Ausgabe 
(28.2.1935) Nr. 59
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Donnerstag, 28. Februar

Einzelpreis 15 Rpf.

Letzte Vorbereitungen sür die Saar-Rückgliederung

Morgen eine Minute Berkehrsstiile

Feierliche Hissung der Reichsflaggen im Saargebiet am i. März

Der Memel-Nechtsbruch

Landtag zum siebenten Mal beschlußunfähig Kowno, 27. Februar.

Der memelländische Landtag sollte am Mittwoch wiederum zu einer Sitzung zusammentreten. Es versammelten sich zur festgesetzten Stunde alle 1? zugelassenen Abgeordneten, während die fünf Ab­geordneten des litauischen Blocks auch diesmal fehlten.

Der Alterspräsident eröffnete die Sitzung und lieh die Eingabe an das Oberste Tribunal gegen die Mandatsaberkennungen verlesen. Dann ver­las der Schriftführer. Riechert einen langen Pro­test gegen die verschiedenen künstlichen Behinde­rungen des Landtags. Im Laufe der Verlesung dieses Protokolls wurde im Zuschauerraum die litauische Nationalhymne angestimmt. Den Abge­ordneten blieb nichts anderes übrig, als sich die Hymne stehend anzuhören. Dann erschien Polizei, die die Zuschauertribllne räumte. Die Abgeord­neten blieben im Saal zurück. Daraufhin wurde der Protest von Riechert weiter verlesen.

Da nur 18 Abgeordnete anwesend waren, mutzte die Feststellung gemacht werden, datz der Landtag wiederum, und zwar zum siebenten Mal, infolge der Mandatsaberkennungen und des Fernbleibens der Litauer beschlußunfähig war.

Die leitenden Versönlichkeiten

Berlin, 27. Februar

Im Reichsgesetzblatt wird die zweite Verord­nung zur Durchführung des Gesetzes gegen heim­tückische Angriffe auf Staat und Partei und zum Schutze der Parteiuniformen veröffentlicht. Die Verordnung bestimmt, wer als leitende Persön­lichkeit im Sinne des Gesetzes anzusehen ist.

Auf Grund des K 2 Absatz 4 des Gesetzes gegen heimtückische Angriffe auf Staat und Partei und zum Schutze der Parteiuniformen vom 20. De­zember 1034 werden als leitende Persönlichkeiten im Sinne des 8 2 Absatz 1 des Gesetzes bestimmt:

I. Der Führer und Reichskanzler, II. Leitende Persönlichkeiten des Staates: 1. Die Reichsmi­nister, die Reichsstatthalter sowie die Vorsitzenden und Mitglieder der Landesregierungen. 2. Die Staatssekretäre des Reiches und der Länder. 3. Die preußischen Oberpräsidenten einschließlich des Staatskommissars der Hauptstadt Berlin. III. Leitende Persönlichkeiten der NSDAP.: 1. Die Reichsleiter. 2. Die Gauleiter.

Englischer Dampfer gesunken

Bremen, 27. Februar.

Von der Unfallstelle des verunglückten Dampfers „Blairgowrie" meldet Schnell­dampfer „Europa" des Norddeutschen Lloyd durch Funkspruch, datz die Suche nach dem wahrscheinlich gesunkenen Schiff aIshofs - nungslosaufgegeben werden mutzte. Nach Verständigung mit den übrigen zur Un­fallstelle geeilten Dampfern „American Ban­ker" und „Bloomersdqk" setzte die „Europa" die Heimreise nach Bremerhaven fort. Wo sie infolge der durch die beabsichtigte Hilfe­leistung hervorgerufenen Verspätung wahr­scheinlich erst am Sonnabend, 2. März, vor­mittags, eintreffen wird. (Weitere Einzel­heiten über das Unglück im Innern des Blattes.)

Berlin, 27. Februar.

Reichsinnenminister Dr. Frick wird aus Saarbrücken um 10.1.8 Uhr vor der feierlichen Flaggenhissung über den Rundfunk eine kurze Ansprache an das deutsche Volk richten. Auf das hieraus folgende Kommando „Hitzt Flagge!" erfolgt auch im Reich die allgemeine Beflaggung. In demselben Augenblick wird eine Verkehrsstille von 1 Minute eintreten. In der gleichen Zeit werden in ganz Deutsch­land die Sirenen aller Fabriken und Schiffe ertönen. Ebenso setzt zu dieser Zeit das ein- stündige Glockengeläut der Kirchen ein.

Saarbrücken, 27. Februar.

Der 27. Februar ist der vorletzte Tag vor der Rückgabe des Saargebietes an Deutschland. Das prägt sich im ganzen Saargebiet auf Schritt und

Berlin, 27. Februar.

Die sechste Vollsitzung der Akademie für deutsches Recht, die am Mittwochmittag im Berliner Rat­haus stattfand, bot das gewohnte eindrucksvolle Bild. Der Präsident der Akademie für deutsches Recht, Reichsminister Dr. Frank, konnte in seiner Eröffnungsansprache die Reichsminister Darrö, Dr. Eürtner, von Neurath und Seldte sowie den französischen Botschafter Francois-Poncet und den tschechoslowakischen Gesandten Dr. Mastny be­grüßen. Man sah außerdem zahlreiche Länder­minister, den Reichspressechef der NSDAP., SS.- Eruppenführer Dietrich, die Staatssekretäre Meiß­ner, Freisler, Schlegelberger, Reinhardt, Krohn, Königs und Backe, Staatskommissar Lippert, der» Korpsführer des NSKK. Hühnlein, Oberbürger­meister Sahm, den Präsidenten des Reichsgerichtes, Vumke sowie zahlreiche Mitglieder des diplomati­schen Korps.

Reichsminister Dr. Frank wandte sich an den französischen Gast, Professor de Vabres, mit fol­genden Worten: Die Akademie für deutsches Recht tritt an einem Feiertage zusammen; am 27. Fe­bruar vor zehn Jahren hat in einer unvergeßlichen Kundgebung in München unser Führer die neue Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei wiedergegründet. An diesem Feiertage danken wir Ihnen, Herr Professor, besonders für Ihren Be­such, weil wir deutschen nationalsozialistischen Rechtskllnder durchglüht sind von dem Willen, den deutschen Staat in Freiheit, Ehre und Gleich­berechtigung wieder aufzubauen, weil wir in Ihrem Besuch den Gruß einer verständnis-

Tritt aus. lleberall ist man emsig dabei, die Ort­schaften zu schmücken für die Feier der Rückgabe, und überall sieht man schon die Zeichen des neuen Deutschland erstehen. Da hämmern auf dem Bahnhof Homburg auf dem Dach einer Lokomo- tiohalle Eisenbahnarbeiter an einem großen Ho­heitsabzeichen, an anderen Stellen sind bereits an amtlichen Gebäuden leuchtende Hakenkreuze und Lichtergirlanden angebracht. Fahnenmaste er­stehen in ungezählten Mengen, und viele Tausende sind mit diesen Vorbereitungen beschäftigt.

Ministerialrat Haegert und Oberregierungs­rat Eutterer vom Propagandaministerium sind dabei, die Anmarschstraßen festzulegen und die einzelnen Kundgebungen vorzubereiten. Es ist eine Eeneralstabsarbeit, 800 000 Menschen in einer Stadt unterzubringen, die nur 130 000 Einwohner hat. Noch schwieriger ist die Arbeit des Quartier­amts des Dr. Jven, alle die vielen Gäste in

erfüllten französischen Rechtswelt sehen.

Ihr Besuch ist uns um so wertvoller, als wir wissen, datz im Auslande noch sehr viel irrige Meinungen über die deutsche Rechtspflege, über den Ernst der nationalsozialistischen Führerschaft, den Staat der Rechtssicherheit und Rechtswahrheit aufzubauen, vorherrschen. Wir danken Ihnen be­sonders, datz Sie durch Ihren Besuch zeige», datz Sie all diesen Meinungen nicht zum Opfer gefallen sind. Wir wollen in Ihrer Anwesenheit darüber hinaus noch eines sehen: So oft stand schon der Tod zwischen unseren Völkern, Herr Professor de Vabres, und nun möge im Interesse des europäischen Wiederaufbaues der Gedanke des Friedens und der Gedanke des Rechts auch zwischen unseren Völkern die freiheitliche Zu­sammenarbeit ermöglichen. Der stolze Deutsche wird den Stolz eines Franzosen ehren und achten.

Zum ersten Male sprach dann auf einer Voll­sitzung der Akademie für deutsches Recht ein fran­zösischer Gelehrter, der Dekan der juristischen Fakultät der Sorbonne in Paris, llniversitäts- professor Dr. Donnedieu de Vabres. Er hatte sich für seinen Vertrag das interessante Thema „Die internationale Bekämpfung der Delikte des Völkerrechtes" gestellt.

Der Redner machte den beachtenswerten Vor­schlag, der Einrichtung eines internationalen Strafgerichtshofes, der eine universelle Zuständig­keit für alle strafrechtlichen Verstöße gegen das Völkerrecht haben müsse. Unter die Zuständigkeit dieses Gerichtshofes sollten im allgemeinen die

Saarbrücken unterzubringen. Sonderzllge, aus allen Teilen Deutschlands kommend. Als Ehren­gäste werden anwesend sein der Stellvertreter des Führers, Reichsminister Hetz, Ministerpräsident GLring, die Reichsminister Dr. Goebbels und Seldte, viele Reichsstatthalier, Reichsleiter der Partei, Gauleiter und Länderminister. Der Führer der Deutschen Arbeitsfront, Reichsorgam- sationsleiter Dr. Ley, der Führer des NSKK., Hühnlein, der Reichsarbeitsfllhrer Hier! und viele andere werden ebenfalls im Saargebiet erwartet.

Es hat den Anschein, als ob die Feier des 1. März die des 18. Januar noch bei weitem übertreffen wird, obwohl es damals schien, datz dieser spontane Jubel, diese spontane Freude eines befreiten Volkes bereits einey Höhepunkt darstellte, über den hinaus es nichts mehr an Freude geben kann. (Siehe auch Seite 2.)

Drillte der Seeräuberei, Falschmünzerei, des Sklaven-, Frauen- und Kinderhande^, Terroris­mus, des Rauschgifthandels und der Verbreitung unzüchtiger Literatur fallen. Professor de Va­bres schloß sein« Ausführungen, indem er zum Ausdruck brachte, daß die Bekämpfung der Straf­taten, die die soziale Ordnung aller Staaten stör­ten, einer großen moralischen und menschlichen Gerechtigkeit entspreche. Die Ausführungen des französischen Gastes wurden von der Versamm­lung mit lebhaftem Beifall aufgenommen.

Reichsminister Dr. Frank sprach dem französi­schen Gast im Namen aller Anwesenden herzlichsten Dank für seine Ausführungen aus. Er gab die Versicherung ab, daß die Akademie sich mit den von Professor de Vabres aufgestellten Thesen und Jdeengängen noch eingehend auseinandersetzen werde.

Der Vollsitzung der Akademie für deutsches Recht wohnten außer den schon erwähnten Persönlich­keiten auch der polnische Botschafter Lipski, der Hauptamtsleiter des Amtes für Beamte, Neef, und als Vertreter der Reichsjugendfllhrung Oberge-- bietsführer Axmann bei.

Am Nachmittag wurden die Verhandlungen mit einer Arbeitstagung fortgesetzt. Als erster sprach Reichsernährungsminister Darre über das Thema „Blut und Boden, ein Grundgedanke des Nationalsozialismus". (Diesen Vortrug geben wir im Innern des Blattes wieder. Die Schriftl.)

Den Schlußvortrag hielt Eeheimrat Professor Dr. E. Heymann über „Die Bedeutung der Rechtsvergleichung".

Die neuen Gesetze

Werke vollkommenster Zweckmäßigkeit * Bremen, 27. Februar.

Es ist wieder einmal eine Arbeit von u n - geheurem Ausmaß gewesen, die da mit den jüngsten Beschlüssen des Reichskabinetts vom nationalsozialistischen Staate vollendet wurde. Indem man sie betrachtet, weiß man nicht, was man mehr daran bewundern soll: die S't a a t s w ei s h e i t, die dasGefügedes neuen Gesetzgebungswerkes so schuf, daß es den Notwendigkeiten für unser Bolk auf un­absehbare Zeit Rechnung trägt oder den Geist, der diese Gesetze im Sinne national­sozialistischer Weltanschauung durchdringt und den toten Buchstaben jene lebendige Kraft verleiht, die aus dem gesunden Rechts­empfinden des deutschen Volkes strömt.

Das Recht ist für das Volk da und nicht um des Rechtes selber willen. Im national­sozialistischen Staate hat keine Rechtsbestim­mung Platz, die spitzfindigen Auslegern ein Uebergewicht über den seines lebendigen Rechtsempfindens wohlbewußten Volks­genossen gibt. Wenn die neue Ver­gleichsordnung dem Schuldner fortan die leichtherzige Abschüttlung seiner Schul­den erschwert, ja, unwürdige Schuldner von der Wohltat des Ausgleichsverfahrens aus­schließt, gleichzeitig aber auch Gläubigern, die sich auf fragwürdige Weise Sondervor- teile verschaffen wollen, die Möglichkeit unterbindet, einen Druck auf die übrigen Gläubiger auszuüben, so liegt das im Sinne des redlich denkenden deutschen Menschen, der es nie verstehen konnte, wenn böswillige oder gar verbrecherische Schuldenmacher für ihr schlimmes Tun noch belohnt wurden oder wenn gewissenlose Gläubiger sich durch Ver­steifung auf den Buchstaben des Gesetzes wider dessen Geist zu versündigen ver­mochten.

Immer ist die Rechtspflege des national­sozialistischen Staates bestrebt, jedweder Un­moral und erst recht jener, die im Gewände falsch gedeuteter Rechtsbestimmungen einher- geht, den Boden abzugraben und ihr jeden Stützpunkt, den sie in der erstarrten Form bisheriger Gesetzesmaßnahmen etwa finden könnte oder fand, zu nehmen. In diesem Sinne tritt das Gesetz gegen den unlau- terenWettbewerb jener Art von Aus­verkäufen entgegen, die bisher oft ohne in­nere Berechtigung, nur um einen großen Kundenkreis anzuziehen, veranstaltet wur­den, hinter denen weder eine geschäftliche Notwendigkeit noch eine persönliche Berech­tigung stand. Den notwendigen Saisonschlutz- und Inventur-Verkäufen ist nach wie vor in dem Gesetze gegen den unlauteren Wett­bewerb die Berechtigung zuerteilt; den Aus­verkäufen unter falscher Flagge aber ein für allemal der Lebensfaden abgeschnitten. Unwahrhaftiqkeit und unlautere Geschüfts- kniffe werden im nationalsozialistischen Staate einfach nicht geduldet.

Auf dem Wege zur Sicherung eines plan­mäßigen Arbeitseinsatzes hat die Regierung in zielbewußter Fortsetzung ihrer bewunde­rungswerten Sozialpolitik das Gesetz für die Einführung des Arbeitsbuches > verabschiedet, das künftig als amtlicher Aus-

Völkerverbindendes Recht

Ein sramöslfcher Gelehrter spricht in der Akademie für deutsches Nechi

Kunst und Rundfunk in Island

Gtn Gespräch mtk dem isländischen Staatsmusikdtrektor Ton Letfs

Harald Spitzer

Ein Fürst und eine Flasche Rum...

Im nordischen Holzhaus eines abgelegenen Vor­ortes von Berlin wohnt der bedeutendste isländische Komponist und Dirigent Ion Leifs. Er hat die Leitung der musikalischen Abteilung am Staats- radiofon in Reykjavik übertragen bekommen. Das ist bedeutsam für den künstlerischen Austausch zwi­schen Island und Deutschland, denn Ion Leiss hat hier Musik studiert, seine Werke sind in deutschen Konzertsälen uraufgeführt worden, und Deutsch­land ist ihm zur zweiten Heimat geworden.

Das Gespräch mit dem jungen Künstler kommt auf seine Pläne und auf die Zusammenarbeit mit Deutschland. Ion Leiss erzählt:

„Die Wurzel unserer Kultur ist die Sprache. Sie wissen, daß wir seit der Wikingerzeit, also seit tau­send Jahren, die gleiche Sprache sprechen. Das war nur möglich durch die Abgeschiedenheit in der Is­land, als Insel, jahrhundertelang geblieben ist. So hat unsere ganze kulturelle Entwicklung sich fern- gehalten von fremden Einflüssen. Meine Lands­leute, Bauern wie Sie wissen, lesen abends in ihren Sagas, und in der Edda. Und eben sie lesen sie im Urtext! Wo finden Sie das sonst? Sie könn- ten sich nicht nur mit ihren Vorfahren unterhalten, stiegen die aus ihren Gräbern, nein, viel mehr noch, sie würden die Spanne der Zeit gar nicht merken, die zwischen ihnen liegt. So stark lebt der Isländer in der Tradition unserer alten Kultur.

Aber sehen wir ab von der Sprache allein. Die neuen Dichter wie Gunnarssen, Sigurjenssen, Kambran usw. haben Weltruf erlangt. Eine Aus­stellung neuer isländischer Malerei wurde mit Er­folg in Europa gezeigt. Ein großes, schönes Natio- naltheater in Reykjavik ist im Bau. Auch das Schul- und Hochschulwesen ist in Island sehr hoch entwickelt.

Und dann mein eigentliches Gebiet der Musik. Wir haben Bauerngesänge von eigenartig herbem Reiz, alt wie die Edda und noch ganz erhalten. Daneben die moderne isländische Musik, die, wie die Literatur, bewußt auf Altem aufbaut.

Ich glaube, es ist nicht übertrieben zu sagen, daß wir, wohl infolge unserer alten Tradition das bildungsdurstigste Volk sind!"

„Wie weit geht nun der Rundfunk auf das Bildungsinteresse des Isländers ein?"

„Soweit man das. im Radio tun kann, wird es getan. Ein großer Teil der Sendungen sind Vortrüge, und es werden noch immer mehr ver­langt. Eher würde der Isländer beim Konzert das Radio abstellen als bei einem Vortrag. Sehen Sie, das ist typisch für meine Landsleute: ehe sie Musik hören, wollen sie vorher alles ganz genau erklärt haben. Sie wollen nicht nur hören, sie wollen vor allem verstehen, was sie hören.

Eine große Rolle im Funk spielt der Nachrich­tendienst. Denn für die Bauern im Innern, die nur alle drei bis vier Wochen von der Post auf­gesucht werden (die Post ist wegen der schlechten Verkehrsverhältnisse meist drei Wochen unter­wegs) ist das Radio die einzige Verbindung mit der Außenwelt. Vier Stunden wird täglich im ganzen gesendet, aber alle drei Stunden Tag und Nacht, der Wetterdienst. Das ist der einzige Pro­grammteil, der außer isländisch auch deutsch und Englisch gesendet wird, der Schiffahrt wegen, die auf diese genauen Auskünfte angewiesen ist. Aber die Musik wird selbstverständlich nicht ver­nachlässigt. Diesen Sommer habe ich eine Beet­hovenwoche im Rundfunk veranstaltet, die bei den Hörern großen Beifall

„Welche Pläne haben Sie als Staatsmusik­direktor für Ihre künftige Arbeit?"

„Ich betrachte die Arbeit am Rundfunk nicht als meinen eigentlichsten Beruf. Die Uebertra- gung kann kein eignes Kunstwerk sein, sondern nur versuchen, ein Kunstwerk zu vermitteln. Ich möchte eine Saison — auch außerhalb des Rund­funks — einführen, im Mai und Juni, die auch den Fremdenverkehr heben soll.

Meine Bestrebungen finden weitgehende Unter­stützung der Regierung. Sie möchte auch den Rundfunk weiter ausbauen. Zum Beispiel soll die Spannung von 16 Kilowatt auf 100 Kilowatt erhöht werden, so daß man in Zukunft den Is­länder Sender überall im Auslande hören wird. Auch ein besonderer Kurzwellensender wird in wenigen Wochen in Betrieb genommen. Man hofft so, den Stamm der Hörer in Island zu ver­mehren. Bis jetzt besitzt jeder dritte Bauer ein Rundfunkgerät, von denen übrigens ein großer Teil aus Deutschland stammt. Aber noch muß die Regierung einen Zuschuß zum Betrieb des Sen­ders leisten, obwohl die Hörer 30 Kronen (etwa 34,— RM.) jährlich als Abonnement zahlen."

„Wird der isländische Rundfunk auch die Be­ziehungen gerade zu Deutschland pflegen?"

„Schon früher wurde die deutsche Literatur und Musik, wie ich Ihnen eben schon erzählte, in Is­land geschätzt und gepflegt. Ich gastierte zum Beispiel 1926 in Reykjavik mit dem Hamburger Philharmonischen Orchester, damals ein seltenes Ereignis. In Zukunft werden bei den geplanten ausländischen Gastspielen die deutschen Künstler besonders stark vertreten sein. — Wir Nordländer wollen an keinen Untergang des Abendlandes glauben. Uns scheint die nordische Kultur noch nicht die eigentliche Reife erlangt zu haben. Viel­leicht wird Deutschland einst darüber zu ent­scheiden haben, ob es gelingt, diese kulturellen Grundlagen ganz zu entfalten . , ,"

Diese Episode gehört zu meinen eigen­artigsten Erlebnissen in Abessinien; eine solche Mischung von Stolz, Großzügigkeit Naivität ist wohl nur bei primitiven Men­schen möglich.

Gleich, nachdem unser Zelt aufgestellt ist, schicke ich Ephraim, meinen braven schwarzen Dienet (der mich auf der ganzen Reise begleitet) ins „Schloß", um anzufragen, ob mir Ras (Fürst) Ailu Audienz gewähren wolle...

Es bleibt also etwas Zeit, meine Vorbereitun­gen zu treffen. Der Leinenanzug, der Tropen­helm und die Reitstiefel liegen geputzt vor mir; ich habe mich nur noch umzuziehen. Plötzlich dröhnt vom Hügel her ein dumpfes Getrampel.

Erschreckt springe ich ins Freie: durch ein großes Tor in einem hohen Palisadenzaun mar­schiert eine Kompagnie schwarzer Soldaten, an ihrer Spitze Ephraim, herunter.

Schleunigst beende ich meine Toilette und trete gleich darauf dem Militär in Haltung entgegen. Es sind vielleicht hundert Mann in Khakiuni­form, mit langen Hosen und barfuß. Sie tragen hohe Schildkappen. Jeder hat ein Gewehr ge­schultert; auch der Offizier. Vor meinem Zelt machen sie halt, und Ephraim teilt mir, stolz grinsend, auf italienisch mit, Ras Ailu freue sich, meine Bekanntschaft zu machen und habe mir seine Leibgarde zum Empfang entgegengeschickt.

Die Schwarzen nehmen mich in die Mitte, und wir steigen den Hügel zum Schloß hinauf. Ein schmuckloser, kasernenhafter Steinwürfel mit hohem Strohdach. Zwei Soldaten führen mich und Ephraim, der als Dolmetsch fungieren soll, durch e- l"naen, weißgetünchten, türlosen

Gang, an dessen fernem Ende ein buntfarbiger Vastvorhang leuchtet.

Dieser führt zu dem „Audienzsaal" des Ras. Hier sieht es wie in einem riesigen Trödlerladen aus; ein europäisch-afrikanisches Tohuwabohu.

Auf einem altmodischen Zahnarztstuhl thront Ras Ailu und reicht mir seine schöngeformte, edelsteinbesetzte Hand. Er ist ganz in Seide ge­kleidet; ein weißes Hemd, darüber ein präch­tiger Ueberwurf lässig gelegt, weiße lange Hosen; an den Füßen sandalenähnliche, dunkelrote Schuhe . . .

Ein Mann in den besten Jahren. Das ausge­sprochen schöne, länglich-schwarze Gesicht drückt Würde, Wohlwollen und versteckte Grausamkeit aus; verschlossene stolze, rätselhafte Augen. Der große, kräftige Körperbau erinnert in seiner seh­nigen Geschmeidigkeit an ein Tier ...

In einer Ecke des Saales befindet sich eine weißlackierte Eartengarnitur. Ueberall hängen oder stehen mächtige Uhren ältesten Kalibers, einen tüchtigen Lärm erzeugend. Irgendwo schlummert staubbedeckt eine alte, verrostete Näh­maschine. Am Boden liegen herrlich-bunte Tep­piche abessinischer Herkunft. Von der ziemlich niederen Zimmerdecke duftet eine große Petro­leumlampe anheimelnd herunter. Die Wände sind mit prächtigen Gemälden, Abessinier in vollem Ornat darstellend, verziert.

Ich sitze dem Ras gegenüber, hinter mir steht Ephraim.

Im Laufe des Gespräches läßt mich der Herr­scher fragen, ob ich eine der „Zeitkisten" reparie­ren könne. Die alte Tante steht ganz schief. Nach­dem ich ihr zu richtiger Haltung verhelfen und

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