Ausgabe 
(28.12.1934) Nr. 358
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öas amtliche Organ des Senats

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Nr. 358 / 4. Vierteljahr

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Freitag, 28 . Dezember

Einzelpreis is Rpf.

Lavals Romreise

in der ersten Januarwoche?

Paris, 27. Dezember.

Der „Paris Soir" meldet aus Rom, daß man mit dem Besuch des Außenministers Laval in Rom für den 3. oder 3. Januar rechne. Laval sei der Ansicht, daß ein unmittelbarer Meinungs­austausch mit Mussolini über die noch strittigen Fragen den Verhandlungen von Kanzlei zu, Kanz­lei vorzuziehen sei. Ueberdies komme die erste Januarwoche für den Besuch schon deshalb in Frage, weil nachher die Eenfer Verhandlungen und die Saarabstimmung die Aufmerksamkeit Lavals voll beanspruchen würden. Ferner müsse dem Besuch Lavals in London, wenn er frucht­bringend sein solle, logischerweise die Romreise vorausgehen. Die französisch-englische Aussprache würde dann das Aussehen einer für den Frieden Europas entscheidenden Dreier-Verhandlung er­halten. Alle diese Erwägungen, die für die Be­schleunigung der Romreise sprächen, schienen den Beschluß Lavals beeinflußt zu haben.

Der „Temps" ist ziemlich hoffnungsvoll. Er glaubt sogar, daß die aus den ungarischen Re­visionsansprüchen entstandenen Schwierigkeiten überwunden werden können, stelle man doch eine gewisse Entspannung in den Beziehungen zwischen Belgrad und Budapest fest. Die kleine Entente habe übrigens in Lavals Senatsrede die Bürg­schaft dafür, daß das französisch-italienische Ein­vernehmen nur ein Instrument der Zusammen­arbeit und des Friedens sei, niemals aber ein Instrument der Veruneinigung der Kleinen En­tente, oder der Lockerung der zwischen ihr und Frankreich bestehenden Bindungen.

Ausländsdeutsche danken Heß

Begeisterte Aufnahme der Weihnachtsansprache des Stellvertreters des Führers

Hamburg, 27. Dezember.

Die Weihnachtsansprache des Stellvertreters des Führers wurde nach den bei der Auslands­organisation der NSDAP. in Hamburg vorliegen­den telegraphischen und brieflichen Berichten über­all klar und störungsfrei aufgenommen. Als Aus­druck engerer Verbundenheit zwischen Heimat und Ausländsdeutschen fand die Ansprache des Stell­vertreters des Führers begeisterte dankbare Zu­stimmung der Deutschen in aller Welt.

Die Auslandsorganksation hatte für diese Rede überall Eemeinschaftsempfang, und wo dies nicht möglich war, gemeinschaftlichen Haus­empfang angeordnet, so daß auch die nicht im Besitz eines Empfangsgerätes befindlichen Volks­genossen als Gast der Ortsgruppen oder einzel­ner Parteigenossen die Rede anhören konnten. In zahlreichen Zuschriften und Telegrammen ver­binden die Auslandsgruppen der NSDAP. den Dank an den Stellvertreter des Führers mit dem' erneuerten Gelöbnis unwandelbarer Eefolgschafts- treue zu dem Führer.

Der weitere Verlaus des Kownoer Vrozesfes

Das Märchen vom Memel-Aufskand

Angeklagter von Saß weist Beschuldigungen zurück / Der Kronzeuge der Litauer im Verhör

Kowno, 27. Dezember.

Bei der Wiederaufnahme des Memelländer Prozesses am Donnerstag bietet sich den zahl­reichen Pressevertretern und Zuschauern ein merkwürdiges Bild. Von allen Beteiligten be­findet sich nur der Kronzeuge der Litauer, der aus Grund seiner Aussagen von den Memelländern als Spitzel bezeichnet wird, Molinnus, im Ee- richtssaal. Die in Haft befindlichen Angeklagten wurden gar nicht vorgeführt und die auf freiem Fuß befindlichen Angeklagten wurden wieder ent­lassen. Der Antrag des Verteidigers, Professor Stankevicius, Molinnus in Anwesenheit der ande­ren Angeklagten zu vernehmen, lehnte das Gericht ab mit der Begründung, daß nach der litauischen Prozeßordnung jeder Angeklagte gesondert ver­hört werden könnte. Das Gericht gab dem An­

trag, die protokollarischen Aussagen allen Ange­klagten zur Kenntnis zu geben, insofern statt, als es erklärte, daß einzelne Stellen der Aussagen auf Antrag der Verteidigung verlese» werden können.

Darauf beginnt das Verhör von Molin­nus, der in seinem Aeußeren und in seinem Auftreten einen nicht gerade vertrauenerweckenden Eindruck macht. Er beantwortet alle Fragen auf Litauisch und so leise, daß selbst die Verteidiger ihn nicht verstehen können und ihn um lauteres Sprechen ersuchen. Die Aussagen von Molinnus werden ohne Zögern und ohne Verlegenheit ge­macht, so, als ob er sie auswendig gelernt hätte. Sie sind dabei so gehalten, als ob Molinnus nicht ein Angeklagter, sondern ein Zeuge ist. Er schil­dert zunächst sein Leben seit dem Jahre 1826 und dann seine Beziehungen zur Sozialistischen Volks­

gemeinschaft, der Neumann-Partei, bei der er als Geschäftsführer angestellt war. Molinnus ant­wortet weit mehr, als der Vorsitzende fragt.'Auf die Frage, ob Beziehungen der Sozia­listischen Volksgemeinschaft zur Nationalsozialistischen Partei in Deutschland bestanden hätten, antwortet Mo­linnus sehr unklar. Er behauptet, es sei ständig davon die Rede gewesen, jedoch in dem Zusam­menhang, daß man auf einen bevorstehenden Sturz des Direktoriums Schreiber durch die litauischen Schützen mit einem Aufstand der Sturmtrupps des Memellandes habe antworten wollen. Die Vernehmung ergab keine wesentlich neuen Momente über die Anklageschrift hinaus. Von feiten der Verteidigung wurden an den An­geklagten Molinnus nur wenige Fragen gestellt.

(Fortsetzung auf Seite 2)

Der Abschluß -er OWlfefälle

Durchführungsbestimmungen der SsthilseabwickiungöverorSnung

Berlin, 27. Dezember.

In der nächsten Nummer des Reichsgesetzblattes gelangt die O st Hilfeabwicklungsver­ordnung vom 21. Dezember 1934 zur Ver­öffentlichung. Sie stellt den Abschluß der ma­teriellen Osthilfegesetzgebung dar. Die Verord­nung umfaßt 42 Paragraphen und ist in vier Ab­schnitte gegliedert.

Der I. Abschnitt (88 1 bis 21) behandelt die Anwendung von Vorschriften des Schuldenregelungsgesetzes, insbeson­dere der sechsten Durchführungsverordnung zum Schuldenregelungsgesetz auf die noch schwebenden Osthilfe-Entschuldungsoersahren, und zwar mit den aus der vom Schuldenregelungsoerfahren ab­weichenden Gestaltung der Osthilfe sich ergebenden Aenderungen. Darüber hinaus sind weitere Be­stimmungen geschaffen, deren Notwendigkeit sich aus der bisherigen Praxis der Osthilfeentschuldung ergeben hat. Da die in der Osthilfe noch schweben­den Verfahren zum großen Teil besonders schwierig liegen, sind insbesondere die Be­stimmungen übernommen worden, die eine er­leichterte und beschleunigte Abwicklung der Ver­fahren gewährleisten.

Der II. Abschnitt (88 22—31) bringt Durch­führungsvorschriften zu Paragraph 160 des Schul­denregelungsgesetzes, der wesentliche Vorschriften dieses Gesetzes auch auf die bereits ent­schuldeten Ost Hilfebetriebe für an­wendbar erklärt. Diese Durchfllhrungsvorschriften bezwecken in erster Linie die Schaffung klarer grundbuchlicher Belastungsverhält- nisse bei den entschuldeten Betrieben, denn in­folge der Entschuldungsmaßnahmen, die ständigen

Gesetzesänderungen unterlagen, lassen die Grund­bücher zum Teil die für den Rechtsverkehr erfor­derliche klare Uebersicht über die Velastungsver- hältnisse vermissen.

Der III. Abschnitt (ZZ 32—35) behandelt die Durchführung des Osthilfe-Entschuldungsverfah- rens bei Erbhöfen. Die Entschuldung der Erb- höfe erforde-l grundsätzlich keine Ab­weichungen von dem üblichen Osthilfe-Ent- schuldungsverfahren. Lediglich für die nach den bisherigen Vorschriften' als nicht entschuldungs- fähig anzusehenden Erbhöfe, deren Entschuldungs- antrag nicht abgelehnt werden darf, mußten be­sondere Vorschriften geschaffen werden, und zwar werden die über die Mündelsicherheits­grenze hinausgehenden und die unge­sicherten Forderungen nach entsprechender Kür­zung anteilmäßig aus dem zur Verfügung stehen­den Entschuldungsdarlehen abgelöst. Die nicht ab­gelösten Beträge werden zunächst als lleber- hangsforderungen eingetragen. Für die Ablösung dieser lleberhangshypotheken bleibt eine spätere Regelung vorbehalten.

Im IV. Abschnitt (88 36—42) sind Vorschriften getroffen, die u. a. die technische Durch­führung der Landabgabe im Rahmen des Entschuldungsverfahrens erleichtern. Ferner ist die Frage, ob für einen Betriebsinhaber, der seinen Osthilfe-Entschuldungsantrag nach dem Inkrafttreten des Schuldenregelungsgesetzes (15. Juni 1933) zurückgezogen hat, das amts- gerichtliche Entschuldungsverfahren nach dem Ge­setz vom 1. Juni 1933 veröffentlicht werden kann, entsprechend der bisherigen Auffassung der amt­lichen Stellen dahin klargestellt worden, daß die Eröffnung des Verfahrens unzulässig ist.

Der Betriebsinhaber kann jedoch die Zurücknahme des Osthilfe-Entschuldungsantrages innerhalb von zwei Monaten nach dem Inkrafttreten der Ver­ordnung widerrufen. Das Osthilfeverfahren wird dann weiter bearbeitet.

Eine wichtige Frist enthält ferner 8 12 der Ver­ordnung, wonach durch Zahlung etwaiger rück­ständiger Sachversicherungsbe-träge bis zum 31. Januar 1935 in den Fällen, in denen bereits bei Inkrafttreten der Verordnung das Sicherungsverfahren aufgehoben oder der Entschul­dungsantrag abgelehnt war, die Folgen der Nicht­zahlung der Beiträge rückwirkend beseitigt werden können.

Nach dem Erlaß dieser Verordnung ist mit einem schnellenALschlußder noch schwebenden Ost­hilfefälle zu rechnen.

NListungsvechör geht weiter

Washington, 27. Dezember.

Der Vorsitzende des Rüstungsuntersuchungs- ausschusses, Senator Nye, erklärte nach einer Konferenz im Weiße» Hause, Roosevelt habe ihm versichert, daß die Regierung mit dem Senats­ausschuß für die Rüstungsuntersuchungen weit­gehend zusammenarbeiten werde. Darüber hinaus habe Roosevelt den Vorschlag, weitere Gelder zur Fortsetzung des Rüstungsverhörs zu bewilligen, gutgeheißen. Senator Ny« deutete abschließend an, daß der Senatsausschuß nach Beendigung der Untersuchungen wahrscheinlich auch die Beteili­gung der Schiffbau- und der Stahlindustrie sowie der Banken an den Kriegsgeschäften untersuchen werde.

Osten im Dritten Reich

Von blriok Loob,

daulsitsr unä Obsrprüsiäsvt von Ostprsuüsv

Die höchste Form der Politik ist immer die Außenpolitik gewesen, in der sich die natio­nalen und räumlichen Linien der Staaten unmittelbar begegnen. Wir in Ostpreußen sind weder willens noch befugt, von uns aus Außenpolitik zu machen, aber wir haben natürlich die Aufgabe, die außenpolitische Schulung, Information und Vermittlung im Einvernehmen mit der Reichsleitung so­weit auszubauen wie irgend möglich, denn schließlich spricht jeder Stein auf ostpreußi- schem Boden irgendwie außenpolitisches Schick­sal aus.

Wir trennen Außenpolitik und Volkstums- arbeit in ihren Aufgaben voneinander; wir trennen vor allem das Außenpolitische von allem Ideologischen, Doktrinären und Theore­tischen. Wir wissen, daß in dem historischen Augenblick, da der Führer aus der Eenfer Liga der Nationen austrat, die Aufgaben des preußischen Ostens wieder erweckt wurden, von denen Moeller van den Bruck bereits vor 15 Jahren sprach, als er das „Recht der jun­gen Völker" schrieb. Wir sehen, gerade weil wir frei sind von Illusionen, gerade weil wir unser außenpolitisches Denken und Betrachten auf ganz weite Zusammenhänge eingestellt haben, wie die neue front-soldatische Friedens­politik, die zwischen unserem Führer, dem pol­nischen Marschall Pilsudski, dem Obersten Beck und anderen Staatsmännern des Nahen Ostens eingeleitet worden ist, auf die Dauer nicht nur konkrete Erfolge, sondern geradezu eine neue östliche Weltanschauung mit sich bringt. Der deutsch-polnische Zehnjah­respakt hat unter anderem auch das bewiesen.

Wir wissen um die alte preußisch-sozia­listische Außenpolitik auf der „Linie des preußischen Stils", auf der Linie Potsdam- Königsberg—Petersburg. Aber wenn wir auch um die großen Verdienste des Grafen Vrock- dorff-Rantzau wissen, der zum Prediger in der Wüste wurde, als er 1919 den Versuch machte, den sozialistischen Osten zum Protest gegen den Versailler Kapitalismus der alten Völker auf­zurufen, so wissen wir auch, daß die Zeit weitergeht und daß die Vrockdorff-Rantzau- Linie heute überholt ist. Inzwischen ist es nun Tatsache geworden, daß, wie Moeller sagte, die „alten Nationen den Krieg nach außen hin gewonnen haben, daß aber auf die Dauer der Sieg den jungen sozialistischen Völkern zu­kommen wird". Daß es so kam, ist Adolf Hitlers alleiniges Verdienst, wie es auch das alleinige Verdienst des Führers ist, daß er aus dem unter Marx und Stresemann ver­greisenden Deutschland wieder ein junges Volk gemacht hat.

Wir sehen von Königsberg aus ziemlich weit. Das liegt einmal an der Lage dieser Stadt, die man geradezu das Eckfenster Zwi- scheneuropas nennen könnte, zum anderen daran, daß Adolf Hitler es war, der uns das weite unvoreingenommene Sehen lehrte. So sehen wir deutlich alles das, was heute eine Parallelität zwischen Ostpreußen, Pommern und Schlesien ergibt, unterstreichen die ost- preußisch-schlesische Interessengemeinschaft, die

Tand ist das Gebild von Menschenhand

Die größte Eisenbahn Katastrophe zweier Jahrhunderte / 200 Reisende verschwinden spurlos

Es war ein sonniger Maitag des Jahres 1878, als mit großen Feierlichkeiten die neue Eisenbahn- brücke über den Firth of Forth in Schottland eröffnet wurde. Sechs Jahre hatte der Bau gedauert, und die Schwierigkeiten, die es dabei zu überwinden gab, spotteten jeder Vorstellung. Die tüchtigsten Ingenieure des Vereinigten Kö­nigreichs hatten daran mitgewirkt, handelte es sich doch um die Ueberbrückung der rund drei Kilo- meter breiten Mündung des Tay. Man wollte eine gerade Eisenbahnverbindung zwischen Dun- dee und.Edinburgh herstellen.

Gewaltig waren die Hindernisse, welche die Natur dem Bau entgegensetzte. Der Tay ist an dieser Stelle mehr eine Meeresbucht denn ein Fluß und so tief, daß die größten Seeschiffe ihn befahren können. Dabei strömt das Wasser unge­wöhnlich schnell. Dazu kommt noch das rauhe Klima, das zu allen Jahreszeiten Stürme von seltener Heftigkeit mit sich bringt.

Die Baupläne hatten alle diese Schwierigkeiten zu berücksichtigen. Die Berechnungen mußten nicht allein die Lasten berücksichtigen, welche die Brücke zu tragen haben würde, sondern auch die Gewalt der Naturkräfte, die hier zur Geltung kommen. Während des Baues, also von 1872 bis 1878, wü­teten mehrfach Orkane von einer derartigen Hef­tigkeit, daß monatlich an nicht mehr denn fünf bis sechs Tagen gearbeitet werden konnte, und Zwm- mal drohte die Wut der Elemente das ganze Werk zu vernichten. Im Herbst 1872 brach ein Sturm aus, der drei Wochen lang anhielt und alle Ar­beiten an der Brücke unmöglich machte. Als diefe last vollendet war, schleuderte am 2. Februar 18cc ein Orkan von unerhörter Kraft zwei der größten Bogen von je 75 Metern Spannweite von den sie tragenden Pfeilern, zusammen mit einem daran hängenden kleineren Bogen von 45 Metern Spannweite. Die mehr als 400 000 Kilogramm wiegende Eisenmasse stürzte in die Tiefe.

Endlich -"ir trotz allen Schwierigkeiten die

Brücke fertig. Ihre Länge betrug 3155 Meter. Das Werk gehörte zu den gewaltigsten Bauten der damaligen Zeit. Die Pfeiler standen in ihrer Mehrzahl auf Felsen. Nur in der Mitte, wo der Tay viel zu tief war, um eine solche Bauweise zu gestatten, hatte man auf andere Weise vor­gehen müssen. Hier ließ man riesige Betonklötze ins Master hinab und errichtete auf ihnen die Pfeiler. Da die. Brücke so hoch gebaut werden mußte, daß auch die größten Seeschiffe darunter hindurchfahren konnten, lag sie selbst 27 Meter über dem Wasserspiegel. Die beiden mittleren Pfeiler, zugleich die höchsten/ragten 56 Meter von ihrer Grundlage aus empor. Die Gesamt­kosten des Bauwerks betrugen rund fünf Milli­onen Mark, obwohl die Brücke nur schmal war und nur ein Gleis trug.

In England herrschte, zumal in den Kreisen der Ingenieure und Brückenbauer, begreiflicher Jubel über das endlich vollendete Werk, das kaum seinesgleichen hatte. Nur eine einzige Stimme des Widerspruchs wurde laut. Einer der führenden Brückenbauer Englands, der auch die große, sieben Kilometer lange Brücke über den Firth of Forth gebaut hatte, veröffentlichte in einer Zeitung eine sehr scharfe Kritik. Seiner Ansicht nach werde der Bau den Elementen nicht lange Widerstand leisten. Binnen kurzem müsse eine schwere Kata­strophe eintreten. Schon in weniger als einem Jahre sollte sich diese düstere Prophezeiung er­füllen. Die Brücke über den Firth of Tay wurde der Schauplatz des schrecklichsten Eisenbahn­unglücks, das man bis auf den heutigen. Tag kennengelernt hat.

Vor nunmehr 55 Jahren, am 28. Dezember 1879 ging ein fahrplanmäßiger Personenzug von Edinburgh nach Dundee ab. Es war ein Sonntag, und der Zug führte in seinen sechs Wagen rund 200 Reisende mit sich. Den ganzen Tag über hatte ein wütender Sturm getobt, der am Nachmittag zu einem Orkan von nie gesehener Stärke an­wuchs. Der Zug, der eigentlich 1-^» '---k 1 Ä- 1 S

Uhr in Dundee hätte eintreffen sollen, erlitt durch den Sturm starke Verspätung und erreichte erst um 19.14 Uhr das südliche Ende der Brücke. We­nige Minuten später alarmierten drei Fischer, die in der Nähe des südlichen Brückenkopfes zu tun gehabt hatten, die sich in diesem befindende Sig­nalstation. Nach ihrer Angabe hatten sie beob­achtet, wie der Zug auf die Brücke fuhr, dann war plötzlich ein Heller Feuerschein zu beobachten und trotz des tobenden Orkans ein lautes Krachen zu vernehmen gewesen.

Der so unsanft aus der sonntäglichen Ruhe auf­geschreckte Beamte suchte sich mit seinem Kollegen im nördlichen Brückenkopf in Verbindung zu setzen. Einen Fernsprecher hatte man damals noch nicht. Der Telegraphist am Nordende gab in­dessen auf Anruf keine Antwort. Offenbar war der Draht gerissen. Ein panischer Schrecken ergriff alle. Man verständigte den Bahnhofsvorsteher von Tay, der sich alsbald in einer Lokomotive auf den Weg machte. Binnen einer Viertelstunde war er zur Stelle. Ungeachtet des wütenden Sturmes fuhr man vorsichtig auf die Brücke. Nach kaum einem Kilometer Wegs — der erste der mittleren Pfeiler war gerade erreicht — bremste der Ma­schinist indessen so heftig, daß die Maschine bei­nahe aus dem Gleise sprang. Der Mann hatte bei dem schwachen Mondlicht einen gähnenden Ab­grund vor sich entdeckt. Der mittlere Teil der Brücke war verschwunden. Der Orkan hatte, wie sich später ergab, drei der mittleren Pfeiler, gerade die stärksten, fortgerissen, und dieser Teil der Brücke war in die Tiefe gestürzt.

An Bergungsarbeiten war zunächst nicht zu denken. Der Sturm wütete weiter mit unglaub­licher Kraft. Auch war es ausgeschlossen, daß noch jemand der Verunglückten am Leben war. Erst nachts konnte man mit einem kleinen Dampfer an die Unglücksstelle gelangen. Man fand, daß der mittlere Teil der Brücke in einer Länge von rund einem Kilometer samt Pfeilern fortgerissen war. Eine Woche nach der Katastrophe vermochte ein nach unten geschickter Taucher eine Leiche zu bergen, 30 weitere wurden im Verlauf der nächsten drei Wochen teils aufgefunden, teils an Land gespült Von den übrigen der 200 Verun­glückten fand sich niemals eine Spur.

Orik Uoltbnussv

Theodor Montane

Die Vrück' am Tay

öVbsn skull vs tkrss wsst uguiv?

Nsobstb.

„Wann treffen wr drei wieder zusammen?"

„Um die siebente Stund', am Vrllckendamm." „Am Mittelpfeiler."

„Ich Esche die Flamm'."

„Ich mit."

„Ich komme vom Norden her." „Und ich von Süden."

„Und ich vom Meer." „Hei, das gibt ein Ringelreihn,

Und die Brücke muß in den Grund hinein."

„Und der Zug, der in die Brücke tritt Um die siebente Stund'?"

„Muß mit."

,Ei, der mutz mit."

„Tand, Tand

Ist das Gebilde von Menschenhand!"

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Auf der Norderseite das Vrückenhaus — Alle Fenster sehen nach Süden aus,

Und die Brücknersleut' ohne Rast und Ruh' Und in Bangen sehen nach Süden zu,

Sehen und warten, ob nicht ein Licht Uebers Master hin „ich komme" spricht,

„Ich komme, trotz Nacht und Sturmesflug, Ich, der Edinburger Zug."

Und der Brllckner jetzt: „Ich seh' einen Schein Am anderen Ufer. Das muß er sein.

Nun, Mutter, weg mit dem bangen Traum, Unser Johnie kommt und will seinen Baum,

Und was noch am Baume von Lichtern ist, Zünd alles an wie zum Heiligen Christ,

Der will Heuer zweimal mit uns sein, — Und in elf Minuten ist er herein."

Und es war der Zug. Am Süderturm Keucht er vorbei jetzt gegen den Sturm,

Und Johnie spricht: „Die Brücke noch!

Aber was tut es, wir zwingen es doch.

Ein fester Kessel, ein doppelter Dampf,

Die bleiben Sieger in solchem Kampf,

Und wie's auch rast und ringt und rennt,

Wir kriegen es unter: das Element.

Und unser Stolz ist unsre Brück';

Ich lache, denk' ich an früher zurück,

An all den Jammer und all die Not Mit dem elend alten Schifferboot;

Wie manche liebe Lhristfestnacht Hab' ich im Fährhaus zugebracht Und sah unserer Fenster lichten Schein Und zählte und konnte nicht drüben sein."

Auf der Norderseite das Brückenhaus —

Alle Fenster sehen nach Süden aus,

Und die Brücknersleut' ohne Rast und Ruh'

Und in Bangen sehen nach Süden zu:

Denn wütender wurde der Winde Spiel,

Und jetzt, als ob Feuer vom Himmel fiel', Erglüht es in niederschießender Pracht Ueberm Master unten . . Und wieder ist Nacht.

S

„Wann treffen wir drei wieder zusamm?"

„Um Mitternacht am Bergeskamm."

„Auf dem hohen Moor am Erlenstamm."

„Ich komme."

„Ich mit."

„Ich nenn' euch die Zahl." „Und ich die Namen."

„Und ich die Qual."

„Hei!

Wie Splitter brach das Gebälk entzwei."

„Tand, Tand

Ist das Gebilde von Menschenhand!"