Ausgabe 
(29.12.1934) Nr. 359
Seite
1
 
Einzelbild herunterladen

ü 1VM «»I» MUM 1i I IM

Üas amUiche vraan -es Sen<^ -er Sreien Lanfesta-1 vremen

>7>,--.-'

WM

^ >

Monats-Bczug: RM. 2,Z0 ein" tm.

Bei

täglichem Erscheinen RM. Ueberweisungsgebühr,

19 3 4

Anzeigen - Grundpreise: Die 22-mw.Zeile im Anzeigenteil 12 Rps., die 70. mw. Zeile tm Tertteil 7b Rps. Ermäßigte Grundpreise (für kleine Anzeigen, Familienanzeigen u. a.» sowie sonstige Bedingungen Wut Preisliste l. (Nachlaßstasiei 0.) Für Anzeigen durch Fernsprecher keine Gewähr. Annahmeschluß 1S Uhr. Sprechzeit des Verlages werktäglich von 12—13 Uhr. der Schriftleitung werktäglich von 16—17 Uhr.

Nr. 359 / 4. Vierteljahr

Sonnabend, 2 y. Dezember

Einzelpreis is Rpf.

Für Verständigung zwischen Berlin und London

„Deutschland ist das neue Sparta"

Rothermere bewundert den Aufschwung des Dritten Reiches

London, 28. Dezember.

Daily Mail" veröffentlicht einen aus Mün­chen übersandten Weihnachtsaufsatz ihres Besitzers Lord Rothermere, in dem dieser den tiefen Ein­druck, den er offenbar von dem neuen Deutsch­land und seinem Führer empfangen hat, in be­redten Worten schildert. Er sagt u. a., Wunder werden vom Glauben gewirkt. Die Deutschen haben einen neuen und starken Glauben gefun­den. Dieser Glaube hat das Wunder zustande- gebracht, die Berge von Schwierigkeiten zu ver­setzen, die den Weg zur nationalen Genesung versperrten. Aber er hat noch mehr zustande- gebrachtz Er hat Deutschland eine neue Seele gegeben. Die letzten zwei Jahre haben hier einen politischen Prozeß begleitet, der so tief und so weitreichend in seinen Wirkungen ist, wie die große französische Revolution. Ein solcher Wechsel in der Wesensart eines Volkes, in seinen inneren Verhältnissen, in seiner inter­nationalen Stellung und sogar in dem einfachen Auftreten der" einzelnen ist niemals zuvor in der Geschichte in so kurzer Zeit vollbracht worden. Deutschland ist das neue Sparta. Der gleiche Geist nationaler Disziplin und Selbstauf­opferung, der ein paar tausend Einwohnern einer kleinen griechischen Stadt einen dauernden Platz in der Geschichte erwarb, wird hier von 67 Millionen Menschen von neuem bewährt, die in mancher Beziehung das intelligenteste, fleißigste, edelste und abgehärteste Volk der Welt find. Wenn eine ganze Generation unter dem national­sozialistischen System groß geworden sein wird, wird Deutschland eine Nation von einer Art llebermenschen sein.

Welcher Zauber hat die deutschen Herzen wieder mit Hoffnung erfüllt, deutschen Augen den Glanz des Mutes und Selbstvertrauens gegeben und

diese mächtige Nation begeistert, so daß man sich in ihrer Mitte wie in einem riesigen Kraftwerk fühlt? Die Antwort lautet: Hitler. Ohne Hitler wär« nichts von alldem geschehen. Während der vergangenen Woche habe ich mehrfach Gele­genheit gehabt, mit diesem einzigartigen Führer seiner Landsleute zu sprechen und ihm zuzuhören. Es liegt etwas in Hitlers Persönlichkeit, was sich dem Geist sofort und unauslöschlich einprägt. Seine Augen haben eine bemerkenswerte magnetische Kraft. Seine tiefe Stimme ist eindrucksvoll und überzeugend. Aber hinter dem äußeren Bilde eines Mannes, der sich bereits in der modernen Ge­schichte Europas so entschieden eingezeichnet hat, spürt man die Kraft seiner Ueberzeugung, daß er eine ihm von Schicksal gestellte Aufgabe erfüllt: Deutschland wieder auf seine Füße zu stellen. Hitlers strengster Kritiker wird schwerlich leugnen, daß er bei diesem Werk bereits ein sehr großes Maß an Erfolg erzielt hat.

Das geeinte selbstvertrauende Deutschland vom Jahre 1935 läßt sich mit dem zerrütteten, unglück­lichen Deutschland, das er bei der Machtüber­nahme im Januar 1833 vorfand, ebenso wenig ver­gleichen wie ein aufsteigender Adler mit der zer­brochenen Eierschale, aus der er hervorging.

Begreifen wir Engländer, was diese Genesung bedeutet, oder ist unser Urteil noch immer ge­trübt von den ZerrÄldern aus Vorurteil und Propaganda? Beinahe alle Nachrichten über das nationalsozialistische Regime, die sogar in unseren verantwortlichen Zeitungen veröffentlicht werden, sind Unsinn. Sie haben z. B. den Eindruck er­weckt, als ob die Juden in Deutschland beinahe das Leben gehetzter Tiere führen. Aber in deut­schen Hotels und Gaststätten hab« ich oft fröhliche

und festlich gestimmte Gesellschaften von deutschen Juden gesehen, die kein Merkmal der Unsicherheit oder des Leidens zeigten.

Ich halte das heutige Deutschland nicht nur hinsichtlich seiner Möglichkeiten, sondern auch tat­sächlich für die stärkste Macht des europäische« Festlandes. Denn was an materieller Aufrüstung mangeln mag — und dies dürfte nur wenig sein — wird mehr als ausgeglichen durch den groß­artigen Geist der Nation und ihr »ngemeines Vertrauen zu ihrem Führer.

Wir haben keinen Grund zum Streit mit diesem Volke. Wen» erst einmal einige der schlimmsten Ungerechtigkeiten der Friedensregelung beseitigt sein werden, wird es keinen Grund mehr geben, weshalb Europa nicht auf Jahre hinaus in vollem Frieden lebe» sollte. Wir und die Deutschen find blutsverwandt, wie Herr Hitler einmal zu mir sagte. Unsere Nationen haben einander nur ein­mal bekämpft, während sie in vielen Feldzügen treue Verbündete waren. Wenn Deutschland und Großbritannien nach einer Entfremdung von mehr als 28 Jahren wieder zusammenkommen könnten, würde sich für beide eine neue Aera der Wohlfahrt eröffnen. Es wird niemals eine bessere Gelegen­heit geben als jetzt, da alle Kraft und Energie dieses glänzenden Volkes in einer einzigen starken Hand zusammengefaßt find. Wenn wir im Jahre 1938 diese bessere Stimmung zwischen diesen beiden Ländern zustande bringen können, dann wird das kommende Jahr eines der glücklichsten Jahre in der Geschichte der Menschheit werden.

Das Saarland kein Asyl für Landesverräter!

Letzte Sitzung des faarlänöifchen Landesrates - Die Deutsche Front rechnet ab

Saarbrücken, 28. Dezember.

In der heutigen letzten Sitzung des Landes­rates vor der Abstimmung lehnte die Deutsche Front durch den Abgeordneten Martin zu­nächst die Verordnung der Regierungs­kommission über die Fortsetzung der Wohnungszwangswirtschaft ab. Die Regierungskommission habe hinreichend Gelegen­heit gehabt, durch Förderung des Wohnungs­baues und Anregung der privaten Baulust das Wohnungsproblem zu lösen. Hier fehle entweder die Fähigkeit oder es sei ein neuer Beweis, daß der Status quc» eine unbrauchbare Regierungsform sei. Die Saarbevölkerung lehne einen anonymen Souverän, wie es der Völkerbund ist, ab. Martin ging dann auf den Bruch des Weihnachtsburgfrie­

dens durch die Separatisten ein und gab eine Erklärung ab, in der er zunächst das Bedauern ausdrückte, daß der Prozeß gegen die Whrer der Deutschen Front vertagt worden sei, so daß es unmöglich gemacht werde, die in der Denkschrift niedergelegten Tatsachen gerichtlich zu be­weisen. Die Erklärung erinnerte auch an das angebliche Attentat auf den Emigrantenkommissar Machts, für das ein Saarländer seit fünf Mona­ten in Untersuchungshaft sitzt, ohne daß bisher von einem Verfahren die Rede sei. Dieses Vor­gehen sei um so verurteilenswerter, als es der Regierungskommission den Anlaß zu den Haus­suchungen bei der Deutschen Front gegeben habe, wobei Material beschlagnahmt worden sei, das von der Regierungskommission in politischem Sinne ausgeschlachtet worden sei.

Die Erklärung ging dann darauf ein, daß es nunmehr den Separatisten gelungen sei, die frem­den Truppen ins Saargebiet zn ziehen. Die Saar­bevölkerung hege gegen diese Truppen nicht die geringste Abneigung, denn sie gehorchten nur ihrer Pflicht. AVer über diejenigen, die Ver­anlassung gewesen seien, daß diese Truppen ge­sandt worden seien, werde einst die Geschichte richten. Jetzt aber müsse verlangt werden, daß endlich die Emigranten aus der Polizei entfernt werden. Durch ihre Pflichtverletzungen hätten sie das Volk genügend beleidigt und ge­reizt, und die fremden Truppen würden sicher nicht stolz darauf sein, daß vor und hinter ihnen bei ihrem Einmarsch saarländische Polizei-lleber- fallkommandos gefahren seien, die dem Befehl eines Mannes unterstanden hätten, der sich bis heute noch nicht von dem schweren Vorwurf der

Feigheit vor dem Feind gereinigt habe. Es müsse ferner verlangt werden, daß nunmehr endlich den Nichtabstimmungsberechtigten verboten werde, sich aktiv im Saarkampf zu betätigeu.

Die Erklärung geht dann auf das Flaggen- verbot ein, das die Regierungskommission aus­gerechnet am Tage vor dem Weihnachtsfrieden habe in Kraft treten lassen. Das Recht, die vater­ländische Flagge zu hissen, sei der Regierungskom- misfion und den anwesenden fremden Truppen vorbehalten worden. Das sei selbst in den so viel gerühmten demokratischen Ländern unmöglich. Mit der Neutralitätspflicht könne die Abstimmungs-

kommisfion diese Verordnung nicht begründen. Denn sie sei in Wirklichkeit eine ungeheure Verletzung der Neutralität, da sie ver­hindern solle, daß das Volk auch nach außen hin seine Meinung zum Ausdruck bringe.

Ausführlich behandelte die Erklärung die Frage der angeblichen Möglichkeit einer zweiten Abstimmung im Saargebiet. Sie weist darauf hin, daß bindende Versprechungen des Völkerbundsrates nicht vorliegen uiü> daß der Wortlaut des Saarstatuts eine zweite Ab­stimmung grundsätzlich ausschließt.

(Fortsetzung auf Seite 2)

Wie Ltteilc^

An LuiLenpoAttscäes Arär 2« Attie

k. zlü. Die besinnlichen Tage zwischen Weih­nachten und Silvester fordern zu einem kritischen Rückblick auf das zu Ende gehende Jahr heraus. Deutschland hat alle Ursache, mit dem außen­politischen Fazit der nationalsozialistischen Aufbauarbeit in den letzten zwölf Monaten zu­frieden zu sein. Die Forderung nach rest­loser Gleichberechtigung blieb das Leit­motiv der deutschen Außenpolitik auch in schwie­rigsten Situationen, und wir können mit Genug­tuung feststellen, daß bereits heute kein Staat mehr die Berechtigung dieser Forderung anzu­zweifeln wagt. Die Abrüstungsfrage ist zwar noch keiner Lösung entgegengefiihrt worden, vielmehr zu einem reinen Rüstungsproblem ge­worden, doch hat die Debatte zwischen Berlin, Paris/ London und Rom die Lage so weit ge­klärt, daß eine entehrende Behandlung Deutsch­lands nicht mehr in Frage kommt. Hier zunächst ein Ueberblick über den Verlauf der „Ab­rüstung s"° Verhandlungen:

Am 1. Januar überreicht der französische Bot­schafter in Berlin, Franeois-Poncet, dem Führer ein Kicks mswoirs zum Rüstungsproblem, wie Paris es sieht. Wenige Tage später unterhalten sich in Rom der englische Außenminister Simon und der italienische Staatschef über einen Aus­gleich der deutschen und der französischen Auf­fassungen. Am 19. Januar setzt sich Deutschland in seiner Antwort an Frankreich für eine Ver­tiefung der Aussprache ein, und zehn Tage danach empfängt Adolf Hitler den englischen Botschafter in Berlin, der ihm den Londoner Vermittlungs­vorschlag überreicht. Am 1. Februar läßt die italienische Regierung Mussolinis Abrllstungsplan veröffentlichen, in dem von einer „juristisch- moralischen Kraft der deutschen For­derungen nach Erhöhung des Rü­stungsstandes" gesprochen wird. (Auch auf der zweiten Fünfjahresversammlung des Faschis­mus im März setzt sich Mussolini für Deutschlands Gleichberechtigung ein.) Mitte.- Februar unter­nimmt Lordsiegelbewahrer Eden, „Englands zwei­ter Außenminister", seine Festlandreise, die ihn in Berlin mit dem Reichskanzler zu erfolgreichen informatorischen Besprechungen zusammenführt; in Paris dagegen stößt er auf wenig Gegenliebe. Nachdem Deutschland das dem französischen Bot­schafter in Berlin überreichte Memorandum der Reichsregierung veröffentlicht hat — „erst Lö­sung des Abrüstungsproblems, dann Regelung des Verhältnisses Berlin-Genf!" —, entscheidet sich Frankreich in seiner Antwortnote auf den engli­

schen Vermittlungsvorschlag für ein „höfliches Nein". Trotzdem läßt die Reichsregierung Mitte April England wissen, daß sie den britischen Plan (300 OOO-Mann-Heer mit angemessenen Verteidi­gungswaffen) als Verhandlungsgrundlage anzu­sehen bereit ist. In der zweiten April-Hälfte wird v. Ribbentrop vom Führer zum Sonder­beauftragten für Abrüstungsfragen ernannt. Ende Mai kommt es auf der Genfer „Abrüstungs"-Konferenz zu einem scharfen Angriff des französischen Außenministers Barthou gegen Sir John Simon. Am 5. Juni meldet Genf eine ernste Krise der Konferenz: Henderson droht mit dem Rücktritt vom Präsidium. Schon im Juli aber ist Barthou wieder in London, um mit Simon „in allen Fragen der europäischen Politik völlig einig" zu sein. Am 18. Dezember erklärt Var- thous Nachfolger Pierre Lava! in einer großen Senatsrede, man werde demnächst mit Deutsch­land „unter den gleichen Bedingungen und mit gleichem Recht" verhandeln. Wenn wir uns hin­sichtlich dieser Wendung, zumal sie im Zusammen­hang mit dem französisch-sowjetrussischen Ostpakt­plan formuliert ist, auch keinen Illusionen hin­geben, so kennzeichnet sie doch immerhin den außer­ordentlichen Fortschritt gegenüber dem Jahresende 1932.

Was die Aufrüstung der WestmächtS betrifft, so müssen wir es uns versagen, hier sämtliche Pläne und Beschlüsse mitzuteilen. Nur

Zur Aufklärung!

Das Presse- und Propagandaamt der DAF. teilt durch den „IvSts" mit:

Von anderer Seite, insbesondere von Tages­zeitungen, werden verschiedentlich eigene Reise­sparkarten herausgegeben. Es wird ausdrücklich darauf hingewiesen, daß diese Reisesparkarten von privater Seite für die „Kraft-durch-Frende"- Reisen des Amte» für Reisen, Wandern und Ur­laub keine Gültigkeit haben und daß deshalb auch Zuschüsse irgendwelcher Art von feiten des Amtes an Minderbemittelte, die dieses Spar- system benutzen, nicht gezahlt werden. Für die Deutsche Arbeitsfront hat allein das vom Amt für Reise«, Wandern und Urlaub geschaffene Reisesparsystem mit den bei allen „Kraft-durch- Freude"-Stellen, bei der Bank der Deutschen Arbeit und den öffentlichen Sparkassen erhält­lichen Sparkarten Gültigkeit.

Revolution

Ein Stück zeitnaher Geschichte um Oliv«

Das Staatstheater Bremen bringt als nächste Neueinstudierung „Oliver Cromwell" von Mirko Jelusich, ein hiostrischeS Schauspiel ohne Tendenzen und unabhängig von allen Gegen­wartsfragen, aber doch von gleichen oder ähn­lichen, wenn auch geschichtlich anders beding­ten Kräften wie die unserer Zeit getragen. Aus diesem Anlaß bringen wir einen Abriß der englischen Revolution.

Ein Jahrhundert voller großer politischer und geistiger Entscheidungen liegt vor uns, an dessen Eingang der Scheiterhaufen Eiordano Brunos lodert an dessen, Ausgang die Thronbesteigung Friedrich Wilhelm I. steht. Ueberall in der Welt werden geistige Kämpfe mit dem Schwert, mit dem Blut ihrer Märtyrer ausgetragen. In Italien geht es um die Freiheit der Wissenschaft, in Frankreich kämpfen in zehn Kriegen die Huge­notten für ihren Glauben, in Spanien wütet die Inquisition und in Deutschland stehen wir unmit­telbar vor dem 30jährigen Krieg.

England ruht sich aus von schweren, blutigen Kämpfen. Die Königin Elisabeth hat die spa­nische Armada in einer ersten modernen See­schlacht geschlagen, die Englisch-Ostindische Kom­pagnie ist gegründet, die Londoner Börse eröffnet und aus dem Seeräuber entwickelt sich der eng­lische Handelsmann. Kunst und Wissen werden in London gepflegt, Skakespeare ist soeben ge­storben, die Maler Rubens und van Deyk feiern am englischen Hofe Triumphe.

Nichts deutet auf eine Revolution hin. Aber auf Englands Thron sitzt keine Königin Elisabeth mehr, sondern ein König mit stark französischem Vluteinschlag, aus Schottland herübergekommen und ohne Ve'bändnis für die gärenden Kräfte in seinem Volk, Jakob I.

in England

: Cromweti / Don Hans Larl v. Sichart

Schon sieben Jahrzehnte vorher hatte sich Hein­rich VIII. von der römischen Kirche getrennt, weil sie eine seiner vielen Ehen nicht scheiden wollte und es hatte sich nicht ohne Kampf und brennende Scheiterhaufen eine stark von Calvin beeinflußte anglikanische Kirche mit einem Erzbischof an der Spitze herangebildet, die zwischen Katholizismus und Protestantismus eine mittlere Stellung ein­nahm, dem König die Oberherrschaft zubilligte und sich genau so wie die katholische Kirche un­duldsam gegen Andersgläubige einstellte. Die große Masse des Volkes, von dem Reformations­Gedanken erfaßt, wehrte sich gegen das katholische Element dieser Kirche. Der Puritanismus ent­wickelt sich, streng auf dem Alten Testament auf­gebaut; aus dem tapferen Seeräuber wird der gewinnsüchtige Handelsmann. Die Puritaner verlangen Schließung aller Theater. Shakespeare wird verbannt, der Sabbath ist der religiöse Feiertag der Woche.

Diese religiöse Entwicklung blieb nicht ohne Folgen auf die politische Haltung, besonders des englischen Mittelstandes. An kommunale Selbst­verwaltung gewöhnt, entsteht rasch ein starkes politisches Ilnabhängigkeitsgefiihl im Parlament. Die „Commoners", das Haus der Gemeinen, das heutige Unterhaus, blickt schon auf eine lange Geschichte zurück. 1265 zum ersten Mal zusammen­getreten, hatte es sich 1414 die Gleichberechtigung mit dem Oberhaus erkämpft, die Steuerhoheit lag vornehmlich in seiner Hand.

Der Kampf zwischen Parlament und Krone be­ginnt unter Jakob I. Während das Volk in übertriebener Einfachheit und Sittenstrenge dahin­lebt, verbraucht der englische Hof für sein üppiges Leben im Jahr 500 000 Pfund. Die hierzu not-

wendigen Steuern werden von keinem Parlament bewilligt, eine Auflösung folgt der anderen und der Herzog von Buckingham, Jakobs rechte Hand. beginnt einen einträglichen Handel mit Aemtern, Titeln und Rechten. Jakob stirbt, Buckingham wird ermordet. Karl II., vermählt mit Henriette, einer französischen Prinzessin, löst ein Parlament nach dem anderen auf, erhebt Steuern und Zölle auf eigene Faust. Die Gegensätze verschärfen sich, als der Erzbischof Laud ein kirchliches Schreckens­regiment aufrichtet und es kommt zum Krieg zwi­schen Krone und Parlament, als Laud mit seinen kirchlichen Reformen nach Schottland hinüber- greift, die Schotten zu den Waffen eilen und der König nunmehr gezwungen ist, sich hilfesuchend an das Parlament zu wenden.

In diesem entscheidenden Augenblick stehen dem Parlament starke Führerpersönlichkeiten zur Ver- fllgung, darunter Pym, Hampden, Oliver Lrom- well. Der Erzbischof Laud wird hingerichtet, des Königs stärkster Mann, der Carl of Strafford büßt seine Treue zu Karl mit dem Leben. Der König salbst fühlt sich in London nicht mehr sicher und eilt nach Hamptencourt. Seine Gattin schickt er nach Frankreich, um von Mazarin, dem Nach­folger Richelieus, Hilfe zu erbitten.

Eine Verständigung ist nicht mehr möglich, zu­mal der König, von besonders unehrlichem uno doppelzüngigem Charakter, keine Abmachung zu ballen bereit ist. Pym ruft London zu den Waffen und überall im Lande wird die Miliz gegen den König aufgeboten. Schon in den ersten Kämpfen tritt Oliver Cromwell zunächst als genialer Soldat in den Vordergrund. Er hatte sich nicht wie andere darauf beschränkt, Söldner anzuwerben. Cromwell schuf in seiner Truppe zum ersten Mal den politischen Soldaten, der zu­sammen mit dem Führer für eine Idee bis zu sei­ner Verwirklichung kämpft. Lromwells Eisen- reiter sind in zehn Jahren blutiger Schlachten nie­mals besiegt worden und feinen Aufstieg verdankt

Cromwell nicht zuletzt seiner Verbundenheit mit dieser Truppe.

Bald zeigte sich, daß ein Parlament mit seinen Mehrheitsbeschlüssen unfähig ist, einen großen Gedanken kämpfend durchzusetzen. Pym stirbt, körperlich und finanziell zugrunde gerichtet, als ehrlicher Revolutionär, aber das Parlament schwankt, die einen verhandeln mit dem König, die anderen wollen Cromwell, den sie rasch fürch­ten gelernt haben, von seiner Truppe entfernen. Von besonderer Auswirkung aber wird die Spal­tung des Puritanismus in Presbyterianer, die an einer festen kirchlichen Form und damit auch an der Monarchie festhalten und in Jndepedenten, Gegner aller kirchlichen Form und damit in ihrer politischen Haltung schließlich Republikaner.

Ein politisches und religiöses Chaos entsteht so in England. Der König wird in den Schlachten bei Marston Moor und Naseby von Cromwell vernichtend geschlagen, verhandelt abwechselnd mit dem presbyteriänischen Parlament und dem indepentischon Heer, begibt sich zuerst in die Hand der Schotten, später in die des Parlaments. Die Armee, von ihren politischen und religiösen Zielen erfaßt, droht der Hand der Führung zu entgleiten und kämpft mit dem Parlament, das den Straßenpöbel von London gegen die Forde­rungen der Soldaten aufruft. Ueberall ein Chaos, aber Cromwell handelt, seine Stunde ist gekom­men. Mit eiserner Strenge stellt er die Diszi­plin in der Armee wieder her, setzt sich in den Besitz der Perlon des Königs uno verhaftet alle Parlamentarier, die nicht seines Sinnes sind. Dem König wird der Prozeß gemacht, der 1649 mit ieiner Hinrichtung endet.

Aber noch ist Cromwell nicht Herr der Lage. Schottland und Irland erheben sich. Cromwell schlägt sie zu Boden und jetzt Sohn und Schwieger­sohn als Statthalter ein. Cromwell ist der Na- tionalheros Englands. Zwei Jahre noch läßt er das Parlament schwatzen, dann sprengt er es und wirft sich zum Protektor des zum ersten Mal

geeineten britischen Reiches auf. Neue Parlamente versagen, Cromwell schafft als Lordprotektor eine Militärdiktatur und greift für England erfolg­reich in die europäische Politik ein.

Die berühmte Navigationsakte, die die Vorherr­schaft des englischen Handels für Jahrhunderte sichert, wird erlassen, koloniale Expeditionen wer­den ausgerüstet und für erbetene Waffenhilfe ver­langt er von Schweden das Herzogtum Bre­men, aber Schweden lehnt ab.

Kämpfend zermürbt, von Verschwörern umgeben, die ihn zwingen, jede Nacht in einem anderen seiner zwölf Schlafzimmer zu ruhen, stirbt 1658 der Lordprotektor, seinem unfähigen Sohn Richard sein Amt hinterlassend. Zwei Jahre später wird — umjubelt vom Volk — die Monarchie wieder eingeführt und 30 Jahre später wird — umjubelt vom Volk — die Monarchie wieder ein­geführt und 30 Jahre später die Leiche Cromwells aus dem Grabe gerissen und nachträglich geköpft.

XXV. Dom-Motette

Weihnachtliche An- und Ausklänge in der letzten diesjährigen musikalischen Abendfeier im Dom! Der Domchor bereitete seinem großen Freundes­kreise einen dritten Festtag: Richard Liesche und seine Schar boten geistliche Volksweisen und Kunstlieder der Reformationszeit dar aus der Zeit, die auch das Weihnachtslied in neuer Fülle und frischem Formenreichtum aus dem rein menschlichen Erlebnis der Geburt des Heilands erstehen ließ. Henny Rampf-Jiilfs sang sechs Lieder aus dem Weihnachtszyklus von Peter Cornelius, tief empfundene und zart gestaltete Weisen südlich - stimmungskräftiger Religiosität. Ihr gerade in der Mezzolage leuchtender Sopran wurde der lyrischen Grundhaltung und verklär­ten Klangmalerei des rheinischen Meisters voll gerecht. An der Orgel spielte Käte van Tricht am Eingang dieser Weihuachtsmusik Präludium und Fuge ll-Moll von Johann Sebastian Bach, jenes Werk, das zu allen Zeiten und bei jedem fromm-festlichen Anlaß zu innerer Sammlung und Gottversunkenheit ausruft und beseligt,