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Nr. 49 / 3. Jahrgang
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Montag. 18. Februar
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Vertrag über Sie Rückgliederung des Eaargebiet« fertiggestellt
Abschluß -er Gaarverhandlung in Rom
Unterzeichnung des Vertragswertes und des Schlußberichtes heute in Neapel
Die Zollgrenze fällt
Das Saarland wieder im Reich
Saarbrücken, 17. Februar.
Der heutige Sonntag steht bereits ganz im Zeichen des großen Augenblicks der kommenden Nacht: Um 12 Uhr fällt die deutsch-saarländische Zollgrenze. Die aufgezwungene wirtschaftliche Abschnürung des Saargebietes vom Reich nimmt nach 15 Jahren heute nacht ihr Ende.
Ueberall sieht man bereits die grünen Uniformen der deutschen Zollbeamten, die dieser Tage im Saargebiet eintrafen und heute noch ihre Posten an der saarländisch-französischen Grenze beziehen werden. Sie wird nunmehr gleichzeitig politische und wirtschaftliche Grenze des Reiches sein. Die französischen Zollsperren sind fast überall schon aufgehoben worden und die französischen Beamten haben sich zum großen Teil bereits auf ihre neuen Posten an der saarländisch-französischen Grenze begeben.
Auftakt
zum Neichöbemfswettkamps
Berit», 17. Februar.
Am Sonntagmittag eröffnete der Leiter des Reichsberusswettkampfes, Obergebietsführer Ax - mann, vor dem Berliner Rathaus im Rahmen eines Appells der Wettbewerbsteilnehmer den Schaufensterwettbewerb, der in der kommenden Woche als Auftakt zu dem Reichsberufswettkampf durchgeführt wird.
Der Chef des Führeramtes der SA. hat eine Verfügung erlassen, die sich mit dem Reichsberufswettkampf befaßt und in der es heißt:
Der Reichsberufswettkampf vom 18. bis 23. März 1835 ist die größte berufliche Aktion, die jemals durchgeführt worden ist. Er dient der beruflichen Leistungssteigerung der Jugend und soll allen Berufsschichten das gemeinschaftliche Schaffen an einem großen Werk, den Zusammenklang aller Teilarbeiten im Dienst am Volk in lebendiger Form vor Augen führen.
Da im vorigen Jahre Schwierigkeiten in der Beurlaubung von SA.-Männern aufgetreten sind, wird angeordnet, daß die aktiven Teilnehmer des Reichsberusswettkampfes sowie die fachlichen Mitarbeiter der Wettkampfleitung in der angegebenen Zeit vom SA.-Dienst zu befreien sind.
Neuer deutscher Fußballfieg
Amsterdam, 17. Februar.
Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft schlug heute vor 15 000 Zuschauern im Olympischen Stadion die holländische Elf mit 3:2 (2:0) Toren. Das Spiel der Deutschen war etwas vom Glück begünstigt, doch ist der Sieg durch die überlegene Leistung in der ersten Spielhälft« verdient. Von den bisher ausgetragenen 108 Länderspielen hat Deutschland 14 gewonnen, 13 verloren, während der Rest unentschieden endete. (Ausführlicher Bericht im Sportteil.)
Ausstellung „Deutsche Seefahrt". In Gegenwart von Vertretern der Reichsregierung und der Parteistellen wurde am Sonntag in Berlin die vom Reichsbund Deutscher Seegeltung veranstaltete Ausstellung „Deutsche Seefahrt vom 3. Jahrhundert bis zum Dritten Reich" eröffnet.
Rom, 17. Februar.
In der Saarfrage wurde am Sonnabend zwischen der deutschen und der französischen Delegation eine Einigung in allen Punkten erzielt. Damit ist das ganze Vertragswerk über die Rückgliederung des Saargebietes ans Reich im Wortlaut endgültig festgelegt worden. Der Wortlaut wurde in einer Nachmittagssitzung von den beiden Delegationen paraphiert. Die Unterzeichnung findet am Montag in Neapel statt.
In der amtlichen Mitteilung über den Abschluß der Saarverhandlungen heißt es: „Die Verhandlungen, die zwischen der deutschen und der französischen Delegation unter Mitwirkung des Dreier-Komitees des Völkerbundsrates und des Finanzunterausschusses des Völkerbundes gepflogen wurden, um die verschiedenen Fragen betreffend die Rückgliedrung des Saargebietes an Deutschland zu regeln, haben zu einer Reihe von Vereinbarungen geführt, die am Sonnabendnachmittag paraphiert worden sind. Das Dreier- Komitee begibt sich mit den Delegationen am Sonntag zur Vornahme der Unterzeichnung des Vertragswerkes und zur Abfassung des dem Völ-
Paris, 17. Februar.
Die gesamte Sonntagspresse unterstreicht in ihren Besprechungen zur deutschen Antwort aus die Londoner Vorschläge die dringende Notwendigkeit, in engster Fühlungnahme mit der englischen Regierung zu bleiben und vor allem nicht den Eindruck zu erwecken, als ob zwischen den Regierungen in London und Paris auch nur die geringsten Meinungsverschiedenheiten beständen. Die Blätter halten es nicht für ausgeschlossen» daß Sir John Simon sich demnächst nach Berlin begibt, jedenfalls aber, so betont man, werde die englische Regierung in enger Zusammenarbeit mit Frankreich handeln.
Dieser absichtlich zur Schau getragene Optimismus erfährt jedoch einen sanften Dämpfer durch die Feststellung der Tatsache, daß England sehr viel mehr an dem Luftabkommen interessiert ist als an dem Abschluß eines Ostpaktes, der der französischen Regierung besonders am Herzen liege. Die englische öffentliche Meinung, so schreibt „Le Jour", seh« in diesem Luftabkom- men die einzige wirksame Garantie für die Sicherheit ihres Landes. Man könne sicherlich hoffen, daß die englische Regierung aus Loyalität gegenüber Frankreich sich weigern werde, die Londoner Vorschläge aufzuteilen oder sich von Frankreich zu trennen.
Der Außenpolitiker des „Echo de Paris", Per- tinax, gibt der Befürchtung Ausdruck, daß un-
kerbundsrat vorzulegenden Schlutzberichtes nach Neapel."
Die feierliche Unterzeichnung des am Sonnabend in einer Nachtsitzung endgültig zustande gekommenen Schlußergebnisses der unter dem Vorsitz des Barons Aloisi geführten Saarverhandlungen wird am Montagvormittag um 10 Uhr in Neapel im Hotel Excelsior vor sich gehen. Bei diesem wichtigen Schlußakt handelt es sich vor allem noch um die Unterzeichnung folgender Vereinbarungen:
1. Das Hauptabkommen zwischen Deutschland und Frankreich Wer die Uebertragung des Eigentumes des französischen Staates an den Saargruben und Eisenbahnen auf Deutschland und die Entrichtung der Pauschsumme von 800 Millionen französischen Franken an Frankreich. Zur Bezahlung dieser Summe werden die fremden Zahlungsmittel, deren Umtausch gegen Reichsmark morgen im Saarland beginnt und vor allem die Kohlen- lieferungen aus den Staatsgruben herangezogen. Für die hierfür erforderliche Rechnungsführung hat die Bank für internationalen Zahlungsausgleich ihre Mitarbeit zur Verfügung gestellt.
mittelbare Verhandlungen zwischen London und Berlin in England sofort alle die Kreise auf den Plan rufen würden, die ein unmittelbares Abkommen mit Deutschland wünschten. Man dürfe außerdem nicht vergessen, daß Deutschland einen bedeutenden Trumpf in der Hand habe, um sich das Wohlwollen Englands zu gewinnen. Dieser Trumpf bestehe in den verhältnismäßig niedrigen Forderungen auf dem Gebiet der Rüstungen zur See.
Ein erster Meinungsaustausch zwischen den Regierungen von London und Paris hat nach Ansicht der hiesigen Blätter bereits begonnen. Der Quai d'Orsai, schreibt „Excelsior", habe am Sonnabend dem französischen Botschafter in London die notwendigen Anweisungen erteilt, damit die englische Regierung, wenn sie am Mittwoch zu einem Kabinettsrat zusammentritt, im Besitz aller Unterlagen über die Haltung Frankreichs sei.
London, 17. Februar.
Die deutsche Antwortnote auf das englisch-französische Protokoll nimmt als wichtigstes politisches Ereignis der vergangenen Wochen den ersten Platz in der englischen Sonntags- presse ein. Eine eingehende Prüfung der deutschen Antwort veranlaßt die Blätter zu einer günstigeren und großzügigeren Beurteilung der Lage, als dies noch am Sonnabendmorgen der Fall war. Das Eingehen Deutschlands auf den Lustpaktplan und die allgemeine Verhand-
2. Ein deutsch-französisches Abkommen über die Sozialversicherung.
3. Ein deutsch-französisches Abkommen, in dem die Bedingungen für die Weiterarbeit oder die Liquidierung französischer Privatversicherungs- Eesellschaften im Saarland festgelegt werden.
1. Die weitere Ausbeutung der Warndtgruben durch französische Privatgesellschaften. Die Pri- vatverträge sind heute in Saarbrücken mit den Pächtern abgeschlossen worden. Diese Frage bildete auch den Gegenstand der Regierungsverhandlungen. Außer einer schon in Basel erfolgten Verständigung über die Weiterbeschäftigung der deutschen Bergarbeiter auf französischem Hoheitsgebiet wurde auch eine Vereinbarung getroffen, Baron Aloisi als Schiedsrichter über die Auslegung einer Bestimmung des römischen Abkommens vom 3. Dezember v. Js. zu bestellen, um das Ausmaß der zulässigen Kohlenausbeute näher zu begrenzen.
5. Eine Abrede der deutschen Regierung mit der Regierungskommission des Saargebietes über den Uebergang der Verwaltung im Saarland auf die deutschen Behörden.
lungsbereitfchaft der deutschen Regierung werden als optimistisches Vorzeichen für die kommenden Verhandlungen bewertet, wenn auch die von feiten Frankreichs zu erwartenden Schwierigkeiten keineswegs unterschätzt werden.
Der diplomatische Mitarbeiter des „Observer" meldet, es sei klar, daß die französische Regierung bis zu einem gewissen Grade bedaure, daß in der Note die Abrüstung und der Völkerbund nicht erwähnt werden. Andererseits sei es aber noch nicht klar, ob sich die französische Regierung über die taktischen Fragen schlüssig geworden sei, ob der getrennte Abschluß eines Luftpaktes die Erzielung eines allgemeinen Sicherheitssystemes fördern oder aber aufschiebend beeinflussen werde.
Nach Ansicht Londons sei der Weg jetzt frei für die weiteren Verhandlungen und daher wäre es die richtige Taktik, mit denjenigen Punkten zu beginnen, über die am ehesten eine Vereinbarung erzielt werden könne.
In einem Leitartikel des „Observer" heißt es u. a., es sei eine angenehme Tatsache, daß Deutschland keine Türen zuschlage. „Paris und London müssen jetzt unter allen Umständen die große Gelegenheit ergreifen. Ohne Deutschland kann es keinen Frieden geben." Abschließend macht das Blatt den Vorschlag, daß als nächstes Land auch Rußland in den Rahmen der Verhandlungen ein- bezogen werde.
Führung unbVerwaltung
Ein Nachwort zur Gauleitertagung
Die bedeutsamen und interessanten Beratungen der letzten Reichs- und Gauleitertagung in Berlin haben die Öffentlichkeit wieder einmal auf einen für die politische Gestaltung des neuen Deutschland außerordentlich wichtigen politischen Faktor hingewiesen: das Gauleiterkorps, das zwar nach außen weniger in Erscheinung tritt, aber im Rahmen des Führerkorps der Partei in besonderer Art bedeutsam ist.
Seine politische Bedeutung hat sich aus seiner Entwicklung gestaltet: Die Gauleiter sind die Männer, die der Führer in den ersten Jahren des Kampfes der vor zehn Jahren wiedergegründeten Partei damit beauftragte, in ihren Gebieten die Partei aufzubauen und zu führen. Keiner der Gauleiter ist in ein fertiges Arbeitsgebiet eingesetzt worden, jeder hat in seinem Gebiet die Partei aus allerkleinsten Anfängen erst durchsetzen müssen, in einer Zeit, in der er allein draußen stand, allein politisch kämpsend, allein dem Führer verantwortlich. Adolf Hitler hat ihnen eine große Aufgabe gegeben. Er hat aber auch darüber gewacht, daß sein Gau- ieiterkorps niemals zu einem Apparat wurde, sondern stets eine Gemeinschaft von verantwortlichen Persönlichkeiten, von politischen Führern im wahren Sinne des Wortes blieb.
Die Kräfte, die sich aus dieser Entstehung des Begriffes „Gauleiter" gewissermaßen als der Statthalter Adolf Hitlers schon in der Kampfzeit ergaben, waren die Stärke unserer Partei im Kampf um die Macht, und heute sind sie zu einem ganz besonderen Faktor nationalsozialistischer Staatsarbeit geworden.
Denn: Der Nationalsozialismus hat ein neues politisches Schwergewicht in die Staatsarbeit gebracht. Er hat die Unzulänglichkeit eines Apparates erkannt, der ohne lebendige politische Kraft das Volk zu regieren versuchte. Die Folge war die Ent - fremdung von Staat und Volk, die Begrabung jeder R rmidee in der politischen Kurzsichtigkeit, oie eine notwendige Folgerung des reinen Behördenstand- punktes sein muß. Die Forderungen, die demgegenüber der Nationalsozialismus in die Ctaatsarbeit brachte, lassen sich zusammenfassen in dem Satz: Das Volk will geführt werden, nicht nur verwaltet.
Der Nationalsozialist versteht die Bedeutung, die in dieser fundamentalen Erkenntnis für die Zukunft der Nation begründet liegt: Nur dort wird der volle Gleichklang von Volk und Staat Tatsache sein können, wo beide, das Volk und der Staatsapparat in allen wesentlichen Stufen ihrer Gliederung die gemeinsame politische Führung über sich haben.
Wie für die ganze Nation die Person des Führers Volk und Staat verbindet, und an seiner Seite Männer stehen, die von ihm mit besonderen Fllhrungsaufgaben betraut sind, so sind draußen im Lande die Gauleiter die Männer, die im Ringen um das Volk als Führer in ihre Aufgabe hineinwuchsen, die durch die Partei täglich im
„Ohne Deutschland kein Frieden"
Die pariser und Londoner Eonntagöprefse zur beuMey Stellungnahme
Larl Ltls Ltcolaus
Em Trecker durchs
Rumpelnd fuhr der einsame Trecker Wer das Kopfpflaster der Dörfer. Die Häuser zitterten in der Erschütterung, und Erich Dübbert, dem Fahrer, schien es, als tanze auch der Mond, der hell und groß Wer den Giebeln stand, im Rhythmus der Fahrt.
Der Nachtwind, der mit leisen Geräuschen Wer das Land ging, erlosch, wenn er in die Nähe des wandernden Ungetüms kam. Der Trecker duldete kein Geräusch als das, das er selbst vollbrachte. Er schüttelte die einsamen Höfe, die rings an der Straße lagen, aus ihrem tiefen, mitternächtlichen Schlaf; er zerriß mit dem fahlen Licht seiner Scheinwerferaugen den Schlummer der Wälder, und flüchtende Tiere überquerten die Bahn des keuchenden Stahlkolosses.
Erich Dübbert, der einsame Mann, der auf dem unbequemen Sitz des Treckers hockte, rief die vorllberhastenden Rehe an. Es war die Ein>am- keit der Nacht, die ihn bedrängte. Da war es gut, mit irgendwelcher Kreatur M reden. Und es gab nichts im Umkreis als die fliehenden Tiere. Denn mit dem stählernen Ungeheuer, das der Trecker war, rodete Erich Dübbert nicht. Er haßte den Traktor, er haßte die riesigen Lastwagen, die er mit diesem stählernen Pferd durch das Land zog. Er haßte diese Schleppzüge, er haßte die groge Kraft dieses Motors, die sich nie in Geschwindigkeit verwandeln ließ, sondern immer nur Zugkraft für Lasten blieb. Er haßte die plumpen Räder und die ganze llnbezwinglichkeit dieses Ungetüms.
Doppelt feindlich erschien ihm dies alles in dieser Nacht. Er hatte einen riesigen Möbelwagen in eine ferne Stadt geschleppt. Nun kehrte
ihre eine Schranke
er mit dem Trecker heim. Hunderte von solchen Fahrten hatte er schon gemacht. Aber niemals hatte ihm die Einsamkeit so zugesetzt wie dieses Mal. Er starrte hinein in die Ebene. Er sah nichts als den Mond. Dann starrte er in sich selbst hinein, und da sah er nichts als mißlungene Dinge.
Die Stunde der großen Abrechnung mit sich selbst war da. Dübbert war ganz ohne Gnade. Seine letzten guten Vorsätze liefen heraus aus ihm wie Wasser aus einem undichten Krug. Er hatte keine Hoffnung mehr, jemals etwas wieder gutzumachen. Er zählte seine vielen vergangenen Tage durch und wog die Erfolge ab und schüttelte seinen Kopf.
Alles stand wieder vor ihm: die Jugend, in der er sich den Motoren verschrieben hatte. Rennfahrer wollte er weiden. Bis zum Platzen war er erfüllt vom Ehrgeiz. Unermüdlich arbeitete er. Seine Energien waren groß, und die ersten Erfolge kamen. Und mit den ersten Erfolgen auf den Rennstrecken kam die Gunst der Frauen. Abex Dübbert hielt sich an seine Ziele. Dann aber erlag er. Sein Leben wurde unruhiger, und die letzten Illusionen zerbrachen. Er ahnte, daß das alles noch nicht so schlimm war, daß da immer noch die Möglichkeit einer Rettung gewesen war bis zu dem Augenblick, wo Ursula ihn verwünschte, wo sie weinend die Prophezeiung seines Unterganges wie einen Fluch über ihn hing. Ursula Resch war eine von jenen gewesen, die sich äußerlich um Dübbert nicht bemühten. Aber sie hatte dennoch ihr Herz an ihn verloren. Und ihre Demut rührte ihn. Aber er wollte von seinem unsteten Leben nicht lassen,
und seine Unrast höhlte die Demut Ursulas aus, und es begann jene magische Feindschaft zwischen ihnen, die nur aus erloschener Liebe geboren wird. Und da trennten sie sich, und Ursula sagte ihm seinen Untergang voraus.
Mit Ursulas Weggang war auch sein Glück erloschen. Er hatte Pech bei den Rennen. Er geriet in Geldverlegenheiten. Schließlich war er so weit herunter, — daß er als Treckerfahrer sein Leben fristete. Jahrelang ging das nun schon so. Erst hatte er immer noch einen Haß gehabt auf die schnellen Automobile, die an seinen schweren, langsamen Lastzügen vorbeibrausten. Dann war auch dieser Haß erloschen. Alles war in ihm verschüttet, und sein Herz hatte keine Erinnerungen mehr an frühere Ziele. Bis auf diese Nacht, da alles wieder in ihm aufbrach.
Mechanisch steuerte Dübbert den Traktor durch eine scharfe Kurve, die hinaufführte auf einen Hügel, der weit hinein ins Land sah. Der Kamm eines Waldes tauchte auf. Ein Nachtvogel schrie und segelte wie ein Schatten ängstlich vorbei an Dübberts Gefährt. Die Gespenster fliehen — dachte er — wie damals. Einmal in meinem Leben war ich schon so einsam. Das war damals, kurz bevor Ursula fortging. Wir sprachen über den Tod, und da sagte sie, es wäre für manchen ein großes Glück, auf der Höhe seines Ruhms, unbesiegt und ungebrochen, zu sterben! Und so seltsam sah sie mich an dabei, daß ich fror. Und da protzte ich: Auch meine Todesfahrt wird noch ein Weltrekord sein! Da lachte sie schrill und schwieg.
-!-
Dübbert hörte Ursulas schrilles Lachen jetzt wieder sekundenlang im Ohr. So stark war seine Erinnerung. Er dachte ohne Bitterkeit an Ursula. Je mehr er nachsann, um so mehr schwand überhaupt jeder Groll aus ihm. Seltsam nah waren ihm alle Dinge seines Lebens. Er fühlte, wieder den ganzen Triumph, der in ihm gewesen
war damals, als er sein erstes großes Rennen gewann. Wie er eins geworden war mit dem Motor. Und wie er an dem großen Grinsen des Todes, das in den Kurven hing, vorüberfuhr. Immer schneller arbeitete der Trecker sich durch das Land. Dübbert gab Vollgas. Er war ganz in sich versunken, und seine Handgriffe galten eigentlich der Fahrt damals, die er in seiner Erinnerung wiederholte. Aber auch der Trecker reagierte auf Liese Handgriffe. Das Ungeheuer geriet hinein in eine rasende Fahrt.
Dübbert merkte nicht, daß der Traktor viel zu schnell fuhr. Seine Versunkenheit trieb ihn die andere Straße entlang, als könne er dadurch die anderen Bezirke seines Lebens, in denen er einst mächtig war, wieder erreichen. Er hatte sich aufgemacht nach rückwärts — seinem alten Ruhm entgegen.
Ein Dorf tauchte auf unter dem sinkenden Mond. Es sah aus, als quetsche er es erst langsam heraus aus dem ewigen, fernen Dunst und schöbe es behutsam hinauf auf die Erde. Dübbert fuhr weiter mit Höchstgeschwindigkeit. Straßenkreuzungen wurden passiert. Er sah es nicht.
Dann wälzte sich aus dem Dunkel der Nacht ein anderes Ungeheuer heran und keuchte querab von dem Trecker durch das Land. Ein V-Zug brauste der fernen Stadt zu. Straßen und Schienen trafen sich. Eine bleiche Schranke mit einem fallenden Gitter sank nieder, als wollte sie die mondige Straße kämmen. Der Trecker stürzte vorwärts. Dübbert sah noch immer nichts. So groß war seine Versunkenheit.
H
Dann brach das große Splittern herein in seine Welt. Er sah, wie die zerbrochene Schranke sich in den Himmel spreizte. Der Trecker donnerte auf die Schienen los. Dübbert gewahrte noch den riesigen Aufbau einer Lokomotive, die sich über ihn neigte. Stählerne. Stangen stießen nach ihm. Ganz wach war er, r,id die große Gefahr trieb
ihn hinein in eine nie dagewesene Hellwachheit. Es war ihm, als fiele er in eine große Erlösung. Mit letzter Kraft riß er das Steuer herum.
Es gab einen Ruck, als ob die Erde barst. Der Traktor schwankte. Haarscharf an Dübbert vorbei brauste der Zug. Fast rissen ihn die Waggons noch mit. Unmittelbar neben den Schienen hatte er den Traktor zum Halten gebracht. Durch das Herumreißen des Steuers war der Zusammenstoß im letzten Moment vermieden worden.
Die Nacht verschluckte den brausenden Zug. Drohend spreizte die zerbrochene Schranke sich hinein in den NachtwiW, der Wer Straßen und Schienen ging. Dübbert fühlte den Wind. Der Atem des Traktors hörte auf. Dübbert bediente keine Hebel mehr. Er stieg herunter von seinem Sitz und sah nur immer über das Land.
Aus dem nahen Bahnwärterhaus kam ein Beamter und beschlagnahmte, da Dübbert keinerlei Auskunft gab, den Trecker.
Das war die Todesfahrt — Lachte Dübbert — die mir geschenkt wurde. Ich muß nun wahrhaft zurück zu meinem alten guten Leben, zurück zu den großen Wagnissen und Gefahren, die das Leben erst wert werden lassen, zurück zu den Siegen. Dies war der Tod auf Probe — ein kleiner, armseliger Tod. Und dennoch schenkte er mir die große Ergriffenheit.
Und Dübbert ging über das Land, dem Mond nach. „Ich will heim zu Ursula" — sagte er — „heim zu den großen Motoren; ich habe meine Todessahrt bestanden, ich bin gefeit." Eine neue Kraft war in ihm, und er wußte, daß er jetzt das Leben zwingen würde, denn er war nun ohne Hoffahrt und ohne Angst.
Und immer wird es Menschen geben, die ihr wahrstes Leben erst beginnen, wenn sie den Tod begreifen, der sie streift Und viele solcher Todes- nähen erzwingen erst das wahrhaft sieghafte Leben.