Ausgabe 
(22.2.1935) Nr. 53
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Nr. 53 / 3. Jahrgang

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Freitag. 22 . Februar

Anzeigen - Grundpreis«: Die L2«mw»Zeile im Anzeigenteil lL Rp>., die IV-ww-getle tm Lerltetl lb RpP Ermäßigte Grundpreise (sür Nein« Anzeigen, ssomilienanzeigen u. a.» sowie sonstige Bedingungen taut Preisliste l. (Nachlaßstasiel 6.» Für Anzeigen durch Fernsprecher keine Gewähr. Annahmeichlus, IS Uhr. Sprechzeit: Verlag werktäglich von 12—13 Uhr; Schriftleitung Dienstag bis Freitag von 12'/-—13'/-Uhr.

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Aufruf

Die Hitler-Jugend ruft zum 2. Reichs- berusswettkampf der deutschen Jugend vom 18. bis 23. März

Jeder Junge, jedes Mädel beteiligt sich an dieser Gemeinschaftstat deutscher Jugend. In allen Kreisen der Bewegung, des Staate- und der Wirtschaft findet der Reichsberufs- wettkamps größte Anteilnahme. Dem Ehren- ausschutz ür den RBWK. in Bremen sind folgende Persönlichkeiten beigetreten: Gauleiter und Reichsstatthalter Carl Ro­ver; Reg. Bürgermeister Otto Heider; Senator Bernhard; Kreisleiter der NSDAP. Blanke; Präsident der Handelskammer Voll- meyer; Oberschulrat Dr. Dehn in g; Präsi­dent der Gewerbekammer EhIers; Kreisamts­leiter der NS.-Hago Staatsrat von Hagel; Senator Dr. von Hofs; Präsident der Arbei­terkammer Hogrefe; Oberschulrat Dr. Iah n; Oberbannführer Carl Jung; Präsident der Kleinhandelskammer Kallsen; Kreiswirt­schaftsberater Dr. Reimers; stellv. Präsident der Angestelltenkammer Riedemann; Kreis- schulungsleiter der NSDAP. Dr. Röding; stellv. Eauwirtschaftsberater Schmidt; Kreis- walter der DAF. Staatsrat Schwenk; llnter- gaufllhrerin. im VDM. Jrmgard Staschen ; Kreispropagandaleiter der NSDAP. R. Tre- to w.

„Wir wollen Saatkorn werden und bauen Hand in Hand — auf dir, du deutsche Erde, ein neues Vaterland!"

Nun heran ans Werk! Keiner bleibt zu­rück! Meldet euch sofort im Büro der Wett­kampfleitung, Am Wall 179/80, Zimmer 8, 2. Stock.

Der Wettkampfleiter: Waldemar Luthardt, Sozialreferent der Hitler-Jugeno Kreisjugendwalter der Deutschen Arbeitsfront

Ehrenzeichen für Dr. Frick

Berlin, 21. Februar

Der Führer und Reichskanzler hat dem Reichs­und preußischen Minister des Innern Dr. Wil­helm Frick das Ehrenzeichen der Bewegung vom 9. November. 1923 verliehen.

Urteil im Knöpfke-Vrozeß

Berlin, 21. Februar.

In dem seit dem 22. November vorigen Jahres vor der. großen Hilfsstrafkammer laufenden soge­nannten Knöpfke-Prozeß fällte das Gericht folgen­des Arteil:

Wegen Betruges und Steuerhinterziehung wurde der Angeklagte Ienneew ein zu 1)4 Jahren Ee- fängnis, 3 Jahren Ehrverlust und 169 999 Mark Geldstrafe verurteilt. Die Angeklagten Dr. Max Radziejewski-und Dr. Hans Wedekind er­hielten wegen Vergehens gegen das Wettbewerbs- gesetz je 25 999 Mark Geldstrafe. Eingestellt wurde das Verfahren gegen die Angeklagten Heinrich Dünnemann und Lapaczewski. Die Angeklagten Rudolf Heetfeld, Richard Strempel und Frau Rad- ziejewski wurden freigesprochen.

In der Urteilsbegründung erklärte der Vor­sitzende, daß dieser Prozeß durch den Selbstmord des ehemals mitbefchuldigten Direktors der „Funk­stunde" Berlin, Georg Knöpfke, von dem großen Rundfunkprozetz völlig gelöst worden sei..

„Wir wissen die Macht auch zu gebrauchen"

Der Führer in der deutschen Ostmark

Wehrmachlsbesuch Adolf Hitlers in Frankfurt an der Oder

Frankfurt (Oder), 21. Febr.

Die alte Hauptstadt der Ostmark sah heute nach längerer Pause den Führer und Reichs­kanzler, der in seiner Eigenschaft als Ober­befehlshaber der Wehrmacht in Begleitung des Rekchswehrministers Generaloberst von Blomberg die Truppen des Standortes be­richtigte.

Die Stadt mit ihren alten schönen Häusern trug reichen Flaggenschmuck. Erinnerungen wer­den wach an frühere Besuche des Führers; das erste Mal, als die nationalsozialistische Bevölke­rung dem Führer zujubeln durfte, war es am 31. Mai 1931, am Tage der ostmärkischen Natio­nalsozialisten. Damals sprach vor den Ostmärkern der Führer die Worte, die sich heute bewahrhei­teten: „Wenn wir die Macht auf legalem Wege erst erreicht haben, dann werden wir diese Macht auch zu gebrauchen wissen." Bei seinem zweiten Besuch füllte schon eine vieltausendköpfige Menge das Ostmark-Stadion. Ueber 30 090 hörten am 22. April 1932 den Führer vor der Preußenwahl. Und dann ein drittes Mal: Am 22. Januar 1933,

kurz vor der nationalen Erhebung, kam Adolf Hitler zu einer internen Führertagung und einer Standartenweihe in die alte Oderstadt.

Auch heute wieder jubelte dem Führer die Be­völkerung entgegen. Als bekannt wurde, daß der Führer die Truppen des Standortes besichtigen würde, bedurfte es kemes Aufrufes mehr. Als gegen 15.30 Uhr der Sonderzug in die Halle fuhr, waren die Straßen schwarz voll Menschen. In Be­gleitung des Führers befanden sich Reichswehr- minister Generaloberst v. Blomberg, als Ver­treter des Chefs der Heeresleitung General der Infanterie v. Rundstedt, Obergruppenführer Brückn er, Reichspressechef der NSDAP., Dr. Dietrich und der Adjutant der Wehrmacht beim Führer, Major H oßb ach. Auf dem Bahnhof Hai- ten sich neben den Vertretern des Standortes die Vertreter der städtischen Behörden und der Partei eingefunden.

Durch ein Spalier der SS. begab sich der Füh­rer auf den Bahnhofsplatz, auf dem eine Ehren- koinpagnie aus Lllbben Aufstellung genommen hatte. Unter den Klängen des Deutschland-Liedes schritt der Führer die Front ab.

Ein unvergleichliches Bild dann die Fahrt des Führers durch die Stadt. Auf den Straßen zu den Kasernen, von denen die Reichskriegsflagge wehte, bildeten SA, SS, Flieger, Arbeitsdienst und die politischen Leiter Spalier. Dicht ge­drängt standen die Menschen. Gleich am Bahn­hof, an der Böschung zum Bahndamm, hatte eine Gruppe von Fanfarenbläsern des Jungvolkes Aufstellung genommen, die mit schmetterndem Gruß den Führer empfing.

Zunächst galt der Besuch der Infanterie- Kaserne, auf deren Hof der Führer die Parade des Infanterie-Regiments Frankfurt und des Ar­tillerie-Regimentes Frankfurt unter, Führung des Obersten Graf Vrockdorfs und Bremer ab­nahm. Dann besichtigte der Führer die Artillerie- Kaserne, in der er die Mannschasisgebäude auf­suchte sowie die Stallungen und die Wirtschafts­räume in Augenschein nahm. Ueberall an den Fenstern drängten sich die Soldaten und jubelten dem Oberbesehlshaber der Wehrmacht, ihrem Führer, zu Im Anschluß an die Besichtigung nahm dann der Führer im Standortoffiziersheim mit dem Offizierkorps des Standortes das Abend­essen ein.

Der deutsche Botschafter bei Laval

Diplomatischer Schritt

-" Moskau, 21. sFebtuar.--

Die sowjetrussische Regierung hat in London und Paris in der Frage der englisch-französische» Erklärung vom 3. Februar eigene Verhandlungen angeknüpft. Die Moskauer Zeitung „Lswestija" schreibt, die Sowjetregierung sei der Ansicht, daß das System der regionalen Pakte in allernächster Zeit durchgeführt werden müsse. Die Erfüllung nur eines Teiles der Vereinbarung von London und die Nichteinlösung der anderen Teile des Londoner Kommuniquees müsse die europäische Friedenspolitik stark belasten.

Die „Prawda" sagt u. a., in der letzten Zeit versuche man, den Ostpakt in den Hintergrund der europäischen Politik zu stellen. Die Sowjet- Regierung habe in ihrer Erklärung betont/ daß die Ostpakt-Frage die lebenswichtigste sei, sür de­ren Verwirklichung sich die sowjetrussische Diplo­matie voll und ganz einsetzen werde.

Paris, 21. Februar.

Außenminister Laval empfing am Donners­tag vormittag den deutschen Botschafter Roland Küster, den polnischen Votfchaster Chlapowski und den italienischen Botschafter Grasen Pignatti. Es dürften Fragen behandelt worden sein, die in engem Zusammenhang mit der Londoner Er­klärung und den bevorstehenden Verhandlungen stehen.

Rußlands in der Frage i

- s In diesem Zusammenhang spricht man in französischen politischen Kreisen sehr viel von einer Reise Sir John Simons nach B.erlin. Man rechnet allgemein damit, daß der englische Außenminister demnächst Berlin besuchen wird und hält es sogar nicht für un­wahrscheinlich, daß er die Gelegenheit benutzen wird, um seine Reise bis nach Moskau aus­zudehnen, Wie in gut unterrichteten diplomati­schen Kreisen verlautet, bestätigt es sich, daß die Moskauer Regierung den englischen Außen­minister ebenfalls eingeladen hat, der sowjet- russischen Hauptstadt einen Besuch abzustatten.

Der englische Geschäftsträger Campbell hat Außenminister Laval am Mittwoch über die Stellungnahme seiner Regierung zur deut­schen Antwort unterrichtet und sich mit ihm über den Fortgang des Meinungsaustausches unter- balten. Von der gesamten Presse wird der Be­schluß des englischen Kabinetts als eine Bestä­tigung der englisch-französischen Verbundenheit und eine Bekräftigung der gemeinsamen Erklä­rung vom 3. Februar, die ein unmittelbares Ganze-." sei, freudig begrüßt.

Nicht geringere Beachtung findet die Ueberrei- chung der sowjetrussische» Note, die von den Blät­tern als höchstwichtiger Beitrag zur Durchführung des Friedenswerkes auf der Grundlage der Lon­doner Erklärung bezeichnet wird. Nach allgemei­ner Annahme werde England sich auf Sonderver-

er Lonöonei- Beschlüsse

.. . . ,

Handlungen mit Deutschland-/erst--einlassen, wenn Deutschland zu allen in der englisch-französischen Erklärung aufgeworfenen Fragen eindeutig Stel­lung genommen habe.

Der halbamtliche „Petit Parisien" schreibt: Wahrscheinlich wird zunächst ein Fragebogen nach Berlin abgehen, der Deutschland zur Stellung­nahme über alle Punkte des englisch-französischen Vorschlags auffordern wird. Dieser Fragebogen wird bereits ausgearbeitet.

Krawall im Danziger Volkötag

Danzig, 21. Februar.

Am Donnerstag warf im Danziger Volkstag der Zentrumsabgeordnete Stach nik der NSDAP. vor, sie wolle durch die Neuwahl die von ihr selbst geschaffenen Verträge mit Polen wieder rückgängig machen/Dieser Vorwurf veranlaßte den Senats- Präsidenten Greiser zu einer scharfen. Zurück- Weisung, in welcher er erklärte, daß die Danziger Regierung sich eine derartige demagogische Ein­mischung in die Danzig-polnische Verständigungs­politik im Interesse der glücklichen Weiterführung dieser Politik verbitten müsse.

Darauf begann der kommunistische Abgeordnet- Plenikowski eine Hetzrede, in der er die Na­tionalsozialisten mit übelsten Beschimpfungen über­schüttete und der Danziger Regierung und der na-, tionalsozialistischen Fraktion fortgesetzten Verfas­sungsbruch vorwarf. Es kam zu wüsten Krawallen.

London-Varls-Beriin

(Von nvssrsm stäväigsn Dooäonsr zV.-lO-Lsrioktsrststt.si)

London, 21. Februar.

Die deutsche Antwort aus die Londoner Programm-Vorschläge hatte zunächst an der Themse eine sehr wohlwollende Aufnahme gefunden. Der Optimismus bei der ersten Betrachtung der Berliner Aeußerung hat in­zwischen aber wieder besorgtem Zwei- f e l Platz gemacht — seit die ersten französi­schen Stimmen über den Kanal hinüber- schallten. Mit Seufzen gesteht man sich ein, daß es doch ein außerordentlich hartes Werk sein würde, die Ansichten in Berlin und Paris unter einen Hut zu bringen. Man räumt dem Standpunkt beider Teile Berech­tigung und Verständnis ein — aber man weiß aus Erfahrung, daß die Franzosen un­endlich hartnäckig bei der Verfechtung ihrer Ansicht sind. Deshalb befleißigt man sich auch einer bemerkenswerten Zurück- . Haltung gegenüber der Tatsache, daß die Franzosen — beinah so wie damals nach dem Besuch Barthous — den Londoner Be­sprechungen eine andere Auslegung geben als man am Verhandlungstisch selbst gedacht hatte.

Der Vergleich der ursprünglichen Texte der Verlautbarungen über das Londoner Communique ließ keinen Zweifel darüber aufkommen, daß Luftpakt und Zen­tral- und Osteuropafragen zwei­erlei ganz voneinander ge­trennte Dinge seien, von denen der Luftpakt bevorzugt und in erster Linie be­handelt werden müsse. Insofern war die deutsche Antwort auch nach englischer An­sicht vollkommen korrekt. Aber die Fran­zosen, so steM' man seuszend sest, haben „wieder einmal ihre Ansicht geändert". Sie erklären jetzt, über den Lüftpakt nur im Zusammenhang mit i dLn-änderen euröpäi- schen Fragen verhandeln zu können. Mit andern Worten/Deutschland müsse sich also gleichzeitig mit dem Beitritt zum Luftpakt auch zum Beitritt zu den anderen Pakten entschließen, ferner zur Rückkehr nach Genf. Erst dann — so soll der französische Bot­schafter in London die Pariser Ansicht zu­sammengefaßt haben — würde dem franzö­sischen „Sicherheitsbedürfnis" Genüge getan sein. Trotzdem möchte man zunächst in Eng­land die Hoffnung noch nicht ganz sinken lasten. Man sucht zu vermitteln. Der Draht spielt lebhaft von der Londoner Downing- street zur Pariser und Berliner Botschaft. Man würde die deutsche Anregung gewiß gerne aufgreifen und den Außenminister Simon nach Berlin reisen lasten oder Frei­herr« von Neurath an der Themse empfan­gen. Denn man stimmt der deutschen An­schauung lebhaft zu. daß bei Aussprache von Mann zu Mann das Ergebnis viel greifbarer und klarer ist als bei Kon­ferenzen mit drei und vier oder noch mehr Partnern. Aber man fühlt, daß die Fran­zosen nicht sehr erbaut von diesem Plan sind. Der französische Botschafter hat zwar am Montag erklärt, daß Frankreich der , Reise Simons keine Hindernisse in den Weg legen würde. Aber gleichzeitig ließ er durch­blicken, daß bis dahin die Voraussetzungen

Die „göttliche Adele" plaudert

Original-Interview mit einem Original / Von Larl Luehne

senigsten, die heute ihre „gestrengen, Alten mit der Stentorstimme bewun- bekannt, daß Adele Sand rock einst ierte Heroine des Wiener Burgtheaters neben Mitterwurzer als Jnterpretin ,re ernstesten und nachhaltigsten Erfolge hat, damals unter den jüngeren Da- nervöseste, aber auch das stärkste Talent, r auf dem neuen Hause nicht mehr die Pflege und Wartung gefunden hat, die jen Talente der Walter in dem alten reich zuteil ward.

Sandrock, das bedeutet die verehrungs- ! der deutschen Schauspielerinnen, die mödiantin großen Stils/ das Phänomen -rentemperament und ewiger Jugend, das von drei Generationen.

Wer ist's" wurde sie am 12. August 1883 erd am geboren, wo ihre Mutter Ko- iolländische Hosschauspielerm war S'e cleugnet dieses Datum und an,chemend ,er Herausgeber dieses Nachschlagewerk-- ein volles Jahr zugunsten der „göttlichen eirrt. Mit 15 Jahren kam sie nach Ber- i spielte sechzehnjährig nn damaligen lheater ihre erste Rolle in ^m Schau- utter und Kind" der seligen Kltschsabri- Zirch-Pfeiffer. Um 1900, als noch me- l die flimmernde Leinwand und deren e Umwälzungen dachte, geschweige denn Tonfilm, war Frau Sandrock das ge- lkitglied des Vurgtheaters. So groß war stellende und sprachliche Kunst und so an­

erkannt ihr Künstlertum, daß sie es auch wagen konnte, als Hosenpartie den Hamlet — wie später Asta Nielsen — zu spielen. Nach 28 Jahren Tä­tigkeit zieht sie sich schon 1908 von den Brettern zurück und denkt nicht daran, sich „jemals wieder dem Publikum zu zeigen". Fünfzehn Jahre lang lebt sie „privat", bis es 1922 einem Berliner Theaterdirektor gelingt, die berühmte Heroine zu bewegen, in Oscar Wildes Komödie „Bun- bury" die führende charakterkomische Rolle zu übernehmen. Publikum und Presse bejubeln ihre Rückkehr und ihre Entdeckung für das Fach komi­scher Charakterrollen. Von da ab spielt sie wei­ter an ersten Berliner Bühnen, tritt auch schon in stummen Filmen von Zeit zu, Zeit auf. Doch erst der Tonfilm bringt ihrer rhetorischen und mimischen Kraft und Vielseitigkeit die gewaltige Entwicklung, die sie eine Generation später zur volkstümlichsten, eigenartigsten und markantesten deutschen Filmgestalt macht.

Legion ist die Zahl der Filme, denen ihre Mit­wirkung die besondere Note verleiht. Unvergessen ihre Leistungen in „Ihre Majestät die Liebe", in „Der Kongreß tanzt". Von größter Eindringlich­keit und feinster Charakterzeichnung die Rolle der Großmutter in „Das schöne Abenteuer" und die ernste Rolle in „Morgenrot", in letzter Zeit „Der Herr Senator" (Die fliegende Ahnfrau) und „Alles hört auf mein Kommando".

Basis der Künstlerschaft ist bei Adele Sandrock ihre starke eigenartige Persönlichkeit, die sich auch im beruflichen Verkehr mit ihrer Umgebung in besonderer Art ausdrückt. Mit einer für ihr Alter bewundernswerten Pünktlichkeit, Frische und

jugendlichem Elan erfüllt sie ihre — vom regie- lichen Standpunkt aus gesehen — oft beschämenden Aufgaben, aber im übrigen soll mit ihr nicht gut Kirschen essen sein! Berühmt und gefürchtet ist ihre Schlagfertigkeit, unzählig die vielen um ihre Person herumschwirrenden Anekdoten. „Die Sand­rock sagt nicht viel" bemerkt einer ihrer Kritiker, „aber wehe, wenn sie etwas sagt! Die Hunde hören aus zu bellen, wenn sie ihre Stimme vernehmen läßt und den Hähnen auf dem Mist bleibt der stolz« Schrei ihrer Männlichkeit im Halse stecken.

kkoto: Svkvsr-Lsrltll

Männer, oh! Adele kennt sie, die Bagage, und sie wird es der Bande schon zeigen!"

Als der Dichter Josef Winckler bei den Aufnahmen zum „Tollen Vomberg" einmal das Atelier besuchte, saß Adele als Herzogin von Lurswaren in unnachahmlicher Würde da. Kaum erfuhr sie von der Anwesenheit des Dichters, als sie funkelnd vor beleidigter Würde hoheitsvoll ver­dammend ihn anfuhr: „O unglückseliger Dichter — Sie also haben mich verdammt, daß ich öffentlich im Nachthemd mich naßspritzen lassen muß? Sogar Bienen sollen mich aufs Unanständigste ins Queue stechen? Mensch, ich werde Sie für diese Blamage bis an mein Lebensende hassen ! — Aber: Sie können sich rehabilitieren, indem Sie mir ein Exemplar Ihres Werkes mit eigenhändiger Unter­schrift verehren!" Diese Szene zeigt die köstlich- humorvolle Freiheit und Ungezwungenheit Adeles in hellstem Lichte.

Adele Sandrock gibt keine Interviews, ausgeschlossen! heißt es bei allen Bühnen- und Filmgewaltigen. Und dennoch habe ich es geschafft! Mit einiger Morschheit und mit einem verführerisch-schönen und duftenden Rosenstrauß öffnete sich mir doch die Tür ihres Heims, „Das Geld", wandte sie sich an mich, „das böse Geld! Früher, als ich noch 60 Schilling im Monat ver­diente, das waren Zeiten! Da war man zu­frieden, da war man noch glücklich und ein Abendbrot und ein Glas Bier für den kleinen Leutnant war auch noch da!" — „Und jetzt, ver­ehrte gnädige Frau, wo ist der kleine Leutnam geblieben?" — „Der Leutnant", wies sie mich zurecht, „der Leutnant ist jetzt General!" (Eine ulkige Anspielung aus eine neue Filmrolle.!

Und dann wittert doch Tragik hindurch, denn ein tragischer Schimmer umgibt sie schon, diese unverwüstliche Adele Sandrock, wenn man oaran denkt, daß der Wechsel des Rollenfachs ihr aicht immer gerade künstlerische Genugtuung verschaf­

fen konnte. Und sie beginnt aus ihrer Vergan­genheit zu plaudern. „Einen Schauspieler er­zieht man nicht, indem man ihn alle Rollen spielen läßt, sondern nur, indem man ihn an­leitet, die Rollen gut zu spielen, die man ihn spielen läßt! «Und da kann ich mit reinstem Ge­wissen behaupten, daß ich mir von Kindesbeinen an größte Mühe gab, nie zu „scheinen"." Als „Rebekka" in „Rosmersholm" und als Rita in „Klein Eyolf" hat sich die Sandrock anscheinend damals als Jbsenspielerin ersten Ranges be­währt. Mit der Walter, deren Rollenfach sich ja mit dem ihren nur zum Teil gedeckt haben mag, hat sie den hervorstechenden Zug gemeinsam, daß sie schon beim ersten Auftreten immer eine Vergangenheit mit auf die Szene bringt.

„Man hat mir geschmeichelt, daß ich als Mut­ter des kleinen Eyolf sogar noch über Mitter­wurzer gestanden haben soll, der die physische Stärke, mehr als die seelische betonte. Dagegen war meine Eina in der „Wildente" ein Opfer der Selbstverleugnung:, das ich Mitterwurzer brachte, der mich mit seinen starken Armen zu der Höhe seiner Kunst emporzuziehen trachtete Es blieb aber doch ein Wagnis und die Rolle dieses Weibes ohne.jeden moralischen Sinn hat mir sicher mehr Gewinn eingebracht als dem Stück"

Adele Sandrock.bringt für den, lder tiefer zu schürfen weiß, auch heute noch ihre Vergangenheit und ihr Schuldbewußtsein in scheuen Blicken und gedrücktem Wesen mit aus die Szene. Ihre letz­ten großen Erfolge auf der Sprechbllhne waren im Berliner Reuaissancetheater „Der Stören­fried" und Wildes „Bunbury"-Eouoernante und Rachegöttin, die Serien erlebten. Wir hoffen, nicht nur im Film, diese ungeheuer vitale Künstlerin noch recht oft erleben zu können, unbe­schadet ihres biblischen Lebensalters und ihrer „vorsintflutlichen" Erscheinung. Denn sie ist und bleibt-ein Original ,