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das amtliche Organ -es Senats
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Nr. 332 / 4. Vierteljahr Sonnabend, i. Dezember
Einzelpreis 13 Rps.
Einreiseerschwerungen für das Gaargebiei
Knox' letzter Willkürakt
Lähmung des deutschen Grenzverkchrs / Frankreichs Grenze bleibt offen
Tag der nationalen Solidarität
Am 8, Dez. Sammelaktion für das WHW.
Berlin, 30. November.
Am Sonnabend, dem 8. Dezember 1834, findet tm ganze« Reich eine Sammlung für das Winter- hilfswerk statt, die unter Leitung des Neichspropa- gandaletters der NSDAP., Dr. Goebbels, steht. Die verantwortliche Leitung der Sammlung in den Gauen liegt bei den Gaupropagandaleitern bzw. bei den Landesstellenleitern, in den Kreisen Lei den Kreispropagandaleitern und in den Ortsgruppen bei den Ortsgruppenpropagandaleitern.
An der Sammelaktion beteiligen sich sämtliche höhere Beamte und Angestellte des Reichsministeriums für Volksaufklärnng und Propaganda und der Landesstellen sowie der dem Reichsministerium und den Landesstellen unterstehenden Behörden und öffentlichen Einrichtungen der Reichskulturkammer, Sieichsrundfunkgesellschaft, Werberat der deutschen Wirtschaft, Hochschule für Politik, Philharmonisches Orchester, Theater, Filmprüfstelle, Reichsausschutz für Fremdenverkehr. Ebenso beteiligen sich alle Eaupropagandaleiter mit ihren Mitarbeitern sowie in den Kreisen und Ortsgruppen der NSDAP. die Propagandaleiter und sämtliche in den Gauen befindlichen Redner. Autzerdem werden sich die führenden Persönlichkeiten der Partei und ihrer Untergliederungen für die Sammelaktion einsetzen. Der Chef des Stabes der SA., der Reichssührer SS. und der Reichs- jugendfllhrer haben einen entsprechenden Befehl an die ihnen unterstellten Gliederungen erlassen.
Gesammelt wird von 18 bis 1SL8 Uhr auf den Straßen und anschließend in den Gaststätten, Theatern, Kinos usw. Zeder Sammler erhält eine Sammelbüchse der NSV. mit der Aufschrist „Tag der nationalen Solidarität".
Aus Vorschlag des Reichsmiiiisteiiums für Volksausklärung und Propaganda werden an diesem Tage die hohe Beamtenschaft des Reiches vom Minister bis zum Regierungsrat, die Führer der Partei, der SA., SS., HJ., die Künstler von Bühne und Film, die Kapellmeister und Musiker, die Mitarbeiter und Mitwirkenden des Rundfunks und die Schriftleiter der deutschen Zeitungen mit der Büchse für das Winterhilfswerk sammeln.
Durch diesen Einsatz von Menschen, die weithin in der Öffentlichkeit bekannt sind, soll gezeigt werden, datz in Deutschland keiner zu schade ist, für die hungernden und frierenden Volksgenossen einzuspringen. „Am Sammeln ist noch keiner gestorben, uzohl aber viele schon vor Hunger!" — sagte Reichsminister Dr. Goebbels vor kurzem in einer öffentlichen Kundgebung. Am 8. Dezember wird das Wort sich bewahrheiten, daß keiner, möge er höchsten Rang und Namen tragen, sich ausschließen kann, wenn die Gesinnung unter Beweis gestellt wird.
Von Ribbenlrop ln Vans
Paris, 38. November.
Havas meldet: Herr von Ribbentrop ist heute vormittag um 18.38 Uhr auf dem Pariser Nordbahnhof ans Berlin kommend in Begleitung seiner Frau eingetroffen.
Der Besuch Herrn von Ribbentrops in Paris ist rein privater Natur. Herr von Ribbentrop wiyd am 1. Dezember wieder in Berlin sein-
Saarbrücken, 38. November.
Zm Einvernehmen mit der Abstimmungskommission hat die Regierungskommission eine Verordnung bekanntgegeben, die besonders einschneidende Einreiseerschwerungen für die Zeit vom 27. Dezember bis 28. Januar enthält. Mit Ausnahme der Saarländer und der Abstimmungsberechtigten bedürfen für diesen Zeitraum alle Personen zur Einreise ins Saargebiet einer besonderen Genehmigung, die von der Abteilung des Innern erteilt und jederzeit widerrufen werden kann.
Diese Einreisegenehmigung ist innerhalb vierundzwanzig Stunden nach der Einreise der Ortspolizeibehörde vorzulegen. Sie berechtigt zu wiederholter Einreise in das Saargebiet innerhalb des in dem Genehmigungsvermerk verzeichnete» Zeitraumes.
Personen, denen die Genehmigung zum vorübergehenden Aufenthalt im Saargebiet erteilt ist, müssen diese Genehmigung vor dem 27. Dezember erneuern. Die erneuerte Genehmigung berechtigt -sie zu wiederholter Eir»- und Ausreise. Die Ge-
Das „Petit Journal" hat im Hinblick auf die Montagsaussprach« in^der Kammer den Abgeordneten Goy gebeten, ihm Zweck und Ziel seiner Berliner Reise darzulegen. Eoy erklärte, er sei nicht in seiner Eigenschaft als Abgeordneter nach Berlin gegangen, sondern als ehemaliger Frontkämpfer. Welche Gefahr hätte für Frankreich dadurch entstehen können? Ein Regierungschef, der selbst ehemaliger Frontkämpfer sei, erkläre sich bereit, auf verschiedene an ihn gestellte Fragen zu antworten und man habe, wie man glauben dürfe, sehr präzise Fragen gestellt. Gegenüber diesem Regierungschef, der sich für Deutschland verbürgen könne, habe es keine entsprechende Persönlichkeit in Frankreich gegeben. Wenn man sich auf eine derartige Befragung ohne Gegenleistung einlasse, heiße das nicht klar den Wunsch bekunden, das Terrain von mehreren Mißverständnissen zu bereinigen, um zu Verhandlungen mit Deutschland zu kommen?
Auf die Frage, ob er an die Vorherrschaft der Friedenspartei in Deutschland glaube, erwiderte Eoy: Ich habe gegen den Dawes-Plan, gegen den Poung-Plan, gegen ' das Hoover-Moratorium, gegen die vorzeitige Rheinlandräumung gestimmt. Ich gehöre nicht zu denen, die Deutschland Opfer ohne Gegenleistung brachten. Ich hatte das Gefühl, datz es vergeblich sei, mit Männern zu verhandeln, die wirklich nicht die Herren Deutschlands waren.
bühr für die Einreisegenehmigung beträgt 28 Frank und kann in begründeten Fällen, besonders bei Bedürftigkeit der einreisenden Personen, falls ein dringlicher Anlaß zur Einreise vorliegt, erlassen werden. Für außerhalb des Saargebiets wohnhafte abstimmungsberechtigte Personen genügt zur Einreise der Abstimmungsausweis in Verbindung mit -em Einreisepaß. Die Polizeibehörden haben die erforderliche Kontrolle in der Eisenbahn und sonstigen Verkehrsmitteln, in Hotels und Gasthäusern und sonstigen derartigen llnterkunftsstätten vorzunehmen. Zuwiderhandlungen werden mit Geldstrafen bis zu 758 Franken oder mit entsprechender Hast bestraft.
Die neue Verordnung muß eine schwere Lähmung des Verkehrs des Saargebietes mit seinen Nachbarländern zur Folge haben. Es muß mit allem Ernst gefragt werden, ob es wirklich notwendig erscheint, bereits während des Weihnachtsfestes einen derartigen Ausnahme zu st and über das Saargebiet zu verhängen und ob überhaupt eine Abschnürung des Saargebietes
Heute aber haben wir es mit einer deutschen Regierung zu tun, die nicht Gefahr läuft, morgen durch den Sturz der parlamentarischen Mehrheit desavouiert zu werden.
Daher erkläre ich zu den Verhandlungsangeboten: Warumnicht? Welche Probleme stehen brennend zwischen uns? — Es gab den berüchtigten polnischen Korridor; man fürchtete, datz wir eines Tages zu wählen haben würden, entweder uns für Polen zu schlagen oder unseren Verbündeten im Stich zu lassen. Nun hat Hitler diese Frage mit Polen geregelt. Das Saargebiet? — In zwei Monaten wird die Angelegenheit liquidiert sein. — Es bleibt dabei also nur die Frage der deutschen Rüstungen. Deutschland rüstet und stellt dies nicht in Abrede. Aber gibt es außer der Eewaltlösung ein anderes Mittel als eine Aussprache, um Deutschland dahin zu bringen, die Notwendigkeit einer Begrenzung und späteren Herabsetzung seiner Rüstungen einzusehen?
Auf den Einwand, datz die Kleine Entente und Sowjetrutzland durch Verhandlungen Deutschlands mit Frankreich unruhig und entfremdet werden könnten, antwortete Eoy: Es handelt sich nicht darum, eine Entente gegen irgendein anderes Land zu schaffen, sondern darum, die Furcht vor einem deutsch-französischen Konflikt zu beseitigen und dadurch dazu beizutragen, die ganze europäische Atmosphäre zu ändern.
für eine so ausgedehnte Zeitspanne wirtschaftlich und psychologisch gerechtfertigt werden kann. Statt der für die Abstimmungszeit erhofften Beruhigung kann durch derartige rigorose Maßnahmen eine unnötige Verärgerung und vorzeitig eine aufgeregte Wahlstimmung erzeugt werden, die weder im Interesse der Bevölkerung noch der Abstimmungsbehörden liegen dürste.
Wenn die neue Verordnung, deren obenerwähnte Mangel unbedingt ihre Revi- dierung erforderlich erscheinen lassen» überhaupt innerhalb der Bevölkerung einen günstigen Erfolg erzielen und nicht als letzter Willkürakt gegen die natürliche Verbundenheit zwischen dem Saargebiet und seinem Heimatlande Deutschland aufgefaßt werden soll, so mutz erwartet werden» daß die neuen Maßnahmen mit gleicher Schärfe auch auf den Grenzverkehr mit Frankreich angewandt werden und datz das Erforderliche geschieht, um auch dort die notwendige, bisher völlig fehlende Ueberwachung sicherzustellen.
Die Antwort Eoys, ob die deutsch-französische Annäherung sich in einer RückkehrDeutsch- lands nach:Eenf auswirken werde, lautete: Die wünschenswerte Rückkehr Deutschlands nach Genf wird einer deutsch-französischen Aussprache nur folgen, aber nicht ihr vorangehen. 2m Völkerbund veröffentlicht man die zwischen den Nationen abgeschlossenen Abkommen, um jede Beunruhigung, die bei dritten Mächten, die an den Abkommen nicht beteiligt sind, aufkommen können, zu vermeiden, aber der Abschluß der Abkommen kann nicht in Genf erfolgen.
Eine weitere an Eoy gestellte Frage lautete: Ein unmittelbares Hindernis für die deutschfranzösische Verständigung ist die Saarabstimmung, die zu unangenehmen Zwischen- fällen führen könnte. Haben Sie ein Mittel gesucht, dieser Gefahr zu begegnen? Die Antwort lautete:
Ich glaube, datz eine Abordnung ehemaliger französischer und deutscher Frontkämpfer sich einige Tage vor der Saarabstimmung nach Saarbrücken begeben und während die der Abstimmung folgenden Wochen dort bleiben könnte. Sie wäre geeignet, durch ihre Anwesenheit den Willen beider Völker und die Abstimmungsficherheit zu gewährleisten. Angesichts einer solchen moralischen Beruhigung dürste« die erregten Elemente sich wohl hüten, einen Zwischenfall hervorzurufen.
Wille zur Leistung
Nationalsozialistische Wirtschaftspolitik
Vor einigen Tagen feierte das deutsche Volk den 175. Geburtstag Schillers, der den Freiheitsbegriff als höchste sittliche Vollendung erlebte. Diese sittliche Freiheit, aus innerem Zwang heraus das Gute tun zu wollen und zu müssen und bewußt sein Ich unterzuordnen unter die Lebensgesetze des ganzen Volkes, dieser Freiheitsbegriff ist fast so lange, wie der Geist Schillers dem deutschen Volke geschenkt wurde, mißhandelt worden. Denn die Freiheit wurde aufgefaßt als Recht, sich selbst eigene Gesetze des Handelns vorzuschreiben, gleichviel, ob diese Gesetze dem Volksganzen frommten oder nicht. Die Verheerungen aus allen Gebieten des politischen, kulturellen und wirtschaftlichen Lebens sind bekannt. Die vom Liberalismus verseuchten Völker erkrankten an Haupt und Gliedern, und die Volkswirtschaften versanken im Schlamm der Arbeitslosigkeit, Ueberproduktion und Verelendung des Bauerntums.
Der Gedanke, daß Angebot und Nachfrage die Preise einer Ware bestimmen und daß in dieser Tatsache auch der Erzeugungsregulator zu finden sei, beherrschte so stark das Denken der Gesamtheit, daß an diesen geheiligten Lehrsätzen früher auch in Deutschland niemartd zu rütteln wagte. Die Masse des Volkes ahnte infolge der bewußt falschen Erziehung gar nicht, daß sie sich auf falschen Wegen befand, und daß sie aus diese Ver- nebelung der Hirne und damit des Willens den Zusammenbrach der Wirtschaft zurückführen müssen. Die dünne, aber durch den Besitz der staatlichen Machtmittel und vor allem des Geldes — was war mit Geld eigentlich nicht zu kaufen? — mächtige Schicht der weltanschaulich und finanziell internatipnA, eipMllrlüen .Börsen- und WirtschaftsKapilake mißbrauchte aus Selbstsucht bewußt ihre Macht und ahnte gar nicht, daß das liberalistische Ideal der Arbeitsteilung und Erzeugungsregulierung von ihnen selbst zu Tode gehetzt wurde. Wirklichkeiten, Naturgesetze und Lebenswille eines Volkes sind stärker als Wunschbilder, die sich auf Selbstsucht einzelner aufbauen.
Wer hat heute noch den Mut, zu behaupten, daß es möglich sei, in einer Zeit der wirtschaftlichen Dauerweltkrise den internationalen Güteraustausch zu pflegen wie zu Zeiten der ansteigenden Weltwirtschasts- konjunktur? Der jetzt in Deutschland oer Vergangenheit angehörende Standpunkt eines Teiles der Industrie, Rohstoffe vom Ausland zu beziehen, diese Rohstoffe zu veredeln und sie dann dem Ausland wieder zurückzulegen — dadurch also das freie Spiel der internationalen Wirtschaftskräfte zu einem wirtschaftspolitisch-sittlichen Ideal zu entwickeln —, mutzte abgelöst werden durch die Wirtschaftspolitik des Nationalsozialismus. Denn nur die Befriedigung der Volksbedürfnisse aus eigener Kraft schafft Sicherheit und Ordnung im eigenen Hause, oder, wie es Staatssekretär Backe vor dem Reichsbauernthing in Goslar in vollendeter logischer Schlüssigkeit nachwies: „An die Stelle des zufälligen kapitalistischen Machtgeschehens muß die bewußte national-
„Adolf Hitler bürgt für Deutschland"
Abgeordneter Goy über die Bedeutung deutsch-französischer Verhandlungen
Paris, 38. November.
Magische Kräfte zwischen Mensch und M
Fn Stein verwandelt — unter Sterne versetzt / Don Wilhelm Wische
Ich kenne kein neueres Denkmal, das einen großen Menschen so elementar wieder zn einem Stück Natur machte, wie Lederers Bismarck in Hamburg. Ein nur eben noch zum Erkennen äußerlich vergeistigter Fels, der über dem Getriebe nachts einsam zu den Gestirnen ragt. In solcher Stunde glaubt man vor ihm zu begreifen, was die Völkersage gemeint hat, wenn sie uralte Helden zuletzt Stein werden ließ oder unter die Sterne versetzte.
Wir beginnen ja heute solche Sagen wieder tiefer zu sehen. Natürlich hat auch das Versteinern seine' hausbackene Seite: unsern Körper tragen Steinknochen, im Alter verkalkt er immer mehr, im Tode verweht er ganz zu Staub. Unser Antlitz versteint scheinbar im Schreck, was für gewisse Tiere geradezu ein Schutzmittel zum Eichtotstellen geworden ist. llnd auch das hat die Sage: ihr versteinerndes Medusenhaupt ist auch ihr eine Waffe, und Niobe wird im ungeheuren Schmerz über ihre toten Kinder leibhaftig zum Fels. Aber schon hier mischt sich ein vertiefter Zug ein: der Fels weint auch im Tode weiter. In Wahrheit ist für den Volksglauben der Stein nie ganz tot. Er hat sein eigenes Geheii.ileben noch stärker als unseres. In ihm sproßt der Erzbaum, erblühen die bunten Kristalle. Ehemals glaubte man sogar, die urweltlichen Abdrücke erwüchsen darin wie Eisblumen unserer Fenster.
Steine verändern selbständig den Ort — noch heute erzählt es das Volk von einem Block in einer der Schneegruben des Riesengebirges. Steine hatten Gesichter, die magisch auf uns wirkten. Von diesem Eindruck her hör der Steinkult sich durch alle Naturvölker rcrti-niet. Ausrechte Steine wer
den verehrt, gefürchtet, gesalbt. Auch durch unsere ganze nordische Geschichte ragen die Menhirs so, die heiligen Steinsäulen. Von der Osterinsel glotzen die Steingötter unbekannter Herkunft übers blaue Meer. Mancherlei spielte dabei noch mit ein. Der Stein war das älteste Kulturwerkzeug und als solches heilig und vergeistigt. Steine mit Menschenprofil unterlagen dem Glauben än die Zaubermacht, die jedem Kunstbild innewohnte. Kein Wunder, daß in diesen Steinkult auch die Heldensage geriet. Nach der Sintflut wurden dem Deukalion Steine zu neuen Menschen. Der große Stammesheros lebt fort im Stein. In unnahbarer Höhle fitzt dieser versteckte Held und wartet der Notstände seines Volks. Theseus kämpft neu bei Marathon mit, zum Kyffhäuser blickt der Deutsche. Und solche Stecke sielen auch vom Himmel, wie der schwarze der Kaaba, der im Sturz geleuchtet haben soll, wohl sicher als-cin Meteorit.
Und die gleich magische Beseelung hat den Sternenhimmel durchgeistigt. Auch dort waren Seelen, Götter, Menschenaugen. Und in ihre Wunder wurden wie Tier-, so auch Menschengestalten hineingesehen. Wobei wieder nahe genug lag, daß es der große Sagenheld war, der droben fortlebte. Noch in unserer Astronomie sind die Sternbilder aus solchen babylonischen und lfomerischen Ur- tagen erhalten. Im Schiff Argo und dem Drachen waichert der Argonautenzug, der älter als Homer ist. Der ungeheure Jäger Orion, der über Meer wie Land schreitend und Riesenbauten türmend uns noch anmutet wie ein geologischer Vormensch, jagt so am Firmament weiter. Aber auch die sanften Plejadenmädchen, die er scheuchte, sind versteint. Kastor und Pollux leben oben wegen ihrer
Bruderliebe, die Jungfrau ist dahin gerettet, die im goldenen Zeitalter prangte und das eherne nicht ertrug. Plincks wußte noch, daß selbst Jupiter und Merkur einst große Menschen waren.
Aber fern in Australien träumt der Schwarze von der Milchstraße als dem Silberrauch von Hütten, wo seine seligen Ahnen Suppe kochen. Uno gleiche Magie wie am Stein haftet an diesen Sternenmenschen. Große Männer wie Cäsar oder Wallenstein werden auch hier unten davon gelenkt. Was banal wird als Alltags-Astrologie, bleibt groß, wo es — mit Goethes Wort zu Schiller — beruht auf dem „Gefühl eines ungeheuren Weltganzen". Auch zu den Sternen geht die Kultur- hoffnung: als Christus naht, wird eine besondere Planetenkonstellation bedeutsam, und auch er steigt, nachdem er sein Werk getan, wieder als Stern diesen Sternen zu. —
Ist nun unsere Naturforschung all dem heute ganz fern geworden? Unter dem steinernen Bismarck rin Sternenschein möchte ich es nicht so völlig verreden. Wohl ist unsere Fachastronomie in dem Punkt wirklich entgeistigt. Aber. Hand aufs Herz, geht nicht durch uns heute wieder ein Ahnen, datz die ganze Natur eigentlich durchseelt sei, weil es gar keinen letzten Gegensatz von Geist und Körper gibt? Und haben nicht auch wir im Stein neuerlich als radioaktive Entwicklung tiefste Eigenvorgänge, sehr wohl vergleichbar einem geheimen Leben, feststellen müßen? Vorgänge, die ebenfalls wunderbare Fernwirkungen üben? Alpha-, Beta-, Eamma-Strahlen nennen wir es bloß, dunkles Licht, das durch Wände geht. Heliumströme aus fließend, wo der Naturmensch von Magie sprach. Strahlen, die auch auf Menschen wirken können, auf die einzelnen vielleicht verschieden, wie bei der Wünschelrute? Die vielleicht auf jener fernen Jugendstufe der Menschheit noch von allen weit stärker empfunden worden wären? Und auch unsere Sterne — hören wir nicht täglich eindringlicher, mit jeoer Höhenstation, jedem EtratosphSrenflug
mehr von märchenhaften kosmischen All-Strahlen neben dem einfachen Licht?
Die Sonne entsendet so Kathodenstrahlen von 28 Millionen Meilen Länge, die unsere Polarlichter erzeugen/Aber auch von allen Fixsternen und Nebelflecken scheinen noch andere zu kommen. Wenn auch — ich will einmal träumen — von den Planeten aus ihrer Stoffmasse neben dem bloß re- flektierten Sonnenlicht noch Besonderes derart käme, von jedem individuell verschieden und vielleicht auch persönlich so auf Einzelmenschen bei uns wirken? Vielleicht sehen wir da drüben sogar manches von solchen Strahlen, ohne es bisher zu wissen. Vielleicht sind die hellen Lichtstreifen im
Vollmond etwas derart, die wie geisterhaft wesenlos über dem wilden Relief dort zu schweben scheinen — ich habe es öfter gedacht in einsamer Fernrohrstunde. Ob nicht, was wir für Kanäle hielten, etwas Aehnliches sein könnte auf dem Mars? Wie seltsam würde unsere Erde selbst von fern aussehen, wenn die unendlichen Wellennetze unserer Sender kosmischen Augen sichtbar würden?
Erzeugt aber gar wirkliche Intelligenz auch auf andern Sternen solche Strahlen, die ungesehen in jeder Zaubernacht bis zu uns rinnen und hier in unsere eigene Intelligenz wirken könnten? Unter Bismarck träumt sich's gut — aber sind es wirklich nur Träume?
Rudolf von Lichthai
Der rätselhafte Besuch am Abend
Kein Erlebnis meiner Kindheit hat auf mich einen so tiefen und nachhaltigen Eindruck gemacht wie das folgende, das sich zutrug, als ich eck Knabe von acht Jahren war.
Zum erstenmal im Leben stand ich damals vor einem ganz und gar unfaßbaren Ereignis, zum erstenmal dämmerte in der nachdenklichen Knabenseele die Ahnung auf, datz es in diesem Leben Dinge gibt, die mit dem Menschenverstand absolut nicht zu fassen sind.
Mein Vater, ein alter pensionierter Offizier, besaß zu jener Zeit in einer kleinen nordmäh- rischen Provinzstadt eck weitläufiges altes Haus, das wir — meine Eltern, meine Geschwister und ich — allein bewohnten.
Von der Familie meines Vaters lebte zu jener Zeit nur noch eine Schwester, an der er mit außerordentlicher Liebe hing. Kein Tag verging, ohne daß er der Sehnsucht nach seiner lieben Fanny, die als einsame.Witwe in Krakau lebte,
lauten Ausdruck gab, und auch die Briefe der Entfernten erschöpften sich in Ausdrücken der zärtlichsten Liebe für den schon viele Jahre nicht mehr gesehenen einzigen Bruder. „Mein lieber, lieber Louis," schlössen sie jedesmal, „meine Sehnsucht nach Dir ist grenzenlos, und was auch geschehe, ich muß und werde Dich vor meinem Tod noch einmal wiedersehen. Es ist der einzige Wunsch, den ich auf Erden noch habe. und der liebe Gott wird ihn mir sicher erfüllen."
Aber wie das schon so ist: die Entfernung war für damalige Begriffe ziemlich groß, das Reisen umständlich und kostspielig, kurz — die Erfüllung dieses Wunsches verzögerte sich von Jahr zu Jahr.
Eines Winterabends — Mutter mit den älteren Geschwistern war im Theater — befand ich mich mit Vater ganz allein Än Wohnzimmer. Es war das ein sehr großes/TMggesttecktes Gemach, in dessen einer Ecke sich sMDingängstüre befand, während wir, Vater rm!^ ich, in der diagonal