Ausgabe 
(16.12.1934) Nr. 347
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Nr. 347 / 4. Vierteljahr

Sonntag. 16 . Dezember

Einzelpreis 15 Rpf.

Neuer Anschlag in der Sowjetunion

Moskau, 15. Dezember.

Wie amtlich gemeldet wird, wurde in der Kol- lektivbaucrnwirtschaft Krasni-Lusch im Odessa- Gebiet ein Anschlag auf den neugewählten Vor­sitzenden der Ortssowjets, Kara, verübt. Mehrere Unbekannte gaben auf Kara, der Kommunist ist, durch ein Fenster Schüsse ab und flüchteten. Kara wurde verwundet. Auf Veranlassung der Bun- desdireltion des Innern (ONPll.) reisten zahl­reiche Beamte nach Krasni-Lusch, um dort Nach- sorschungen einzuleiten. Es wurden zahlreiche Verhaftungen vorgenommen.

Die Untersuchung hat, nach einer weiteren Mit­teilung, ergeben, daß es sich um einen politischen Anschlag gegen einen Sowjetbeamten handelt.

Sieg über die Not

Appell zum Eintops-Erogkampftag!

Im Feldzug des gesamten deutschen Volkes ge­gen Hunger und Not, gegen Elend und Kälte ist der 16. Dezember wieder ein Großkampftag. Nach der gewaltigen Sammelschlacht der Groschen und Pfennige vorn vorigen Sonntag, durch die neue Mit­tel für die unermeßlichen Aufgaben des Winter- hilsswerkes ausgebracht wurden und die ein Prüf­stein war für die innige Verbundenheit von Füh­rer und Volk, soll dieser Sonntag, der 3. Advent, ein Kampftag sein für die Bereitwilligkeit eines jeden Volksgenossen, einmal im Monat wenigstens ein ebenso einfaches und bescheidenes Mittag zu essen, mit dem sich Millionen unserer Volksgenossen tagtäglich begnügen müssen.

Was wir dabei gegenüber den gewohnten Mahl­zeiten an Ausgaben sparen, das — und möglichst noch ein wenig mehr — laßt uns denen spenden, denen wir von ganzem Herzen auch mal ein or­dentliches und kräftiges Mittagbrot ermöglichen wollen. Die marxistische Solidarität zeigte sich bei den kostspieligen Schlemmergelagen der Bonzen und Arbeiterverräter, in ihrem Luxus und ihrer Prasserei zu einer Zeit, da Millionen der von ihnen verführten und ausgesaugten deutschen Ar­beiter arbeitslos waren und in menschenunwürdi­gen Behausungen am Hungertuch nagen mußten. Die felsenfeste Verbundenheit zwischen Wohlhaben­den und Notleidenden jedoch, zwischen dem Arbei­ter der Faust und dem der Stirn, kurz zwischen allen Volksgenossen, das ist die rechte und ehren­volle Solidarität, das ist die nationale Solidarität des nationalsozialistischen Deutschlands.

Wenn wir dieses solidarische Empfinden an diesem Sonntag wieder so recht zum Ausdruck bringen, dann werden wir nicht nur die leibliche Not unserer Armen und Hungernden lindern, son­dern in nicht geringerem Maße das neuen Mut und neue Kraft erzeugende Gefühl: wir werden von unseren Volksgenossen nicht im Stiche ge­lassen, Lei ihnen hervorrufen. Merken die Hilfs­bedürftigen, daß das ganze Volk um ihretwillen sich Beschränkungen auferlegt und an ihrem Schick­sal so eine ehrliche und hilfsbereite Teilnahme beweist, dann wird auch der Schatten der seelischen Not von ihren kummervollen Gesichtern weichen.

Der letzte Eintopfsonntag brachte mit seinem großartigen Ergebnis von fast 5 Millionen Reichs­mark einen die früheren Eintopfsonntage über­treffenden Erfolg. Sorgt dafür, deutsche Volks­genossen, daß der 3. Adventssonntag in Anbetracht des nahen Weihnachtsfestes einen noch größeren Lieg über die Not erringt.

Am 23. Dezember im ganzen Neich:

Weihnachten wahrer Volksgemeinschaft

Die NGDAP. bringt jedem Weihnachtssreude

Berlin, 15. Dezember

Die selbstverständliche Verbundenheit der na­tionalsozialistischen Bewegung mit allen Volks­genossen, besonders aber mit den ärmeren und bedürftigen, wird am 23. Dezember in ganz Deutschland einen besonders starken Ausdruck er­halten.

Für diesen Vorabend des Weihnachtsfestes sind von der Reichspropagandaleitung der NSDAP. volkstümliche Feiern im ganzen Reiche geplant. In den meisten Städten sollen auf Straßen oder Plätzen mächtige Weihnachtsbäume brennen, und an langen, weißgedeckten Tischen werden Kinder bedürftiger Volksgenossen vom Winterhilfswerk, der Parteiorganisation und der SA. beschert werden.

Die Reichspropagandaleitung der Partei hat bereits seit Wochen dafür Sorge getragen, Laß die geplanten Feiern gut vorbereitet werden. Für die Durchführung ist in jedem Falle der zustän­

dige Propagandaleiter der PO. verantwortlich. Er arbeitet mit der zuständigen Winterhilfswerk- Dienststelle zusammen und zieht für die Feier selbst alle Gliederungen der Partei, SA., SS., NS.-Frauenschaft, HZ., BDM. usw. heran. Der Ordnungsdienst soll von der SA. oder SS. durch­geführt werden.

Die Feiern werden auf weihnachtlich geschmück­ten Plätzen in den Arbeitervierteln der Städte abgehalten. Sie sollen wirkliche Feiern aller Volksgenossen sein. Kapellen der SA. oder der PO. werden Weihnachtslieder spielen und hier und da wird auch eine Gruppe der H2., eine Singschar oder ein Schulchor zum guten Gelingen der Feier beitragen. Vor der Bescherung wird ein Politischer Leiter eine Weihnachtsansprache halten und über den Sinn der Feier sprechen.

Die Bescherungen der Kinder werden gründlich vorbereitet und besonders bedürftige Volksgenossen werden dazu durch die Blockwarre

der Partei eingeladen werden. Als Geschenke für die Kinder kommen in erster Linie Aepfel, Nüsse, Süßigkeiten und Spielwaren in Frage. Die Gaben werden auf weißgedeckten Tischen ausgebreitet und vom Lichterglanz der Weihnachtsbäume über­strahlt werden. Es wird auch Vorsorge getroffen werden, daß bei ungünstiger Witterung die Feiern in benachbarte Säle oder Hallen verlegt werden können.

Auch sonst ist die nationalsozialistische Bewe­gung bemüht, die Weihnachtstage zu einem Feste aller Volksgenossen zu machen. Innerhalb der Volksgenossenschaft der Betriebe, der Büros, der Blocks usw. soll dafür gesorgt werden, daß allein-- stehende Personen ohne Rücksicht auf ihre wirt­schaftliche Lage am Heiligen Abend von Familien mit Kindern eingeladen werden. Junggesellen sollen zu armen Familien gehen und mit diesen den Heiligen Abend feiern. Umgekehrt sollen arme alleinstehende Volksgenossen und Familien von wohlhabenden Familien eingeladen werden.

Lord Rothermere in Berlin

Der englische Leitungskönig als ehrlicher Realpolitiker

(81 xeuer Verteilt ck Bcrlihf 15. Dezember.

Der Name Röthe^mere is^Tiicht nur für die englische, sondern darüber hinaus für die Welt­öffentlichkeit ein Begriff. Dieser Lord, den man als den englischen Zeitungskönig be­zeichnen kann, spielt eine ähnliche Rolle wie Hearst in Amerika. Er ist der Inhaber der großen Londoner Tageszeitungen „Daily Mail", „Daily Mirror", „Evening News", „Sunday Pictorial", „Sunday Dispatch" und beherrscht außerdem in kontrollierender Eigenschaft ungefähr 25 weitere englische Zeitungen, deren publizistische und pro­grammatische Bedeutung nicht unterschätzt werden darf. Er ist einer der wenigen Zeitungsoerleger der Welt, die neben ihrer finanziellen Macht­stellung auch aktiv in die eigentliche Mei­nungsbildung publizistisch und journalistisch eingreifen. Die Artikel aus der Feder Rotyer- meres finden ein Weltecho, das sich würdig und respektierend neben das Echo anderer politischer Publizisten des Auslandes zu stellen vermag.

Schon lange vor der Machtübernahme Hitlers, im Jahre 1931, vertrat er in seinen Blättern mit klarem Zukunftsblick die Meinung, daß der Füh­rer der kommende Mann in Deutschland sei, die einzige Persönlichkeit, die das Schicksal dieses schwer geprüften Landes zu meistern vermöge. Man hat ihn belacht und bespöttelt, sowohl im Ausland als auch in der damaligen deutschen Presse, man bezeichnete ihn als einen Phantasten. Aber seine Vorhersage ist eingetroffen, und die öffentliche Meinung Englands hat sich dies ge­merkt. Man beginnt drüben auf dem Jnselreich einzusehen, daß die Meinung Rothermeres über Deutschland nicht von der Hand zu weisen ist.

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Zu Beginn dieses Monats schrieb der Lord in der „Daily Mail" über Deutschlands Flugwesen, nachdem er für sein eigenes Land die Steigerung und Stärkung des englischen militärischen Pflicht­gefühls gefordert hatte, folgende sensationellen Sätze: „Ich bin einer derjenigen, die des Glau­bens sind, daß England und Deutschland Freunde sein sollten. Es besteht kein ein­ziger Streitpunkt zwischen den beiden Ländern. Viele von den über Deutschland in England ver­öffentlichten Nachrichten sind der reine Mondschein. Herr Hitler ist ein glänzender Führer eines gro­ßen Volkes. Das Hitler-Regime steht durchaus nicht vor dem Zusammenbruch, und Deutschlands Wirtschaftslage ist alles andere als tragisch . . . . Wenn es nach meinem Belieben ginge, dann würde ich die Kriegsschuld-Klausel im Versailler Vertrag aufheben. Ich würde Deutschland alle afrikanischen Kolonien, besonders diejenigen unter dem Mandat der britischen Regierung, zurück­geben."

Wie objektiv dieser englische Zeitungskönig die politische Lage zu beurteilen vermag, beweist sein in der vorgestrigen Ausgabe der „Daily Mail" ge­gebener erster Bericht über seine Reise durch das Saargebiet, von wo aus er direkt nach Ber­lin gekommen ist. Diese seine letzten Zeilen atmen Bewunderung für die deutsche Saarbevölkerung und den Geist, der in diesem kleinen Ländchen le­bendig ist. Geben wir Rothermeres Eindrücke mit seinen eigenen Worten wieder:

„Was die Einwohner des Gebietes betrifft, so fühlen sie instinktiv, daß die Zeit für sie gekommen

ist, um ihren Anteil an den Schicksalen ihres Va­terlandes zu nehmen, das nach meiner persönlichen Ansicht unter der begeisternden Führung des Herrn Hitler glänzender sein wird denn je. Nach meinem Besuch des Saargebietes ist es mir deutlicher denn je zuvor, wie schwer die Gefahren waren, die wir im Zusammenhang mit diesem Teil Europas ge­habt haben. Besonders würde die Verwendung französischer Truppe« im Saargebiet unter irgend­einem Vorwand zu einer unberechenbaren Kata­strophe geführt haben. Die fremden Mächte haben keine Rolle mehr auf deutschem Boden zu spielen."

Isothermere, einer Anregung Pg. von Ribben- trops, des Beauftragten des Führers, filgend, weilt in diesen Tagen im neuen Reich, für das er so viel Verständnis hat und das er in seinem Leben und Wirken wieder einmal persönlich schauen und erleben will. Ist doch seine Reise nach Berlin ein sichtbarer Ausdruck dafür, daß er seine politischen Postulate nicht aus der Vogel­perspektive, sondern aus Ueberzeugung und ehr­licher realpolitischer Anschauung formt. Aus seiner politischen Kritik spricht kein weltfremder Theoretiker, sondern ein Mann, der der das Leben und die Welt kennt. Bei seinem diesmaligen Besuch wird er sicher die Möglichkeit haben, die maßgebenden Männer des neuen Deutschland kennenzulernen und mit ihnen in einen persönlichen Gedankenaustausch eintreten zu können. Dieser Besuch wird seine Wirkung nicht verfehlen und den Lord sicher noch mehr als bisher von der Richtigkeit seiner politischen Mei­nung und Haltung überzeugen. Dr. 8.

K. IAÜ. Der Riesenprozetz vor dem Kriegsgericht in Kowno, der in diesen Tagen unter betont militärischen Begleiterschei­nungen gegen 126 Memeldeutsche eröff­net wurde, gehört zu den hochpolitischen „gerichtlichen" Verfahren, in denen der eigentliche Angeklagte — der Kläger ist. Fürwahr, die Rollen sind in diesem Prozeß bis zur letzten Zuspitzung vertauscht! Aus der Anklagebank sitzen zwar Memelangehö- rige deutschen Volkstums, aber ihr ganzes Verbrechen besteht darin, daß sie von den ihnen feierlich garantierten Rechten Gebrauch gemacht haben. Die den Hauptangeklagten Neumann und Saß, den Führern der verbotenen „Sozia­listischen Volksgemeinschaft" und der „Christ­lich-sozialistischen Arbeitsgemeinschaft" gegen­über vorgebrachte Behauptung, ihre Parteien seien staatsgesährlich gewesen, ist ebenso un­haltbar wie die Beschuldigung, daß die An­geklagten geheimen, von Deutschland aus geleiteten Organisationen angehört hätten, die das Memelgebiet im bewaffneten Auf­stand von Litauen losreißen wollten. Aus den Kownoer Verhandlungen wird sich jeden­falls für jeden vorurteilslosen Juristen er­geben, wie lächerlich unbrauchbar das „Mate­rial" der litauischen Anklagebehörde gegen die geknechteten, unschuldigen Memeldeut- schen ist. Wer aber zieht, so müssen wir fra­gen, Litauen zur Rechenschaft für die allem Völkerrecht hohnlachende Unterdrückung des deutschen Volkstums an der Memel, für die Knebelung der deutschen Presse, die un­menschliche Behandlung der in litauischen Ge­fängnissen schmachtenden Angeklagten, die Entdeutschung der Memel-Schulen, die Be­hinderung des Landtags, dem Volkswillen Ausdruck zu geben? Die „Basier Nach­richten" fassen den Stier bei den Hörnern, wenn sie nach einer Schilderung der unhalt­baren Zustände im Memelgebiet zu dem Schluß kommen: „Recht und Ordnung kann im Memelgebiet nur wieder hergestellt wer­den, wenn sich die Signatarmächte des Memelstatuts endlich zum Eingreifen ent­schließen i . . Das Treibenlassen könnte sehr gefährlich werden!"

Der französische Außenminister Pierre Laval bereitet sich seit Tagen auf seine Zu­sammenkunft mit dem italienischen Staats­chef vor. Mit der Gründung einer „lateini­schen Entente" wollte bekanntlich Lavals Vorgänger, Barthou, sein am Quai d'Orsay ausgeklügeltes Bündnissystem krönen. Ein tragisches Schicksal hat seinen Vorsatz nicht zur Tat ausreisen lassen, aber der Plan einer freundschaftlichen Bereinigung aller wesent­lichen französisch-italienischen Streitfragen wurde sowohl in Paris wie in Rom nicht fallen gelassen. Es heißt, daß Laval seine Reise nach Rom erst antreten werde, wenn die Verhandlungen mit der italieni­schen Regierung zu greifbaren Resultaten geführt haben und am Tiber die Verein­barungen fix und fertig zur Unterschrist be­reitliegen. Bei diesen Abkommen dürfte es sieb nicht nur um kleine Erenzregulierungen in Lybien, die Reform des Aufenthaltsrechts der Italiener in Tunis und den Bau einer

felix Aiemenkasten

Weihnachtliche Vorgefühle

Meine Tochter ist neun Jahre alt, und ein eige­nes Einkommen hat sie nicht. Bei ihr kommt nur das ein, was bei mir und Mütti wegkommt, darauf lauert sie mit scharfem Blick und scharfer Klaue, aber hin langt es nie, und letzten Endes bin ich immer derjenige, der den letzten Seufzer zu tun hat. Bei mir leiht sie sich Geld, um Mütst etwas schenken zu können, und bei Mütti leiht sie sich Geld, um mir etwas schenken zu können. Zurück­gezahlt wird es am Sankt Nimmerleinstage. Aber das darf man nicht sagen, sie würde sich sonst empören.

Sie ist wie die Zigeuner. Wochenlang vor dem Fest bestiehlt sie mich auf eine gelinde, liebe­dienerische Weise. Bis an eine gewisse Grenze heran, die aber noch nicht gekommen ist, stelle ich mich so dumm und weich, daß es ihr helle Freude macht. Mir aber macht es dafür eine inwendige, dumpfe, sehr warm anzufühlende Freude, und so hebt sich das aus, eins mit dem anderen.

Ich gehe nun öfter mit Mariannchen aus. Wir gucken dann in die Läden und überlegen uns, was Marianne ihrer Mütti wohl am besten schenken könnte. Jeder kleine frühere Seufzer von Mütti ist hier wohl vorgemerkt und angeschrieben und kchrt nun als Vorschlag für Geschenke wieder, ckuei Mark sind ihr aber nur bewilligt, und zwei Mark sind bald dahin. Und Müttis Wünsche ^ otz wehe — sind mit zwei Mark nicht immer vüi rn erfüllen. Es ist auch nicht - sV. -b mit Marianne jetzt snasterenzugehen. An jedem «cha.ü.-r>,ter u-igt sie ,.nr den Arm Huld aus den, Aumps und sieht hinein in die' Auslagen und sieht dann wieder auf mich, und ich wieder mache mir om, ^p-.ß, ein gräßlich nüchterner Mensch zu sein,

der immerfort Zahlen nennt, lauter Zahlen, die meist über zwei Mark noch hinausgehen. Für Ma­rianne aber lebt Mütti in einer dermaßen golden schimmernden Vorstellung, daß alles nicht hin- langt, -um für Mütti genug und gut genug zu sein, und neulich sagte sie mir mit wahrer Em­pörung, daß es einfach unerhört sei, für eine ein­fache Schale aus Porzellan acht Mark zu ver­langen, und zweie sind nur da. Acht Mark!!

Zuletzt haben wir etwas ganz geradezu Einziges gefunden, aber es kostete zwei Mark und fünfzig Pfennig und „ging" also nicht. Marianne aber kaufte es trotzdem. Und das muß man gesehen haben: wie sie das Zweimarkstück heraus­nahm, als sei es nichts, und wie es hinschepperte über den gläsernen Ladentisch, und wie dann die Kinderfingerchen (es ist jetzt immer etwas Tinte daran, denn Marianne lebt in der Welt der Wissenschaften), wie dann die Kinderfinger herum- klaubten in der Tiefe des Geldbeutels, und wie die fehlenden fünfzig Pfennig beinahe pfennig­weise zum Vorschein kamen.

„Die hab' ich mir doch gespart", sagte sie mir, „die hab' ich mir doch zurückgelegt!"

Denn sie legt gern zurück. Sie schnappt, wo sie schnappen kann, aber aus gibt sie nur im Sommer. Da bekommt es der unwiderstehliche Eismann: im Winter aber legt sie alles zurück. Es erwies sich. daß sie schon seit Oktober daran gedacht hatte, daß im Dezember Weihnachten käme. Aber viel hat sie nun nicht mehr an Zurückgelegtem. Nur noch vierzehn Pjennige. Die sollen für Mütti auch noch dranfgehen.

Für zehn Pfennig gibt es nämlich kleine Blu- mentöpfchcn mit einer künstlichen Blume darin.

und damit will sie das große Geschenk aus­schmücken. Und das tut sie.

Ich sage: „Gib mal her!" Und sehe hinein in die kleine Geldbörse und tue drei Groschen hinein, ohne daß sie es ahnt.

„Siehst du", sage ich, „nun bist du dein Geld los!"

„Ja", sagt sie, „aber dafür war es doch auch. Es ist bloß immer gleich alles so teuer."

Wir gehen weiter von Laden zu Laden und an­dauernd redet sie davon, wie schön das schöne Ge­schenk doch ausgefallen sei, aber ganz echt ist ihre Munterkeit nicht mehr. Die zwei Mark können ja hin sein, aber die fünfzig Pfennig, das war hart. Und der Groschen außerdem. Aber vier Pfennig sind noch da.

„Für vier Pfennig kaufe ich Garn, wenn du mir dann vielleicht einen Pfennig noch dazugibst."

Das wären dann für fünf Pfennig Wollgarn, und daraus kaun man allerlei häkeln, und das Gehäkelte, besonders wenn es bunt ist, sieht prachtvoll Uns und wird Mütti sicher sehr erfreuen. Am besten ist es, man häkelt einen blauen Grund, denn blau ist die Treue, und mitten darauf legt man das heiße, kleine, rote Herzchen, damit es erzählt von der vielen Liebe, die da ist und so gerne schenken, schenken und nochmals schenken will

„Und Vati? Kriegt Vati denn gar nichts?"

Aber ich weiß schon: für mich arbeitet sie in jeder freien Stunde an einem Ding, das ich be­nutzen soll, um meine Stahlklammern hineinzu­legen. Das kann sie mir nun unmöglich sagen Darum sagt sie gar nichts und sieht mich nur furchtbar schlau an, denn ich bin dumm.

Und so kommen wir wied beim. aber zu Hause ist Mütti nicht da und so g.hen wir überhaupt andauernd umeinander herum, jeder für sich, und jeder macht seine Geheimnisse zurecht, und dazu ist gerade jetzt die Zeit, in der Bratapfel brutzeln und

öfter einmal allerlei Knuspriges durch die Woh­nung riecht, und so oft es läutet, und es steht je­mand da und möchte mit bittendem Blick etwas sagen, so oft durchsticht es jedem von uns das Herz, und wenn es eine Trübung gibt in diesen Tagen, dann ist es die, nicht alles geben zu können. Dies

aber ist ein Gefühl, das heutzutage viele haben. Es ist von allen Gefühlen das schönste. Von Weih­nachten geht es aus, aber es ist von einer ahnen­den Freude durchzittert, daß es Deutschland meint und alle, die dazugehören, denn so reich und rein war uns Weihnachten noch nie nahegekommen.

Wie ein Märchen aus 1001 Sacht...

Sie ist modern geworden, die Türkei. Seit der Ehasi, der tatkräftige Präsident Mustafa Kemal Pascha, das Staatssteuer in seinen eisernen Händen hält, hat die junge Republik mit allem gebrochen, was dem Lsmanenreiche aus alter Zeit lähmend anhaftete.

Und trotzdem: Vieles ist auch heute noch iu der Türkei, was nur zu lebhaft an die längst ver­gangene Herrlichkeit des Kalifen Harun al Raschid erinnert-

Kürzlich wurde aus dem Stäbe des Ghasi ein höherer Polizeibeamter entlassen, der sogenannt« Vorkoster, der für gewisse Diätstörungen des Präsidenten haftbar gemacht worden ist. Vor­koster -? Man stutzt bei diesem seltsamen

Titel. Hält sich etwa der Ghasi einen Spezial- überwacher seiner Speisen? Jawohl, es ist so wie in alter osmanischer Zeit.

Es muß ein sehr hoher und verantwortlicher Posten sein, wenn man in der Türkei das Amt eines Vorkostors bekleidet. Der Staatshaushalt weist dafür nach unserem Geld sllnfundvierzig- tausend Reichsmark als Gehalt aus! Und dabei dürfte die tägliche Arbeitszeit dieses eigenartige,! Polizeibenmten kaum eine Stunde übersteigen

Der wahre Sinn der Tätigkeit dieses Vorkoster-. ist etwas gruselig. Seine Hauptaufgabe besteh« nämlich darin, von allen Speisen, die auf den Tisch Mustafa Kemals kommen sollen, als erster zu essen und dann ergeben abzuwarten, ob sich

nicht im Verlauf einer Stunde bei ihm Ver- giftungserscheimingen bemerkbar machen oder gar der Tod eintritt. Zur Beruhigung ängstlicher Gemüter sei jedoch gesagt, daß der Vorkoster bislang noch kein einziges Mal gestorben ist. Man hätte ihn sonst auch kaum entlassen können — — —

Der Vorkoster des Präsidenten wirkt fast wie ein Schatten des Ghasi. Ob Kemal Pascha in Ankara regiert, ob er auf Reisen ist, der Vorkoster muß immer dabei sein. Wenn in der Küche die Speisen angerichtet werden, steht er dabei und überwacht mit argwöhnischen Blicken jeden Hand­griff, wägt im Geiste jede Gewllrzdosis mit ab und läßt sich dann von allem eine Probe reichen.

Es muß freilich gesagt werden, daß diese rein genießerische Tätigkeit wohl doch nicht ganz ve» Arbeitstag des Vorkosters ausfüllt. Er ist sa nhließlich ein hoher Pollzeibeamter, und sein ständiger Aufenthalt in Küche und Keller wird ihn schon manches erfahren lassen, was der Staatspolizei vielleicht nicht ganz uninteressant ist. Man zahlt ihm sein hohes Gehalt wohl nicht ganz umsonst oder nur daiür, daß er mit guten Dingen seinen Leib pflege.

Sei dem aber. wie ihm wolle Ein kleiner Hauch ueiichalleuer Kalifeuromaiitik schwebt dennoch um diesen Mann, dem in letzter Instanz die Sorge um das leibliche Wohl des Präsidenten der türkischen Republik anvertraut ist. Viktor ?Isü.