Ausgabe 
(18.12.1934) Nr. 349
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Nr. 349 / 4 . Vierteljahr

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Dienstag. 18 . Dezember

Anzeigen . Grundpreise: Die 22 - wm. Zelle im Anzeigenteil 12 Rps., »ie 70.ma>.Zeile tm Text Ermäßigte Grundpreise (für kleine Anzeigen, Familienanzeigen u. a.» sowies°nstige Le„ Preisliste l. Machlaßstassel 0.» Für Anzeigen durch Fernsprecher keine Gewahr. Annahmeschluß 16 Uhr. Sprechzeit desVerlages werktäglich von 12—13 Uhr. der Schriftleitung werktäglich von 18-17 Uhr.

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Hüter der Ordnung sammeln für die Winterhilfe

Polizeiöienst - Dienst am Volk

Reichsinnenminister Dr. Frick zum „Tag der deutschen Volizei"

Kamps gegen die Not

Ein Aufruf Dr. Goebbels

Berlin, 17. Dezember.

Der Reichspropagandaleiter der NSDAP. Dr. Goebbels sprach für die Arbeitsbeschaffungs- lotterie folgenden Aufruf im Rundfunk:

Die Arbeitsbeschaffungslotterie, die zurzeit in der Presse, im Rundfunk und in den Kinos Propaganda für ihre Lose macht, wurde am 1. Mai 1933 auf besonderen Wunsch des Führers ins Leben gerufen. Sie erfüllt den Zweck, durch die Gewinne einer zeitgemäßen Volkslotterie das Arbeitsbeschaiffungsprogramm best Reichsregierung

Krupp von Bohlen und Halbach zurück­getreten.

(Näheres im Handelsteil)

zu fördern. Der Derwaltungsapparat der Lotterie wurde so einfach wie möglich gehalten, und die Reichsleitung der NSDAP. trägt dafür Sorge, daß jede gespendete Münze ihrem Zweck zugeführt wird und damit der Volksgemeinschaft zugute kommte.

In der Arbeitsbeschaffungslotterie wurden zahlreiche Groschen zu Millionen Mark zusammen­getragen, und aber taufende verzweifelt« Er­werbslose kamen wieder in Lohn und Brot; sie sind heute freudig am Aufbauwerk der Nation tätig und marschieren tatenfroh einer besseren Zukunft entgegen.

Das deutsche Volk soll und darf auch während des Winterhilfskampfes gegen Hunger und Kälte niemals das schon im Werden begriffene Aufbau- werk seiner Wirtschaft vergessen, denn von seiner Vollendung hängt ja zuletzt auch die Beseitigung der Erwerbslosigkeit ab. Darum steht es zu hoffen, datz jeder Volksgenosse zum Gelingen der Arbeitsbeschaffungslotterie beiträgt.

LLriaub zur Gaarabstimmung

Berlin, 17. Dezember.

Wie der Reichs- und preußische Minister des Inner» verfügt, ist für die am 13. Januar 1S3S stattfindende Volksabstimmung im Saargebiet den stimmberechtigten Beamten, Angestellten und Arbeitern der erforderliche Urlaub ohne Anrech­nung auf den Erholungsurlaub und unter Fort- zahlung der Bezüge zu gewähren.

Prozeß gegen pirro verschoben

Saarbrücken, 17. Dezember.

In dem mit großer Spannung erwarteten Pro­zeß vor dem» obersten- Abstimmungsgerichtshof gegen die Führer des Saardeutschtums, Landes­leiter Pirro und die Mitglieder des Landesrates, Gewerkschaftsführer Peter Kiefer. Rechtsanwalt Leoacher, Kommerzienrat Röchling und den Prä­sidenten der Handwerkskammer Schmelzer, ist der bisher auf den 21. Dezember festgesetzte Eröff­nungszeitpunkt ohne Angabe näherer Gründe auf unbestimmte Zeit verschoben worden.

„Eorch Fock" auf Uebungsfahrt. Das Segelschul­schiff der Reichsmarine „Eorch Fock" ist zu einer achttägigen Ausbildungsfahrt, die in die Gewässer der westlichen Ostsee führt, aus dem Kieler Hafen ausgelaufen.

Der Reichs- und Preußische Innenminister Dr. Frick erläßt zum Deutschen Polizeitag 1934 folgenden Aufruf:

Am „Tag der nationalen Solidarität" haben Minister, Staatssekretäre und Beamte aller Behörden sich freudig in den Dienst des großen vom Führer eingeleiteten Winter- hilfswerks gestellt.

Am „Tag der deutschen Polizei", am 18. und 19. Dezember, will die deutsche Polizei das gleiche tun. Polizeidienst ist Dienst am Volk. Ich rufe die gesamte Öffentlichkeit auf, am „Tag der deutschen Polizei" ihre Pflicht zu tun und mitzuhelfen, daß die Sammeltätigkeit der deutschen Polizeibeamten in allen Gauen des deutschen

London, 17. Dezember.

Ueber den Zwischenfall in Saarbrücken wird von den Blättern mit größter Ausführlichkeit be­richtet. Die Darstellungen gründen sich, abge­sehen von der amtlichen Mitteilung des Vor­sitzenden der Regierungskommission Knox, haupt­sächlich auf die Angaben des beteiligten Polizei­offiziers Iustice, seines Freundes Lord Ayles- sord und eines in ihrer Begleitung befindlichen Fräuleins Käthe Braun. Säe sind also ein­seitig gehalten. Die Sache wird so dargestellt, als ob die Fußgänger die Hauptschuld an dem Zwischenfall trügen, indem sie den Offizier, der sich durchaus korrekt benommen habe, bedroht hätten. Einer der Meldungen zufolge hat aber der Offizier selbst zugegeben, daß er versuchte, davonzufahren, ohne das Erscheinen der Polizei abzuwarten, und daß die Anwesenden sich seiner Absicht widersetzten.

Justice ist 29 Jahre alt. Er hat an der Uni - versität Bonn studiert, wo er eine gute Kenntnis der deutschen Sprache erlangt haben soll, und war eine Zeitlang Mitglied der südwest- afrikanischen Polizei. Sein Begleiter, Lord Ayles- ford, ist 26 Jahre alt und weilt privat im Saar­gebiet. Er soll mehrere Fußtritte bekommen haben, als er seinem Freude zu Hilfe eilte.

Aus den langen Berichten der Korrespondenten geht übrigens hervor, daß die drei Insassen des Kraftwagens schon vorher in einen Zwischenfall verwickelt waren. Sie befanden sich in einem Nachtkaffee, wo es ziemlich geräuschvoll zu­gegangen sein soll. Einer der Gäste soll über einen Tisch weggesprungen sein. Das Benehmen des Offiziers und seiner Begleiter erregte das Miß­fallen des dort anwesenden Prinzen Hubertus Löwenstein (!), der bekanntlich im Saargebiet

Vaterlandes zu einem großen Erfolg wird. Wenige Tage vor Weihnachten möge jeder reichlich opfern, um bedürftigen Volks­genossen eine kleine Weihnachtsfreude zu machen.

H

Berlin, 17. Dezember.

Der politische Polizeikommandeur der Länder, Reichsfllhrer der SS. Himmler, erläßt zum „Tag der deutschen Polizei" folgenden Aufruf:

„Die Polizei im nationalsozialistischen Deutsch­land hat es sich zum Ziel gesetzt, vom deutschen Volk als sein bester Freund und Helfer, von Ver­brechern und Staatsfeinden als schlimmster Geg­ner angesehen zu werden.

Diesem Ziele nachzustreben und an seiner Ver­wirklichung zu arbeiten, ist Wunsch und Wille

weilt, um Agitation gegen die Rückkehr des Saar­gebietes zum Mutterlands zu treiben. Der Prinz scheint den Engländern zugerufen zu haben, sie sollten nicht so viel Lärm machen. Er soll von unziemlichen Auftreten gesprochen und Bedauern geäußert haben, daß der Ruf der neutralen Polizei geschädigt werde. Der'Prinz er­hielt eine Antwort. Welchen Inhalts, wird nicht gesagt.

Nach der Darstellung des „Daily Expreß" han­delte es sich um ein Lokal, in dem viele Feinde des Nationalsozialismus verkehren. Ein Engländer sei aus einen Tisch gesprungen und habe zwi - schenklirrendenGläsern einen Tanz auf­geführt, während ein anderer Engländer mit einem Wasserglas den Takt schlug. Die Gäste hätten begeistert Beifall gespendet. Eine Kellne­rin habe den Tänzer ersucht, herunterzusteigen und den Tisch nicht zu zerbrechen. Er habe dies auch getan und sei aus eine Balustrade geklettert, wo er die Beifallskundgebungen der Anwesenden ent­gegennahm. Plötzlich habe er das Gleichgewicht verloren und sei heruntergestürzt, wobei er ein hölzernes Gitter zerbrach. Hierauf habe Prinz Löwenstein sich eingemischt.

„Die Regierung nicht verantwortlich"

Im Unterhaus stellte der Führer der Arbeiter­opposition, Lansbury, nach Schluß der Frage­zeit an den Staatssekretär des Aeußeren die Frage, ob er eine Erklärung „über den kürzlichen Bruch des Friedens im Saargebiet, an dem ein britisches Mitglied der Polizeistreitkraft beteiligt war", ab­zugeben habe.

Simon erwiderte: „Die Saarpolizeistreitkraft steht unter der alleinigen Befugnis der Saarregie-

jedes deutschen Polizeibeamten. Der Tag der deut­schen Polizei soll ein neuer Beweis unseres Wol- lens sein. Wir sind überzeugt, daß jeder deutsche Volksgenosse, wer im Polizeibeamten den Freund und Helfer sieht, auch am Tag der deutschen Polizei gern wieder fein Scherflein und Opfer gibt im Sinne des Geistes, der aus Deutsch­land in den letzten zwei Jahren ein Volk mit an­derer Seele, eine Einheit der Kameradschaft ge­staltet hat."

Ministerpräsident Eöring wird am Dienstag­abend zu dem großen Polizeikonzert der Kapel­len der Verwaltungspolizei, der Schutzpolizei und der Landespolizei im Berliner Sportpalast er­scheinen und gegen 20.30 Uhr in einer kurzen Ansprache Sinn und Zweck des ersten Tages der deutschen Polizei im Dritten Reich würdigen. Auch Innenminister Dr. Frick wird anwesend sein. .

rungskommission, auf der weiterhin die Hauptver­antwortung für die Aufrechterhaltung von Gesetz und Ordnung im Gebiet ruht. Die britische Regie­rung hat natürlich keine Verantwortung für die Anwerbung oder die Auswahl von Mitgliedern dieser Truppe.

Ich bedauerezu erfahren, daß sich in der Sonnabendnacht ein Zwischenfall in den Straßen von Saarbrücken ereignete.

Die Regierungskommission hat besondere An­ordnungen für eine rasche und gründliche Unter­suchung erlassen, und der in Betracht kommende Polizeibeamte ist bis zur Klärung der Angele­genheit suspendiert worden. Da die Frage weiter­hin „sub juäiee" ist, kann ich natürlich keine weitere Erklärung abgeben, und nur sagen, daß ein derartiger Zwischenfall zu dieser Zeit äußerst unglücklich ist. Es besteht kein Grund, irgend­welche politischen Verwicklungen zu erwarten. Ich habe es bereits klargemacht, daß weder die internationale Streitkraft noch das britische Kon­tingent auch nur die geringste Verbindung mit dieser Angelegenheit haben."

Das nationalliverale Mitglied Mabane lenkte die Aufmerksamkeit des Außenministers auf die Tatsache, daß ein englisches Blatt die Berichte über den Saarvorfall unter der Ueber- schrist veröffentlicht hat „Engländer im Saarge­biet angegriffen" und fragte Simon, ob er bei der Presse dahin wirken könne, daß sie bei der Berichterstattung über diese Angelegenheit die größtmögliche Sorgfalt anwende.

Simon antwortete: Ich bedauere es sehr, denn es war keine zutreffende Schilderung. So­weit ich sehen kann, stand sie in unmittelbarem Gegensatz zur vorhandenen Information.

,Gchmelz 1 iegel Amerika"?

Der Rassengedanke in den Vereinigten Staaten

Von Pros. F. Schönemann

Bis 1890 wanderten vorzugsweise angel­sächsische (englische, schottische), irische und nordeuropäische (deutsche, skandinavische) Menschen in Amerika ein. Sie vermischten sich im ganzen gut mit den gleichrassigen Einheimischen. Nach 1890 aber wandelten sich die Einwanderer immer mehr, und die „alte" Einwanderung wurde immer schneller durch die „neue" ersetzt, die sich aus Süd-> und Osteuropa rekrutierte, vorzugsweise aus Süditalien, Polen und Rußland. Tiefe „Neuen" bildeten 1900 noch 17,1 und nach zehn Jahren schon 34,7 vom Hundert aller Einwanderung. Im Kriegsjahr 1914 allein waren es bereits über 683 000 im Vergleich zu nur 220 000 der alten Menschenart. Im Gegensatz zu den „Alten", die überwiegend germanisch und protestantisch waren, waren sie mittelländlich-romanisch und slawisch und von katholischer Religion, assimilierten sich schlecht und amerikanisierten noch unvoll­kommener.

Bis 1890 zeigte sich das führende „angel­sächsische" Element nicht gefährlich bedroht. Seine Führerschaft war zuerst durchaus rassisch begründet. Der Begriff des „Schmelz- tiegel Amerika" stammte bezeichnend ge­nug nicht von einem alteingesessenen Ameri­kaner, sondern von dem englischen Zionisten Zangwill.

Was fängt nun aber Amerika mit den 6 bis 10 Millionen unverdaulichen Menschen­guts an, die bereits seit einer Generation ins Land gekommen sind? Das wurde erst dem ganzen Volke zum Problem in dem Augenblick, als man überhaupt an Rassen- unterschiede dachte und den rassischen Maßstab an das alte und neue Amerika anlegte. Von der Wissenschaft war dabei nicht viel zu holen; denn sie lehnte unter jüdischem und liberalistischem Einfluß über­haupt den Rassengedanken äb. Des Anthro­pologen Franz Boas' „Kultur und Rasse", das 1914 in deutscher Ueberfetzung erschien, ist typisch für die jüdisch-amerikanische Auf-

Die Wahlen in Portugal

80 v. H. für die Regierung

Lissabon, 17. Dezember.

Bei den gestern vorgenommenen Wahlen zur Na­tionalversammlung konnte die Regierung 80 v. H. der abgegebenen Stimmen für sich buchen. In der durch die portugiesische Regierung im Jahre 1933 erlassenen und durch Volksabstimmung genehmig­ten Verfassung sind eine Nationalversammlung und eine Korporativkammer als gesetzgebende In­stanzen vorgesehen worden. Um diese Institutio­nen ins Leben zu rufen, hatte die Regierung vor kurzem ein Wahlrecht erlassen, durch das die Na­tionalversammlung am 16. Dezember gewählt werden sollte und erstmalig am 1. Januar zusam­mentreten wird. Die 90 Kandidaten für die Na­tionalversammlung standen auf einer Einheits­liste. Die Namen der Kandidaten konnten von den Wählern einzeln gestrichen, aber nicht ergänzt werden. Vor der Wahl mußten die Kandidaten eine Versicherung abgegeben, daß sie auf den Grundprinzipien des „neuen Staates" stehen.

Der Zwischenfall in Saarbrücken

Simon vor dem Unterhaus / Die Haltung der britischen Negierung

Liesiret Dill

Um neun erwarte ich sne...

Mit dem Nachtzug war er angekommen am frühen Morgen. Man hatte ihn als medizini­schen Gutachter zu einem großen Prozeß berufen, und er hatte sich gefreut, einmal herauszukom­men aus dem stillen Landstädtchen, wo er seit vielen Jahren als Chirurg seine Praxis aus­übte, früh verwitwet und einsam geworden. Für wen arbeite ich eigentlich? fragte er sich oft . . . Er hatte keine Kinder und hatte nicht die Gabe, sich das Leben leicht zu machen. Das einzige, was er sich zuweilen gönnte, war eine Reise nach der Großstadt, um ins Theater zu gehen und Fanny wiederzusehen, mit der ihn seit vielen Jahren eine Freundschaft verband.

Sie lebte in der Großstadt/ und sie schrieben einander oft. Ihre amüsanten, lebhaften Briefe waren ihm Lebensbedürfnis geworden und seine einzige Freude. Sie kamen immer Sonntags auf seinen Frühstückstisch. Und auf den Sonntag­morgen, die einzige Zeit, da man in Ruhe früh­stücken und seine Zeitungen lesen konnte, freute sich der alte Herr die ganze Woche im voraus.

Bei dieser Reise war es, als habe sich der Him­mel einen Spaß daraus gemacht, ihm seine Freude zu versalzen. Es regnete und stürmte, als er ankam. Er hatte im Schlafwagen schlecht geschlafen, weil sein Bett gerade über der Achse lag; nach einem hastig genommenen Frühstück im Hotel mußte er sich beeilen, um einen Kollegen vor Beginn der Schwurgerichtsverhandlung zu sprechen. Er bekam keine Taxe mehr, alle vor- überfahrenden Wagen waren besetzt. Schließlich mußte er auf einen übervollen Omnibus sprin­gen, und als er nun da stand, eingeklemmt zwi­schen den Fahrgästen, meldete sich sein Herz wie­der .. . das dumme, alte Ding. Es mahnte:

dein Leben gefällt mir nicht, das ewige Rasten und Jagen vertrag ich nicht mehr, du bist sechzig Jahre alt, du mußt dich und mich schonen . . . Er hatte einen leichten Schwindelanfall, als der Wagen vor dem Gerichtsgebäude hielt.

Die Sitzung hatte schon begonnen, und die Ver­höre zogen sich stundenlang hin . . . In der kur­zen Mittagspause gelang es ihm endlich, den Kollegen am Büfett zu sprechen, während sie in Eile ein Schinkenbrot zu sich nahmen. Dann ging die Sitzung weiter. Als er sein Gutachten ab­geben konnte, war es Abend geworden. Im Wagen zum Hotel erinnerte er sich, daß Frau Fanny mit dem Tee auf ihn gewartet hatte. Aber die Teestunde war vorüber. Schade, dachte er. „Ihr Eeplauder beim Tee war so reizend. Das hab' ich mal wieder versäumt. Nach der An­kunft in seinem Zimmer rief er sie an.

Sie war sehr böse. Böse auf ihn, auf das schlechte Wetter und die endlose Sitzung. Sie hatte sich so auf ihn gefreut, und alles so nett vorbereitet. „Wie lang sind Sie noch hier?" meinte sie.

„Nur bis morgen früh. Mit dem ersten Zug muß ich wieder zurück, hab' einen Termin."

„Sie haben immer Termine," sagte ihre Stimme. „Ihr ganzes Leben besteht nur noch aus Terminen und Sitzungen. Wann endlich werden Sie sich einmal zur Ruhe setzen?"

„Ich glaube, nie," sagte er. „Das Leben geht mit einem um wie mit einem Scheuerlappen. Wenn man verbraucht ist, wirft's einen in die Ecke." Er hatte nicht einmal im Sommer Ferien gemacht, nicht machen können vor Arbeit. „Viel­leicht geh' ich Weihnachten für acht Tage in den Schnee." Er war früher ein leidenschaftlicher

Bergsteiger gewesen, aber diese Zeiten waren vorbei. „Das Herz, das dumme Ding . . . Frü­her hat man gar nicht gewußt, daß man ein Herz hat, Fanny . . . Aber ich werde in zwei Jahren sechzig."

„Das ist doch kein Alter für einen Mann", sagte sie. „Von denen zwischen vierzig, und sech­zig sind die größten Taten verrichtet worden. Ein Bismarck, ein Napoleon, ein —"

„Sie haben recht," meinte er. „Und tröstet mich, daß Sie viel Hoffnung auf meinen grauen Bart setzen, er ist sehr grau geworden, seit wir uns nicht gesehen haben, Fanny. Schad', datz man sich immer so hat eilen müssen . . . Also, seien Sie mal nett zu mir, ich bin dann heut abend auch sehr nett zu Ihnen," versprach er ihr. „Nehmen Sie sich einen Wagen, und wir essen dann zusammen."

Und als sie noch eine Einwendung machte, wie­derholte er: „Nein, nein. Sie werden kommen. Ich befehle es Ihnen. Um neun Uhr erwarte ich Sie in der Hotelhalle." Und er hängte rasch ab.

Wollen doch mal sehen, ob sie kommt, dachte er . . . aber sie würde schon, sie hatte ihn noch nie im Stich gelassen, sie war eine verläßliche und pünktliche Frau. Schade, daß ich sie zu spät kennengelernt habe. Aber als er sie zum ersten­mal sah, war sie die Frau eines Freundes, und er selbst war verheiratet. Als Fanny dann ihren Mann und er seine Frau verlor, hätte einer Ehe mit ihr nichts im Weg gestanden, aber die Ge­fühle verändern sich im späteren Leben. Er freute sich jedesmal, sie wiederzusehen, aber es war nicht mehr die Rede von Liebe zwischen ihnen. Man ist alt geworden, dachte er. als er sich in dem tiefen Sessel an der Heizung niederließ. Aber er konnte nicht schlafen. Die warme, trockene Luft im Zimmer — sein Herz hämmerte. Das beunruhigte ihn. Er kleidete sich an, bestellte einen Tisch zum Abend, ließ frische Rosen darauf-

stellen und ging dann durch die verregneten Straßen. Die frische Luft tat ihm wohl. In einem Kino in der Nähe lief ein Bergsteigerfilm.

Er setzte sich in den halbdunklen Raum. Fast alle Reihen waren dicht besetzt. Neben ihm saß ein junges Paar, das weltverloren auf die flim­mernden Bilder schaute und ihn gar nicht be­achtete.

Der Professor kannte all diese Gipfel und Grate, die Matten und kleinen Häuschen. Ja, er glaubte sogar die Sennerin zu kennen, die eben aus dem Haus trat. Aber was war denn das nur heut mit seinem Herzen? Ein Schwindel packte ihn, als ob er selbst den hohen Berg be­stiege und sich mit Steigeisen da hinaufschwänge. Alles flimmerte und flirrte ihm vor Augen, sein Herz hämmerte und stockte dann plötzlich, nein, es pochte ja wieder . . . aber so. matt. Die Mu­sik summte ihm im Kopf. Er schloß die Augen. Was war das nur heute? Ich bin müde, dachte er. Nach einem Glas Wein würde er wieder frischer sein . . .

Plötzlich neigte er sich vornüber . . . Sein Nach­bar glaubte, er wolle besser sehen, aber als der

Film zu Ende war, der Vorhang sich schloß und es hell wurde, lag der graue Kopf des alten Herrn immer noch auf der Lehne des Sessels einer Dame in der Reihe vor ihm. Man wurde aufmerksam auf ihn. Sein Nachbar rüttelte ihn an der Schulter, aber der Fremde gab keine Antwort mehr. Er war tot . . .

„Herzschlag", stellte der Arzt fest, den man her­beiholte. Man fand in seinem Notizbuch seinen Namen und die Adresse seines Hotels. Ein Wa­gen brachte ihn dorthin.

Als Frau Fanny angefahren kam, durch Regen und Sturm, um neun Uhr, fand sie ihren Freund in dem kleinen Vorraum neben der Halle auf­gebahrt.

„Herzschlag — der glücklichste Tod," meinte der Hoteldirektor.

Als sie sich über ihren Freund beugte, um ihm die Augen zu schließen, erschüttert vor dem stillen Antlitz eines Menschen, mit dem sie vor ein paar Stunden noch gesprochen hatte, schlug die Uhr neun. Und sie hörte ihn: „Sie werden kommen heut abend. Um neun -erwarte ich Sie im Hotel ..."

Unrasiert und fern der Heimat

Seegejchichten von Heinrich Däuser

Die Faßgurken

In einer warmen regnerischen Nacht schleichen wir mit sechs Mann nach achtern. Auf dem Achterndeck liegen große Kohlenhausen, die Re­serve, die erst im Verlauf der Reise in die Bun­ker geschafft werden soll. Vom achteren Mast hängt eine Sonnenbrennerlampe herab, die das Deck taghell beleuchtet Von der Brücke her kann das Deck eingesehen werden. Kriechend, zenti- meterweise, die wenigen Schattenstellen sorgsam benutzend, so überwinden wir in stundenlanger

Arbeit dieses Hindernis. Endlich stehen wir vor der Tür des Provianthauses, die natürlich ver­schlossen ist. Sie wird von Fachleuten erbrochen. Eine schmale Treppe steigen wir hinab in den Bauch des Schiffes, das in der hohen Dünung stampft, so daß die Schraube unter uns donnernd aus dem Wasser schlägt.

Verdammt nochmal! Wir sind noch immer im Vorraum, zum eigentlichen Proviantkeller führt eine zweite Tür, die ist so stark, daß wir sie nicht erbrechen können. Aber da steht unter der Treppe