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(9.2.1935) Nr. 40
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Nr. 40 / 3. Jahrgang

Sonnabend, s. Februar

Einzelpreis is Rpf.

Dr. Schacht über wirtschaftövolilische Fragen der Gegenwart

Außenhandel ist dringendes Gebot

„Nicht mehr kaufen, als man bezahlen kann, soviel verkaufen, wie nur irgend möglich!"

Brcslau, 8. Februar

Im Breslauer Konzerthaus sprach am Don­nerstag vor 1700 Vertretern der schlesischen Wirt­schaft Reichsbankpräsident Dr. Schacht. Er bat seine Zuhörer, sich ins Gedächtnis zurückzurufen, was wirtschaftspolitisch vor der Machtergreifung gewesen und was durch den Nationalsozialismus geworden sei. Durch den verlorenen Krieg waren ein« Unzahl von Produktionsquellen einfach zum Versiechen gekommen und die Nachkriegsregie- rungen hätten die Wahl gehabt, eine friderizi- anische Politik zu machen, die aus eigener Kraft versuchte, das Verlorene wiederaufzubauen, oder die Dinge einfach treibenzulassen und damit Deutschlands Wirtschaft zum Erliegen zu bringen. Es haben die Nachkriegsregierungen den beque­meren, aber verderblicheren Weg vorgezogen, Wünsche nach augenblicklichen Annehmlichkeiten zu erfüllen und das Ausland anzuborgen. Die Folge war die Krise des Jahres 1931. Wachsen­des Mißtrauen in die Zahlungsfähigkeit Deutsch­lands und völliger Mangel an politischem Ver­trauen zu Deutschland.

Es stieg zwar unser Warenausfuhrüberschuß, aber die Brüningsche Deflationspolitik hatte her­abgesetzte Löhne und ungeheuer steigende Ar- Leitslosenziffern bis zu sechs Millionen zur Folge. Nicht nur die Landwirtschaft war ruiniert, son­dern die ganze Volkswirtschaft. Auf die Zusam­menhänge zwischen Arbeitsbeschaffung und Roh­stoffbeschaffung eingehend, legte Dr. Schacht dar, daß das folgerichtig« Ergebnis der im Außen­handel überhandnehmenden Schwierigkeiten der neue Plan war, dessen Sinn, auf eine einfache Formel gebracht, laute: „Nicht mehr kaufen, als man bezahlen kann und soviel verkaufen, wie nur irgend möglich." Darum wurden die be­kannten Ueberwachungs st eilen geschaf­fen, welche die Einfuhr ausnahmslos kontrol­lieren und weniger wichtige Einfuhr gegen le­bensnotwendiges abwiegen.

An eine Entwertung unserer Währung sei nicht zu denken, und da natürlich 85 Millionen deutscher Konsumenten im Herzen Europas für das Ausland sehr viel bedeuten, ist dieses Ausland angehalten.

sich die Mühe zu geben, die so oft mißverstandenen Kompensationsgeschäfte zu verstehen und selbst für den Absatz der deutschen Waren aus dem deutschen Weltmarkt mitzuwirken.

Nachdem Dr. Schacht die Richtigkeit des natio­nalsozialistischen Grundsatzes hervorhob, wonach die Leistung des einzelnen Menschen in den Vordergrund zu stellen sei, gab er noch einen Ueber- blick in das planvolle Arbeiten auf dem Gebiete des nationalsozialistischen Staates, auf dem Ge­biete der Finanz- und Kapitalpolitik: „Politik

° der Ordnung und des Vertrauens gehen heute Hand in Hand mit der Ueberzeugung, daß es die Gesamtheit weiß, wie die Ersparnisse des Volkes anzulegen sind".

Wir leben, so schloß Dr. Schacht, in einer Not­zeit, weshalb wir auf ein Jahrzehnt aus Annehm­lichkeiten des Lebens, wie wir sie vor dem Kriege hatten, verzichten müssen. Um die Zuknnst unserer Kinder sicherzustellen, müssen wir durch Selbstbe- scheiden und Zusammenhalten aus der von der na­tionalsozialistischen Bahn verbleiben, die, wenn es auch noch so schwierig ist, bestimmt gemeistert wird.

Marschier in Bremen

Der thüringische Ministerpräsident besucht die Hansestadt

Bremen, den 8. Februar.

Gestern gegen 1 Uhr nachmittags traf der thü­ringische Ministerpräsident Marschier in Bre­men ein. Er nahm in Hillmanns Hotel Wohnung. In seiner Begleitung befanden sich Ministerial­direktor Rolofs, Ministerialrat Bösem ann und Oberregierungsrat Miindnich.

Görings Besuchsprogramm

Berlin, 8. Februar.

Der preußische Ministerpräsident Eöring wird, wie nunmehr feststeht, am Sonnabend und Sonn­tag der sächsischen Hauptstadt Dresden, und am Mittwoch der Freien Hansestadt Bremen einen Staatsbesuch abstatten. Bei dieser Gelegenheit wird er auch in großen Kundgebungen für das Winterhilfswerk sprechen.

Ministerpräsident Eöring wird in Begleitung von Staatssekretär Körner heute vormittag um 9.53 Uhr von Berlin abfahren. Er trifft um 12.20 Uhr in Dresden ein, wo er von Reichsstatthalter Mutschmann empfangen werden wird. Nachmittags findet eine große Kundgebung für das Winter­hilfswerk statt. Am Abend besucht Ministerpräsi­

dent Eöring die sächsische Staatsoper, wo Richard Strauß' „Arabella" aufgeführt wird. Der Sonn­tagvormittag sieht einen großen Vorbeimarsch der sächsischen SA., einen Besuch der Gemäldegalerie, um 12.30 Uhr einen Empfang durch die Stadt Dresden im Rathaus und am Nachmittag eine Besichtigung der Moritzburg und ihrer Wildbe­stände sowie der Forstakademie Tharandt vor.

Wiener Marxisten als Fälscher

Wien, 8. Februar

Einer groß angelegten Fälschung, die zum Zweck der illegalen Propaganda für die aufgelöste so­zialdemokratische Partei begangen wurde, ist die Wiener Polizei auf die Spur gekommen. In einer geheimen Druckerei der Marxisten wurden in Massen Fälschungen von Arbeiter­wochenkarten der Wiener Straßenbahn her­gestellt. Diese Karten wurden von den Vertrau­ensmännern der aufgelösten Partei zu ganz bil­ligem Preise an ehemalige, hauptsächlich arbeits­lose Parteimitglieder abgegeben. Dadurch sollte bei diesen der Glaube erweckt werden, die sozialdemokratische Partei sorge aus geheimen Eeldquellen nach immer für sie.

Die Verschlechterung der sowjetrussisch-amerika- nischen Beziehungen hat dazu geführt, daß der erste Botschaftssekretär der Vereinigten Staaten, Chenson, von seinem Posten abberufen worden ist.

Simon in Vans

Um Italiens Beitritt zum geplanten Luftabkommen

Paris, 8. Februar.

Sir John Simon ist am Freitagnachmittag in Paris eingetroffen. Er wird mit Außenminister Laval, der immer noch das Zimmer hütet, nicht zusammenkommen, aber Gelegenheit haben, sich auf dem Festessen der französisch-englischen Han­delskammer mit Ministerpräsident Flandin über die bisherigen Auswirkungen der Lon­doner Vereinbarungen zu unterhalten. Die Einstellung Italiens zum vorgeschlagenen Luft­abkommen dürste von beiden Staatsmännern be­sonders erörtert werden. Uebereinstimmend wird aus Rom und London gemeldet, daß Italien das Luftabkommen nicht unterzeichnen wolle, da es nur für Westeuropa gelte und die italienischen Grenzen nicht garantiere.

In diplomatischen Kreisen Englands erwartet man, soweit sich ausüben hier vorliegenden Nach­richten ersehen läßt, daß Italien trotz seiner Ein­stellung zur Frage des Luftabkommens dem eng- lich-französischen Gesamtplan seine Unterstützung nicht versagen werde. Flandin und Simon wer­den auch zu den Nachrichten aus Ost- und Mittel- europa Stellung nehmen, wonach die früheren Verbündeten Deutschlands die Nich­tigkeitserklärung der militärischen Bestimmungen der Friedensverträge auch für sich in Anspruch nehmen möchten.

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Unter der Ueberschrift: „Die Presse im zweite« Jahre des nationalsozialistischen Staates" ver­öffentlicht Max Amann, der Präsident der Reichspressekaminer, einen sehr ausführlichen Aus­satz,. indem es.über den Führungsanspruch der NS.-Presse u. a.' heißt:

Ich habe in der Kundgebung vom 13. Dezember 1933 mit aller Deutlichkeit den Anspruch der par­teiamtlichen Presse, in erster Linie zu stehen und zu kämpfen, für alle Zeiten bejaht. Dieser An­spruch ergibt sich aus der Kampfverbundenheit der Jahre vor dem 30. Januar 1933, die in jeder Beziehung eine unlösbare Schicksalsgemeinschaft zwischen Partei und parteiamtlicher Presse, ein auf Freiwilligkeit beruhendes, in tausend Gefah­ren erprobtes gegenseitiges Treueverhält­nis geschaffen hat. Presse, die in gleicher Front mit der parteiamtlichen Presse stehen will. setzt die gleiche unlösbare Schicksalsgemein­schaft voraus, wie sie zwischen Partei und parteiamtlicher Press« bereits besteht. Eine Schicksalsgemeinschaft, die nicht zeit- und umständebedingt ist, sondern die auf Tod und Leben für gute und schlechte Zeiten un­lösbar geschlossen ist.

' Meistens wird der Einwand, es läge eine Disfamierung vor, gerade von den Verlegern ge­bracht, die vor dem 38. Januar 1833 am aller­wenigsten das Gefühl irgendeiner Kameradschaft und Verbundenheit mit der parteiamtlichen Presse gezeigt haben, und die gerade durch die Gestaltung ihrer Presse überhaupt erst die Notwendigkeit der unter ungeheuren Opfern erfolgten Gründung einer eigenen Parteipresse verursacht haben.

Die Partsipresse wäre ja schließlich nicht ent­standen, wenn die damalige deutsche Presse oder auch nur ein irgendwie beachtlicher Teil davon die Sache der Partei rückhaltlos zu ihrer eigenen gemacht hätte. Hieraus aber folgt die,w,x ki­ll n s Hau l i cheNo tw endigk.eitd es F d r t- bestehens und des Ausbaus der Par­te ip reffe nach dem 30. Januar 1933.. Betrach­tungen über das Verhältnis.von Partei bzw. deren Neben- und Unterorganisationen zur partei­amtlichen sowie nichtparteiamtlichen Presse, die von solchen Empfindungen ausgehen, werden zum Schaden , der sie anstellenden Volksgenossen nie­mals zu einem sachlich befriedigenden Ergebnis führen.

Der Anspruch der Partei und bestimmter Neben- und Ünterorganisätionen, in denen akti- vistische Teile der Bewegung zusammengefaßt sind, an ihre Angehörigen, in erster Linie die ihr schicksalverbundene Presse zu lesen, ist unabding­bar und wird vom nationalsozialistischen Staat und von den ständischen Organisationen unein­geschränkt bejaht. Das gleiche gilt für die Be­amtenschaft des nationalsozialistischen Staates und der Gemeinden, die täglich die Vollstrecker des nationalsozialistischen StaätswiÜens sind.

In welcher Form' Partei-: Neben- und Unter­organisationen und die Beamtenorganisationen diesen Anspruch verfolgen, ist auf die Dauer ge­sehen allein ihre Sache." Daher würde in diesen Tagen die Ziffer '2 der Anordnung vom 13. De­zember 1933 — also die oben erwähnte Ueber- gangsbestimmung — nunmehr abgeändert.

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Adolph Wenzel

tzur dreißigsten Wiederkehr feines Todestages / Von Professor Dr. Gmil Waldmann

Heute vor dreißig Jahren richtete man in der Rundhalle von Schinkels schönem Museumsbau in Berlin den Katafalk mit dem Sarge Adolph Menzels auf. Nach Beendigung der Trauerfeier wurde der Sarg im königlichen Leichenwagen zum Friedhof hinausgefahren und an der Spitze des unabsehbaren Trauergefolges schritt, allein, Kaiser Wilhelm II., König von Preußen, dem geliebten und gefllrchteten Hofmaler von vier preußischen Königen die letzte Ehre zu erweisen. Niemals sonst ist ein deutscher Künstler mit so viel Ruhm hin- Lbergeleitet worden in die Unsterblichkeit.

In den Verzeichnissen der preußischen Akademie ward Adolph Erdmann Menzel aus Breslau, Exzellenz als „Historienmaler" geführt. Dies war sein ihm zugewiesenes Fach. Aber es war ein Historienmaler von ganz besonderer Art: Ge­

schichtsbilder malte er, als in Preußen und Deutschland nichts an Geschichte zu verzeichnen war. Als dann aber geschichtliche Dinge vor­gingen, 1866 und 1870, hatte der Hofmaler die Historie längst aufgegeben und pflegte das Sittenbild, die reine Wirklichkeitskunst. Welch eine Verlockung wäre es für einen minder großen Künstler dieser Stellung gewesen, seine Begabung in den Dienst der Eegenwartsgeschichte zu stellen, Kriegsbilder von 1870/71 zu malen, an denen ein ungeheurer Bedarf entstand. Menzel hat nichts dergleichen gemalt. Er wußte seit seinem Besuche auf den Schlachtfeldern von 1866 in „Graus und Jammer", woher Andreas Schlüters Masken der sterbenden Krirger im Hos des ll-erl-aer Zeug­hauses stammen u.td daß man diese D'age, aus der Nähe gesehen, künstlerisch r. cht gestauen kann, zur künstlerischen F'.eiheit so gewal^gen Trossen gegenüber geschichtliche und zeitliche Enif-rnung

gehört. Das einzige Bild zeitgeschichtlichen In­halts aus dem großen Jahre, die „Abfahrt König Wilhelms zur Front" ist ein reines Genrebild. Menzel wollte seinem Stoff, auch dem größten, nicht dienen, sondern ihn künstlerisch und malerisch beherrschen.

-> Er hat einmal gesagt: „Genie ist Fleiß", und dies ist ein sehr gefährliches Wort. Denn kein Fleiß kann jenen göttlichen Funken ersetzen oder gar erjagen, der das Genie ausmacht. Menzel meinte wohl, daß Genialität an sich nichts wert ist, wenn nicht die Arbeit, auch die Arbeit und das Beherrschen des Handwerks, hinzukäme. Denn nicht die Tatsache, daß Menzel im ganzen Um­kreise der deutschen Kunst des 19. Jahrhunderts unstreitig das größte Talent ist, entscheidet für die Nachwelt, sondern die Tatsache was er aus dieser Begabung gemacht hat. Womit er allein steht, das ist die Vielseitigkeit seiner Begabung, die Frische seiner Anschauung und die Unabhän­gigkeit seiner Empfindung. Höchste Vollendung des Zeichners vereinigte er mit kostbarstem Glanz der Farbe und des Lichtes als Maler. Er war ein „Realist", als es den Realismus in der deutschen Kunst eigentlich noch gar nicht gab. Als die Land­schafter glaubten sich etwas zu vergeben, wenn sie nicht romantische oder südliche Gegenden malten, ging Menzel vor die Tore von Berlin und malte die eben fertig gewordene „Strecke" der Potsdamer Bahn und verhaft dem Alltäg­lichen zum Bildwert. Den Impressionismus erfand er auf eigene Faust, 10 Jahre früher ehe der Impressionismus dann eine Richtung wurde; und als er es wurde, meinte Menzel, der seine Meisterwerke, die „Potsdamer Bahn" und die anderen La dschafien jenes Jahrzehnts zwischen

1810 und 1850 nur für „Studien" und nichts anderes hielt: „Nichtskönnen ist noch keine Rich­tung". Er stand als aufrechter Charakter in der Kunst immer außerhalb aller Richtungen und lebte als ein Mensch von eigenen Gnaden.

Zu Ansehen und Ruhm kam Menzel, der als bescheidener Steindrucker und Gebrauchsgraphiker nur durch Selbststudium ausgebildet angefangen hatte, durch seine Holzschnittbilder zu Kuglers Volksbuch der „Geschichte Friedrich des Großen", und dann hat ihm das Leben des großen Königs durch zwei Jahrzehnte hindurch vorwiegend die Stoffe geliefert, für seine Gemälde, und ihret­wegen ward er zum Hofmaler ernannt. Das berühmteste dieser Friedrichbilder, das „Flöten- konzert" pflegte er in Gesprächen und Briefen den „Kronleuchter" zu nennen, nicht scherzhaft, son­dern, wenn er an dies Bild dachte, erinnerte er sich, wie hartnäckig er sich mit der Gestaltung des gläsernen Kronleuchters da in der Mitte, in Licht und Farbe herumgeschlagen hatte. Das heißt: Er sah alles, auch den größten Stoff in seiner Vorstellungskraft von vornherein künst­lerisch und malerisch an, als eine Einheit in Licht und Luft, in Form und Farbe. Jedes Stück auf einem Bild, ein Mensch oder ein Sofa, ein Korn­feld oder ein Kronleuchter hat für ihn außer seiner gegenständlichen Bedeutung noch die rein malerische Bedeutung als soundso stark spre­chende Farbe in der Gesamtbuntheit, als sound-- so bewegte Linie im Eesamtliniennetz. Er hat einmal gesagt, eine hübsche Frau wäre ihm unter Umstäiüren künstlerisch genau so interessant wie ein Krokodil. Dieser unheimlich kluge Mensch hatte eine völlig unverdorbene Seele. Alles, die ganze Welt war ihm malerische Erscheinung. Und weil er fürchtete ein Menschenleben reiche nicht aus, um aller Kostbarkeiten der sichtbaren Welt Habhast zu werden, zwang er sich, nichi nur mit der rechten Hand zu zeichnen, sondern auch mit der linken. Und zwar gleichzeitig. Genie ist Fleiß.

Als der alte Schadow, der die Anfänge Men­zels freundlich ermuntert hatte, mit dem neuen, bewegten Stil der Zeichnung in den Holzschnitten zum Friedrich-Buch nicht mehr mitkonnte und dies als „Kritzeleien" verwarf, antwortete Men­zel in einem längeren Aufsatz und berief sich darauf, daß alles „richtig" wäre. Jede Uniform, jedes Waffenstück, jeder Vildniskops. Er hätte jahrelang in Kunstkammern und Schlössern, im Zeughaus und in den Museen studiert und kenne das nun auswendig, besser als jeder Archivar. Es stimmte alles. Schadow könne sich drauf ver­lassen. Nur. daß es ganz gleichgültig war, ob die Sache mit den Monturen stimmte oder nicht, dies war es, was Menzel in seinem preußischen Pflichtgefühl übersah Auf die Phantasiewahrheit, auf die doch alles ankommt, mochte sich der Siebenundzwanzigjährige gegenüber dem Alt­meister der Berliner Kunst nicht berufen.

Menzel war, wie manche der größten Deutschen,

wie auch Albrecht Dürer, eine Natur von über­raschender Zwiespältigkeit. Manchmal hinreißend genial in der Vorstellung und der Anschauung, und dann wieder trocken und beinahe pedantisch wie ein bilanzsicherer Buchhalter. Ein schwär­mender Erzähler und ein geistreicher Beobachter lebt in derselben Seele mit einem neugierigen Tatsachenforscher und einem zweifelsüchtigcn Ge­lehrten, und das Musikalische in ihm wird oft genug bedrängt von dem Mathematischen, das Dichterische von einem hurtigen Reporter, der Geist von dem Handwerk. Mochten aber in seiner Brust zwei Seelen, ja gleich ein halbes Dutzend verschiedenster Seelen manchmal miteinander im Kampfe liegen — sein Charakter ist durch und durch einheitlich. Gewiß ist Adolph Menzel, nächst Dürer, der reichste Mensch in der ganzen deutschen Kunst Aber höher als der Reichtum steht das Wort, das man auf ihn prägen möchte: „Genie ist Charakter".

Eine zweite Teutoburger Achlacht

Mit goldenen Lettern steht im Buch deutscher Geschichte die Tat Armins des Cheruskerfürsten verzeichnet, der dem Eroberungsdrang der Römer im Teutoburger Wald mit wuchtiger Faust Halt gebot. Wohl war die Schlacht ein grausames Wüten, und das Blut floß in Strömen, aber es ging um die Freiheit Germaniens, das in höchster Gefahr schwebte, ebenso wie das benachbarte Gal­lien vollständig unter das Joch der Südländer zu geraten. Im Verlauf dieser und der folgen­den Kämpfe zogen sich die Eindringlinge wieder an den Rhein und die Donau zurück, und die in­neren Stänime Germaniens behaupteten ihre Un­abhängigkeit. Alles dieses lernt man schon in der Schule und vergißt es nicht. Nur wenig bekannt

ist jedoch, daß einem römischen Heer Jahrhunderte später ein ähnliches Schicksal widerfuhr wie den Truppen des Quinctilius Varus im Teutoburger Wald.

Nach langer Friedenszeit begann die germa­nische Welt gegen das langsam in sich zerfallende Römerreich wieder angriffsweise vorzugehen. Die Franken hatten den rechtsrheinischen, bis dahin von den Römern gehaltenen llferstrich, der zu­gleich eine starke Schutzwehr für d-ren links- rheinisches Herrschaftsgebiet gewesen war, in Be­sitz genommen. Damit nicht genug, dehnten die Angreifer in neuerwachtem Tatendrang ihre Un­ternehmungen auch über den Strom aus, und die