Ausgabe 
(21.2.1935) Nr. 52
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Nr. 52 / 3 . Jahrgang

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Anzeigen - Grundpreise: Die S2 >-am. Zeile tm Anzeigenteil lS Rp>. die 70 - mu> - Zeile t», Lerttetl 7b Rps. Ermäßigte Grundpreise isüi kleine Anzeigen. Aamilienanzeigen u. a.l sowie sonstige Bedingungen laut Preisliste I. (Nachlaßstastel 6.» Für Anzeigen durch Fernsprecher kein- Gewähr. Annohineschlutz I« llhr. Sprechzeit: Verlag werktäglich von 1213 Uhr; Schristleitung Dienstag bis Freitag von 12*/-13'/- llhr.

Donnerstag. 21. Februar

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Ein Helfer Oliv Glrasfers zu drei Jahren Zuchthaus verurteilt

Schwarze Front" aebrandmarkt

Der Volksgerichtshof kennzeichnet sie als hochverräterisch

Vereidigung von 80000 politischen Leitern

Berlin, 20. Februar.

NSK. meldet: Anläßlich der zehnten Wieder­kehr des Tages der Neugrnndung der NSDAP. sindet am Sonntag, 21 . Februar, im ganzen Deutschen Reich die feierliche Vereidigung der politischen Leiter der Partei und ihrer Gliede­rungen statt. I» der Reichshauptstadt wird die Vereidigung im Lustgarten, dem Platz der natio­nalsozialistischen Freiheitskundgevungen, im Rah­men der Neichssendung aus dem historischen Hof­bräuhaussaal in München durchgeführt.

Ungefähr 80 800 politische Leiter der Partei, Amtswalter und Warte der Gliederungen sowie HJ.-Führer und VDM.-Führerinnen werden in zehn Marschsäulen aus den verschiedenen Kreise« gegen 17 Uhr im Lustgarten aufmarschieren. Hier wird der Berliner Gauleiter, Reichsminister Dr. Goebbels, zu seinen politische» Leitern sprechen. Danach folgt die feierliche Vereidigung durch den Stellvertreter des Führers Rudolf Hetz sowie die Rede des Führers selbst. Im Vorjahr wurde» im Gau Erotz-Verlin ungefähr 7S888 politische Lei­ter vereidigt. (Siehe auch Seite 2 .)

Gpott-Werbewoche

Die NSG.Kraft durch Freude" veranstaltet vom heutigen Donnerstag bis Mittwoch, 27. Fe­bruar, eine Werbewoche, die alle Volksgenos­sen auf die Einrichtungen der Sportnmter hinwei­sen wird. Hierzu erlasse» der Reichsorganisations­leiter Dr. Leg und der Reichssportsührer von TschammerundOsten einen Aufruf, den wir im Sportteil der vorliegenden Ausgabe veröf­fentlichen.

Neuer Rekord der Lufthansa

Berlin, 28. Februar

Das Lufthansa-FlugzeugJunkers Ju 82", das in der vorigen Woche zu einem Besuchs- und Vor­führungsflug nach Kairo gestartet war, ist am Mittwoch zurückgekehrt. Der ganze Weg Kairo Berlin, 3308 Kilometer, ist erstmalig im Ver­kehrsflugzeug an einem Tage zurückgelegt worden. Das Flugzeug ist Mittwoch früh um 2 Uhr deut­scher Zeit in Kairo gestartet. Auf dem Fluge über das Mittelländische Meer hatte es mit schwerem Gegenwind zu kämpfen. Nach ^ständigem Aufenthalt in Athen wurde in einem Fluge die etwa 1808 Kilometer lange Strecke bis Wien bewältigt. Die Landung in Berlin erfolgte 18.30 Uhr.

Fühlungnahme Japan Ehina

Tokio, 28. Februar.

Bekanntlich bestehen sowohl in Japan als auch in China seit längerer Zeit Bestrebungen der gegenseitigen Einigung. Diesem Zwecke diente auch eine Unterredung, die der chinesische Son­derbotschafter Wangtschunghui am Mitt­woch mit dem japanischen Auhenminister Hir 0 - ta hatte. In dieser Besprechung sieht man den Beginn einer amtlichen Fühlungnahme der beiden Länder.

Berlin, 28. Februar.

Nachdem bereits gegen eine Anzahl von An­hängern der Schwarzen Front Hochverratsanklage erhoben worden ist, hatte sich der Erste Senat des Volksgerichtshofes am Mittwoch mit dem ersten dieser Fälle zu befassen. Es handelt sich dabei um einen 22jährigen Angeklagten, der Ende Februar und Anfang März 1931 dreimal in Prag am damaligen Sitze der Schwarzen Front gewesen ist und von dort rund 78 Briefe mit Propa­gandamaterial nach Deutschland gebracht und hier zur Post befördert hat. Er wurde vom Volks­gerichtshof wegen Vorbereitung zum Hochverrat zu drei Jahren Zuchthaus verurteilt. Der Ver-

London, 28. Februar.

Unter dem Vorsitz des Ministerpräsidenten Macdonald tagte das englische Kabinett, um sich mit der deutschen Antwort auf die englisch- französischen Paktvorschläge zu befassen. 2n unter­richteten englischen Kreisen wird darauf hinge­wiesen, daß als nächster Schritt eine erneute englisch-französischeFühlungnahme auf diplomatischem Wege zu erwarten ^ sei. Es wird als nicht ausgeschlossen bezeichnet, daß Simon, der am 28. Februar in Paris weilt, ^>ie Gelegenheit zu einer Aussprache mit den für die französische Außenpolitik verantwortlichen Per­sönlichkeiten benutzen dürfte, falls die diplomati­schen Besprechungen über die deutsche Antwort bis dahin nicht zum Abschluß gekommen sein sollten.

In sachlicher Hinsicht wird die Lage in maß­gebenden Kreisen wie folgt beschrieben:

Bevor der vorgeschlagene Luftpakt näher er­örtert werden könnte, sei es notwendig, die Hin­tergründe der Gesamtheit der Londoner Pakt- vorschläge in ein klareres Licht zu stellen. Bei der Beurteilung dieses grotzen Fragenbereiches müßten sich alle beteiligten Mächte die Tatsache vor Augen halten, daß das Hauptziel der englisch- französischen Vorschläge die allgemeine Be­friedung Europas sei. Die Erreichung dieses Zieles hänge von der erfolgreichen Be­handlung der folgenden vier Fragen ab:

1. Die Stabilisierung der politischen Lage im Osten Europas,

2. die Sicherung Oesterreichs,

3. die Stärkung des Völkerbundsgedankens,

1. die Rückkehr Deutschlands auf den Platz, den einzunehmen es berechtigt sei.

treter der Reichsanwaltschaft hatte fünf Jahre be­antragt.

Der Vorsitzende betonte in der Urteilsbegrün­dung, die Beweisaufnahme lasse mit aller Deut­lichkeit erkennen, daß Otto Strasser und die von ihm geleitete Schwarze Front hochverräterische Ziele verfolge.

Tiefer Entscheidung kommt grundsätzliche Bedeutung zu, da in der Verurteilung des Angeklagten zugleich die Bestätigung des hochverräterischen Charakters der Schwar­zen Front liegt. Diese von dem nationalen Bolschewisten Otto Strasser ins Leben ge­rufene Bewegung erstrebt unter schärfster Ablehnung des legalen Kurses Adolf Hitlers

Sollten die Verhandlungen über diese Fragen mit Erfolg weitergeführt werden, so ergibt sich nach englischer Auffassung die Notwendigkeit einer Prämierung des deutschen Standpunktes hinsicht­lich Her im Londoner Protokoll aufgeworfenen Sicherheitspaktfragen.

Die nächste wichtige Entwicklung in den Be­mühungen, eine Regelung der europäischen An­gelegenheiten zu erzielen, wird nach einer am Mittwoch spät abends in parlamentarische« Krei­sen verbreiteten Ansicht wahrscheinlich ei« Be­such des Staatssekretärs desAeuße- ren» Sir John Simon, in Berlin sein, um die Lage mit dem Führer und Reichs­kanzler Adolf Hitler zu erörtern. Es ist zwar noch kein dahingehender Beschluß gefaßt worden, so heißt es in der Reutermeldung, aber es ist augenscheinlich, daß man in wohlunterrichteten Kreisen immer mehr dazu neigt, einen solchen Besuch als die natürlichste und wün­schenswerteste Methode zur Fortsetzung der begonnenen Verhandlungen zu betrachten.

In einem Leitaufsatz mit dem TitelGleich­heit bei Verhandlungen" setzt sichTimes" dafür ein, daß Mitglieder des britischen Kabinetts möglichst bald Berlin besuchen sollen, um mit Reichskanzler Hitler die englisch-französischen Vorschläge zu besprechen. Die Entscheidung, die jetzt getroffen werden müsse, sei äußerst wichtig. In Deutschland herrsche offenbar die Empfindung, daß besonders die Verhandlungen über das vor­geschlagene Luft-Locarno zumindest im Geist von Locarno geführt werden sollten, und daß dies nicht der Fall sei, wenn Frankreich und Groß­britannien zwischen dem Empfang und der Ab­senkung von Noten besondere Beratungen unter sich abhalten. An diese Darstellung der deutschen

einen revolutionären Kampf mit außerparla­mentarischen Mitteln. Diese Zielsetzung führte bereits im Jahre 1930 zu einer Tren­nung von der NSDAP. Die Gegensätze ver­schärften sich immer mehr, so daß ein Ver­bot der Schwarzen Front nach der Macht­ergreifung durch den Nationalsozialismus unausbleiblich war. Inzwischen hat sich die Schwärze Front nach außen hin aufgelöst» ihren Mitgliedern aber die Parole erteilt, ge­tarnt in allen ihnen zugänglichen Stellen an der Vorbereitung derzweiten Revolu­tion" weiterzuarbeiten. Otto Strasser flüch­tete ins Ausland und leitete von Wien und später von Prag aus den Kampf gegen das neue Deutschland mit den gemeinsten Mit­teln. Daß er auf völlig verlorenem Posten kämpft, wird ihm ja wohl inzwischen nicht entgangen sein.

Auffassung anknüpfend erklärtTimes", es sei tatsächlich außerordentlich wünschenswert, daß ein Mitglied oder mehrere Mitglieder des britischen Kabinetts einen Besuch in Berlin abstatten, wo allein eine vertrauliche Besprechung mit dem Manne möglich sei, der in Deutschland die Ent­scheidung in der Hand habe.

Heute werde Deutschland sich sicherlich nicht mit dem Zahlenverhältnis etwaiger deutscher Luft- streitkräfte zu denen anderer Länder begnügen, das es selbst vor einem Jahre vorgeschlagen habe. Heute verlange es Gleichheit in jeder Be­ziehung Gleichheit auf dem Gebiete mili­tärischer Geltung und Gleichheit bei Verhandlun­gen. Es sei unendlich besser, wenn ihm das Ge­forderte auf Grund freundschaftlicher Verein­barungen zukomme und nicht auf Grund einer Reihe herausfordernder Handlungen auf deut­scher Seite und von widerwilligen Zugeständnissen seitens der anderen. Deshalb fordertTimes" von den Nutznießern des Versailler Vertrages, daß sie nicht zauderten, Deutschland für frei von den Rüstungsbeschränkungen im Teil V des Versailler Vertrages zu erklären unter der Voraussetzung, daß alle Länder sich einer planmäßigen Rüstungsbegrenzung unterwersen.

Deutschland sei bereit, sofort über die vor­geschlagene Luftkonvention zu verhandeln und es sei klar, daß der Abschluß selbst für sich allein einen ungeheuer stabilisierenden Wert haben würde.

2m-Anschluß an diese wichtige Feststellung widerlegtTimes" dann das von französischer Seite vertretene Argument, wonach angeblich keine europäische Regelung gesund sein könne, d-e nicht einen osteuropäischen Pakt ein­schließe.

politische Kunst

11. IV. 8. Bremen, 21. Februar. Die Totalität der nationalsozialistischen Weltanschauung auf politischem Gebiet for­dert naturgemäß auch eine Ausrichtung des Geisteslebens und Kunstschaffens auf diese politische Linie, da der Nationalsozialismus als politische Sehnsucht eines jungen, wieder- erstarkten Volkes nicht nur das Volksleben seinen äußeren Formen nach, sondern in seinen letzten Tiefen neu gestalten will.

Diese Feststellung ist notwendig, denn es gibt auch heute noch wenn auch nicht in dem ausgeprägten Matze wie in der Vor­kriegszeit eine bürgerliche, private und unpolitische Kunst, die allein die Aufgabe hat, die grenzenlosen Härten des Alltags zu verhüllen und das Leben des einzelnen zu verschönen und behaglich zu gestalten. Es ist eine Art von Kunst, die wir als Verführung ablehnen, denn sie ist nicht aus den Tiefen ewachsen, sondern fast alsZweckmätzig- eitseinrichtung" gewünscht.

Die politische Kunst ist die gestaltete Sehn­sucht eines vorwärtsdrängenden jungen und gläubigen Volkes. Derjenige, der berufen ist, diese Sehnsucht, die in der Menge liegt und die sich in ihm, dem Be­gabtesten, verdichtet, zu gestalten mag er nun als Staatsmann oder als Künstler seine Mission zu erfüllen haben wird in den Stunden wahrer Erkenntnis spüren, daß er nur Werkzeug ist eines unfaßbaren größe­ren Willens, der Idee des ihn tragenden Volkes.

Nicht KUnder aus eigener Kraft ist er, son­dern Auserwählter, Berufener, der den Bo­den bereitet, auf dem die Kunst des jungen politischen Volkes wachsen wird; eine Kunst, die man nicht nach Wunsch und Laune schaffen kann, sondern die tief aus dem Leben und Erleben eines Volkes heraus­wächst, deren Werden so geheimnisvoll ist wie das Lebendige selbst.

Es gibt auch eine Kunst, die ohne Kontakt zu der politischen Sehnsucht vorwärtsdrän­gender Völker bleibt, eine Kunst, die den Alltag scheut und das Leben abstrahiert. Es ist eine Kunst, die aus Niederlagen wächst und Gedichtetes an Stelle von gelebtem Leben setzt. Ein Volk wird zum unpolitischen Volk der Dichter und Denker, das als be­siegt und zu innerst getroffen aus der furcht­baren Wirklichkeit in eine andere, erdichtete Welt flüchtet. Diese Kunst, auch aus dem Tiefsten heraus geboren, ist nur deshalb Kunst geworden, weil sie nicht Leben sein konnte.

Das juntze nationalsozialistische Deutsch­land will diese Kunst nicht mehr, will einen neuen deutschen Menschentpp schaffen, der nichts gemein mehr hat mit den Ideologen und haltlosen Träumern einer vergangenen Epoche. Lieber ein politisches, unkünstleri- sches Deutschland als ein künstlerisches, un­politisches Deutschland!

Eine Kunst aber, die den Typ des neuen soldatischen Menschen als Forderung, als Bild über ein ganzes Volk hinwirft, eine Kunst, die dem höchsten politischen Wollen eines Volkes Ausdruck verleiht, eine Kunst, die dem Leben den Weg der Notwendigkei­ten zeigt, eine Kunst, die das Satte'ver­dammt und die Trägen aufrüttelt, eine

Besuch Simons in Berlin wahrscheinlich

Britische Kabineltfitzung / Behandlung der deutschen Stellungnahme

Faschistisches Theater im Fahre XIII

wie steht es um die italienische Buhne? / Don Ä. M. Wiesel (Rom)

Nicht auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens bat der Faschismus eine befruchtende Tätigkeit entfaltet. Seinen nicht unbedeutenden Bemühun­gen ist es bisher noch nicht gelungen dem italienischen Theater eine neu« Richtung zu geben, obwohl Mussolini selbst verschiedentlich For­derungen in diesem Änne gestellt hat, die aber keine befriedigende Erfüllung finden konnten. Woran liegt dies? Die Antwort auf diese Frage ist nicht schwer zu geben, obwohl dafür verschiedene Gründe vorhanden sind. In erster Linie ist hier das völlige Fehlen einer neuen Geistigkeit schuld, in deren Atmosphäre allein eine neue Vühnen- kunst entstehen und sich weiterentwickeln könnte. Als weitere Ursache kommt dann noch hinzu, daß Italien auch heut« noch keine festen Theater besitzt mit fest ansässigen Schauspielergruppen. Unstet müssen auch heute noch diese singenden und sprechenden Bühnenkünstler das ganze Jahr im Lande herumreisen, mit meist nur kurz befristeten Saisonspielverträgen ausgestalte, nach deren Ablauf die Truppe stets wieder auseinanderrollt.

Dr« Ziele des italienischen Bllhnenwillens lassen sich in dem Wunsch zusammenfassessn 7-^2 politische Moment der Gegenwart in geicyllyr- l lichen Tramen darzustellen d. h. die Errungen- ' Masten des faschistischen Regimes an den Werken der Antike zu messen und diese über gewaltige geschichtlich« Geschehnisse hinweg schauspielerya, herauszustellen. Diesen Weg ist !n den letzten Jahren das italienische Theater gegangen, ohne daß man allerdings behaupten kann, daß es dabei weit vorwärts gekommen ist. Alle neuen Bühnen­stücke hatten zweifelsohne diesen Zweck im Auge, ohne daß sie den Dingen immer gerecht wurden.

Mau kann, wenn man von den gemachten faschistischen Anstrengungen auf dem Gebiete des Theaterwesens spricht, drei Richtungen nennen, die aber alle drei nicht die gewollten Erfolge zeitigten. Mussolini trat immer wieder für ein Theater der Masse ein und sein« Auf­forderung ein solches zu schaffen fand, besonders bei den jungen Stürmern begeisterte Gegenliebe. Andererseits hat aber gerade diese Mussolinilche Anregung eine große Verwirrung angerichtet, so daß man heute vielfach noch gar nicht weiß, was man sich unter einem solchen Massentheater vorzu­stellen hat. Die wandernden Lpernbühnen der Dopolavoro-Organisationen, die man von Jahr zu Jahr mehr ausbaute, die mit langen Auto­kolonnen unter dem NamenThespiskarren" das ganze Land durchziehen und das Volk draußen auf dem flachen Lande mit erstklassigen Freilicht­aufführungen beglücken, können nicht als ein solchesTsatro ckslis wssss", wie es von Musso­lini gedacht wurde, angesprochen werden. Bei der im vorigen Jahre anläßlich der Kulturwett- kämpfe in Florenz erfolgten Erstaufführung des Stückes18 6 l-" kann man schon eher von einem ersten Schritt zu dieser Verwirklichung sprechen, obwohl die Aufführung infolge ihrer politischen Tendenz auch schon zur gleichfalls eingeschlagenen zweiten Richtung aehört. Bekanntlich war der Held des erwähnte« Stückes einLastauto", das zuerst den ganzen Weltkrieg, dann die faschistische Revolution und in der Folge den Aufstieg Italiens als lebendiger Zeuge miterlebt hat. An der genannten Veranstaltung beteiligten sich damals neben Flugzeuggeschwadern. Tanks, Ma- schrnengsw-ch» und Artillerieabteilungen, ganze

Hundertschaften von marschierenden Schwarz- hemden, so daß vor den Zuschauern tatsächlich ein Bild aus dem Kriege gezaubert und ein Stück faschistischer Revolution wieder lebendig wurde.

Die zweite Richtung bewegt sich auf der Linie der russischen politischen Bühne und schafft Stücke, die die faschistische Staatsidee verherrlichen, indem sie den Umweg über geschichtliche Geschehnisse wählen. Hierher gehört eine demnächst in der königl. Oper in Rom zur Uraufführung kommende OperBalilla", ein Stück, das für die faschistische Jugenderziehung eine Apotheose darstellen wirb. Auch Forzano Mussolinis Napoleondrama, das eine leidenschaftlich« nur durch die bühnensichere alte forzanische Schule in seinen letzten Aus- klängen gebändigte Illustration der Staatslehre ist, paßt in diesen Rahmen, ebenso wie das vor einem Jahre lärmend angekündigte Caesardrama des Duce, das nach des Duce eigenen Erklärungen den Ausstieg der autoritären Idee aus der Demo­kratie im gewollten Gegensatz zu Shakespeares Schicksal des fertigen Helden" darstellen soll. Auch die erst kürzlich an der Skala in Mailand uraufgeführt« Mascaqni-OperNero", eine große Prunkoper alten Stils, die wiederum zeigte wie unverwüstlich diese Genre auf der italienischen Bühne ist, gehört zu den vorerwähnten heroischen geschichtlichen Tramen mit politischem Einschlag. Schon die Tatsache, daß auf Wunsch Mussolinis einige Stellen dieser Oper; die angeblich das Ansehen der Schwarzhewden schädigen, entfernt werden mußten, bestätigen diese Behauptung.

Neben diesen beiden Richtungen läuft noch eine ander«, die ganz auf expressionistische Inszenierun­gen eingestellt ist: das mit Staatszuschüssen ins Leben gerufeneE x pe r i m e n ta lt he a t e r" das Theater der llnabb^ngi. .n, das in den wenigen Jahren seiner Entstehung schon zahlreiche wertvolle Anregungen gegeben hat, und auch in

letzter Zeit wieder einige Triumph« feierte. Stark« Anregungen zum Vühnenschasfen gehen auch von den Üniversitätsgruppen aus, die schon längst den kleinen Rahmen ihrer Tätigkeit sprengten und auf den geistigen Markt außer Diskussionen, Ent­würfen, Regieleistungen auch fertige Theaterstücke

werfen. Aber auch dies« haben bisher nichts nennenswertes Neues zu schaffen vermocht, so daß man heute im 13. Jahre der faschistischen Zeit­rechnung nur von einer bescheidenen faschistischen Ausbeute auf dem Gebiete des Theaters reden kann.

L. Rhan

Die Anonyme von Tülle

Die Anonyme von Tülle könnte die Heldin einer ironischen französischen Liebesgeschichte sein. Dann könnte man ja nach dem Schluß über sie lachen oder ergriffen sein. Aber die Arme hat das Un­glück, nicht erfunden, sondern Bürgerin der kleinen französischen Stadt Tülle zu sein. Wenn man diese ebenso triviale wie unheimliche Geschichte von den anonymen Briefen hört, kann man sie nicht ganz ernst nehmen. Ich bitte sie, eine Frau, die aus Eifersucht anonyme Briefe schreibt, wie kläglich .,. Aber man kann auch nicht über sie lachen, weil die Folgen dieser lächerlichen Verzweiflungstat zu grausig sind und ein Jahr lang eine ganze Stadi in Atem hielt.

Es geschah noch während des Krieges, daß Blanche und Antoinette, beides Töchter aus guten Bürgerfamilien, Rivalinnen wurden, ohne sich zu kennen. Henri N. kam als Stabsarzt, zusammen mit der Krankenpflegerin Antoinette, ins Feld Blanche blieb zurück, besuchte Wohltätigkeitsfeste, schickte ihm warme Strümpfe, Zigarren und si e zarte Briefe. Sie verstand es gut, nicht nur weil sie selbst süß und zart war, sondern weil sie ein- fach kein Organ hatte für all das Gräßliche, was geschah. Antoinette, die Krankenpflegerin, in die sich Henri im Felde verliebte, war anders. Sie erlebte das Blut ringsherum, das Elend, den Dreck, und darum konnten weder ihre Briefe, noch ihr Lächeln, noch ihr Lebensstil so süß und zart

sein. Sicher liebte Henri ebenso, wie Blanche ihn liebte, aber sie schonte ihn nicht (wie man es in Literatur wie Leben von vorbildlichen Geliebten erwartet), sondern sie forderte. Sie konnte ihn nach einer glücklichen Nacht am nächsten Morgen Vorwürfe machen wie einem fremden Menschen, wenn er einen der Verwundeten schlecht behan­delte. Für sie bedeutete Liebe nicht verstehen, ver- zeihen, nachsichtig sein; einen Menschen lieben, hieß für sie, ihn besser, menschlicher sehen wollen als andere gleichgültige.

Trotzdem waren sie glücklich zusammen, soweit man inmitten von Blut und Dreck glücklich sein kann, Blanche aber schickte immer weiter Puls­wärmer, Schinken und süße. zarte Worte.

Bestimmt war es leichter, inmitten dieser All­tag gewordenen Hölle von Liebe zu träumen als wirklich zu lieben. Und daher war Blanche, obwohl sie eigentlich nichts gab als Pulswärmer und süße Worte, die Stärkere. Sie war der Traum, Antoi­nette war nur das Leben.

Nach dem Kriegsende kehrten Henri N, und Antoinette nach Tülle zurück. Die beiden Riva- linnen lernten sich kennen und haßten sich vom erst-n Augenblick.

In dieser Zeit begänne die anonymen Vliese Zuerst waren sie nur an Henri gerichtet, dann an seine Verwandten. Freunde, Kollegen. In all diesen Briesen wurde Antoinette beschimpft, jede