Ausgabe 
(10.10.1934) Nr. 280
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Nr. 280 / 4. Vierteljahr

Iciüm

-er Freien LanfeflM vremen

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Mittwoch. 10 . Oktober

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König Alexander und Barthou ermordet

Anschlag aus den südslawischen König und den französischen Außenminister in Marseisie

Der Haupttäter ein Kroat / Auch mehrere Generale erschossen

Ein Augenzeuge berichtet

Als gestern König Alexander von Jugoslawien in Marseille zu seinem Staatsbesuch eintraf und im Wagen von Außenminister Barthou und hohen Militärs eingeholt wurde, löste sich ein Mann aus der Zuschauermenge und schoß blindlings in den Wagen.

Oberst Piollet, der neben dem Wagen des Königs Alexander ritt, berichtet über den Ver­lauf des Anschlags folgendes:

Der Wagen, in dem sichKönigAlexander, Außenminister Barthou und General Georges befanden, war gerade in Höhe der Börse, als ich bemerkte, wie ein Mann sich aus der Menge löste, an den Polizei-

Das deutsche Winterhilsswerk 1934/35 wurde am Dienstag durch den Führer eröffnet. Ausführlicher Bericht im In­nern des Blattes.

beamten vorbeiglitt, der am Bürgersteig stand, and an meinem Pferd vorbei auf das Tritt­brett des königlichen Wagens sprang.

Ich gab meinem Pferd die Spore», aber obwohl das Pferd sehr schnell vorsprang, konnte ich nicht verhindern, daß der Attentäter seinen Arm ausstreckte und mehrere Schüsse aus den König abgab. Ich erhob meinen Säbel und streckte mit zwei Schlägen den Mann zu Boden, während der Krastwagensiihrer einige Schüsse auf ihn abgab. Der Mörder fuhr aber, obgleich er am Boden lag, fort zu schießen. Seine Kugeln trafen zwei Polizeibeamte und eine Frau, die sich in der ersten Reihe der Schaulustigen befanden.

Polizei und Oai'äe mobile stürzte sich auf den Mörder und versuchte, die Menge von dem Wagen fernzuhalten. Der zu Boden gefallene Attentäter wurde aufgehoben, worauf sich die Menge auf ihn warf und ihn gelyncht hätte, wenn die Polizei ihn nicht rechtzeitig beiseite geschafft hätte.

Der Attentäter hat, wie ergänzend gemeldet wird, versucht, sich zunächst eine Kugel durch den Mund zu schießen; aber die aus ihn einspringen­den Polizisten haben ihm dazu keine Zeit gelassen. Er soll auf dem Platz der Präsektur niedergeschla­gen worden sein. Der Anschlag hat einen tiefen Eindruck aus die zahlreiche Menge hinterlassen, die sich zum Empfang des Königs versammelt hatte. Ueberall herrscht tiefes Schweigen. Die Fahnen sind aus halbmast gesetzt.

Petrus Kalemen, der Mörder

Der Attentäter, der, wie bereits gemeldet, niedergeschossen worden ist, heißt Petrus Ka­lemen. Er ist am 23. Dezember 1899 in Agram geboren und betrieb in dieser Stadt ein Kaufmannsgeschäft. Man fand bei ihm einen am 3V. Mai 1934 ausgestellten Pag. Kalemen war am 28. September nach Frank­reich gekommen.

Absperrmaßnahmen, und doch!

Wie Havas meldet, waren in Marseille aus Anlaß der Ankunft König Alexanders von Slld- slawien 1208 Polizeibeamte, 191 Kriminalbeamte, 120 Gendarmen, 18 Mitglieder der Garde mobile sowie aktive Soldaten zu Absperrungszwecken auf­geboten worden. Als ein Polizeibeamter gewahr wurde, daß ein Mann zum Wagen des südslawischen Königs vordringen wollte, stürzte er sich sofort auf ihn. Der Mörder richtete jedoch so­fort die Schußwaffe auf den Be­amten, schoß ihn nieder und konnte so bis zum Wagen des Königs gelangen. Die Schuß­waffe, die der Mörder zu der Tat benutzte, ist ein ganz neues Modell. Es handelt sich um eine kleine Maschinenpistole.

Sechs weitere Opfer

Bei dem Anschlag in Marseille sind auch einige Zuschauer durch Schüsse verletzt worden. Sechs Personen, darunter zwei Kinder, wurden mit Beinschüssen ins Krankenhaus eingeliefert. Ein Polizist, der einen Unterleibs- fchuh erhalten hatte schwebt in Lebensgefahr.

Auf den König Alexander von Südslawien ist bei der Anknnft in Marseille ein Anschlag verübt worden. Der König ist, wie Havas berichtet, von mehreren Kugelngetroffen worden. Er wnrde sofort in die Präsektur geschafft, wo ihn die Aerzte untersuchen. Lieber seinen Zustand verlautet noch nichts Näheres. Nach den Gerüchten hat der König eine schwere Verletzung davongetragen. Der Atten- täter, der aus der Menge, die bei der Anknnft des Zuges sich versammelt hatte, eine Reihe von Schüssen abgab, soll niedergeschossen worden sein.

Havas meldet aus Marseille: König Alexander von Jugoslawien ist seinen Ver­letzungen erlegen.

P a r i s, S. Oktober.

Die Nachricht, daß sich die Verletzung des französischen Außenministers als un­bedeutend erwiesen habe, hat sich nicht bestätigt. Wie Havas nunmehr aus Mar­seille mitteilt, ist Außenminister Barthou um 17,40 Llhr der bei dem Anschlag er­littenen Verletzung erlegen. Nach den Ermittlungen der Polizei müssen an der Durchführung der Blnttat mindestens IVPersonenbeteiligt gewesen sein.

Der französische General G e o r g e s sowie ein französischer Admiral, dessen Name jedoch noch nicht bekannt ist — es handelt sich wahrscheinlich um den Admi­ral Verthelot — und ein südslawischer General sind ebenfalls den Verletzungen, die sie bei dem Anschlag exhalten hatten, erlegen.

Der Eindruck in Doris

sOlalitberiebt unseres stäii-ü^en pariser K.-0. Ilitarbeiters)

Paris, 9. Oktober.

Die Nachricht von dem blutigen Attentat in Marseille hat in der französischen Hauptstadt, die durch die kommunistischen Umtriebe in Frankreich und den Bürgerkrieg in Spanien ohnehin in ziemliche Aufregung versetzt ist, wie eine Bomb« eingeschlagen. Auf den nächtlichen Boulevards ist es schwarz von Menschen, die den Zeitungsver­käufern die letzten Extrablätter aus den Händen reißen und in nervöser Hast die folgenschweren Ereignisse erörtern. Alle öffentlichen Veranstal­tungen sind abgesagt. Im Radio werden nur noch Meldungen aus Marseille übertragen. Während zunächst behauptet wurde, der König sei unver­letzt, wurde erst in den späten Abendstunden der wahre Sachverhalt zugegeben.

Ueber die unmittelbaren Folgen der Bluttat hat man in Paris xoch keine rechte Vorstellung. Der jugoslawische Thronfolger ist gerade vor einem Monat erst 11 Jahre alt geworden, so daß mit der Einsetzung einer Regentschaft zu rechnen ist, die vermutlich stark unter militärischem Einfluß stehen dürfte. Das französische Bündnis mit Jugosla­wien ist in erster Linie mit der Person des ermor­deten Königs verknüpft. Er war es, der während des Weltkrieges die serbische Prmee führte und als diese von serbischem Boden verdrängt war, in einem jetzt viel zitierten Telegramm seine rest­lichen Streitkräste der französischen Regierung zur Verfügung gestellt hatte. In den französischen Rcgierungskreisen befürchtet man, daß die beider­seitigen Bande, die sich schon in der letzten Zeit als nicht sehr widerstandsfähig erwiesen, noch lockerer werde.

Was den innenpolitischen Kurs in Frankreich betrifft, so wird die bestehende Regierung die Ereignisse zweifellos zum Anlaß nehmen, um die autoritäre Linie der Regierungsführung zu unter­streichen. Auch wenn die Kommunistische Partei mit dem Attentat zunächst nicht in Verbindung gebracht werden kann, so wird Doumergue sicher­lich mit vermehrter Energie gegen die radikalen Elemente einschreiten, die ihm schon im gegen­wärtigen Wahlkamps sehr zu schaffen machen. Der zweite Wahlgang am nächsten Sonntag wird wohl nicht abgesagt werden. Er wird aber stark unter dem Eindruck des Attentats stehen, das viele ängstige Wähler dazu bestimmen wird, der im Amte befindlichen Regierung, auch wenn sie mit deren Politik nicht einverstanden sind, ihre Stimme zu geben, um möglichst zur Erhaltung von Ruhe und Ordnung beizutragen.

Aufrichtiges Mitempfinden in Deutschland

Berlin 9. Oktober

Die Schreckensnachrichten aus Marseille haben ganz Deutschland in aufrichtige Trauer versetzt. Verbrecherischen Vubenhänden ist es gelungen den König Alexander bei seiner Ankunft auf franzö­sischem Boden zu ermorden und mit ihm den fran­

zösischen Außenminister Barthou sowie weitere Herren der näheren Umgebung.

König Alexander hat in Deutschland viele Sym­pathien genossen, da er eine Persönlichkeit von staatsmännischem Format war, dessen Horizont weit über die Kreuzen seines Landes hinausging. Er lehnte stets jede Politik der Abenteuer ab und verfolgte die Linie des Friedens und des Ausgleiches.

Außenminister Barthou hat mit Deutschland auf politischem Gebiete manchen Kampf ausgesuchten, doch schweigt vor der Majestät des Todes die Politik. Angesichts des ruchlosen Verbrechens von Marseille empfindet das nachbarliche Deutschland Frankreich gegenüber aufrichtiges Bedauern über den Tod eines Mannes, der mit allen seinen Kräften und seinen großen Fähigkeiten stets seinem Vaterlande diente.

Bksselö öeö Führers

Berlin, 9. Oktober.

Der Führer und Reichskanzler hat an tue Königin von Südslawien folgendes Beileids­telegramm gesandt:

„Tief erschüttert durch die Nachricht von dem fluchwürdigen Attentat, dem Seine Majestät der König zum Opfer gefallen ist, bitte ich Euer? Majestät, den Ausdruck meines aufrichtigen Beileids entgegenzunehmen und der Anteilnahme des ganzen deutschen Volkes versichert zu sein.

gez.: Adolf Hitler Deutscher Reichskanzler."

Berlin, 9. Oktober.

Staatssekretär Meißner sprach Dienstagabend tm Auftrage des Führers und Reichskanzlers Adolf Hitler bei dem südslawischen Gesandten und dem französischen Botschafter vor, um ihnen das Beileid des Führers zum Tode des südslawischen Königs und des französischen Außenministers aus­zudrücken.

Die ausländischen Missionschefs kondolieren

Paris, g. Oktober.

Te. deutsche Geschäftsträger Botschastsral Förster hat sich ins Außenministerium am Quai d'Orsey begeben, um sein Beileid zum Ab­leben des französischen Auhsnministers zum Aus­druck zu bringen. Sowohl auf der südslawischen Gesandtschaft als auch am Quai d'Orsay müden sich nacheinander die ausländischen Missionschei? ein, um ihre Teilnahm« an dem TrauerfaU persönlich zu bekunden. Sämtliche öffentlichen Gebäude haben halbmast geflaggt.

Die Regierung hat außerdem beschlossen, daß das Heer, die Flotte und die Luftflotte für

einen Monat Trauer anzulegen haben. Ferner sind sämtliche Festlichkeiten während dieser Zeit abgesagt. Schließlich wurde angeordnet, daß Außenminister Louis Barthou ein Staats­begräbnis bereitet wird.

Die Königin Maria von Südslawien, die mit ihrem Gemahl Mittwoch früh in Laroche zusammentreffen sollte, wurde Dienstag abend bei ihrer Ankunft in Besancon von dem Präsekten des Departements Daubs empfangen und mit möglich st er Schonung über den schreck­lichen Anschlag unterrichtet, dem ihr Gemahl zum Opfer gefallen war.

Der Mord zufällig gefilmt

Aus einer ergänzenden Havas-Meldung über den Anschlag geht hervor, daß man im französischen Innenministerium der Ansicht ist, die Schüsse seien nur von dem verhafteten Südslawen abgegeben worden. Infolge des Zustandes, in dem er in die Hände der Polizei fiel, hat das Verhör bisher je­doch noch keinerlei Ergebnisse gezeitigt.

Die Polizei ist im Begriff, eine Reihe von Augenzeugen des Anschlages zu verhören. Ein Filmoperateur hat durch Zufall die ganze Szene mitgefilmt. Dieser Lichtbildstreifen wird sofort entwickelt und dem Leiter der Marseiller Polizei übergeben werden. Nach einer Meldung des „Paris Soir", dem die Verantwortung überlassen bleibt, hat man in der Tasche des Mörders eine Bombe gefunden. Außerdem war er mit zwei Re­volvern bewaffnet.

Die ärztliche Untersuchung

Der ärztliche Befund hat ergeben, daß der königliche Gast von zwei Kugeln getroffen worden war. Eine der Kugel war in die Leber­gegend gegangen und war dann von innen in die Brust gedrungen. Die zweite hatte die linke Brust seit« durch­schlagen und hatte eine tödlich wirkende innere Blutung zur Folge. Der König wurde vorläufig in seiner Uniform, an die man das Grotzkreuzder Ehrenlegion heftete, im Empfangssalon der Präsektur auf ge bahrt und mit einer Fahne bedeckt.

Die Frage der Regentschaft

Wie die Wiener südslawische Gesandtschaft mit­teilt, tagt augenblicklich in Belgrad ein Minister­rat, der sich mit der Frage der Regentschaft beschäftigt. Zweifellos werde nach den geltenden südslawischen Verfassungsbestimmungen der älteste Sohn des ermordeten Königs, Peter, zum Königausgerufen und für ihn eine Regent­schaft eingesetzt werden. Die südslawische Gesandt­schaft erklärt, daß im Lande alles ruhig sei. Die telephonischen Verbindungen mit Belgrad sind noch immer unterbrochen.

Weitere Meldungen im Innern des Blattes.!

Der süäslu^iselis ^lexaneer 1. mit seiner Oemaliliü' Claris

(LonsserLuknalune unseres Lok.-LUtürdeiters)