hoff- manns Erzählungen". Es „klappte" tatsächlich. ,Steil aufwärts ging es . nun. zunächst an die Städtische Oper in Berlin-Lharlottenburg (dem jetzigen „Deutschen Opernhaus"), wo sie in Pfch- ners „Christelflein" die Titelpartie sang. Wahrlich der Aufstieg einer Opernsoubrette, die die Härten und Kämpfe des Daseins in jeder Form kennengelernt hat! Von der kleinen Jda in der „Fledermaus" zur schwierigen und komplizierten Zerbinetta in der „Ariadne" ist ein Weg, der mit mancherlei Dornen besät ist. An der Berliner Staatsoper, der sie nunmehr ständig angehört begann sie mit einer reizvoll-komischen Aufführung
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