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Nr. 324 / 4. Vierteljahr
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Freitag, 23. November
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Neue Verbote für das Eaargebiet
Eine Verordnung der Regierungökommission: Den Beamten ist untersagt.
Saarbrücken, 22. November.
Der Abstimmungsausschuß hat eine Bekanntmachung erlassen, in der verboten wird, Anschriften, die ein politisches Bekenntnis zur Abstimmung darstellen, an Häusern im Saargebiet anzubringen. Der Abstimmungsausschuß erinnert an einen Artikel seiner Strafbestimmungen, wonach derjenige, welcher durch unerlaubte Mittel eine Person zu bestimmen versucht, zu offenbaren, in welchem Sinne sie abzustimmen gedenkt, mit Gefängnis von drei Monaten bis zu drei Jahren bestraft wird. Die Abstimmungskommission warnt daher vor derartigen Versuchen; sie behält sich vor, die ihr zur Kenntnis kommenden Fälle der Staatsanwaltschaft des zuständigen Abstimmungsgerichtes anzuzeigen.
In Form einer Auflagenachricht für die Saarpresse hat die Regierungskommission auf Ersuchen der Abstimmungskommission eine neue Verordnung erlassen, nach der den unmittelbaren oder mittelbaren Staatsbeamten untersagt ist:
1. In oder für Vereinigungen, die eine Einwirkung auf die Volksabstimmung bezwecken, irgendwelche Parteifunktionen oder irgendeine Agitationsarbeit auszuüben;
2. politische Versammlungen zu veranstalten, zu leiten oder in diesen als Redner aufzutreten:
3. in periodischen oder nichtperiodischen Druckschriften Angelegenheiten der Volksabstimmung zum Gegenstände der Erörterung zu machen. Vertretern von Behörden oder deren Vertretern, die Beamteneigenschast besitzen, ist dir Teilnahme an öffentlichen, aus Anlaß der Volksabstimmung stattfindenden Veranstaltungen verboten, sofern die Teilnahme in der Eigenschaft als Vertreter einer Behörde erfolgt. Zuwiderhandlungen werden mit Gefängnis nicht unter drei Monaten und mit Geldstrafen nicht unter 1ÜVÜ Franken bestraft. Bei mildernden Umständen tritt Gefängnis nicht unter einer Woche und Geldstrafe nicht unter Süll Franken ein.
Regierung und Abstimmungskommiffion glauben in ihrer Verordnung ferner darauf hinweisen zu müssen, daß Beamten bei ihrer Betätigung im öffentlich-politischen Leben bereits durch ihr Amt Rücksichten auferlegt sind, die für andere, nicht unter dem Zwang der im öffentlichen Interesse unerläßlichen Disziplin stehende Staatsbürger nicht in Betracht kommen. Außerdem müsse der Beamte in der gegenwärtigen Abstimmungszeit auch bei politisch Andersdenkenden das Vertrauen auf seine Unparteilichkeit erwecken. Dieses Vertrauen sei nicht denkbar, wenn er in den politischen Kampf eingreife oder seine politische Werbearbeit mit zum Gegenstand von Erörterungen und Angriffen auch in der Presse werde. Es sei Pflicht der Abstimmungskommission, nach Möglichkeit dafür zu sorgen, daß keiner Partei im Saargebiet die "Möglichkeit gegeben werde, unter Berufung auf die öffentliche Staatsgewalt pglitische Ziele zu »erfolgen und die öffentliche Meinung zu gewinnen. Dieser Mißbrauch könne nur durch eine Einschränkung des
Rechtes der außerdienstlichen politischen Betätigung der Beamten wirksam verhindert werden.
Die neue Verordnung der Saarregierung, die an den Gefühlen und an den bürgerlichen Rechten einer großen Gruppe von Abstimmungsberech> tigten auch hier ohne weiteres vorbeigeht, wird im Sinne des Aufrufes der Landesleitung der Teutschen Front mit selbstverständlicher Disziplin aufgenommen und befolgt werden. Allerdings wird der Saarbevölkerung nicht verübelt werden können, wenn sie diese Maßnahme ebenso wenig begreift wie die vorangegangenen weit- und volksfremden Methoden der Regierungskommission. Die Beamtenschaft des Saaraebietes bildet einen Teil der saardeutschen Bevölkerung und ist nicht zu verwechseln mit der dortigen unmittelbaren Beamtenschaft des Völ-
Bcrlin, 22. November.
Zur Frage der Preisbindungen in der Wirtschaft gibt der Reichskommissar für Preisüberwachung folgende Erklärung ab:
Eine meiner wichtigsten Aufgaben erblicke ich darin, die Wirtschaft von solchen Bindungen zu befreien, die der Entwicklung und Verwertung der Gaben und Fähigkeiten des Menschen entgegenstehen. Es versteht sich von selbst, daß ich hierbei nicht einem zügellosen Wettbewerb, dem jedes Mittel recht ist, den Weg freimachen will. Ebenso selbstverständlich ist es, daß viele Bindungen der landwirtschaftlichen und industriellen Urproduktion und auch manche andere als nationalwirtschaftlich notwendig anzuerkennen sind.
Wenn ich auf Gebieten der Er^ugung und des Handels Bindungen, die ich auf Grund meiner Erfahrung und Prüfung als volkswirtschaftlich überflüssig und schädlich ansehe, aufhebe oder lok- kere, so werden die notwendigen wirtschaftlichen Sicherheiten geschaffen werden.
In der Notzeit der Nachkriegsjahre haben sich unleugbar vielfach Formen und Methoden des Wettbewerbes entwickelt, die mit Verussehre und geschäftlichem Anstand unvereinbar sind. Preisunterbietungen, die nicht zu Lasten des eigenen, sondern fremden Risikos erfolgen, sind das, was man liberalistisch nennen könnte. Die Möglichkeit, auf Kosten Dritter (Staat, Gefolgschaft und Geldgeber) mit Preisen zu schleudern, gilt es, scharf zu beschneiden. Hierin sowie in der Ueberwachung einer der Kaufkraftlage richtig angepaßten Qualitätshaltung sehe ich heute die wichtigste Aufgabe der fachlichen Selbstverwaltung, nicht aber in der Festlegung und Verteidigung eines starren Preissystems.
kerbundes. Auch von der deutschen Beamtenschaft ist selbstverständlich Pflichterfüllung in ihrem Amt zu verlangen. Eine Neutralität aber, die zu einer entsprechenden Interesselosigkeit und Indifferenz gegenüber dem Kampf um das Saardeutschtum ausarten und sich entsprechend äußern würde, kann jedoch dieser Beamtenschaft nicht zugemutet werden. Wenn jedoch Abstimmungskommission und Regierungskommission glauben, diese natürliche Zusammengehörigkeit zwischen den saardeutschen Beamten und der übrigen, ebenso wie sie auf den 13. Januar mit froher Zuversicht eingestellten saardeutschen Bevölkerung mit papierenen Gesetzen brechen zu können, so befinden sie sich in einem schweren Irrtum.
Es bleibt nun abzuwarten, ob sich die vorliegende Verordnung auch auf jene Beamten er-
Die hierzu nötigen Voraussetzungen sind in folgendem gegeben: Es muß die Sicherheit gegeben sein, daß jeder Wettbewerber unter allen Umständen seine Verpflichtungen gegen Staat und seine Gefolgschaft erfüllt, um überhaupt auf die Dauer im Geschäft bleiben zu dürfen. Hierzu wird den Verbänden deren Preisbindungen aufgehoben, oder die die Aufhebung freiwillig beantragt haben, das Recht geben, Lei den zuständigen Stellen der Finanzverwaltung und der Arbeitsfront jederzeit Erkundigungen einzuziehen und die Kalkulation solcher Berufsgenossen, die ihren Verpflichtungen nicht nachkommen, durch eine neutrale Stelle genau nachprüfen zu lassen.
Es wird mit allen Mitteln darauf hingewirkt werden, daß künftig von den Möglichkeiten, welche
Südslawische Note überreicht
Gens, 22. November.
Der südslawische Außenminister Jestitsch hat Donnerstag nachmittag im Völkerbunds- sekretariat die angekündigte Note überreich:« lassen, in der die Untersuchung der politischen Verantwortlichkeiten des Mar- seiller Attentats verlangt wird. Die Note, die drei Schreibmaschinenseiten umfaßt und alsbald veröffentlicht werden soll, richtet sich, wie verlautet, ausdrücklich gegen Ungarn und wird später durch eine ausführliche Ma- terialsammlung ergänzt werden. Die übrigen Mitglieder der Kleinen Entente haben angekündigt, daß sie den südslawischen Vorstoß durch gleiche Schritte unterstützen werden.
strecken wird, die gerade in den ihnen zugewiesenen politischen Stellen stärkstes Aerger- nis im Saargebiet hervorrufen: die von dem Präsidenten Knox eingestellten Emigrantenbeamten in der Regierungskommission, die in den Augen der saardeutschen Bevölkerung Dinge mit ihren Amtspflichten zu vereinbaren wußten, die allem anderen als die ihnen auferlegte Neutralität entsprachen. Es sei hierbei nur an die letzte Denkschrift der Deutschen Front erinnert, die über die Spitzeltätigkeit gewisser Beamten auf der Polizeidirektion interessante Mitteilungen machte und über deren Stichhaltigkeit demnächst das neutrale Abstimmungsgericht in dem kommenden Prozeß der Regierungskommission gegen die Führer des Saardeutschtums in aller Gewissenhaftigkeit zu befinden haben wird.
die Vorschriften des Gesetzes gegen den unlauteren Wettbewerb und der Konkursordnung bieten, in wirksamster Weise zur Bekämpfung gemeinschädlicher Preisschleuderei Gebrauch gemacht wird. Wer in seiner Preisgestaltung unredlich war, wird in Zukunft keine Möglichkeit haben, sich die Vorteile eines Vergleichsverfahrens zunutze zu machen. Nötigenfalls wird auch eine Verschärfung der geltenden Strafbestimmungen in dem Sinne erfolgen, daß die, einer Zahlungseinstellung vorhergegangene rücksichtslose Preisunterbietung, die zur Verschleuderung anvertrautei Werte geführt hat, als besondere strafbare Handlung geweitet wird.
Bei solchen Sicherheiten liegt die Wahrung der Standesehre dann nicht mehr in der Jnnehaltung eines irgendwie vorgeschriebenen Preises, sondern in der Jnnehaltung der klar umrissensn Bedingungen für den Wettbewerb. Für Selbstdisziplin und Fleiß, Arbeitskraft und Arbeitsleistung ist dann der Weg zum Erfolg frei gemacht.
Die Stimme Znöiens
Ablehnung des britischen Parlamentsberichts London, 22. November.
Reuter meldet über die erste Aufnahme des Berichts des gemeinsamen Ausschusses beider Häuser des britischen Parlaments in der Frage der Verfassungsreform in Indien folgendes: In Delhi bemängeln die Inder, daß der Ausschuß die Gewährung der Dominienverfassung an Indien ablehnt und durch seine Vorschläge die Entwicklung einer wirklichen freiwilligen Zusammenarbeit zwischen dem britischen und dem indischen Volk verhindert hat. Die Inder erhoffen jedoch, falls in England eine Arbeiterregierung ans Ruder kommt, eine Revision der Verfassung.
Gittengebende Macht
Von Walter Julius Bloem
Die Schneider von Welt bilden sich ein, daß sie die Mode machen; sie sind aber nur kleine Handlanger, die eifrig die Befehle ausführen, welche ihnen von ganz anderen Leuten erteilt werden. Die Schneider von Welt bestärken die „herrschende Richtung". Aber die eigentliche Entscheidung über die Mode nicht nur der Kleider, auch über die Sitten wird immer getroffen von einer bestimmten und ganz deutlich abgegrenzten Menfchenschicht. Seit altersher hing die sittengebende Gewalt vom Gelde ab. Das germanische Blut empörte sich immer von neuem gegen den Reichtum als sittengebende Macht. Etwa ein halbes Jahrhundert mag es sein, seit das deutsche Volk sich einem zügellosen Streben nach Geld zugewendet hatte. Heute geben nicht mehr die Fürsten und Könige das verderbliche Beispiel; die Geldmenschen haben ihr Werk getan, und es schien, als sei das germanische Erbteil in unserm Blut ausgestorben. Schon während des Krieges lag der heroische. Volksteil in erbittertem Kampf mit den eigensüchtigen Kräften, die ihm das Recht absprechen wollten, eherne Sitten zu geben. Als aber die deutschen Heroen besiegt waren, band ihr Niederbruch alle Kräfte der Eigensucht los: die deutschen Sitten wurden seither gebildet von den ausgesprochen unheroischen Schichten unseres Volkes. Die tonangebenden Leute mußten wohlhabend sein, solches war die erste Forderung nicht vor der Nation, sondern vor einer gesichtslosen Oeffentlich- keit. Sie mußten sich ferner in einer Weise benehmen, daß auch jeder sah: die haben's dazu! Der geistige Verfall des deutschen Bürgertums und seine Auswanderung aus den Gebieten der Kultur, seine Einwanderung in die Gebiete der Technik ist dadurch zu erklären, daß die geistvollen Menschen Wichtigeres zu tun haben, als nur nach dem Gelde zu streben. Aeußerlicher Besitz ist aber der Maßstab geworden, an dem die Sitten und Gebräuche gemessen werden. Das Geld allein entscheidet, ob eine Persönlichkeit weiblichen Geschlechtes eine Dame ist oder sozusagen nur eine Frau: denn, wenn sie kein Geld hat, kann sie sich nicht damenhaft anziehen, mit bescheidenen Mitteln ist sie Keinesfalls imstande, die Forderungen der Kleidungskultur, der Wohnungskultur, ja, der Essenskultur zu erfüllen. Unkultiviert genug, sich kein Auto leisten zu können, gerät sie in Nachteil gegen die Geliebte eines beutemachenden Börsenjobbers — und nicht die Frau, sondern die Dame hat die öffentlichen Sitten gemacht, unter denen wir noch heute leiden, da wir an ihnen zugrunde gegangen sind in einem Maße, von dem das breite Volk noch nichts ahnt/ Denn die sittengebende Macht ist jene, die das allgemeine Lebensvorbild abgibt, und da die Forderungen eines materialistischen Vorbildes nur mit äußersten Geldmitteln zu erfüllen waren, so entstand lediglich aus dieser Gesinnung die deutsche Kinderlosigkeit.
Und so ist es die bitterste aller deutschen Gefahren, daß unsere Sitten und Gebräuche nur von den Kinderlosen gemacht werden, und bevor man die Kinderlosen nicht
Gegen die Vreisschleuderei
Line Mahnung des ReichSkommstsarS / Die Bindungen in der Wirtschaft
57/^757I^HK:
Hickory Wagners Die Walküre
„Die Heimkekr «>es ^a«kias krack"
Von den ersten tonmalerischen Takten des Ee- wittersturmes, vor dem Siegmund in Hundings Hütte flieht, bis zum Finale im Flammenwall der Waberlohe ist die neue Inszenierung des ersten Teils der Wälsungen-Tragödie gekennzeichnet durch eine Einheitlichkeit und Einmütigkeit des Eestaltungswillens am Regietisch und am Dirigentenpult, wie wir sie von der Zusammenarbeit zwischen Intendant Dr. Becker als dem ersten Opern-Spielleiter und Generalmusikdirektor Beck als erstem Kapellmeister des Hauses erhofft und erwartet haben. Man hat den Blick nicht rückwärts gewandt und mit konjunk- turfrommem Zungenschlag gerufen: „Zurück zu Wagner!" Man bejaht unsere Zeit und ihre Mittel auf der Bühne und im Orchester. Aber man hat auch alles beiseite gestellt, was die Entwicklung gebracht hatte an gelungenen und mißlungenen Versuchen, Wagners Werk durch realistische Mittelchen gewissermaßen ins Realistische zu transponieren. Im Gegenteil: Wagners Pathos wurde hier sogar unterstrichen. Das durchaus Eigene und Persönliche in der Inszenierung war dieses, daß man jenes hohe Pathos befestigte und begründete. Der intellektuelle Anti-Wagnerianer muß vor dieser Walküre-Inszenierung sein Fähnlein streichen, denn selbst Besetzungs-Ilngleichhei- ten, wie man sie nur einzig und allein in Bay- reuth vermeiden kann, bieten keine Angriffsflächen. Das Ganze ist zu zwingend.
Die drei Schauplätze der Handlung: das Innere der Wohnung Hundings liegt im vorgeschichtlichen Zwielicht, kühl und beinahe archäologisch nüchtern ist hier alles hingestellt, Museumsmuff fehlt, ein j starker Effekt der Gruß des Wonnemonds, der aus dem Orchester herausspringt — Bild zwei: „Wildes Felsengebirge in architektonisch gesteigertem
Aufbau, fahl selbst die intensivst theatralischen Rot-Belichtungen der Felsspitzen, das Bild erfüllt mit Eiszeit- oder Steinzeit-Kühle — endlich der „Gipfel des Brünhildensteins", im Aufbau „ganz einfach" symmetrisch gegen das vorausgegangene Bild gekehrt, gewiß ein simpler Kunstkniff, so einfach wie das „Ei des Columbus", man mußte nur darauf kommen. Das Gebilde ist wie das vorausgegangene berechnet auf Belebung durch Handlung: hier durch die militanten Walküren und auf die Farbreflexe durch die Waberlohe zum Schluß.
Durch Unwahrscheinliches das Unwahrscheinliche ins Wahre erheben, das ist auch das Prinzip des „Spielens" auf der Bühne. Dabei stehen die handelnden Petsonen selbstverständlich wie in jeder Opernregie von Format in Beziehung zur Musik. Es sind wohl abgewogene pantomimische Andeutungen gegeben, deren Grenzen allerdings hier und da stärker gestreift werden, als am Regietisch sicherlich gewünscht wurde. Zum Beispiel von EertrudeRollers Vrünhilde. Die Echtheit der gesanglich sonst versierten Partie litt unter dieser Haltung, die oft wie eine Reaktion auf Akzente des Orchesters wirkte. Einschließlich dieser Partie sind die Frauenrollen sonst gute Leistungen. Wundervoll gemessen und großartig wie das Mythos selbst ist Trete Penses Fricka. Die überlegene Beherrschung der Partie und der Begabung grenzt an Virtuosität, die Innerlichkeit des Ausdrucks ist zu echt, als daß der Eindruck der Virtuosenleistung entsteht. Eine offensichtlich begeisternde und Respekt gebietende künstlerische Tat. Auch Käthe Teuwen ist ihrer Sache sicher. Sie gibt der Wälsungen- mragik ihrer ausdrucks- und wandlungssähigen
Sieglinde gesteigerten Ausdruck. Gegen den Gast aus Hamburg, gegen Hans Grahls markige Wagner-Figur und lebensnahe Siegmund-Dar- stellung, hatten unsere heimischen Kräfte Fritz Schweinsberg (Hunding) und Ernst Hölzlin (Wotan) keinen leichten Stand. Während der Hunding zuverlässig und solide mit seinen Mitteln sich durchaus zur Ehre des Hauses hielt, ging Hölzlin beherzt aus sich und seiner Position heraus. So einen Gegner hat man dieser jungen Begabung mal gewünscht. Das tut ihm gut, daß er sich ins Zeug legen mußte. Der Wotan wurde eine Feuerprobe, mit der sich Hölzlin offenbarte. Man durfte seine helle Freude haben an dieser ausgezeichneten Darstellung.
Zu der großen Form seiner Leistungsfähigkeit, wie wir sie aus den Philharmonischen Konzerten kennen, führt Generalmusikdirektor Beck das Orchester. Die Prachtentfaltung der Ausdrucksmöglichkeiten dieses wie hypnotisiert musizierenden Klangkörpers fordert geradezu heraus zu der Frage, wie es möglich sein mag, daß dieses Orchester an vorausgegangenen Opernabenden so gang und gar... anders „klang". Die Orchestersprache war bildhaft und plastisch, die Haltung der Beckschen Darstellung weihevoll und ernst. Bedeutungsvoller für die Beurteilung der Dirigentenleistung ist die engste Beziehung zwischen Orchester und Bühne. Schwer zu sagen, wo Atem, Rhythmus, dramatisches Tempo und Stimmungsgehalt der Aufführung primär bestimmt wurden: am Regietisch oder am
Dirigentenpult. Die Einmütigkeit und Einheitlichkeit der Inszenierung ist zu widerstandsfähig, als daß sie sich durch eine verstandesmäßige Sonde zerlegen läßt in ihre Bestandteile. ess.
Das Staatstheatcr bereitet neben dem Weihnachtsmärchen „Frau Holle" für Anfang Dezember eine Neueinstudierung der melodienreichen und gefälligen Operette „Polenblut" vor.
Sigmund Grafs gestaltet in seinem Heimkehrerstück das Schicksal eines deutschen Soldaten, der in russische Kriegsgefangenschaft geraten, nach fast achtzehnjähriger teils erzwungener, teils freiwilliger Abwesenheit wieder auf sein früheres bäuerliches Besitztum zurückgekehrt. In dem Augenblick zurückkehrt, wo sein Weib, die Bäuerin, die nach langen Jahren vergeblichen Harrens zwei Jahre zuvor einen zweiten Mann geehelicht, den Erstgeborenen aus diesem Bund taufen läßt. Die von Akt zu Akt vorschreitende bittere Erkenntnis und späte Einsicht, daß er hier sich selbst seines Rechtes begeben hat, daß er überflüssig geworden ist, treibt Matthias Bruck schließlich zum Selbstmord. — Von den Bllhnenwerken Eraffs ist dieses vielleicht neben der „Endlosen Straße" das einprägsamste, weil er hier am weitesten von der Typisierung seiner Figuren zur Menschengestaltung vorstößt.
Ist nun die Tragik dieses Heimkehrers zwingend? Man muß diese Frage, je öfter man sich mit diesem Werk auseinandersetzt, um so mehr verneinen. Der selbstgewählte Tod ist für Matthias Brück keine unabwendbare, unentrinnbare tragische Notwendigkeit, sondern eine Ausflucht, eine Flucht vor sich selbst. Der Autor selber hat seiner Bühnengestalt das innere Recht dazu genommen. Nicht ein ganz großer Glaube an die Heimat, an Weib und Kind, Haus und Hof treibt ihn nach so viel Jahren der Trennung heim,, sondern — der Zufall! Dieser Mann mußte nicht nach Hause, er kommt nur zufällig zurück. Wären andere Zufälle eingetreten, hätte er vermutlich noch länger nicht heimgefunden. Nicht daran stirbt dieser Mensch, daß sein Glaube mit der Erkenntnis seiner Ueberflüssigkeit und damit sein Lebenswille zusammenbricht, sondern weil er
eine der vielen schwankenden Gestalten dieser Zeit ist. Er ist von Anfang bis zu Ende, kein aus Glaubensgröße Fordernder, sondern ein sich heimlich hereinstehlender Ueberflüssiger, der solchen Glauben nie besessen, nie von ihm besessen war.
Wahrhaft groß ist diesem gegenüber die Bäuerin, wie ihr von Anfang an auch die ungeteilte Sympathie des Zuschauers gehört. Es ist eine der eindrucksvollsten Szenen des Stücks, wenn Lucie Höflich als stattliche Bäuerin, als eine zweite Judith Plattner, Gericht über ihn hält. Wenn sie ihm die Frage ins Gesicht schleudert: „Warum bist Du überhaupt gekommen:", wenn sie mit unerbittlicher Folgerichtigkeit sich die immer noch in ihr verborgene Liebe zu diesem Menschen aus , dem Herzen reißt, weil sie erkennen muß, daß dieser gar nicht der Mann war, auf den sie Jahre hindurch geharrt, an den sie umsonst geglaubt hatte. Und sie, die einer viel größeren Prüfung unterworfen wird, zerbricht darum nicht, weil sie ihre alte und neue Heimat nie aufgegeben hat.
Die dem Werk mangelnde innere Dramatik wäre von der Regie (Herm. Schultze- Eriesheiml durch um so größere Straffung auszugleichen gewesen. Durch allzu große Zer- dehnung gelangte die Aufführung nicht ganz zu der Eindrucksstärke, die erreichbar ist. Dadurch zerflatterte vieles. Die zu große Tiefe und Weit- räumigkeit dieser Bauernstube verhinderte auch zu ihrem Teil diese mögliche Geschlossenheit und Eindringlichkeit. Dieses Stück verlangt die Konzentration des Zuschauers, die darum auch durch den Vühnenausschnitt unterstützt werden mutz. Dazu tritt die Schwierigkeit der Dialektverständlichkeit noch hinzu, die aber zum großen Teil behoben ist, wenn das gesamte Geschehen weiter nach vorn verlagert wird. Das bewiesen immer