Ausgabe 
(2.11.1934) Nr. 303
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Nr. 303 / 4. Vierteljahr

Freitag, 2 . November

Einzelpreis 12 Rps.

Das ewige Erbgut der Nation

Reichsminister Dr. Goebbels an die deutsche Jugend

Berlin, 1. November.

Reichsminister Dr. Goebbels sprach Donnerstag abend von 18.05 bis 18.25 Uhr über alle Sender zur deutschen Jugend. Die Rede wurde von den Gefolgschaften der Hitler-Jugend durch Eemein- schaftsempfang aufgenommen. Reichsminister Dr. Goebbels erklärte einleitend, daß es ihm eine besondere Freude sei, vor der Jugend zu sprechen, weil er sich selbst jung genug fühle, um wie zu Gleichgesinnten und Gleichgestellten zu sprechen. Dr. Goebbels wies darauf hin, daß er selber zu Hause in einer Familie mit vielen Kindern auf­gewachsen und auch heute noch von Kindern und jungen Menschen umgeben sei. Er fuhr dann fort:

„Es ist in der Tat eine ganz neue Jugend, die hier emporwächst, und ihr alle könnt stolz darauf sein, in ihren Reihen mitzumarschieren. Was sie von der Jugend vor allem der Vorkriegszeit un­terscheidet und vor ihr auszeichnet, das ist die Aufgewecktheit ihres Geistes, die wache Spann­kraft, die aus ihren Augen leuchtet, die Tatbereit­schaft, die in ihrem Marschtritt mitklingt, die Tapferkeit, mit der sie das Leben nimmt, wie es ist, die Offenheit ihres Charakters, die jeder Duck­mäuserei abhold ist, die Klarheit ihrer Auffas­sungen und die Unsentimentalität im Begreifen unseres deutschen Schicksals. Diese Tugenden sind das Liebenswerteste an euch, ihr Jungen und

Dampfer „Donau" brennt

(Mgener vraktberiebt äer „Bremer Leitung") London, 1. November. Auf Dampfer „Donau", zurzeit im Hafen von Liverpool, ist ein Feuer ausgebrochen, das an der Kopra-Ladung Nahrung findet. Einzel­heiten, insbesondere über den Schaden, sind noch nicht bekannt.

Mädels! Sie müssen in euren Reihen erhalten bleiben und sollen ewiges Erbgut einer sich stets erneuernden deutschen Jugend sein. Wenn ihr dazu noch das WuiÄer fertigbringt, sie zu paaren mit einer edlen und stolzen Bescheidenheit, die Achtung vor dem Alter und Respekt vor der Lei­stung in sich schließt, dann seid ihr in der Tat die würdigen Nachkommen der Generation, die den Krieg durchkämpft und die deutsche Revo­lution zum Siege geführt hat.

Denn eines dürst ihr nie vergessen: Nicht jeder, der älter ist als ihr, mutz deshalb ein Reaktionär sein! Und nicht jeder, der etwas kann, verdient deshalb den Spott und die Verachtung derer, die noch jung sind und deshalb etwas lernen müssen: Wie Alter an sich kein Fehler ist, so ist Jugend an sich auch keine Tugend. Es kommt immer daraus an, was man daraus macht.

Ihr wißt ja selbst aus eurer eigenen Erfah­rung, dah es manchmal Jungen von 16 Jahren gibt, bei denen man nur bedauert, daß sie keine Glatze und keinen Vollbart haben; ebenso gibt es natürlich auch Erauköpfe, in deren Brust ein Herz schlägt, das genau so jung ist wie das eure. Sie gehören zu euch und fühlen sich auch als zu euch gehörend. Sie sind euch mit ganzer fürsor- gender Liebe zugetan. Und wenn sie euch manch­mal mit gutem Rat entgegentreten, so horcht wohl auf, denn sie haben eine lange Lebens­erfahrung hinter sich, aus der sie die Berechti­gung schöpfen können, euch auf diesem oder jenem Gebiet Wegweiser zu sein.

Denn das ist nun einmal so im Leben: Man mutz zuerst etwas lernen, um etwas leisten zu können. Von nichts kommt nichts! Mit Reden nud Erotztuen ist noch kein Staat ausgebaut wor­den! Und die Weltgeschichte sängt nicht erst mit euch an, sondern sie wartet nur daraus, von euch fortgesetzt zu werden."

Es müsse, so betonte Dr. Goebbels, selbstver­ständliche Pflicht sein, aus der Pietät vor den Werten unserer Vergangenheit die Kraft zu fin­den, um die Gegenwart zu meistern und die Zu­kunft zu gewinnen. Damit sei auch die Achtung vor Eltern und Lehrern verbunden, obwohl diese zum Teil noch in einer Weltauffassung verwurzelt seien, die zu überwinden wäre. „Ich kann," sagte der Minister, „es wohl begreifen, Latz ihr euch manchmal mit ihnen nicht ganz versteht; aber Las beruht ja nicht nur darauf, Latz sie euch mißver­stehen, sondern auch darauf, Latz ihr sie nicht ver­steht. Ich habe mich deshalb vor allem darüber gefreut, daß seit langer Zeit schon in euren Krei­sen die D-batten über Kirchen und Konfessions­fragen verstimmt sind. Denn das sind keine Probleme, die von euch gelöst werden müssen, und es genügt schon, wenn die Erwachsenen sich dar­über nicht einig werden.

Ihr Jungen und Mädel habt soviel« andere Aufgaben, die euch selbst betreffen, unmittelbar zu lösen, daß ihr getrost noch einige Jahre war­

ten könnt, um euch in diese Diskussion hineinzu­mischen. Vielleicht sind bis dahin auch die Er­wachsenen unter sich einig geworden. Ich möchte in diesem Zusammenhang all die vielen Hundert­tausende von jungen Menschen, die aus den kon­fessionellen Verbänden in die Hitlerjugend her­übergekommen sind, auf das herzlichste in unseren Reihen begrüßen. Ihr müßt alle dafür sorgen, daß sie in unseren Gruppen und Fähnlein voll­ends aufgehen; sie sollen eure wahren und echten Kameraden werden und dürfen nicht fürchten müssen, daß das, was ihnen vom Elternhaus heilig und unantastbar ist, in euren Reihen irgendwie geschmälert wird.

Was mir immer am meisten bei euch gefällt, das ist die wahre und ungebrochene Lebens­freude, mit der ihr euren Aufgaben zugetan seid. Duckmäuser sind mit Recht bei euch nicht gerne gesehen; denn wenn die Zeiten auch schwer sind, dennoch werden sie keinesfalls dadurch, daß wir die Köpfe Hängenlassen, besser. Beste Kamerad­schaft zu halten, ist immer das wunderbare Vor­recht der Jugend gewesen. Der Klassendünkel, der unter erwachsenen Menschen manchmal sein lächer­liches Wesen trägt, so, daß die Frau Oberrech­nungsrat glaubt, aus standesgemäßen Rücksichten nicht mit der Frau Rechnungsrat verkehren zu können, ist Gott sei Dank bei jungen Menschen

ganz unbekannt. Ihr würdet nur mitleidig lächeln, wenn man euch zumuten wollte, daß ein Jungarbeiter mit einem Gymnasiasten nicht im gleichen Gliede marschieren sollte. Ihr seid alle zusammen eine grotzedeutscheJugendgemeinschaft."

Die deutsche Jugend, so sagte Dr. Goebbels wei- ter, müsse eifersüchtig darüber wachen, daß diese in schwerem Kampf geborene Gemeinschaft nicht zerstört würde. Eure Organisation zählt Millionen von Mitgliedern. Daß in diesem Riesenkörper manchmal auch Fehler und Mangel vorkommen können, das ist ganz selbstverständlich. Es wäre ein Wunder, wenn es sich anders verhielte.

(Fortsetzung auf Seite 2)

Eine Neufchöpfung

Von Dr. dnstav. 8 s, kr,sv Höitsr. äsn Rsobtssbtsilnvg im 8ts.bss.mt äsn Osutsobsn ^rbsitskrovt, Berlin

Durch die Verordnung des Führers und Reichskanzlers vom 24. Oktober über Wesen und Aufgaben der Deutschen Arbeitsfront ist endgültig festgestellt, daß die Deutsche Ar-

Deutsch-englisches Handelsabkommen

Regelung des Warenverkehrs und der finanziellen Verpflichtungen

(Viabtborivkt unserer Berliner SekriktleitunA)

8. IV. Berlin, 1. November.

Das deutsch-englische Wirtschaftsabkommen ist soeben unterzeichnet worden. Es behandelt inhalt­lich drei Fragenkomplexe:

1. Die laufende englische Einfuhr nach Deutsch­land,

2. die Bezahlung der überfälligen deutschen Schuldverpflichtungen und

3. die Finanzverpflichtungen aus der Dawes- und Pounganleihe nach Ablauf des augen­blicklich in Kraft befindlichen Transfer- Abkommens.

Zur Frage der englischen Einsuhr ist als besonders wichtig hervorzuheben, datz unser Standpunkt, nur soviel einzuführen, wie wir Devisen zur Verfügung haben, von eng­lischer Seite voll anerkannt worden ist.

Dabei ist die Bestimmung getroffen worden, datz, wenn die für die Bezahlung der eingeführten Wa­ren zur Verfügung gestellten Devisen nicht aus­reichen, die deutsche Regierung nach Unterrich­tung der englischen Regierung das Recht hat, die Ausgabe von Devisenbescheinigungen für eng­lische Waren vorübergehend zu beschränken. Diese

Bestimmung ist bisher noch in keinem Abkommen getroffen worden und stellt somit etwas grund­sätzlich Neues dar.

Bei der Behandlung der Frage, wie die engli­schen Waren bezahlt werden sollen, hat sich er­geben, daß nach den bisherigen Erfahrungen ein festgelegtes Verrechnungsabkommen nicht der ge­eignete Weg ist. Mat hat sich dahin geeinigt, datz von der Reichsbank aus den Devisen, die ihr aus der Ausfuhr nach England anfallen, bestimmte Beträge für die Ausfuhr nach Deutschland bereit­gestellt werden. Man ist davon ausgegangen, datz das Verhältnis der englisch-deutschen zur deutsch­englischen Ausfuhr etwa 55:100 ist, die deutsche Ausfuhr also größer sein mutz als umgekehrt. Auf dieser Grundlage ist das Abkommen fest­gelegt.

Um eine genaue Festsetzung der Beträge, die die Reichsbank zur Verfügung zu stellen hat, zu er­rechnen, wird die englische Statistik über die deut­sche Wareneinfuhr und die deutsche Statistik für die Ausfuhr nach England einander gegenüber­gestellt. Auf Grund dieser Betrachtung werden die Devisen bereitgestellt werden.

Ein für England äußerst wichtiges Pro­blem, das in dem Abkommen seine Regelung fand, war das der überfälligen deutschen Schul­den. Von deutscher Seite ist hierbei immer wie­der festgestellt worden, datz wir durchaus bereit sind, unsere Schulden zu bezahlen. Die Einigung ist dahin erfolgt, datz wir jeden Monat einen bestimmten Betrag, und zwar in Höhe von 10 Prozent des Wertes unserer Ausfuhr nach England, bezahlen. Die Zahlungen werden sofort mit einer Ueberschreibung von 40 000 Pfund auf­genommen.

Für die Finanzverpflichtungen sollen die be­stehenden Regelungen weitergelten. Es wird da­her das mit Ende dieses Jahres ablaufende Transferabkommen verlängert. Eine Abweichung besteht nur für die Nicht-Reichs- anleihen.

Für den Fall, datz das jetzt neuerdings getrof­fene Abkommen nicht funktionieren sollte und nicht den Erwartungen entspricht, wird ein bereits paraphiertes Clearing-Abkommen an seine Stelle treten. Hierüber hat ein Notenwechsel zwischen dem deutschen Außenminister, Freiherr» von Neurath, und dem englischen Botschafter in Berlin stattgefunden. (Näh. i. Handelsteil.)

Falsche Hoffnungen

(Drahtbericht unserer Berliner Schristleitung)

8. IV. Berlin, 1. November

Zur kirchenpolitischen Lage erhält unsere Ber­liner Schriftleitung die folgenden Darlegungen aus gut unterrichteten politischen Kreisen der Reichshauptstadt:

„In den letzten Monaten sind die kirchenpoli­tischen Auseinandersetzungen, die in Deutschland hier und da stattgefunden haben, Gegenstand ge­steigerten Interesses eines Teils der ausländischen Presse gewesen. Eck erübrigt sich, zu sagen, datz diejenigen ausländischen Zeitungen, die ihre Spalten teils mit wahren, meist aber mit un­wahren Darstellungen dieser Auseinan­dersetzungen füllten, fast immer die gleichen waren wie die, von denen das neue Deutschland nie Gutes erfahren hat und bei denen die Tätigkeit der Feinde Deutschlands, besonders der Emi­granten, immer ein freundliches Echo fand.

Diese ausländischen Blätter verfolgten mit ihren Darstellungen über die Vorgänge in der deutschen Kirchenpolitik offensichtlich den Zweck, den mora­lischen Kredit des Dritten Reiches zu zerstören und den Eindruck zu erwecken, als sei das Gebäude des neuen Deutschland an seiner empfindlichsten Stelle brüchig. Man versuchte, kurz gesagt, die Sache so darzustellen, als ob der Strom der deutschen kir­chenpolitischen Auseinandersetzungen in seiner Richtung unerkannt und unbeobachtet geblieben sei. Diesen Leuten, die in solchen Spekulationen ein einträgliches Geschäft politischer und materiel­ler Art witterten, ist durch die nunmehr erfolgten amtlichen Veröffentlichungen zur kirchenpolitischen Lage das Konzept verdorben. Die uns feindlich ge­sinnten Teile des Auslandes werden aus der deut­schen Geschichte der letzten 114 Jahre wie auch aus diesem Beispiel die für sie vielleicht nicht sehr hoff­nungsreiche Erkenntnis schöpfen müssen, datz man im neuen Deutschland schon immer den richtigen Augenblick erkannt hat und auch in Zukunft er­kennen wird, in dem — feindliche Hoffnungen auf Deutschlands Zwietracht zuschanden werden.

Regierungskrise in Frankreich?

Paris, 1. November.

Es hat den Anschein, als ob Ministerpräsident Doumergue und sein radikalsozialistischer Staatsminister Herriot in der Frage der Kamnierauflösung keineswegs vor einer unmittel­baren Einigung stehen. Die anderen radikalsozia­

listischen Minister sollen grundsätzlich eine Be­schränkung des Rechts des Senates, bei der Kam­merauflösung mitzureden, ablehnen. Gerade dies stellt aber einen der wesentlichsten Punkte in den Reformplänen Doumergues dar. In gewissen Kreiselt will man sogar voraussagen können, datz die radikalsozialistischen Minister am Sonnabend zurücktreten werden, wenn ihre Auffassung im Kabinettsrat, der sich

am Sonnabend mit der Verfassungsreform be­schäftigt, nicht durchdringt.

Nach dem „Excelsior" soll der Verfassungs­reformvorschlag des Ministerpräsidenten und der Wortlaut seiner Rundfunkrede, durch die er den Plan am Sonnabendabend der Öffentlichkeit be­kanntgeben wird, bereits feststehen. Doumergue soll die Absicht haben, an seinem Programm un­ter allen Umständen festzuhalten.

beitsfront nicht Rechtsnachfolger der ehemali­gen gewerkschaftlichen Verbände ist.

Wie bereits das Reichsarbeitsgericht im Urteil vom 28. Februar 1934 (RAG. 274/33) entschieden hat, ist mit der Schaffung der Ar­beitsfront etwas ganz Neues an die Stelle des bisherigen Zustandes gesetzt worden. Es sind nicht etwa die einzelnen früheren Ge­werkschaften fortgesetzt und weiter ausgebaut worden, sondern die Bewegung hat vielmehr aus ihrer grundsätzlichen Einstellung zu den auf dem Boden des Klassenkampfes stehen­den Gewerkschaften heraus, unabhängig von diesen, eine vollkommenneueOrga- nisation geschaffen, die dazu bestimmt war, die Mitglieder der bisherigen verschie­denen Gewerkschaften und Organisationen in sich aufzunehmen und im Laufe der Zeit die gesamte Arbeiterschaft und darüber hin­aus auch alle Unternehmer zusammenzuschlie­ßen. Mit der äußeren Entwicklung war eine innere Umwälzung in der Organisation der Arbeiterschaft Hand in Hand gegangen. Ent­sprechend der der Deutschen Arbeitsfront ge­gebenen Zielsetzung, nämlich der Hinführung der in ihr vereinigten schaffenden Menschen zu einer großen Volks- und Gesinnungsge­meinschaft, waren auch die den Arbeiteroer- bänden obliegenden Aufgaben zu einem we­sentlichen Teile andere geworden, als sie den auf dem Interessengegensatz zwischen „Ar­beitnehmer" und „Arbeitgeber'^ zur Entwick­lung und Bedeutung gelangten Gewerkschaf­ten abgelegen hatten.

Somit steht fest, daß die Deutsche Arbeits­front in ihrem Aufbau und ihrem Zweck­gedanken grundverschieden ist von den frühe­ren gewerkschaftlichen Organisationen, daß sie eine einzigartige Neufchöpfung darstellt. Deshalb hat auch der Führer in seiner Ver­ordnung ausdrücklich erklärt, daß die Deut­sche Arbeitsfront die Organisation aller schas­senden Deutschen der Stirn und Faust ist, also nicht etwa nur eines Teiles von ihnen, der „Arbeitnehmer", wie es bei den ehemaligen Gewerkschaften der Fall war.

Weiterhin wird in 81 Abs. 2 der Verord­nung eindeutig festgestellt, daß „die Angehö­rigen der ehemaligen Gewerkschaften, der ehemaligen Angestelltenverbände und der ehemaligen Unternehmervereinigungen" in der Arbeitsfront zusammengeschlossen sind und nicht etwa die früheren Organisationen als solche. Damit ist die Umbildung, die sich im Zuge der nationalen Erhebung nicht unter Beobachtung der satzungsmäßigen Formen, sondern durch ein Eingreifen der National­sozialistischen Deutschen Arbeiterpartei als der Inhaberin der Macht im Staate mit Billigung der legalen Staatsgewalt unter den Augen der Öffentlichkeit vollzogen hat, die zur vollständigen Beseitigung der ehe­maligen Gewerkschaften führte und ein ganz

An Frankreichs Gaargrenze ...

Berner Stimme: Die Welt sehr mißtrauisch gegen eine Abstimmung „unter dem Schutz der Bajonette'

Paris, 1. November

Zu den Meldungen über «in etwaiges mili­tärisches Eingreifen Frankreichs im 'Saargebiet bemerkt die Agentur Havas: »

„Im Auslande erschienene Nachrichten besagen, daß von den französischen Militärbehörden Vor­kehrungen getroffen seien sollen, um einem etwa­igen Aufruf der Regierungkommission des Saar­gebietes entsprechen zu können. So dargeboten, benötigen diese Nachrichten eine Richtigstellung. Frankreich hält sich strikt an die loyale An­wendung des im Vertrage vorgese­henen Abstimmungsverfahrens und gedenkt in keiner Weise, die Abstimmung der Saarländer, die frei bleiben mutz, zu beeinflussen. Polizeimatznahmen, die die Einsetzung franzö­sischer Streitkräfte nötig machen, könnten nur in Ausführung internationaler Verpflichtungen, die sich für Frankreich aus den vom Völkerbundsrat 1925 und 1926 angenommenen Entschließungen ergeben, Platz greifen und zwar auf ausdrückliches Anfordern der Regierungskommission des Saar­gebietes, die als internationaler Organismus unter der Autorität des Völkerbundes für die Aufrechterhaltung der Ordnung und unter allen Umständen für den Schutz der Personen und des Eigentums im Saargebiet verantwortlich ist."

„Echo be Paris" polemisiert scharf gegen Deutschland und schreibt, die deutsche Presse be­schuldige die französische Regierung, sie bereite einen Handstreich aus das Saargebiet vor. Die Männer in Berlin verstünden sich auf Handstreiche und Putsche. Barthou habe am 27. September in Genf ausdrücklich erklärt, Frankreich lege keinen

Wert darauf, selbst für die Ordnung im Saar­gebiet sorgen zu wollen, und wenn die deutsche Regierung, wie sie am 4. Juni 1934 versprochen habe, sich enthalte, in den Volksabstimmungskampf einzugreifen, und wenn die Saarpolizei ent­sprechend verstärkt werde, dann sei es keineswegs notwendig, hie französischen Garnisonen zu be­mühen. Frankreich lasse sich bei der ganzen An­gelegenheit nur von einer internationalen Pflicht leiten. Es verfolge keine eigenen Vorteile. Dann versteigt sich das Blatt zu Behauptungen, von denen man wohl sagen kann, datz grotesker die Wahrheit nicht auf den Kopf gestellt werden kann: Weder Frankreich, noch die anderen Staa­ten, die wirklich dem Frieden ergeben seien, könnten zulassen, datz ein Diktator lediglich, weil er Diktator sei und weil er bei sich die Grund­festen seiner Allmacht festigen wollte, sich das Recht anmaße, die Stimmung einer Bevölkerung zu „ersticken" (??), der das internationale Gesetz, das freie Selbstbestimmungsrecht zuerkenne.

Im „Petit Parisien" wird erklärt, gewisse neuerliche deutsche Presseäutzerungen schienen dar­aus hinzudeuten, datz Deutschland nur die vertrag­liche Abwickelung der Volksabstimmung wünsche und sich anschicke, die Saarländer aufzufordern, vorbildliche Manneszucht zu wahren. Wenn diese Beteuerungen aufrichtig seien und befolgt würden, dann wäre es um so besser. Auch Frankreich wün­sche nichts anderes als die getreuliche Durchführung des Vertrages. In Erwartung dessen aber könne ihm niemand das Recht absprechen, grundlegende Vorsichtsmatznahmen zu treffen.

Eine besondere Anprangerung verdient die Aeußerung des „Jour", in der insbesondere die

Mißachtung gegenüber Genf recht bemer­kenswert ist. Das Blatt verlangt nämlich, datz die französischen Erenztruppen garnicht erst den inter­nationalen Auftrag abwarten sollen. Selbst wenn alle« in Genf vertretenen Mächte entschlossen wä­ren, jeden Putsch und jeden Druck zu verhindern, würde ihr gemeinsamer Wille platonisch bleiben.

Basel, 1. November.

Das auf der rechten Seite des Bürgertums stehende „Verner Tagblatt" befaßt sich mit der Behauptung des „Mattn", nationalsozialistische Sturmabteilungen beabsichtigten einen Handstreich auf das Saargebiet, und deswegen habe Frank­reich im Elsatz und in Lothringen Truppen bereit­stehen. Das „Verner Tagblatt" stellt dazu fest:

Schweizer, die Lothringen besuchten, haben uns schon vor längerer Zeit über die dortigen militärischen Vorbereitungen berichtet. Von dem angeblich beabsichtigten nationalsozialistischen Handstreich sind wir noch 2V- Monate entfernt, da er nach der Abstimmung erfolgen soll. Wenn jetzt militärische Vorbereitungen sranzösischerseits im Grenzgebiet getroffen werden, wo die soge­nannten Deckungstruppen innerhalb weniger Stunden marschbereit sind, so sieht das eher da­nach aus, als wolle man dem angeblichen natio­nalsozialistischen Handstreich zuvorkommen, d. h. vor der Abstimmung das Saargebiet besetzen. Wir nehmen bestimmt an, daß nur die Militärs an einen solchen Husarenstreich denken, nicht aber die Regierung Frankreichs. Seit der Abstimmung in Oberschlesien ist die Welt sehr mißtrauisch gegen eine Abstimmung „unter dem Schutze der Bajonette". (Siehe auch Seite 2.)