Ausgabe 
(13.11.1934) Nr. 314
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Nr. 314 / 4. Vierteljahr

Dienstag, 13. November

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Vatikan

und Drittes Reich

Budapest, 12. November.

Der Berichterstatter großer katholischer Blätter, Monsignore Enrico Pucci, der gute Beziehungen zum Vatikan unterhält, äußerte sich in einer Un­terredung mit dem Vertreter des nationalen ..Uj Magyarsag" eingehend über die gegenwärtige Stellung des Vatikans zum nationalsozialistischen Deutschland. Er erklärte u. a.: Der Vatikan macht niemals Politik, sondern die Religion. Der Vati­kan befaßt sich mit politischen Fragen nur, wenn diese die religiöse Berufung des Vatikans berüh­ren. Der Vatikan ist weder für noch gegen den Nationalsozialismus in gleicher Weise, wie er niemals zu den politischen Bewegungen anderer Länder Stellung nimmt.

Der Vatikan billigt den entschlossenen Kampf des National i s ozial i s m us gegen den Atheismus und die Unmoral,

während andere Punkte des nationalsozia­listischen Programms, wie die Stellung zur

Rassenfrage und zur Sterilisation, nach der Erklärung des Papstes nicht gebilligt werden können. Jedoch hat diese Stellungnahme des

Vatikans keineswegs den Abschluß eines Konkor­dats mit dem heutigen Deutschland verhindert. In dem Konkordat sind in gleicher Weise der Standpunkt des Vatikans wie auch die berech­tigten Belange des deutschen Staates berücksichtigt worden. Leider sind jedoch in Deutschland nicht alle Vereinbarungen des Konkordats durchgeführt worden. Auf einigen Gebieten wurden sogar Bestimmungen erlassen, die im Gegensatz zum Konkordat stehen. Jetzt aber hat sich die Lage gebessert. Es besteht jetzt die Aussicht auf eine Einigung in vielen Fragen, in denen noch vor wenigen Monaten eine Einigung unmög­lich erschien.

Zwischen dem Nationalsozialismus und dem Faschismus besteht in vielen Punkten weitgehende Uebereinstimmung. Sowohl in Deutschland als auch in Italien mußten die früheren katholische» politischen Parteien verschwinden.

Man kann selbstverständlich nicht von Deutsch­land, in dem nur ein Viertel der Bevölkerung katholisch ist, eine katholisch orientierte Politik erwarten. Die Lage hat sich in der letzten Zeit wesentlich gebessert, und es besteht jetzt durchaus die Aussicht aus eine Einigung zwischen dem Vatikan und der nationalsozialistischen deutschen Regierung. Wenn die Kirche und die Rechte der Katholiken von den Regierungen anerkannt wer­den, so «erden die Katholiken sich immer als treue Bürger des Staates erweisen und gewissen­haft aus ihrer christlichen Gesinnung heraus die Gesetze des Staates einhalten.

AwischenfM m Moskau

Moskau, 12. November.

Das Außenkommissariat der Sowjetunion teilte der türkischen Botschaft mit, daß die Miliz bei der Verfolgung einer Gruppe von Banditen auf diese feuern mußte, worauf einer der Verbrecher das Feuer erwiderte und dabei den zufällig vor­beigehenden Vizekonsul Seki Bay verletzte. Der Vizekonsul wurde sogleich ins Krankenhaus ge­bracht. Auf Grund des Gesetzes über den Schutz ausländischer Diplomaten hat der Täter die Todesstrafe zu gewärtigen.. Das Außenkommissariat sprach dem türkischen Botschafter das Bedauern über diesen Vorfall aus.

Gegen ausländische Lügen

Der ZweSpessimtömus Deutschland gegenüber nimmt kein Ende

(vrabtdsriebt unserer 8v tl. V7. Berlin, 12. November.

Soeben wird eine neue Welle zweckpessimistischer Meldungen in der Hauptsache über dänische und englische Blätter geleitet, um die deutsche Lage als hoffnungslos oder doch zum mindesten als gefährlich hinzustellen. In diesen Blättern ist in den letzten Tagen die Rede davon gewesen, es „fehle Deutschland an Lebensmitteln für den Winter", und es herrsche bei uns „eine schwie­rige Lebensmittel-Situation".

Hierzu erfährt unsere Berliner Schristleitung aus dafür zuständigen Kreisen, daß — wie übri­gens wiederholt betont worden ist —, die Er­nährung des deutschen Volkes in jeder Hinsicht vollkommen gesichert ist. Der Preis­index sür Lebensmitel ist vom September bis zum Oktober um knapp 1 Prozent gestiegen. Die Maßnahmen, die mit Bezug auf die Preisüber­wachung getroffen worden sind, dienen lediglich dem Zweck, zu verhindern, daß die absichtlich her­beigeführten Preiserhöhungen für landwirtschaft­liche Produkte anderen Berufszweigen als aus-

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schließlich den Bauern zugute kommen. Die Siche­rung des Bauerntums, die von jeher eines der Grundprinzipien nationalsozialistischer Welt­anschauung gewesen ist und die in der ganzen Welt als eine wichtige Forderung an die staat­liche Politik erkannt wird, ist in Deutschland ganz bewußt und konsequent durch die Schaffung auskömmlicher Festpreise verwirklicht worden. Es gilt, so schließt die Stellungnahme der offiziösen Stelle, jetzt zu verhindern, daß diese Leistungen durch den Zwischenhandel sabotiert werden.

Wirtschaftspolitische Kreise der Reichshauptstadt nehmen ferner noch zu zwei weiteren wesentlichen Zwecklügen Stellung, die in den letzten Tagen verbreitet worden sind. Ein dänisches Blatt be­hauptete nämlich, die Senkung des deutschen Lebensstandards ginge aus der zunehmenden Ab­stellung von Automobilen im Winter hervor. Demgegenüber wird heute festgestellt, daß gegen September-Oktober des vergangenen Jahres, in denen 1600 bzw. 9017 Automobile in Berlin still­gelegt wurden, in diesem Jahre in den gleichen

Monaten nur 2180 bzw. 7280 Wagen in die Win­tergarage gestellt wurden; und daß, obwohl die Gesamtzahl der Wagen sich inzwischen wesentlich erhöht hat. Zu der Behauptung des Berliner Korrespondenten einer englischen Sonntagszeitung, der am vergangenen Sonntag in seinem Blatt behauptet hatte, die „Wirtschafts­lage in Deutschland werde täglich verzweifelter", und in Berlin und anderen Großstädten lebe der dritte Teil der Bevölkerung von Arbeitslosen­unterstützung und von der Winterhilfe, wird an Hand von authentischem Material nachgewiesen, daß in Berlin nicht ein Drittel, sondern nur ein Siebtel der Bevölkerung (einschließlich der Ange­hörigen der insgesamt 250 000 Unterstützungs­empfänger) unterstützt wird, und daß die Winter­hilfe andererseits kein Unterstlltzungsersatz sei, son­dern eine freiwillige zusätzliche Beihilfe darstelle.

Es wäre zu wünschen, daß in allen europäischen Großstädten die Lage der arbeitslosen und der arbeitenden Bevölkerung so wenig verzweifelt wäre, wie sie es auch in diesem Winter dank der staatlichen Einrichtungen und des sozialen Ver­antwortungsbewußtseins des ganzen Volkes in Deutschland sein wird."

WieBredow Rundfunttommissar wurde

„Aus ble Meinung des Ministers wurde wenig Wert gelegt"

Berlin, 12. November

Im Rundfunk-Prozeß begann am Montag die Vernehmung der Angeklagten über die Zustände bei den einzelnen Sendegesellschaften. Als erster wurde der frühere Vorsitzende des Aufsichtsrätes der Mirag, Dr. Hans Otto-Leipzig, vernom­men, der gemeinsam mit dem Angeklagten Dr. Erwin Jäger beschuldigt wird, ähnlich wie die verantwortlichen Persönlichkeiten des Berliner Rundfunks ungerechtfertigt Ausgaben gemacht und Nundfunkhörergebühren verschleudert zu haben. Dr. Otto schilderte die Haushaltsgebarung bei der Mirag und die Zuständigkeitsabgrenzung zwischen der Mirag und der Reichsrundfunkgesell­schaft. Er habe immer den Standpunkt vertreten, daß die Gesellschaft gedeckt sei, wenn die RRG. Entscheidungen treffe. Es sei ihm kein Fall be­kannt, in dem bei der Mirag verschwenderisch vorgegangen worden sei. Allerdings müßte man den Begriff der Sparsamkeit im Rundfunk anders werten als bei Betrieben anderer Art. Es könne dabei nicht auf die absolute Sparsamkeit an­kommen, sondern vielmehr darauf, mit den ge­ringsten Mitteln die größten Erfolge zu erzielen. So könne man es zweifellos nicht als Verschwen­dung bezeichnen, wenn seinerzeit die Mirag für eine Veranstaltung, bei der Richard Strauß zum ersten Male im Sendesaal dirigierte, 1000 Mark bezahlt habe.

Es wurde dann der Angeklagte Dr. Flesch über seine Tätigkeit als Intendant des Frankfurter Senders vernommen. Dr. Flesch schilderte den Aufgabenkreis als Intendant und gab einen

Ueberblick über die Entwicklung seiner Tätigkeit, die immer stärker werdende technische Vervoll­kommnung des Rundfunks habe ihn vor allem da­durch vor neue Aufgaben gestellt, daß allmählich dazu übergegangen- werden konnte, mit dem Mikrophon öffentliche Institute zu besuchen.

Der frühere Wirtschaftsdirektor der Werag (Westdeutsche Rundfunk AG.) in Köln, Paul von Korke, schilderte ähnlich wie Dr. Otto die Ge­schäftsführung der örtlichen Sendegesellschaften und erklärte, daß die Geschäftsführer bei wichtigen Entscheidungen, vor allem bei der Bewilligung größerer Mittel, sich an die Weisungen der Reichs­rundfunkgesellschaft gehalten hätten. Er habe sich immer verpflichtet gefühlt, diesen Weisungen der RRG. Folge zu leisten.

Vor der Mittagspause ließ der Vorsitzende dann eine Reihe von Rundschreiben der RRE. an die örtlichen Sendegesellschaften verlesen, in denen Richtlinien für eine sparsame Wirtschaftsgestaltung gegeben wurden.

In der Nachmittagssitzung des Rundfunkpro­zesses begann die Beweisausnahme über die Stel­lung des Angeklagten Dr. Bredow als Rund­funkkommissar und über die Verhandlungen, die

Rücktritt Sir Simons?

London, 12. November.

Der politische Mitarbeiter des „Daily Herold" will wissen, daß wieder Bemühungen im Gange sind, den Rücktritt Sir John Simons vom Posten des Staatssekretärs des Aeußeren herbeizuführen. Als möglicher Nachfolger werde neuerdings Vald- win genannt.

seinem Ausscheiden aus dem Reichspostdienst vor­ausgegangen sind. Als erster Zeuge wurde der Ministerialdirektor im Ruhestand, Vuntkirchsn, vernommen. Er bekundete, daß Smatssekretär Bre­dow. s: Zt. als Beamter in der Oeffentlichkeit, ins­besondere von den Parteien, stark angefeindet wurde. Es erschien also begreiflich, daß er als Staatsbeamter auszuscheiden wünschte, um nicht dauernd Anwürfen ausgesetzt zu sein. Jede miß- liebigs aufgenommene Rundsunkdarbietung hat Stoff zu Angriffen gegen das Ministerium ge­geben. Durch die Bildung eines Rundfunkkom­missariats glaubte man, diesen Schwierigkeiten be­gegnen zu können. Dabei sei erste Voraussetzung gewesen, daß Bredow nicht mehr Beamter sein sollte, denn sonst wär« ja alles beim alten ge­blieben.

Der Zeuge wird weiterhin über die technische Entwicklung des Rundfunkwesens befragt. Dabei erwähnte der Vorsitzende einen Vortrag über das Rundfunkwesen in der „Urania" und fragt den Zeugen, wie die Einstellung des Ministers dazu gewesen sei.

Der Zeuge antwortete: „Das weiß ich nicht. Ich muß auch ehrlich sagen, daß wir aus die Einstel­lung des Ministers wenigWert gelegt haben", was schallende Heiterkeit auslöste. Auf eine weitere Frage des Vorsitzenden erklärte der Zeuge, der Titel Nundfunkkommiffar habe nur einen Wert nach außen gehabt, für den inneren Betrieb sei Bredow Vertrauensmann des Ministers gewesen. Die Besoldung entsprach der eines Staatssekretärs mit nicht geringen Zuschlägen, die sich aus der privatrechtlichen Stellung ergaben.

(Fortsetzung auf Seite 2)

Nottenstärke

und Küstenlänge

Von

Urvst-üV. Lrnss

Wir hakten in der letzten Zeit der Londoner Vorslvttenkonserenz mehrere Leitartikel, „Ri­valen der See", „Vorgefechte" sowie „Probleme der kommenden Flottenkonserenz" gewidmet und setzen diese Arttkelfolge mit den Dar­legungen eines Fachmannes über die Argu­mente sranzösischer Seemachtspolitik sort.

„Lange Küste — große Flotte, kurze Küste — kleine Flotte", das klingt so bezaubernd einfach und überzeugend, daß sich die Men­schen solche „Grundsätze" leicht zu eigen machen. Wer mit derartigen, auf eine ober­flächliche Betrachtung der Dinge zurückgehen- oen schlagwortartigen Weisheiten arbeitet, wird es immer leicht haben, die Leffentlich- keit für sich zu gewinnen. Frankreich hat in seiner Fach- und Tagespresse recht erfolgreich dieses Mittel angewandt und versucht, durch Herausstellung der seestrategischen Nachteile seiner Lage erhöhte Seemachts­ansprüche zu begründen. Die Argumen- tierung stützt sich in erster Linie auf den oben zitierten Satz. Weiter wird die Lage an drei Meeren (Mittelmeer, Atlantik und Nordsee) als Nachteil hingestellt, weil da­durch die Seestreitkräfte zersplittert würden, und schließlich soll noch das Vorhandensein eines weitverzweigten Kolonialreiches sich in gleicher Richtung geltend machen, da Schutz der Verbindungen nach der Heimat die Gestellung stärkerer Kräfte notwendig mache.

Diese angeblichen Nachteils versucht man in wirkungsvollen Gegensatz zur Lage Deutschlands zu bringen, das nur über ein Drittel der Küstenlänge Frankreichs verfüge (4600:1500 Kilometer), keine Kolonien be­sitze,. zwar an zwei Meere grenze, aber durch den Nordostseekanal nahezu des Nachteiles diese Lage enthoben sei.

Bei näherer klarer Ueberlegung stellen sich die von den Franzosen herangezogenen Nach­teile als erhebliche see strategische Vorteile heraus. Es gehört zwar mit zu den Aufgaben einer Flotte — und darin liegt das einzige Körnchen Wahrheit der französischen These —, für den Schutz der heimatlichen Küste Sorge zu tragen, allein die Hauptaufgabe einer Flotte, und das ist häufig vergessen worden, liegt in der Be­herrschung der Seewege.

Dies mutz gesagt werden, um die franzö­sische Propaganda-Taktik psychologisch zu erklären, die sich eben darauf stützt, daß die Küstenlänge Maßstab für die See-Empfind­lichkeit ist. Die Hauptaufgabe der Flotte be­steht, wie schon gesagt, dagegen in her Be­herrschung der Seewege, oder anders aus­gedrückt in der Sicherung der eigenen Zufuhren und Störung oder Unter­bindung der gegnerischen. Den Schutz von Küsten und Häfen dagegen können viel­fach Küstenbatterien, Minensperren usw. gewährleisten.

Das Vorhandensein einer Küste allein be­dingt jedenfalls nur eine Küstenmarine, erst die Notwendigkeit der Aufrechterhaltung der

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Lekillors „Jungfrau von Orlsans"

Die Inszenierung der romantischen Tragödie soll eine Ehrenfeier sein für den Genius, der „dem Chor unserer großen Dichter und Formgeber unseres Wesens den vordem nie gehörten Klang heldischen lleberschwanges und adlerhaften Seelen- fluges zutrug (lies dazu Werner Deubels Leit­artikel „Heiliges Vermächtnis" nach in der Aus­gabe der „Bremer Zeitung" v. 10. Noo.) — sie sollte eine Erinnerung sein an die geschichtliche Sen­dung des Hauses auf dem Theaterberg, zu dessen größten Verdiensten die Eroberung Bremens für das Werk Schillers ist —, und sie war endlich eine Wiedergewinnung des Theaterpublikums für Schillers „Jungfrau" und ihre wahre Welt unter den Sternen.

Durch die gewaltigen Forschungsergebnisse der modernen Wissenschaft von den Funktionen der Seele, die während der letzten Jahrzehnte in weite Kreise drangen, ist diese Gestalt in unse­rem Erlebniskreis ein wenig verblaßt, weil im Zuge der Zeit die Theater selbst an ihr herum- experimentiert haben. Sie und viele, die meisten Erzieher der Jugend, haben sie „psychologisch" ge­spielt und in psychologischen Auseinandersetzungen vermitteln wollen —, dann mußte Johanna eine Fragwürdigkeit werden, oder es haben die Theater das Werk eine halbe Handbreite hoch über dem Fußboden der Bretter gespielt, die die Welt bedeuten. Das war verführerisch, aber ebenso töricht wie alle Versuche zwischen beiden Mög­lichkeiten. Weiter hatte dieser Heldin „Die hei­lige Johanna" des Iren E. B. Shaw Abbruch ge­tan, die jetzt wieder Berlin beschäftigt, weil jene eine zeitgenössische wandelnde Milieutheorie ist. Die französische Spezialforschung hat Jeanne d'Arc sogar als ein Instrument der katholischen

Kirche erkannt. Und über das alles hatten wir vergessen, daß unserem Schiller weltgeschichtliche Tatsachen oder nationale französische Legenden nur der Vorwand waren sür ein deutsches Hohes Lied von der Kraft und der Macht des Glaubens an den „Sieg des Glaubens". Die Schranken, die er dem Verstände setzte, bedeuteten uns gestern noch eine Erlebnishemmung, während doch diese Dichtung das Herz anspricht, das ewige alte junge liebe Menschenherz ...

Und so ist es wie ein Wunder, wenn — im Staatstheater — Johanna d'Arc, die Jungfrau von Orleans, lebt und die Herzen erhebt. Man bleibt beim Spiel auf der Erde, man hat aber auch keine wissenschaftlich anmutenden Sinn­gebungen versucht, es drängt sich keine jener Selbstverständlichkeiten auf, die man immer dann großartig im Programm oder im Munde führt, wenn sie keine Selbstverständlichkeiten mehr sind: Ehrfurcht vor dem Wortkunstwerk des Dichters, Ehrfurcht vor dem Willen des Dichters zum Aus­druck und zur Eestaltgebung, Ehrfurcht vor der dichterischen Tat, die den Formwillen erfüllte. Nein, hier im Staatstheater ist alles viel, viel einfacher! Das Regiebuch, das der Aufführung zugrunde liegt, ist mit Theaterblut geschrieben. Alles andere ergibt sich daraus von selbst. Der szenische Rahmen wird wieder ein Bühnenbild, erfüllt mit romantischen Stimmungen, man sieht die Silhouetten von Reims, Johannas Triften und denkt bei „einem freien Platz vor der Kathe- dralskirche" sogar daran, ob Theodor Schlonski sich wohl Schinkels Entwürfe sür die Jungfrau-Inszenierung angesehen hat. Am Anfang der Ausführung war die Sprache Schil­lers, und es war im Anfang das Wort mit sei­

ner Zaubermacht, mit seinen Ober- und Zwischen- tönen . . . Das ganze Geheimnis der unmittel­baren Wirkung und Wirksamkeit dieser Auffüh­rung umfaßt das Stichwort „Theaterblut". Und daß das nicht ein holdes, törichtes, betörendes, lie­bes deutsches Wort ist, daß es ein Stichwort wer­den kann und sein soll, das beweist es bei der Kontrolle einiger Einzelleistungen.

Natürlich kann man unter rund vierzig Rollen nicht die kleinsten und unbedeutendsten Chargen mit großen Ballerbüchsen des Chargenspiels be-

IvK« iVsekeiickorH

I'ato: Liika Vsriisr, Bremsn

setzen, die jedes Ensemble auseinanderreißen würden. Es mutz Abstufungen geben, und die sind auch in dieser Besetzung. Aber der Kammerton, das reine A mit genauen Schwingungsziffern, der ist hier bindend und verbindlich für alle Instrumente. So gibt man der Titelheldin, die nicht in Starfernen entgleitet, die Umwelt aus der Besetzung heraus, die sich auf die Titelpartie einstimmt. Inge Wachendorff legt ihre Johanna nicht verstandesmäßig an und spielt sie auch nicht auf berechnete Effekte aus. Aber es ist da auch keine visionäre Verschwommenheit, geeicht auf jede Ausrede. Die zu Tränen rüh­rende Gestalt ist nicht erknobelt und nicht erklü­gelt aus den bewußten Steigerungsmöglichkeiten der romantischen Laufbahn vom Hirten- zum Kriegsheldenmädchen. Die beginnende Johanna weiß nicht davon, daß sie ihr Gelübde bricht und daß ihr Herz zerbricht und ihr Glaube. Sie ist einfach eine ergreifende Melodie, Melodie eines Zeldensanges aus längst verklungenen Tagen, diese Melodie geht über die Bühne — sie klingt an Nibelungensang an, sie ist mal ein simples

süßes Volkslied, das verweht und ewig ist — im Auftrittsmonolog des vierten Aktes sitzt uns im Zuschauerraum das bekannte Etwas an der Gur­gel, das wir nur und nur im deutschen Theater, im lieben geliebten deutschen Theater erleben können, wenn wir ein Herz haben, das empfäng­lich ist für ein Lebenslied. Diese Leistung ge­winnt nun an Ueberzeugungskraft, wenn ein guter Könner und dienstbereiter Ensemblespieler wie Heinz Lorscheidt den Dunois als den Typ bester Schillerscher Rhetorik ein paar Okta­ven tiefer ins Realistische spielt oder wenn Hans Verlach selbstlos mit seinem Talbot zurückhält, mit der vom Dichter sehr bevorzugten Gestalt. Im Abstand tragen dann zur Verdichtung der Atmosphäre bei Eva Fiebig als Agnes Corel, Philipp Orlemann als Burgund, Her­bert Sebald als Karl, Gert Keller als Lionel und Michael Schäfer als Du Lhatel. Müßig, den Personenzettel in Einzelheiten durch­zugehen: die mannigfaltigen Kräfte fügt Carl Reh der zur Einheit, die ein herzerhebendes Schiller-Erlebnis vermittelt. —ese—

Zur Feier des 175. Geburtstages Friedrich Schillers am 10. November wurde in Marbach der Erweiterungsbau des im Jahre 1903 erstell- cen Schiller-National-Museums eingeweiht. Son- derzüge brachten zahlreiche Festteilnehmer in die in herrlichem Flaggen- und Girlandenschmuck prangende alt« Kreisstadt am Neckar. Die Feier­lichkeiten wurden mit dem Läuten der von den Deutschen in Moskau gestifteten Schillerglocke aus der ehrwürdigen, spätgotischen Alexanderkirche er­öffnet.

Am Vormittag legten die Württembergische Staatsregierung, der Schwäbische Schillerverein

in

und andere Lorbeerkränze im Geburtshaus Schil­lers nieder. Um 11 Uhr begann auf der Frei­treppe und dem Platz zwischen dem National- museum und dem berühmten, von Ernst Rau her­gestellten Schillerdenkmal die offizielle Feier. Unter den zahlreichen Ehrengästen der Reichs- und Landesregierung, der Behörden und aus dem Kreise der Dichtung und Wissenschaft bemerkte man als Vertreter der Reichsregierung Reichs- außenminister Frhr. von Neurath. den der­zeitigen Vorstand des Nationalmuseums. Bei der von musikalischen und Chordarbietungen wunder­voll und erhebend umrahmten Feier sprach Mi-