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Dienstag, 27. November
See Freien Hansestadt vremen_
Anzeigen. Grundpreise: Die M-mm. Zeile im Anzeigenteil 12 Rps.. die 70.mw.Zeile im Texttell 7b Rps. Ermäßigte Grundpreise (sür kleine Anzeigen, Familienanzeigen u, a.) >°wie sonstige Bedingungen lau Preisliste I, (Nachlaßstafsel 6 ., Für Anzeigen durch Fernsprecher keine Gewahr. Annahmeschlutz I« Uhr. Sprechzeit des Verlages werktäglich von 12—13 Uhr. der Schriftleitnng werktäglich von 16—17 Uhr.
Einzelpreis is Rpf.
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Jean Goy berichtet
^ über die Unterredung mit Hitler
Paris, 26. November.
Der Verwaltungsrat der UNL., des National- oerbandes der ehemaligen Kriegsteilnehmer, ist zur Prüfung - verschiedener laufender Fragen zusammengetreten. Zur Beratung stand das Ärbeits- Programm der nächsten Landestagunz, die Frage ' der Umänderung der Spitzenorganisation der ehemaligen Kriegsteilnehmer (ConfSdSration Nationale), die Haltung der UNE. zu der ausnahmsweise für das Jahr 1934 der Regierung gegenüber zugestandenen Pensionskllrzung usw.
Im Verlaufe der Sitzung erstattete Jean Goy einen Bericht über seine Begegnung mit Reichskanzler Hitler und dessen wichtigsten Mitarbeitern und schilderte die Eindrücke, dir er aus Berlin mitgebracht hat. Nach einem anschließenden Gedankenaustausch nahm der Verwaltungsrat mit allen gegen zwei Stimmen folgende Entschließung an:
„Der Verwaltungsrat der UNE. hat den Bericht Jean Goys über seine Unterredung mit Reichskanzler Hitler angehört und dankt ihm dasür, daß er der öffentlichen Meinung Frankreichs wichtige und beachtenswerte Informationen zugänglich gemacht hat. Getreu der von der UNE., verfolgten Politik der Annäherung der Völker.ermächtigt, ^.seinen Vorstand, unter Umständen.einig-seiner Mitglieder mit', der Sicherstellung.nützlicher Fühlungnahmen mit befugten Vertretern der ehemaligen deutschen Kriegsteilnehmer unter Beobachtung der notwendigen Vorsicht zu beauftragen".
Sie werden nicht ausgeliefert
Rom, 26. November.
Wie amtlich bekanntgegeben wird, hat die Un- tersuchungsabteilnng des Appellationsgerichts- hoses in Turin entschieden, die Auslieferung von Pawelitsch und Kwaternik könne Frankreich nicht zugestanden werden.
Herr Samuel LLntermeyer versucht den Boykott anzukurbeln
Getarntes Zuöentum
Zur Tagung des „Weltausschusses für den Boykott deutscher Waren" in London
(vruktboriobt unserer Berliner Zebriktleiinns)
8. IV Berlin, 26. November.
Soeben ist in London die „Internationale Nichtsekten-Voykott-Konferenz" zusammengetreten, auf der ein bekannter Zionist namens Samuel Untermeyer als Hauptperson auftritt. Untermeyer hat sich persönlich aus Newyork zur Themse bemüht, um durch intensive persönliche Propaganda der antideutschen Strömung neue Impulse zu geben. Obwohl der „Weltausschuß für den Voy- kott deutscher Waren und Dienste" den Namen „Internationale nichtsektische Liga" angenommen hat, ist man in Berliner wirtschaftspolitischen Kreisen sehr genau darüber unterrichtet, daß das Judentum, vor allem der Zionismus, der Motor der Bewegung ist.
Der Vernichtungswille des Zionismus und die geschäftliche Cerissenheit Untermeyers sind es, mit denen Deutschland sich auseinanderzusetzen hat. Die wirtschaftlichen Schwierigkeiten, mit denen die Vereinigten Staaten nicht minder als die europäischen Nationen zu kämpfen haben, werden übrigens durch jene Voykottmethoden nicht verringert. Im gleichen Maße, wie Deutschland als Verkäufer auf dem amerikanischen Markt ausfällt, kommt es naturgemäß auch als Käufer nicht mehr in Frage. Bei der gegenwärtigen Wirtschaftskrise gibt es wohl kaum einen Staat,^der den Umtrieben eines deutschfeindlichen Klüngels zuliebe auf die Kundschaft eines 60-Millionen-Volkes zu verzichten vermöchte.
I» Berliner politischen Kreisen ist man der Ansicht, daß die Regierungen, die für das Wohlergehen ihrer Länder verantwortlich sind, im eigensten Interesse dem gewissenlosen Spiel jener Kreise Grenzen setzen werden. Deutschland hofft, daß srüher oder später die gesunde Ansicht die Oberhand gewinnen wird, und daß man zu der Ueberzeugung kommt, nicht der Voykott, sonder» die engste Zusammenarbeit sei das Naturgegebene und Nützliche.
Der Führer und Reichskanzler hat jüngst noch auf dem Parteitag in Nürnberg den unverrückbaren Willen des Reiches bekanntgegeben, sich allen Widerständen zum Trotz zu behaupten. Die inzwischen getroffenen wirtschaftspolitischen Maßnahmen haben neben aller Bereitschaft zum reibungslosen Güteraustausch keinen Zweifel darüber gelassen, daß dieser Wille unerschütterlich ist.
Scharfe Angriffe auf Frankreich
Das führende Hearfi-BlaN über „Die ewige Gefahr für den Weltfrieden
Newyork, 26. November.
Das führende Hearst-Vlatt „New Park American" veröffentlicht unter der ganzseitigen Ueber- schrift „Französische llnehrlichkeit und französischer Militarismus — Schlimme Vorzeichen eines Weltkrieges" einen sensationellen Leitartikel, in dem es u. a. heißt: Selbst wenn Frankreich auf keinen Krieg hinzielt, so ist doch klar, daß es wenig tat, um einen solchen zu verhindern oder auch nur hinauszuzögern. Immer herausfordernd,
> Aeii>l«iK emsport ß ihen. Diiit l- kurz» Mi-H
Schwere Verletzung des Memelstatutö
Der Genfer Zuriftenauöschuß über Litauens Vorgehen
Genf, 26. November.
Wie mehrere schweizerische Blätter melden, hat der Juristenausschuß, der von den Signatarmächten der Memelkonvention zur Prüfung des litauischen Vorgehens im Memelgebiet eingesetzt worden ist, in seinem vor kurzem fertiggestellten Gutachten schwere Verletzungen grundlegender Bestimmungen des Autonom i e st a t u t s festgestellt. Die Ilebergabe dieses Gutachtens und damit die Aufforderung an die litauische Regierung, die festgestellten Mißbrauche abzustellen, iK jedoch neuerdings verschoben worden. Wie es heißt, soll die litauische Regierung versuchen, durch unverbindliche Erklä
rungen in einigen nichtssagenden Punkten die lleberreichung des für Litauen unangenehmen Berichtes zu verhindern.
Die „Basier Nachrichten" bemerken dazu: Wie Litauen seinerzeit den Schritt der Signatarmächte amtlich dementiert hat, so möchte es auch das unausbleibliche Vorgehen auf Grund des Juristengutachtens sabotieren, um dann die bisherige Politik im Memelgebiet weiter treiben zu können. Sollte das zutreffen, so würde die ganze Welt nicht verstehen, wenn die Signatarmächte die Verletzung des von ihnen garantierten Memelabkom- mens zulassen und die vertragswidrigen und immer unhaltbarer werdenden Zustände weiter dulden würden.
extrem in der Eeltendmachung seiner Rechte aus allen Verträgen, immer geneigt, deren Wortlaut zu verdrängen, um durch künstliche und anscheinend einleuchtende Auslegung seine Ansprüche zu vergrößern, stellt Frankreich die ewige Gefahr für den Weltfrieden dar, während es frommerweise seine Ergebenheit zu ihm vorschützt.
Frankreichs Verhalten hinsichtlich der bevorstehenden Saar-Abstimmung, fährt das Blatt fort, ist nur ein Punkt. Aus den halbamtlichen Aeußerungen französischer Staatsmänner ge^t hervor, daß Frankreich dabei ist, sich aus seinen Verpflichtungen des Versailler Vertrages, soweit er das Saargebiet betrifft, herauszuwin- den. Frankreich bereitet den Weg vor für einen neuen Fall der Verpflichtungsverweigerung, die zum Eckstein der französischen internationalen Politik geworden ist, was auch Amerika durch die Zahlungsverweigerung Frankreichs erfahren hat. Frankreich ist dieser Verpflichtungsverweigerung so verfallen, es handhabt sie so meisterhaft und schamlos, daß es sie im selben zynischen Lichte betrachtet, in dem manche Leute eine Lüge betrachten, nämlich als kürzesten Weg zwischen zwei Punkten.
Nach Wiedergabe von Aeußerungen französischer Politiker, im Notfalle französisch« Truppen ins Saargebiet marschieren zu lassen, fährt „New Pork American" fort: Schon in diesem Punkte geht aus Frankreichs Haltung klar hervor, daß es den Geist des Versailler Vertrages verletzt und entschlossen ist, diesen lieber vollkommen null und nichtig zu machen, als die gewinnbringende Besetzung des Saargebietes aufzugeben, obwohl diese irsprüng- lich nur als zeitweilig erklärt worden war. Von keiner geringeren Persönlichkeit als dem
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früheren französischen Staatspräsidenten Millerand wurde folgend« Frage in einem Artikel in „New Park American" erhoben: „Haben wir nicht das Recht zu behaupten, daß die Saar-Lösung nachlässig angenommen wurde?" Da hab« man, so unterstreicht das Blatt, die typisch französische Haltung, mit der sich eine Dertragsverweigerung ankündigt. Zuerst verwirrt Frankreich die Grundfrage; dann stellt es die bindende Wirkung seines Versprechens in Frage; dann bringt es künstliche Behauptungen vor — in diesem Falle die angebliche deutsch« Einmischung in die Freiheit zur Volksabstimmung — und schließlich erklärt es in großspuriger Selbstbefreiung von allen Eigenverpflichtungen, daß es durch das Ziehen des Schwertes nur eine „internationale Mission" durchführe, die die Zivilisation ihm aufgezwungen habe. Solche Taktiken auf die Saar-Abstimmung angewendet, sind nichts anderes als eine Mischung von Frechheit und llnehrlichkeit, so kalgert das Blatt.
„New Pork American" fährt fort: Deutschland muß den polnischen Korridor ertragen; Oesterreich muß seine Zerfleischung ohne Klage hinnehmen; für Frankreich günstige Volksabstimmungen müssen von anderen Nationen, die die Partner des Friedensvertrages sind, angenommen werden: aber, wenn die im Versailler Vertrag eigens vorgesehene Saarabstimmung zufällig gegen Frankreich ausfallen sollte, dann darf Frankreich den Versailler Vertrag und den Willen des Saarvolkes außer acht lassen, selbst wenn seine Haltung die Welt in einen neuen Krieg stürzen sollte. Man sollte nicht zulassen, daß sich Frankreich der Vorteile seiner Abkommen erfreut, während es seine
Verpflichtungen zurückweist.
Seele und Politik
Von
vr. L. Bergmann
In letzter Zeit ist auf den Kongressen der Psychologen und in den Fachblättern von einem neuen Zweig der „Wissenschaft von der Seele" die Rede gewesen: der „politischen Psychologie". Der nachstehende Artikel berichtet über die Ergebnisse und Probleme dieser für Deutschland wohl „aktuellsten" Wissenschaft.
Es ist eine für die zünftige Psychologie nicht sonderlich schmeichelhafte Tatsache, daß es bisher zwar zahllose spezielle Zweige der „Wissenschaft von der Seele" gab — etwa Tonpsychologie, Zeugenpsychologie, Sportpsychologie usw. —, daß aber ein ernsthaftes Bemühen, die Fragen des politischen Geschehens psychologisch wirklich zu erfassen, bisher kaum zu verzeichnen war. Erst Adolf Hitler hat in seinem Buche „Mein Kampf" das Lehrbuch der politischen Psychologie geschaffen — ein Lehrbuch allerdings, das den besonderen Vorzug hat, die Wahrheit der darin vorgetragenen Anschauungen durch die Wirklichkeit bewiesen zu sehen. Der ungeheure Erfolg der nationalsozialistischen Bewegung ist der Beweis sür die Richtigkeit der psychologischen Erkenntnisse Adolf Hitlers, der Beweis dafür, daß tatsächlich seelische Motive der Urgrund alles politischen Geschehens sind.
Einen sehr wesentlichen Teil des Aufgabengebietes der politischen Psychologie bildet die Erforschung der Massen-Seele, jener in vielfacher Beziehung so rätselhaften Erscheinung, die wir alle bewußt oder unbewußt schon erlebt haben, ohne uns jedoch über die eigentlichen Ursachen ihres Zustandekommens klar geworden zu sein. Nehmen wir ein praktisches Beispiel: Im größten Saale der Stadt ist für den Abend eine politische Versammlung angesetzt; eine kaum zählbare Menschenmenge drängt sich auf den Sitzen, liest Zeitung, unterhält sich miteinander usw. Ein unendliches Stimmengewirr tönt Lurch den Saal, jeder ist nür mit sich selbst beschäftigt und achtet kaum auf das, was um ihn vorgeht. Plötzlich ertönt die Glocke: der Redner des Abends betritt seinen Platz und beginnt zu sprechen. Schon nach kurzer Zeit ist es ihm gelungen, alle Anwesenden zu packen und sie zu zwingen, ihm zuzuhören: aus einer großen Anzahl
von „zufällig" gleichzeitig versammelten einzelnen ist eine Masse geworden, für die ganz andere Gesetze gelten als für ihre vielfältig zusammengesetzten Einzelbestandteile.
Im Sprachgebrauch nennen wir zwar jede größere Menschenansammlung eine „Masse", aber psychologisch wird sie das nur unter ganz bestimmten Voraussetzungen, deren Erforschung einen wesentlichen Teil des Aufgabenbereichs der politischen Psychologie bildet. In unserem Beispiel ist aus der „Versammlung von einzelnen" durch den besonderen Zweck ihrer Zusammenkunft und durch die Leistung des Redners eine (psychologische) „Mysse" geworden. Natürlich können auch zahlreiche andere Ursachen das gleiche Resultat zur Folge haben. Innerhalb einer psychologischen Masse entsteht über alle einzelnen
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Walter Bahr
Das Sewissm zum Richter
Am 17. des Körnung von 1666, der auf «inen Donnerstag fiel, ükermehte in den Vormittagsstunden ein warmer Regenwind das ewige Rom; zerfaserte eine Rauchwolke, die über den Dächern um den Tampo di Fiore — den Dlumeumarkt — hing und vor dem Theater des Pompejus am dichtesten war; drückte qualmigen Geruch, Gestank verbrannten Fleisches und federleichte Holzasche in «inen Gassenspalt, der zwischen hohen, Llind- fenstrigen Häusern hinab an den Tiber leitete.
Zwei Männer biegen um das obere Easseneck. Der große breitschulterige, bärtige in deutscher Tracht, stützt den kleineren, schlanken, bartlosen, der die Kleidung venezianischer Händler trägt. Er spricht zu ihm: „Ein Glück für euch, Messers, Laß ich euch Herausschleppen konnte aus dem Gedränge, als, euch die Sinne schwanden und ihr unter die Hufe eines bäumenden Rosses gerietet.
»Ihr seid mein Lebensretter. Ich war erschöpft durch die Beschwerden der Seereise von Denedrg bis Ancona, von der Landfahrt bis Rom, die ich heut« beendete."
r Große blickt ihm gutmütig forschend in schmällippige Gesicht, auf die niedere, flie- ! Stirn' ,War es ein Verwandter, em nd, dem ihr das letzte Mal ins Auge schauen et? Ich sah such erbleichen, als der Priester Unglücklichen am Brandpfahl das Kreuz an tippen hielt."
en Heiland, den er nicht küßte, von dem er ibwendete, der Teufel! Mein Herz zitterte Lust, als er im Feuer schmorte, Siordano lo, Heresmrch, öbr Ihr
Seutichcr — ein Lutherischer?" , r A:>'-'.rcdete s-l-ünelt« den Kops: „Aus
ssi, -H. M "-e die Wahrheit und die
ah - ' Gaues.
„Ich bin Zuan Mocenigo. Kanntet ihr den ge- schwindzüngigen Satan, dem ich seit acht Jahren den Flammentod wünschte? Kanntet ihr den Betrüger aus Nola?"
„Ich kannte den Weisheitsfreund, hört« ihn auf der hohen Schule zu Helmstädt. Er war ein kleiner, hagerer Mann mit schütterem Bart von der Farbe reifer Kastanien. In seinem Auge glühte ein« große Seele. Ich forschte seinem gehetzten Leben nach; erfuhr, daß «er in Genf, Lyon, Toulouse, Paris, London, Oxford, Marburg, Wit- tenberg, Helmstädt, Prag, Frankfurt, Padua, Venedig vergebens nach einer Stätte dauernden Wirkens trachtet«. Nicht immer ohne eigene Schuld."
Ihr Verschwender viel Worte um einen ent- laüfenen Mönch, der die weiße Kutte der Dominikaner von sich warf, verbotener Sinnenlust zu frönen. Ich kenne ihn besser. Ich ließ ihn von Frankfurt nach Venedig zu mir kommen, in mein Haus. Ich gab ihm Obdach und Kleidung, ich nährte ihn. Er hat mich betrogen. Er versprach mir, mich alles zu lehren, was er seblft osisse."
Ihr seid beneidenswllrdig, Ser Mocenigo. Ihr durftet ihn begasten, euch teilte sich sein erleuchteter Geist mit. Euch erklärte er die zwiefältig« Seinsart der Dinge, den leidenden Stoff und die tätige Form. Euch verkündete er die Sternen- natur der Erde, erschloß euch die Unendlichkeit des Raumes, pries euch die Allgegenwart der unteilbaren Weltseele, zerbrach mir euch die Fessel des Augenscheins, sprach mit euch über sein glück- haftes Werk von der „Ursache, dem Anbeginn und dem Einen". Ihr könnt sein Feind nicht sein, Ser Mocenigo."
„Ich bin sein Feind. Alles, was ihr an -hm rühmt, hol er mir verschwiegen."
„Ihr habt ihn nicht recht verstanden, Ser Zuan Mocenigo. Seine Rede floß leidenschaftlich dahin, überblümt von wunderbaren Gleichnissen."
„Heimlicher Hohn und züngelnde Falschheit waren in seinen Worten, mein Lebensretter. Alle Geheimnisse sollte er mich lehren, alle großen und alle kleinen: Macht über die Menschen und Macht über ihr Geld. Er log mir: jetzt wißt ihr genug, Ser Zuan: mehr weiß ich selbst nicht, Ser Mocenigo: das übrige ist nicht für euch, so sagte dieser stolze Teufel. Das erboste mich. Ich überlistete ihn, sperröe ihn ein in meinem Hause, ließ ihn von meinen Dienern bewachen. Ich ging zu meinem Beichtiger. Der roch den Schwefel in den höllischen Worten des Nolaners und erweckte mein Gewissen. Ich erleichterte es in mehreren Eingaben an die heilige Inquisition. Giordano Bruno hat seitdem die Freiheit nicht mehr geschmeckt. Acht Jahre verharrte er verstockt in den Kerkern von Venedig und Rom. Heute wurde er verbrannt. Ich bin gerächt!"
Die Züge des Teutschen verfinstern sich.. Schwer und gepreßt rollen ihm die Worte über die Zähne: „Entgangenen Vorteils halber liefertet ihr einen Menschen auf den Scheiterhaufen; ein Leben, tausendfach wertvoller als das eure, auf den Holzstoß. — Du bist ein Schuft, Ser Zuan Mocenigo!"
Die kleinen Augen des Venezianers verengern sich tückisch. Er zückt ein Stilett, springt ihn an: „Ketzer!"
Der Sachse wirft ihn gelassen an die Wand: „Ich überantworte dich deinem Gewissen!"
Als sich Zuan Mocenigo wutblaß und taumelnd erhebt, ist der andere langsam seinem Blick entschritten, hinab zum Pont« Sisto, hinüber nach Trastevere.
Bremer Künstler gehen zur Bühne Aus der Eesangsschule von Frau Nößler-Betke, Bremen, wurden Fräulein Kätie Blohm ans Staatstheater in Bremen als Soubrette, und Herr Jan Rittet ans Deutsche Opernhaus Char- lottenburg-Verlin, als Bariton verpflichtet.
Hans B. Wagenseil
Die kostbare perle
Zu dem berühmtesten Goldschmied seiner Zeit kam einmal ein Abgesandter des Königs und brachte ihm eine Perle, die war größer als ein Taubenei. Diese Perle sollte der Meister so fassen, daß sie aufrecht und wie ein schwebender Stern auf einem goldenen Reifen zu sitzen käme, um das Haupt der Königin zu zieren. Der Meister hielt das unschätzbare Juwel in der einen Hand und kraulte sich mit der anderen bedenklich den Kopf. — llm so zu verfahren, sei nötig, die Perle anzubohren, um sie fein artig auf ein Stiftlein oder einen Dorn zu nadeln. Hier aber liege, mit Verlaub zu sagen, der Hund begraben! Denn eine Perle von solcher Größe habe leicht ihre Mucken und könne im Augenblick, wenn ihr der Stahlborer ins Herz fahre, auch in der geschicktesten Hand zerspringen.
So aber wollte der Abgesandte das Geschäft nicht wahrhaben. Er habe, sagte er, und ließ ein wenig die Mundwinkel fallen, wohl zu Unrecht so viel des Lobes von des Meisters Kunst und Können gehört. Wer sein Geschäft verstehe, der sei des Erfolges auch gewiß. Kurz und gut: entweder sei der Meister mit Haupt und Habe Bürge, oder er solle auch den Preis und die Ehre nicht haben.
Dem Meister schoß das Blut in den Kopf. Erst wollte er den Handel abschlagen. Dann aber ging er, um der Ehre seiner Zurünft willen, dennoch darauf ein. Kaum aber war der Abgesandte fort, da bereute er seine Eiligkeit bitter und raufte sich den Bart und hatte von Stund an nicht Ruhe mehr noch Rast. Wohl hundertmal hatte er im Laufe der Tage den Bohrer schon angesetzt, aber immer wieder fehlte ihm der Mut, das Gewinde spielen zu lasten, so daß er Werkzeug und Juwel hinwarf, seinen Hui aufsetzte und vor sich selbst
davonlief. Er ward ganz wunderlich und irrte durch die Stadt, murmelte in seinen Bart und machte verzweifelte Gebärden wie einer, der nicht ganz recht ist im Kopf. Des Nachts floh ihn der Schlaf, so daß er stöhnte und ächzte und selbst im Traum jammerte, wie ihm die Perle unter dem Bohrer zersprang.
Die Meisterin hatte bald heraus, wo ihrem Mann der Schuh drückte. Sie sann, wie sie ihm helfen könnte. Eines Tages, als ihr Alter wieder fort war auf Erillenfang, glaubte sie das Rechte gefunden. Einen Augenblick, als ihr der rettende Gedanke durch den Kopf schoß, blieb ihr das Herz stillestehen. Dann aber holte sie entschlossen die Perle aus dem Behältnis und ging hinüber in die Werkstatt. Dort stand gerade der Lehrbub an der Drehbank und hatte vor sich eine Schachtel mit allerhand Tand stehen, Japan-Perlen und böhmische Glaskugeln und Zierat aus Italien. Da griff er munter hinein, ließ den Bohrer singen und pfiff und nadelte auf und reihte bunte Elasketten. Die Meisterin warf ihm so, als sei es billiger Tand, die kostbare Perle hin und sagte leichthin: „Geh, Theodor, bohr mir mal eben den Klunker an." Damit drehte sie sich um u: - schlug ein Kreuz.
Der Bub griff zu, es knirschte und splitterte ein wenig — und das Werk war getan. Der-Bub wunderte sich nicht wenig, als ihm die Meisterin um den Hals fiel. Als der Meister heimkam, lag die' Perle fein säuberlich auf einem roten Samtkissen. Vor Staunen konnte- er kein Wort hervorbringen. Da lachte die Meisterin und sagte, ihn am Ohr zupfend: „So mutzt du denn wieder beim Lehrbuben in die Schul' gehen. Oder weißt du nicht mehr, daß zu einem guten Handwerk vor allem eins gehört: munteres Drangehen und eine frohe Unbefangenheit!"