Ausgabe 
(11.1.1935) Nr. 11
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s w. m. v. H.. Zweigniederlassung Bremen. Eeeren S-8 / Fernruf: Roland K25.

Nr. ii / 1. Vierteljahr

19 3 5

Freitag, 11. Januar

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Der englische Botschafter beim Rrichsauhenminifler

Völkerbundswerben um Deuischland

Die Saargrenze wieder geschützt / Der Emigrant Grumbach dienstentlasfen

Berlin, 10. Januar.

Der englische Botschafter Sir Eric Phipps hat heute den Reichsminister des Auswär­tigen. Freiherr» von Neurath. ausgesucht und angeregt, datz Deutschland als Ratsmit- glied an der bevorstehenden außerordent­lichen Ratstagung des Völkerbundes teil­nehme, aus der die Entschließung über das Saargebiet auf Grund der Ergebnisse der Abstimmung gefaßt werden sollen.

Der Reichsminister hat den Botschafter wissen lassen, daß die Reichsregierung, nach­dem sie ihren Austritt aus dem Völkerbund erklärt habe. sich aus grundsätzlichen Erwä­gungen nicht in der Lage sähe, dieser Anre­gung Folge zu geben.

Gleichzeitig wurde der englische Botschafter darauf hingewiesen, datz Nachrichten hier vor­liegen» wonach die endgültige Entscheidung über das Schicksal des Saargebietes erst in einer späteren Ratstagung erfolgen sollte, daß aber nach Auffassung der Reichsregie­rung ernsteBedenken dagegen bestün­

den. die Entscheidung über das Schicksal des Saargebietes hinauszuzögern, da es ins­besondere sür die saarländische Wirtschaft schwerwiegende Schädigungen mit sich brächte, wenn der ungesunde Zwl- schenzustand mit all seinen Unsicherheitssak- toren über das Maß des dringend Notwen­digen hinaus verlängert würde.

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Wie man heute überall an der saarländisch- lothringischen Grenze beobachten konnte, sind die zur großen Beunruhigung der Bevölkerung plötz­lich von Landjägern entblößten Grenzgebiete nun­mehr von ständigen Militärpatrouil­len der verschiedenen im Saargebiet stationierten internationalen Truppenkontingente besetzt wor­den. Durch diese Vorsichtsmaßnahme wird eine wesentliche Beruhigung innerhalb der Bevölkerung erzielt werden, da damit die von allen Seiten gewünschte Erenzsicherung ermöglicht wird.

Die unglaublichen Vorfälle des Dienstagnach­mittag beim Empfang der Amerikadeutschen, her­vorgerufen durch das rücksichtslose Vorgehen des unter der Leitung des Emigrantenkommissars

Gruinbach stehenden Ueberfallkommandos haben nunmehr mit der Dienstentlassung des verantwortlichen Beamten ihre Ahndung gefunden.

Es ist klar erwiesen, daß Erumbach von seinem Emigrantengenossen und früheren Vorgesetzten Machts vom Balkon des Hotels „Excelsior" Winke zum brutalen Eingreifen gegen die zum Empfang der Amerikadeutschen versammelte Bevölkerung erhielt und daraufhin den Befehl zum Losschlagen mit Gummiknüppeln gab, dem wiederum die Emi­granten unter den Polizeileuten gern Folge lei­steten. Nur durch das geschickte und energische Ein­greifen des neuen Kommandanten der Saar- brücker Polizei, des Norwegers Lie, der gleich­zeitig die Polizeibeamten zurückhielt und die Passanten beruhigte, konnten schlimmere Zwischen- fälle verhütet werden.

Erumbach wird nunmehr durch eine neutrale Persönlichkeit ersetzt. Es kann nur bedauert wer­den, daß diese so notwendige Säuberung der Polizei von untauglichen Ele­menten so spät erfolgt und die Bevölkerung erst jetzt das Vertrauen in die Polizeiführung zurückgewinnen kann, nachdem Machts und Grum- bach entfernt wurden und einen würdigeren Ersatz finden.

Die Hitlerjugend fordert Totalität

Der ReichsjugendMrer vor der Führerschaft des Gebietes >,Nordsee" über künftige Aufgabe,

davo. Bremen, 10. Januar.

Gestern stand unsere alte Hansestadt im Zeichen der Hitler-Jugend, die den Jugendführer des Deutschen Reiches, Valdur von Schirach, zu der großen Führertagung des Gebietes „Nord­see" erwartete. Die Bevölkerung gab ihrer Ver­bundenheit durch reichen Flaggenschmuck Ausdruck. Seit den frühen Morgenstunden herrschte ein bun­tes, aufgeregtes Treiben in der Stadt. An allen Ecken und Enden sah man Trupps von Jungen in braunen Uniformen; immer neue Führerabord­nungen trafen aus allen Teilen des Gaues Weser- Ems auf dem Hauptbahnhof ein.

Mittags um 12 Uhr wurden die Fahnen der nationalsozialistischen Jugendorganisation am Rathaus gehißt. Der altehrwürdige Marktplatz war ganz von Flaggen der Bewegung umrahmt.

Nachdem am Nachmittag die Abteilungen Presse, Schulung, Personalamt, Sozialamt, Er­tüchtigung, Gesundheitsamt und Rundfunk Son- dertagungen durchgeführt hatten, fand in der „Glocke" die Hauptkundgebung statt, an der 2000 HJ.-, JV.- und BDM.-Führer bzw. -Füh- rerinnen teilnahmen, eine Kundgebung, die sich (n ihrem Verlauf zu einer wirkungsvollen Feier­stunde dieser jungen, nach neuen Formen suchen­den Gemeinschaft gestaltete.

Fanfarenklänge kündeten von dem Eintreffen des Reichsjugendführers.

Die angetretenen HJ.-Ehrenformationen er­starren zum Spalier. Grüßend schritt der Reichs- jugendführer durch die Reihen der HJ.- und JV.- Führer, die sich von ihren Plätzen erhoben hatten. In der Begleitung des Reichsjugendführers be­fanden sich u. a. Reichsstatthalter Röver, Reg. Bürgermeister Heider, Eebietsführer Ho- grefe, Ministerpräsident Joel, Gruppen­führer Böhmker, Oberbannführer Jung.

Nachdem der Reichsjugendführer die Gäste be­grüßt hatte, u. a. Senator Laue, Kreisleiter Blanke, Vertreter der Wehrmacht, der SA. und SS., trat weihevolle Stille ein.

Eebietsführer Hogrefe eröffnete dann die Feierstunde mit einem „Sieg-Heil" auf den Reichs- jugendsührer. Ein feierliches Orgelvorspiel leitete über zu dem wuchtig vorgetragenen Sprechchor „In uns ist das Schweigen gewaltiger Zeit, ernst und bereit und feierlich ist unsere Ruhe".

Ernst und feierlich gestaltete sich auch der weitere Verlauf der Kundgebung. Aufrüttelnde Sprech- chöre wechselten ab mit Liedern, die in ihrem harten Rhythmus Ausdruck des Vorwärtsstürmens eines tatbereiten Geschlechts sind. Wirkungsvoll umrahmten musikalische Vortrüge des Oberbann­

orchesters die würdigen Darbietungen. Die hellen Stimmen der Pimpfe klangen auf: „Her zu uns und tretet an!" Mädels sangen ihr Lied: „Erde schafft das Neue", und dann wuchtig ein Sprechchor der Hitler-Jugend: „Kampf — Kameraden, zu den Waffen!" Ein gemeinsames Lied noch: „Bru­der in Zechen und Gruben", und dann sprach, von nicht endenwollendem Beifall begrüßt, der Reichs­jugendführer Baldur von Schirach. Seine Ausfüh­rungen waren von tiefem Ernst und hohem Ver­antwortungsbewußtsein getragen. In mitreißenden Ausführungen entwickelte er die zukünftige Arbeit der nationalsozialistischen Jugendorganisation und führte dabei u. a. aus:

Der Begriff der Jugendorganisation ist in Deutschland eine Schöpfung des 20. Jahrhunderts. Erst zu Beginn dieses Jahrhunderts begann sich innerhalb der Jugend eine Gemeinschaft zu ent­wickeln mit neuen Formen, mit einem neuen In­halt. Eine Gemeinschaft mit revolutionären Zie­len, und wenn man so will, auch mit revolutionä­ren Handlungen, aber trotzdem ist es erstaunlich, daß, obwohl die Zeitspanne, in der es eine Ju­gendbewegung in Deutschland gibt, so klein ist, datz schon in diesem kleinen Zeitraum der Begriff der Jugendbewegung eine so ungeheure und eine so umwälzende Veränderung erfahren hat. Ich

brauche bloß die zwei größten Erscheinungsformen der Jugendbewegung, so wie wir sie kennen, auf­zuziehen. Einmal die bü irdische Bewegung von einst und dann die Staatsjugend, die HJ., wie sie heute vor uns steht. Beide haben etwas Gemeinsames und auch etwas Trennendes, das Gemeinsame ist die Auflehnung beider Be­wegungen gegen die bürgerliche Gesellschaftsord­nung. Genau so, wie wir das tun und taten, wandte sich einst die bündische Jugend gegen die von der sogenannten guten Gesellschaft willkürlich geschaffener Trennung zwischen den der oberen 10 000 und den unteren Millionen, genau so, wie wir das wollen. Was uns aber trennt von der einstigen Jugendbewegung, ist. die Tatsache ihres Weges, der ein anderer Weg ist, als unser, und so­mit schließlich auch zu anderen Zielen mündet.

Es ist eine Revolution nicht dadurch zu mache«, daß man sich die Haare lang wachsen läßt und in die Wälder zieht, sondern eine Revolution kann nur erfolgreich sein, wenn man sich entschließt, die Schicksalssrage der Nation, die Arbeiterfrage, die sozialen Probleme anzupacken und mit der Lösung dieses nüchterne» und realen Problems in die Be­zirke nun eines kulturellen, seelischen und geistigen Wiederaufstiegs vorzustoßen.

Wir sind vom ersten Tage unseres Bestehens einen anderen Weg gegangen, d. h. wir haben gefühlt und es auch gestaltet, daß dies die aller­erste Aufgabe einer Jugendbewegung ist, die eine neue Ordnung schaffen will. denn das ist das beste jeder revolutionären Bewegung, den Alltag ziz erobern und d. h. mitzuarbeiten an den Auf­gaben des Staates. (Forts. i. Innern d. Bl.)

sUrabtderiebt unseres ins LaarKediet entsandten k.-D.-8ekriktIoitors)

Saarbrücken, 10. Januar

Solange die Grenzen Völker voneinander, Raste von Rasse, Fremdes von Fremden trennen, so lange haben sie Geltung. Grenzen aber, die Haß und Habgier, Unterdrückung und Vernichtungs­wille diktierten, die willkürlich Llutsmäßig Zu­sammengehörendes auseinanderreißen, die ein Volk spalten, Haus von Haus, Acker von Acker und Familie von Familie trennen, die werden und die können nach den ehernen Gesetzen des Lebens nie Segen über die Menschheit bringen, und ihr Bestand wird nie von allzulanger Dauer sein. Erenzland ist Schicksalsland.

Der Zug bringt uns von der Küste der Nordsee nach Eüdwesten, wo vor fünfzehn Jahren gewalt­sam Deutsch« von Deutschen getrennt wurden. Die Saar ist unser Ziel. Dumpf und monoton ist das Geräusch des Zuges, das uns auf unserer Fahrt durch die Nacht begleitet. Als sich morgens die Sonn« mühsam ihren Weg durch die schwere Wol­kendecke gebahnt hat, überqueren wir gerade bei Mannheim den Rhein. Langsam entschwindet unseren Blicken wieder der prächtige Bau des Mannheimer Schlosses, von dessen Zinnen die Farben des neuen Deutschland über den Rhein hinweg Ludwigshafen grüßen. Wenn es nach dem Willen der Franzosen gegangen wäre, dann würde dieser Strom heute Deutschlands Grenze sein. So aber haben wir bis zur Grenze noch etwas Zeit. Immer weiter geht die Fahrt. Alle Städte und Dörfer stehen im Flaggenschmuck, und auf den Bahnhöfen sind große Transparente an­gebracht: „Nur noch kurze Zeit, dann ist die Saar frei!"

Kaiserslautern — letzte Stadt vor der Grenze! Devisenkontrolle während der Fahrt. Je näher dem Saarlande, desto mehr Hakenkreuz- und schwarzweißrote Fahnen. Kein Haus ohne Flag­gen. Hier ist es ja auch noch erlaubt. Aber drüben? Und wieder kreischen die Bremsen. Homburg ist er- reicht, wir sind im „Staat des Völkerbundes", im Saargebiet, angelangt. Französische Zollbeamte — jeder sieht in seiner Uniform mit den roten Biesen fast wie ein General aus — und Saarlandjäger,

durch das „8" auf der Achselklappe und an der Mütze erkenntlich, steigen in den Zug. Paß- und Zollkontrolle! Im Koffer liegt obenauf die Son­derausgabe der Deutschen Front. Bedächtig blät­tert der französische Beamte ein Blatt nach dem andern um. Nanu, sollte er etwa . . .? Aber nein, er fragt plötzlich in tadellosem Deutsch: „Haben Sie nur die eine Zeitung?" Ich habe sie ihm ge­geben mit dem Bemerken: „Zur Erinnerung an die deutsche Saar, denn Ihre Tätigkeit hier ist ja doch bald vorbei!" Lächelnd wendet er sich ab zur nächsten Revision. Er weiß, was der 13. Januar bringt.

»

Saarbrücken, Metropole des Saargebiets. Hoch­betrieb in der Stadt. Mit jedem Zuge kommen .Hurderte von Abstimmungsberechtigten. Auf dem Bahnhof erwarten die Saarländer ihre Angehöri­gen. Keine Fahne, kein Abzeichen ist zu sehen. Die Abstimmungskommission hat es verboten. Die Ho­tels sind schon heute überfüllt. Automobile mit allen Nationalitätenzeichen fahren durch die Stadt. Eben haben die Genossen von Matz Braun ein Pla­kat an die Anschlagsäulen geklebt — schwielige Männerhände reißen das Lügenpamphlet herun­ter und zertreten es im Straßendreck. Die einzig richtige Antwort! Ausländische Militärs mit ihren bunten Uniformen beleben das Straßenbild.

In unserem Hotel begrüßen wir den Portier mit dem Deutschen Gruß und erhobenem -Arm. „Heil Hitler!" antwortet er freudig, aber dann fiigt er hinzu: „Aber bitte, tun Sie mir den Ge­fallen, heben Sie bis zur Abstimmung nicht den Arm zum Gruß. Wir müssen es uns abgewöh­nen, sonst sind unsere Stimmen am Sonntag alle ungültig!" Das ist der Saarländer, der 15 Jahre lang nur den einen Wunsch gehabt hat: Zurück zur Heimat, zu Deutschland! Sein Wunsch wird am Sonntag in Erfüllung gehen.

Heute mittag sind 59 Saardeutsche aus Süd- amerika in Saarbrücken eingetroffen. Wir aus dem Reich kennen Begeisterung, aber die Freude und der Jubel, wie heute mittag hier, sind un­beschreiblich. Tausende haben sich auf dem Bahn­hofsvorplatz eingefunden, der schwarz von Men­schen war. Berittene Saarpolizei versuchte abzu-

Was waren -eine Ahnen?

Ueber Ursprung, Entwicklung und heutigen Stand deutscher familiennamen

In der heutigen Zeit, wo sich infolge des Arier­paragraphen die deutschen Bürger endlich einmal auf sich selbst besinnen und lernen, stolz aus ihre deutsch« Abstammung zu sein, interessiert alles, was sich um Namenskunde webt, doppelt. Wer gezwungen wurde, seine Familie „auszugraben", seine Ahnen unters (geistige) Mikroskop zu neh­men, der begnügt sich nicht mit der freudigen Fest­stellung, daß er rein deutscher Abstammung ist, der möchte weiter forschen auf dem Gebiet der Na­menskunde. Recht so!

„Ja, Herr Müller, Herr Schneider, Herr Tisch­ler usw.» Ihre Namen sind eindeutiger Ent­stehungsart. Einer Ihrer verehrten Herren Ahnen bzw. Ur-Ur-Urahnen war todsicher Müller, Schnei­der, Tischler usw., wenn Sie auch jetzt Uhrmacher oder Bauer sind. Die „Metzger" sind natürlich „Fleischer" gewesen, aber schon die Metzmacher —

ja, woran die-Nein, die waren etwas

anderes. Die machten Metzen oder Hempten, d. h. uralte Eetreidemaße, haben also mit dem ehrsamen Schlachtereigewerbe nichts zu tun. Auch „Hemp- tenmacher" kommt heute noch oft als Fa­milienname vor. Daß die „Fleischhauer" oder „Knochenhauer" aus alten Schlachterfamilien stammen, ist klar, ebenso wie, um bei den „Hauern" zu bleiben, es durchaus glaubhaft erscheint, daß die „Schopenhauer" mit den „Moldenhauer" ver­wandt sind, jene hieben Mulden oder Molden, neuerdings Mollen genannt, aus Holz zurecht, diese Schopen, d. h- Schöpf-Kellen der Bierbrauer, daher der Name Schoppen!

Wer von Mollen und Schoppen spricht und schreibt und liest, muß an Durst und an das durststillende Bier denken. Auch wir wollen das im Rahmen unserer Zeilen tun. O, wieviel „Krü­ger" gibt es, wie fluchen wir, wenn wir in einem dickleibigen Adreßbuch der Großstadt einen Krü­

ger suchen wollen. Der Ursprung dieses Aller- weltsnamens „Krüger"? Ganz einfach: Besitzer eines Dorfkruges! Kretschmar — auch Gastwirts­ursprung, denn bei den Slawen hießen Wirts­häuser Kretschams. „Becherer", „Küfer", „Kö­per", alles Namen, die vom alten Gastwirtsge­werbe stammen, und zu ihnen gesellen sich ganz be­kannte deutsche Familiennamen, wie Schriller, Schröder, Schröder usw., die ihren Namen darauf zurückführen müssen, wohl oder übel, daß ihre Vorfahren einst die Fässer in den Keller hinab- „schroteten" — na und: schroten hieß früher Lasten fortwälzen.

Daß die vielen „Dünger", die es gibt, Vor­fahren hatten, die Trommler waren, möchte man schwer glauben, aber es stimmt. Trommeln hieß niederdeutsch „bungen" und daher Dünger, Dünger von heute. Ueberhaupt schlagen uns die Namen Schnippchen, wenn wir etwa auf eigen« Faust Namenskunde treiben wollten. Zelter z. B- ein Name, der uns gar nicht so fremd klingt. Wir tippen todsicher auf Zelt! Unsinn! Zelter waren Lebkuchenfabrikanten im deutschen Nürnberg. Nun wißt Jhr's, Ihr Zelter von heutzutage, und seid stolz darauf. Auch Ihr Gürtler, Ihr habt gar nichts mit dem Gürtel zu tun (mit dem lt. Schiller bekanntlich der süße Wahn entzweireißt, der Liebe heißt), Ihr tragt Euren Namen, weil «s in uralten Zeiten im Elsässischen Blechschmiede gab, die man Gürtler benamset«. Daher der Name Gürtler.

Schubert ist auch ein kerndeutscher Name, der ebenso wie der Name Schuchhardt und ähnliche oon den Schuhmachern stammt, die man im 15. Jahrhundert „Schnbarte" nannte.

Drechsler, Dreher. Dreßler, Dreyer, alles geht zurück auf die ursprünglichen Dreher, und wer etwas Besonderes drehte, etwa eine Spindel, der

Vücher und Gewehre

Besuch bei einem deutschen Dichter / Don Nikolaus W. Vlum

war eben ein Spindelmacher, und von ihm stam­men die heutigen Spindler, Cpillner, Spill­mann usw., wobei zu bemerken ist, daß man im Niederdeutschen Spindeln „Spillen" nannte-

Daß Schnitzler und Schnitzer von dem ehrsamen Gewerbe der alten Bildschnitzer ihren Namen ab­leiten können, ist einfach zu begreifen, daß die Ahnen unseres großen Schiller, ebenso wie die der Deutschen, die heut« Schiller heißen, Schilder- macher — Echildener waren, ist nicht ohne Interesse.

Beschäftigen wir uns einmal mit Berühmthei­ten. Schleiermacher, ein stolzer deutscher Name: Die Schleiermacher fertigten die dünn«, zarte Schleierleinwand an. Schlüter, des großen deut­schen Baumeisters Name und ein Familienname, den Tausende Teutsche tragen, kommt vom Schlie­ßer der Pforten und Tore. Stöcken (wer kennt nicht noch den Namen des streitbaren Hofpredi­gers, dessen unsterbliches Verdienst die Gründung der Berliner Stadtmission ist, hängt zusammen mit dem Beruf des Stockmeisters, der die Gefan­genen in den (Schraub) Stock einschloß.

Wir sprachen eben schon einmal von Namen, die scheinbar leicht zu erklären sind, bei denen wir aber bei Unkenntnis der ältesten Heimatkunde sicherlich falsch tippen. Wie's bei Zelter war, ist's z B. auch bei Flöter. Wir denken, daß die Ur­ahnen der heutigen Flöter schön flöteten; falsch geraten, verehrte Leser und Leserinnen, sie waren tüchtige Flößer! Und die „Dröscher" und „Dre­scher" von heute werden auch denken, ihre Eröß- oäter vor x Jahren waren Landwirte und hatten nach der Ernte viel zu dreschen! Stimmt nicht! Der Name der Drescher und Dröscher von heute stammt aus der niederdeutschen Bezeichnung Drö- scher für Kürschner. Ebenso könnte man denken, der heute so verbreitete Familienname Schirmer geht auf Schirmmacher zurück, auch nicht richtig, der Schirmer war Scharwächter.

Man sieht, so einfach ist das der Allgemeinheit leider noch viel zu unbekannte Land der Namens, bildung nicht zu begreifen, so einfach ist sein Ge­biet nicht erfaßbar.

Ansang nächster Woche beginnen wir als erste deutsche Zeitung mit dem Abdruck des neuen Romans von I. M. Veltcr ,.Eisenkern im Aldan", der ebenso wie der jetzt zu Ende gebende des angespannten Interesses aller unserer Leser gewiß sein darf. Kein Geringerer als Jakob Kneip urteilt über den Verfasser: „Ich kenne nur einige ausländische Erzähler, die ich Velter in der Kunst großer Äbenteuerschilderuna an die Seite stellen könnte — in Deutschland nicht einen einzigen".

Als ich das Arbeitszimmer Joseph M. Velters betrat, war ich einigermaßen überrascht. Der große Raum ist angefüllt mit Tausenden von Büchern, zu denen sich eine erstaunliche Anzahl von offensichtlich liebevoll gepflegten, kostbaren Jagdwaffen und Angelgeräten gesellen. Velter ist ein Hüne, dem man es ansieht, daß er sich den Wind vieler Herren Länder um die Nase wehen ließ.

„Vor allem aber machen Sie es sich erst einmal bequem", bat er mich.

„Herr Velter, Vücher und Gewehre, das scheint ein schlagkräftiges Symbol Ihrer Werke zu sein."

Velter zuckt die Achseln: „Wenn Sie statt des Wortes Bücher das Streben setzen, in dem Aben­teuer-Roman Kunst, Dichtung zu bieten, so will ich es unterschreiben. Das Erlebnis eines frem­den Landes, die wilde, große und unberührte Natur ist es, die mich zu immer wieder neuer Gestaltung reizt. Die Handlung ergibt sich von selbst, sie erwächst notwendig aus den Bedingt­heiten der Natur."

„Gerade die Naturverbundenheit ist es auch. die Ihre Vücher über die übliche Abenteuerlite­ratur weit hinaushebt und sie zu dichterischen Er­lebnissen macht. Können Sie mir etwas darüber sagen, was Sie zu dieser Naturnähe brachte?"

„Ich bin sozusagen im Walde aufgewachsen strich schon als Junge mit unseren Hunden tage­

lang durch die dunkelsten, entlegensten Dickungen, wanderte durch die Weite grüngoldener Eifel- höhen, schlief waldkauzumschrien in herbdustendem Ginster und Brombeergerank. Wenn ich heute einen Roman aus der sibirischen Wildnis schreibe, dann ist es, so glaube ich, das Entscheidende, datz ich selbst, die Büchse unter dem Arm. durch Taiga und Steppe streife, in der ungeheuren Einsamkeit dieser Wälder schlief, das Hungergeheul der grauen Wolfsbestien im Ohr."

„Ich sehe kein Bedenken, Ihr« Romane auch unserer deutschen Jugend in die Hand zu geben."

Bestätigend nickte Velter: „Aber natürlich."

„Und was sind Ihre weiteren Absichten, Herr Velter?"

„Für dieses Jahr plane ich eine Jagdfahrt nach den Urwäldern der Halbinsel Kola am Weißen Meer. Ich hoffe, diese Fahrt wird auch meinen Werken zugute kommen. Ich freue mich daraus: draußen, weitab von aller Zivilisation, in den menschenleeren Einöden der Wälder, in denen man ganz auf sich und seine eigene Kraft gestellt ist, fühlt man erst, was man wert ist und was das Leben bedeutet: Kampf und Sieg — oder Untergang."

Liebevoll gleitet das Auge des Dichters über die im Licht blitzenden Läufe seiner Waffen, über die Drillinge. Doppelflinten, Büchsen und Doppel­büchsen. Wir trinken auf gutes Gelingen der Jagdfahrt.

Am Abend kommen Freunde des Autors. Sie bringen ihre Instrumente mit. Geige und Cello. Ueberrascht sehe ich. daß der Dichter selbst eine Geige hervorholt, ein altes, kostlmres Meisterstück. Bald klingt gepflegte Kammermusik auf: Corelli, Haydn, Bach . . .

Gewehre, B-'cher und Musik, — das ist Joseph M. Velter.