Ausgabe 
(7.2.1935) Nr. 38
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Nr. 38 / 3. Jahrgang

Donnerstag, 7. Februar

Einzelpi-eis 15 Nps.

Aufschlußreiche Enthüllungen über den Stand fremder Heere

Fieberhaftes Wettrüsten - gegen wen?

Material für die Erfüllung des deutschen Gleichberechtigungsanspruchs

Staatsbesuch Görings in Bremen

Die Kreisleitung Bremen der NSDAP. meldet:

Der preußische Ministerpräsident General Hermann Söring wird höchstwahrscheinlich am iZ.Febr. 1932 dem ReichSftatthalter Sari Növer in Bremen und dem Bremer Senat einen Staatsbesuch machen.

(Bereits durch Extrablatt der „Bremer Zei­tung" bekanntgegeben.)

Dollar gegen Rubel

Die Vereinigten Staaten schränken die diplo­matischen Beziehungen zur Sowjetunion ein Washington, K. Februar.

Als Folge des Abbruchs der amerikanisch-sow- jetrusfischen Schuldenoerhandlungen hat das Weihe Haus am Mittwoch eine demonstrative Einschränkung der diplomatischen Beziehungen zur Sowjetunion angeordnet. Der Marineattache sowie der Lustfahrtattache werden aus Moskau zurückgezogen. Das amerikanische Generalkonsu­lat in Moskau wird vollkommen aufgelöst, und das Personal der amerikanischen Botschaft wird erheblich eingeschränkt.

*

Die Einschränkung der diplomatischen Be­ziehungen zwischen dem Lande des Dollar und dem des Rubel ist von besonderer poli­tischer Tragweite. Die seinerzeit als sehr geschickt bezeichnete Annäherungspolitik des sowsetrussischen Außenkommissars Litwi- now erlebt damit, ihren sichtbaren Zusam­menbrach. Bei der Entscheidung der Ver­einigten .Staaten dürfte auch die verab- redungswidrige erhöhte kommunistische Propaganda in Amerika einen Einfluß aus­geübt haben.

SImm auf ein Rathaus

Französische Arbeitslose fordern „Sonntagsgelder" Paris, 6. Februar.

In Tnnevelin bei Lilie drangen etwa 40 Ar­beitslose in das dortige Rathaus ein und ließen sich häuslich nieder. Dem stellvertretenden Bürger­meister erklärten sie, den Rückzug nur dann an- H„rreten, wenn ihnen auch für die Sonntage Ar­beitslosenunterstützung bewilligt würde. Erst ein starkes Polizeiaufgebot konnte sie aus ihrer Stel­lung verdrängen.

Lawine tötet 6 Menschen

Bern, 6. Februar.

In St. Antonien im Schweizer Kanton Grau­bünden ereignete sich am Mittwoch ein schweres Lawinenunglück. Vom Kllhnihorn löste sich plötz­lich eine mächtige Lawine, die zwei Wohnhäuser und einen Stall vollkommen verschüttete. Dabei kamen sechs Personen ums Leben. Der Ort St. Ab­tönten ist völlig von jedem Verkehr abgeschnitten, da Lawinen die Straßen blockiert haben.

(vraktderiebt unserer li Berlin, 6. Februar.

In Berliner politischen Kreisen wird soeben eine hoch interessante Uebersicht über den Stand der fremden Heere am 31. Januar 1938 besprochen. Die ausführliche Liste, die sich auf alle Waffen­gattungen erstreckt, kommt wie gerufen zum bevor­stehenden dritten Jahrestage der feierlichen Er­öffnung der Abrüstungskonferenz, die bekanntlich inzwischen eines unrühmlichen Todes gestorben ist.

Ein bemerkenswertes Blitzlicht auf den Stand der allgemeinen „Abrüstung" der Welt hatte ja schon die aufsehenerregende Rede des sowjetrussi- schen Vize-Kriegskommissars aus dein Sowjet- Kongreß geworfen, der unter dem Jubel seiner Genossen der verblüfften Welt die geradezu er­staunlichen Zahlen der russischen Heeresverstärkung mitteilte.

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Jetzt stellt sich heraus, daß die Sowjetarmee nicht nur von 562 000 Mann auf 940 000 gestiegen ist, sondern einschließlich der Armee des Generals Blücher 1 300 000 Mann aktive Truppen umfaßt. Das sind fast eine Million Mann mehr, als nach dem Abrüstungsplan Macdonalds vom 16. März 1933 Sowjetruhland insgesamt zugebilligt werden sollten. Die Kriegsstärke Rußlands würde sich auf 8,5 Millionen ausgebildeter Soldaten stellen; die Fliegerwaffe zählt mindestens 3500 Flugzeugs erster und 800 Flugzeuge zweiter Linie.

Eine Berechnung der Truppenstärke Frankreichs, das im Falle des geplanten Militärbündnisses mit Moskau an der Seite seines ungleichen Verbünde­ten zu finden sein würde, ergibt eine Friedens­armee von 624 000 Mann und eine voraussichtliche Kriegsstärke von 4,5 Millionen weißen und min­

destens 1 Million farbigen Truppen, die über rund 5400 Kriegsflugzeuge und 4300 Tanks verfügen könnten. Die Tschechoslowakei verfügt als Verbün­deter Frankreichs immerhin noch über 179 000 Mann im Frieden und 1400 000 Mann ausgebil­deter Kriegstruppen sowie 1000 Flugzeuge und 100 Kampfwagen; Italien hat ein stehendes Heer von 417 000 Mann und eine Kriegsmacht von rund 5 Millionen ausgebildeter Mannschaften, 1059 Flugzeuge und 200 Tanks.

Für Deutschland sah der Macdonald-Plan 200 000 Mann, für Frankreich 200 000 inländische und 200 000 territoriale Truppen vor. So hat sich inzwischen das Bild verschoben, vor allem, wenn man bedenkt, daß Deutschland nach wie vor keine Flugzeuge und keine Tanks besitzen darf.

In Berliner politischen Kreisen stellt man fest, daß sich in den letzten beiden Jahren die prak­tische Aufrüstung in einem vielfach schnelleren Tempo vollzogen hat als die Fabrikation von noch so schönen Abrüstungsplänen.

Die Idee bleibt rein

Von Dr. Groß

Wie aus den Zeitungsmeldungen bekannt ist, hat der Reichserziehungsminister vor we­nigen Tagen dem Eöttinger Privatdozenten Dr. Karl Sallerdie Lehrbefugnis entzogen. Damit ist eine Entwicklung zum Abschluß gekommen, die leider auch auf anderen Gebieten unseres Geisteslebens in letzter Zeit zu beobachten war.

Tr. Salier hat sich als Anatom und Anthro­polog« seit Jahren wissenschaftlich mit rassen- kundlichen Fragen beschäftigt. Er hat dabei einen Standpunkt eingenommen, der von den Erundauffassungen anderer Rassenforscher zum Teil weit abwich, und er hat diese Ab­weichungen immer wieder in polemischer Form vorgebracht. Dabei hat er von Anfang an gerade die politische Seite des rassi­schen Denkens,, wie sie in der nationalsozia­listischen Bewegung ihren klarsten Ausdruck fand, abgelehnt und bekämpft. Diese Ableh­nung ging soweit, daß Herr Dr. Salier noch im Jahre 1932 einem Freunde schreiben konnte: „Was dagegen Hitler, oder gar sein Kollege Rosenberg und Herr Klagges über das Gebiet, auf dem ich was verstehe, näm­lich die Frage der Rasse, insbesondere der nordischen Rasse, von sich gegeben haben, ist ziemlicher Blödsinn."

Nach der Machtübernahme erlebten wir dann, was wir leider des öfteren erleben mußten. Dr. Salier stellte sich der national­sozialistischen Bewegung zur Verfügung, um die Schulung ihrer Gliederungen auf rassen- politischem Gebiet vorzunehmen! Er war ge­kränkt und entrüstet, daß man ihm eine solche politische Schulungstätigkeit angesichts seiner abweichenden Auffassungen untersagte. Er beschwerte'sich bei allen möglichen Stellen, be­folgte aber nicht den gut gemeinten Rat, Schu­lung und Propaganda der Partei und dem Staat zu überlassen und sich hinfort ausschließ­lich seiner, wissenschaftlichen Arbeit zu widmen, in der ihn Partei wie Staat aus ihrer großen Duldsamkeit heraus nicht im. geringsten behin­derten. Statt dessen erlebten wir eine Reihe von zum Teil außerordentlich billigen, das heißt also, für die Massenverbreitung geeigne­ten Veröffentlichungen Saliers, die ohne An­spruch auf irgendeinen wissenschaftlichen Wert lediglich der Propaganda seiner Rassenauf- fassungen dienen sollten. Und die Vorlesun­gen, die Dr. Salier im Auftrage einer natio­nalsozialistischen Regierung weiterhin abhielt, dienten ebenso dazu, Teile der Studenten­schaft in . seinem Geiste zu erziehen und damit die einheitliche nationalsozialistische Er­ziehungsarbeit zu stören.

Salier steht mit seinen populären Schtiften, gewollt oder unbewußt, als Eideshelfer jener alten politischen Kräfte da, die den entscheidenden Einfluß der erblichen Kräfte der Rasse auf Geschichte, Schicksal und Kultur der Völker leugnen und durch allerlei soziale und geistige Einflüsse ersetzen. Salier spricht davon, daß Rassen vom Raum gestaltet werden, daß die „geographischen" Rassen von „geistigen" Rassen überhöht werden können, daß eine -geistige Rasse die körperliche über­dauern kann, daß jede Aenderung in der so­zialen Schichtung neue „soziale Rassen" ent­stehen läßt, daß zu den sozialen und gesell-

Wirtschaftliche Saar-Rückgliederung

Ergebnis der Baseler-Verhandlungen / Weiterbeschäfligung der Bergarbeiter

Basel, 6. Februar.

Als Abschluß der seit dem 24. Januar 1935 zwischen Vertretern der deutschen und franzö­sischen Regierung und der Regierungskommission des Saärgebietes in Gang befindlichen Saarver­handlungen wurde am Mittwochnachmittag fol­gende amtliche Mitteilung ausgegeben:

„Das Verhandlungsergebnis ist in einem von der deutschen und der französischen Delegation im Einvernehmen mit der Delegation der Regie­rungskommission des Saargebietes an Baron Aloisi als Vorsitzenden des Dreierausschusses ge­richteten Schreiben zusammengefaßt, dem in mehr als 20 Anlagen die in Basel paraphierten Texte der verschiedenen Vereinbarungen und Erklä­rungen beigefügt sind. Das Schreiben und seine Anlagen sollen dem Dreierausschutz als Grund­lage für die Bestimmungen dienen, die er für die Rückgliederung des Saargebietes an Deutsch­land und für die Durchführung der aus Grund früherer Ratsbeschlüsse von den beteiligten Re­gierungen übernommenen Verpflichtungen zu treffen haben wird.

Die Verhandlungen fanden in Eegenwqxt eines Vertreters des Finanzausschusses des Völkerbun­des statt. Ferner wurden sie seitens des Dreier­ausschusses von einem Mitglied des Völkerbunds- sekretariats verfolgt. An einem Teil der Ver­handlungen waren auch die BJZ., die Reichs- vank und die Bank von Frankreich beteiligt. Die Führer der deutschen und französischen Delega­tion haben sich am Mittwochnachmittag auf Ein­ladung des Vorsitzenden des Dreierausschusses

nach Rom begeben, um dem Ausschuß mündlich zu berichten."

Das Ergebnis der in Bafel nach einer Dauer von zwei Wochen abgeschlossenen. Verhandlungen ist in Vereinbarungen verschiedener Art niedergelegt worden, die dieser Tage in Rom endgültig unter- zeichnet werden sollen. Die hierunter befindliche Währungsverordnung ist inzwischen im Saarland veröffentlicht worden. Sie regelt den Umtausch der im Saarland umlaufenden Noten der Bank von Frankreich und der anderen auslän­dischen Zahlungsmittel, den Beginn der Umtausch­frist, das Inkrafttreten des Ausfuhrverbotes für Zahlungsmittel aus dem Saarland und die Ueber­nahmepflicht für Reichsmarkzahlungen. Hierfür ist vorbehaltlich der endgültigen Entscheidung der 18. Februar in Aussicht genommen. Gleichzeitig wird die deutsche Zollgrenze ebenso wie die Grenze im Verrechnungsverkehr mit dem Ausland an die saarländisch-französische Grenze verlegt. So wird die wirtschaftliche und währungspolitische Rück­gliederung des Saarlandes im wesentlichen bereits einige Zeit vor dem 1. März verwirklicht. Die auf Franken laufenden Schuldverhältnisse werden vom 1. März ab allgemein auf Reichsmark umgestellt.

Für die Uebergabe der Gesamtver­walt U n g zum 1. März sind die Vorbereitungen an Ort und Stelle im Gange. Die Grundsätze hierfür sind mit der Regierungskommission ver­einbart. Die Saargruben gehen mit dem 1. März 1935 unter Einschluß aller Grundstücke, Vorräte und Einrichtungen auf das Deutsche Reich über. Das französische Erubenpersonal scheidet am 28.

Februar aus. Das Reich tritt in die laufenden Kohlenlieferungsverträge ein. Hierdurch und durch Ausstellung von Halbjahresprogrammen für die Kohlenlieferung, die auf den Kaufpreis der Saargruben anzurechnen sind, ist die Wei­le r be s chä st i gu n g der Bergarbeiter im Saarland im Zusammenhang mit den. anderen Maßnahmen der Reichsregierung sichergestellt. Zunächst ist ein Programm für die Zeit bis Ende Juni aufgestellt worden. Verhandlungen über die vorgesehenen Warndt-Pachtverträge sind noch im Gange. Auch für den Warndt ist über die weitere Beschäftigung der deutschen Arbeiter eine Verständigung erzielt.

Die drei saarländischen Verbindungsbahnen nach Lothringen werden ebenfalls am 1. März mit vollem Inventar und rollendem Material zurückgegeben. Eine Vereinbarung mit Frankreich über die Regelung der Sozialversiche­rungspflicht gewährleistet den Versicherten die Erhaltung ihrer Rechte. Ein allgemeines deutsch-französisches Abkommen soll in nächster Zeit die Bestimmungen der deutschen und franzö­sischen Sozialversicherung grundsätzlich regeln.

Für die Aufbringung des im römischen Ab­kommen vom 3. Dezember l934 vereinbarten Tauschbetrages von 900 Millionen Franken wur­den die technischen Vorkehrungen zur Ansammlung und Abführung der umzutauschenden Franken geschaffen. Die BJZ. übernimmt die Rechnungs­führung und Verwaltung der für den erwähnten Pauschbetrag und den Dienst der saarländischen Ausländsanleihen bestimmten Beträge.

GeheLmrnsie um Oapoleons Uriegskaße

Die Wahrheit über die Katastrophe vom 2b. Lovember 1812 / Don P. C. Gttighofer

Mehr als 121 Jahre sind vergangen seit dem be­rühmten Berefina-Uebergang der Großen Armee, die sich auf der Flucht vor dem russischen Winter befand. Die Beresina ist ein ziemlich träger Fluß, der stellenweise in vielen Nebenarmen dahinfließt. Die vorgeschickten Pioniere des Kaisers wählten die schmalste Stelle aus, um ihre Brücke zu schlagen. Gefroren war der Fluß damals noch nicht, wälzte allerdings schon starke Eisbrocken. Die Kälte be- trug ungefähr drei bis fünf Grad am Tage, fiel dann nachts auf ungefähr 15 Grad. An der Stelle des Brückenschlages war die Beresina nur 140 Me­ter breit, dafür aber ziemlich tief. Gleich vor und hinter der Brückenbaustelle macht der Fluß zwei scharfe Biegungen,, so daß eine ziemliche Strömung vorhanden war. Diese Umstände wirkten verhäng­nisvoll.

Am Morgen des 26. November wurden die Brückenarbeiten begonnen. Inzwischen kamen schon Truppen an, die sich in Auflösung befanden. Die zahlreichen Frauen, Marketenderinnen und Gat­tinnen von Offizieren sollten zuerst, gleich nach Fertigstellung der Brücke, die aus einzelnen Pon­tonjochen zusammengestellt war, das andere Ufer gewinnen, unher dem Schutz einiger Schwadronen Dragoner. Vorerst konnte aber die Brücke nicht be­gangen werden. Man vertröstete die Wartenden und errichtete in Eile Schanzen, Erdhütten und Blockhäuser, um wenigstens den Frauen Unterkunft und Schutz vor Kälte, Schnee und Frost zu gewäh- ren. Das rechte Ufer der Beresina glich einem Heer­lager, in dem keine rechte Ordnung mehr war.

Am Mittag des 26. November wurden aus süd­licher Richtung Kosaken gemeldet. Sofort entstand bei den Frauen eine wahre Panik. In größter

Eile wurden die Wagen gepackt, die Pferde an­geschirrt und trotz der energischen Proteste der Pionieroffiziere ging es über die noch nicht sicher befestigte Brücke. Zwei Stunden lang wälzte sich der Strom der zurückflutenden Vagagen mit Frauen und Verwundeten über den Steg, dessen einzelne Joche unter der Ueüerlastung fast ständig im Wasser lagen. Mit heldenhafter Aufopferung gelang es den Pionieren (sie gehörten übrigens einer Straßburger Formation an und waren aus Elsaß und Pfalz rekrutiert), die Joche zu halten. Die Mannschaften standen bis zu den Schultern im Wasser und hielten die Joche mit Hanftauen aneinander. Immer wieder rissen die Taue, immer wieder wurden neue geschlungen. Ständig wurden die Pioniere von ihren Kameraden mit Brannt­wein gelabt.

Nachdem dir Trotzwagen und die Frauen aus dem rettenden Ufer waren, wollte der komman­dierende Pionieroffizier den Uebergang sperren lassen, um wenigstens die Brücke in Ruhe und voller Sicherheit vollenden zu können. Nur noch wenige Stunden waren notwendig. Zudem wurde inzwischen, ein Büchsenschuß oberhalb, eine zweite Brücke geschlagen. Aber die unruhig gewordenen Infanteristen stürmten die Brücke und erzwängen sich den Uebergang. Auch diesem Anstoß waren die leichten Joche noch gewachsen, aber als dann die schwere Artillerie herüberrollte, tauchte der Steg ganz unter, und mit Hellem Krachen rissen die Vertäuungen. Die beiden mittleren Joche schlu­gen um und im nächsten Augenblick war die Wasserfläche mit schwimmenden und ertrinkenden Menschen und Pferden bedeckt Wie sich später her­ausstellte, war in den Protzen dieser Kanonen ein nicht unbeträchtlicher Teil der kaiserlichen

Kriegskasse verborgen, die unbedingt in Sicher­heit gebracht werden sollte. Die Fahrzeuge ver­schwanden in der Mitte des Flusses, der an dieser Stelle etwa zehn Meter tief ist.

Vergebens versuchten die Pioniere die einzelnen Joche noch zu retten. Stück für Stück wurden die Pontons abgeschwemmt, mitgerissen mit allen darauf befindlichen Menschen, die vor Angst in den Strom sprangen. Und währenddessen fegten die Salven der russischen Artillerie über die Ufer­böschungen. Da brach die Panik aus. Ganze Regi­menter stürzten sich in die eisigen Fluten. Alles schrie: „Verrat!", man hoffte, das scheinbar sehr nahe gegenseitige Ufer schwimmend zu erreichen. Fast alle versanken im Strom. Es sollen an jener Stelle der Beresina etwa 30 000 Menschen den nassen Tod gefunden haben.

Die Gegend war damals nicht bewohnt, aber die Nachricht von dieser Katastrophe zog bald recht viel Gesinde! an, das die angeschwemmten Leichen plünderte. Es bildete sich mit der Zeit sogar eine gewisse Industrie. Fischer zogen mit Fangnetz und Nachen aus, nicht um Fische zu fangen, sondern um Schätze aus der nassen Tiefe zu holen. Das ging so bis 1830. Alsdann wurde das Hervorholen von Schätzen, das Angeln nach Kriegskassen am Beresina-Uebergang durch Befehl des Zaren verboten. Ein Kranz von Sagen schreckte bald die abergläubische Bevölkerung jener Ge­gend. Das Verestna-Ufer wurde ängstlich ge­mieden.

Aber die Gelehrten und Forscher ruhten nicht. Im Jahr« 1912, zur Hundertjährigen Wiederkehr des Beresina-Ueberganges, wurden umfangreiche Arbeiten unternommen. Und zwar wieder auf Befehl des Zaren. Die Kriegskassen sollten aus der nassen Tiefe geholt werden und dem großen Freund Frankreich wieder zugestellt werden, eine galante Geste in einer hochpolitischen Zeit des vnssisch-sranzüsischen Freundschaftsbündnisse».

Ein Bagger begann zuerst die Schlammschicht, die sich im Laufe des Jahrhunderts gesammelt hatte, abzuräumen. Schon hierbei stieß man auf Waffen aller Art. Aber wie erstaunte man, als endlich die ersten Koffer, schwere, dauerhafte Truhen aus Tageslicht kamen. In einigen fand man viel Edelsteine und Wertgegenstände. Die Koffer waren von solch tadelloser Beschaffenheit, daß das Wasser nicht hatte eindringen können.

Nach weiterem Suchen glaubte man endlich die wichtige Stelle der versunkenen Kriegskassen gefunden zu haben. Schon sollte ein Taucher aus Petersburg eintreffen, mit allem Gerät, um die Tiefe genau zu untersuchen, da kam ein langes Floß, Die Flößer waren gewohnt, beson­ders an dieser engsten Stelle der Beresina, kein Hindernis zu treffen. So konnten sie dem Bagger nicht rechtzeitig ausweichen. Der Zusammenstoß war nicht heftig, aber unwiderstehlich. Der Bagger wurde beiseitegdrllckt und das Floß bohrte sich mit seiner Spitze tief in den Grund. Als dann der Taucher ankam, konnte er nur feststellen, daß

das gesamte Floß wie ein Sargdeckel über der Vaggerstelle lag.

Man beriet und wollte die Stelle durch Spren­gung freilegen. Das Floß sollte durch eine große Unterwasserladung auseinandergesprengt und be­seitigt werden, aber ehe man zum Entschluß kam, hatten die Herbstregen eingesetzt. Die Beresina schwoll zum reißenden Fluß, und alle Arbeiten mußten unterbrochen werden.

Als man dann im folgenden Sommer die Ar­beiten wieder aufnehmen wollte, fand man, daß bereits eine meterhohe Schicht des zähen Schlam­mes das Floß bedeckte. Es waren bedeutende Mittel nötig zur Fortführung der Arbeiten, und ehe die bewilligt werden konnten, weil Rußland doch so groß und Väterchen Zar gar so weit, brüllten die Kanonen des Weltkrieges.

Wie es heißt, hat sich.jetzt eine Gesellschaft ge­bildet, die versuchen will, die versunkenen Schätze und Kriegskassen des großen Korsen im Bett der Beresina zu heben. Wir der Fluß seine Beute jetzt endlich hergeben?

Georg von der Dring

Die Großmutter hat es mir erzählt

Als Knabe lebte ich bei meiner Großmutter, Anna Suhren in Brake an der Weser. Sie war zart und mußte viel ruhen. Sie trug ein schlichtes schwarzes Kleid und am Hals eine goldene Brosche, auf der Trauben abgebildet waren.

Wenn die Großmutter zu erzählen begann, blieb ich lange bei ihr im Sofa sitzen. Die früheste Geschichte, die ich von ihr hörte, war die vom „Dübel in'n Torf". Sie kannte die alten Zeiten sehr genau und konnte sich noch gut auf den Admiral Brommy besinnen, der Anfang der fünf­

ziger Jahre, vor unserer Stadt die erste deutsche Kriegsflotte befehligt-hatte. Sie war einst seine Tänzerin gewesen und hatte an der Flagge des Admirals mit gestickt.

Hatte die Großmutter eine Geschichte been­digt, so pflegte sie zu sagen: „Man müßte es aufschreiben!" Damals wußte ich noch nicht, daß ich später der Aufschreiber ihrer Geschichten sein würde. Immerhin sing ich mit siebzehn Jahren damit an. Ich schrieb eine kleine Neujahrs­erzählung aus den Tropen, Erlebnis eines Broker Kapitäns. Die Oldenburger Zeitung druckte sie^