Ausgabe 
(11.11.1934) Nr. 312
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Nr. 312 / 4. Vierteljahr

Sonntag, ii. November

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Vapenö Aufgabe

Eine Rede vor der deutschen Kolonie in Klagensurth

Wien, 10. November.

Der deutsche Gesandte von Papen, der sich zurzeit auf einer Reise durch Kärnten und Steiermark befindet, um die dortigen reichsdeut- schen Kolonien zu besuchen, hielt in Klagensurth vor einem geschlossenen Kreis von Reichsdeut­schen eine Rede, in der er über das neue Reich sprach. Das, was sich heute nicht nur in Deutsch­land, sondern in allen Ländern dieses alten Erdteiles vollziehe, sei die Abkehr von der Zeit des unbeschränkten und unbe­grenzten Individualismus. Alle Na­tionen versuchten heute neue staatspolitische For­men zu finden, in denen die Autorität einer wohlgesetzten Ordnung wieder zu ihrem Recht komme. Wir Deutschen wollten das Reich erneuern und dem Gedanken dieses Reiches einen neuen Inhalt geben. Alles, was sich seit Januar 1933 in Deutschland neu geformt habe, habe dieses Ziel zum Zweck. Die Meinungs­verschiedenheiten und Kämpfe, die auf kulturellem Gebiet entstanden seien, sollten in aller Ruhe und Brüderlichkeit ausgetragen werden. Die Span­nungen auf diesem Gebiete hätten nur das eine erreicht, daß sie das Glaubensleben der Nation gestärkt und vertieft hätten, ja, daß sie dem Seelenleben einen ganz neuen Impuls verschafften.

Seine Aufgabe als Gesandter des Teutschen Reiches in Oesterreich sehe er in der Wieder­herstellung der alten Freundschafts­bande zwischen zwei Stämmen, die ein Jahr­tausend lang gemeinsam« Geschichte gemacht hätten. Was wir im Reiche wünschten, sei ein Zusammenklang des deutschen Geistes auf allen Gebieten des Lebens, in der Kunst, in der Literatur, in der Wirtschaft, in unserem Rechts- tzew.üMein und in dem Gedanken an die Erfüllung unserer mitteleuropäischen Aufgaben. Das neue Reich, das wir zu bauen im Begriffe ständen, werde einen neuen Inhalt haben, nicht aber ein« Form, die irgendeinen unserer Nachbarn bedrohe oder die Europa störe. Gefahrdrohender als die Frage der Rüstungen seien die Spannungen als eine Folge der geistigen und wirtschaftlichen Zerrüttung der Welt. Wir Deutschen schätzen uns glücklich, daß im neuen Reich Führung und Gefolgschaft eins geworden sind, und wir können nur wünschen und hoffen, daß sich dieser Prozeß auch in anderen Ländern durchsetzen möge."

„Gewaltigste nationale Macht"

London, 10. November.

Lord Rothermere sagt in einem Artikel zum Jahrestag des Waffenstillstandes in der „Daily Mail" u. a.:

„Die Uebernahme der völligen Herrschaft über Deutschland durch Herrn Hitler ist nicht ein blo­ßer Regierungswechsel oder eine Aenderung des Regimes gewesen. Sie hat die Umwandlung dieses mächtigen, kraftvollen und hoch intelligenten Volkes von beinahe 70 Millionen in die gewal­tigste nationale Macht der ganzen Welt mit sich gebracht. Niemals in der Geschichte sind Zucht, Be­geisterung und die systematische Organisation un­geheurer menschlicher und materieller Hilfskräfte zu einem solchen Grade der Vollkommenheit ge­bracht worden, wie im heutigen Deutschland. Das britische Volk hat weder die Neigung noch das Recht, diese mächtige Entwicklung der Energien einer großen stammverwandten Raste zu verübeln.

Festlicher Gtaatsakt in Weimar

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Roosevelt und Doumergue — ein Sieger und ein Besiegter

Der Führer ehrt Friedrich von Schiller / Weihestunde im Nationallheater

Weimar, 10. November.

Der Liberalismus vergangener Epochen hat immer wieder versucht, die beiden Weimarer Dich­terfürsten Friedrich von Schiller und Wolsgang von Goethe für sich in Anspruch zu nehmen. So wurde das beste und edelste ihres Schaffens ver­fälscht und der Nation ein Zerrbild ihres wirk­lichen Seins gezeigt. Friedrich von Schiller war ein Revolutionär und so versuchten die Männer einer feigen Revolte, nach dem Weltkriege aus dem glühenden Nationalisten Schiller einen Ja­kobiner zu machen.

Erst dem Nationalsozialismus blieb es vor­behalten, den wahren Friedrich von Schiller dem deutschen Volk wiederzugeben und ihn als das zu zeigen, was er wirklich ist: der Vorläufer des Nationalsozialismus, ein deutscher Dichter und Idealist, der jene Worte poetisch formte, die heute den Wesenskern des Nationalsozialismus ausmachen: „Immer strebe zum Ganzen, und kannst Du selber kein Ganzes werden,als dienendes Glied schließ' an ein Ganzes Dich an!

„Rüstung

Das Weimarer Nationaltheater war schon ge­gen 7.30 Uhr abends von einer festlich gestimmten Menge bis zum obersten Rang besetzt. Die Weite der Bühne war gefüllt vom Orchester der Wei­marer Staatskapelle, die durch die Meininger Landeskapelle verstärkt worden war, durch den Opernchor des Nationaltheaters, der ebenfalls verstärkt worden war durch den „Neuen Gemisch­ten Chor".

Wenige Minuten vor 8 Uhr erschien der Führer im Nationaltheater und nahm in der großen Mittelloge Platz. Man bemerkte in sei­ner Umgebung weiterhin Reichsminister Dr. Goebbels, der die Eedächtnisansprache hielt, Reichspressechef Dr. Dietrich, Reichsstatthalter von Thüringen, Sauckel, den thüringischen Ministerpräsidenten Marschier, die thürin­gischen Minister Wächtler und Dr. Weber, die Adjutanten des Führers, Obergruppenfüh­rer Brückner und Oberführer Schaub, Gene­ralmajor v. Weichs als Vertreter der Wehrmacht.

Sinnvoll und ausgewählt ist das Programm des Abends. Schiller'sche Worte und Beethovens Mu­sik, die beide aus gleichem Geiste geboren sind und

eine harmonische Einheit bilden. Im Mittelpunkt stand die Gedächtnisrede von Reichsminister Dr. Goebbels, der Schiller als Dichter und Revo­lutionär, als Genie und Charakter preist und würdigt.

„In Demut neigen wir uns vor seinem mensch­lichen und künstlerischen Vermächtnis, das uns ge­hört, weil wir allein die Kraft besitzen, es mit fortzeugendem Geist zu erfüllen."

Klar und eindringlich spricht Ernst Kuhr „die Worte des Glaubens" von Friedrich von Schiller. Dann hebt Hans Pfitzner den Taktstock und Beethovens Leonoren-Ouvertüre Nr. 3 zwingt alles in ihren Bann. Nach der Rede von Reichs­minister Dr. Goebbels, Beethovens „Neunte" an dieser Stätte und unter der virtuosen Stabfüh­rung Hans Pfitzners doppelter Genuß und schön­stes Erlebnis. Der Chor klingt auf: „Freude

pran). Der Chor klingt gewaltig auf: „Freude schöner Götterfunken, Tochter aus Elysium, wir betreten freudetrunken, Himmlische, dein Heilig­tum". Immer wieder kehrt das Motiv, be­geistert und reißt mit, bis der Jubel der Stim­men sich zu einem brausenden Finale steigert.

— Frieden"

- Sicherheit

Macbonalb und Lord Londvnberry über Englands Außenpolitik

London, 10. November.

Bei dem Lordmayor-Bankett in der Euild-Hall betonte der Staatssekretär des Aeußeren, Sir John Simon, daß es seit je Brauch gewesen sei, daß beim Lordmayor-Bankett der Premierminister über die auswärtige Politik spreche. Premier­minister Macdonald führte in seiner Rede u. a. aus:

Frieden ist die Hauptforderung der Zeit. Keine Nation in der Welt ficht unsere Stellung als beständigster und zuverlässig­ster Garant für den Frieden an. Wir haben in unserer Unterstützung für den Völkerbund nicht einen Schatten breit nachgelassen. Wenn der Völ­kerbund auch manchmal einen Schlag erleidet und geschwächt wird, so steht er doch noch als Boll­werk dagegen, daß ein Urteil mit der Spitze des Schwertes gefällt wird. Ich begrüße den Eintritt der Sowjetregierung in den Völkerbund. Wir werden weiterhin die Abwesenheit Deutschlands bedauern. Unsere Regierung wird niemals aufhören, dem deutschen Volk nachdrücklichst vor Augen zu führen, daß es sich nicht gerecht wird, indem es „allein" bleibt. Laßt uns übereinkommen und zusammenwir­ken, um den Frieden herbeizuführen! Die Re­gierung hat während der letzten Tage mit grotz'.r Genugtuung Erklärungen erhalten, die in vielen Kreisen Europas die Furcht beseitigen, daß das, was eine friedliche Abstimmung im Saargebiet sein müßte, zu einer bewaffneten Intervention zur Aufrechterhaltung der Autori­tät des Völkerbundes führt. Die Zusicherungen, die veröffentlicht worden sind, müßten jetzt die verantwortlichen Behörden des Saargebietes in­stand setzen, eine friedliche Entscheidung von sei­

len der Wähler dieses Bezirkes zu überwachen und zu registweren.

Macdonald erklärte weiter: Wir haben einen Punkt erreicht, wo große Nationen mehr Berück­sichtigung fordern und wo andere Nationen in­folgedessen sich nicht genügend in Sicherheit zu fühlen beginnen. Wir dürfen weder pessimistisch noch nervös sein. Die Außenpolitik der Regierung ist weiterhin geleitet durch den Glauben an die Durchführbarkeit einer Festigung der großen auf der Grundlage gesunden Menschenverstandes ver­folgten Friedenspolitik. Macdonald gab dann seiner Enttäuschung über die Ab­rüstungskonferenz Ausdruck. Nach einem kurzen Ueberblick über die Entwicklung der Kon­ferenz fuhr er fort: Die britische Regierung wird nicht nur versuchen, einige sehr nützliche Gewinne zu wahren, sondern Vereinbarungen herbeizufüh­ren. auf Wegen, die ihr weiterhin offenstehen, selbst wenn die Abrüstungskonferenz nicht tagt. Wir haben immer noch den Völkerbund, immer noch den Völkerbundsrat und es wird weiterhin Gelegenheiten für friedliche Länder geben, ihren Einfluß auf die gesamte Welt aus­zuüben.

Ueber die augenblicklich stattfindenden Flot- tenverhandlungen sagte Macdonald: Ja­pan, die Vereinigten Staaten und wir wünschen eine Vereinbarung, die nicht die Sicherheit irgend­eines von uns gefährdet und uns nicht Äer Macht zur Verteidigung, die wir aufrechterhalten müssen, beraubt.

Unsere Erfahrung, so erklärte er, hat uns ge­lehrt, daß in der augenblicklichen Geistesverfassung

der Welt ein Vorbild von Abrüstung nicht ein wirksamer Schritt ist, um die Rüstungen zu ver­mindern, oder das internationale Vertrauen zu erhöhen und so den Frieden zu stärken. Unter manchen Umständen kann dadurch sogar ein An­greifer zu einem Angriff gereizt werden.

Ich glaube, daß das beste und letzte Wort in der Sicherheit ist: ein internationales Abkommen über Stufen nationaler Rüstungen, und je niedriger die vereinbar­ten Stufen sind, um so größer wird die Sicher­heit der Nation sein. Aber wenn eine solche Vereinbarung abgelehnt wird, so müssen wir unseren Verteidigungserfordernissen nachkommen, jedoch in einer Weise, die das nicht aggressive Ziel Englands außer Zweifel stellt.

Nach Premierminister Macdonald sprach dann Lord Londonderry. Er betonte, daß die letzten 12 Monate statt eine entscheidende Besserung in der Weltlage herbeizuführen, eine Verschlechterung der internationa­len Lage gezeigt hätten. Die Abrüstungskon­ferenz sei nicht fähig gewesen, Ergebnisse zu zei­tigen, die den Erwartungen entsprachen. Die bri­tische Regierung arbeite weiter auf eine verein­barte Beschränkung und Verminderung der Rü­stungen als den praktischen Weg zur Beseitigung der Kriegsgefahr hin. Das britische Reich habe durch Kriege alles zu ver­lieren und nichts zu gewinnen. Die ganze Welt wisse: Keine Rüstung, die England für seine Verteidigung schaffe, würde je von dem übrigen Teil der Welt als Bedrohung des Welt­friedens angesehen werden.

K. 84ii. Zwei Staatsmänner gaben der vergangenen außenpolitischen Woche das Gepräge: Roosevelt, der Präsident der Ver­einigten Staaten von Amerika, und Doumer­gue, der ehemalige französische Minister­präsident. Beide haben sich sowohl als charaktervolle Regierungschefs mit unge­wöhnlichem Weitblick wie als außerordent­lich volkstümliche Politiker erwiesen. Doch während Roosevelt nach dem überwältigen­den Wahlsieg seiner Partei den von ihm ein­geschlagenen Regierungskurs mit noch größerer Sicherheit innehalten kann, hat Doumergue den Platz am Steuer verlassen müssen. Amerika, im Zeichen einer unzwei­deutigen Vertrauenskundgebung für seinen Präsidenten, feiert einen Regierungssieg: Frankreich, noch unter dem Eindruck eines fast abenteuerlichen Kabrnettwech- sels, sieht den letzten Repräsentanten des Poincare-Spstems von der politischen Bühne in die Stille des Privatlebens zurücktreten.

Es ist reizvoll und aufschlußreich, jene bei­den Persönlichkeiten, ihr Werk und ihr Kampfmittel einander gegenüberzustellen. Roosevelt wurde zum Führer von der Realität der wirtschaftlichen Schwierigkeiten her. Sein nüchternes Denken verwarf schon vor seinem Amtsantritt jede Theorie, die nicht schnell und sicher zum Ziele trägt. Doumergue ließ sich, obschon er der Wucht der Pariser Februar-Unruhen seine Ministerpräsidentschaft verdankte, in allen Situationen von einer „reinen Idee" leiten, suchte mit vorwiegend konstruktiven Forderungen Herr seiner Widersacher zu werden. — Der Ausgang der Kongreßwah­len wiederum hat bewiesen, daß der Glaube des amerikanischen Volkes an seinen Präsi­denten stärker ist als die Unzufriedenheit einzelner Bevölkerungskreise mit der neuen Gesetzgebung: die Mehrheit der Wäh­lermassen marschierte unmittelbar hinter dem Manne ihres Vertrauens. In Frankreich dagegen fehlte in den Tagen der Krise plötz­lich dieBrücke vom „Führer zur Gefolgschaft, scheiterte das notwendige Reformwerk an , einer Volksvertretung, deren Mehrheitswille zwischen dem Regierungschef und der Nation stand. Den Kräfteverhältnissen im Parla­ment fiel eine größere Bedeutung zu als den Aeußerungen des grenzenlosen Vertrau­ens der Franzosen zu ihrem ehemaligen Staatspräsidenten. Und doch strebte Dou- mergue mit der gleichen Unbeirrbarkeit wie Roosevelt dem großen Ziele der inneren Festigung seiner Nation zu, wie er auch. in der Sanierung der öffentlichen Finanzen und in der Belebung der Wirtschaft auf ähnliche Teilerfolge wie der Schöpfer des New Deal hinweisen konnte.

Wie steht es mit der F r o n te n b i l - düng der politischen Kräfte in beiden Ländern? Der Tradition des geschäft­lichen Fortschritts im Sinne unbegrenzter Profitsteigerungen, dem sogenanntenHoover- Individualismus, setzte Roosevelt eine Po­litik entgegen, die in Staat und Wirtschaft die Vorherrschaft einer „kleinen privilegier­ten Kaste" ein für allemal ausschließt. Auf die eiyfachste Formel gebracht: In Ame-

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Der größte deutsche Naturforscher, Alfred Brehm, ist am 2. Februar 1829 in Renthendorf (Thüringen) geboren. Kein langes Leben war ihm beschieden, nicht mehr als 55 Jahre standen ihm zur Verfügung — eine sehr kurze Frist zur Bewältigung der großen Aufgabe: das Leben der Tiere zu erkennen und zu beschreiben. Aber er hat diese Frist zu nützen verstanden, er hat sie zu einem Leben, reich an allerlei Abenteuern, aber reich auch an wissenschaftlich exakter Arbeit, ge­formt.

Alfred Brehm war ein unruhiger Geist. Es hielt ihn niemals lange an einem Ort, niemals lange in einer festen Stellung. Seine Reisen, die ausschließlich der wissenschaftlichen Erforschung des Tierlebens gewidmet waren, nahmen einen großen Raum in seinem Leben ein. Als Kind wanderte er bereits durch ganz Thüringen. Der Vater war besonders mit der Vogelwelt ver­traut: Vater und Sohn legten sich gemeinsam auf die Lauer, um den kleinen Sängern alle Ge­heimnisse ihres Lebens abzulauschen. Sie wissen bald, welche Daseinsnotwendigkeiten jedes ein­zelne unter den beobachteten Tieren besitzt, und können die verschiedenen Arten auch an den Stimmen erkennen. Zwanzig Jahre später schrieb Brehm ein Buch „Das Leben der Vögel", in dem manches von diesen Jugenderfahrungen Platz ge­funden haben mag.

Die erste große Reise unternahm Brehm mit 18 Jahren. Er hatte eben das Abitur bestanden und gedachte Naturwissenschaften zu studieren, da kam das verlockende Angebot eines Gönners, ihn nach Afrika -u beal ' n. Die beiden durchstreif­ten fH"' I- ' n ' rdafrika. notierten, was irgend i>,..! . , Leobachteten, verglichen,

sammelten ein herrliches Tatsachenmaterial. — Auch zum Naturforscher mutz man geboren sein. Es ist überaus bezeichnend für Brehms Ein­stellung zu seinem Beruf, daß er mit systema­tischen wissenschaftlichen Studien erst begann, nachdem er von dieser großen Afrikareise zurück­gekehrt war und darüber ein dreibändiges Werk veröffentlicht hatte. Andere machen es umge­kehrt: Sie legen erst eine theoretische Grundlage und versuchen dann durch Reisen ihr Blickfeld zu erweitern. Bei Brehm war es unbändiger Forschungstrieb, der ihn in die Weite lockte und zu seinem Beruf mit innerer Notwendigkeit zwang. Aber daß er darüber hinaus seine Er­kenntnisse planmäßig unterbaute, das erst macht ihn zum großen Wissenschaftler.

Nach einigen Jahren gründlichen Studiums in Jena und Wien, die mit Erringung des Doktor­titels beendet wurden, ging Brehm wiederum auf Reisen. Sie führten ihn nach Skandinavien, nach Abesstnien, nach Sibirien, an die Donau, nach Spanien, nach Nordamerika. Ueberall ver­vollständigte er sein ungeheures Erfahrungs­wissen. Es fand dann in jenem Werk seinen Nie­derschlag, das Weltruhm erlangte und seinen Verfasser sozusagen zu einem festen Begriff machte: Brehms Tierleben.

Das Buch besteht aus zehn Bänden, die seit 1864 in Lieferungen erschienen. Brehm schrieb es in seinem kleinen Heimatsort in Thüringen nie­der, wohin er sich von den ehrenvollen Posten zurückzog, die er immer nur ganz kurze Zeitlang bekleidete. So war er 1863 Direktor des Zoolo­gischen Museums in Hamburg und später Direk­tor des Aquariums in Berlin, das nach seinen Angaben eingerichtet wurde. In abhängiger

Stellung hat Brehm sich aber niemals wohl- gefühlt. Sein Beruf war nicht der eines Beam­ten oder Organisators, sondern der eines aben­teuernden Forschers und hinreißenden Schrift­stellers.

Während seiner letzten Reise erkrankte Brehm ernstlich und starb bald nach seiner Heimkehr in seinem Landhaus in Renthendorf. Seine Werke sind: Reiseskizzen aus Nordafrika (1853), Das Leben der Vögel (1861), Ergebnisse einer Reise nach Habesch (1863), Illustriertes Tierleben (seit 1864), Gefangene Vögel (1872).

Brehms großer Zeitgenosse, der Engländer Darwin, geht mit weniger Temperament an die Niederschrift seiner Beobachtungen. Auch er ver­gleicht Mensch und Tier. Aber während Brehm immer wieder von den menschlich-geistigen Fähig­keiten der Tiere spricht, die er mehr oder minder entwickelt findet, während er den Tieren mensch­liche Empfindungen unterlegt und beispielsweise von der Fledermaus sagt: „Nur halb vertraut mit dem Aether, fremd auf der Erde: welch trau­riges Los ist ihr geworden mit ihrem .Flügel'!" — während Brehm also eine antropomorphe An­schauungsweise vertritt, geht Darwin den umge­kehrten Weg und faßt den Menschen weitgehend als domestiziertes Tier auf, dessen Instinkte durch den hohen Grad seiner Intelligenz beeinträchtigt zu werden drohen. — Heute versuchen wir diese Dinge objektiver und sachlicher zu sehen. Die moderne Tierpsychologie hat einen anderen Blick­punkt für ihre Beobachtungen gewählt, sie will die Anlagen und Instinkte der Tiere mit ihren Umwelt- und Lebensbedingungen in Einklang bringen. Natürlich sehen die Ergebnisse einer sol­chen Forschung anders aus als die lebensprühen­den Schilderungen Alfred Brehms. Dennoch ist sein „Tierleben" nicht veraltet, es ist lebendig wie nur je, es ist und bleibt eine unentbehrliche Quelle anschaulich und reizvoll geschilderten Tat­sachenmaterials, und es ist darüber hinaus ein Niederschlag echt deutscher Kulturarbeit.

Kürzlich, es war noch im Jahre 1934, prozessierte einer von Deutschlands Filmlieblingen vor dem Arbeitsgericht in Berlin. Für drei FUm« des Jahres 1933 hatte der Star die runde Summe von 200 000 Reichsmark erhalten. Er hatte für diese 200 000 Mark immerhin einige Monate Ar­beit gehabt, er hatte Reisen unternehnien und wohl auch sonst von seiner kostbaren Zeit so viel opfern müssen, daß ein geplanter vierter Film nicht mehr zustande kam.

Deshalb geriet die Angelegenheit vor den Kadi!

Deshalb wurde die Filmgesellschaft auf 70 000 Reichsmark Honorar für den vierten, nicht ge­drehten Film verklagt....

Schließlich wäre es beinahe gleichgültig, ob der Schauspieler oder die Gesellschaft den Sieg davon­trug! Wichtig ist allein, daß wir hier reelle Zahlen hörten! Wichtig ist allenfalls noch, daß der Anwalt des Schauspielers sich auf die „sozialen Momente" — der Künstler hat nämlich Familie — berufen wollte.

Im übrigen: die Klage wurde abgewiesen.

Soviel vom Film.

»

Deutschland besaß einmal einen Philosophen Jmanuel Kant. Er lebte von 1724 bis 1304 und war Professor in Königsberg. Sein Jahresgehalt betrug genau 749 Taler, 23 Groschen und 10 Pfen­nige (wobei wir die dem Herrn Professor zu­stehenden 44 Scheffel Roggen und 5 Achtel Holz schon eingerechnet haben).

Kant schrieb auch Bücher. Für die „Kritik der reinen Vernunft" honorierte ihn der Verleger Hartknoch mit 220 Talern für die „Kritik der Urteilskraft" wurden ungefähr 700 Taler bezahlt.

Außerdem erhielt der Philosoph als Zeichen des verlegerischen Dankes noch zwei Pfund Schnupf­tabak und sechzehn Eöttinger Würste.

Soviel von der Philosophie.

Als Klopstocks Freunde vom Verleger des „Messias" eine besondere Beihilfe für den be­dürftigen Dichter forderten, ließ der Herr Der- lagsinhaber „eynen neuen tressengeschmückten Frack und Hut" dem Dichter anfertigen ....

Das war sozusagen das klassisch« Zeitalter der Literatur!

Herr von Goethe nahm weder Würste noch Klei­der. Erstens hatte er schon von Hause aus genug Geld, zweitens war er mit dreißig Jahren Staats, minister, der «in Jahresgehalt von rund 3000 Ta­lern hatte. Außerdem scheinen Seine Exzellenz ein hervorragender Geschäftsmann gewesen zu sein.

Alles in allem hat Goethe von seinen Verlegern rund 200 000 Taler erhalten, das sind im heutigen Kaufwort doch mehr als eine Million Mark, Um die Herausgabe seiner „Sämtlichen Werke" wett­eiferten alle führenden Verleger. Freund Cotta bot 60 000 Taler, Blockhaus übertrumpfte mit 70 000, — August von Goethe als Unterhändler des Vaters verlangt 100 000 Taler!

Da schaltet sich die bekannte Hahnsche Buch­handlung zu Hannover in das Geschäft- sie will selbst 150 000 Taler zahlen. Und im nahen Gotha wollen Kaufleute ein« Gesellschaft gründen eigens um diese Ausgab« letzter Hand zu drucken. Ihr Gebot an den Dichter belief sich auf genau 200 000 Taler.

Das ist mehr als eine Million Mark!

Der Rekord wurde nur einmal in späteren Jahren übertreffen: 1905 erschien in der Daily