Ausgabe 
(15.9.1934) Nr. 255
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ftS.,»a,o«rlag Weser-Tms 8-m.i.A, Zweigniederlassung Brems«, Eeerrn 8-8 / Fermms: Roland 825

Sprechzeit des Verlages werktäglich oo» 12—13 Uhr. der Schriftleituug werktäglich von 18—17 UI

Rr. 2ss / 3. Merteljahr

Sonnabend. 15. September

Einzelpreis 15 Rps.

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Skach den Genfer SMSNmgen ves polnischen Außenmknksters

Revision der Versailler Verträge?

Der Dölkerbunb in der Zwickmühle / Die grundsätzliche Bedeutung des

Minderheitenschutz-Konfliktes

kVpatitdaükprk s

L M «er«»» K September, s« politische» KrÄse» der Rrichehauptstadt be­ben Genftr Vorstoß Polens tu der als einen Prüfstein für die Existenzbere ch t igung des Völkerbundes überhaupt, stoch klingen die zahlreichen Presssstimmen des wn tr a wn nnd franzosenfrrundlichen Auslandes «ch, die »on einem „Todesstoß gegen die Grund» lagen des VLlker-nndes" sprechen. Noch hat man t» Gens die deutschen Darlegungen zum Ostpakt picht vttakbeitet. «och ist die Ailflofigkekt des Mkekdunde« tn der Fernostftag«, in der AL- rMungsfrag« und im Gran-Ehaco-Streit in frischer Erinnerung. Und schon wird ein neuer, scharfer Angriff gegen eines der „ewig unabding­baren" Grundrechte der Gesellschaft der Nationen vorgetragen, der, um mit dem italienischen Völ- lerbundsvertreter Baron Aloifi zu sprechen, gleichzeitig auch das Problem der Revi­sion dos Versailler Vertrages anschneidet.

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Die Regelung des Minderheitenschutzes beruht auf den Vertragsbestimmungen von Versailles. Polen hat sich durch seine Unterschrift in diesem Punkte der Kontrolle des BölkerSnn- de» unterworfen. Die europäischen Groß» mächte, die ehemaligen Alliierten, sind Garanten des Minderheitenschutzes. Tlemencean hat vor 18 Jahren dnrch sein« bekannte Note an Polen ausdrücklich festgestellt, daß dieser vom Völker­bund sanktioniert« Minderheitenschutz für all« Ewigkeit fortdauern werd«. Diesen Vertrag hat Polen nun durch seinen Außenminister für un­gültig erklären lasten, ohn« vorherig« Fühlung­nahme mit den übrigen Partnern und mit der Begründung, es sei einer Großmacht unwürdig, unter Sondergesetzgebung zu stehen und sich als Nation minderen Rechtes fühlen zu müssen.

Nach Ansicht politischer Kreise Berlins stellt sich die Sachlage mm folgendermaßen dar: Sollte der Völkerbund ans die „Kündigung« Polens

eingehe», so ist damit prinzipiell ein« Revision der Vestimvnmgeu »es versailler vertrage» ein­geleitet; uud zwar mit -ilse der bisher energisch­ste» Revistousgegner» der Kleine» Guteute.

Nur die Begriffs« und Ansführnngsbestk m mu n » gen des Minderheitenschutzvertrages werden von Polen abgelehnt, nicht die zweiseitig getroffenen Vereinbarungen, wie sie z. B. zwischen Deutsch­land und Polen bestehen. Auch Deutschland hat sich bereits vor längerer Zeit damit einverstanden erklärt, daß der Minderheitenschutz verallge­meinert wird. Weicht man in Genf vor der kate­gorischen Erklärung Polens zurück, dann gibt der Völkerbund sich selbst auf. Tritt man dem Stand­punkt Polens schroff entgegen, dann dürste, wenn nicht alles trügt, Polen daraus seine Konse­quenzen ziehen und seinen Austritt erklären.

Andernteils find der Behandlung und Durch­führung der Revision Tür und Tor geöffnet, wen» es hingenommen werden sollte, daß eine Macht mehrseitig geschlossene Verträge einseitig zu lösen in der Lage ist.

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Simon und Barthou gegen Beck

rerärgerung in Paris und Bestürzung in London über den „schweren Schlag

Polens gegen den Völkerbund"

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Au Beginn der Vollversammlung des Völker­bundes am Freitag begründete der Drrtreter Thinar den Anspruch seines Landes auf die Wiederwahl in den Mlkerbundsrat uud befür­wortet« den Eintritt Sowjetrußlands. Dann sprach als zweiter Redner der englische Außen­minister Simon unter großer Aufmerksamkeit der Zuhörer.

Simon erwähnte, daß er ursprünglich nicht die Absicht gehabt habe, zu sprechen und er überhaupt der Ueberzeugung sei, daß es „gerade bei der gegenwärtigen ernsten Lage des Völker­bundes" viel wichtiger sei, hier praktische Politik zu machen und sich mit den vielen ungelösten Fragen nnd tatsächlichen Aufgaben dieser Völker­bundstagung zu befassen. Er habe sich aber durch die gestrige Erklärung des polnischen Außen­ministers Beck verpflichtet gesehen, nun noch einig« Feststellungen zu machen.

Beck habe sich mit zwei Fragen beschäftigt: 1. Mit der Verallgemeinerung des Minderheiten­schutzes nnd 2. mit der besonderen Lage Polens im Hinblick auf seine eigenen Minderheitenschutz- Verpflichtungen. Hier handele es sich aber in Wirklichkeit um zwei völlig verschiedene Fragen, die anch vertraglich ganz verschieden gelagert seien. Es sei seine Pflicht, hier festzustellen, daß die beiden Fragen völlig unabhängig vonein­ander seien.

Sir John Simon führte dann die wichtigsten Atze der gestrigen Erklärung Decks an, ins­besondere die Erklärung, daß Polen vom heutigen Tage ab seine Mitarbeit an dem internationalen Earantiesystem ablehne. Simon ist sich nicht ganz

klar darüber, wir dirs« Sätze konkret zu verstehen seien. Er müsse aber feststellen, daß sein Land die Minderheitenschutzverträge ebenso wie andere Mächte unterzeichnet hätte. Aber auch Polen habe sie unterschrieben.

Der Artikel 93 des Vertrages von Versailles könne nicht einfach außer acht gelassen werden. Polen habe außerdem auch noch eine gewisse Ver­fahrensordnung über die Art, wie die Garantien ausgeführt werden sollen, unterschrieben. Kein Staat aber könne sich selbst von Verpflichtungen dieser Art lösen. Auf jeden Fall sei dies eine Angelegenheit von größter Bedeutung für den Völkerbund. Er habe es für seine Pflicht gehalten, das festzustellen; denn Stillschweigen würden die Mißverständnisse nur noch vergrößert haben.

Unmittelbar nach dem englischen Außenminister gab aiHH der französische Außenminister Bar- .tho u eine kurze Erklärung ab, die sich ebenso wie die Simons lediglich aus die gestrige Rode des polnischen Außenministers bezog. Die Ausführun­gen bewegten sich auf derselben Linie wie die des britischen Außenministers. Es war ersichtlich, daß sich die beiden Minister vorher verständigt hatten, Barthou wies darauf hin, daß Polens Beispiel die Autorität der Friedens vertrage er­schüttern und andere Staaten veranlassen könnte, ebenso zu handeln. Kein Staat könne sich einseitig vo« diesen Verpflichtungen lossagen, ohne das Kr Aenderungen vor­gesehene Verfahren zu beachten und mit anderen Staaten vorher zu verhandeln. Er könne es aber nicht glauben, daß es die Absicht Becks sei, die Versammlung in dieser Weise vor eine vollendete Tatsache zu stellen. Richtig ausgelegt, könnte die Initiative Polens vielleicht die entstandene

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Heinrich v. Treitschke ist der Percy Heißsporn unter den deutschen Eeschichtsschreibern. Aus einer alten sächsischen Offizierssamilie stammend, als Sohn eines Generalleutnants in Dresden zur Welt gekommen, war ihm von früh auf der kantige Ton des norddeutschen Militärs eigen. Sein Le­im lang hat er unter einem körperlichen Ge­brechen gelitten und darum in sich selbst zurückge­zogen. Schon den Achtjährigen befiel infolge einer Drüsenentzündung ein schweres Ohrenleiden, das schließlich zu völliger Taubheit führte Dadurch war seiner nach heldischem Leben trachtenden Kämpfer- leele zu seinem großen Kummer die militärische Laufbahn, versperrt, ihm, dem, wie er später sagte, «gar kein politischer Idealismus möglich war ohne ben Idealismus des Krieges". Die Begebenheiten ies Jahres 18-18/49 und die damit verbundenen Enttäuschungen wurden für ihn ausschlaggebend. Der hochbesähigte vierzehnjährige Knabe verfolgte die Ereignisse mit reger Aufmerksamkeit und so ge­schwindem wie scharfem Urteil, und sie gaben ihm bereits den Gedanken seines Lebens ein, daß die Einigung Deutschlands durch Preußen geschehen müsse. Er studierte dann namentlich in Bonn, spä­ter in Leipzig, Tübingen und Heidelberg. Sein geliebtester Lehrer war Dahlmann. Durch ihn er­

hoben sich Treitschkes Strebungen aus Einfällen und Eindrücken zu sicherer Staatsbewutztheit.

Aus dem Boden der Familientradition gerissen, mißvergnügt, durch den Zwang als ein körperlich benachteiligter Spielball des Geschickes ein „Büchermensch" zu werden, zu dem er „nicht tauge", focht der Zwanzigjährige seine inneren Kämpfe in hochfinnigen, aber weitschweifigen gereimten „Studien" seiner selbst und in „Vater-, saudischen Gedichten" aus. Sie erwiesen, daß er, den die Natur mit einem wuchtigen Körper, mäch­tigem Haupte und kräftigem Nacken ausgestattet hatte — also zu einem Tatmenschen ausersehen zu haben schien —, zu dichterischen Taten nicht ge­rüstet war. So ließ er sich 18S8 an der Universi­tät Leipzig mit einer Schrift über „Die Gesell­schaftswissenschaft" als Dozent nieder. 1883 ging er als außerordentlicher Professor nach Freiburg, wo er ein paar Jahre voll inneren Vlühens und erfeuender Fruchtbarkeit verbrachte. Ein Redner von göttlicher Getriebenheit, dem die Worte von frischer Ausdruckskraft Befreiung der innersten Seele waren, ward er zum hingerissenen und hin­reißenden Heilsboten der Einigung Deutschlands durch Preußen, selbst auf „revolutionärem Wege". Die Vertreibung der Fürstenhäuser, Eingliede-

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keikdnSes. Bezüglich der Rechte Pokens, seine Ver­pflichtungen gegenüber dem Völkerbund einseitig zu kündigen, gebe es keine Meinungsverschieden­heiten. In einer Meldung des Sonderkorrespon­denten des ,^vaily HeralL" heißt es: Die Rede des polnischen Außenministers bedrohe den Völkerbund. Ein großer Teil des Völkerbun­des mit anderen „Minderheits"-Staaten würde vielleicht dem polnischen Beispiel folgen.

Ein französischer Berichterstatter des „Daily Telegraph" meldet aus Genf, die vom polnischen Außenminister Oberst Beck abgegebene Erklärung über die Frage des Minderheitenschutzes werde in den meisten Kreisen als eine Kündigungdes Minderheitenschutzvertrages vom Jahre 1919 betrachtet, der von Polen, den Ver­einigten Staaten, Groß-Britannien, Frankreich, Italien und Japan unterzeichnet worden war. In Artikel 12 dieses Vertrages werde aber ausdrück­

lich gesagt, daß die Bestimmungen des Vertrage« nur mit Zustimmung einer Mehrheit des Völker» Lundes abgeändert werden dürsten. Es verlautet, daß Sir John Simon in der Versammlung er­klären werde: wenn Polen auf seinen Entschlüssen beharre, mit dem Völkerbund in der Minderhei­tenfrage nicht mehr zusammenzuarbeiten, sei ein Bruch internationaler Verpflichtungen gegeben. Barthou werde den gleichen Standpunkt ein­nehmen. Die Kleine Entente werde, obgleich st« diese Meinung teile, Schweigen bewahren. E» seien eifrig« Bemühungen im Gange, Oberst Beck zu einem Rückzug zu veranlassen. Man sage sich, daß das ganze System der Minderheitenschutzes einen schweren Schlag erhalte, durch da» nicht weniger als 17 mitte!» und osteuropäisch« sowie asiatische Staaten gebunden seien.

(Siehe auch Seit« H

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(Von nneerem Uiünüigen yvmieeüein Nitnydetler)

V. Ro m, 18. September.

Die bevorstehende italienisch-französische Aussöhnung wird die seit langem zwischen den beiden Ländern bestehenden Gegensätze keinesfalls ganz beseitigen, weil diese aus geographischen, volkspolitischen Problemen entstanden sind, die zwangsläufig nicht mit halben Zugeständnissen aus der Welt ge­schafft werden können. Dieser zukünftige italienisch-französische Verständigungspakt, der bis jetzt trotz des fortdauernden heftigen

Preffeseldzuges gegen Deutschland im Volke noch keine rechte Gegenliebe findet und selbst in weiten Kreisen des Faschismus mit Kopf-

Unruhe und die Versuchung, die für andere Mächte bestehe, wieder aus der Welt schaffen

Als dritter Redner zu dem Antrag des polni­schen Außenministers stellte sich der Vertreter Ita­liens, Baron Aloisi, auf den Standpunkt, daß die Verträge solange in Kraft bleiben müßten, bis sie etwa durch eine Revision abgeändert werden könnten.

London, 14. September.

Die Genfer Rede des polnischen Außenministers Veck über die Minderheitenfrage ist den engli­schen Morgenblättern völlig unerwartet gekom­men. Das Arbeiterblatt „Daily Herald" spricht von einem polnischen Ultimatum, der liberale „News Chronicle" von einem gegen den Völker­bund gerichteten Schlag, die „Times" von einem ernsten Schritt; die dem Völkerbund abgeneigte rechtskonservative „Morningpost" läßt sich eine gewisse Befriedigung über diese neueste Entwick­lung anmerken.

Den Standpunkt der britischen Abordnung dürfte eine Reuter-Meldung wiedergeben, in der es u. a. heißt: In Völkerbundskreisen werde Polens Vorgehen sehr ernst beurteilt, denn die Unterzeichnung des Minderheiten-vertrages sei ein« Vorbedingung für die Gewährung der pol­nischen Unabhängigkeit gewesen. Logischer­weis« könnt« die Haltung Becks zu einem völligen Bruch Polens mit dem Völkerbund führen, denn Polen habe durch seine Erklärung den Artikel 1 der Völkerbundssatzung verletzt, der alle Mitglieder zur Erfüllung ihrer internatio­nalen Versprechungen verpflichtet.

Der „Times"-Vertreter in Genf bemerkt, die Sache sei ohne Vorgang in der Geschichte des Völ-

rung ihrer Länder in Preußen, so lautete „rund und nett" seine Losung.

Natürlich mißfiel das damals in Baden erheb- jlkh, und so übernahm er in Berlin die Leitung

schütteln abgetan wird, ist bereits in seinen Umrissen bekannt und beruht lediglich aus einer allgemeinen Bereinigung der vorhandenen Streitfragen, so daß die kommende Freundschaft zwischen den beiden lateinischen Schwestern aus einem nur schwachen Fundament ruhen wird. Es werden in gewissen Kreisen bereits heute Stimmen laut, die von der Hingabe der Erstgeburt gegen ein Linsengericht sprechen, und dies ist gewiß ein deutliches Zeichen da­für, wie wenig populär hier die Verständi­gung mit jenem Volke ist, gegen das seit 15 Jahren die italienische Presse nicht müde wurde zu hetzen. Zweifelsohne aber bedeutet für Italien die Preisgabe seiner bisherigen Mittlerrolle Zwischen Frankreich und Deutschland einen Verlust, denn in Zukunft kann Italien nicht mehr wie bisher zwischen den verschiedenen Interessengruppen jonglieren und zuschauen, wo und wie es für sich das meiste herausbe­kommt. Schon jetzt, bevor der italienisch- französisch^ Freundschaftspakt unterschrieben ist, sieht sich plötzlich Italien aus der ersten Reibe -er Großmächte verdrängt und ist

Wieder ein Todesurteil in Wien

Wien, 14. September.

Der Militärgerichtshof verurteilte am Freitag den Oberwachmann Franz Theissenberger wegen Hochverrats zum Tode durch den Strang. In dem schriftlichen Strafantrag war erklärt wor­den, daß Theissenberger am 23. und 24. Juli, also zwei Tage vor dem Ausbruch des Aufstandes, drei Polizeibeamte zur Mitwirkung an der ge­planten Besetzung des Bundeskanzleramts und des Rundfunkgebäudes aufgefordert und dadurch Empörung ausgelöst und den Bürgerkrieg vorbe­reitet habe. Nach dem 25. Juli war Theissenber­ger nach Ungarn geflüchtet; er wurde jedoch von der ungarischen Gendarmerie festgenommen und den österreichischen Behörden ausgeliefert.

der von Max Duncker 1858 gegründeten „Preußi­schen Jahrbücher" und trieb die Vorstudien zu seinem später in zwanzig Jahren entstehenden Hauptwerke, der „Deutschen Geschichte im 19. Jahr­hundert". 1866 ging er als ordentlicher Professor nach Kiel, dann nach Heidelberg und im Alter von vierzig Jahren nach Berlin- Dort begann er 1879 die Veröffentlichung seines großen Werkes, das nicht nur wissenschaftlich und künstlerisch zu werten ist. In seiner klaren, lichten Schönheit gedieh er als achtunggebietende Kraftquelle zu hoher politischer Bedeutung. Wissenschaftlich ist es das Ergebnis Verstandeskühler und charakterfester Forschung, die Treitschke vergraben in Akten- und Druckschriftenberge trieb und die ihn zu lichtvoller Veranschaulichung und Deutung und Ereignissen und Persönlichkeiten wie zu damals unerwarteten, aber schlagkräftigen Einsichten führten. Künst­lerisch ist es in seiner Formvollendetheit, der Er­lebnis- und Vildkraft der Sprache, dem Aristo­kratismus des Stils, in der Eigensicht der Ge­danken und Ausdrücke kaum übertroffen worden.

2m Jahre 1894 konnte Treitschke den fünften Band seines Werkes abschließen. Zwei Jahre danach riß ihn der Tod von der Arbeit. Als Universitätslehrer von zahlreicher Zuhörerschaft hochverehrt, hat Treitschke, der als Eehöhrloser mit dröhnender Stimme und gewissermaßen ohne Interpunktion sprach, zur Verbreitung politischer Bildung in Studentenkreisen bedeutsam beige­

gezwungen, im zweiten GliÄre z« marschie« ren. Mit Befremden Hot man hier festgestellt, daß der Schwerpunkt der europäischen Po­litik sich über Nacht von Rom nach Pari« verschoben hat und man jetzt von dort be­reits die Marschroute vorgeschrieben be­kommt.

Was hat sich aber Frankreich diese Freund­schaft, die für Italien schon vor der endgül­tigen Verwirklichung dunkle Schatten vor- auswirft, kosten lassen? — ' neugierig. Die römischen Paris insoweit befriedigt zu in Südly dien durch Ueberlaffüng von Tibeti und Barku Italien den Weg nach dem Tschadsee frei macht; ebenso ist e» in der Tunisersrage entgegengekommen und hat ein leidlich brauchbares Statut ausge­arbeitet, das den 150 000 in Tunis lebenden Italienern in Zukunft Konflikte ersparen soll. Um aber gleichzeitig die weiteren ita­lienischen Forderungen in Afrika einzudäm­men und noch mehr vielleicht, um den Schwerpunkt der italienischen Außenpolitik von der Adria und dem Mittelmser wegzu- verlegen, ist angeblich Frankreich aus den genialen Einfall gekommen, die römischen Kolonialansprüche ausAbessinienzu len­ken. Wie wir bereits meldeten, beabsichtigt man Ende dieses Jahres, dort die Ausbrei­tungswünsche mit Waffengewalt durchzu- sei in. Daß die geplante militärische Aktton gegen den Grundsatz der Selbstbestimmung eines tapferen, freiheitsliebenden, aufstre­benden Volkes auss gröbste verstoßen würde, darum scheint man sich anscheinend im Augenblick weder in Paris noch in Rom zu kümmern. Tatsache ist es, daß im Falle des Gelingens dieses Planes Italien ein großes geschlossenes Kolonialreich aufrichten könnte, das größer als Deutschland wäre, und über unerschöpfliche Rohstoffquellen verfügen würde, die Italien nicht nur unabhängig machen, sondern es ihm auch ermöglichen würden, seinen Bevölkerungsüberschuß in dieses zusammenhängende Kolonialgebiet abzuleiten. Ob die angeblich französischerseits zugesagte Unterstützung zu diesem militä­rischen Plan dessen Verwirklichung ermög­lichen wird, werden die nächsten Monate zeigen.

Im übrigen lassen gewisse Anzeichen noch darauf schließen, daß Paris von Beneschs Rombesuch im Oktober ebenfalls eine Annäherung an Italien, vielleicht sogar ein Abkommen, erwartet. Jedenfalls würde es Paris aber gerne sehen, wenn Prag in den Pakt mit hineingenommen werden würde, weil dadurch Frankreich eine gewisse Kon­

tragen und mit seinen Schriften an der Erziehung und dem Ausbau zu gereiftem Volkscharakter un­ablässig gewirkt.

Treitschkes geistiges Gepräge begegnet sich greifbar mit dem Wesen der Gegenwart. Daß das Verständnis für das gewaltige Ethos, das im pflichttreuen Preußentum wirksam ist, in Alldeutschland allmählich Wurzel faßte, ist ihm mitzuverdanken.

Eindringlich hat er die Bedeutung überragen­der Führerkräfte gewürdigt, feuereifrigie Taten- lust gepriesen und immer darauf hingewiesen, daß unbeirrt zielgeschärfte Entschlossenheit ertüchtigt und die Aufwärtsentwicklung fördert, wie sie von dem heutigen Geschlecht erstrebt wird. Klein­staaterei erschien ihm als Ursache der Verkümme­rung deutschen Wesens. Nur vom großen, geein­ten deutschen Staat versprach er sich die Ball­führung der ethisch größten Obliegenheiten und die Herausbildung des deutschen Wesens in selb­ständiger, rassiger, hochstehender Besonderheit.

Treitschkes Werke gelten uns in ihrer Gesantt- anschauung und in ihrer Sprache neben Vismarcks „Gedanken und Erinnerungen" als vornehmster Spiegel der geistigen und staatlichen Leitlinien jener Zeit, in der der Kampf um dvr deutsche Einheit erfolggekrönt und ruhmvoll anhob.