Ausgabe 
(17.1.1935) Nr. 17
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das amtliche Organ -es SeMts

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-- Zwergnrederlasiung Bremen. Teeren8-8/Fernruf: Roland 82 S.

Nr. 17 / i. Vierteljahr

Donnerstag. 17 . Januar

Sprechzeit des Verlages werktäglich von 1213 Uhr der Schriftleitung werktäglich von 1817 uyr.

Einzelpreis is Npf.

Unterredung mit einem amerikanischen Pressevertreter

Der Führer über den Saar-Sieg

Wir wollen friedlich sein, aber unter gar keinen Umständen ehrlos!"

Der Führer und Reichskanzler ge. währte dem Korrespondenten der Hearst-Presie. Pierre Kuß, folgendes Interview:

Frage-: Was halten Sie, Herr Reichskanzler, von dem Ergebnis der Saarabstimmung?

Der Führer antwortete: Das Abstim- nulngsergebnis erfüllt mich, wie jeden einzelnen meiner Mitarbeiter, mitunendlichemStolz auf das deutsche Volk. Es ist zugleich eine nachträgliche Verurteilung des Friedensvertrages von Versailles von wahrhaft geschichtlichem Aus­maß. Denn in diesem Vertrage wurde dieses Ge­biet von Deutschland gerissen mit der Behauptung, es lebten in ihm 130 000 Franzosen. Nach fünf­zehnjähriger Herrschaft des Völkerbundes und damit letzten Endes doch Frankreichs wurde nun­mehr festgestellt, daß nicht 180 000, sondern knapp 2000 Franzosen in diesem Gebiet ansässig sind, d. h. auf 1000 Saareinwohner kommen noch nicht einmal vier Franzosen. Kann man sich da wundern, daß ein Vertrag, der auf so unwahren Argumenten aufgebaut ist, der Menschheit kein Glück und keinen Segen zu bringen vermag?

Frage: Werden die Sozialdemokraten oder auch Kommunisten des Saargebiets und andere nichtnationalsozialistische Saarbewohner, die für Deutschland gestimmt haben, künftig wegen ihrer früheren politischen Haltung irgendwelche Schwie­rigkeiten zu befürchten haben?

Der Führer antwortete: Ich habe vor sechzehn Jahren mit sechs Mann meinen Kampf um Deutschland begonnen, d. h. also meinen Kampf um das deutsche Volk. Die Zahl meiner Anhänger und damit der Anhänger der national­sozialistischen Bewegung des neuen Staates ist seitdem auf nahezu 39 Millionen gestiegen. Glau­ben Sie, daß alle diese Menschen früher etwa keine Parteizugehörigkeit gehabt hatten? Nein, sie alle rechneten sich einst zu irgendeiner Be­wegung. Sie sind mühevoll und langsam der nationalsozialistischen Idee erobert worden.

Und diesen Kampf um die Seele unseres Volkes geben wir auch heute nicht auf. Wir fragen daher nie, was der einzelne früher war, sondern nur um das, was er heute sein will. So ist es uns ge­lungen, die sich befehdenden deutschen Parteien auszulösen und eine wahrhafte Volksgemeinschaft herzustellen. In ihr leben ehemalige Kommunisten und Zentrumsanhänger heute in gemein­samem Kampf für den nationalsozialistischen Staat, das neue Reich. Ein Teil dieses Reiches aber ist das Gebiet an der Saar und ein Teil un­seres Volles sind dessen Bewohner.

Frage: Sie haben, Herr Reichskanzler, oft erklärt, daß nach der Beilegung der Saarfrage das letzte Hindernis für freundschaft­liche Beziehungen mit Frankreich be­seitigt sein würde. Haben Sie angesichts Ihrer un­ermüdlichen weiteren Verfolgung dieses Zieles im Interesse des Weltfriedens einen konkreten Plan im Auge?

Der Führer antwortete: Ich habe oft erklärt, daß nach der Rückkehr des Saargebiets Deutschland keine territorialen Forde­rungen mehr an Frankreich stellen wird. Ich habe diese Erklärung heute vor aller Welt ver­bindlich wiederholt.

Es ist dies ein geschichtlich schwerer Verzicht, den ich damit im Namen des deut­schen Volkes ausspreche. Ich tue es, um durch dieses schwerste Opser beizutragen zur Befriedung Europas. Mehr kann man von Deutschland nicht verlangen.

Es liegt nun an der übrigen Welt. die Kon­sequenzen aus einem solchen Entschluß zu ziehen. Niemals werde ich oder wird das neue Deutsche Reich aber einwilligen in eine Schmä- lerung der Rechte unseres Volkes.

Genf. 16. Januar.

Die für heute nachmittag 4 Uhr angesetzte Ratstagung ist plötzlich verschoben worden. Man weiß noch nicht, ob es sich nur um eine ganz kurz­fristige Verschiebung handelt. Es verlautet in Völkerbundskreisen, daß gewisse Schwierigkeiten entstanden find und daß man von neuem über den vorzulegenden Bericht verhandelt, wie es heißt, auch mit Deutschland. Bisher hatte man hier in manchen Kreisen des Völkerbundes so getan, als ob es völlig genüge, heute die grundsätzliche Ent­scheidung über die spätere Souveränität im Saar­gebiet zu treffen, die Feststellung des Zeitpunktes der Rückgliederung und vieles andere aber zu ver­schieben. Diese Sicherheit wird nun nicht mehr zur Schau getragen. Die unerwartete Verschiebung hat im Völkerbundspalast große Spannung und Erregung hervorgerufen. In italienischen Kreisen spricht man davon, daß Deutschland unbedingt die sofortige Festsetzung eines Termins für die Rück­gliederung verlange.

Nach einer späteren Meldung wird in Völker­bundskreisen das Gerücht verbreitet, die Rats­tagung sei nur aus rein technischen Gründen ver­schoben worden. Diese Darstellung findet aber nirgends Glauben. In französischen Kreisen er­klärt man jetzt sogar, Deutschland habe einen Schritt unternommen, um die sofortige Festsetzung des Zeitpunktes für die Rückgliederung zu er­reichen und zu verhindern, daß die beiden Haupt­entscheidungen: Festsetzung der späteren Souve­ränität und Festsetzung des Zeitpunktes vonein­ander getrennt werden. Im allgemeinen ist man

Wir wollen friedlich sein, aber unter gar keinen Umständen ehrlos.

Wir find bereit zu einem sehr großen Opfer, aber niemals zum Verzicht auf unsere Freiheit. Wir lehnen jeden Unterschied zwischen morali­sche rund sachlicherEleichberechtigung ab, es gibt nur eine Gleichberechtigung, und diese ist das Recht eines souveränen Staates und einer souveränen Nation. Wenn die Welt dies aner­kennt, bedarf es keiner großen Pläne, um den Frieden Europas zu stabilsieren.

Frage: Haben Sie, Herr Reichskanzler, nach Ihrem großen Erfolg in der Saarabstimmung etwas zu sagen, was von besonderem Interesse gerade für das amerikanische Volk sein könnte?

Der Führer antwortete: Ich hätte an das amerikanische Volk nur eine einzige Bitte zu

der Ansicht, daß heute nicht mehr mit einer neuen Sitzung zu rechnen sei, doch kann das naturgemäß von dem Stand der Verhandlungen abhängen.

Gelegentlich kann man hier auch die Meinung hören, daß Laoal, der wegen des Ausganges der Saarabstimmung gewissen Angriffen in der französischen Presse ausgesetzt gewesen ist, sich aus innerpolitischen Gründen veranlaßt gesehen hat, nun noch Schwierigkeiten bei der Festsetzung des Zeitpunktes zu machen und neue Fragen auszu­werfen. Wie es heißt, haben die Franzosen nicht nur eine generelle Entmilitarisierung des Saar­gebietes durch Deutschland verlangt, sondern eine ganze Anzahl ganz konkreter Forderungen gestellt. So soll es sich, wie man es aus früheren Jahren noch kennt, sogar um Niederlegung von Bahn­rampen, Zerstörung von Bahngleisen und der­gleichen handeln. In neutralen Kreisen gibt man der Hoffnung Ausdruck» daß Frankreich die hoff­nungsvollen Ansätze zu einer europäischen Ver­ständigung, die jetzt vorhanden sind, durch Groß­zügigkeit auch in diesen Fragen weiter fördern werde.

LLebermschung in England

London, 16. Januar.

Die Vertagung der Genfer Ratsentscheidung über die Rückgliederung des Saargebietes hat in London einigermaßen überrascht, da nach den im Anschluß an das Bekanntwerden des Abstim­mungsergebnisses geäußerten amtlichen englischen Verlautbarungen allgemein mit einer kurzfristigen

richten. Millionen amerikanischer Bürger werden seit Jahren und in den letzten Monaten über die Saar das Gegenteil von dem gehört und gelesen haben, was jetzt durch diese freie, offene Wahl bekundet ist.

Ich würde glücklich sein, wenn man dies er­kennen wollte, um auch in Zukunft den beruflich internationalen Brunnenvergiftern und Hetzern unserer Emigranten kein Wort mehr zu glauben. So wie sie über die Saar gelogen haben, lügen sie über Deutschland, und belügen damit praktisch die ganze Welt. Das amerikanische Volk sollte nur Augenzeugen über Deutschland hören und wenn möglich selbst nach Deutschland kommen, um sich das Bild von einem Staat zu machen, für dessen Regime heute die überwälti­gende Mehrheit einer Nation eintritt.

Entscheidung gerechnet werden konnte. Das eng­lische Kabinett, das am Mittwochvormittag zu­sammengetreten war, soll ebenfalls die Auffassung vertreten haben, daß die verwaltungsmäßigen Vorkehrungen für die Wiedervereinigung des Saargebietes mit seinem Mutterlande so schnell wie möglich durchgeführt werden sollen. Noch ehe die Genfer Meldung über die Verschleppung der Entscheidung vorlag, verbreitete Preß Association einen Bericht, in dem es hieß, daß die britische Regierung die sofortige Festsetzung eines genauen Zeitpunktes für die Uebergabe der Regierungs­gewalt im Saargebiet wünsche.

Sitzung des VMerbunösmtes

Genf, 16. Januar.

Der Dreier-Ausschutz für die Saar hielt am späten Nachmittag eine Sitzung ab. Baron Aloisi teilte mit, daß der Bericht an den Völ­kerbundsrat in eine neue Form gebracht worden sei. Einzelheiten wurden nicht bekanntgegeben. Die Sitzung ist auf Donnerstag 16 Uhr angesetzt worden.

Die Vorschläge der Ratsmächte übermittelt. Die Vorschläge der Ratsmächte, die vom Dreier- Ausschuß ausgearbeitet worden sind, sind jetzt durch den deutschen Konsul zur Prüfung nach Berlin gegeben worden. Man erwartet eine Antwort bis Donnerstagmittag.

Genfer Zwischenspiel

(Drahtbericht unserer Berliner Schriftleitung)

8. ^V. Berlin, 16. Januar.

Die Vertagung der Ratsentschei­dung über das Saargebiet ist nicht als günsti­ges Omen für die nach der übereinstimmenden Meinung der Weltöffentlichkeit nunmehr ange­brochenen Periode der friedlichen Zusammen­arbeit und Verständigung anzusehen. Je mehr man sich, so meint man in politischen Kreisen der Reichshauptstadt, in die Einzelheiten des Aus­drucks allgemeiner freudiger Zustimmung zu der versöhnlichen und maßvollen Rundfunkansprache des Führers nach der Bekanntgabe des Sieges vertieft, je mehr man feststellt, welch tiefen und nachbaltigen Eindruck das Abstimmungsergebnis in der ganzen Welt gemacht hat, um so weniger kann man es verstehen, daß jetzt plötzlich die K u - lissenarbeit der Verwirrung wieder einsetzt.

Es gibt gewichtige Stimmen, die dem französi­schen Außenminister Laoal die Absicht unterstellen, aus innerpolitischen Rücksichten gewisse deutsche Vorleistungen verlangen zu wollen. Man scheint der Ansicht zu sein, daß die neuerliche kompromiß­lose Dokumentierung des Berständigungswillens durch den Kanzler des Deutschen Reiches vielleicht die Möglichkeit irgendwelcher freiwilligen Zuge­ständnisse in sich schließen könnte.

Die Mission des Völkerbundsrates ist mit dem 13. Januar beendet. Dem Genfer Rat bleibt keine weitere Aufgabe, als nunmehr den ge­samten Saarkomplex auf dem schnellsten Wege restlos zu bereinigen. Dazu gibt es zwei richtungweisende Verträge: Das Saar-Statut, das im Gegensatz zu vielen anderen Verträgen und Ab­machungen erfreulich klar und unmißverständlich ist, und das Abkommen von Rom, das Zeugnis ablegt von dem guten Willen der deutschen wie der französischen Regierung. Man ist an maß­gebender Stelle der Auffassung, daß die Verzöge­rung der Genfer Entscheidung sich als ein Zwi­schenspiel herausstellen wird, dem keine Bedeutung auf lange Sicht beizumessen ist.

Der Sinn der Volksbefragung bestand im we­sentlichen darin, daß die Saarbevölkerung jeder fremden politischen Interessensphäre entrückt und daß ihr das Recht zugebilligt werden sollte, über ihr Schicksal selbst zu bestimmen. Nachdem die Entscheidung gefallen ist. kann allein das Ergebnis der Abstimmung für alle weiteren Entschlüsse bindend sein. Der vorübergehende künstliche Zustand ist zu be­enden. die volle Souveränität des Deutschen Reiches ist wiederherzustellen. Es ist völlig aus­geschlossen, die Festlegung der untergeordneten Formalitäten noch länger mit der Hypothek eines Uebergangsregimes zu belasten, wie es hier und da in französischen Kreisen geplant zu sein scheint.

Die sofortige Wiederherstellung der deutschen Souveränität ist aber nicht nur sormaljuristisch. sondern auch politisch eine zwingende Folge des Sieges. Irgendwelchespolitisches Bedenken" oder sonstige propagandistische Stimmungsmache darf nicht darüber hinwegtäusen, daß die sogenannte Frage der Minoritäten nicht eine Sache des Völkerbundes, sondern die des Deutschen Reiches ist. In keinem souveränen Staat der Welt würde sich die Societöe des nations das Recht des Einspruchs in innerpolitische Angelegenheiten an­maßen. Es ist völlig selbstverständlich und soeben noch vom Führer in seinem Interview mit dem

Was geht in Genf vor?

Die Ratssitzung plötzlich verschoben / Seltsame Forderungen Frankreichs

Winterliches Leben in Vayern

Schaffendes Bauerntum /

Rudolf Herzog

Kunstreiches Würzburg

Das Jahr der bayerischen Bauern gliedert sich nach den Festen, sonst läuft es eigentlich ohne Einschnitt hin: auf die letzten eingeführten Fuder folgt schon wieder der Pflug, auf die Ernte die Saat. Oder wenigstens sind es doch nicht vier Jahreszeiten, die das Bauernjahr bestimmen, so sehr jede von ihnen gerade für den Bauern ihre besondere Arbeit hat, sondern es zerfällt in zwei, in einen langen Sommer und einen langen Win­ter, in eine Zeit, wo die Natur spendet, und in eine, wo ihr Schoß empfängt und trägt. An die Natur ist ja das ganze Leben des Bauern gebun­den, und Sommer ist für ihn, so lang er erntet, im Freien schafft und das Haus nur als Unter­schlupf benutzt, Winter aber, so lang er, wie die Natur, bei sich einkehrt und ruht, im Ruhen jedoch schon wieder rüstet.

Winter ist also auch für den Bauern endlich vorwiegend häusliches Leben. Ich kann hier die Unterschiede zwischen den bayerischen Bauern des Getreidelandes und des Weidelandes nicht berück­sichtigen, auch nicht die Besonderheiten, die durch Vorherrschaft von Gemüse und Obst oder von Hopfen oder gar von Mais und Wein bedingt sind ich denke an die einfachen Verhältnisse von notwendigster Viehwirtschaft und Feldwirt­schaft, wie sie die Erundverhältnisse sind bis in das Gebirge hinauf. Da ist überall schon der Kirchweihtag Winterbeginn, mag auch das Vieh noch draußen das letzte Gras abweiden, die Win­tersaat noch längst nicht alle bestellt sein und mögen noch Kartoffeln, Kraut und Rüben der Einfuhr harren. Die Tenns ist gefüllt, die Ein­fahrt zum erstenmal frei, so daß die Schaukel der jubelnden Jugend drüber hinfliegen kann, Und die Kirche verlangt den Erntedank und darf mehr

Von Hans Brandenburg

denn je an sich erinnern, daran, daß auch Gott seine Häuslichkeit hat. Ja, Häuslichkeit wird ge­feiert, das Haus frisch gerichtet, wird wieder Mittelpunkt des Lebens und gibt sein Bestes her für Inwohner wie für Gäste. Auf das fröhliche Fest des Kirchweihtages folgt das ernste Fest des Allerseelentages. Nach Kirche und Haus wird nun auch die Wohnstatt der Toten neu geweiht, der heimlichen Penaten in Familie und Gemeinde.

Aus den Tennen klingt das Summen der Dresch­maschinen oder auch noch der uralte Takt der Flegel. Und ins Freie wird der Mist gefahren und über den Boden ausgebreitet; es sind Fla­den, in denen der Kreislauf des Lebens endigt und beginnt. Sie werden von Schnee zugedeckt und dürfen auch einer schon vorhandenen Schnee­decke aufgelegt werden, denn es kommt nur dar­auf an, daß die düngende Kraft später mit den Schmelzwässern eingesogen wird. Wenn aber die weiße Winterdecke einmal trägt, dann ist es Zeit, das Heu, das man in Stadeln barg, mit dem Schlitten hereinzuholen oder auch ins Holz zu gehen. Der oberbayerische Bauer hat wie seinen Torfstich, so auch sein Waldstück, das seinen Bedarf deckt. Und wer rüstig ist, dem bietet das Forst­amt darüber hinaus Gelegenheit, Geld zu ver­dienen und die Kräfte zu üben, statt daheim faul auf der Ofenbank zu liegen. Im Eigenen und im Fremden gibt es da genug mühsames und schönes Manneswerk, wenn ganze oder gespaltene Stämme durch Schneisen hinabgestoßen sind, oder wenn gekettete Bergriesen zu Tale geschleift werden.

Dennoch bleiben Stunden und Tage genug für das Haus, für die Ruhe. Die Nächte sind lang, und wer die hochgetürmten bayerischen Bauern­betten kennt, der weiß, daß es Winterbetten sind.

Im Sommer mag man die kurze Spanne Zeit bis zum Morgengrauen darin irgendwie wörtlich gesprochen verschwitzen. Alles ist recht, so müde ist man, aber wenn man lange liegen­bleiben darf, während das Waschwafser gefriert, dann rollt man sich zwischen Ober- und Unter­bett wie ein Igel zusammen. Brennholz und Torf sind längst geschichtet und getrocknet, nicht nur die Küche, sondern auch die Stube ist jetzt Wohn- raum, die Oefen haben zu fressen. Manche werden von der Küche oder vom Gang aus geheizt, und es gibt Luken in Stubendecken, durch die auch in den Schlafstock die Wärme steigt. Welcher Bauern oder Vauernsohn nebenher ein Handwerk gelernt hat, der hat nun, wenn es draußen schneit oder der Frost klirrt, nützlichen Zeitvertreib. Der Schusterhammer etwa pocht, oder der Webstuhl läßt mit seinem Doppelschlag erdonnernd die Bal­ken des Hauses wie Schiffsplanken schwingen. Gebastelt wird, geschnitzt und gelaubsägt. Auch Wirtshaus und Sitzung kommen zum Recht. Auf dem Marktplatz brennt am Sonntagmittag ein mächtiger Holzstoß, an dem die Wirkung eines neuen Feuerlöschapparates gezeigt werden soll, und abends öffnet sich der Vorhang der Lieb- haberbühne, auf der die Bauern Schauspieler sind.

Die Kinder brauchen nun zu Hause weniger zu helfen, dafür müssen sie im Winter auch nach­mittags zum Unterricht. Aber der alte Schulweg ist nicht mehr da, er ist unter verwehten Schnee­haufen begraben und wird nach mehreren un­nützen Versuchen nicht mehr ausgeschaufelt. Die breite Straße muß man benutzen, und man nimmt den Rodel mit, auf dem man zu Dorfe, saust. Ueber den Heimweg fällt schon die Nacht, man zieht den Rodel, mit Einkäufen beim Krämer und Bäcker beladen, durch sirrenden Flockenfall und träumt . . .

Ueber den Main droht die Feste Marienberg. Und wie ein weißer Schwan duckt sich die Stadt zu Füßen. So unschuldsvoll schimmert ihr Kleid. So blütenweiß prangen die Gebäude. Und doch war es anders vor Jahrhunderten, als noch nicht das Barock sein gleißendes Gewand über die Stadt geworfen hatte. Als noch die Bürger zu­sammenströmten, wenn wieder einmal ein Fürst­bischof machthungrig und herrisch vom bischöflichen Schlosse Marienberg herunter seine Befehle sandte, als noch das Blut der Bürger und der Domherren sich auf dem Plaster mischte und die Würzburger selbst mit dem aufständischen Bauern­heer gemeinsame Sache machten, um die verhaßte Feste zu berennen. Uralt ist das Kastell und ohne Geburtsjahr. Doch stand es schon, bevor die drei Apostel Würzburgs in die Stadt kamen, der hl. Kilian, der im Jahre 689 in Würzburg erschlagen ward, der hl. Bonifatius, der 711 auf seiner gro­ßen Bekehrungsreise in Würzburg erschien und im gleichen Jahre den hl. Burkhard zum ersten Bischof weihte. Gewißlich hatten die drei Franken­apostel nicht daran gedacht, ihre Nachfolger in der Christenlehre gar bald zu so wichtigen Herren heranwachsen zu wissen, daß sich über ihren Bi­schofshut eine Herzogskrone stülpte und ihr Hirtenstab nicht nur über die frommen Seelen, sondern über Städte und Länder. Leib und Leben im Untersrankenland regierte nach llberstolzer weltlicher Herrscher Art. Großzügige Herren wa­ren unter ihnen. Julius Echter von Mespelbrunn an der Spitze, der rücksichtsloseste Bekämpfer der Reformation, der schonungsloseste Vertilger der neuen Ideen und ihrer Träger, aber auch Stifter des weithin berühmten Juliusspitals und im Jahre 1882 Neubegründer der Würzburger Uni­

versität, die von ihrer Eeburtsstunde an führend wurde auf dem Gebiete der Medizin.

Zur Feste Marienberg gehört die Schloßkirche zu Unserer lieben Frau. die älteste der kirchen- gesegneten Stadt, da ihr Rundbau schon im Jahre 700 stand. Mit ihr wetteifert die nahe­gelegene Pfarrkirche zu St. Burkhard und läßt sich gern die älteste nennen, weil ihre frühgotischen Türme und ihr romantisches Langhaus heute noch dasselbe Gesicht zeigen wie in der ersten Bauzeit um 1030 und 1170. Ein bildgeschmückter Stufen- weg führt den Berg hinan zur doppeltürmigen Wallfahrtskirche St. Maria, im Volksmund nur dasKäppele". die Kapelle, genannt um der angebauten Gnadenkapelle willen. Weit über Stadt und Mainstrom schweift der entzückte Blick.

Unter den Mainbrücken ist die Alte Mainbrücke die bemerkenswerteste. Nicht, weil sie schon seit einem halben Jahrtausend in die Landschaft blickt, sondern weil sich im Zeitalter des Barock zwölf überlebensgroße Figuren zu ihr fanden in trun­kener Anbetung des Himmels. Ein paar Schritte und in einem malerischen Stilgewirr hebt sich das turmgeschmückte Alte Rathaus hoch. mit dem Neuen Rathaus im Stil der deutschen Renaissance eine glückliche Einheit bildend. Und wie so oft, birgt auch der Marktplatz von Würzburg beson­dere Kostbarkeiten: die spätgotische Marienkapelle mit den vierzehn Statuen Tilman Riemenschnei­ders. des gefeierten Bildners, der im Jahre 1183 als blutjunger Bildschnitzergeselle aus Osterode am Harz nach Würzburg wanderte und als Künstler und Bürger zu solchen Ehren gelangte, daß ihn das Jahr 1820 als ersten Bürgermeister der Stadt erblickte. Das Jahr 1823 wegen Be­günstigung der aufständischen Bauern auf