Ausgabe 
(4.12.1934) Nr. 335
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Nr. 332 / 4. Vierteljahr

Dienstag, 4. Dezember

Einzelpreis is Npf.

Japan kündigt das Fiotten-Abkommen

Tokio, 3. Dezember.

Das Kabinett ist am Montagmorgen im Ge­bäude des Parlaments zusammengetreten. Es wurde beschlossen, den Unterzeichnern des Flotten- vertrages von Washington, und zwar jedem ein­zelnen» bekanntzugeben, daßderBertragals beendet angesehen werde. Der Beschluß des Kabinetts wird nunmehr dem geheimen Staatsrat zugeleitet. Wie offiziös mitgeteilt wird, ist damit zu rechnen, daß der geheime Staatsrat ihn einstimmig billigt.

„Man muß mit Hitler sprechen"

Abgeordneter Montagnon über die Verständigung Paris, 3. Dezember.

Der ncusozialistische Abg. Montagnon, der schon am Sonnabend in der Kammer gegen die Ausführungen Franklin Bouillons Stellung genommen hatte, gewährte einem Vertreter des „Petit Journal" eine Unterredung, in der er aus die Notwendigkeit von deutsch-französischen Ver­handlungen hinwies.

Die deutsch-französische Entspannung sei augen­blicklich die wichtigste Aufgabe. Da sich die Pa­riser und die Berliner Diplomaten nicht verstün­den, sei das Eingreifen der ehemaligen Front­kämpfer vollkommen berechtigt.

Auf die Frage des Berichterstatters, ob der Führer es mit seinen Annäherungsbestrebungen denn auch ehrlich meine, erwiderte der Abgeord­nete, man brauche sich nur die Tatsachen vor Augen zu halten, um diese Frage im positiven Sinne beantworten zu können. Die National­sozialisten wünschten den Frieden, um das poli­tische, wirtschaftliche und soziale Regime weiter ausbauen zu können. Wenn man ihm vorhalte, datz der Führer den Frieden nur wünsche, weil er seine Stellung befestigen wolle, so antworte er da­rauf, die Hauptsache sei, datz er den Frieden wünsche. Es sei keine Zeit mehr zu verlieren. Man müsse mit Hitler sprechen. Ein wirtschaftlicher und militärischer „woäus viveoäi" könne gefunden werden.

Der Abgeordnete bezeichnete im weiteren Ver­lauf seiner Ausführungen die Haltung Süd- slawiens gegenüber Ungarn und Italien als ge­fährlich.

Bouillon bei Laval

Paris, 3. Dezember.

Außenminister Laval hatte am Montagvor­mittag eine längere Unterredung mit dem Abge­ordneten Franklin Bouillon, der, wie er­innerlich, während der außenpolitischen Aus­sprache in der Kammer eine eineinhalbstllndige Rede über die deutsch-französischen Beziehungen hielt. Ueber die Unterredung zwischen ihm und dem Außenminister ist zunächst nichts bekannt ge­worden.

Der erste Sowjetgesandte in Bukarest. Der erste Vertreter Sowjetrußlands in Rumänien, Ge­sandter Ostrowski, überreichte am Montag in feierlicher Audienz König Earol sein Beglaubi­gungsschreiben.

Erfolgreiche Arbeit des Dreier-Ausschusses in Rom

Einigung in der Saarfrage

900 Millionen Franken für die Abfindung aller Ansprüche des französischen Staates

äub. Rom, 3. Dezember.

Im Zusammenhang mit den Erörterungen des Dreier-Komitees des Völkerbundes sind nach mehrwöchigen Verhandlungen die wichtigsten ein­zelnen Fragen, die mit der Rückgliederung der Saar zusammenhängen, zwischen den betei­ligten Stellen — Dreier-Komitee mit Unter­stützung des Finanzkomitees des Völkerbundes, Vertreter der deutschen und Vertreter der fran­zösischen Regierung — am Montag in Rom ge­regelt worden. Die vereinbarten Bestimmungen werden am 3. ds. Mts. dem Völkerbundsrat zur Beschlußfassung unterbreitet werden.

Amtlich wird mitgeteilt: Der Dreier-Ausschuß hat Montag morgen seine letzte Sitzung in Rom abgehalten, der der französische und der deutsche Botschafter beiwohnten. Der Präsident stellte im Namen des Ausschusses fest, daß zwischen der fran­zösischen und der deutschen Regierung eine Eini­gung in allen Fragen erzielt werden konnte, die dem Ausschuß zur Prüfung vorlagen. Das Abkommen wurde für die französische und deutsche Regierung von den beiden Botschaftern und den beiderseitigen Vertretern unterzeichnet. Am Dienstag wird der Dreier-Ausschuß in Gens zusammentreten, um den Bericht zu verfassen, der dem für den 5. Dezember einberufenen Völker­bundsrat vorzulegen ist. Baron Aloisi dankte, indem er die Arbeiten in Rom schloß, im Namen des Ausschusses den französischen und deutschen Vertretern und Sachverständigen und insbeson­dere dem finanziellen Unterausschuß des Völker­bundes für die tatkräftige Mitarbeit.

Ueber Einzelheiten der getroffenen Verein­barungen in der Saarfrage erfahren wir folgendes:

Für die Abfindung aller Ansprüche des französi­schen Staates (Saargrube», Eisenbahnen, Grenz- bahnhöfe usw.) zahlt Deutschland eine Pauschal­summe von 150 Mill. RM. in französischen Fran­ken (900 Millionen Franken).

Außerdem wird Frankreich die zinsfreie Aus­beute der Warndtgruben, die aus Schächten er­folgt, die auf französischem Gebiet liegen, zuge­standen. Die Ausbeutung wird auf fünf Jahre beschränkt und darf eine bestimmte Förderungs­menge (durchschnittlich 2,2 Millionen Tonnen) nicht überschreiten.

Vorkehrungen sind getroffen worden, um zu verhindern, daß durch die Barzahlung der Pau­schalsumme eine Verschlechterung der deutschen Devisenlage eintritt.

Was den politischen Teil der Abmachun­gen betrifft, so handelt es sich in erster Linie um die Earantiefrage, und zwar sollen die Garantien, wie sie im Ratsbeschluß vom 4. Juni für die Stimmberechtigten vorgesehen sind, zu im wesentlichen gleichen Bedingungen auch auf die Nichtstimmberechtigten ausgedehnt werden, soweit sie am Tage der Abstimmung drei Jahre im Saargebiet ansässig sind. Außerdem ist vorge­sehen worden, datz Bewohner des Saargebietes während der Dauer eines Jahres aus dem Saargebiet abwandern können. Diese Bestimmung greift aber in keiner Weise der

deutschen Gesetzgebung auf dem Gebiete der Staatsangehörigkeit vor.

Schließlich fand ein Notenwechsel über die Handhabung der Sozialversicherung nach der Rückgliederung zu Deutschland statt.

Die Einigung in der Saarfrage, auf deren wirtschaftlich-technische Seite wir noch zu­rückkommen, ist vom deutschen Standpunkt aus und im Interesse der Befriedung. Euro­pas lebhaft zu begrüßen. Wieder einmal haben die Berufshetzer, die im Auftrage der Rüstungsgewinnler gerade die Eaarfrage so gern zum offenen Konflikt zuspitzen wollten, eine Niederlage erlitten. Es hat sich gezeigt, daß bei gegenseitigem Vertrauen auch die Lösung größerer Schwierigkeiten mit Erfolg in Angriff genommen werden kann. Wir möchten der Hoffnung Ausdruck geben, daß das Verhältnis zwischen Deutschland und Frankreich durch den Abschluß der Saar- Vereinbarung auch in allgerne in- politischer Hinsicht eine Entspannung erfährt.

Noch vor drei Wochen wäre es unmöglich gewesen, datz Frankreich ein Abkommen auf der skizzierten Grundlage mit Deutschland abgeschlossen hätte. Für jeden denkenden Men chen unterliegt es keinem Zweifel mehr, daß Frankreich es vorgezogen hat, vor der Entscheidung der Saarbevölkerung für Deutschland bereits ein Uebereinkommen über die technischen» sozialen und wirtschaft­lichen Probleme der Rückgliederung zu erreichen.

Deutschenhasser Bruvelaitis beauftragt

Unerhörte Herausforderung durch den Gouverneur des Memelgebietes

Memel, 3. Dezember.

Der Gouverneur des Memelgebietes hat am Sonntag Kn Vorsitzenden der litauischen Land­tagsfraktion und Führer der litauischen Schiitzsn- und Jugendverbände im Memelgebiet Vruve- laitis, mit der Bildung des neuen Direktoriums beauftragt. Die Ernennung von Bruvelaitis be­deutet eine neue Herausforderung der Memsl- länder, denn es ist bekannt, datz er einer der stärksten Hetzer gegen das memelländische Deutsch­tum ist. Die Litauer haben damit einen wesent­lich verschärften Kurs gegen das memelländische Deutschtum eingeschlagen.

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Zu dem Rücktritt des Direktoriums Reisgys wurde am Montag eine Erklärunhg veröffentlicht, in der es u. a. heißt, das Direktorium halte es im Hinblick darauf, daß der Landtag des Memel­gebietes am 27. Juli 1934 nicht zur Entgegen­nahme der Erklärung zusammengetreten ist und auch am 6. September nicht zusammentreten konnte, um die notwendigen Maßnahmen zur Re­

gelung der öffentlichen Finanzen für das Memel­gebiet zu erlassen, für notwendig, einen Ausweg zu suchen. Wenn auch der Landtag seinem Direk­torium nicht das Mißtrauen ausgesprochen habe, obwohl er das jeden Tag hätte tun können, halt« Reisgys es bei der gegenwärtigen Lage für das beste, sein Amt zur Verfügung zu stellen.

Damit geht Reisgys an den Tatsachen völlig vorbei. Bekanntlich war der Landtag dadurch beschlußunfähig, weil die Litauer ihre eigenen Abgeordneten veranlaßt hatten, der Sitzung'fernzubleiben und einen Teil der memel- ländifchen Abgeordneten verhafteten bzw. an der Reise nach Memel hinderten. Außerdem hat Reisgys eine Finanzwirtschaft getrieben, die die Lage des Memelgebiets in wenigen Mo­naten zu einer Katastrophe führen mutzte. Nicht weniger als 60 Beamte sind mit halbem Ge­halt entlassen und dafür 60 neue- eingestellt wor­den, zahlreiche andere Beaiyte, die fristlos ent­lassen und durch neue ersetzt wurden, konnte ihre Ansprüche bei den memelländischen Gerichten mit

Erfolg verfechten, so daß dadurch dem Gebiet neue gewaltige Ausgaben entstanden sind. Die Lage der memelländischen Wirtschaft und vor allem der Landwirtschaft hat sich durch diese Finanzpolitik wesentlich verschlimmert, zumal es nicht gelungen ist, Absatzmärkte für die memel­ländischen und litauischen Erzeugnisse im Ausland zu finden.

Konferenz der Kirchenführer

Berlin, 3. Dezember.

Die Deutsche Evangelische Kirche, Kirchenamt- liche Pressestelle, teilt mit: Die Landeskirchen- führer waren vom Reichsbischof zu einer Tagung zusammenberufen worden, um Vorschläge für die Berufung der theologischen Mitglieder im Eeist- lichen-Ministerium der Deutschen Evangelischen Kirche zu machen. Der Reichsbischof wird die Er­nennung der Mitglieder des Eeistlichen-Ministe- riums demnächst vornehmen und das Ministerium in Kürze zu einer Sitzung einberufen.

Und nun die Vrautwitwe?

Wie Wfttehen meine Erzählungen? / Eine Plauderei von Hertha Fricke

Mir wsyK die Frage gestellt, wie meine „Braut­witwe von Söderby" entstanden sei und was mich veranlaßt habe, diese Geschichte zu schreiben. Da kommt mir selbst eine Frage: Wie entstehen meine Erzählungen überhaupt?

Ich erinnere mich einer freundlichen Prinzessin kn Kiel, die mich gelegentlich eines Novellen- bandes, den ich während des Krieges für die ge­fangenen Schleswig-Holsteiner herausgab, einmal fragte: Was brauchen Sie wohl, um Ihre hübschen Geschichten zu schreiben?

Damals war ich jung, froh und sorglos genug, zu antworten: „Dazu brauche ich Papier, Tinte, Feder, ein Stündchen Zeit, Königlich« Hoheit!"

Bei den Romanen ist es heute anders. Zwar behaupten manche Kollegen, es sei ganz gleich­gültig, was man schreibt, wenn es nur unter­hält! — Nein, dies ist durchaus nicht gleich­gültig! — Wir, die wir das Talent haben, Dinge und Schicksale, Gedanken und Erlebnisse in Worte zu kleiden, wir haben eine Verantwortung. Wir sollen nur solche Schicksale erzählen und solche Gedanken aussprechen, die es wert sind und wir sollen sie so erzählen, daß die Menschen Freude und Gewinn davon haben. Sie sollen Wegweiser sein können oder ein kleiner Trost.

Manches Menschenschicksal läßt uns aufhorchen und aufmerken. Dann kommt mir leicht der Ge­danke: Wir würdest du handeln an Stelle dieser Frau, dieses Mädchens? — So kommen die meisten meiner Geschichten zur Welt. Einfach als Problem, das sich dann löst und gestaltet.

Ein Dichter hat kein Geheimnis vor den Men­schen, weder in seinem Charakter noch in seinem Herum. Was er sinnt und was er denkt, was er erleb» ",,d was ihn beglückt, was er liebt und was er verachtet, es steht geschrieben in den

Zeilen seines Manuskriptes. Wer echt ist, kann nicht anders! — Dichter sein, heißt den Mut haben, der ganzen Welt die Moral seines Herzens zu zeigen.

Und nun die „Vrautwitwe"! — Ich wanderte eines Sommertages am Nordseestrand, die Sonne schien hell auf das Wattenmeer, da begegnete mir eine hochgewachsene Friesin in ihrer schönen Tracht. Sie war nicht mehr jung, ihr Gesicht zeigte schon die Runen der späten Jahre, und graues Haar sah unter dem seidenen Fransentuch hervor. Aber ihre Augen waren von einer solchen Klarheit, Reinheit und Güte, daß sie tiefen Ein­druck auf mich machte, und ich fragte nach ihr. Da erfuhr ich, sie sei die Frau des Strandvogtes, eine der vier Lotsentöchter, die einst die schönsten Mädchen im Kreis gewesen seien. Man nannte sie noch heute die „Vrautwitwe". Denn an ihrem ersten Hochzeitstage war eine fremde Kuff ge­strandet, und der Bräutigam, der wie ein rechter Kerl von dem Hochzeitsessen weg mit dem Braut­vater zur Rettung geeilt sei, der war nicht wieder gekommen. Auch der Vater der Braut habe sich in dieser grausigen kalten Sturmnacht so über­anstrengt, daß er bald darauf gestorben sei. Die vier Lotsentöchter hätten erst einige Jahre allein ! in dem schönen alten Hause gelebt. Dann habe ! eine nach der anderen geheiratet. Ganz zuletzt habe auch die „Brautwitwe" sich für eine neue Ehe entschlossen und den Strandvogt geheiratet. Der sei eigentlich ein studierter Mann, und er habe die halbe Welt befahren, aber sein Amt hielte er sehr hoch.

Ich versuchte die „Brautwitwe" kennenzu­lernen. Sie war verwundert, aber gütig und freundlich, und sie lud mich zu einer Tasse Tee em und zu selbstgebackenem Vutterkuchen. Sie er­

zählte aber wenig von sich. Ich sah Bilder in kleinen schwarzen ovalen Rahmen über der blanken Kommode hängen, und ich erfuhr, datz das ihre Schwestern mit ihren Männern und Kindern wären. Es waren lauter schöne und gute Gesichter, die man lieb.Haben mutz. Aber am meisten fesselte mich das Gesicht der einstigen „Brautwitwe" und ihr schweres Schicksal, von dem sie so wenig sprach. Um so mehr beschäftigen sich meine Gedanken mit ihr und spannen um sie das Werk, das vor mir liegt, „Die Vrautwitwe von Söderby".-

Möge es meiner treuen Lesergemeinde so viel Freude mache« wie meine früheren Romane. Ich grüße alle die, die meine Geschichten lieben.

Ill'i'IIm k'i'U-b«!

MWUW

Die Änsel, die

Inmitten der Bucht von Riga, oben im bal­tischen Meer, liegt ein kleines Jnselchen. Als ob /die Zeit es auf ihrem Gang in die Ewigkeit ver­loren hätte, liegt das Jnselchen da. Stürme jeg­licher Art sind über das kleine Eiland dahinge- braust. — Stsirme der Weltgeschichte und Stürme, die auf die großen, grauen Wellen dahergeritten kamen und das Jnselchen zu verschlingen drohten.

Herren vieler Länder haben (auf dem Papier zumindest) die Hand auf die kleine Insel gelegt. Die Fahnen Schwedens und Rußlands haben über ihr geweht, und jetzt ist es die blau-weiß- schwarze der jungen Esten, die über ihr gehißt ist.

Die Insel Runö aber weiß von alledem kaum etwas. Es ist, als ob die große Uhr der Ewig­keit auf ihr stehen geblieben sei, als die Zeit sie einst verlor.

Noch heute tragen die Leute dort die Trachten jener längst verschollenen Zeit und folgen den ur­alten Gebräuchen. Wenn sie im Frühling Reval oder Riga ansegeln, um Seehundsfelle und Speck auf den Markt bringen, so gehen sie jedesmal wie staunende Kinder durch die Straßen, kaufen das.Allernötigste für das Jahr ein und segeln, ebenso unberührt wie sie gekommen, zurück in ihre ! meerumspülte, einsame Vergangenheit, j Die Männer tragen weiße Anzüge aus einem ! filzartigen Stoff. Ihre Röcke sind schwarz ein- l gefaßt und haben schwarze Knöpfe. Ihre Kopf- ' bedeckung ist ein hoher steifer Hut, in der Art ! der Biedermeierhüte. Die Frauen haben eng ge- fältete Häubchen auf dem bochgekämmten Haar, das die Verheirateten nicht sehen lassen dürfen, ^ bunte dreiecke Vusentücher und lange, eng i plissierte dunkle Friesröcke. Die Kinder gehen ! in derselben Tracht wie die Großen, was sehr ! xutzig aussieht. Wenn sie danken, heben sie die I Hand mit der offenen Fläche, wie eine Schale,

Äoo« unel Drama

Kann ich die Dichter aus dem Boden stsiypsen.

Wächst mir ein Drama aus der ossenelmHand.

(Sehr frei nach-Schiller.)

ll. 8. Die kürzliche Eröffnung der Fest­woche der Königsberger Oper aus Anlaß ihres 125jährigen Bestehens wie auch die wiederholten Kundgebungen führender Män­ner der Bewegung und des Staates beweisen immer erneut, welch ungeteiltes brennendes Interesse der nationalsozialistische Staat allen Kunst- und Kulturfragen, ganz beson­ders aber dem Theater zuwendet. Zeit und Anlaß genug, einmal grundsätzlich über die Beziehungen zwischen Staat und Drama zu sprechen.

Warum nicht Staat und Theater? Nun wir pflegen nicht am Aeußerlichen haften zu bleiben, wenn es uns aus den Kern an­kommt. Das Theater mit seinem Drum und Dran ist nur das äußerliche Gefüge, das um den Kern — das Drama in seinen verschiede­nen Erscheinungsformen — herum gewachsen ist. Wenn wir von Staat und Drama sprechen wollen, so meinen wir auch nicht die rein äußerlichen Beziehungen zwischen Staat und Theater. Der nationalsozialistische Staat wird selbstverständlich aus dem der national­sozialistischen Gedankenwelt gemäßen Totali­tätsanspruch heraus das Theater niemals wieder sich selbst überlassen; er wird es auch niemals zulassen, daß diese Bühne wie in der Vergangenheit dazu wieder mißbraucht wird, die seelisch-sittlichen Werte, die in Familie und Volk geschaffen und aufgebaut werden, in gewissenloser Weise auf den Bret­tern herunterzureißen. Das sind alles Macht­fragen, die keiner Erörterung mehr bedürfen und die Leute, die glauben, sie könnten hier noch ihr Süppchen kochen, sollen lieber gleich die Finger davon lassen. Nein, es gehü um nichts Geringeres als den Nachweis, daß der Staat die Voraussetzung für jedes wirkliche Drama schasst, daß das Drama zu seinem Dasein den Staat braucht!

Alles Tragische beruht aus der Unausgleich- barkeit von Wertgegensätzen. Die, künst­lerische Darstellung eines solchen Konfliktes ist das Drama. Es ist der Konflikt des werte- vertretenden Einzelmenschen mit einer höhe­ren Ordnung, oder anders ausgedrückt, zwi­schen privater und öffentlicher Sphäre. Tra­gisch wird der Konflikt dann, wenn er unlös­bar ist (denn der Tod ist keine Lösung). Der Staat schafft aber erst die Voraussetzung da­für: die öffentliche Sphäre, wenn er Träger einer solchen höheren Ordnung ist oder be­gründeten Anspruch hat, als Träger einer solchen höheren Wertordnung zu gelten. (Es würde zwar sehr wesentlich sein, aber hier zu weit führen, nachzuweisen, daß das große ewige Drama aller Zeiten stets an die Vor­aussetzung — Staat -- Wertträger höherer Ordnung — geknüpft ist, oder nur dann er­scheint, wenn ein solcher Staat, der diesen Geltungswillen hat, vorhanden ist. Statt dessen müssen wir uns vorbehalten, auf die­sen für das Drama lebenswichtigen Fragen­komplex später einmal ausführlicher zurück­zukommen, indem wir einstweilen nur aus das hochbedeutsame, schon 1932 erschienene Buch von Gustav Steinbömer: „Staat und Drama" (Verlag Junkers u. Dünnhaupt)

die Zeit verlor

ernst in die Höhe, wie zu einer sakramentalen Handlung.

Alle Häuser tragen das Hauszeichen des Eigen­tümers, das sich auch auf allem Hausrat wieder­holt. Die Giebel laufen in Schnitzereien aus, wie bei den Niederdeutschen.

Keinerlei Errungenschaften der Zivilisation haben Einlaß auf der Insel gefunden. Hinter einem dichten, dunklen Kiesernwalde, in dem es Sommers nach Harz und Moos duftet, liegt un­ter uralten Eschen das Dorf. Noch brennt das alte Herdfeuer in den Dielen der Hütten, in sei­nem Rauch dörren Wildenten und Seehundsfelle. Betten türmen sich, wie Schiffskojen, an der Wand der einzigen Stube, man steigt auf kleinen Holzleitern in sie hinauf. Draußen im Hof lebt in winzigen Ställen winziges Vieh, Kühe, nicht größer als Kälber.

Irgendwelche staatliche Institutionen sind unbe­kannt. Weder gibt es eine Polizei auf der Insel, noch ein Standesamt, noch ein Geschäft. Aber auch keinen Arzt, und keine Wehmutter. Eine Insulanerin, die einen Kurs über Geburtshilfe absolviert hatte, wurde mit Schimpf und Schande aus dem Dorf verjagt.

Der Pastor wird auf fünf Jahre gewählt. Sie holen ihn sich aus Schweden, denn sie sind dem Ursprung nach Schweden und sprechen ein Schwe­disch, das in den Chroniken des 16. Jahrhunderts zu finden ist. Der Pastor muß es jedesmal erst mühsam an Ort und Stelle erlernen. ,Da es keine Dienstbarkeit auf der Insel gibt, verpflich­tet sich jeder Hof, dem geistlichen Herrn einen Monat lang Dienst zu tun.

Alles, was die Hausfrau braucht, wird selbst hergestellt. Der Haupterwerb der Insulaner ist Seehundjagd und Fischfang. Von dem Ertrag muß gelebt werden. Geheiratet wird nur unter-