Ausgabe 
(5.2.1935) Nr. 36
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Nr. 36 / 3. Jahrgang

Dienstag, 2 . Februar

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Schwere Katastrophen in den österreichischen Alpen

Lawinenstürze gefährden Sportler

Sechzig Ekiläufer in einer Hütte eingeschlossen / Die Arlbergstrecke gesperrt

Wien, 4. Februar.

Aus der Planer Hütte in den Ennstaler Ber­gen in Steiermark sind 49 Skiläufer, meist aus Wien und Eraz, und 2V Soldaten von zahllosen in der Nacht zum Sonntag niedergegangenen La­winen eingeschlossen worden. Gestern mittag ver­suchten die Eingeschlossenen unter Führung des Oberleutnants Anton Hofbauer 00 m Jnf.-Reg. 3 in Wien, dessen Kommando sich alle freiwillig unterstellt hatten, einen Vorstoß ins Tal. Neue Lawinenstürze vereitelten das mit Aufgebot aller Kräfte durchgeführte Unternehmen. Lediglich dem Oberleutnant Hosbauer und einem Soldaten ge­lang es, in einer Fahrt aus Leben und Tod das Tal zu erreichen und die alpinen Rettungsstatio­nen von dem Vorfall zu verständigen. Durch den Rundfunk wurden die Angehörigen der Einge­schlossenen verständigt, daß in der Planer Hütte

alles wohlauf ist und daß auch genügend Lebensmittel für ein längeres Durchhalten vor­handen sind. Wie die Mittagsblätter melden, gelang es bis jetzt noch nicht, die Eingeschlossenen zu befreien. Man hat eine Hilssexpeditio» aus erfahrenen Alpinisten zusammengestellt, die sich bemühen wird, eine gangbare Strecke zu finden, aus der dann die Eingeschlossenen zu Tal geführt werden sollen.

In den letzten Tagen ereigneten sich noch andere schwere Unglücke in den Bergen. Der be­kannte Skilehrer Fritz Weinzettel brach sich auf dem Tiroler Kogen in Niederösterreich bei einem mit großer Kühnheit durchgeführten Abfahrts­lauf beide Beine und erfror schließlich im Schnee­sturm. 2m Gebiet des Zirbitz Kogen in Steier­mark wurden sechs Personen von einer Lawine überrascht. Während fünf von ihnen an den

äußersten Rand der Lawine getragen wurden und sich bald aus den Schneemassen befreien konnten, wurde der sechste getötet.

Die Eeneraldirektion der Bundesbahnen teilt mit, daß die Arlbergstrecke in der Nacht zum Montag abermals von drei mächtigen Lawinen zwischen Bludenz und Langen verschüttet wurde. Da es sich um Grundlawinen handelt, die viel Gestein und Baumstämme mit sich führten, wer­den die Aufräumungsarbeiten lange Zeit in An­spruch nehmen.

Auch aus fast allen anderen Teilen Oester­reichs treffen erneute Meldungen über schwere Lawinenkatastrophen ein. Da in den meisten Gegenden Oesterreichs die Schneefälle bei verhält­nismäßig hohen Temperaturen andauern, werden weitere Lawinenkatastrophen befürchtet.

Wichtige Erlasse des Führers

Die Ernennung und Entlassung der Reichs- und Lanöesbeamten / Neuregelung des Gnadenrechts / Göring übt in Vreußen Neichöstatthalterrechte aus

Englischer und französischer Botschafter beim Führer

Berlin, 4 . Februar. Der englische Botschafter Sir Eric Phipps erschien am Sonntagmittag beim Reichs- autzenminister Freiherr« von Neurath und übermittelte ihm den vorläufigen Text des englisch-französischen Kommuniques. Der Reichsaußenminister meldete den englischen Botschafter aus seinen Wunsche für den Abend beim Führer an. Auch der französische Botschafter Francois-Poncet äußerte den Wunsch nach einer Unterredung mit dem Führer. Freiherr von Neurath begab sich darauf am Sonntagabend mit dem englischen und dem französischen Botschafter zum Füh­rer. Am Abend übergab dann der englische Botschafter dem Reichsaußenminister das endgültige Londoner Kommunique.

Mmxistenkmwall in Lille

Paris, 4. Februar.

Marxistische und kommunistische Frontkämpfer- verbände hatten für Sonntag in Lille Kund­gebungen angesetzt, die in verschiedenen Sälen der Stadt stattfinden sollten. Trotz des allgemeinen Verbotes von Siraßenkundgebungen versuchten etwa 2000 Mitglieder dieser Verbände einen Straßenumzug zu veranstalten. Hierbei stießen sie auf ein starkes Polizeiaufgebot. Es kam zu hefti­gen Zusammenstößen. Die Demonstranten versuch­ten, die Polizeibeamten zu entwaffnen, worauf diese mit dem Gewehrkolben auf die Angreifer losgingen. Auch die berittene Mobilgard« griff mehrmals ein. Die Polizei behielt schließlich die Oberhand und zerstreute die Demonstranten, von denen zehn zum Teil sehr schwer verletzt wurden.

Man mordet sich,- es ist Paris"

Paris, 4. Februar

In dem Pariser Vorort St. Germain kam es am Sonntag zu einer folgenschweren Schlägerei zwischen Verkäufern der royalistischen Zeitung Action fran;aise" und dem kommunistischen BlattHumanits". Auf beiden Seiten gab es Verletzte. Ein Ingenieur, der sich als Verkäufer derAction fran«aise" betätigte, erhielt einen so heftigen Stockhieb auf den Kopf, daß er wenige Stunden nach seiner Einlieserung ins Kranken­haus starb.

ÄN der Zelle verbrannt

Warschau, 4. Februar

Im Polizeigefängnis des Städtchens Stoczeg im Kreise Luckow geriet in einer Zelle ein Stroh­sack durch ein« Zigarette in Brand. Ehe die Schreckensuufe der Gefangenen gehört wurden und die Zelle geöffnet werden konnte, verbrannten zwei der Häftlinge völlig; ein dritter wurde in hoffnungslosem Zustande ins Krankenhaus ge­schafft.

Gegen Aenderung der Schweizer Bundesverfas­sung. Der in Bern versammelte Parteitag der Freisinnig-demokratischen Partei der Schweiz, der Mehrheitspartei der Regierung, hat sich gegen eine Abänderung der Bundesverfassung im gegenwärti­gen Zeitpunkt ausgesprochen.

änb. Berlin, 4. Februar.

Das Reichsgesetzblatt veröffentlicht vier Erlasse des Führers und Reichskanzlers zum Reichsstatt­haltergesetz vom 3V. Januar 1935 und zum Gesetz über das Staatsoberhaupt vom 1. August 1934, in denen die Ernennung und Entlassung der Reichs- und Landesbeamten, die Ausübung des Enadenrechtes und die Ausübung der Befugnisse des Reichsstatthalters in Preußen geregelt werden.

Der Erlaß über die Ernennung und Entlassung der Landesbeamten

bestimmt auf Grund des Z 7 des Reichsstatt­haltergesetzes vom 30. Januar 1935 in Verbin­dung mit dem Gesetz über den Neuaufbau des Reiches vom 30. Januar 1834 und dem Gesetz über das Staatsoberhaupt des Deutschen Reiches vom 1. August 1934 unter Aufhebung des Er­lasses des Reichspräsidenten vom 3. Februar 1934:

I. Ich behalte mir vor die Ernennung und Entlassung der Inhaber von Planstellen derjeni­gen Länderbesoldungsgruppen, die den Reichs­besoldungsgruppen K 2e und auswärts ent­sprechen. Die Vorschläge werden vorgelegt für Preußen vom Ministerpräsidenten, für die übrigen Länder im Bereich der allgemeinen und inneren Landesverwaltung vom Rsichsminister des Innern, sonst von den zuständigen Reichs­ministern.

Bei Abweichung von den Reichsgrundsätzen über Einstellung, Anstellung und Beförderung ist vor der Vorlage an mich die Zustimmung der Reichsminister des Innern und der Finanzen ein­

zuholen. Diese Zustimmung ist nicht erforderlich zur Ernennung

a) der Oberpräsidenten und ihrer allgemeinen Vertreter,

b) der Regierungspräsidenten, Kreishauptleute, Landeskommissare und ihrer allgemeinen Vertreter,

0 ) der Polizeipräsidenten und Polizeidirektoren der staatlichen Polizeiverwaltungen,

6) der Landräte, Bezirksoberamtmänner, Amts­hauptleute, Kreisdirektoren (Vorstände der Behörden der unteren Staatsverwaltung).

II. Ich übertrage die Ausübung des mir zuste­henden Rechts zur Ernennung und Entlassung der sonstigen Landesbeamten für Preußen auf den Ministerpräsidenten, der ermächtigt ist, sie weiter zu übertragen, für die übrigen Länder im Be­reich der allgemeinen und inneren Landesverwal­tung dem Reichsminister des Innern, sonst den zuständigen Reichsministern.

Bei Abweichung von den Grundsätzen über Ein­stellung, Anstellung und Beförderung ist die Zu­stimmung der Reichsminister des Innern und der Finanzen erforderlich.

Die Reichsminister können die Ausübung des Rechtes zur Ernennung und Entlassung dieser Beamten mit Zustimmung des Reichsministers des Innern auf die Reichsstatthalter übertragen, die ihrerseits zur Weiterübertragung ermächtigt sind. Für besondere Fäll« behalte ich mir das Recht der persönlichen Entscheidung auch bezüglich dieser Beamten vor-

III. Die Ernennung und Entlassung der mittel­baren Landesbeamten richtet sich nach den gel­tenden Vorschriften.

IV. Ausführungs- und Uebergangsbestimmungen erlassen die Reichsminister des Innern und der Finanzen.

Der Führer und Reichskanzler (gez.) Adolf Hitler.

Der Reichsminister des Innern (gez.) F r i ck."

Der Erlaß des Führers und Reichskanzlers über die Ausübung der Befugnisse des Reichsstatthalters in Preußen bestimmt:

Die mir durch 8*10 des Reichsstatthaltergesetzes vom 30. Januar 1935 vorbehaltenen Rechte über­trage ich zur Ausübung dem preußischen Minister­präsidenten.

Der Führer und Reichskanzler:

Adolf Hitler.

»

(Erlaß über die Ernennungen der Reichs- beamten auf Seite 2)

Mimstei-mt in pi-eußen

Berlin, 4. Februar.

Unter dem Vorsitz des preußischen Minister­präsidenten Hermann Göring fand Montag ein preußischer Ministerrat statt, an dem die Minister Popitz, Ruft, Kerrl, DarrS, Eürtner und Dr. Schacht mit ihren Staatssekretären teil­nahmen. Der Ministerrat beschäftigte sich vor­wiegend mit Fragen, die den preußischen Haus­halt und die Landwirtschaft betreffen.

Der Wille

zum Rüstungsabkommen

Bremen, 4. Februar.

Die Londoner Verhandlungen sind been­det, ohne daß eigentlich greifbare Be­schlüsse zustandekamen. Man kann die Frage offenlassen, ob solche überhaupt vor­gesehen waren und wenn man will, die Bedeutung der Konferenz darin ersehen, daß sie den Weg für spätere, unmittelbare Verhandlungen mit Deutschland geebnet hat. Das aber ist schon als ein Erfolg zu werten.

Der in dem Kommunique deutlich aus­gesprochene Wille zu einem allgemei­nen Rüstungsübereinkommen mit Einschluß Deutschlands ist nunmehr auch von Frank­reich bekundet worden, und somit steht fest, daß in London keinerlei Brücken abge­brochen wurden, im Gegenteil, daß zumin­dest England sehr darauf bedacht war, nach allen Seiten hin die Türen zu weiteren Verhandlungen offenzuhalten.

Dabei taucht als neues Moment der Plan des westlichen Luftabkommens auf, von dem man allerdings zur Stunde noch nicht sagen kann, ob er nach den Verein­barungen von Londonschnellstens zum Abschluß" kommen soll, oder aber, ob nun erst einmalschnellstens die Ver­handlungen" dazu aufzunehmen sind. Gerade über diesen wichtigen Teil des Kommuniques laufen verschiedene Deutun­gen, wobei sich augenblicklich noch nicht sagen läßt, inwieweit sie mit dem amtlichen Text übereinstimmen.

Jedenfalls umreißt die Londoner Verlaut­barung, wie die Teutsche diplomatisch-poli­tische Korrespondenz ganz richtig schreibt, ein großzügiges Programm zur gemein­samen Regelung der Rüstungs- und Siche- rungsfragen Europas, besonders für die Länder inmitten und im Westen des Erd­teils.

Bemerkenswert ist die in dem Kommuni­que immerhin erkennbare Bereitschaft der Verhandlungsmächte, bei den zu erwar­tenden Verhandlungen über einen Kollek­tivpakt Deutschland als gleich­berechtigt anzuerkennen. Dabei findet sich allerdings auch und wohl auf Veranlassung Frankreichs die Feststellung, daß der Teil V des Versailler Vertrages nicht einseitig übertreten werden durfte. Da mit dieser Feststellung zweifellos Deutsch­land gesagt werden soll, daß es die Ver­pflichtungen dieses Teils des Versailler Ver­trages nicht innegehalten habe, so muß von deutscher Seite dagegen betont werden, daß, wenn das überhaupt der Fall wäre, wegen einer solchen Uebertretung jedenfalls nicht einseitig Deutschland sich betroffen füh­len könnte, nachdem ja von den übrigen Un­terzeichnern des Versailler Vertrages das Versprechen und die Verpflichtung, ebenfalls abzurüsten, 18 Jahre lang einfach mißachtet worden ist. Wenn man also von Uebertre- tungen des Versailler Vertrages in London zu sprechen sich berechtigt fühlte, so mußte man sich gerechterweise auch klar darüber sein und war sich wohl auch klar dar­über, daß von einseitigen Verstößen Deutschlands gegen den Versailler Vertrag

Wenn Tiger Elternfreuden erleben ...

Familienleben, das man nicht ohne Bangen erwartete / Von Paul Eipper

Die Königstigerin im Berliner Zoo hat vor kurzem drei Junge geboren. Gewöhnlich nimmt man der größeren Sicherheit wegen solche Neugeborenen von der Raubtiermutter weg und gibt sie einer Hundeamme zur Aufzucht. In diesem Fall aber nährt die Tigerin ihre Kinder selbst; zudem haust auch der Tiger in der Wochenstube, der große, schwere Bengale, ein Koloß an Kraft und farbig lodernder Herrlichkeit.

Ich mutz gestehen, als ich die Tigerfamilie zum erstenmal beisammen sah, hatte ich Angst. So et­was gab es nach meinem Wissen noch in keinem Zoo; unmöglich, daß es gut ausgeht.

Aber Petrus Liefen, derHerrscher über Ber­lins Löwen und Tiger" lächelte beruhigend:Das Zusammenlassen der beiden Großen war ein Kin­derspiel! In den ersten Wochen nach der Geburt saß die Tigermutter mit ihren Kindern allein; dann habe ich ganz einfach statt der Zwischenwand aus Holz ein Eisengitter angebracht. Der Tiger schaute sofort neugierig herüber und lockte die Kleinen. Nach kurzer Zeit zwängte sich eines zwi­schen den Stäben hindurch, wurde von seinem Vater gründlich und durchaus liebevoll abgeleckt. Da konnten wir unbesorgt das Trennungsgitter fortnehmen. Im übrigen paßte die Tigerin vor­trefflich auf: recht bald empfing der Alte von ihr eine handgreifliche Belehrung im Umgang mit Kindern: eines der Jungen hatte den Vater Hon hinten beschlichen, die kleinen, spitzen Milch- zahnchen in seinen Schweif geschlagen. Empört über so viel Frechheit fuhr der große Kopf fau­chend herum; das Kind bekam Angst, wich zu­rück. stieß gegen die Hintere Käfigwand, merkte, daß rs e g"/ war "nd ichrie j'nmerlich

um Hilfe. Rascher als man denken kann, schnellte die Tigerin durch den Raum und hieb dem Vater, der arglos und ganz ohne böse Absicht war, zwei so gewaltige Ohrfeigen, daß er kopfschüttelnd weg­ging, während der nächsten Stunden keineswegs seine Kinder mehr beachtete."

So erzählt der Wärter und zeigt mir die Woh­nung der Tigerfamilie, drei ineinandergehende, große Räume mit Möglichkeiten zum Ausweichen, was für die Eemeinschaftshaltung aller Tier­arten unerläßlich ist.

Die drei Jungen jetzt gerade 14 Wochen alt und etwa so groß wie Hauskatzen genießen ihr Dasein in wilder Ausgelassenheit. Sie fegen von einer Stube zur anderen, überrennen die Mutter, die im mittleren Raum ausgestreckt ruht, und flitzen hinüber ins äußerste Gelaß, wo der Vater auf und ab schreitet. Nun wird das Haschespiel interessant, weil man in Bögen und Schwüngen um die schweren Pranken des großen Tigers herumkurven, sich hinter seinen gewaltigen Bein- säulen verstecken kann.

Wenn schließlich der alte Tiger gar nicht mehr weiß, wie er die Füße setzen soll, dann läßt er sich mit verlegen gutmütigem Brummen auf den Bo­den nieder. Aber Ruhe bekommt er deswegen nicht, wie Frösche hüpfen die Tigerkinder auf seinen Rücken, klettern in Vaters Genick, steigen auf seinen dicken Kopf. Der König des Dschungels nimmt den Unfug geduldig hin, verzieht nur ein wenig das Gesicht. Doch als die drei Kobold« Miene machen, den Vater gemeinsam aufzu­fressen, der eine Ohr, der andere die Bauchwamm«, der dritte das linke Hinterbein mißhandelt, faucht der alte Tiger grimmig und sck, >elt sich, durchaus

verärgert. Sofort schnellen die Kleinen weg; schon ist die ganze Gesellschaft drüben bei der Mutter gelandet, die noch immer in der anderen Stube liegt, sich aber so gedreht hat, daß sie das Spiel beim Vater genau beobachten kann.

Traut sie dem Alten auch jetzt noch nicht? Viel­leicht. Manchmal glaube ich allerdings, es sei ein bißchen Eifersucht dabei. Denn je länger ich die Tigerfamilie beobachte, um so deutlicher wird mir, daß zwei der Jungen viel lieber Leim Vater sind. Es ist gewiß schön.und gut bei der Mutter; man liegt so weich zwischen ihren ausgestreckten Vorderpfoten, dicht an die weiße Brust gebettet; man wird von ihrer Zunge angenehm gewaschen, braucht dennoch keinen Augenblick stille sein; die Güte der Tigerin hält jeder Geduldsprobe stand- Aber gerade weil der Vater manchmal protestiert, weil er böse wird und schimpft, deswegen ist das Spiel mit ihm so reizvoll aufregend. Am Ende tut er einem ja doch kein Leid; man setzt sich dicht vor ihn hin, vor den Riesen, dessen Kopf so groß ist wie der ganze Sohn, hebt die Kinder­pfote und führt einen frechen Schlag gegen feine Nase. Schlimmstenfalls reißt der Große den Nachen auf, und nun geschieht etwas, was kein Mensch für möglich hält: das Kind schiebt schmeichlerisch sein rundes Schädelchen tief in die rote Höhle, vorbei an den gewaltigen Reitzzähnen und wartet, bis der Tiger seinen eigenen Kopf zurückstemmt. so daß seine breite Zunge mit zärt­lichem Bürsten das Kindergesicht wieder aus der Gefahrenzone bringt.

Tagaus, tagein geht gleichermaßen das Spiel der Tigerfamilie, und wer daran noch nicht genug hat, der kann am unteren Ende des Raubtier­hauses Löwe und Kinderschar ebenfalls zusammen spielen sehen. Das ist vielleicht noch schöner; denn wenn die jungen Löwen müde sind, verkriechen sie sich tief hinein in die schwarze Mähne des Vaters. Prisma.

Gertraud von Boeck

Das Um-

Wenn Sie das Kindergemüt der Männer ken­nenlernen wollen, brauchen Sie nur nachzufragen, was die Herren der Schöpfung alles mit ihren Rasierklingen anfangen. Der eine wetzt die Klinge am Zahnputzglas und behauptet, dies sei die einzig seligmachende Methode, ein anderer hingegen schwört, ein Messer müsse acht Tage lang ruhen, er wisse es von englischen Frontsoldaten, die doch weiß Gott etwas vom Rasieren verstün­den. Was aber hinterher noch mit den gebrauchten Klingen passiert, übersteigt jedenfalls weibliche Phantasie. So zeigte mir einmal ein Bekannter (ansonsten ein ganz vernünftiger Mensch) so ein Wunder der Technik", von ihm selbst konstruiert. Mit Hilfe unzähliger Schrauben hatte er eine Menge Rasierklingen an einem alten Kleider­bügel befestigt. Tatsächlich glich das Instrument einer Sichel und er wollte wie er mir sagt« damit den Rasenstreifen um seine Rosenbeete herum scheren. Hätten Sie vielleicht den Mut gehabt, ob soviel Genialität zu zweifeln oder gar zu lächeln?

Wenn der Mann aus der Tretmühle seines Berufes und des Alltags heraus ist, kommt das Kind in ihm zu seinem Recht. Es soll ernsthafte Männer geben, die mit der Eisenbahn ihrer Kinder spielen und Universiiätsprofessoren, die heimlich dieRoller" ihrer Enkel ausprobieren, Und sind Ihnen selbst nicht vielleicht schon am Badestrand energisch aussehende Herren aufge­fallen, die, kaum allein gelassen und sich unbeob­achtet fühlend damit beginnen, verträumt mit ihren Zehen zu spielen, um selbige alsbald im Sand zu vergraben.

im Manne

Und eines Tages, liebe Dame, kommen Sie bei einem großen Abendessen oder in der Sommer­frische neben dem berühmten Gelehrten T. zu sitzen. Sie sind schon sehr gespannt und Ihre Freundin bereits neidisch, und Sie denken nun, welch interessante Sachen Sie zu hören bekommen, aber Sie irren sich. Ueber seine Arbeiten werden Sie nichts erfahren, hingegen wird er ausführlich berichten, daß er ein ganz schlechter Schüler, ein ganz ausgekochter Lausbub war und daß er eines Tages mit einem Luftgewehr auf die im Nachbargarten aufgehängte geheimrätliche Wäsche geschossen habe. Und er wird dies mit einem so verklärten Ausdruck erzählen, daß man glauben könnt«, diese Tat und nicht seine Forschungsarbeit habe ihn so berühmt gemacht.

Und falls er in der untersten Schublade des kostbaren Mahagonischreibtisches die unmög­lichsten Dinge aufbewahrt, der Herr Gemahl, Dinge als da sind: abgerissene Angelschnüre, imi­tierte Heuschrecken usw., die er zu geheimen (Ihnen stets dunkel bleibenden) Zwecken zu brauchen vorgibt, 0 rühret, rühret nicht daran! Und sollte er gelegentlich brummen, weil er schon wieder den. Smoking anziehen muß (und er muß doch Ihrem neuen Abendkleid zuliebe den Smo­king anziehen), seien Sie nachsichtig, für ihn ist vielleicht der Frack der verhaßte Sonntags- Sammtanzng aus Kindertagen.

Und wo immer sie ihm begegnen, dem Kind !m Manne, gehen Sie behutsam mit ihm um, meine Damen den» ein Mann, in dem kein Kind steckt, das ist überhaupt kein Mann.