Ausgabe 
(23.11.1934) Nr. 324
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Nr. 324 / 4. Vierteljahr

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Freitag, 23. November

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Neue Verbote für das Eaargebiet

Eine Verordnung der Regierungökommission: Den Beamten ist untersagt.

Saarbrücken, 22. November.

Der Abstimmungsausschuß hat eine Bekannt­machung erlassen, in der verboten wird, Anschrif­ten, die ein politisches Bekenntnis zur Abstimmung darstellen, an Häusern im Saargebiet anzubringen. Der Abstimmungsausschuß erinnert an einen Ar­tikel seiner Strafbestimmungen, wonach derjenige, welcher durch unerlaubte Mittel eine Person zu bestimmen versucht, zu offenbaren, in welchem Sinne sie abzustimmen gedenkt, mit Gefängnis von drei Monaten bis zu drei Jahren bestraft wird. Die Abstimmungskommission warnt daher vor derartigen Versuchen; sie behält sich vor, die ihr zur Kenntnis kommenden Fälle der Staats­anwaltschaft des zuständigen Abstimmungs­gerichtes anzuzeigen.

In Form einer Auflagenachricht für die Saar­presse hat die Regierungskommission auf Ersuchen der Abstimmungskommission eine neue Verord­nung erlassen, nach der den unmittelbaren oder mittelbaren Staatsbeamten untersagt ist:

1. In oder für Vereinigungen, die eine Ein­wirkung auf die Volksabstimmung bezwecken, irgendwelche Parteifunktionen oder irgendeine Agitationsarbeit auszuüben;

2. politische Versammlungen zu veranstalten, zu leiten oder in diesen als Redner aufzutreten:

3. in periodischen oder nichtperiodischen Druck­schriften Angelegenheiten der Volksabstimmung zum Gegenstände der Erörterung zu machen. Ver­tretern von Behörden oder deren Vertretern, die Beamteneigenschast besitzen, ist dir Teilnahme an öffentlichen, aus Anlaß der Volksabstimmung stattfindenden Veranstaltungen verboten, sofern die Teilnahme in der Eigenschaft als Vertreter einer Behörde erfolgt. Zuwiderhandlungen wer­den mit Gefängnis nicht unter drei Monaten und mit Geldstrafen nicht unter 1ÜVÜ Franken bestraft. Bei mildernden Umständen tritt Gefängnis nicht unter einer Woche und Geldstrafe nicht unter Süll Franken ein.

Regierung und Abstimmungskommiffion glauben in ihrer Verordnung ferner darauf hinweisen zu müssen, daß Beamten bei ihrer Betätigung im öffentlich-politischen Leben bereits durch ihr Amt Rücksichten auferlegt sind, die für andere, nicht unter dem Zwang der im öffentlichen Interesse unerläßlichen Disziplin stehende Staatsbürger nicht in Betracht kommen. Außerdem müsse der Beamte in der gegenwärtigen Abstimmungszeit auch bei politisch Andersdenkenden das Vertrauen auf seine Unparteilichkeit erwecken. Dieses Ver­trauen sei nicht denkbar, wenn er in den politischen Kampf eingreife oder seine politische Werbearbeit mit zum Gegenstand von Erörterungen und Angriffen auch in der Presse werde. Es sei Pflicht der Abstimmungskommission, nach Möglichkeit dafür zu sorgen, daß keiner Partei im Saargebiet die "Möglichkeit gegeben werde, unter Berufung auf die öffentliche Staats­gewalt pglitische Ziele zu »erfolgen und die öffentliche Meinung zu gewinnen. Dieser Miß­brauch könne nur durch eine Einschränkung des

Rechtes der außerdienstlichen politischen Betäti­gung der Beamten wirksam verhindert werden.

Die neue Verordnung der Saarregierung, die an den Gefühlen und an den bürgerlichen Rech­ten einer großen Gruppe von Abstimmungsberech> tigten auch hier ohne weiteres vorbeigeht, wird im Sinne des Aufrufes der Landesleitung der Teutschen Front mit selbstverständlicher Disziplin aufgenommen und befolgt werden. Allerdings wird der Saarbevölkerung nicht verübelt werden können, wenn sie diese Maß­nahme ebenso wenig begreift wie die vorange­gangenen weit- und volksfremden Methoden der Regierungskommission. Die Beamtenschaft des Saaraebietes bildet einen Teil der saardeutschen Bevölkerung und ist nicht zu verwechseln mit der dortigen unmittelbaren Beamtenschaft des Völ-

Bcrlin, 22. November.

Zur Frage der Preisbindungen in der Wirt­schaft gibt der Reichskommissar für Preisüber­wachung folgende Erklärung ab:

Eine meiner wichtigsten Aufgaben erblicke ich darin, die Wirtschaft von solchen Bindungen zu befreien, die der Entwicklung und Verwertung der Gaben und Fähigkeiten des Menschen entgegen­stehen. Es versteht sich von selbst, daß ich hierbei nicht einem zügellosen Wettbewerb, dem jedes Mittel recht ist, den Weg freimachen will. Ebenso selbstverständlich ist es, daß viele Bindungen der landwirtschaftlichen und industriellen Urproduk­tion und auch manche andere als nationalwirt­schaftlich notwendig anzuerkennen sind.

Wenn ich auf Gebieten der Er^ugung und des Handels Bindungen, die ich auf Grund meiner Erfahrung und Prüfung als volkswirtschaftlich überflüssig und schädlich ansehe, aufhebe oder lok- kere, so werden die notwendigen wirtschaftlichen Sicherheiten geschaffen werden.

In der Notzeit der Nachkriegsjahre haben sich unleugbar vielfach Formen und Methoden des Wettbewerbes entwickelt, die mit Verussehre und geschäftlichem Anstand unvereinbar sind. Preis­unterbietungen, die nicht zu Lasten des eigenen, sondern fremden Risikos erfolgen, sind das, was man liberalistisch nennen könnte. Die Möglichkeit, auf Kosten Dritter (Staat, Gefolgschaft und Geld­geber) mit Preisen zu schleudern, gilt es, scharf zu beschneiden. Hierin sowie in der Ueberwachung einer der Kaufkraftlage richtig angepaßten Quali­tätshaltung sehe ich heute die wichtigste Aufgabe der fachlichen Selbstverwaltung, nicht aber in der Festlegung und Verteidigung eines starren Preis­systems.

kerbundes. Auch von der deutschen Beamtenschaft ist selbstverständlich Pflichterfüllung in ihrem Amt zu verlangen. Eine Neutralität aber, die zu einer entsprechenden Interesselosigkeit und In­differenz gegenüber dem Kampf um das Saar­deutschtum ausarten und sich entsprechend äußern würde, kann jedoch dieser Beamtenschaft nicht zu­gemutet werden. Wenn jedoch Abstimmungskom­mission und Regierungskommission glauben, diese natürliche Zusammengehörigkeit zwischen den saardeutschen Beamten und der übrigen, ebenso wie sie auf den 13. Januar mit froher Zuversicht eingestellten saardeutschen Bevölkerung mit pa­pierenen Gesetzen brechen zu können, so befinden sie sich in einem schweren Irrtum.

Es bleibt nun abzuwarten, ob sich die vor­liegende Verordnung auch auf jene Beamten er-

Die hierzu nötigen Voraussetzungen sind in fol­gendem gegeben: Es muß die Sicherheit gegeben sein, daß jeder Wettbewerber unter allen Umstän­den seine Verpflichtungen gegen Staat und seine Gefolgschaft erfüllt, um überhaupt auf die Dauer im Geschäft bleiben zu dürfen. Hierzu wird den Verbänden deren Preisbindungen aufgehoben, oder die die Aufhebung freiwillig beantragt ha­ben, das Recht geben, Lei den zuständigen Stellen der Finanzverwaltung und der Arbeitsfront jeder­zeit Erkundigungen einzuziehen und die Kalkula­tion solcher Berufsgenossen, die ihren Verpflich­tungen nicht nachkommen, durch eine neutrale Stelle genau nachprüfen zu lassen.

Es wird mit allen Mitteln darauf hingewirkt werden, daß künftig von den Möglichkeiten, welche

Südslawische Note überreicht

Gens, 22. November.

Der südslawische Außenminister Jestitsch hat Donnerstag nachmittag im Völkerbunds- sekretariat die angekündigte Note über­reich:« lassen, in der die Untersuchung der politischen Verantwortlichkeiten des Mar- seiller Attentats verlangt wird. Die Note, die drei Schreibmaschinenseiten umfaßt und alsbald veröffentlicht werden soll, richtet sich, wie verlautet, ausdrücklich gegen Ungarn und wird später durch eine ausführliche Ma- terialsammlung ergänzt werden. Die übri­gen Mitglieder der Kleinen Entente haben angekündigt, daß sie den südslawischen Vor­stoß durch gleiche Schritte unterstützen wer­den.

strecken wird, die gerade in den ihnen zugewie­senen politischen Stellen stärkstes Aerger- nis im Saargebiet hervorrufen: die von dem Präsidenten Knox eingestellten Emigranten­beamten in der Regierungskommission, die in den Augen der saardeutschen Bevölkerung Dinge mit ihren Amtspflichten zu vereinbaren wußten, die allem anderen als die ihnen auferlegte Neu­tralität entsprachen. Es sei hierbei nur an die letzte Denkschrift der Deutschen Front erinnert, die über die Spitzeltätigkeit gewisser Beamten auf der Polizeidirektion interessante Mitteilun­gen machte und über deren Stichhaltigkeit dem­nächst das neutrale Abstimmungsgericht in dem kommenden Prozeß der Regierungskommission gegen die Führer des Saardeutschtums in aller Gewissenhaftigkeit zu befinden haben wird.

die Vorschriften des Gesetzes gegen den unlau­teren Wettbewerb und der Konkursordnung bieten, in wirksamster Weise zur Bekämpfung gemeinschädlicher Preisschleuderei Gebrauch gemacht wird. Wer in seiner Preisge­staltung unredlich war, wird in Zukunft keine Möglichkeit haben, sich die Vorteile eines Ver­gleichsverfahrens zunutze zu machen. Nötigenfalls wird auch eine Verschärfung der geltenden Straf­bestimmungen in dem Sinne erfolgen, daß die, einer Zahlungseinstellung vorhergegangene rück­sichtslose Preisunterbietung, die zur Verschleude­rung anvertrautei Werte geführt hat, als beson­dere strafbare Handlung geweitet wird.

Bei solchen Sicherheiten liegt die Wahrung der Standesehre dann nicht mehr in der Jnnehaltung eines irgendwie vorgeschriebenen Preises, sondern in der Jnnehaltung der klar umrissensn Bedin­gungen für den Wettbewerb. Für Selbstdisziplin und Fleiß, Arbeitskraft und Arbeitsleistung ist dann der Weg zum Erfolg frei gemacht.

Die Stimme Znöiens

Ablehnung des britischen Parlamentsberichts London, 22. November.

Reuter meldet über die erste Aufnahme des Berichts des gemeinsamen Ausschusses beider Häu­ser des britischen Parlaments in der Frage der Verfassungsreform in Indien folgen­des: In Delhi bemängeln die Inder, daß der Ausschuß die Gewährung der Dominienverfassung an Indien ablehnt und durch seine Vorschläge die Entwicklung einer wirklichen freiwilligen Zu­sammenarbeit zwischen dem britischen und dem indischen Volk verhindert hat. Die Inder erhoffen jedoch, falls in England eine Arbeiterregierung ans Ruder kommt, eine Revision der Verfassung.

Gittengebende Macht

Von Walter Julius Bloem

Die Schneider von Welt bilden sich ein, daß sie die Mode machen; sie sind aber nur kleine Handlanger, die eifrig die Befehle ausführen, welche ihnen von ganz anderen Leuten erteilt werden. Die Schneider von Welt bestärken die „herrschende Richtung". Aber die eigentliche Entscheidung über die Mode nicht nur der Kleider, auch über die Sitten wird immer getroffen von einer be­stimmten und ganz deutlich abgegrenzten Menfchenschicht. Seit altersher hing die sittengebende Gewalt vom Gelde ab. Das germanische Blut empörte sich immer von neuem gegen den Reichtum als sittengebende Macht. Etwa ein halbes Jahrhundert mag es sein, seit das deutsche Volk sich einem zügellosen Streben nach Geld zugewendet hatte. Heute geben nicht mehr die Fürsten und Könige das verderbliche Beispiel; die Geldmenschen haben ihr Werk getan, und es schien, als sei das germanische Erbteil in un­serm Blut ausgestorben. Schon während des Krieges lag der heroische. Volksteil in er­bittertem Kampf mit den eigensüchtigen Kräften, die ihm das Recht absprechen woll­ten, eherne Sitten zu geben. Als aber die deutschen Heroen besiegt waren, band ihr Niederbruch alle Kräfte der Eigensucht los: die deutschen Sitten wurden seither gebildet von den ausgesprochen unheroischen Schich­ten unseres Volkes. Die tonangebenden Leute mußten wohlhabend sein, solches war die erste Forderung nicht vor der Nation, sondern vor einer gesichtslosen Oeffentlich- keit. Sie mußten sich ferner in einer Weise benehmen, daß auch jeder sah: die haben's dazu! Der geistige Verfall des deutschen Bürgertums und seine Auswanderung aus den Gebieten der Kultur, seine Einwande­rung in die Gebiete der Technik ist dadurch zu erklären, daß die geistvollen Menschen Wichtigeres zu tun haben, als nur nach dem Gelde zu streben. Aeußerlicher Besitz ist aber der Maßstab geworden, an dem die Sitten und Gebräuche gemessen werden. Das Geld allein entscheidet, ob eine Persönlichkeit weiblichen Geschlechtes eine Dame ist oder so­zusagen nur eine Frau: denn, wenn sie kein Geld hat, kann sie sich nicht damenhaft an­ziehen, mit bescheidenen Mitteln ist sie Keinesfalls imstande, die Forderungen der Kleidungskultur, der Wohnungskultur, ja, der Essenskultur zu erfüllen. Unkultiviert genug, sich kein Auto leisten zu können, ge­rät sie in Nachteil gegen die Geliebte eines beutemachenden Börsenjobbers — und nicht die Frau, sondern die Dame hat die öffent­lichen Sitten gemacht, unter denen wir noch heute leiden, da wir an ihnen zugrunde ge­gangen sind in einem Maße, von dem das breite Volk noch nichts ahnt/ Denn die sitten­gebende Macht ist jene, die das allgemeine Lebensvorbild abgibt, und da die Forderun­gen eines materialistischen Vorbildes nur mit äußersten Geldmitteln zu erfüllen waren, so entstand lediglich aus dieser Gesinnung die deutsche Kinderlosigkeit.

Und so ist es die bitterste aller deutschen Gefahren, daß unsere Sitten und Gebräuche nur von den Kinderlosen gemacht wer­den, und bevor man die Kinderlosen nicht

Gegen die Vreisschleuderei

Line Mahnung des ReichSkommstsarS / Die Bindungen in der Wirtschaft

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Hickory Wagners Die Walküre

„Die Heimkekr «>es ^a«kias krack"

Von den ersten tonmalerischen Takten des Ee- wittersturmes, vor dem Siegmund in Hundings Hütte flieht, bis zum Finale im Flammenwall der Waberlohe ist die neue Inszenierung des ersten Teils der Wälsungen-Tragödie gekennzeichnet durch eine Einheitlichkeit und Einmütigkeit des Eestaltungswillens am Regietisch und am Diri­gentenpult, wie wir sie von der Zusammenarbeit zwischen Intendant Dr. Becker als dem ersten Opern-Spielleiter und Generalmusik­direktor Beck als erstem Kapellmeister des Hauses erhofft und erwartet haben. Man hat den Blick nicht rückwärts gewandt und mit konjunk- turfrommem Zungenschlag gerufen: „Zurück zu Wagner!" Man bejaht unsere Zeit und ihre Mittel auf der Bühne und im Orchester. Aber man hat auch alles beiseite gestellt, was die Ent­wicklung gebracht hatte an gelungenen und miß­lungenen Versuchen, Wagners Werk durch reali­stische Mittelchen gewissermaßen ins Realistische zu transponieren. Im Gegenteil: Wagners Pathos wurde hier sogar unterstrichen. Das durchaus Eigene und Persönliche in der Inszenierung war dieses, daß man jenes hohe Pathos befestigte und begründete. Der intellektuelle Anti-Wagnerianer muß vor dieser Walküre-Inszenierung sein Fähn­lein streichen, denn selbst Besetzungs-Ilngleichhei- ten, wie man sie nur einzig und allein in Bay- reuth vermeiden kann, bieten keine Angriffs­flächen. Das Ganze ist zu zwingend.

Die drei Schauplätze der Handlung: das Innere der Wohnung Hundings liegt im vorgeschichtlichen Zwielicht, kühl und beinahe archäologisch nüchtern ist hier alles hingestellt, Museumsmuff fehlt, ein j starker Effekt der Gruß des Wonnemonds, der aus dem Orchester herausspringt — Bild zwei: „Wil­des Felsengebirge in architektonisch gesteigertem

Aufbau, fahl selbst die intensivst theatralischen Rot-Belichtungen der Felsspitzen, das Bild er­füllt mit Eiszeit- oder Steinzeit-Kühle — endlich der „Gipfel des Brünhildensteins", im Aufbau „ganz einfach" symmetrisch gegen das vorausge­gangene Bild gekehrt, gewiß ein simpler Kunst­kniff, so einfach wie das „Ei des Columbus", man mußte nur darauf kommen. Das Gebilde ist wie das vorausgegangene berechnet auf Belebung durch Handlung: hier durch die militanten Walküren und auf die Farbreflexe durch die Waberlohe zum Schluß.

Durch Unwahrscheinliches das Unwahrscheinliche ins Wahre erheben, das ist auch das Prinzip des „Spielens" auf der Bühne. Dabei stehen die handelnden Petsonen selbstverständlich wie in jeder Opernregie von Format in Beziehung zur Musik. Es sind wohl abgewogene pantomimische An­deutungen gegeben, deren Grenzen allerdings hier und da stärker gestreift werden, als am Regietisch sicherlich gewünscht wurde. Zum Beispiel von EertrudeRollers Vrünhilde. Die Echtheit der gesanglich sonst versierten Partie litt unter dieser Haltung, die oft wie eine Reaktion auf Akzente des Orchesters wirkte. Einschließlich dieser Partie sind die Frauenrollen sonst gute Leistungen. Wundervoll gemessen und großartig wie das Mythos selbst ist Trete Penses Fricka. Die überlegene Beherrschung der Partie und der Begabung grenzt an Virtuosität, die Innerlichkeit des Ausdrucks ist zu echt, als daß der Eindruck der Virtuosenleistung entsteht. Eine offensichtlich begeisternde und Respekt gebietende künstlerische Tat. Auch Käthe Teuwen ist ihrer Sache sicher. Sie gibt der Wälsungen- mragik ihrer ausdrucks- und wandlungssähigen

Sieglinde gesteigerten Ausdruck. Gegen den Gast aus Hamburg, gegen Hans Grahls markige Wagner-Figur und lebensnahe Siegmund-Dar- stellung, hatten unsere heimischen Kräfte Fritz Schweinsberg (Hunding) und Ernst Hölzlin (Wotan) keinen leichten Stand. Während der Hunding zuverlässig und solide mit seinen Mitteln sich durchaus zur Ehre des Hauses hielt, ging Hölzlin beherzt aus sich und seiner Position heraus. So einen Gegner hat man dieser jungen Begabung mal gewünscht. Das tut ihm gut, daß er sich ins Zeug legen mußte. Der Wotan wurde eine Feuerprobe, mit der sich Hölzlin offenbarte. Man durfte seine helle Freude haben an dieser ausgezeichneten Darstellung.

Zu der großen Form seiner Leistungsfähigkeit, wie wir sie aus den Philharmonischen Konzerten kennen, führt Generalmusikdirektor Beck das Orchester. Die Prachtentfaltung der Aus­drucksmöglichkeiten dieses wie hypnotisiert musi­zierenden Klangkörpers fordert geradezu heraus zu der Frage, wie es möglich sein mag, daß dieses Orchester an vorausgegangenen Opernabenden so gang und gar... anders „klang". Die Orchester­sprache war bildhaft und plastisch, die Haltung der Beckschen Darstellung weihevoll und ernst. Bedeutungsvoller für die Beurteilung der Dirigentenleistung ist die engste Beziehung zwischen Orchester und Bühne. Schwer zu sagen, wo Atem, Rhythmus, dramatisches Tempo und Stimmungsgehalt der Aufführung primär bestimmt wurden: am Regietisch oder am

Dirigentenpult. Die Einmütigkeit und Einheitlich­keit der Inszenierung ist zu widerstandsfähig, als daß sie sich durch eine verstandesmäßige Sonde zerlegen läßt in ihre Bestandteile. ess.

Das Staatstheatcr bereitet neben dem Weih­nachtsmärchen „Frau Holle" für Anfang De­zember eine Neueinstudierung der melodienreichen und gefälligen Operette „Polenblut" vor.

Sigmund Grafs gestaltet in seinem Heimkehrer­stück das Schicksal eines deutschen Soldaten, der in russische Kriegsgefangenschaft geraten, nach fast achtzehnjähriger teils erzwungener, teils frei­williger Abwesenheit wieder auf sein früheres bäuerliches Besitztum zurückgekehrt. In dem Augenblick zurückkehrt, wo sein Weib, die Bäuerin, die nach langen Jahren vergeblichen Harrens zwei Jahre zuvor einen zweiten Mann geehelicht, den Erstgeborenen aus diesem Bund taufen läßt. Die von Akt zu Akt vorschreitende bittere Er­kenntnis und späte Einsicht, daß er hier sich selbst seines Rechtes begeben hat, daß er überflüssig geworden ist, treibt Matthias Bruck schließlich zum Selbstmord. — Von den Bllhnenwerken Eraffs ist dieses vielleicht neben der „Endlosen Straße" das einprägsamste, weil er hier am weite­sten von der Typisierung seiner Figuren zur Men­schengestaltung vorstößt.

Ist nun die Tragik dieses Heimkehrers zwin­gend? Man muß diese Frage, je öfter man sich mit diesem Werk auseinandersetzt, um so mehr verneinen. Der selbstgewählte Tod ist für Mat­thias Brück keine unabwendbare, unentrinnbare tragische Notwendigkeit, sondern eine Ausflucht, eine Flucht vor sich selbst. Der Autor selber hat seiner Bühnengestalt das innere Recht dazu genommen. Nicht ein ganz großer Glaube an die Heimat, an Weib und Kind, Haus und Hof treibt ihn nach so viel Jahren der Trennung heim,, sondern — der Zufall! Dieser Mann mußte nicht nach Hause, er kommt nur zufällig zurück. Wären andere Zufälle eingetreten, hätte er ver­mutlich noch länger nicht heimgefunden. Nicht daran stirbt dieser Mensch, daß sein Glaube mit der Erkenntnis seiner Ueberflüssigkeit und damit sein Lebenswille zusammenbricht, sondern weil er

eine der vielen schwankenden Gestalten dieser Zeit ist. Er ist von Anfang bis zu Ende, kein aus Glaubensgröße Fordernder, sondern ein sich heim­lich hereinstehlender Ueberflüssiger, der solchen Glauben nie besessen, nie von ihm besessen war.

Wahrhaft groß ist diesem gegenüber die Bäue­rin, wie ihr von Anfang an auch die ungeteilte Sympathie des Zuschauers gehört. Es ist eine der eindrucksvollsten Szenen des Stücks, wenn Lucie Höflich als stattliche Bäuerin, als eine zweite Judith Plattner, Gericht über ihn hält. Wenn sie ihm die Frage ins Gesicht schleudert: „Warum bist Du überhaupt gekommen:", wenn sie mit un­erbittlicher Folgerichtigkeit sich die immer noch in ihr verborgene Liebe zu diesem Menschen aus , dem Herzen reißt, weil sie erkennen muß, daß die­ser gar nicht der Mann war, auf den sie Jahre hindurch geharrt, an den sie umsonst geglaubt hatte. Und sie, die einer viel größeren Prüfung unterworfen wird, zerbricht darum nicht, weil sie ihre alte und neue Heimat nie aufgegeben hat.

Die dem Werk mangelnde innere Dramatik wäre von der Regie (Herm. Schultze- Eriesheiml durch um so größere Straffung auszugleichen gewesen. Durch allzu große Zer- dehnung gelangte die Aufführung nicht ganz zu der Eindrucksstärke, die erreichbar ist. Dadurch zerflatterte vieles. Die zu große Tiefe und Weit- räumigkeit dieser Bauernstube verhinderte auch zu ihrem Teil diese mögliche Geschlossenheit und Eindringlichkeit. Dieses Stück verlangt die Kon­zentration des Zuschauers, die darum auch durch den Vühnenausschnitt unterstützt werden mutz. Dazu tritt die Schwierigkeit der Dialektverständ­lichkeit noch hinzu, die aber zum großen Teil be­hoben ist, wenn das gesamte Geschehen weiter nach vorn verlagert wird. Das bewiesen immer