6 reiner
Das amtticke 0raan -es LeMts
-er Freien LameftMöremen
MonatS-Bezug: Bei täglichem Erscheinen RM. 2,30 einschließlich 30 Rps. Zustellungsgebühr; durch die Post RM. 2,30 einschließlich Ueberweisungsgebühr, ausschl. Postbestellgeld. Der Bezugspreis ist im voraus zu entrichten. — Postscheck Hamburg 172 72. — Betriebsstörungen begründen keinen Anspruch auf Erstattung oder Ersatz.
RS.-Eauv«rlag Weser-Ems E. m. b. H.. Zweigniederlassung Bremen, Teeren 8-8 / Fernruf: Roland 825.
1
9
3
5
Sprechzeit °°« 12-13 Uhr. de, Schriftleitung werktäglich von 18-17 Uhr.
Nr. S /1. Vierteljahr
Dienstag, S. Januar
Einzelpreis is Nps.
-E
-s!
«i
-!>
t>
8
S
«
§
f
ü
!
>
I
I.
>
i
I
«
Deutsche Stimmen wegen des Hitler-Grußes für ungültig erklärt
Dombstimmung an der Saar
Berechtigtes Mißtrauen der Bevölkerung in die technischen Maßnahmen der Albstimmungskommission
Saarbrücken, 7. Januar.
Am ersten Abstimmungstage für die Beamten des Saargebietes und ihre Angehörigen sowie ferner für die Insassen der Gefangenenanstalten und der Krankenhäuser war die Beteiligung an der Wahl außerordentlich schwach. So haben in Saarbrücken z. V. nur 200 Personen abgestimmt. Zur Teilnahme an dieser Vorabstimmung sind nur die Angehörigen des Landjägerkorps und der blauen Polizei gezwungen, während sie für die übrigen Beamten freigestellt ist. Es hat sich gezeigt, daß die Bevölkerung in die technischen Maßnahmen der Abstimmungskommission Loch ein erhebliches Mißtrauen setzt und lieber erst am Hauptabstimmungstage, am 13. Januar, abstimmt.
Es kommt hinzu, daß z. B. von 32 Stimmen in Beckingen und Mettlach fünf für ungültig erklärt worden sind. weil die Abstimmenden entgegen den Bestimmungen der Ab- stkmmungskommission im Wahllokal selbst ihrer politischen Meinung Ausdruck gegeben haben. Als Ausdruck der politischen Meinung wird es schon betrachtet, wenn die Hand zum deutschen Gruß gehoben wird. Besonders tragisch liegt der Fall einer kranken alten Frau, die bettlägerig ist und nur mit Hilfe anderer Personen an der Abstimmung teilnehmen konnte. Sie erklärte, sie sei deutsch geboren und wolle auch deutsch sterben. Daraufhin wurde ihre Stimme für ungültig erklärt!
Gegen die Ungültigkeitserklärungen sind natürlich von den entsprechende» Dienststellen der Deutschen Front Proteste eingelegt worden, deren Ergebnis man noch abwarten muß. Insbesondere besteht ein starkes Mißtrauen dagegen, daß die Abstimmungskommission angeordnet hat, daß nur schwarze Bleistifte zur Ankreuzung in bestimmte Felder aus dem Stimmzettel benutzt werden dürfen. Schon eine andere Tönung eines Bleistiftes kann also zur Ungültigkeitserklärung einer Stimme führen, ebenso die Benutzung eines Kopierstiftes. Da ferner die Möglichkeit besteht, daß böswillige Elemente in den Abstimmungszellen die vorhandenen schwarzen Bleistifte gegen andersfarbige Stifte austauschen, ist die Gefahr geschaffen, daß die ganze Wahl zu einer Farce wird.
Es muß dringend erhofft werde», daß die Ab- stimmungskommission auch hier ihre Anordnungen berichtigt und die Benutzung eines Kopierstiftes zuläßt, so wie das bei sämtlichen Wahlen in der ganzen Welt bisher der Fall gewesen ist, zumal gegen die Benutzung eines Bleistiftes schon an sich Bedenken bestehen. Ferner muß die unmögliche Erußverordnung für die Wahllokale aufgehoben
werden, da für einen wesentlichen Teil der Bevölkerung der deutsche Gruß eine Selbstverständlichkeit ist und schon aus Gewohnheit beim Erkennen eines Freundes oder Bekannten der Arm gehoben wird.
Die Saarabstimmung hat heute um ^/-9 Uhr mit der Abstimmung gewisser Gruppen von Abstimmungsberechtigten, die am 13. Januar anderweitig stark in Anspruch genommen sein werden, praktisch begonnen. Unter diese Gruppen, für die in den Kreisstädten Wahllokale eingerichtet sind, fallen u. a. die Landräte und Bürgermeister, die Personen, die der Polizei und dem Landjägerkorps angehören, die Beamten, Angestellten und Arbeiter der Eisen- und Straßenbahnen, der Kraftomnibuslinien, des Post-, Telegraphen- und Fernsprechwesens sowie das Personal der Krankenhäuser und Gefängnisse. Für Saarbrücken- Stadt sind in der Nauwiesener Schule drei Wahl-
Rom, 7. Januar.
Die italienisch-französischen Verhandlungen find in der Nacht zum Montag so gut wie abgeschlossen worden. Mussolini und Lava! hatten in der französischen Botschaft im Anschluß an das Essen z« Ehren Mussolinis eine dritte Unterredung, bei der in einer zweistündigen, unter vier Augen erfolgten Aussprache eine grundsätzliche Einigung erzielt wurde. Auch die juristisch-technischen Verhandlungen zwischen den Sachverständigen des französischen und des italienischen Außenministeri- ums haben in der Nacht zu einer grundsätzlichen Einigung geführt.
Positive Unterlagen über die Abkommen, die in Rom unterzeichnet werden sollen, liefert der römische Sonderberichterstatter der Havas-Agen- tur. Danach seien folgende diplomatischen Schriftstücke zu erwarten:
1. Ein Protokoll, das die Gleichheit der Ansichten beider Regierungen über die Hauptfragen der allgemeinen Politik feststellt.
2. eine Empfehlung Frankreichs und Italiens an die Nachbar- und Nachfolgestaaten Oesterreichs (Deutschland, Oesterreich, Ungarn, die Tschechoslowakei, Südslawien, Polen, Rumänien), u. a. ein Abkommen abzuschließen, durch das die gegenseitige Achtung ihrer Grenzen und die Nichteinmischung in ihre innere Angelegenheiten gewährleistet werden soll;
3. ein Konsultativpakt. durch den Frankreich und Italien sich verpflichten, sich bei
büros eingerichtet worden, in denen heute früh, abgesehen von einem stattlichen Aufgebot von Tonfilmoperateuren und Photographen, kein besonders lebhafter Verkehr herrschte.
In einem Lokal hatten in den ersten drei Viertelstunden nur drei Personen von ihrem Stimm- recht Gebrauch gemacht. An langen Tischen sitzen in den drei Schulzimmern die drei Wahlvorsitzenden, der Schwede Kleberg, der Däne Weinert und der Luxemburger Fürst, umgeben von ihren vier Beisitzern, die sich aus Vertretern der Deutschen Front und der Rückgliederungsgegner zusammensetzen. Die beiden feindlichen Parteien werden durch den Vorsitzenden und die neben ihm stehende graugrüne Wahlurne, etwa in Größe eines deutschen Briefkastens, getrennt. Die Urne trägt in großen weißen Buchstaben die Aufschrift „Vorabstimmung Saarbrücken-Stadt". Die Wahlprüfer sehen die Abstimmungsausweise
Ereignissen, die Oesterreichs Unabhängigkeit bedrohen, ins Benehmen zu setzen. Deutschland, Ungarn, die Tschechoslowakei, Südslawien, Polen und Rumänien sollen zur Teilnahm« an diesem Pakt eingeladen werden;
4. ein Abkommen zur Regelung der französisch- italienischen Kolonialfragen in Nordafrika.
Die Einigung über die afrikanischen Fragen scheint nach Havas auf folgender Grundlage erzielt zu sein: Italien verzichtet in einer noch näher zu Sestiinmenden Frist auf die den italienischen Staatsangehörigen in Tunis im Abkommen von 1896 gewährten Vorrechte (Nationalitäten- frage). Frankreich hält sich nicht mehr an das Abkommen von 1916, durch das Italien lediglich die libyschen Grenzbezirke zwischen den Oasen Ehadames, Rhat und Tümmo überlassen wurden, sondern tritt nunmehr an Italien ein großes südlich von Libyen gelegenes Gebiet in Richtung Tibesti ab, ohne jedoch den Italienern einen Zugang zum Tsadsee zu gewähren.
In Somaliland willigt Frankreich in «ineErenz- berichtigung zugunsten Italiens durch die Verlängerung der Grenze von Erythrea ein und begünstigt die Beteiligung Italiens am Betrieb der für die abessinische Ausfuhr wichtigen Eisenbahnlinie Addis Abeba—Djibuti.
Rom, 7. Januar.
Lava! und Mussolini haben am Montagabend nach einer letzten dreiviertelstündigen Unter-, redung um 8 Uhr die Unterzeichnung der italienisch-französischen Verein-
und Personalausweise der Personen, meist Landjäger und Polizeibeamte, ein. Die Stimmberechtigten begeben sich dann in die Zelle, stecken ihren Stimmschein ungefaltet in einen grünen Umschlag und übergeben ihn dann dem Vorsitzenden, der ihn gemeinsam mit dem Abstimmungsausweis des Betreffenden in einen weiteren Umschlag, einen Fensterbriefumschlag, steckt, auf dem genaue Angaben über den Wahlbezirk und die Bürgermeisterei des Stimmberechtigten gemacht werden. Dieser Umschlag wird vom Vorsitzenden persönlich zugeklebt und mit dem Amtssiegel versehen. Der Stimmschein wird dann in diesen doppelten Briefumschlägen in die Urne gesteckt. Die voraussichtlich nicht sehr starken Bündel von Stimmscheinen werden nach Schluß der Vorabstimmung, am Dienstag um 29 Uhr, herausgenommen werden.
(Fortsetzung auf Seite 2)
barungen vorgenommen. Ueber das Ergebnis der Besprechungen der letzten Tage ist folgende Mitteilung ausgegeben worden:
„Die französisch-italienischen Verhandlungen sind heute vom italienischen Regierungschef und dem französischen Außenminister abgeschlossen worden» sie haben Vereinbarungen über die Interessen der beiden Länder in Afrika und Aktenstücke unterzeichnet, die die Gemeinsamkeit der Gesichtspunkte ihrer Regierungen über Fragen europäischen Charakters registrierten. Sie haben die Uebereinstimmung der beiden Regierungen über die Notwendigkeit einer mehrseitigen Verständigung über die Fragen Mitteleuropas festgestellt und sind übereingekommen, daß die von ihnen angenommene Auffassung so schnell wie möglich der Prüfung der interessierten Staaten unterbreitet wird; sie sind ferner übereingekommen» daß sie im Hinblick auf den erwarteten Abschluß dieser mehrseitigen Verständigung gemeinsam im Geiste eben dieser Verständigung alle Maßnahmen prüfen werden, die die Lage erfordern könnte."
London, 7. Januar.
Die Berichte aus Rom, nach denen Großbritannien formell einem Konsultativpakt über die Unabhängigkeit Oesterreichs beitreten werde, finden, wie Reuter meldet, in London keine Bestätigung. Die englische Stellungnahme zu dieser Frage ist in der von England, Frankreich und Italien am 7. Februar 1934 abgegebenen Erklärung eindeutig zum Ausdruck gebracht worden. Diese Erklärung wurde im September vorigen Jahres von neuem bekräftigt.
Afrika
und die Protokolle von Rom
Der italienisch-französische Gegensatz in Westeuropa wurde schon durch die kürzlich in Rom stattgefundenen Saarverhandlungen, die eine starke Bereinigung der Atmosphäre brachte, beseitigt. Jetzt hat man sich auch über Oesterreichs zukünftige Stellung im Donauraum verständigt. Jugoslawien wurde mit französischer Unterstützung bereits durch den Völkerbund beruhigt, was aber wieder Italien nicht hindert, seine Position in Albanien gegen Jugoslawien zu stärken. Verhandelt wurde über Mittel- und Osteuropa — g e h a n d e I t hat man aber mit Nord- Ostafrika. Frankreich wünschte weitgehende Zugeständnisse wegen Tunis. Hierüber hat man früher schon gesprochen, konnte jedoch keine Einigung erzielen. Die italienische Politik gestattet nicht die Aufgabe und Verzichtleistung auf eine Einfluß-Sphäre, ohne ganz besondere Gegenleistungen oder Gewinne dafür zu erhalten. Man ist nun aber doch zu einem endgültigen Abschluß gekommen. Frankreich machte Zugeständnisse an Italien in Französisch-Somaliland, dem Angelpunkt und nächsten Zugang Abessiniens zum Meere. Weiterhin scheint Frankreich Italien gegenüber weitgehendstes Wohlwollen und Desinteressement wegen Abessi- nien gezeigt zu haben. Das italienische Vordringen von Somaliland nach Abessinien, der kürzliche Besuch König Victor Emanuels in Eritrea, die Anhäufung italienischen Kriegsmaterials in beiden genannten italienischen Kolonien, in denen es nichts zu bekämpfen gibt, zwingen zu ernsthaften Ueberlegungen, Frankreich, England und Italien garantierten 1906 die Unabhängigkeit Abessiniens in einem Gegenseitigkeitsvertrag, der vom abessinischen Kaiser mit unterzeichnet wurde. Weiterhin besteht auch noch ein italienisch- abessinischer Freundschaftsvertrag, der knapp fünf Jahre alt ist.
Die angeblichen Grenzstreitigkeiten zwischen Italien und Abessinien sind nur kleine Ablenkungsgeplänkel, um die Aufmerksamkeit der Welt von den wirklichen Vorgängen abzulenken. Der dritte Partner im Bunde — England — steht Gewehr bei Fuß. England liebt in seiner Kolonialpolitik Ueberraschungen. Es sollte nicht wundernehmen, wenn sich eines Tages doch die Richtigkeit der Nachricht bestätigt, daß zwischen Frankreich, England und Italien ein Geheimpakt über die Aufteilung Abessiniens besteht, dem einzigen noch unabhängigen Reiche in Nord-Ostafrika. k'.^. Lob.
Ergebnis -er Verhandlungen in Rom
Unterzeichnung der italienisch-französischen Vereinbarungen
Reichssendung im Rundfunk:
„s>sar-Uantate" von Thieme und Erdlen
Die Mundart der Saarländer
Wenn man die „Saar-Kantate" von Hermann Erdlen, zu der der Hamburger Avbeiterdichter Alfred Thieme den Text geschrieben hat, als „Gelegenheits-" oder noch besser als „Eebrauchs- musik" kennzeichnen darf, dann ist bei diesem Begriff daran zu denken, daß Gelegenheit oder Bedarf schon mehr als einmal in der Geschichte der abendländischen Musik Werke entstehen ließen, die die Zeit ihrer Bestimmung überdauert haben und Ewigkeitswerte bargen; Bachs Kantaten sind solche Gebrauchsmusik gewesen. Gelegentlich ist das berühmte „Notenbüchlein der Anna Magda- lena" entstanden. Haydn hatte Aufträge für einige seiner Werke, die später seine berühmtesten Kompositionen waren. Ein modernes Beispiel ist Verdis „Aida". Zur Gelegenheit der Saar- Abstimmung und zum Gebrauch für den „Tag der Saar" hat Alfred Thieme den Text der Saar- Kantate geschrieben.
Sein umfangreiches Werk — insgesamt rund 259 Verse — wendet sich unmittelbar an deutsche Menschen, die sich den Brüdern an der Saar auf Gedeih und Verderb verbunden fühlen. Ihr Leid unter fremder Herrschaft ist Ausgangspunkt der Dichtung. Die Saarländer rufen die Welt auf mit des Herzens reiner Stimme. Nicht Mehr und Waffen können das Lied ihrer Liebe hindern: Saarland, deutsches Land! Tage und Zeiten des Leids sind nichts vor der Ewigkeit des Deutschtums. In Not und Gefahr war die Saar deutsch. Aus dem Chor des Volkes drängen die Stimmen der Kinder herauf, die mit ihren Müttern und mit der einen einzigen Mutter aller ihrer Mütter, dem Heimatland, Zwiesprache halten. Ergreifend beruhigt die Mutter das unruhige Kind: morgen werden wir wieder vereint sein mit dem Heimatland. Aus den Schächten und Gruben steigen die
Arbeiter der Saar herauf. Ihr Bekenntnis variiert Karl Brögers berühmtes Kriogslied: „Immer schon haben wir eine Liebe zu dir gekannt, bloß wir haben sie nie mit Namen genannt . . . ."
Die Arbeiter wollen nichts von Worten wissen. Das Wort kann Verrat sein. Was aber groß ist und bleibt, das ist die Tat. Und die Tat heißt: „Deutsch schlägt das Herz . . ." Wuchtig steht inmitten der Dichtung das Bekenntnis zur Mutter Erde, das „Li^> von der Erde", die Korn und Saaten werden und reifen läßt und allen Menschen Brot gibt. So mag da kommen, was kommen muß und soll: die Saar hält die Treue! „Haltet die Treue!
Es lodern die Flammen!
Das Alte und Neue schmiedet zusammen."
Die Komposition hat sechs Sätze, entsprechend den fünf Strophen des Saar-Liedes — die erste Strophe beschließt als Wiederholung den sechsten Satz. Hanns Maria Lux' rasch volkstümlich ge- wordene Vertonung des Saarliedes ist der Komposition zugrunde gelegt. Jeder Satz klingt aus mit einer Strophe dieses Liedes. Sie ist zugleich Höhepunkt der Dichtung wie der Komposition. Und wie in gebundenen Versen die Dichtung den Inhalt der Saarlied-Strophen erweitert, so hat auch der Komponist die Liedstrophe um den vorausgegangenen Kantatensatz erläutert und bereichert. Dabei ist Erdlen ebenso schlicht und volkstümlich geblieben wie Thieme. Er verwendet ein großes Orchester (bei der Ursenduyg am Sonntagabend um 7.15 Uhr das Orchester des Reichssenders Hamburg), Gemischte Chöre (Chöre des Reichssenders
Hamburg), Knabenchöre (Chor des Realgymnasiums Iohanneum), Bariton-Solo (Hans Halter) und Sopran-Solo (Martina Wulfs). Kurz leitet das Orchester jeden Satz so ein, daß schon die Orchesterstimme in Rhythmus und Melodik die Themata der Chor- oder Solosätze andeutet. Sehr dezent sind klangmalerische Figuren angewandt. Wenn man die Orchesterstimme als Variation des Saarliedes ansprechen wollte, deutet man schon überreichlich an. Volkstümlich ist die Orchestersprache. Musikalisch am wertvollsten und packendsten sind die Duette der Kinder- und Frauenchöre sowie der Männerchor der Saararbeiter. Die schön«, weich«, gesangliche Linie der Frauenchöre erfährt durch den Männerchor der Grubenarbeiter einen packenden Gegensatz, der sich besonders im Rhythmus ausprägt. Die unwiderstehliche Eindringlichkeit des Ethos, die Einprägsamkeit des Bekenntnisses zum Deutschtum erfuhr ihre höchstmögliche Steigerung in den Unisono-Sätzen. Wenn man die künstlerische Absicht der Dichtung und der Kompo- sition klar im Auge behält, dann ist mit dem Werk etwas geschaffen, was der großen nationalen Bedeutung der Ereignisse unserer Tage entspricht. Der unverkennbare Vorzug dieses Werkes besteht darin, daß er sich an die Herzen wendet, ohne auch nur ein einziges Mal den Umweg über den Verstand oder irgendeine ästhetische Spekulationsmöglichkeit zu nehmen.
Die Sendung, die wir vom Reichssender Hamburg als dem Ursender abhörten, wurde zu einer musikalischen Feierstunde. Der Komponist dirigerte Solisten, Chöre und Orchester führte er zu einer Einheitlichkeit der Wirkungskraft zusammen, die ihm als Dirigenten Ehre machte. Funktechnisch war die Sendung einwandfrei. Es gab keine Verzerrungen. zumal der Chorklang eine glückliche Beziehung zum Mikrophon erkennen ließ Man hatte die Chöre nicht durch Massen überladen, die Dyna- mik war also immer kontrollierbar Sauber und schön die Tongebung in allen Stimmen und die der Solisten. Alles in allem eine Sendung, die der Weihe und dem Ernst der Stunde gerecht wurde.
Sprache ist Ausdruck der Volksseele. Sprechen heißt: die Volksseele wiedergeben durch tief empfundene, fein unterschiedene Lautgebilde, die mit ihr ursprünglich und innerlich verwachsen sind, so daß sie der werdende Mensch als Ausdruck der Sinnesart mit der Muttermilch in Hirn und Herz und Seele zieht. Der ganz bestimmte Erundton und die jeweils dazu passenden Neben- töne, die Lautgebilde und Gedankengänge, die kein Fremdwort, kein artfremdes Gedankengefüge ersetzen kann, klingen naturgemäß am reinsten in der Mundart, da sie nicht künstlich zugeschnitten ist. Hier strömt der Vorn der Muttersprache aus dem tiefsten Innern der Volksseele. Gerade die Mundart gibt dem Leben eines Stammes eine bestimmte Note. sie ist bedingt durch Blut- und Rasseneigenart, die nicht angelernt, sondern angeboren wird.
„Die wahre Heimat ist die Sprache. Sie bestimmt die Sehnsucht nach ihr, und die Entfernung vom Heimischen geht immer durch die Sprache am schnellsten und wichtigsten, wenn auch am leisesten vor sich," sagt Wilhelm von Humboldt. Und wir wissen, „Heimat ist Friede. Heimat ist Glück", wie es Paul Keller ausdrückt. — Die Muttersprache nur vermittelt uns dieses tiefste und unentbehrlichste Glück.
Belauschen wir den Saarländer Volksmund, so finden wir in seinen alemannischen Lauten eine deutsche Mundart, die kernig und derb ist und bildhaft in ihrer Art. Urwüchsig und unverwüstlich bleibt der Humor des Saarländers; er bewährt sich in den freien, heiteren Lebenslagen und genau so gut in den schweren, wo er in bitterer Ironie zum Ausdruck kommt. Sucht der Saarländer sein Recht, so sagt er: „Ich treiwe's so weit. wie Gestäng (Geleise in der Grube) leit." Eine ironische Redewendung brandmarkt den Diebstahl: .,De Ehrlich hat de Geiß geschtohl'." Die Launen des Schicksals sind treffend gekennzeichnet. wenn es heißt: „Fingerschlang Elick is meh wert wie e aaremslang Verstand." Vom
Schlagfertigen heißt es sehr anschaulich: „Er iß net aufs Maul gefall'" oder „Er läßt sich net for dumm verkaafe."
Eine beliebte Figur in der saarländischen Redeweise ist das „dumme Kaarelche vun Saabrigge" (das dumme Karlchen von Saarbrücken). — „Kaarelche spielt de gekränkte Lewerwurscht" heißt es. Und wenn man Kaarelche fragt: „Forums heilschte dann eso, mei Liewersche?" dann antwortet er, wie die Anekdote weiß: „Ei, jetzt hann eich fünnef Dellere voll Erumbieresupp (Kartoffelsuppe) gäß, und drei Quetschekuche, und da hann eich noch wolle ä klän Stickelche hann, un do Hot mei Mudder gesaad, eich wär ä Fräß- pans!"
Der Alleswisser ist ein „Jwegescheider", der Grundsatz, „der 's Gras wachse sieht un de Flöh husche hört." Der Hehler sei nicht besser als der Stehler, drückt der Saarländer in seiner Formkraft so aus: „Wer mit Spitzbuwe Kippe halt, wärd met Spitzbuwe gehonk." Den gerissenen Gauner schildert trefflich die Wendung: „Di sinn mit alle Wasser gewäscht, nur mit kääm geweihte un honn nix wie lauder Deiwelerei im Kopp." Offenheit und Eradheit im Handel fordert der Saarländer sehr anschaulich und eindringlich: „Nix verduppeln un alles hübsch aufs Dabetsche (Tapetchen) gebrunk!" Aber ebenso lebhaft warnt er vor Großtun und Geschwätzigkeit: „Hänk nit alles an de große Elock, mach kä Ee- kräsch im Dorf erum. mach kä Eesprächer, mach kä Wesens un kä Gedinges!" Am schlimmsten sind de „Besenbinnersbuwe un Scherenschliffer- sibmäde."
Seit Jahrhunderten steht die alemannische Mundart als treue Hüterin deutschen Wesens auf der Wacht an der Westgrenze. Sie war es nicht zum wenigsten, die dem Saarländer half, ,,ä deitscher Bruder" zu bleiben, deutsch in seiner Sinnesart, deutsch bis ins Mark, so daß heute noch der Satz gilt: Deutsch die Saar, das bleibt wahr! vr. ü. Leankaxs
1