Ausgabe 
(1.8.1934) Nr. 210
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Nr. 210 / 3. Vierteljahr

Mittwoch, i. August

Einzelpreis 15 Rpf.

Hindenburg erkrankt

Ernste Besorgnis

Neudeck, 31. Juli.

Der Herr Reichspräsident, der seit einigen Mo­naten an einer Blasenerkrankung leidet, hatte in Reudeck wesentliche Erholung gesunden. In völli­ger geistiger Frisch« und erfreulicher körperlicher Verfassung erledigte er seine Dienstobliegenhei­ten und war noch gestern in der Lage, Vortrage entgegenzunehmen. Eine leichte körperlich« Schwäch«, die seit einigen Tagen sich bemerkbar machte, hat jedoch in dieser Nacht zugenommen. Bei dem hohen Alter des Herrn Eeneralseld- marschalls ist daher ernste Sorge begründet. Die behandelnden Aerzte sind in Neudeck anwesend; fortlaufende Berichterstattung wird erfolgen.

- Weiter wurde aus Neudeck folgendes amtlich berichtet:Der Herr Reichspräsident nahm am Vormittag einen Morgenimbiß außerhalb des Bettes zu sich. Hierbei war er voller Teilnahme für seine Umgebung. Nach Rückkehr in das Bett trat ein ruhiger Schlaf ein. Fieber ist nicht vor­handen. Puls kräftig, zahlenmäßig erhöht, (gez.) Pros. Sauerbruch mit Dr. Krauß, Dr. Adam, Pros. Kausfmann.

Kurz vor Redaktionsschluß erhalten wir fol­genden Bericht:

Im Befinden des Herrn Reichspräsidenten ist kein« Verschlechterung eingetreten. Zu Mittag er­folgte ein« geringe Nahrungsaufnahme. Kein Fieber. Puls zufriedenstellend. Für die behan­delnden Aerzte (gez.) Pros. Sauerbruch.

Zu? Erkrankung des Reichspräsidenten drahtet unsere Berliner Schriftleitung:

Vor der Reichskanzlei haben sich Hunderte von Menschen versammelt, die in tiefem Ernst daraus warten, ob Reichskanzler Adolf Hitler von Bayreuth aus eintreffen wird. Auch vor dem Palais des Reichspräsidenten haben sich große Menschenmassen eingefunden, die schweigend Nachricht vom Krankenlager aus Neudeck erwarten.

Verbot derDeutschen Zeitung"

äub. Berlin, 31. Juli.

DieDeutsche Zeitung" wurde wegen eines zu der Erkrankung des Herrn Reichspräsidenten herausgegebenen äußerst taktlosen Kommentars in ihrer Abendausgabe vom 31. Juli auf acht Tage verboten. Die fragliche Nummer wurde beschlag­nahmt. Dem verantwortlichen Schriftleiter wurde sofort bis auf weiteres die Pressekarte entzogen.

Zur Unterhaus-Rede Baldwins

(Drahtbericht unserer Berliner Schriftleitung.)

8. ,lV. Berlin, 31. Juli.

Nach der Ansicht politischer Kreise in Berlin verdient die interessante Feststellung Baldwins in seiner Unterhausrede besondere Aufmerksamkeit, daß, wenn man an die Verteidigung Englands denke, man nicht mehr an die Kreidefelsen von Dover denke, sondern an den Rhein. Diese Worte zeigen deutlich, wie weit England schon dem Einfluß des französischen Generalstabs unterlegen ist. Da in politischen Kreisen der Plan ernsthaft erörtert zu werden scheint, in Frankreich, Bel­gien und auch in dem neutralen Holland eng­lische Flugplätze anzulegen, ist kein Zweifel mehr erlaubt, daß sich die englische Luftrüstung in erster Linie gegen Deutschland richtet. Es zeigt uns darüber hinaus, wie weit die militäri­schen Besprechungen zwischen den englischen und französischen Militärs von Erfolg waren. Deutsch­land in seiner gegenwärtigen Wehrlosigkeit zur Luft ist somit in seiner Sicherheit aufs schwerste bedroht, um so mehr, als sich England auch poli­tisch in die französische Paktpolitik verwickelt hat.

Italienische Fahnenflüchtige

Paris, 31. Juli.

In der Nacht zum Dienstag meldeten sich zwei italienische Soldaten des 53. italienischen Infanterieregiments, das im Tal von Aosta Uebungen abhält, bei dem französischen Gen­darmerieposten in Moutiers in den Alpen. Beide Fahnenflüchtige wurden, nachdem ihnen die Waffen abgenommen worden waren, nach Jnner- srankreich abgeschoben.

Zwölf japanische Offiziere von chinesischen Räubern ermordet? Wie eine mandschurische Agentur meldet, sollen chinesische Banditen in Jnkoou hundert japanische Soldaten mit zwölf Offizieren überrumpelt und gefangengenommen haben. Nach unbestätigten Meldungen sollen die Offiziere von den Räubern erschossen worden sein. Japanische Flugzeuge haben darauf die Vororte in Jnkoou mit Bomben belegt.

Dollfuß-Möröer hingerichtet

Zwei Todesurteile im Prozeß wegen des Aufstanbes in Oesterreich

Wien. 31. Juli.

Die beiden Hauptangeklagten im Prozeß wegen der Ermordung des Bundeskanzlers Dr. Dollfutz, Otto Planetta und Franz Holz­weber, sind vom Standgericht zum Tode ver­urteilt worden. Die Aburteilung der übrigen Teilnehmer des Aufstandes erfolgt erst in der nächsten Zeit. Das Urteil des Standgerichts steht zunächst in keinem Zusammenhang mit der Klärung der Ursprünge und Zusammen­hänge des Aufstandes. Es handelte sich um die ausschließliche Aburteilung der beiden Personen, die als die unmittelbaren Atten­täter auf den Bundeskanzler Dollfutz vom Gericht erklärt worden sind.

Die Hinrichtung an Planetta und Holz­weber ist Dienstagnachmittag gegen 17 Uhr im Hofe des Landesgerichtshofes durch den Strang vollzogen worden. Das an den Bun­

despräsidenten eingereichte Gnadengesuch der Verteidigung war abgelehnt worden.

In der Begründung des Urteils gegen Planetta und Holzweber heißt es u. a.: Der den Angeklagten zur Last gelegte Tatbestand des Ver­brechens des Hochverrats sei einwandfrei er­wiesen. Die Angeklagten seien Mitglieder der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei, seien geständig, an der Aktion auf das Bundes­kanzleramt teilgenommen zu haben, und es sei ihnen bekanntgewesen, daß die Regierung ge­fangengesetzt werden sollte. Es seien insgesamt 150 Personen in das Gebäude eingedrungen, wo­mit bereits das Tatbestandsmerkmal der Em­pörung gegeben sei. Die beiden Angeklagten hätten als Rädelsführer gewirkt. Was das dem Planetta zur Last gelegte Verbrechen des Mordes anlangt, so sei er selbst geständig, auf den Bundes­kanzler geschossen zu haben. Für die Tötungs­absicht spreche insbesondere der Vorgang selbst.

In der vorangegangenen Verhandlung wurden die militärischen Sachverständigen vernommen. Generalmajor Pummerer sagte aus, es

könnten nur zwei Waffen mit Sicherheit als abgeschossen betrachtet werden, darunter die Waffe des Planetta. Von einem anderen Sachver­ständigen wurde sodann die Todesursache des Bundeskanzlers mitgeteilt. Dollfuß ist danach durch zwei Schüsse getroffen worden.

Auf die Frage des Vorsitzenden, ob der Bundes­kanzler bei entsprechend rascher Pflege hätte gerettet werden können, erklärte der Sachver­ständige, das der Bundeskanzler zwar langsam verblutet und durch die hierdurch hervorgerufene Schwäche verschieden sei, daß jedoch auch bei sofortiger Pflege nur das Leben verlängert, nicht jedoch hätte gerettet werden können. General­major Pummerer zeigte dem Gericht das tödliche Geschoß, das eine neunfach wirkende Energie gehabt habe. Der Sachverständige erklärte ferner auf Grund der Pulverwirkung, daß der erste Schuß aus einer Entfernung von 15 bis 20 Zenti­meter abgegeben worden sei. Die Beweis- aufnahme wurde dann geschlossen. In der Ver­handlung trat eine halbstündige Pause ein.

(Fortsetzung auf Seite 2)

^ ^ Lies Lke/s

Lies Haöes Altre

Berlin, 31. Juli.

Der Chef des Stabes hat folgenden Tages­befehl an die SA. erlassen: Am 1. August ist der SA.-Urlaub zu Ende. Mit diesem Tage setzt der volle Dienstbetrieb wieder ein; gleichzeitig entfallen alle mit dem Urlaub zusammenhängenden Einschränkungen zum Beispiel bzgl. der Arbeit in den Städten, des Tragens des Dienstanzuges usw.

Damit tritt die SA. in unserem Volk wie­der voll in Erscheinung, um sich ihrer Auf­gab» mit Entschlossenheit in vorderster Front hinzugeben. Allerdings in einem anderen Sinn, als das in den Urlaubsverfügungen der nunmehr beseitigten Verräter zum Aus­druck Kam. Die SA. will und mutz zurück zudem alten Kurs, der sie groß und stark werden ließ und von dem sie künstlich gegen ihren Willen abgelenkt wurde. Schlichtheit, vorbildliche Haltung in und autzer Dienst, Verbundenheit mit Volk und Bewegung sind die Grundsätze der SA., in» denen sie sich mit dem Führer verbunden weiß und die sie zum kraftvollen, unzer­brechlichen Instrument in seiner Hand machen.

Es lebe der Führer, es lebe Deutschland.

Der Chef des Stabes: Lutze.

ll. T. Der vierwöchige Urlaub der SA ist mit dem heutigen Tage beendet. Wir wollen bei dieser Gelegenheit 'nicht noch einmal die Vorgänge des 30. Juni aufrollen, sondern nur eins fest­stellen: In den Urlaub geschickt wurde die SA

von einer gewissenlosen Clique von Verrätern die es in den wenigen Monaten nach der Macht­ergreifung versucht und zu einem großen Teil auch schon fertiggebracht hatte, der SA eine völlig neue Richtung zu geben, eine Richtung, die wenig ja, wenn überhaupt noch etwas mit dem Geist zu tun hatte, der die SA. im Laufe der harten Entwicklung in langen Kampf- jahren hat groß werden lassen und der sie erst zu dem Instrument machte, das sich der Führer unter ihr vorstellte ,nämlich Garant des National­sozialismus zu sein.

Und nun zieht die SA. nach vierwöchiger Pause wieder das braune Hemd an und nimmt ihren Dienst wieder auf. Die bisher bestehenden Uebel­stände hat der Führer am 30. Juni durch stahl- harten Urteilsspruch beseitigt. An Stelle des Ver­räters Röhm berief er zum Chef des Stabes einen Mann, der seine Treue zu ihm nicht nur in dnr Kampfzeit, sondern auch in der Zeit des Auf­baues eines nationalsozialistischen Staates mit Wort und Tat bewiesen hat, den bisherigen Obergruppenführer und Oberpräsidenten von Hannover, Viktor Lutze.

Der neue Chef des Stabes bietet die Gewähr dafür, daß der alte SA.-Eeist, der die Bewegung hat groß werden und schließlich siegen lassen, wieder seinen Einzug in die Reihen der braunen Kämpfer des Nationalsozialismus hält, und daß der Geist der Unzufriedenheit der sich in der letzten Zeit so deutlich bemerkbar gemacht hatte, endgültig wieder verschwinden wird. Kamerad­schaft und Idealismus, diese beiden Faktoren waren Richtschnur für die SA. und werden es auch in Zukunft wieder sein.

Wir leben in einer zu schweren Zeit, als daß wir es uns gestatten können, innerhalb der eige­nen Reihen Zwistigkeiten entstehen zu lassen, und aus diesem Grunde ist es zu begrüßen, daß es eine der ersten Maßnahmen des neuen Chefs des Stabes war, ein freundschaftliches und kamerad­schaftliches Verhältnis zwischen SA. und

den übrigen Partei-Organisatio­nen herzustellen, ein Verhältnis, das für jeden alten Kämpfer der Bewegung vor der Machtüber­nahme eine Selbstverständlichkeit war und bis heute geblieben ist. Die Kampfverbundenheit aus den Jahren der Agitation ist wieder hergestellt worden. Einfachheit, Schlichtheit und. Verbunden­heit mit Volk und Bewegung, das sind die Grund­sätze, die künftig für die SA. wieder Gültigkeit haben werden und so zwangsläufig den alten SA.-Eeist wieder wachrufen.

Der alte SA.-Mann wird wieder zu seinem Recht kommen. Der Anfang hierzu ist bereits ge­macht. Gerade bei uns in Bremen haben wir in den letzten Monaten mit banger Sorge die Entwicklung innerhalb der SA. verfolgen können, wo von dem alten Geist bei den maßgebenden Stellen herzlich wenig zu spüren war. Heute können wir mit Freude, Stolz und Genugtuung feststellen, daß alte verdiente SA.-Führer Bre­mens wieder in ihre alten Rechte eingesetzt sind und damit die beste Anerkennung für ihre Treue zum Führer erhalten haben.

50 Prozent der heutigen SA.-Männer gehören nach Auslassungen des Chefs des Stabes nicht der Partei an, weil sie erst nach Schließung der Mit­gliederlisten in die SA. eintraten. Diese Neuen sollen stolz darauf sein, das braune Hemd tragen zu können, sollen aber nun endlich auch ihr Be­nehmen danach einstellen und Achtung vor der alten Garde haben.

Durch den Opfermut und den an Entbehrungen so überaus reichen Kampf der alten SA.-Männer ist das Dritte Reich erstanden und wird das Dritte Reich auf ewig bestehen bleiben. Nicht die Uniform macht den Nationalsozialisten und den SA.-Mann, sondern allein das Herz ist aus­schlaggebend.

Die Revolte vom 30. Juni hat gezeigt, daß der einfache unbekannte SA.-Mann die treueste Stütze des Führers ist. Die Ehre der SA. war und wird immer unantastbar bleiben.

Wann gehl v. Vapen nach Wien?

Wien, 31. Juli

In gut unterrichteten Kreisen wird jetzt bekannt, daß die Erteilung des Agrements an Herrn von Papen am Mittwoch oder Donnerstag dieser Woche erfolgen soll. Entgegen anderslautenden Berichten einer gewissen Auslandspresse' soll die österreichische Regierung keineswegs die Absicht haben, die Erteilung des Agrements an Bedin­gungen politischen Charakters zu knüpfen. Die gestern beschlossene Entsendung des Gesandten Tauschitz wird jetzt in allen diplomatischen Kreisen als ein deutliches Zeichen für die Absicht der Regierung gewertet, jetzt so schnell wie möglich wieder zu einer Aufnahme normaler Beziehungen und zu der Wiederherstellung einer entspannten Atmosphäre mit Deutschland zu gelangen. Jedoch soll die österreichische Regierung beabsichtigen, über einige Fragen eine Klärung von deut­scher Seite herbeizuführen, wobei man jedoch den Standpunkt veriritt, daß es sich hierbei lediglich um formale Fragen handele, die bereits in der Zwischenzeit ihre Klärung gefunden haben. Es wird der Standpunkt vertreten, daß eine Klärung dieser Fragen wenigstens nach Lage der Dinge jetzt durchaus möglich erscheine. Und diese Fragen keine ernsthaften Schwierigkeiten für die Wiederherstellung der von allen Seiten ge­wünschten normalen Beziehungen bilden. Man glaubt daher, daß der neue deutsche Gesandte,

Herr von Papen, unmittelbar nach der Erteilung des Agrements seinen Posten in Wien antreten wird.

Die christlich-soziale Reichspost schlägt heute einen ruhigeren Ton an. Das Blatt befaßt sich an leitender Stelle mit der Entsendung des Vizekanzlers von Papen nach Wien, wobei es Vorwürfe gegen den Gesandten Dr. Rieth erhebt, der seine Aufgabe, das wirkliche Oesterreich in Berlin zum Verständnis zu bringen, nicht ver­standen habe. Er habe in der schwersten Krise, die jemals die geistigen Zusammenhänge des deutschen Gesamtvolkes ergriffen habe, nie objek­tiver Beobachter und Mittler sein können. Mit dieser harten Kritik an dem bisherigen Gesandten will das Blatt offenbar die nach seiner Meinung Herrn von Papen in Wien obliegenden Aufgaben umreißen. Die Persönlichkeit des Nachfolgers, des Herrn von Papen, für die Oesterreicher durch das sympathische Auftreten auf dem Klagenfurter christlich-sozialen Parteitag bekannt, sei durch die seitherigen Ereignisse seltsam umnebelt worden. Viele Fragen knüpften sich an die Ankündigung seiner Wiener Mission. Gewiß könnte ein auf­rechter Mann, der Oesterreich und die öster­reichischen Menschen gutwillig und vorurteilsfrei zu verstehen bereit und fähig sei, der auch in Berlin den gebührenden Einfluß besitze, viel dazu beitragen, daß der unheilvollen Zerklüftung in­nerhalb des deutschen Volkes Einhalt getan werde.

Die politischen Erben Dollfuß'

Wien, 31. Juli

Nach einer Mitteilung des Bundeskommissars für Heimatdienst, Adam, wird Vizekanzler Fürst Starhemberg die Leitung der Vaterländischen Front übernehmen. Damit ist das Erbe von Dr. Dollfuß zwischen Dr. Schuschnigg und Vizekanzler Starhemberg geteilt worden. Die Uebernahme der Leitung der Vaterländischen Front durch Vize­kanzler Fürst Starhemberg bedeutet eine weitere erhebliche Verstärkung der Heimwehrposition in Oesterreich

Ueber den neuen Bundeskanzler Schusch­nigg erfährt unsere Berliner Schriftleitung interessante Neuigkeiten. Schon von je her, so sagt man in politischen Kreisen der Reichshauptstadt, galt Schuschnigg als derKronprinz" und zu Zeiten von Tr. Seipel galt er als derLord­siegelbewahrer". Seine Ernennung soll, wie zuverlässig verlautet, auf Einflüsse des Vatikans zurückzuführen sein. Schon im Ka­binett Tollfuß soll Schuschnigg der Mann hinter den Kulissen gewesen sein, zumin- destens der führende geistige Kopf. Er gilt als ein Vertreter der gemäßigten Richtung, der am ersten noch von seinen Minister- kollegen die Fäden zu Deutschland wieder aufnehmen könnte.

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lr. blii. Die römische Sage erzählt, daß im dritten Jahrhundert v. Chr. eines Tages in Rom mitten auf dem Forum infolge eines Erdbebens ein tiefer und breiter Spalt im Boden das Entsetzen der Bewohner hervor­gerufen habe. Es sei nicht möglich gewesen, den Spalt auszufüllen, da alle Erdmassen, die in seinen Schlund hineingeschüttet wurden, in seinem Innern verschwanden. Erst als auf den Rat erfahrener Weissager hin, das Kost­barste der Stadt Rom in den Spalt hinein­zuwerfen, der junge tapfere Krieger Marcus Curtius mit seinem edlen Roß in den dunk­len Abgrund sprang und sich so den Göttern der Unterwelt weihte, habe sich die Erde wieder geschlossen. Die Geschichte enthält, so unwahrscheinlich der geschilderte Vorgang auch ist, doch eine ewig wirkliche, ewig gül­tige Wahrheit: sie besagt, daß der Mensch bei außergewöhnlichen Ereignissen höchste Gefahr für die andern nur unter Einsatz seiner ganzen Person bannt.

Ein Riß ging auch im Sommer 1914 durch die Menschheit. Der Schlund, der sich da in den letzten Stunden vor Ausbruch des Welt- Kriegs öffnete, gähnte gleichfalls in un­ermeßlicher Tiefe, und alles, was die zunächst Betroffenen, die Staatsmänner, zu seiner Beseitigung taten, erwies sich als wirkungs­los. Kurz bevor das heroische Ringen der Völker, der Heldenkampf zur Verteidigung der deutschen Nation begann, fand sich jedoch kein Marcus Lurtius, demder große Sprung" zur Abwendung der Katastrophe gelang. Wir haben hier in mehreren Auf­sätzen die einzelnen Phasen der politi- fchenIuli-Krise dargelegt, die den Ab­grund zwischen den europäischen Regierun­gen trotz der intensiven Bemühungen Deutschlands zur Erhaltung des Friedens tiefer und tiefer werden ließ. Bleibt uns noch übrig, den Schlußakt des diploma­tischen Dramas zu skizzieren.

Kaiser Wilhelm richtete nach der Rück­kehr von seiner Nordlandreise sofort tele­graphisch an den Zaren den Appell, ge­meinsam mit ihm den drohenden Weltbrand zu verhindern. Der Erfolg dieses 'Schrittes war, daß der Zar unter höchst sonderbaren Umständen noch am Abend des 29. Juli die von ihm bereits genehmigte allgemeine Mobilmachung nicht zur Durchführung kom­men und nur die Anordnung der Teilmobil­machung bestehen ließ. Aber dem russischen Außenminister Sasanow blieb es im Verein mit dem Kriegsminister Suchumlinow und dem Generalstäbschef Ianuschkewitsch vor­behalten, den Zaren am nächsten Tage wie­der umzustimmen und ihm den Befehl zur Totalmobilmachung endgültig abzunötigen. Waren schon die vorangegangenen Kriegs- vorbereitungen Rußlands durch den Gang der Ereignisse keineswegs gerecht­fertigt, so galt dies erst recht von der Mo­bilmachung. Rußland war durch die ange­kündigte militärische Operation Oesterreichs gegen Serbien nicht im geringsten bedroht, sind doch z. B. von Wien aus in Galizien keine nennenswerten Mobilmachungsmatz­nahmen angeordnet worden. Auch das Prestige des Zarenreiches, des Schützers Serbiens, stand nicht auf dem Spiel, da der österreichische Außenminister Berchtold mehr­fach erklärt hatte, daß in Serbien keine territorialen Eroberungen geplant seien und nur die Sicherung der Donau-Monarchie gegen die südslawische Propaganda erreicht werden solle. Der deutsche Botschafter in Pe­tersburg, Graf Pourtalss, hat den Airen in persönlicher Unterredung eindringlich daraus aufmerksam gemacht, daß die russische Ge- samtmobilmachung eine unverkennbare Be­drohung Deutschlands darstelle und die deutsch-englische Vermittlungsaktion in Wien wirkungslos mache. Eine Zurücknahme der Mobilmachung hat Graf Pourtaläs indes ebensowenig erreichen können wie es das Berliner Ultimatum an Petersburg vom 31. Juli vermochte. Das Ultimatum teilte die Verkündung der drohenden Kriegsgefahr in Deutschland mit und brachte kategorisch zum Ausdruck, daß im Falle der Nichtein- stellung jeder Kriegsmaßnahmen Rußlands binnen 12 Stunden die deutsche Mobil­machung folgen werde. Da aber die Peters­burger Staatsmänner, wie überhaupt die treibenden Kräfte des Dreiverbandes den Krieg mehr als den Frieden herbeiwünsch­ten, wurden nach ergebnislosem Ablauf der

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