I
vremer
öas amUiche Organ Ses Senaw
Ä
6
rcttung
der Freien Lanfeftadl vremen
durch°di?°Post^RM^2Ä !iÄÄ Montags). Monatsbezug: RM. 2.30 einschl. 30 Rps. ZustcNungsgebühr- entrichten. Postscheck Hamburg 172^7»°^ P°stbestellgeld. Der Bezugspreis ist im voraus zu
NS.-E°u°erlag Lker Lms K m ^ »°tnebsst°rungen begründen keinen Anspruch auf Erstattung oder Ersatz.
——^ms G. m. b. H.» Zweigniederlassung Bremen. Eeeren 6-8/Fernruf: Roland62S.
Nr. 24 / 3. Jahrgang
19 3 5
Donnerstag, 24 . Januar
Prersnire i. ^cacylamraiiez ^ ,H
Sprechzeit des Verlages werrtaglich von 12—13 Uhr. der Schriftleitung werktäglich von 1 b—17 Uhr.
Einzelpreis is Rps.
Reben Dr. Schacht« und des Reichsdanbwerlsmelfter«
Handwerk erhält goldenen Boden
Die Verwirklichung des Ausleseprinzipö im deutschen HanbwerkSstand
Berlin, 24. Januar.
Die mit dem gestrigen Tage durch die Reichsregierung vollzogene Einführung des großen Befähigungsnachweises und der Handwerkskarte war der Anlaß zu einer im festlich mit den alten Jnnungsfahnen geschmückten Sitzungssaals des Preußenhauses stattgefundenen Kundgebung der Führerschaft des Reichsstandes des deutschen Handwerks. Dabei sprach Dr. Schacht über die Bedeutung des Tages als Wendepunkt in der Geschichte des deutschen Handwerkes folgendes: „Meine sehr geehrten Herren Handwerksmeister! Einem lange gehegten Wunsche nach dem sogenannten großen Befähigungsnachweise für die selbständige Ausübung des Handwerksberufes ist mit der heute erlassenen Verordnung Erfüllung geworden. Die selbständige Ausübung des Handwerksberufes ist nunmehr an die Ablegung der Meisterprüfung geknüpft. Das entspricht der nationalsozialistischen Auffassung vom Handwerk.
Es war eine der wirtschaftspolitischen Uebertreibungen des liberalistischen 19. Jahrhunderts, wenn man mit der unvermeidlichen Einengung des Handwerks auch seine berufliche Organisation verfallen ließ und durch Einführung schrankenloser Eewerbefreiheit das handwerkliche Können herabminderte.
Erst der nationalsozialistischen Regierung ist es vorbehalten geblieben» die Sicherung des Leistungsprinzips im Handwerk wieder herzustellen, nachdem bereits das Gesetz über den vorläufigen Hjusbau des deutschen Handwerks vom November 1888 und die Verordnung vom Juli 1884 mit Ei«.
fiihrung der allgemeinen Pflichtinnung und der Ehrengerichtsbarkeit die Voraussetzungen dafür schuf.
Was bedeutet nun die heute erlassene Verordnung? Ein Ansporn zur Erreichung einer hohen Leistung. Die Verordnung bringt keinen uuwerus elausus, denn niemanden ist damit der Weg zum Handwerk versperrt. Alle Handwerker, die vor dem 1. Januar 1932 in die Handwerksrolle eingetragen wurden, bleiben von der Verordnung unberührt. Wer später eingetragen wurde, und unter 35 Jahre Jahre alt ist, muß die Meisterprüfung bis 1939 nachholen, allerdings unter erleichterten Bedingungen. Auch dem jungen Handwerker, der seine Ausbildung in der Industrie erhielt, steht der Weg zur Meisterprüfung und damit zur Selbständigkeit offen."
„Die Meisterprüfung wird", so schloß Dr. Schacht, „der Maßstab für die Auslese der wirklich Tüchtigen im Handwerk sein. Meine Herren, das Schicksal der Verordnung ist im wesentliche» in Ihre Hände gelegt. Das hohe Vertrauen» das Ihnen damit entgegengebracht wird, werden Sie dadurch rechtfertigen, daß Sie im Geiste unseres Führers Adolf Hitler den wirtschaftlichen und nationalen Aufbau Deutschlands auch im Handwerk durch zähe, opferwillige Mitarbeit vollende« helfe». Heil.'"
Nach Dr. Schacht sprach Reichshandwerksmeister Schmidt: Der Reichswirtschaftsminister hat jetzt die
„Zweite" und „Dritte Verordnung über den vorläufigen Aufbau des deutschen Handwerks" erlassen. Während in der „Zweiten Verordnung" das Führerprinzip bei den Handwerkskammern verankert wird, bringt die „Dritte Verordnung" die gesetzliche Einführung des „EroßenBefähigungsnachweises" und der Handwerkskarte.
Damit hat der nationalsozialistische Staat, der im vorigen Jahre dem Handwerk die Pflicht- innung und die Ehrengerichtsbarkeit gegeben hatte» etwas geschaffen» um das die Handwerkerbewegung «nter dem früheren Regiernngssystem jahrzehntelang vergeblich gekämpft hatte.
Gerade in der Wirtschaftskrise sind Ungelernt- ohne die nötige Sachkenntnis und das erforderliche Verantwortungsgefühl ins Handwerk geströmt und haben neue selbständige Handwerksbetriebe eröffnet. Noch heute ist das Handwerk zu 20 v. H. übersetzt. Die nicht vorgebildeten „Handwerker" reißen durch unlauteres Verhalten in großem Umfange die Aufträge an sich, und zwar besonders durch Uebervorteilung der Kunden oder durch Schmutzkonkurrenz. Solche Schädlinge ermöglichen Schleuderpreise, indem sie ihre Mitarbeiter unter Tarif entlohnen oder Steuern, Sozialbeiträge, Miets- und Geschäfts« schulden nicht bezahlen. Damit haben sie einen Wettbewerb mit ungleichen Waffen eröffnet, dem der anständig und ehrbar arbeitende Handwerker nicht gewachsen sein konnte. Auch die Schwarzarbeiter und Eelgenheitsarbei- ter untergruben das wirtschaftliche Dasein des geschulten Handwerksmeisters.
Handeln Sie, Herr Cot!
Unterredung unseres pariser K. i.-Mitarbeiters mit dem früheren französischen Luftsahrtminifter
(Vraktkvrivkt kür Lie „Lrewer Leitung") Paris, 23. Januar.
Eine der angenehmsten und reizvollsten Erscheinungen der französischen Kammer ist zweifellos der junge Abgeordnete aus Hoch-Savoyen, Pierre Tot. Er ging, 18jährig, als Freiwilliger ins Feld und hat vier Jahre lang in der vordersten Front gekämpft. Nach dem Friedensschluß zog er als Abgeordneter in das Palais Vourbon ein. Er schloß sich der radikalsozialen Kammergruppe an und erlangte bald eine führende Stellung auf dem aktivistischen Flügel der sogenannten „Jungtürken", die dem überalterten Parteivorstand und den Parlamentsveteranen vom Schlage Herriots und Chautemps' arg zu schaffen machten.
Nachdem er in dem Wahlgang des Jahres 1932 kräftig mitgeholfen hatte, die Regierungsmehrheit Tardieus zu schlagen, wurde ihm das wichtige Mi- nisterium der militärischen und zivilen Luftfahrt anvertraut. Die Vereinigung der sechs Luftver-
Seorg von -er Dring
kehrsgesellschaften zu einer einheitlichen, der „Air France", ist sein Werk. Der Sturz Daladiers riß auch ihn mit; er wurde durch den General Denain ersetzt. Als Berichterstatter über die Außenpolitik auf dem Radikalsozialistischen Parteitag in Nantes im letzten Oktober wetterte er mit hinreißender Beredtsamkeit gegen die Rüstungsindustriellen.
„Sagen Sie Ihren Lesern", erklärte mir Pierre Tot in einer Unterredung, „daß niemand aufrichtiger die Verständigung zwischen Deutschland und Frankreich herbeiwünscht als ich. Die Worte des Reichskanzlers sind tatsächlich von gesundem Menschenverstand eingegeben. Wenn unsere beiden Länder sich verständigten, würde Europa von einem Alpdruck befreit werden. Die Völker würden wieder frei atmen können, und das Vertrauen würde langsam zurückkehren."
„Ich wünsche lebhaft, daß das Jahr 1935 diese Annäherung bringen wird. Nachdem die Saarfrage endgültig geregelt ist, dürfte der Inangriffnahme nichts mehr im Wege stehen. Deutschland
Die Landschaft als Vühne
Aufgewachsen bin ich wie in einem Welttheater. Die Bühne war der breite Weserstrom, unterhalb Bremens, dort. wo er sich schon dem Meere nähert. In diesem Theater saß ich auf dem allerbesten Platz, nämlich auf der Kaje von Brake.
Wundervolle Bühne! Der Strom, hier fast einen Kilometer breit, glitt mit der Ebbe gen Norden und kehrte mit der Flut zurück. Er besaß Wellengang oder er lag als glatter Spiegel da. Im Winter trieben riesige Eisschollen auf ihm dahin: dann hing der Himmel düster über der verödeten Landschaft, und nur zuweilen schnitt ein Dampfer des Stromes dunkle und eisige Fahrrinne.
Ueber den Himmel zog immer und ewig der Rauch von vielen schwarzen Dampfern. Sie fuhren nach Bremen hinauf. Kehrten sie leer zurück, so lagen sie hoch wie Schalen aus dem Wasser und zeigten den roten Unterwasserstreifen: ihre Schraube aber schlug Gischt empor. Die größten Ozeandampfer trugen die rote Signalflagge am Vordermast, die allen kleineren Fahrzeugen bedeutete:' Ich kann nicht ausweichen!
Sie waren so groß und schwer und konnten nicht ausweichen: und sie kamen aus allen Ländern der Erde. Es waren Engländer, Griechen, Russen, Holländer, Dänen, Schweden und Norweger — all diese Flaggen und noch viele andere habe ich in meiner Jugend hier flattern sehen . . . Brasilien, Belgien, Japan . . .
Die Landschaft dieser Bühne! Die Ufer voll von Booten und Kähnen, Schleppern und Baggern. Stromauf die kleine spitze Kirche von Ham- melwarden. Dort sind meine Vorfahren begra
ben. Dahinter, weiter östlich, dünn und hoch, die Schornsteine der Fabriken von Blumenthal. Gegenüber, auf der langen Insel, die vier Leuchttürme, zwei rote und zwei kleine weiße. Dazwischen ein Bauernhaus unter Bäumen und ein kleineres für den Leuchtturmwärter. Hinter der Insel ferne Dörfer und blauer Dunst von Baumreihen und Wald. Stromab, am eigenen Ufer, der Pier, wo viele Eetreidedampfer löschen. Jenseits das Dorf Sandstedt mit dem schiefgedeckten Turm, dessen gedrehte Flächen glitzern. Weiter dann ahnt man zwischen Bäumen das Dorf Rechtenfleth, wo einst ein Poet gewohnt hat: Hermann Allmers, der Marschendichter.
„Ich ruhe still im hohen grünen Gras
Und sende lange meinen Blick nach oben . . ."
An Sommertagen, der Himmel blau, Ferien.:, dann kamen die weißen Lloyddampfer. Sie legten bei uns vor der Kaje an und brachten braungebrannte Menschen, Reisende, mit. Wenn ich dann dastand und Weißfische und Aale angelte, gingen sie lachend und singend hinter mir vorbei über die Brücke. Einmal wollte mir jemand die Aale abkaufen und bot eine ganze Mark — sicher war es ein Liebhaberpreis. Was aber lag mir an Geld?
Die Dampfer, die ich meine, hießen „Lachs", „Forelle" und „Hecht". Wer auf der Unterweser gefahren ist, kennt sie. Sie sind ganz weiß und haben apfelsinengelbe Schornsteine, die an ihrer Spitze angerußt sind. Schicken sie sich zum Anlegen an, so läutet eine wohlklingende Glocke herüber, die vor dem Vordermast wie von Gold glänzt. Heute soll dort, wie meine Mutter schreibt, ein neuer Dampfer verkehren, der „Hanseat" heißt. Ich kenne ihn nicht.
und Frankreich find zwei große Nationen. Sie müßen ihre beiderseitigen Ansprüche und Bedürfnisse verstehen lernen. Die Männer, die den Krieg mitgemacht haben, sind sich stärker, als irgend jemand sonst über die Notwendigkeit der deutsch-französischen Verständigung klar!"
Das sind eindeutige und schlüssige Ansichten. Warum wird nicht nach ihnen verfahren? Werden diese Ansichten nicht von allen vernünftigen Franzosen geteilt? Vor einigen Tagen hatte mir Paul Bastid, der Präsident der außenpolitischen Kommission der Kammer, erklärt: „Ich bin immer der Meinung gewesen, daß die deutsch-französische Verständigung das fundamentale Problem — um nicht zu sagen: das einzige Problem — des Friedens in Europa darstellt!" Worauf wartet man denn noch in Frankreich, um es anzupacken? Die Einsicht ist da. Jetzt muß die Tat folgen. Handeln Sie, Herr Tot! Bringen Sie in der Kammer den Antrag ein, die Regierung möge die vom Führer des deutschen Volkes dargebotene Hand ergreifen!
Wenn ich an die weißen Dampfer denke, so fällt mir der Dichter Allmers ein. Er ist gestorben, bevor ich recht wußte, was Dichter sind. Ich -habe ihn leider nie gesehen. Aber mein Vetter hat ihn gesehen. Ich sollte ihn eigentlich darum beneiden, jedoch der Vetter kann sich gar nicht mehr daran erinnern, daß ein alter Mann mit einer ganz krummen Nase ihm einmal auf dem Dampfer „Lachs" die Backen gestreichelt hat: denn er war ja erst ein halbes Jahr alt.
Einmal aber geschah mir selber etwas Unvergeßliches.
Ich muß noch klein gewesen sein, vielleicht neun Jahre alt. Da stand ich eines Abends an der Weserkaje und spähte über meine spiegelnde Bühne hinaus. Und als ich so ausspähte, sah ich im Norden, hinter dem Pier, ein ganz sonderbares Gebilde liegen. Es glich einem weißgrauen Gebirge, das dort aus dem Wasser getaucht sein mußte, regungslos lag es, und das letzte Licht des Sonnenunterganges ließ es wie eine Stadt mit hellen Türmen und Zinnen aufglänzen.
Ich stand lange. Das Abendlicht erlosch. Noch in der Dämmerung sah ich jene Jnselstadt her- überschimmern. Sie lag da wie aus einer Geschichte, so als ob sie nicht wahr und wirklich da liege.
Was für eine Zauberstadt hatte ich damals auf dieser Welt der Schmerzen entdeckt? Heute weiß ich es. Es war der erste Panzerkreuzer, der vor unserer Stadt erschien: gegen Abend war er eingelaufen und hatte Anker geworfen.
Weg und Hie!
Leben heißt: sich der Wahrheit ergeben, klarer zu wissen, was groß ist, was klein. "
Klein ist das eigene menschliche Wollen — doch aus Kleinem empor wächst die größere Tat.
Larl I-angs.
. - ^ .
MW
K. ksburtstage Los Oonor-tls lulLmann lieü es sieb Ler b'ükrvr nivbt nekmov, Lsm bv- rübmtsn Trupponkübrer aus Lom IVoltkriogo nnL dervLkrton Mtüämpkor porsönlivd soivs Vlüvk- rvüusvbo 2u überbringen, illav siebt Leu b'übror unL Oeneral lütrmnnn vor Lom Hause Ler Tovktor Los Oeuerals in Lerliu-Xikolasseo
kr. viü. Als der römische Feldherr Pompejus der Große, von Cäsar besiegt, nach gefahrvoller Flucht den König von Aegypten um Aufnahme bat, wurde der Rat des Hofes zu einer Entscheidung über da? Gesuch des geschlagenen Römers zusammengerufen. In der Sitzung des Rates ergriff auch ein redegewandter Philosoph, Theodotos, das Wort, um mit spitzfindiger Logik sowohl gegen die Erfüllung wie gegen die Ablehnung der Bitte des Pompejus zu sprechen: „Wollte man ihn aufnehmen, so würde man sich Cäsar zum Femde, den Besiegten dagegen zum Herrn machen; verstände man sich dagegen zur Abweisung der Bitte, so wäre man wiederum der Feindschaft Pompejus sicher." Also könne man weder das eine noch das andere für sich allein tun. Der Rat des „scharfsinnigen" Theodotos gleicht der Taktik, die fast zwei Jahrtausend später der französische Außenminister Lava! Deutschland gegenüber einschlägt. Einesteils möchte Lava! nach den Friedenserklärungen Adolf Hitlers die historische Gelegenheit zu einer grundlegenden deutsch-französischen Verständigung nicht ungenutzt vorübergehen lassen, andernteils will er nach wie vor über Verbündete gegen Deutschland verfügen. Und so spannt er die Kleine Entente weiterhin vor seine Politik, fordert er den Beitritt des Reiches zum Ost- Kriegs-Pakt als Vorbedingung für eine Annäherung zwischen Berlin und. Paris., Deutschland hat bereits im September in einer Note ausführlich begründet, weshalb
Wilhelm Schsrrelmsnn
es sich nicht an dem seinerzeit von Barthou, dem ermordeten Vorgänger Lavals, projektierten Ostpakt beteiligen werde; man könne ihm u. a. nicht zumuten, beim Ausbruch eines ihm Pöblig gleichgültigen Konflikts zum Aufmarschgebiet 'fremder Truppen. zu werden. Wir glauben nun allerdings nicht, daß Lava! den Widerspruch seiner Politik in Anlehnung an den erwähnten Philosophen, zu lösen versuchen wird, der sich seinerseits mit folgendem Ratschlag aus der Klemme befreite: „Man lasse den römischen Feldherrn kommen, bringe ihn jedoch sofort um." Wir halten, .wie gesagt, Lava! für klüger. Die sich langsam einspielende deutsch-französische Unterhaltung muß aber von neuem ins Stocken geraten, wenn der Leiter der französischen Außenpolitik zugleich seine eigenen Ziele und die seines toten Amtsvorgängers , verfolgen will. Auch das Schicksal des römischen Ratgebers — Cäsar ließ ihn seines Lebens nicht mehr' sicher werden — sollte hier abschrecken! Schließlich will ja doch Frankreich in erster Linie Sicherheit:
Lloyd George, der englische, Staatsmann, hat sich . von seinem .Schreihtisch, an dem. er Kriegsmemoiren gegen die britische Admiralität und den Generalstab schrieb, und von seiner Farm, auf der er Feldfrüchte züchtete, in die aktive Politik zurückbegeben. Die Zielscheibe seines neuen Kampfes ist. die von den Konservativen und den Splittern der Labour Party und der Liberalen gestützte
Der verhängnisvolle Riegel
„Sie werden bemerkt haben, daß in unserer Anstatt nicht eine einzige Tür unter Verschluß gehalten wird", sagte der Hausvater des Marga- rethenstiftes', als wir nach einem Rundgang durch die Räume der Anstalt wieder in sein Privat- zimmer traten und uns zu einer Tasse Kaffee niederließen, die uns der alte Herr mit gewinnender Freundlichkeit angeboten hatte.
„Ich werde auch niemals dulden, daß das geschieht, solange ich hier für die Hausgesetze aufzukommen habe. Ein Riegel an einer einzigen Tür dieser Anstalt hätte mir beinahe einmal sür immer die Ruhe meines Lebens genommen.
Es war in den ersten Jahren, die ich in diesem Hause zubrachte. Wir hatten damals ein Mädchen überwiesen bekommen, das wie die meisten, die hier gepflegt und erzogen werden, wegen Vagabundage und Gefahr der Verwahrlosung von der Polizei in Schutzhaft genommen worden war und der trostlosen häuslichen Verhältnisse wegen seinen Eltern nicht wieder zugeführt werden konnte.
Schon bei der Aufnahme in die Anstalt legte das Mädchen einen geradezu fanatischen Trotz an den Tag. Sie weigerte sich, auf meine Fragen irgendeine Antwort zu geben, setzte allen unseren Bemühungen, sie freundlich zu stimmen, einen stumpfen, nicht zu beugenden Widerstand entgegen und war auch den übrigen Zöglingen der Anstalt gegenüber von einer Verschlossenheit, die ebenso rätselhaft als hartnäckig war.
Jeder von uns gab sich die erdenklichste Mühe. das Mädchen mit Freundlichkeit und Ruhe allmählichzu gewinnen —vergebens. Es vergingen Tage. ohne daß es nur ein einziges Wort sprach. Mit
zusammengezogener Stirn,starrte es während des Unterrichts vor sich hin, beteiligte sich natürlich mit keiner Silbe und war weder durch Freundlichkeit noch durch Ermahnungen und Strenge zu bewegen, diese Haltung aufzugeben. Selbst im Schlafsaal oder bei den gemeinsamen Mahlzeiten sprach es nicht eine Silbe.
Endlich riß mir die Geduld. Ich war der Meinung, daß das Mädchen nun lange genug in der Anstalt gewesen sei, um einsehen zu können, daß ihm hier niemand ein Leid antun wolle und daß es sich endlich herbeilassen könne, seinen kindischen Trotz aufzugeben.
Ich drohte ihm also. daß es am nächsten Tage kein Morgenbrot bekommen werde, wenn es bis dahin sein Schweigen fortsetzen werde. Es hörte meine Worte, wie alles, was man ihm sagte, mit aufeinandergebissenen Kiefern und zusammen, gezogener Stirn stumm an — und war am andern Morgen verschwunden.
Es war nicht zum ersten Male. daß ein Müd- chen aus der Anstalt entlief. Die Haustüren und Gartenpforten stehen hier den ganzen Tag über offen, und es gehört nichts Besonderes dazu. irgendeine Gelegenheit zu benützen, um auf und davonzugehen. Besonders in der ersten Zeit wollen unsre Mädchen, die durch schlechte häusliche Verhältnisse verdorben und zuweilen bereits an das Herumlungern und Vagabundieren auf den Straßen, Vetteln. Diebstahl und zuweilen an schlimmere Dinge gewöhnt sind, zuweilen nicht ungern wieder zu ihren alten Gewohnheiten zu- rückkehren. Die Polizei liefert solche Flüchtlinge aber bald wieder ein. und man hätte sich auch