Ausgabe 
(8.1.1935) Nr. 8
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Nr. S /1. Vierteljahr

Dienstag, S. Januar

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Deutsche Stimmen wegen des Hitler-Grußes für ungültig erklärt

Dombstimmung an der Saar

Berechtigtes Mißtrauen der Bevölkerung in die technischen Maßnahmen der Albstimmungskommission

Saarbrücken, 7. Januar.

Am ersten Abstimmungstage für die Beamten des Saargebietes und ihre Angehörigen sowie fer­ner für die Insassen der Gefangenenanstalten und der Krankenhäuser war die Beteiligung an der Wahl außerordentlich schwach. So haben in Saar­brücken z. V. nur 200 Personen abgestimmt. Zur Teilnahme an dieser Vorabstimmung sind nur die Angehörigen des Landjägerkorps und der blauen Polizei gezwungen, während sie für die übrigen Beamten freigestellt ist. Es hat sich gezeigt, daß die Bevölkerung in die technischen Maßnahmen der Abstimmungskommission Loch ein erhebliches Mißtrauen setzt und lieber erst am Hauptab­stimmungstage, am 13. Januar, abstimmt.

Es kommt hinzu, daß z. B. von 32 Stim­men in Beckingen und Mettlach fünf für un­gültig erklärt worden sind. weil die Abstim­menden entgegen den Bestimmungen der Ab- stkmmungskommission im Wahllokal selbst ihrer politischen Meinung Ausdruck gegeben haben. Als Ausdruck der politischen Mei­nung wird es schon betrachtet, wenn die Hand zum deutschen Gruß gehoben wird. Be­sonders tragisch liegt der Fall einer kranken alten Frau, die bettlägerig ist und nur mit Hilfe anderer Personen an der Abstimmung teilnehmen konnte. Sie erklärte, sie sei deutsch geboren und wolle auch deutsch ster­ben. Daraufhin wurde ihre Stimme für ungültig erklärt!

Gegen die Ungültigkeitserklärungen sind natür­lich von den entsprechende» Dienststellen der Deut­schen Front Proteste eingelegt worden, deren Er­gebnis man noch abwarten muß. Insbesondere be­steht ein starkes Mißtrauen dagegen, daß die Ab­stimmungskommission angeordnet hat, daß nur schwarze Bleistifte zur Ankreuzung in be­stimmte Felder aus dem Stimmzettel benutzt wer­den dürfen. Schon eine andere Tönung eines Bleistiftes kann also zur Ungültigkeitserklärung einer Stimme führen, ebenso die Benutzung eines Kopierstiftes. Da ferner die Möglichkeit besteht, daß böswillige Elemente in den Abstimmungs­zellen die vorhandenen schwarzen Bleistifte gegen andersfarbige Stifte austauschen, ist die Gefahr geschaffen, daß die ganze Wahl zu einer Farce wird.

Es muß dringend erhofft werde», daß die Ab- stimmungskommission auch hier ihre Anordnungen berichtigt und die Benutzung eines Kopierstiftes zuläßt, so wie das bei sämtlichen Wahlen in der ganzen Welt bisher der Fall gewesen ist, zumal gegen die Benutzung eines Bleistiftes schon an sich Bedenken bestehen. Ferner muß die unmögliche Erußverordnung für die Wahllokale aufgehoben

werden, da für einen wesentlichen Teil der Be­völkerung der deutsche Gruß eine Selbstverständ­lichkeit ist und schon aus Gewohnheit beim Er­kennen eines Freundes oder Bekannten der Arm gehoben wird.

Die Saarabstimmung hat heute um ^/-9 Uhr mit der Abstimmung gewisser Gruppen von Ab­stimmungsberechtigten, die am 13. Januar ander­weitig stark in Anspruch genommen sein werden, praktisch begonnen. Unter diese Gruppen, für die in den Kreisstädten Wahllokale eingerichtet sind, fallen u. a. die Landräte und Bürgermeister, die Personen, die der Polizei und dem Landjäger­korps angehören, die Beamten, Angestellten und Arbeiter der Eisen- und Straßenbahnen, der Kraftomnibuslinien, des Post-, Telegraphen- und Fernsprechwesens sowie das Personal der Krankenhäuser und Gefängnisse. Für Saarbrücken- Stadt sind in der Nauwiesener Schule drei Wahl-

Rom, 7. Januar.

Die italienisch-französischen Verhandlungen find in der Nacht zum Montag so gut wie abgeschlossen worden. Mussolini und Lava! hatten in der fran­zösischen Botschaft im Anschluß an das Essen z« Ehren Mussolinis eine dritte Unterredung, bei der in einer zweistündigen, unter vier Augen er­folgten Aussprache eine grundsätzliche Einigung erzielt wurde. Auch die juristisch-technischen Ver­handlungen zwischen den Sachverständigen des französischen und des italienischen Außenministeri- ums haben in der Nacht zu einer grundsätzlichen Einigung geführt.

Positive Unterlagen über die Abkommen, die in Rom unterzeichnet werden sollen, liefert der römische Sonderberichterstatter der Havas-Agen- tur. Danach seien folgende diplomatischen Schrift­stücke zu erwarten:

1. Ein Protokoll, das die Gleichheit der An­sichten beider Regierungen über die Haupt­fragen der allgemeinen Politik fest­stellt.

2. eine Empfehlung Frankreichs und Italiens an die Nachbar- und Nachfolgestaaten Oesterreichs (Deutschland, Oesterreich, Un­garn, die Tschechoslowakei, Südslawien, Polen, Rumänien), u. a. ein Abkommen abzuschließen, durch das die gegenseitige Achtung ihrer Grenzen und die Nichteinmischung in ihre innere Ange­legenheiten gewährleistet werden soll;

3. ein Konsultativpakt. durch den Frankreich und Italien sich verpflichten, sich bei

büros eingerichtet worden, in denen heute früh, abgesehen von einem stattlichen Aufgebot von Tonfilmoperateuren und Photographen, kein be­sonders lebhafter Verkehr herrschte.

In einem Lokal hatten in den ersten drei Vier­telstunden nur drei Personen von ihrem Stimm- recht Gebrauch gemacht. An langen Tischen sitzen in den drei Schulzimmern die drei Wahlvorsitzen­den, der Schwede Kleberg, der Däne Weinert und der Luxemburger Fürst, umgeben von ihren vier Beisitzern, die sich aus Vertretern der Deut­schen Front und der Rückgliederungsgegner zu­sammensetzen. Die beiden feindlichen Parteien werden durch den Vorsitzenden und die neben ihm stehende graugrüne Wahlurne, etwa in Größe eines deutschen Briefkastens, getrennt. Die Urne trägt in großen weißen Buchstaben die AufschriftVorabstimmung Saarbrücken-Stadt". Die Wahlprüfer sehen die Abstimmungsausweise

Ereignissen, die Oesterreichs Unabhängigkeit be­drohen, ins Benehmen zu setzen. Deutschland, Ungarn, die Tschechoslowakei, Südslawien, Polen und Rumänien sollen zur Teilnahm« an diesem Pakt eingeladen werden;

4. ein Abkommen zur Regelung der französisch- italienischen Kolonialfragen in Nordafrika.

Die Einigung über die afrikanischen Fragen scheint nach Havas auf folgender Grundlage er­zielt zu sein: Italien verzichtet in einer noch näher zu Sestiinmenden Frist auf die den italieni­schen Staatsangehörigen in Tunis im Abkommen von 1896 gewährten Vorrechte (Nationalitäten- frage). Frankreich hält sich nicht mehr an das Ab­kommen von 1916, durch das Italien lediglich die libyschen Grenzbezirke zwischen den Oasen Ehadames, Rhat und Tümmo überlassen wurden, sondern tritt nunmehr an Italien ein großes südlich von Libyen gelegenes Gebiet in Richtung Tibesti ab, ohne jedoch den Italienern einen Zu­gang zum Tsadsee zu gewähren.

In Somaliland willigt Frankreich in «ineErenz- berichtigung zugunsten Italiens durch die Ver­längerung der Grenze von Erythrea ein und be­günstigt die Beteiligung Italiens am Betrieb der für die abessinische Ausfuhr wichtigen Eisen­bahnlinie Addis AbebaDjibuti.

Rom, 7. Januar.

Lava! und Mussolini haben am Montagabend nach einer letzten dreiviertelstündigen Unter-, redung um 8 Uhr die Unterzeichnung der italienisch-französischen Verein-

und Personalausweise der Personen, meist Land­jäger und Polizeibeamte, ein. Die Stimmberech­tigten begeben sich dann in die Zelle, stecken ihren Stimmschein ungefaltet in einen grünen Umschlag und übergeben ihn dann dem Vorsitzen­den, der ihn gemeinsam mit dem Abstimmungs­ausweis des Betreffenden in einen weiteren Um­schlag, einen Fensterbriefumschlag, steckt, auf dem genaue Angaben über den Wahlbezirk und die Bürgermeisterei des Stimmberechtigten gemacht werden. Dieser Umschlag wird vom Vorsitzenden persönlich zugeklebt und mit dem Amtssiegel versehen. Der Stimmschein wird dann in diesen doppelten Briefumschlägen in die Urne gesteckt. Die voraussichtlich nicht sehr starken Bündel von Stimmscheinen werden nach Schluß der Vorab­stimmung, am Dienstag um 29 Uhr, heraus­genommen werden.

(Fortsetzung auf Seite 2)

barungen vorgenommen. Ueber das Ergebnis der Besprechungen der letzten Tage ist folgende Mitteilung ausgegeben worden:

Die französisch-italienischen Verhandlungen sind heute vom italienischen Regierungschef und dem französischen Außenminister abgeschlossen worden» sie haben Vereinbarungen über die Interessen der beiden Länder in Afrika und Akten­stücke unterzeichnet, die die Gemeinsamkeit der Ge­sichtspunkte ihrer Regierungen über Fragen euro­päischen Charakters registrierten. Sie haben die Uebereinstimmung der beiden Regierungen über die Notwendigkeit einer mehrseitigen Verständi­gung über die Fragen Mitteleuropas festgestellt und sind übereingekommen, daß die von ihnen angenommene Auffassung so schnell wie möglich der Prüfung der interessierten Staaten unterbrei­tet wird; sie sind ferner übereingekommen» daß sie im Hinblick auf den erwarteten Abschluß dieser mehrseitigen Verständigung gemeinsam im Geiste eben dieser Verständigung alle Maßnahmen prü­fen werden, die die Lage erfordern könnte."

London, 7. Januar.

Die Berichte aus Rom, nach denen Großbritan­nien formell einem Konsultativpakt über die Un­abhängigkeit Oesterreichs beitreten werde, finden, wie Reuter meldet, in London keine Be­stätigung. Die englische Stellungnahme zu die­ser Frage ist in der von England, Frankreich und Italien am 7. Februar 1934 abgegebenen Erklärung eindeutig zum Ausdruck gebracht wor­den. Diese Erklärung wurde im September vori­gen Jahres von neuem bekräftigt.

Afrika

und die Protokolle von Rom

Der italienisch-französische Gegensatz in Westeuropa wurde schon durch die kürzlich in Rom stattgefundenen Saarverhandlungen, die eine starke Bereinigung der Atmosphäre brachte, beseitigt. Jetzt hat man sich auch über Oesterreichs zukünftige Stellung im Donauraum verständigt. Jugoslawien wurde mit französischer Unterstützung bereits durch den Völkerbund beruhigt, was aber wieder Italien nicht hindert, seine Position in Alba­nien gegen Jugoslawien zu stärken. Ver­handelt wurde über Mittel- und Osteuro­pa g e h a n d e I t hat man aber mit Nord- Ostafrika. Frankreich wünschte weitgehende Zugeständnisse wegen Tunis. Hierüber hat man früher schon gesprochen, konnte jedoch keine Einigung erzielen. Die italienische Po­litik gestattet nicht die Aufgabe und Ver­zichtleistung auf eine Einfluß-Sphäre, ohne ganz besondere Gegenleistungen oder Ge­winne dafür zu erhalten. Man ist nun aber doch zu einem endgültigen Abschluß gekom­men. Frankreich machte Zugeständnisse an Italien in Französisch-Somaliland, dem An­gelpunkt und nächsten Zugang Abessiniens zum Meere. Weiterhin scheint Frankreich Italien gegenüber weitgehendstes Wohl­wollen und Desinteressement wegen Abessi- nien gezeigt zu haben. Das italienische Vor­dringen von Somaliland nach Abessinien, der kürzliche Besuch König Victor Emanuels in Eritrea, die Anhäufung italienischen Kriegs­materials in beiden genannten italienischen Kolonien, in denen es nichts zu bekämpfen gibt, zwingen zu ernsthaften Ueberlegungen, Frankreich, England und Italien garantier­ten 1906 die Unabhängigkeit Abessiniens in einem Gegenseitigkeitsvertrag, der vom abessinischen Kaiser mit unterzeichnet wurde. Weiterhin besteht auch noch ein italienisch- abessinischer Freundschaftsvertrag, der knapp fünf Jahre alt ist.

Die angeblichen Grenzstreitigkeiten zwi­schen Italien und Abessinien sind nur kleine Ablenkungsgeplänkel, um die Aufmerksam­keit der Welt von den wirklichen Vorgängen abzulenken. Der dritte Partner im Bunde England steht Gewehr bei Fuß. England liebt in seiner Kolonialpolitik Ueberraschungen. Es sollte nicht wun­dernehmen, wenn sich eines Tages doch die Richtigkeit der Nachricht bestätigt, daß zwischen Frankreich, England und Italien ein Geheimpakt über die Aufteilung Abessi­niens besteht, dem einzigen noch unabhängi­gen Reiche in Nord-Ostafrika. k'.^. Lob.

Ergebnis -er Verhandlungen in Rom

Unterzeichnung der italienisch-französischen Vereinbarungen

Reichssendung im Rundfunk:

s>sar-Uantate" von Thieme und Erdlen

Die Mundart der Saarländer

Wenn man dieSaar-Kantate" von Hermann Erdlen, zu der der Hamburger Avbeiterdichter Alfred Thieme den Text geschrieben hat, als Gelegenheits-" oder noch besser alsEebrauchs- musik" kennzeichnen darf, dann ist bei diesem Be­griff daran zu denken, daß Gelegenheit oder Be­darf schon mehr als einmal in der Geschichte der abendländischen Musik Werke entstehen ließen, die die Zeit ihrer Bestimmung überdauert haben und Ewigkeitswerte bargen; Bachs Kantaten sind solche Gebrauchsmusik gewesen. Gelegentlich ist das berühmteNotenbüchlein der Anna Magda- lena" entstanden. Haydn hatte Aufträge für einige seiner Werke, die später seine berühmtesten Kompositionen waren. Ein modernes Beispiel ist VerdisAida". Zur Gelegenheit der Saar- Abstimmung und zum Gebrauch für denTag der Saar" hat Alfred Thieme den Text der Saar- Kantate geschrieben.

Sein umfangreiches Werk insgesamt rund 259 Verse wendet sich unmittelbar an deutsche Menschen, die sich den Brüdern an der Saar auf Gedeih und Verderb verbunden fühlen. Ihr Leid unter fremder Herrschaft ist Ausgangspunkt der Dichtung. Die Saarländer rufen die Welt auf mit des Herzens reiner Stimme. Nicht Mehr und Waffen können das Lied ihrer Liebe hindern: Saarland, deutsches Land! Tage und Zeiten des Leids sind nichts vor der Ewigkeit des Deutsch­tums. In Not und Gefahr war die Saar deutsch. Aus dem Chor des Volkes drängen die Stimmen der Kinder herauf, die mit ihren Müttern und mit der einen einzigen Mutter aller ihrer Mütter, dem Heimatland, Zwiesprache halten. Ergreifend beruhigt die Mutter das unruhige Kind: morgen werden wir wieder vereint sein mit dem Heimat­land. Aus den Schächten und Gruben steigen die

Arbeiter der Saar herauf. Ihr Bekenntnis va­riiert Karl Brögers berühmtes Kriogslied: Immer schon haben wir eine Liebe zu dir ge­kannt, bloß wir haben sie nie mit Namen ge­nannt . . . ."

Die Arbeiter wollen nichts von Worten wissen. Das Wort kann Verrat sein. Was aber groß ist und bleibt, das ist die Tat. Und die Tat heißt: Deutsch schlägt das Herz . . ." Wuchtig steht in­mitten der Dichtung das Bekenntnis zur Mutter Erde, dasLi^> von der Erde", die Korn und Saaten werden und reifen läßt und allen Men­schen Brot gibt. So mag da kommen, was kommen muß und soll: die Saar hält die Treue! Haltet die Treue!

Es lodern die Flammen!

Das Alte und Neue schmiedet zusammen."

Die Komposition hat sechs Sätze, entsprechend den fünf Strophen des Saar-Liedes die erste Strophe beschließt als Wiederholung den sechsten Satz. Hanns Maria Lux' rasch volkstümlich ge- wordene Vertonung des Saarliedes ist der Kom­position zugrunde gelegt. Jeder Satz klingt aus mit einer Strophe dieses Liedes. Sie ist zugleich Höhepunkt der Dichtung wie der Komposition. Und wie in gebundenen Versen die Dichtung den In­halt der Saarlied-Strophen erweitert, so hat auch der Komponist die Liedstrophe um den vorausge­gangenen Kantatensatz erläutert und bereichert. Dabei ist Erdlen ebenso schlicht und volkstümlich geblieben wie Thieme. Er verwendet ein großes Orchester (bei der Ursenduyg am Sonntagabend um 7.15 Uhr das Orchester des Reichssenders Ham­burg), Gemischte Chöre (Chöre des Reichssenders

Hamburg), Knabenchöre (Chor des Realgymna­siums Iohanneum), Bariton-Solo (Hans Hal­ter) und Sopran-Solo (Martina Wulfs). Kurz leitet das Orchester jeden Satz so ein, daß schon die Orchesterstimme in Rhythmus und Melo­dik die Themata der Chor- oder Solosätze andeu­tet. Sehr dezent sind klangmalerische Figuren an­gewandt. Wenn man die Orchesterstimme als Variation des Saarliedes ansprechen wollte, deutet man schon überreichlich an. Volks­tümlich ist die Orchestersprache. Musikalisch am wertvollsten und packendsten sind die Duette der Kinder- und Frauenchöre sowie der Männerchor der Saararbeiter. Die schön«, weich«, gesangliche Linie der Frauenchöre erfährt durch den Männerchor der Grubenarbeiter einen packenden Gegensatz, der sich besonders im Rhyth­mus ausprägt. Die unwiderstehliche Eindringlich­keit des Ethos, die Einprägsamkeit des Bekennt­nisses zum Deutschtum erfuhr ihre höchstmögliche Steigerung in den Unisono-Sätzen. Wenn man die künstlerische Absicht der Dichtung und der Kompo- sition klar im Auge behält, dann ist mit dem Werk etwas geschaffen, was der großen nationalen Be­deutung der Ereignisse unserer Tage entspricht. Der unverkennbare Vorzug dieses Werkes besteht darin, daß er sich an die Herzen wendet, ohne auch nur ein einziges Mal den Umweg über den Ver­stand oder irgendeine ästhetische Spekulationsmög­lichkeit zu nehmen.

Die Sendung, die wir vom Reichssender Ham­burg als dem Ursender abhörten, wurde zu einer musikalischen Feierstunde. Der Komponist dirigerte Solisten, Chöre und Orchester führte er zu einer Einheitlichkeit der Wirkungskraft zusammen, die ihm als Dirigenten Ehre machte. Funktechnisch war die Sendung einwandfrei. Es gab keine Verzer­rungen. zumal der Chorklang eine glückliche Be­ziehung zum Mikrophon erkennen ließ Man hatte die Chöre nicht durch Massen überladen, die Dyna- mik war also immer kontrollierbar Sauber und schön die Tongebung in allen Stimmen und die der Solisten. Alles in allem eine Sendung, die der Weihe und dem Ernst der Stunde gerecht wurde.

Sprache ist Ausdruck der Volksseele. Sprechen heißt: die Volksseele wiedergeben durch tief empfundene, fein unterschiedene Lautgebilde, die mit ihr ursprünglich und innerlich verwachsen sind, so daß sie der werdende Mensch als Aus­druck der Sinnesart mit der Muttermilch in Hirn und Herz und Seele zieht. Der ganz bestimmte Erundton und die jeweils dazu passenden Neben- töne, die Lautgebilde und Gedankengänge, die kein Fremdwort, kein artfremdes Gedankengefüge ersetzen kann, klingen naturgemäß am reinsten in der Mundart, da sie nicht künstlich zugeschnitten ist. Hier strömt der Vorn der Muttersprache aus dem tiefsten Innern der Volksseele. Gerade die Mundart gibt dem Leben eines Stammes eine bestimmte Note. sie ist bedingt durch Blut- und Rasseneigenart, die nicht angelernt, sondern an­geboren wird.

Die wahre Heimat ist die Sprache. Sie be­stimmt die Sehnsucht nach ihr, und die Entfer­nung vom Heimischen geht immer durch die Sprache am schnellsten und wichtigsten, wenn auch am leisesten vor sich," sagt Wilhelm von Hum­boldt. Und wir wissen,Heimat ist Friede. Hei­mat ist Glück", wie es Paul Keller ausdrückt. Die Muttersprache nur vermittelt uns dieses tiefste und unentbehrlichste Glück.

Belauschen wir den Saarländer Volksmund, so finden wir in seinen alemannischen Lauten eine deutsche Mundart, die kernig und derb ist und bildhaft in ihrer Art. Urwüchsig und unverwüst­lich bleibt der Humor des Saarländers; er be­währt sich in den freien, heiteren Lebenslagen und genau so gut in den schweren, wo er in bitte­rer Ironie zum Ausdruck kommt. Sucht der Saar­länder sein Recht, so sagt er:Ich treiwe's so weit. wie Gestäng (Geleise in der Grube) leit." Eine ironische Redewendung brandmarkt den Diebstahl: .,De Ehrlich hat de Geiß geschtohl'." Die Launen des Schicksals sind treffend gekenn­zeichnet. wenn es heißt:Fingerschlang Elick is meh wert wie e aaremslang Verstand." Vom

Schlagfertigen heißt es sehr anschaulich:Er net aufs Maul gefall'" oderEr läßt sich net for dumm verkaafe."

Eine beliebte Figur in der saarländischen Rede­weise ist dasdumme Kaarelche vun Saabrigge" (das dumme Karlchen von Saarbrücken). Kaarelche spielt de gekränkte Lewerwurscht" heißt es. Und wenn man Kaarelche fragt:For­ums heilschte dann eso, mei Liewersche?" dann antwortet er, wie die Anekdote weiß:Ei, jetzt hann eich fünnef Dellere voll Erumbieresupp (Kartoffelsuppe) gäß, und drei Quetschekuche, und da hann eich noch wolle ä klän Stickelche hann, un do Hot mei Mudder gesaad, eich wär ä Fräß- pans!"

Der Alleswisser ist einJwegescheider", der Grundsatz,der 's Gras wachse sieht un de Flöh husche hört." Der Hehler sei nicht besser als der Stehler, drückt der Saarländer in seiner Form­kraft so aus:Wer mit Spitzbuwe Kippe halt, wärd met Spitzbuwe gehonk." Den gerissenen Gauner schildert trefflich die Wendung:Di sinn mit alle Wasser gewäscht, nur mit kääm ge­weihte un honn nix wie lauder Deiwelerei im Kopp." Offenheit und Eradheit im Handel for­dert der Saarländer sehr anschaulich und ein­dringlich:Nix verduppeln un alles hübsch aufs Dabetsche (Tapetchen) gebrunk!" Aber ebenso leb­haft warnt er vor Großtun und Geschwätzigkeit: Hänk nit alles an de große Elock, mach Ee- kräsch im Dorf erum. mach Eesprächer, mach Wesens un Gedinges!" Am schlimmsten sind deBesenbinnersbuwe un Scherenschliffer- sibmäde."

Seit Jahrhunderten steht die alemannische Mundart als treue Hüterin deutschen Wesens auf der Wacht an der Westgrenze. Sie war es nicht zum wenigsten, die dem Saarländer half, , deitscher Bruder" zu bleiben, deutsch in seiner Sinnesart, deutsch bis ins Mark, so daß heute noch der Satz gilt: Deutsch die Saar, das bleibt wahr! vr. ü. Leankaxs

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