ö rcmer
8as amüicke Organ des Senats
M.-^°»g Uef°7-Em-^
» -u»°,er.^ms E.M.V.H.. Zweigniederlassung Bremen. Eeeren k-8 / Fernruf: Roland K2S
ZMN«
Ser Zreien Hansestadt vremen
is 3 s
Nr. iy / i. Vierteljahr
Sonnabend, iy. Januar
Anzeigen. Grundpreise: Die 22.wm.Zeile im Anzeigenteil ,3 Rp».. «m ^rttM 7b Rpf.
Ermäßigte Grundpreise (für Neine Anzeigen. Familienanze gen u. a.» <°wi- '°nstig- Bedingnngen laut Preisliste 1. (Nachlaßstassel 0.» Für Anzeigen durch Fernsprecher keine Gewähr.^ Annahmeschluß '« Uhr. Sprechzeit des Verlages werktäglich von 12—1S Uhr , der Schristleitvng werktäglich von 18-1? uyr.
Einzelpreis is Nps.
Neues Medensbekenntnis des Führers
Außenpolitisches Interview mit Ward Vrice / Wichtige Ausführungen über das Völkerbunbsproblem
München. 18. Januar.
Am Donnerstag gewährte der Führer und Reichskanzler Adolf Hitler dem bekannten englischen Journalisten und Vertreter der Rother- mere-Presse, Mr. Ward Price. ein Interview, in dem er sich zu einer Anzahl außenpolitischer Fragen äußerte.
Ward Price richtete zunächst folgende Frage an den Führer: „Unter welchen Bedingungen
kann Deutschland zum Völkerbund zurückkehren?"
Der Führer antwortete:
„Ich und niemand in Deutschland denken daran, für einen eventuellen Wiedereintritt in den Völkerbund »Bedingungen« zu stellen. Ob wir noch einmal in diese Korporation zurückkehren oder nicht, hängt ausschließlich davon ab, ob wir ihr als vollständig gleichwertige Nation angehören können. Dies ist keine „Bedingung«, sondern einfach eine Selbstverständlichkeit. Entweder sind wir ein souveräner Staat oder wir sind es nicht. Solange wir dies nicht sind, haben wir in einer Gemeinschaft souveräner Staaten nichts zu suchen.
Solange die nationalsozialistische Bewegung Deutschland führt — und das wird für die nächsten paar Jahrhunderte der Fall sein, auch wenn unsere Emigranten noch so oft das Gegenteil beschwören — wird sich an dieser Einstellung nichts mehr ändern. Im übrigen habe ich dies bereits in meiner Mai-Rede 1933 ausdrücklich erklärt. Ich möchte dabei betonen, daß die llnter- -fcheidung in >,moralisch" gleichberechtigt und „sachlich" gleichberechtigt vom deutschen Volk als eine Beleidigung empfunden wird. Ob 69 Millionen Menschen auf dieser Welt moralisch gleichberechtigt sind oder nicht, kann letzten Endes niemand entscheiden als höchstens das betroffene Volk selbst.
Entweder man ist sachlich gleichberechtigt, dann muß man es von vornherein auch moralisch sein und wenn man umgekehrt moralisch einmal gleichberechtigt ist, bleibt es unverständlich, wieso man dann die sachliche Gleichberechtigung bestreiten oder einfach verweigern kann."
Frage: Wird dazu nötig sein, die Trennung der allgemeinen Völkerbundsbestimmungen vom Versailler Vertrag durchzuführen?
Der Führer antwortete:
Solange der Völkerbund nur ein Garantievertrag von Siegermächten ist, führt er seinen Namen überhaupt zu Unrecht. Daß auf die Dauer dieser Bund — der doch dem Willen der Gründer nach vermutlich eine Ewigkeitserscheinung sein soll — nicht verkoppelt werden kann mit einem Vertrag, dessen zeitliche Begrenzung schon in seinen inneren Gebrechen und Unmöglichkeiten liegt, kann vielleicht von den derzeitigen Interessenten bestritten werden, wird aber einst geschichtlich als selbstverständlich gelten.
Frage: Sollte die Anerkennung der Gleichberechtigung im voraus stattfinden, oder könnte die Gewährung der Gleichberechtigung und die Rückkehr gleichzeitig erfolgen?
Der Führer antwortete:
Die deutsche Gleichberechtigung ist die Voraussetzung für jede Beteiligung Deutschlands an internationalen Abmachungen und Vereinbarungen.
Mit dieser Forderung stehe ich keinesfalls vereinsamt in der Welt dar, sondern ich befinde mich in der anständigsten Gesellschaft. Denn kein Volk von Ehrgefühl und keine Regierung von Pflichtbewußtsein könnten hier anders denken oder gar anders handeln. Aus der Welt sind schon sehr viele Kriege verloren gegangen. Wenn man nach jedem verlorenen Krieg in der Vergangenheit dem unglücklich Unterlegenen für immer seine Ehre und seine Gleichberechtigung aberkannt hätte, müßte der Völkerbund schon jetzt mit lauter Nicht- gleichberechtigten und damit letzten Endes ehrlosen und minderwertigen Nationen Vorlieb nehmen. Denn es gibt ja kaum einen Staat oder eine Nation, die nicht einmal das Unglück hatten, selbst wenn sie tausendmal im Recht waren, einem stärkeren Gegner oder einer stärkeren Koalition zu unterliegen. Bisher hat sich dieser gräßliche Unsinn in der Welt noch nicht einzubürgern ver
mocht und wir sind entschlossen, dafür zu sorgen, daß Deutschland nicht das erste Exempel für die Einführung eines solchen Wahnsinns abgibt.
Frage: Finden Euer Exzellenz nicht, daß die Reform des Völkerbundes dringend notwendig ist? Wie könnte man das praktisch in die Wege leiten? Welche Argumente dafür wären der Öffentlichkeit zu unterbreiten?
Der Führer antwortete:
„Da wir ohnehin nicht im Völkerbund sind, beschäftigen wir uns auch nicht mit Gedanken über seine inneren Reformen.«
Frage: „Ich sprach neulich mit einer hochstehenden politischen Persönlichkeit in Frankreich. Ich fragte sie folgendes: Warum denn will Frankreich die vollendete Tatsache der Wiederherstellung der deutschen Rüstungen nicht anerkennen? Wir Engländer halten es immer für vernünftiger, solche Tatsachen ins Auge zu fassen. Dieser Politiker hat mir geantwortet: Ja. wir glauben, daß Deutschland eine Politik der Versöhnung nur
solange treiben wird, bis die Reichswehr sich in der Lage fühlt, einen Krieg erfolgreich führen zu können. Man befürchtet in Frankreich, daß die Annäherungsbestrebungen an die französischen Frontkämpferverbände nur eine Tarnung sind, hinter der die zukünftigen aggressiven Absichten verborgen werden sollen. Welches ist Eurer Exzellenz Erwiderung zu diesen Befürchtungen?" Der Führer antwortete:
„Dieser Politiker hat noch nie ein Volk geführt. Oder könnte er sonst glauben, daß man ein Jahrzehnt lang vom Frieden reden kann, um dann plötzlich mit demselben Volk so mir nichts dir nichts einen Krieg zu beginnen?"
Wenn ich vom Frieden rede, drücke ich nichts anderes aus, als was der tiesinnerste Wunsch des deutschen Volkes ist. Ich kenne die Schrecken des Krieges. Gemessen an seinen Opfern sind alle Gewinne unbefriedigend. Die katastrophalen Folgen einer solchen allgemeinen europäischen Schlächterei würden in Zukunft noch schlimmere sein.
(Fortsetzung auf Seite 2)
Helden deutscher Seefahrt
Die Ehrung der Rettungsmannschaft der „Newyork" durch Lloyds
London, 18. Januar.
Die Mannschaft der Rettungsboote des Hapag- Dampfers „Newyork", die in der Nacht zum 19. Dezember bei schwerer See im Atlantischen Ozean die lököpfige Mannschaft des norwegischen Frachtdampfers „Sisto" rettete, hatte am Freitag in London einen Ehrentag. Die deutschen Seeleute wurden mit den Lloyds-Medaillen „Für Rettung von Menschenleben zur See" ausgezeichnet. Zugleich wurde eine von Lloyds gestiftete Plakette zur Anbringung an der „Newyork" in Erinnerung an die Rettungstat dem Kapitän von Maschke von der Hapag übergeben.
Vor der Feierlichkeit bei Lloyds brachte die City von London ihre Anerkennung für die mutige Rettungsmannschaft der „Newyork" durch einen Empfang im Mansion-House, den der Lord- mayor von London gab, zum Ausdruck. Es war ein eindrucksvoller Augenblick, als der Erste Offizier Wiesen an der Spitze seiner wackeren Matrosen in der riesigen Empfangshalle des Manston-Houses von dem Lordmayor, der seine Amtskette trug. begrüßt wurde.
Als die Mannschaft, bereits geschmückt mit der deutschen, amerikanischen und norwegischen Rettungsmedaille, den Saal bei Lloyds betrat, erhob sich unter den Hunderten von Mitgliedern dieser Firma, die die Tribünen und den Saal füllten, tosender, nicht endenwollender Beifall, der sich wiederholte, als der deutsche Botschafter unter Führung des Vorsitzenden von Lloyds erschien und mit dem Direktor der Gesellschaft auf dem Podium Platz nahm. Der Vorsitzende von Lloyds, Aubrey, erklärte: „Wir sind
heute hier, um die Männer Mehren, die mit der Rettung des Kapitäns, der Offiziere und der Mannschaft des norwegischen Dampfers „Sisto" eine so mutige Tat vollbracht haben."
Nach der Rede des Vorsitzenden von Lloyds wurden unter dauernder stürmischer Zustimmung die Namen der Mitglieder der Rettungsmannschaft verlesen. Aubrey überreichte dann Wiesen die silberne Lloyds-Medaill« und >edem der übrigen Mitglieder der Mannschaft die
bronzene Medaille. Kapitän Maschke nahm dann die bronzene Tafel entgegen, auf
der die Heldentat der Besatzung der „Newyork" verzeichnet ist. Die Tafel soll an der „Newyork" angebracht werden, „um, wie der Vorsitzende von Lloyds sagte, für lange Zeiten ein Denkmal für diese heldenmütige Rettung zu setzen«.
Als der Erste Offizier Wiesen zur Erwiderung auf die Rede des Vorsitzenden von Lloyds das Podium betrat, konnte er in dem Sturm der Begeisterung kaum zu Wort kommen. Die Rede Wissens hatte die tiesste Wirkung auf alle Anwesenden.
Als Wiesen die Worte aussprach: „Mit unserer Tat erfüllten wir nur unsere Pflicht und taten nur unser Bestes» um die Traditionen der Seefahrt hochzuhalten«» ließen sich die nüchternen englischen Seeleute zu Beifallskundgebungen hinreißen, wie sie wohl kaum zuvor in den Räumen von Lloyds vernommen worden, sind.
Unter riesigem Beifall erhob sich hierauf der deutsche Botschafter und verlas unter größter Spannung ein anläßlich der heutigen Feier an ihn gerichtetes Telegramm des deutschen Reichs-
außeizmimsters Freiherr von Neurath, das folgenden Wortlaut hatte: „Mit großer Genugtuung
habe ich davon Kenntnis genommen, daß der mutigen Rettungsmannschaft des Hapag-
Dampsers „Newyork" heute morgen die
Rettungsmedaillen von Lloyds bei einem feierlichen Empfang in Lloyds Office überreicht werden wird. Ich erblicke in dieser schönen ausländischen Ehrung einer kühnen deutschen Tat einen erfreulichen Beweis für die hohe internationale Wertschätzung von Opfermut und Hilfsbereitschaft, wie sie von den deutschen Seeleuten in so hohem Matze an den Tag gelegt worden sind. Wie die Tat selbst, so kann auch ihre heutige feierliche Ehrung nur dazu beitragen, die Freundschasts- und Solidaritätsgefühle unter den Völkern zu stärken. Ich bitte Sie, bei Gelegenheit des heutigen Verleihungsaktes den Vertretern von Lloyds und unseren wackeren Seeleuten von meinen Gefühlen der Genugtuung Kenntnis zu geben und die Rettungsmannschaft zu dieser neuen wertvollen Anerkennung ihrer Heldentat zu beglückwünschen."
Gamettn Nachfolger Weygands
Paris, 18. Januar.
Im Pariser Ministerrat ist heute die Entscheidung über die Neuorganisation des obersten Kriegsrats gefallen. Auf Grund des Pensions- gesetzes wurde an, Stelle des bisherigen Vorsitzenden des^obersten Kriegsrates der jetzige Generalstabschef GameliN zum Nachfolger des Generals Weygand ernannt.
Brücke nach Varls
ir. IAii. Als sich der Führer im Oktober 1933 für den Austritt Deutschlands aus dem Völkerbünde entschied, gab es neben den unbelehrbaren Nörglern auch einige warnende Besserwisser, die völlig unter dem Bann ihrer Furcht vor dem „Was kommt danach?" standen. Diese ängstlichen Er- süllungspolitiker glaubten darauf hinweisen zu müssen, daß der Verzicht der deutschen Delegierten aus Teilnahme auch an dem Genfer Ratssitzungen, die sich mit der Abwicklung der Saarfrage zu beschäftigen hatten, nachteilige Folgen für das Reich haben könnten. Die Entwicklung, die das (von uns nie als solches anerkannte) „Saarproblem" genommen hat sowie die gestern gemeldeten Rückgliederungs-Entscheidungen des Völkerbundes haben den Beweis erbracht, daß der von Gens fortführende Weg Adolf Hitlers der richtige war. Nicht umsonst hat sich im Dritten Reich politische Konsequenz mit strategischer Kühnheit, Zielsicherheit mit Beharrlichkeit verbunden. Auch der Schritt des englischen Botschafters in Berlin kurz vor der Saar-Entscheidung, der Deutschland wenigstens vorübergehend nach Genf zurückbringen sollte, hat die Marschrichtung des Kanzlers, wie man weiß. nicht verändert. Das Rad der deutschen Außenpolitik läßt sich eben weder zurückdrehen noch wird es zum Stillstand zu bringen sein. Und darum kann die Reichsregierung den sicheren Erfolg der Entscheidungen ihres Führers in Ruhe abwarten.
Der Beschluß des Völkerbundsrates, wonach die Regierungsgewalt über das Saar- gebiet am 1. März wieder an Deutschland übergeht, stellt eine Selbstverständlichkeit dar. Seit Bekanntgabe des überwältigenden Bekenntnisses der Saardeutschen zu ihrer Heimat konnte an der ungeteilten Rückgliederung des Saarlandes selbst in antideutschen Kreisen nicht der geringste Zweifel mehr aufkommen. Immerhin ist es zu begrüßen, daß die von französischer Seite unnötigerweise in die Debatte geworfene Frage der E n t mi l i t a ris i eru n g des Saargebietes mit der Tatsache und dem Zeitpunkt der Rückgliederung in keiner Weise, wie es hinter den Genfer Kulissen immer wieder verlangt worden war, verknüpft wurde. Die aufzunehmenden unmittelbaren Verhandlungen zwischen Deutschland und Frankreich werden sehr schnell darüber Klarheit schaffen, daß eine staatsrechtliche oder militärische Sonderbehand- lung des Saargebietes für die Reichsregierung völlig undiskutabel ist. Eine andere Einstellung wäre auch gar nicht mit den Forderungen Deutschlands nach praktischer Gleichberechtigung in Einklang zu bringen. Der Verlauf der Vorverhandlungen , des Aloisi-Ausschusses in Rom spricht indes dafür, daß die Wilhelmstraße und der Quai d'Orsay auch hinsichtlich der noch offenen rein technischen Aufgaben, die bis zum 1. März zu lösen sind, zu einer Einigung kommen werden. Uebrigens ist das Saargebiet bereits 1920 in Erfüllung der Forderungen des Versailler „Friedens"-Vertrages entmilitarisiert worden. Wenn Frankreich in den darauf folgenden Jahren im Saar- land militärisch seine eigenen Wege ging, so
- W
Larl Lütge
Die tosende Stadt
Der deutsche Millionärsriseur und die Prinzessin
Im Herbst 1934 klebten überall in Neapel, an Häusern, Zäunen, Bäumen, öffentlichen Bauten, Zettel. Drei Zettel in den Farben: grün, weiß, rot. Es lebe der König! Es lebe die Prinzessin! Es lebe das Haus Savoyen. Tosender Jubel erfüllte die Stadt Neapel, als in ihr die Prinzessin geboren wurde. Die Lärmorgien dieser Stadt schwollen noch an.
Wenige Menschen gelangten in dieser Zeit zur hohen Mutter. Unter den wenigen der Friseur. Man erzählt von ihm, diesem Deutschen, daß er der reichste Friseur im ganzen Lande ist: Millionär. Bereits vor dem Weltkrieg betrieb er in Neapel seinen Salon, und obwohl es Barbiere genug gab, setzte er sich Dank seiner Leistungen rasch durch und bekam ein glänzendes Geschäft.
Im Weltkrieg wurde er interniert und verlor alles. Nach dem Weltkrieg begann er von vorn. Er wurde der Friseur Neapels, Friseur der Prinzessin, Millionär. Weil er im Gegensatz zum ungehemmten Lärmausbruch der Neapolitaner in Ruhe und Gewissenhaftigkeit seiner Arbeit oblag!
Der Neapolitaner schreit, wo er geht und steht. Die Radfahrer pfeifen, klingeln und hupen gleichzeitig. Die Elektrischen rasseln mit fanatischem Lärm durch die Straße, Jungen kleben an ihr und schreien, die wenigen Autos hupen nahezu pausenlos, die Karrentreiber schreien und feuern die Maulesel oder Pferde an.
Die Karren herrschen vor. Vor dem eleganten Friseursalon stehen sogar Zweiradkarren wie Autos. Riesenkarren befördern auf zwei Rädern große Eisenträger und Balken, mitunter bis zu 12 Menschen auf schmalen Bänken.
Der Millionärsriseur betreibt einen vornehm einq -st ' c, ".stgen Salon. Die einfachen
Friseure, zumal in dem gassenschmalen Eewinkel, setzen ihre Kunden mitunter auf die Gasse hinaus. Kinder toben rund um das scharfe Rasiermesser, und Karren zwängen sich neben Radfahrern und eiligen Fußgängern, Hausierern und Fremden vorüber. Eine Damenfriseuse striegelt auf der Gasse das schwarze Haar einer Kundin. Dröhnend bricht sich der Hall einer Autohupe an den Wänden der engen Gasse, über der, hoch oben, lustig Wäschestücke flattern Musik spielt irgendwo Stimmen schreien von den nahen Fischständen herüber, wo mit einem Stimmenaufwand, wie nirgends in der Welt, die Ware angepriesen wird.
Zahnstocher mit Wohlbehagen
Mit allem möglichen und unmöglichen wird in Neapel auf der Straße gehandelt: alles spielt sich aus Plätzen und Straßen ab. Eine Frau trägt einen Männerrock übergezogen und die Hose unter dem Arm geklemmt und bietet die Kleidungsstücke den Vorübergehenden an. Halbwüchsige laufen herum und bieten Zahnstocher an. Die Zahnstocher in der offenen Hand, unverpackt in kleinen Bündeln zu etwa 2V Stück.
Zahnstocher? Ja, der Zahnstocher ist wichtig und bedeutsam für dies Land. Nach dem Essen huldigen die meisten Tischgäste hingebend dem Gebrauch des kleinen Holzes. Wie bei uns die unvermeidliche Zigarette oder Zigarre abgebrannt wird, so setzt man dort das Holz in Bewegung und schlendert, mit diesem Holzsplitter zwischen den Lippen, durch die Straßen.
„Kaufen Sie Zahnstocher!" schrei, ein junges Ding von 14 Jahren. Sie ist hübsch, äugelst ärmlich gekleidet, mit lose hängenden Haaren und zerrissenen Schuhen
Ich mache eine ärgerliche Bewegung.
Böse erklingt es hinter mir, aufgebracht und i eb.n^gl. „A, a, a —!"
Bettlerin und Akademikermama
Vor einer Birreria, wo man Bier trinken kann, aber meist andere Getränke nimmt, spielt ein altes, dünnes, gramgebeugtes Weiblein Gitarre. Sie blickt über die Gäste hinweg zu den grün-weiß-roten Plakaten: Es lebe der König. Es lebe die Prinzessin. Es lebe das Haus Savoyen. Ihre Augen glänzen dabei. Der Fremde wundert sich. Denn in Rom, in Mailand und anderen Städten stand auf den nämlichen bunten Papierstreifen zu lesen: Es lebe der Faschismus. Es lebe der Duce. Es lebe der König!
Die Alte kommt an die Tische und hält die Hand auf: Auffallend wenig Leute gaben. Zuvor die Fremden.
Ein in Neapel ansässiger Ausländer erklärt:
„Wissen Sie, daß diese ehrenwerte Dame ein großes Haus hat, daß sie durch ihr Betteln vor dem Weltkrieg ihren Sohn Advokat studieren lassen konnte und daß der Sohn heute ein reicher Anwalt in Neapel ist? Die Alte kann vom Betteln nicht lassen. Sie geht jeden Tag durch die Straßen, und da sie direkt nicht betteln darf, so spielt sie ein paar unzusammenhängend« Töne aus der Gitarre —"
Von dem Gewimmer des Instrumentes war bei dem Getöse aus der Straße nichts zu hören. Die Gitarre bedeutete nur Umgehung des Bettelverbots. Würde man die pausenlos oröhnenben Hupen der Autos und Radfahrer verbieten, dann erfänden die jindigen Neapolitaner bestimmt andere Instrumente zur Erzeugung womöglich noch größeren Spektakels-
Die Augen in die Ferne
Die Fußböden der meisten Hotels und Gaststätten sind aus Stein, sogar die der Gästezimmer Bei uns hat man Teppiche gelegt, damit ver Hall
Quietschlaute, wie bei der Straßenbahn in Krümmungen.
Die Fremden beachten das eigentliche Neapel, dies Lärmzentrum der alten Welt, nur wenig Die Augen richten sich, von diesem Ziel Neapel, immer noch in die Ferne. Da lockt der breite Rücken des Vesuvs, über den immer eine erregte, milchige, manchmal dunkle Wolke in ständiger Bewegung sich erhebt. Dann zieht es die ReNe- sehnsucht hinüber zur Blauen Grotte auf der Insel Capri, und Scharen sahren nach Pompe,r hinaus, zur ausgegrabenen antiken Stadt, um sie zu durchschlendern.
Im Hafen von Neapel, diesem brutal vor die Stadt gesetzten Arbeits- und Lärmbezirk mit Eisenbahnen, Schuppen, Hallen, Kaianlagen gibt es ein Heuerbüro. Auch da stehen, mit Augen, die in die Ferne gerichtet sind, Männer herum. Sie warten aus eine Gelegenheit, um Anstellung auf einem Schiff zu finden. Die Schute richten sich in langen Reihen aus im Hasen. Newyork
Lmil Walümann
Die Abenteuer -er
Der Schatz im Acker
Im letzten Jahre der griechischen Knechtschaft unter dem Türkenjoch, >m Jahre 182U, land, es war genau am 8. April, «in griechischer Bauer namens Georg auf der Insel Melos (neugriechisch genannt Milos beim Umgraben seines Ackers ein paar Steine, ganz in der Nähe der Ruine des antike» Theaters. Unter den Steinen legte er dann mit einer Spitzhacke eine Ziöble oder Art Nische bloß und (and darin, in zwei
und Genua, Australien und Fiume, England und Indien sind die Ziele.
Man hängt an diesem Neapel mit seiner Enge, seiner Armut, seinem Schmutz und Lärm. Aber man liebt auch die Ferne. Neapel bleibt. Man kann zurückkehren.
Immer stehen Menschen vor den Heuerbüros. Die Stadt bannt und entläßt, zieht zurück und zieht an. Vom Meer gesehen, ist sie das Götterbild, in der Nähe betrachtet, verliert sie. ihren Glanz, und die Armut bleibt.
Damit sie lebendig wirkt, äußert sich das Le- bensgefllhl in dieser Stadt in Geschrei, Lärm und Tosen Sonst wäre sie tot und unerträglich-
Mit Donnergepolter stiebt der Zug bei der Ausfahrt aus dem weiträumigen Bahnhof über die Gleise. In den Abtei.en schrillen Stimmen, Kinder schreien, ein Grammophon spielt. Die Lokomotim pieist ohrenbetäut end.
Bei der Einiihri >n Nom ist oer Lärm sonderbarerweise verstummt.
Venus von Müo
das andere ließ er zunächst liegen. In der linken erhobenen Hand hielt die Frau eine» Apsel und die rechte rührte ihr Gewand a». Be>de Arme waren verstümmelt und saßen schon nicht n,ehr am Körper, sondern lagen einzeln herum.
Die Seeoffiziere
Der Bauer Georg hatte einen großen Schatz gesunden und sah sich schon als reichen Mann. Auf der armen vulkanischen Insel Mil». dein Ne>t eines Kraterlandes, gab es allerdings keine Käufer und die Tiirlen inlerestierten sich iür vergleichen Dinge nie, dafür aber uni >o mehr die sogenannten „Franken", wie man dort zu rtande auch heute noch alle Westeuropäer zu neu-
der Schritte gedämpft wird. In Neapel ist alles i Stücken gearbeitet, die überlebensgroße hälb-
auf Lärm eingestellt. Es klappert und dröhnt, ! nackte Statue einer Frau, ferner zwei Hermen
wenn viel Leute durch die Hotelhalle gehen. Wenn und einige andere Marmorstücke. Den nackteil
jemand eine» Stuhl rückt, gibt es schrillste Oberleib der Frau brachte er in seinen Stall, j