Ausgabe 
(20.2.1935) Nr. 51
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öas amtliche Vrgan des Senats

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Nr. 5i / 3 . Jahrgang

Mittwoch, 20. Februar

Einzelpreis 15 Npf.

Wirtschaftsabkommen

Deutschland-Schweiz

Vern, 1g. Februar.

Die seit Mitte Januar in Vern als Ergänzung zum deutsch-schweizerischen Verrechnungsavkommen im Gange befindlichen deutsch-schweizerischen Wirt- schastsverhandlungen sind am Dienstag abge­schlossen worden. Sie haben nach einer vom Volks- wirtschastsdeparteinent ausgegebenen Mitteilung zu einer Einigung in einigen Punkte» ge­führt, die die Durchführung des Verrechnungsver­kehrs betreffen.

Außerdem sind neue Vereinbarungen über die Einfuhr von Käse aus der Schweiz nach Deutschland getroffen worden. Ueber die schwei­zerischen Wünsche zum deutschen Zolltarif und die deutschen Wünsche zur Handhabung der Einfuhr- Kontingentierung der Schweiz konnte bisher eine Einigung nicht erzielt werden. Die Erledigung dieser Frage ist deshalb zunächst zurückgestellt worden.

Vorbereitung zur Gaardeimkehr

Saarbrücken, 19. Februar.

Im Saargebiet sind gegenwärtig umfangreiche Vorkehrungen im Gange, um die Rückgliederungs­feierlichkeiten am 1. März vorzubereiten. Es ist ein besonderer Organisationsausschuß an der Arbeit, der unermüdlich damit beschäftigt ist, die Einzelheiten für die Feiern festzulegen, um dem Tag der Rückkehr der Saar ins Reich ein beson­deres feierliches und festliches Gepräge zu geben. Um den Festgästen aus dem Reich entgegenzukom­men, hat die Reichsbahn eine Fahrpreis­ermäßigung von 78 v. H. auf allen ihren Strecken für die Teilnehmer an den Befreiungs­feierlichkeiten zugesagt. Es ist vorgesehen, daß die Benutzer der Sonderzüge einige Tage im Saar­gebiet bleiben können.

Englische Truppen rücken ab

Saarbrücken, 19. Februar.

Dienstag mittag hat das erste englische Truppen­kontingent das Saargebiet verlassen. Das in Neun­kirchen, St. Wendel und Homburg stationierte Ba­taillon des Essex-Regiments ist Dienstag vormit- tag von seinen Standorten von Saarbrücken aus abtransportiert. Es hatte kurz vor seiner Abreise in Landsweiler seine Jazz-Kapelle wohltätigen Zwecken zur Verfügung gestellt, wobei ein Rein­ertrag von 860 Frank für das Winterhilfswerk er­zielt weiden konnte.

Sffektenfchlebungen aufgedeckt

Köln, 19. Februar.

Im Verlaufe eingehender Ermittlungen ist es der Kölner Zollfahndungsstelle gelungen, einer Schieberbande auf die Spur zu kommen, die in West- und Süddeutschland Zinsscheine von im Ausland befindlichen Wertpapieren zur Einlösung brachte. Die Wertpapiere stellen nach bisheriger Feststellung einen Wert von etwa 15 Millionen dar. Der Vertrieb der Zinsscheine erfolgte durch eine Emigrantenzentrale im Saar- gebiet. Mit der Einlösung war eine größere Bande beschäftigt, die sich zum Teil aus Saar­ländern zusammensetzte, die mit falschen und ge­schickt gefälschten Ausweispapieren arbeitete. Einige Mitglieder der Bande sind in Haft ge­nommen worden.

Miliistermt in Paris

Der französische Außenminister berichtet über die deutsche Antwort aus die Londoner Beschlüsse / Weitere Verhandlungen zwischen Laval und Simon

Paris, 19. Februar.

Die französischen Minister sind am Dienstag unter dem Vorsitz des Präsidenten der Republik zu einem Ministerrat zusammengetreten. Außen­minister Laval erstattete unter besonderer Berück­sichtigung der augenblicklichen Verhandlungen hinsichtlich der Londoner Beschlüsse einen Bericht über die auswärtige Lage.

Wie in der französischen Hauptstadt verlautet, hat sich Laval in seinem Bericht besonders mit der deutschen Antwort auf die französisch­englische Erklärung befaßt. Der Minister soll darauf hingewiesen haben, daß die. französische Regierung in ständiger Verbindung mit der englischen Regierung stehe und daß der Gedanken­austausch zwischen Paris und London nach wie vor in dem Geist einer vertrauensvollen Zusam­menarbeit fortgesetzt werde. Im übrigen soll er betont haben, daß nicht mit einer sehr beschleu­nigten Entwicklung der Verhandlungen zu rechnen

sei. Die Probleme, die die deutsche Antwort auf­geworfen habe, müßten genauestens geprüft werden, so daß sich jede Eile in der Ausarbeitung der Antwort Englands und Frankreichs an Deutschland von selbst verbiete.

London, 19. Februar.

Das englische Kabinett wird am Mittwoch den Vorschlag unmittelbarer englisch-deutscher Be­sprechungen einer Prüfung unterziehen. Der fran­zösische Botschafter hat Sir John Simon besucht und ihm mitgeteilt, daß die französische Regierung kei­nen Einwand erheben werde, wenn der britische Außenminister Berlin besucht.

Der Berliner Korrespondent derTimes" meldet: Nach deutscher Meinung ist eine eng­lisch-deutsche Besprechung nicht nur der nächste logische Schritt im Zusammenhang mit den auf der französisch-englischen Konferenz in Lon­don entwickelten Plänen, sondern auch der einzige Schritt, der die Ereignisse wirklich erfolgreich in Bewegung setzen wird.

Frankreich, so wird gesagt, wünscht die Ansicht Deutschlands zu den vielen in Erwägung befind­lichen Problemen zu wissen, und wie, so fragt man sich, kann diese besser übermittelt werden als durch England? Von den zwei öffentlich erklärten Anregungen, nämlich dem Besuch eines deutschen Ministers in London und dem Besuch eines eng­lischen Ministers in Berlin, erscheint die letztere für den Augenblick stark bevorzugt zu sein. Die Bevorzugung stützt sich, wie man in Erfahrung bringt, auf Erwägungen über die Struktur des Regimes im neuen Deutschland, wo Hitler allein Entscheidungen trifft. Der ganze Zweck der Er­örterungen würde, wie gesagt wird, ebenso wie bei den Locarno-Vesprechungen, der sein, die all­gemeine neue Regelung und besonders die Luft­konvention als ersten Schritt, um einen Abschnitt näherzubringen, indem man hilft, die französischen Erfordernisse einzupassen und einige der haupt­sächlich psychologischen Schwierigkeiten zu be­seitigen, die einer deutsch-französischen Annäberung im Wege stehen."

Ruhmvolle Tradition und junger Wille

Admiral von Trotha zum Ehrensührer der Nwrine-HZ. ernannt

Berlin, 19. Februar.

Der Reichsjugendsllhkrr überreichte Dienstag-: mittag in einer schlichten Feier ' Admiral von' Trotha das Ehrenabzeichen der Hitler-Jugend und ernannte ihn zum Ehrensührer der Marin«-HJ. Die Anwesenheit zahlreicher Vertreter der Wehr­macht und Reichsmarine unterstrich die Bedeutung der Feierstunde- So sah man u. a. den Chef der Reichsmarineleitung, - Admiral Reeder, Po­lizeipräsident Admiral von Leoetzow, Admiral Lützow, Admiral Heusinger von Wal­deck. sowie weitere Vertreter der Reichsmarine­leitung, des Reichsbundes deutscher Sbegeltung. des Verbandes deutscher Marineoffiziere und des Reichsbundes deutscher Marine-Vereine. Außer­dem waren zugegen Obergruppenführer von Jagow, SS.-Standortfiihrer Vreithaupt sowie Vertreter des Arbeitsdienstes und der Reichsjugendführung.

Zu Beginn der Feier schritten Admiral von Trotha und der Reichsjugendführer das Spalier einer Ehrenformation der Marine-HJ. ab, die vor dem Gebäude der Reichsjugendfllhrung angetreten war. Im festlich geschmückten Sitzungssaal der Reichsjugendfllhrung begrüßte dann Baldur von Schirach die Gäste. Die Feierstunde findet in einem sehr enfachen Rahmen statt, so betonte er. aber gerade dieser einfache Rahmen entspreche dem Wesen der Jugend und vor allem dem Wesen des Mannes, der hier geehrt werden solle. In dieser Feier vollziehe sich das unzertrennliche

Bündnis zwischen revolutionärer, heldischer Kraft und der heroischen de ucksche n T ra d i t i on, in der auch die Zu­kunft unserer Nation begründet liege. Man habe in der Oppositionszeit gelegentlich die national­sozialistische Jugend eine Jugend ohn« Ehrfurcht vor der Tradition genannt. Die Jugend habe allerdings den Ballast mancher überkommenen Vergangenheit über Bord geworfen, aber sie habe es doch verstanden, den Traditionsinhalt vergange­ner großer Epochen in der Gegenwart neu zu ge­stalten. In der Millionengefolgschaft der deutschen Jugend trage auch der kleinste Pimpf das Erbe der großen Vergangenheit seines Volkes in sich. Diese Feierstunde solle nun einen der größten Träger der heroischen Vergangenheit mit der Hitler-Jugend auch äußerlich für immer ver­binden. Schon in dem Lebensweg des Mannes, der heute zum - Ehrensührer der Marine-HJ. er­nannt werde, liege unendlich viel, das lebendige Beziehung zur Jugend gerade in dieser Zeit be­sitze.

Der Reichsjugendführer zeichnete nun das Le­bensbild des Admirals von Trotha, den er der Jugend als ein unübertreffliches Vor­bild an Opfermut, an Einsatzbereitschaft für Deutschland hinstellte. Er würdigte in herzlichen Worten seine militärischen Verdienste um Deutsch­land in Krieg und Frieden, sowie sein Wirken in der Jugendbewegung der Nachkriegszeit.Wir alle sind ganz besonders glücklich darüber, daß

wir diese Stunde erleben können; denn nun köniien wir auch äußerlich zeigen, daß wir mit Ihnen, Herr Admiral von Trotha, eines Herzens und eines Sinnes sind".

Der Reichsjugendführer überreichte darauf Ad­miral von Trotha,dem Stabschef der unver­gleichlichen Flotte des Weltkrieges", die Ehren- führerurkunde der Marine-HJ.Es sei damit ein Band geknüpft", so heißt es in der Urkunde, zwischen ruhmvoller Tradition und jungem Willen zu deutscher Seegeltung." Er schloß mit einem dreifachen Sieg-Heil aus Admiral von Trotha, nach dem er ihm auch die höchste Aus­zeichnung, die die Hitler-Jugend zu vergeben hat, das goldene Ehrenabzeichen der HJ-, über­reicht hatt«.

Admiral von Trotha sprach sichtlich bewegt seinen tiefempfundenen Dank für die Ehrung aus. Er gedachte in seiner kurzen Ansprache der Tausend«, die im Weltkrieg auf hoher See ihr Leben gegeben haben im Glauben an eine neu« freie deutsche Zukunft, und schloß mit dem Ge­löbnis:Ich glaube an die Zukunft des deutschen Volkes, und mein ganzer Wunsch ist nur, daß ich bis zum letzten Atemzug« die Kraft habe, zu meinem bescheidenen Teil mitzuwirken!"

KreuzerEmden" in Port Victoria. Kreuzer Emden" ist am Montagvormittag in Port Vic­toria (Seychellen) eingelaufen. Er wird bis zum 21. Februar dort liegen bleiben.

k. blü. Bremen, 20. Februar.

Italien und Um hier jedes Mitzverständ- Rb-Mn-en nis auszuschließen, sei betont. Abessmien wir ^ italienisch-abessi-

nischen Grenzkonslikt weder für den einen noch für den anderen Staat Stellung neh­men wollen. Eine gerechte Beurteilung der Schuldfrage ist zudem wegen des Fehlens objektiver Meldungen aus Ostafrika zur­zeit unmöglich. Die Einschiffung dreier Bataillone faschistischer Miliz nach Somali­land,, die Billigung der italienischen Mobili­sierung durch den Großen Faschistenrat, das Eingreifen Japans durch Hervorhebung sei­ner wirtschaftlichen Interessen in Abessinien das alles ist jedoch Grund genug, die weitere Entwicklung des Streitfalles auf­merksam zu verfolgen. Zunächst stehen zwei Tatsachen in schroffem Gegensatz zueinander: Die Anteilnahme der Menge bei der Abfahrt der Schwarzhemden von Neapel nach den ostafrikanischen Kolonien und die aus Addis Abeba kommende Meldung, daß Italien und Abessinien für die Zeit bis zum Abschluß der Verhandlungen die Schaf­fung einer neutralen Grenzzone beschlossen hätten. Man wirft in den nicht beteiligten Hauptstädten Europas die Frage auf, welche Aufgaben die 300 000 bewaffneten Italiener zu erfüllen haben werden, wenn Abessinien die (an sich nicht unannehmbaren) Forderun­gen der römischen Regierung erfüllen sollte? Daß die Freiwilligenkorps wieder sofort in die Heimat zurückbefördert werden, daran glaubt man nicht recht, vielmehr rechnet man mit verschärften Bedingungen Italiens, die aus eine Verstärkung seines wirtschaftlichen Einflusses in Abessinien hinauslaufen dürf­ten. Nachdem sich, wie gesagt, Japan ein- geschaltet hat, Italien aber Prestigefragen auf dem Spiele wähnt, erhält der Konflikt eine Schärfe, die über seine lokale Bedeu­tung weit hinausgeht, Und der Völkerbund? Die Welt erlebt wieder einmal das Schau­spiel der Ohnmacht des Genfer Bundes, der, obschon ihm Abessinien und Italien ange­hören, nicht den geringsten Einfluß auf die Entwicklung der Dingern Ostafrrka zu haben scheint. Selbst, wenn Frankreich seinen Bor­satz, vermittelnd für Abessinien einen Schiedsgerichtsantrag beim Völkerbund zu stellen, in die Tat umsetzen sollte: bevor die Genfer Institution den Fall juristisch unter­sucht hat, wird er bereits machtpolitisch entschieden sein!

Polen und die Man sollte meinen, daß . . . es der der Stammesver-

Tschechoslowakei wandtschaft des tschechi­schen und des polnischen Volkes keine dau­ernden Differenzen zwischen Prag und Warschau geben kann. Die politische Wirk­lichkeit führt hier jedoch eine andere Sprache als die Theorie. Immer wieder entstehen wegen der im Gebiet Tschechisch-Schlesien lebenden polnischen Minderheiten Spannun­gen zwischen den beiden Regierungen. Prag nimmt im ganzen eine Verteidigungsstellung ein, während die amtlichen Warschauer Stellen zwar nicht unmittelbar in den zurzeit sehr erregten Meinungsaustausch der Presse eingreifen, aber aus ihrer positiven Volks-

Bauer und Landschaft"

Eine bemerkenswerte Äusstellung in Dresden / Von Heinrich tzerkaulen

Wohl erstmalig im Neuen , Reich wurde aus Anlaß der Zweiten Landesbauerntagung Sach­sens auf Anregung von Landesbauernführer Körner in den repräsentativen Räumen des Kunstvereins auf der Brühlschen Terrasse eine AusstellungBauer und Landschaft" der breiten Oeffentlichkeit vorgeführt. Sollte man etwa der vorgefaßten Meinung sein, es handle sich hierbei um eine mehr politische als künstle­rische Zweck-Ausstellung, dann dürfte der ethische Erfolg dieser Schau das Gegenteil beweisen. Auch wenn Landesbauernführer Körner bei der Eröffnung nicht eigens darauf hingewiesen hätte, hier zeigt sich die Kraft des Blut-und- Boden-Gedankens in vollem Reichtum auch des künstlerischen Schaffensprozesses. Oberbürger­meister Zörner, der Vorsitzende des Sächsischen Kunstvereins, betonte die große Bedeutung gerade dieser Ausstellung, deren tiefster Sinn in der Mahnung verankert liege, daß wirklich Wert­volles innerhalb der Kunst nur dort geschaffen werden könne, wo in des Wortes wahrhaftem Sinne ein Künstler nicht den Boden unter seinen Füßen verloren habe.

Aus solchem Nährboden künstlerischer und bischer Befruchtung stammen die Hans Tyoma, Ritzeln, Leibl, Franz v. Desregger. An rynen, ls den modernen Meistern beseelter Landschaft-- «alerei ist denn auch diese Ausstellung nicht vor­beigegangen, die sich zwar hauptsächlich und e- reiflicherweise auf sächsische und Dresdner Kunp- -r stützt, die aber schon aus historischer GereS^

igkeit heraus jene Meister nicht außer acht lassen

konnte, deren blutvolle Gradlinigkeit sich aller- Entartung liberalistischer Weltauffassung gegen­über trotzig zu behaupten wußte. Sie bilden denn auch gleichsam den Grundstock, aus dem her­aus die Vielfalt moderner Betrachtungs- und Er­lebnisreife sich künstlerisch entfaltet. Sie werden Gradmesser und Richtungweiser zugleich. Denn diese Ausstellung hat sich kein ästhetisterendes Thema gestellt, sie faßt Natur und Bauer als das in sich Gesetzmäßige und nicht zu Trennende auf. Ihr geht es nicht um ein schönesMilieu" oder um ein subjektiv gesehenesInterieur". Sie will vielmehr beweisen, daß der deutsche Bauer seiner deutschen Erde verfallen bleibt, wie umgekehrt die deutsche Erde dem deutschen Bauern. Oder wie Landesbauernfllhrer Körner es in die Worte zu kleiden wußte:Ewig ist der Acker, ist die Bauernarbeit, und ewig wird die Kunst dann sein, wenn sie sich die Kraft des Ackers nutzbar macht."

So erzählt Erich Fraatz in seinem pracht­vollen BildErntearbeiter" auch dem einfachsten Betrachter von der heißen Mllhe, und dem Schweiß, den die Erde trinken muß, ehe, sie Frucht bringen kann. Ein beispielhaftes -Bild für die, Absichten dieser schönen Ausstellung, die alles: andere denn lehrhaft wirken will. der es nur und einzig darauf ankommt, die Verbundenheit zwischen Mensch und Natur aufzuzeigen. A l t e n - kirchsKornfeld am Hallerberg? läßt gleichsam die flirrende Luft singen vom Erblühen der Frucht in sommerlicher Reise. Es sind keine ge­stellten bäuerlichenKirchgänge!", die da Rudolf Schramm (Zittau) in ihrer gänzlich unauf­dringlichen Frömmigkeit gestaltet. Und wenn etwa Wilhelm ClaudiusAltländer Bäue­

rinnen" malt, dann steht er nicht nur die alten Trachten aus alter Ueberlieferung sondern die gemeißelten und gezeichneten Gesichter, die aus der gleichen alten Ueberlieferung kommen, es sind Menschen, denen das Blut der Vater Bewe­gung und Haltung vorgeschrieben hat. Von Sterl findet man das monumental aufgefaßte Mittagessens von Hans Olde den schweren und machtvollenHolsteinischen Stier" aus der. Dresdner Galerie. Voller ursprünglicher Erd- haftigkeit sind die braun in braun gehaltenen, rhythmisch so ausgeglichenen Arbeiten von Albin Egger-Lienz. Und noch viele wären eigens zu nennen, dieSchwarzwälderin" Arthur Bärs, oder Carl Banhers stimmung-ge- sättigteAdendruhe", der stampfendeRoßmarkt" Angela Zanks oder die herrlichen aus Pri­vatbesitz stammenden Tierbilder Emanuel He- genbarths. Denn das ist ja das Ueberra- schende, das zugleich Fesselnde und Einmalige dieser Ausstellung, daß sie im rein Stofflichen beinahe schon unergründlich scheint. Der Begriff Bauer und. Landschaft" umfaßt Haus und Hof, Tier und Wald, Ernte und Abend, Kraft und Gebet, Ueberlieferung und Glaube. Hier gibt es im Menschlichen und Künstlerischen keine Gren­zen, ebensowenig wie man zwischen Himmel und Erde eine Grenze ziehen könnte.

Und dennoch bleibt bei allem Reichtum dieser Ausstellung zu beachten, daß es sich immerhin um einen erstmaligen Versuch handelt, die Größe des gestellten Themas abzustecken. Wirkliche Sichtung alles Vorhandenen in Deutschland ließe die be­glückende Vollkommenheit einer solchen wahrhaft neuen Kunst" ahnen. Und so gesehen würde eine derartige Ausstellung dann auch tatsächlich einen hohen politischen Sinn in sich bergen müssen. Den nämlich, daß auch der Städter am, künstlerischen Beispiel immer tiefer erkennen möge, daß alle Kraft aus der Erd«, aus der Scholle, aus dem

Bauerntum zu holen ist, Kraft und Macht des deutschen Menschen und nicht zuletzt der deutschen Seele. Die Leihgaben der großen Galerien von- Kassel, Köln, Vreslau und Dresden beweisen,

. was an Schätzen die deutsche Kunst jenseits alles

Entarteten innerhalb des gestellten Themas in Wahrheit auszuweisen hat. Es sind die Kräfte der Natur und des Staates, nicht mehr die eines einzelnen Verufsstandes, es sind zugleich die ele­mentarsten Kräfte des Künstlerischen schlechthin.

Audolf Presber

Vortragsermnerungen

An jeden, der einigen Erfolg hat aus Bühne oder Büchermarkt, treten früher oder später An­gebote heran,aus eigenen Werken" zu lesen. Li­terarische, auch kaufmännische Vereine fragen an; aber auch kluge und strebsame Buchhändler, die den Absatz der Werke des Geladenen steigern wollen, laden ein.

Früher, als das Geld noch lockerer saß, hat man­cher freie Schriftsteller auf solchen Reisen ihm ganz unbekannte Landesteile des lieben Vaterlandes kennengelernt und sicherlich neben manchem Ver­wunderlichen und Aergerlichen sehr viel Schönes, Liebenswürdiges und Heiteres erlebt. Ich selbst habe besonders vor dem Krieg und im Krieg viele Vortrage aus eigenen Werken gehalten und dabei vom festlichen Saal bis zur bescheidenen Bücher­stube, vom vergrößerten literarischen Tee bis zur großen Aufmachung in der Festhalle- mitEin­führung" und musikalischer Umrahmung viel Hübsches und Seltsames in deutschen Städten und Stäotchen erlebt.

Das Publikum erweist sich dabei sehr ver­schieden an Art und Laune. Ein gewisser Prozent­satz kommt aus persönlichem Interesse.-Ein an­derer, weil er nun mal auf diesen Winterzyklus- alle vierzehn Tage ein Vertrag oder Kon­zert abonniert hat. Ein dritter, oft nicht kleiner, weil nachher noch getafelt oder gar getanzt wird. Wie sich das Publikum aber auch zusammensetzt, eins ist sicher: zwei Typen, die sich außerordent-

lich ähneln und in jedem Saal bald vom Auge des Redenden zu finden sind, fehlen niemals. Der, meist dicke und ältere. Herr. der häufig in Gesell­schaft einer interessierten jüngeren Frau gekommen ist und alsbald einschläft, und die noch we­niger erfreuliche Dame. die schwer erkältet ist und nach mühsam geübter Zurückhaltung sich und die Umgebung mit schrecklichen Hustenanfällen quält. Mit Vorliebe und Glück hustet sie die Pointen weg.

Autoren sind,nun keine geschulten Rezitatoren. Wenn ich aus meiner Jugendzeit den blinden Türschmann, den diskreten Milan, den etwas ver­wachsenen kleinen, aber stimmgewaltigen Stra- losch und den in einigen Paradestücken raffinierten Poffart ausnehme sind mir Autoren als Ver­mittler eigener Werke meist lieber gewesen als die jede Nllance schröpfenden Rezitatoren, die für mein Empfinden so oft durch Verkünstelung die Schlichtheit und Wärme zerstören. Einige meiner Kollegen aber, wie Ernst von Wolzogen, Otto Ernst und Sudermann, waren ganz ausgezeichnete Sprecher ihrer Werke. Ihre durchgeistigten und durchbluteten Vorlesungen wirkten wie das Er­lebnis der Neuschaffung aus dem Augenblick. An­dere wieder, wie zum Beispiel Liliencron, waren furchtbar-auf dem Podium. Einer aber kam auf den ulkigen Einfall, das Verständnis seiner ge­danklich vornehmen und von ihm selbst gut zu Er- hör gebrachten Dichtungen so hoch einzuschätzen, daß er, den Vortrag einleitend, stets betonte, Lei