Ausgabe 
(7.11.1934) Nr. 308
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Ni-. 308 / 4. Vierteljahr

Mittwoch, 7. November

Einzelpreis 18 Npf.

Bremens Regierung ergänzt

Ministerialdirektor Wilhelm Rodenberg Senator für Arbeit, Technik und Wohlsahrt

Vorsichtsmaßnahme?

k. !Uü. AIs der französische Botschafter in London kürzlich im Zusammenhang mit der militärischen Vorbereitung Frankreichs zu einem Taareinmarsch vom englischen Außen­minister, Sir John Simon, empfangen wurde, glaubten mehrere Pariser Blätter, be­reits mit der Beteiligung englischer Trup­pen am herbeigesehnten Abenteuer des fran­zösischen Generalstabes rechnen zu können. Mit um so größerer Genugtuung begrüßen wir es, daß der Leiter der englischen Außen­politik in seinen (bereits in einem Teil der gestrigen BZ.-Ausgabe enthaltenen) Erklä­rungen vor dem Unterhaus ausdrücklich fest­stellte, es sei niemals an die Heranziehung englischer Truppen gedacht mordest. Auch sonst zeugen die Ausführungen Simons von dem Willen, zur Entspannung der kritischen Lage beizutragen, die sich nach dem Säbel­rasseln der Franzosen ergeben hatte. Nur so können wir die Bemerkung des englischen Ministers auffassen, gewisse französische Vor­kehrungen an Frankreichs Saargrenze seien reine Vorsichtsmaßnahmen. Wir möchten aber unserseits mit aller Deutlichkeit hin­zufügen, daß zu diesen „Vorsichtsmaß­nahmen" weder jetzt ein zureichender Grund vorliegt noch vor der Anordnung des deutschen Taarbevollmächtigten Vürckel vorhanden war. Auch die letzten kommuni­stischen Provokationen an der Saar haben wieder den Beweis erbracht, daß die Polizei des Abstimmungsgebiets mit allen (anti­deutschen) Störenfrieden ohne Schwierig­keiten selbst fertig wird und einer Hilfe von auswärts nicht bedarf. Auf keinen Fall ent­spricht die Behauptung der Londoner „Times" der Wahrheit, die deutschen Vor­sichtsmaßnahmen für das ohnehin ent­militarisierte Gebiet östlich der Saargrenze seien durch „französischerseits getroffene An­ordnungen" herbeigeführt worden. Die militärischen Vorbereitungen in Metz und Nancy und das Uniform- und Aufmarsch- verbot für den deutschen 23-Meilen-Eürtel lassen sich beim besten Willen nicht als pari­tätische Maßnahmen, wie „Times" versuchen, miteinander in Einklang bringen.

Wenn Sir John Simon weiter von „an­gemessener Zurückhaltung aus allen Seiten" spricht, so liegt es nur an Frankreich, sich der gleichen vorbildlichen Korrektheit zu befleißi­gen, die alle an der Saarfrage aktiv beteilig­ten deutschen Stellen beobachten. Die diszi­plinierte Haltung der Deutschen Saarfront, ihre nicht mehr zu überbietende Geduld gegen­über dem Terror ehrloser Emigranten und nicht zuletzt die auch von Simon mit Befrie­digung hervorgehobene Tatsache, daß eine Ge­fahr des Eindringens in das Saar­gebiet von deutscher Seite aus nicht be­steht — das alles wird die Regierungs­kommission davor bewahren, fremde Truppen anfordern zu müssen. Aber selbst dann, wenn Herr Knox die Nerven vor der Zeit verlieren oder sein gefährliches Spiel mit dem Feuer fortsetzen sollte, kann für das Saarland der Einmarsch von Soldaten eines an der Abstimmung unmittelbar interessierten Staates unter keinen Umständen in Frage kommen. Was würde man wohl in Paris sagen, wenn auch die Reichswehr Herrn Knox offiziell mitteilen ließe, sie halte sich in Er­wartung eines SOS.-Rufes der Regierungs­kommission zum Vormarsch zur Saar bereit?

Das bremische Staatsamt teilt mit: Auf ! Vorschlag des Regierenden Bürgermeisters Ltto Heider hat der Reichsstatthalter von Bremen und Oldenburg Carl Röoer Ministe­rialdirektor Wilhelm Rodenberg zum Senator für Arbeit, Technik und Wohlfahrt ernannt.

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Senator Rodenberg wurde 1892 in Westerstede (Oldenburg) geboren. Nachdem er höhere Schulen in Oldenburg und zuletzt in Eutin, wo sein Vater als Regierungspräsident seinen Sitz hatte, absol­viert hatte, studierte er in Eöttingen, München und Kiel. Bei Kriegsbeginn bestand Senator Ro­denberg sein Referendarexamen und meldete sich sofort als Kriegsfreiwilliger. Er stand 4 Jahre an der Front, zuletzt als Offizier und Abteilun»e- adjutant. Mit dem E. K. I und II, sowie verschie­denen anderen Kriegsauszeichnungen nahm er Ab­schied vom Heer und machte sein Assessorexameru

Senator Rodenberg bekleidete anschließend ver­schiedene Aemter in der oldenburgischen Verwal­tung. Nachdem er längere Zeit als Referent dem Ministerium für soziale Fürsorge in Oldenburg zugeteilt war, wurde er 1924 mit dem Titel eines Legationsrates als stellvertretender Reichsrats- beoollmächtigter Oldenburgs nach Berlin berufen. 2m Jahre 1933 wurde er stimmführender Reichs­ratsbevollmächtigter und blieb nach Auflösung des Reichsrates weiter als Vertreter Oldenburgs in Berlin tätig, insbesondere als Vertreter des Gau­leiters und Reichsstatthalters.

Als Unterabteilungsleiter und Pressereferent gehörte er ferner dem Amt für Beamte der RSDAP., Gau Erotz-Berlin, an. Oberregierungs­rat Carstens, Oldenburg, wurde zu seinem Nach­folger in Berlin bestimmt. Senator Rodenberg gehört der RSDAP. seit dem 2. Mai 1932 an. Er war das einzigste Mitglied des Reichsrates, das der NSTAP. angehörte.

Volksgeschichte

Von

Ilugsu LübuswoLU

Kürzlich erschien von Pros. Dr. Josef Radier, dem führenden völkischen Literaturhistoriker, ein bahnbrechendes Werk der Volkskunde unter dem bescheidenen sachlichen Titel „Das stammhafte Ee- füge des deutschen Volkes" (Verlag Kösel L Pu­stet, München). Wir geben dem hervorragenden Vorkämpfer des Volkstumsgedankens an der Vreslauer Universität, Eeheimrat Pros. Dr. Eugen Kühnemann, gern das Wort zu einem Referat über das bedeutsame Werk Nadlers.

Dieses in jeder Hinsicht außerordentliche Buch ist berufen, einen wichtigen Dienst der Erziehung an den Deutschen zu leisten. Der Volksgedanke beherrscht gegenwärtig alles Denken und alles Handeln in Deutschland. Was wäre nötiger als aus diesem Buche zu lernen, was das deutsche Volk eigentlich ist? Blut und Boden bedeutet in Wahrheit Stamm und Landnahme. Dieses Buch ent­faltet in wahrhaft großem Zuge die Lehre von den deutschen Stämmen und dem Auf­bau Deutschlands, den sie in ihrer Ausbrei­tung vollzogen haben. Es gibt darüber hin­aus die zuverlässige Lehre von den stamm- haften Wesenseigentümlichkeiten, die in ihrer Zusammenarbeit das deutsche Wesen bilden. An Stelle der bequemen Schlagwörter, die bereits eine besorgniserregende Herrschaft sich anmaßen, tritt die sichere Erkenntnis. Das Buch beruht auf staunenswerter Kennt­nis der deutschen Gesamtgeschichte, die aus Volkskunde und Siedlungskunde, aus politi­scher, Kultur- und Literaturgeschichte sich aufbaut. Es war in dieser gedrängten Zu­sammenfassung nur möglich bei einem Mei­ster, der des riesigen Stoffes von seiner großen Hauptarbeit her völlig Herr ge­worden war.

Der Verfasser übersieht, kein kleinstes- Stückchen der deutschen Ausbreitung über die Erde. Nachdem die Siedelgemeinden alle eingereiht sind, schließt die Betrachtung mit dem deutschen Weltvolk ab, und auch hier bewahrt sich die geschulte Sicherheit des Ur­teils. Es ist eine wahrhaft wissenschaftliche Großtat, wie hier die deutsche Eeistes- geschichte zur deutschen Volks­geschichte wird. Ueberall redet die Sprache reinster Sachlichkeit. Aber deutlich spürt man die Beteiligung eines heißen Herzens, und zuweilen klingt die Rede in wahrhaftiger seherischer Dichterkraft aus. „Von der Marienburg bis zum Grenzschlotz zu Narwa, von der Tanziger Marienkirche bis zu den Domen in Reval und Dorpat, vom Danziger Artushof bis zum Klubhaus der Schwarzen Häupter in Riga prägte ein Bauwille mit seinen gotischen Backstein­werken, dem Ort, der Gelegenheit und der Zeit gemäß, eine Landschaft, die aller Orten weißleuchtende Herrenschlösser in sattes, aber kurzes Grün verspann, die überall voll Ewigkeit ist: mit dem Hochsturz der Steil­küsten ins zeitlose Geschehen des Meeres; mit den traumhaften gekräuselten Dünen, in deren schneeweißgewaschenem Sande alles ungeschehen geworden ist; mit den unnahbar umwachsenen Seen, in denen undenkbare Dinge, die niemals werden, schlafen; mit der endlosen Ebene zwischen all dem, die, tief verschneit und in ein Zwielicht getaucht, das weder Tag noch Nacht ist, nicht nur ein Bild

Hauptangeklagter Bredow im Verhör

Zweiter Tag Ses Rundfunkprozefses - „Die Größe der Tragik"

Berlin, S. November.

Zu Beginn der Dienstag-Sitzung im großen Rundfunk-Prozeß setzte der Häuptangeklagte Bredow seine Darstellung über die Ent­stehungsgeschichte und den Aufbau des Rundfunks fort. Bredow schilderte ausführlich die finan­ziellen Schwierigkeiten, die in der letzten In­flationszeit und in der Uebergangszeit zur Stabi­lisierung der Währung der Bau der Sender ge­macht habe.

Bredow gab zu, daß er, uin Mittel für den Ausbau des Sendernetzes zu beschaffen, unter Verletzung des Haushaltsrechts die Rundfunk­industrie und den Rundfunkhandel zu verschiedenen Abgaben gezwungen habe, so durch Banderolie­rung der Röhren und Gebühren für die Prüfung und Stempelung der Geräte. Die dafür ein­genommenen Gelder wurden auf das Sonderkonto „Rundfunk" bei der Generalpostkasse eingezahlt. Dies sei an sich ein schwerer Verstoß ge­gen die Haushaltsordnung gewesen.

Der Angeklagte Magnus berichtet alsdann eingehend über die kaufmännische Seite der Grün­dung des Berliner Rundfunks. Der Fox-Konzern herbe sich im Herbst 1923 bereit erklärt, für die Gründung 3909 englische Pfund zu zeichnen; das sei in der damaligen Zeit schlimmster Inflation ein außerordentlich wertvoller Beitrag gewesen.

Der Rundfunk habe sofort große Gewinne abge­worfen. Schon 1926 seien zwei Millionen Rein­gewinn zu verzeichnen gewesen, die an die in­zwischen gegründete Reichsrundgesellschaft hätten abgeführt werden können.

Dann schilderte der Angeklagte Dr. Otto die Entwicklung des Leipziger Rund­funks.

Nachdem im weiteren Verlauf der Vormittags­sitzung im Rundfunkprozeß sämtliche ' Angeklagten der örtlichen Sendegesellschaften über deren Grün­dung und finanzielle Entwicklung berichtet hat­ten, äußerte sich der Hauptangeklagte Bredow in einem mehrstündigen zusammenhängenden Ver­trag über die Entstehungsgeschichte und die Grün­dung der Reichsrundfunkgesellschaft.

Bredow hob hervor, daß er der Dradag auf die Dauer das Recht einer Dachgesellschaft für den Rundfunk nicht zugestehen wollte, da sich die Dra­dag durch ihren Leiter, den Sozialdemokraten Heilmann, in rein politischem. Fahrwasser be- fand. Er habe darum mit der Durchführung des Vertrages, der der Reichspost 70 Prozent der An­teile zusicherte, gezögert, um nicht gezwungen zu sein, die Reichspost mit der politischen Dradag zu verkoppeln. — Bredow schilderte dann weiter, wie er mit den Ministern Schiele und Stingl im Januar 1925 die Gründung einer politisch neu­tralen Reichsrundfunkgesellschaft vereinbart habe, die unter dem Einfluß des Reichspostministeriums stehen sollte. Die Dradag sollte nur als Nach­richtenlieferant für die Sendegesellschaften in Er­scheinung treten, aber keinerlei Einfluß auf diese haben.

Der Angeklagte Bredow gab dann weiter an, daß ihm die Minister Schiele und Stingl nahe­gelegt hätten, selbst die Leitung der Reichsrund­funkgesellschaft zu übernehmen, da er angesichts

seiner Sachkenntnisse der einzige geeignete Mann dazu sei. Er hab« sich erst nach einigem Zögern zu der Annahme dieses Amts entschlossen, und zwar zunächst mit dem Titel Rundfunkkommissar des Reichspüstministers ehrenamtlich, vom. 1. Juni 1926 ab unter Ausscheidung aus dem Staats­dienste hauptamtlich. Vor der eigentlichen Grün­dung der Gesellschaft im Mai 1925 hätten noch be­sondere Schwierigkeiten mit den Ländern über­wunden werden müssen, die der Angeklagte im einzelnen schildert.

Bredow wies mit Nachdruck zurück, sich selbst jemals Vater des Rundfunks genannt zu haben. Diese Bezeichnung sei ihm von unterwürfigen Schmeichlern gegeben worden. Er habe sie nie­mals für sich in Anspruch genommen.

Zum Schluß der Nachmittagssitzung schilderte Bredow, daß der Rundfunkbetrieb eine schwere Belastung durch die Forderung der Länder er­halten habe, in den örtlichen Sendegesellschaften politische und kulturelle Ueberwachungsausschllsse einzusetzen. In diesen Ausschüssen saßen die Pärteivertreter der einzelnen Landtage. So waren über 100 Parteivertreter im ganzen Reich in der Lage, in die Rundfunkangelegenheiten ständig hineinzureden. Bredow schloß seine Aus­führungen: „Die Größe der Tragik dieses Zu­standes kann man erst heute ermessen, wo alles von einer Persönlichkeit gemacht wird im autoritären Staat Adolf Hitlers."

Die Sitzung wurde dann auf Donnerstagvor­mittag vertagt.

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Als vor zehn Jahren Hans Thoma in Karls­ruhe — wo er einst gelernt und dann als Meister lange Zeit gelebt und gewirkt hat — die Augen für immer schloß, war ein reiches, 85jähriges Künstlerleben beschloßen, dessen hohe Berufung und tiefe Bedeutung Menschenalter überdauernden Ausdruck in einem selten ergreifenden, tiefgegrün- deten Werke fand. In Museen, Galerien und Kunsthallen vieler Städte, in verschiedenen Kir­chen (z. B. in seinem Heimatsdorf Vernau im Schwarzwald und in der Peterskirche in Heidel­berg) und nicht zuletzt natürlich noch im Privat­besitz ist es über das ganze deutsche Reich ver­breitet und hat schließlich auch seine Grenzen überflutet, um im einzelnen — sei es im Original oder in irgendeiner Art Wiedergabe — hier wie dort überragender Künder und Bekenner der deutschen Seele, des deutschen Wesens, — unserer Kunst schlechthin zu sein. Denn Thoma ging un­beirrt den ihm von seiner künstlerischen Begabung und Eigenart geführten Weg: von schärfster Ab­lehnung, ja Mißachtung, bis zur wirklich höchsten Anerkennung, deren Krönung die Liebe seines Volkes ist, die in den kommenden Geschlechtern mit seinem Werk fortleben wird.

Nicht so leicht wie beim Dichter oder Musiker ist beim bildenden Künstler ein Mit- und Nach­leben im Eesamtwerk. Jeweils einzelne Meister­schöpfungen find bekannt, berühmt geworden, und der einzelne muß sich mit der Versenkung in die ihm zugänglichen Originale oder Wiedergaben begnügen. Welches Thoma-Bild der Pinsel- oder Eriffelkunst in Wirklichkeit oder im Geist vor uns ste! mag, immer wird es ein Zeuge vom eigenen Kenntnis des Meisters sein, das zu jeder Zeit Geltung hatte: „Es hat in mir gemalt. Ich habe nicht anders gekonnt." Er gestaltete

nur, was er sah und erlebte; und was sah er alles im tiefen Erlebnis! — Und da er um­fassend im Wesen, in Herz, Seele und Geist ein echter Deutscher war, von klassischer Prägung und blutsmäßig-innerlich zutiefst verbunden mit dem Urkern der Kunst unserer alten Meister auf allen Gebieten, erstand durch ihn eine solche deutsche, „klassische" Kunst; unabhängig und unbeeinflußt von den „sterblichen", modernen Zeitströmungen, aber befruchtet von einem zukünftigen Ahnen und Atmen, die ihre Wurzeln tief in Ueberliefe­rungen und Urgesetzen der Kunst wie des Lebens schlagen.

Mit seinem in die Zukunft weisenden Schaffen wies er den Weg zur deutschen Kunst — zurück! Er war der „bildende Volkssänger" der Neuzeit, er lebte und wirkte, selbst Kind des Volkes, aus seiner deutschen Seele Lied und Erlebnis seines Volkes in eigenartigem Farben- und Eestalten- Spiel. Eine Kunst, die nicht zu bestimmten ein­zelnen, sondern ihrem innersten Ursprung und Wesen nach zu jedem der Gesamtheit spricht. — Sie hat sich durchgerungen aus einer und durch ein Vielzahl von Kunstrichtungen zu einer eige­nen Welt — (denn nicht der „Geschmack" wan­delte die Kunst, sondern die echte Kunst den Ge­schmack) —, die jeder Zeit in stärkstem Maße für den deutschen Erundzug und Ausdruck der Kunst überhaupt gewirkt hat. Deutsche Kunst — das war seine „Richtung" von innen her, die ihn so groß gemacht hat. Welche zeitnahen und zukunfts- starken Gedanken im Fortschritt von den altüber­lieferten Schätzen diese Richtung in sich schloß und immer schließt, das beweist Thoma mit seinen Schöpfungen deutlich genug. Sein Dasein als Mensch und Künstler war in diesem Sinne Kämpfertum, wie es jedes echte, tiefe und heilige

Künstlertum ist; und da sich ihm Leben wie Kunst sehr weit spannten, fanden sie nicht allein in Farbe und Strich, sondern auch im Wort Ge­staltung.

Es ist sehr wenig bekannt, daß Thoma wunder­schöne Gedichte schrieb: „Lebenssprüche" voll gütig-ernster, besonnen-heiterer Weisheit und noch in den Büchern „Im Herbste des Lebens" (1909), „Im Winter des Lebens" (1919) und „Jahrbuch der Seele" (1922) unmittelbar-persönlich zu uns spricht und somit Führer durch sein Leben und zugleich in seine Kunstwelt wird. Man sollte neben dem Maler Thoma den Dichter nicht ver­gessen, der bei ihm — dem auch in der Tonkunst heimischen, frommen Menschen — in unlösbarer Verbindung ein Teil seines selten umspannenden, und zusammenschließenden Kllnstlertumes ist, das ausdrückliche und vollkommenste Erfüllung im „Bilde" fand.

Das ewig-schöpferische Vermächtnis Hans Thoma's wird dem deutschen Volk immer teuer und heilig sein, und seine Bildkunst ein unsterb­licher Zeuge seiner Erkenntnis und Wahrheit in Leben und Kunst, die für ihn untrennbar eines wraen. ' Tbsoäor 2snksr

kßimm. . .

Nimm ein gutes Buch zur Hank Laß vom Inhalt seiner Seiten In ein holdes Fabelland Dich ein Stündchen lang geleiten

Sei's auch nur ein Kindertraum,

Der die Seele hält gefangen — Schwebend über Zeit und Raum,

Ist schon manches Leid vergangen . . .

Otto Lvispel.

„Die drei großen L" erscheinen auf dem Pro­gramm für das zweite Philharmonische Konzert als die Berufenen zur Vollendbarkeit der Musik als Formsprache. Sie stehen unmittelbar vor der Vollendung: Bach mit der Suite Nr. 3 in V-Dur, Beethoven mit der Heroischen Symphonie und Vrahms mit dem ersten Klavierkonzert. Das war des Guten fast zuviel, es nahm den Hörer ganz und gar in Anspruch und war für den, der mit- lebte und miterlebte, eine starke seelische Be­lastungsprobe, erschütternd und erhebend zugleich. Denn auf der Schwelle zur Vollendung beseelt alle drei Meister die Leidenschaft, die sie groß und unsterblich gemacht hat: die Leidenschaft des Maßes und der Gemessenheit, des freudigen Sich- fügen-wollens in gottgewolltes Schicksal — Bach; die Leidenschaft der Persönlichkeit, die ihren per­sönlichen Ausdruck um jeden Preis des Lebens will — Beethoven: die Leidenschaft der Treue und der Niedersächsen-Ehrlichkeit zu sich selbst — Brahms.

So sehr das Orchester mit seiner unermüdlichen Musizierfreudigkeit von Anfang bis zum letzten Takt immer wieder mitriß, selber mitgerissen von dem herrlich jungen Temperament seines Führers, so klar und klug die Fuge der Partita angelegt war, daß sich auch das architektonische Ge- füge Bachscher Kompositionstechnik offenbarte, so orchestral großartig das berühmte Air erblühte, so virtuos der Orchesterpart im Klavierkonzert dargestellt wurde, in dessen Rondo das Orchester die höchsten Erwartungen seiner Freunde und sich selbst übertraf — das reichste und schönste Erleb­nis des Abends für das Orchester und für seine Zuhörer war die Eroica. Generalmusikdirektor Professor Ernst Wendel dirigierte sie — selbst­verständlich?! — auswendig. Man beherrschte sichtlich das Werk auch nicht nur an den Konzert­

meister- und Eruppenfiihrerpulten. Es musizierte auch kein Orchester aus lauter Routiniers oder „Professionals", die einen Apparat bilden möch­ten, auf dem ein Meister spielt wie auf einem Instrument. Hier war Musiziergemeinschaft mit dem Dirigenten, und dieses Eemeinschaftserlebnis auf dem Podium umschloß das Auditorium. Die minutenlangen Veifallsbezeugungen der begei­sterten Zuhörerschaft waren ein Beweis dafür, wie Wendel für Beethoven zu werben versteht.

Solistin des Konzerts war Bonns Ehrenbürge­rn Elly Ney, als Schülerin Sauers eine der wenigen Gralshüterinnen des Erbes Franz Liszts. Ihre Kunst offenbart sich immer mehr als Poesie; als die poesievollste lebende deutsche Pianistin gilt sie ja seit langem. Wenn man sich erinnert, daß der Entwurf zu dem erschütternd tragischen ersten Satz des Werkes unter dem Eindruck ent­stand, den Schumanns Selbstmordversuch auf Brahms gemacht hat, daß weiter vor 75 Jahren im Leipziger Gewandhaus der junge Niedersachse mit seinem Konzert durchfiel, weil die gewalti­gen weltanschaulichen Spannungen dieses Satzes das Publikum des Gewandhauses einfach nicht trafen, dann können wir die Innigkeit, die schwär­merisch-romantische Verklärung und die lebens­bejahende Klarheit, die Elly Ney ihrem Solo­part gab, nur aus ihrer genialen poetischen Be­gabung verstehen. Der romantische Shimmer ihrer Darstellung trägt aber dank dem Verständ­nis, das ihr Begleiter Ernst Wendel ihr ent­gegenbringt, dazu bei, daß das andächtig fromme Adagio und das niedersächsisch herbe Rondo nicht allzusehr abfallen gegen den ersten und stärksten Satz.

Die Feier, die die Zuhörer Elly Ney bereitet haben, soll ihr ein Willkommensgruß sein für ein baldiges Wiederauftreten in Bremen. -sss-