Ausgabe 
(12.9.1934) Nr. 252
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Nr. 222 / z. Vierteljahr

Mittwoch, 12. September

Einzelpreis 12 Rpf.

L'RDZ Der Schildersturm im -KLM Memelgebiet

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Tilsit, (Ostpreußen), 11. September.

Das widerrechtlich eingesetzte litauische Direktorium des Memelgebietes hat eine Polizeiverordnung erlassen, die eine neue Unter­drückung der deutschen Sprache und gleichzeitig eine schwere Belastung der memelliindischen Ge­schäftswelt darstellt. Nach dieser Polizeioerord- nung müssen alle öffentlich ausgestellten Aus­hängeschilder, Firmenschilder und Bekanntma­chungen sowohl in der Stadt Memel als auch in den Landkreisen an erster Stelle einen „einwand­freien Text in der litauischen Staatssprache" tragen. Diesem Text ist mindestens die Hälfte des für die Bekanntmachung bestimmten Raumes sowie entsprechende Buchstaben einzuräumen. Die Verordnung mutz bis zum 13. Oktober d. I. durch­geführt sein. Das bedeutet, datz bis zu diesem Zeitpunkt sämtliche deutsch-memelländischen Ge­schäftsleute und sonstige Unternehmungen ihre Schilder erneuern sollen und daß es rein deutschsprachige Schilder und Be­kanntmachungen in Zukunft nicht mehr geben soll. Zuwiderhandlungen werden mit hohen Geld- und Haftstrafen bedroht, sofern, wie es in der Verordnung heitzt, nicht nach den Bestim­mungen anderer Gesetze schwerere Strafrn ver­wirkt sind.

Durch die Verordnung ist erneut die Bestim­mung des Memel-Statuts, wonach die deutsche und die litauische Sprache gleichberechtigt find, sich also jeder Memelländer nach seinem eigenen Er­messen der ihm zusagenden Staatssprache bedienen kann, gröblich verletzt worden. Darüber hinaus stellt die Erneuerung der Schilder — ganz abge­sehen von der wirtschaftliche» Belastung — die «emelländische Geschäftswelt vor eine kaum zu lösende Aufgabe, da die übergrohe Mehrzahl der Memelländer bekanntlich die litauische Sprache nicht beherrscht und die wenigen litauisch spre­chenden Geschäftsleute auch nur das sogenannte memelländische Litauisch sprechen, das sich von der in Litauen gebräuchlichen Staatssprache wesentlich unterscheidet.

Dle Waffen-Gchiebung

Neue Enthüllungen über die amerikanische Riistungs-Jndustrie

Newyork, 11. September.

Die am Montag vom Senatsausschutz fortgesetz­ten Verhöre über die Rüstungs-Jnduftrie brach­ten wieder aufsehenerregende Enthüllungen. Nutzer verschiedenen Bestechungsversuchen in Bolivien und Brasilien wurde festgestellt, datz der MilitärattachS und der MarineattachS der Ver­einigten Staaten von Amerika in Rio de Janeiro im Jahre 1933 nordamerikanischen Rüstungs­firmen beim Waffenverkauf behilflich waren. Das britische Kriegsministerium bot im März 1934 durch die „Soley Armament Company" nord­amerikanischen Firmen für 30 Millionen Dollar überschüssiges Kriegsgerät zur Wei- terverschickung nach China an. Schließlich kam aus Tageslicht, datz nordamerikanische Fir­men im Jahre 1933 128 Flugzeuge nach Süd- amerika verkauften, und daß gewisse Firmen Ge­heimdokumente des Kriegsministeriums der Ver­einigten Staaten über die neuesten Wasserflug­zeugtypen besagen und diese in Auslandsgeschäf­ten verwerteten.

Zwischenfälle

im amerikanischen Texlilstreik

Newyork, 11. September.

Die Lage im amerikanischen Texlilstreik ist am Dienstag wieder etwas gespannter, vor allem im Hinblick auf zahlreiche neue Unruhen. In Neu- England ereigneten sich am Montag verschiedene Zusammenstöße zwischen Streiken­den, Polizei und Arbeitswilligen, wobei zahlreiche Personen verletzt wurden. Auf Gerüchte von bevorstehenden Unruhen wurde in Rhode-Jsland, Connecticut und Maine die Nationalgarde mobilisiert. In Lancaster (Penn- sylvanien) stürmte eine etwa 1909 köpfigo Menge eine Seidenfabrik. Außerdem wurden zahlreiche Kraftwagen umgeworfen. Zahlreiche Arbeits­willige wurden durch Steinwürfe verletzt. 2n Kallaplis (Nordkarolina) traf eine fliegende Streikkolonne in Stärke von etwa 1300 Mann auf etwa 100 Kraftwagen ein, um die dort noch ar­beitende große Handtuchsabrik zur Schließung zu zwingen. Die Streikenden gaben einen Angriff auf die Fabrik jedoch vorläufig auf, da sie von Polizei und etwa 300 Nationalgardisten bewacht wird.

Während der Schlichtungsausschutz sich in einer Konferenz mit Arbeitgebern und Strei­kenden befindet, um eine Einigung herbeizuführen, gab die Streikleitung bekannt, sie werde in den strittigen Fragen dem Schlichtungsausschutz ein Angebot unterbreiten, wenn während der Ver­handlungen die Textilfabriken geschlossen würden. Die Angebote würden aber zurückgezogen werden, wenn d.-r Forderung nicht von den Fabriken statt­gegeben wurde.

Der Staat greift im Interesse der Nation ein:

Neuregelung der Außenwirtschaft

Das System der Devisenbescheinigungen / Für Verbreiterung der deutschen Rohstoffbasis

(Drahtbericht unserer Berliner Schriftleitung.)

8. IV. Berlin, 11. September.

Zur künftigen Regelung der deutschen Außen­wirtschaft (vgl. unseren Handelsteil) erfahren wir aus Wirtschaftskreisen der Reichshauptstadt noch folgende grundsätzliche Tatsachen.

Das neue System der Devisenbescheinigungen hat nicht nur seine Bedeutung für die Drosselung des deutschen Imports auf die volkswirtschaftlich unumgänglich notwendigen Waren, sondern es bietet durch die rationelle Verwendung der zur Verfügung stehenden ausländischen Zahlungs­mittel zugleich Gewähr dafür, datz die Lieferanten im Auslande mit Sicherheit die Bezahlung für die gelieferten Waren erwarten können. Diese Tatsache ist dazu angetan, die Voraussetzungen für die Wiederbelebung des deutschen Waren- kredits zu schaffen, dessen Fehlen weit schwerer ins Gewicht gefallen ist, als die Differenzen wegen

unserer langfristigen, zum größten Teil aus po­litischen Schulden umgewandelten Verpflichtungen.

In diesem Zusammenhange wird in gut un- terrchteten Kreisen auch auf die bedeutungsvollen Ausführungen hingewiesen, die der Leiter der Kommission für Wirtschaftspolitik der NSDAP. auf dem Reichsparteitag in Nürnberg gemacht hat. Es wurde dabei festgestellt, datz die Politik lange genug ein Aushandeln von Wirtschafts­interessen gewesen sei. Demgegenüber sieht die deutsche Regierung ihre Aufgabe nicht darin, in einzelnen Notfällen einzugreifen, sondern nur dann, wenn die Grundrechte des Volkes auf Arbeit und Ernährung aus eigener Scholle gefährdet sind. Im gleichen Matze, wie das der Fall ist, mutz es Aufgabe des Staates sein, im höheren Interesse der Nation regelnd und planend einzugreifen.

Für nicht weniger bedeutungsvoll hält man die Darlegungen des Staatssekretär Feder auf

der Sondertagung der Technik, wobei er eine der wichtigsten Aufgaben der deutschen Technik in der Verbreiterung der deutschen Rohstoffbasis erblickte. Der Kampfruf „Technik erwache!" ist symptomatisch für die Zu­sammenfassung aller jener Kräfte, die auf die Befreiung der deutschen Wirtschaft aus den Roh­stoff- und Devisenschwierigkeiten hinarbeiten.

Auf Anfrage wurde von zuständiger Stelle ferner erklärt, datz die Kompetenzen des Reichs­wirtschaftsministeriums und des Reichsministeri­ums für Ernährung und Landwirtschaft durch die Einrichtung der Ueberwachungsstellen in keinem Falle geschmälert worden seien. Vielmehr hat man die Ueberwachungsstellen den für ihren Wirkungsbereich zuständigen Reichsministerien unterstellt, die von sich aus im Einvernehmen mit dem Reichsbankdirektorium zur Regelung ein­schlägiger Fragen berechtigt sind.

„Pakt mit dem Beelzebub"

Ständiger Genfer Natösitz für Sowjet-Rußland gesichert. - Meinungsverschiedenheiten über

die Form der Einladung

Gens, 11. September.

Es ist gelungen, während der Rats­tagung des Völkerbundes ein« Einigung übet die Erteilung eines ständigen Ratssitzes für Sowjetruhland zu erzielen. Alle Rats- müchte mit Ausnahme Argentiniens und Portugals werden dem ständigen Ratssitz Sowjet- rußlands zustimmen. Aber auch die beiden ge­nannten Staaten werden sich nur der Stimme enthalten und damit die Einstimmigkeit nicht ge­fährden.

Obgleich der Völkerbundsrat also gewisser­maßen schon den zweiten Schritt, nämlich die Er­teilung eines Ratssitzes an das erst aufzuneh­mende Rußland, erledigt hat, hat er sich über die Form der Einladung noch nicht einigen können. Hier zeigten sich auch im Völkerbundsrat schon beträchtliche Meinungsverschiedenhei­ten. Ueber die Art der Einladung und Auf­nahme soll nun zwischen den Abordnungen weiter verhandelt werden, wähvend der Rat selbst diese Frage vorläufig nicht mehr behandel.t. Gerücht- weise verlautet, datz 34 Staaten, also eine Zahl, die noch nicht völlig für eine Zweidrittelmehr­heit genügen dürfte, bereit sind, ihre Unterschrift unter die Einladung zu setzeu, doch herrschen hier offenbar noch Unklarheiten. Man wird also weiter verhandeln, um noch einige Staaten zur Teil­nahme zu gewinnen. Wie man hört, haben ver­schiedene Abordnungen ihre Unterschrift noch von dem Text der Cinladungsform selbst abhängig gemacht.

Aus dem Ergebnis der Ratstagung geht her­vor, datz Polen sich mit den in Genf anwesen­den Großmächten und mit Sowjetrutzland selbst geeinigt und seinen Widerstand sowohl gegen die Aufnahme wie gegen die Erteilung eines stän­digen Ratssitzes aufgegeben hat. Ueber die Be­schwerde des Prinzen Pletz gegen die Liquidation seines Besitzes ist im Völkerbunds- rat, wie man hört, nicht gesprochen worden.

Der Völkerbund kann am Dienstagnachmittag keine Vollversammlung abhalten, da sich keine genügende Anzahl von Rednern ge­meldet hat. Stattdessen werden die von der Ver­sammlung eingesetzten Ausschüsse tagen.

Wien, 11. September.

Viel bemerkt wird am Dienstag eine außer­ordentlich scharfe Stellungnahme der christlich­sozialen „Reichspost" gegen die Aufnahme Ruß­lands in den Völkerbund. In einem „Pakt mit dem Beelzebub" überschriebenen Artikel des Pariser Berichterstatters wird darauf hin­gewiesen, datz die Aufnahme Sowjetrutzlands in den Völkerbund eine unmittelbare Er­fahr für Europa bedeute. Der Artikel wendet sich scharf gegen die Haltung Frankreichs, das die 18 Milliarden Goldfranken zu vergessen scheine, die die französischen Sparer an Rußland verloren hätten. Aber die französische Industrie verspreche sich jetzt große Aufträge aus Sowjetrußland, und die kommunistisch« „Humanits" jubele. Das sollte schon an sich ein bedenkliches Zeichen sein. Aber man scheine nicht geneigt zu sein, die Gefahren zu berücksichtigen, die die Aufnahme Sowjetrutzlands in den Völker­bund für ganz Europa bedeuten. Sowjetregierung und Kommunismus seien heute identisch. Man wolle jetzt auch den Teufel mit Beelzebub, aus- treiben.

Im Völkerbund müßten sich sämtliche Staaten verpflichten, die Kultur der Menschheit, die Zivi­lisation und Religion zu schützen und zu achten. Die Moskauer Regierung aber predige offen den Kampf gegen das Christentum und er­

kläre, daß die Nächstenliebe nur ein Hindernis der Revolution sei. Mit dem Gelöbnis des Hasses auf den Lippen schleiche sich jetzt die Sowjet- regierung mit Sitz und Stimme in eine Organi­sation ein, die dem Wohlstand der Völker gewid­met sein solle. Es frage sich jedoch, was Stalin und Litwinow veranlaßte, plötzlich ihren Kurs zu ändern und in die Futztapfen der noch vor kurzem verdammten imperialistischen Politik zu treten, obwohl sie sich noch vor kurzem über den Völkerbund lustig gemacht hätten. Man dürfe jedoch die Sowjetdiplomatie nicht unterschätzen. Jede Handlung und jede Tätigkeit Sowjetrutz­lands diene nur dem einen Zweck: Weltrevolution und Herrschaft des Antichrist. Es sei nicht im min­desten daran zu zweifeln, daß die Sowjetunion von ihrer Macht einst im Völkerbund ausgiebig Gebrauch machen werde, um ihren Ideen zum Sieg zu verhelfen.

London, 11. September.

Der Genfer Vertreter der „Morningpost" will wissen, datz es Varthou gelungen sei, die Schweizer Abordnung zu überreden, ihre Stimmabgabe in der Versammlung nicht zu begründen; mit an­deren Worten, es soll keine Rede gegen Sowjet- rußland in der Vollversammlung gehalten werden. Der Genfer Korrespondent der „Times" hebt

hervor, daß das Verfahren, das im Falle der Sowjetunion befolgt werden soll, nicht ohne Vorgang sei, da es bereits gegenüber der Türkei und Mexiko zur Anwendung gekommen sei.

Tokio, 11. September.

In einem Kommentar zu der vorgeschlagenen Zulassung Sowjetrutzlands zum Völkerbund schreibt die Zeitung „Pomiuri Schimbun" u. a., die internationale Liga werde dadurch eine Liga der europäischen Staaten. Der Völkerbund, der indirekt Deutschland und Japan zum Austritt ge­zwungen habe, habe den Weg für den Eintritt der „Sphinx" Sowjetrutzland geebnet. Das Blatt bezweifelt, datz diese Maßnahme zur Festigkeit des Völkerbundes beitragen werde, dessen Stel­lung bereits stark geschwächt sei. Sowjetrutzland könnte in den Völkerbund eine Bombe legen, die unter Umständen explodieren könne.

In hiesigen amtlichen Kreisen nimmt man an, datz der Eintritt der Sowjetunion in den Völ­kerbund den japanischen Einfluß im Osten und den deutschen Einfluß im Westen nicht schwächen werde entgegen den Erwartungen, die in ge­wissen ausländischen Kreisen gehegt würden. Auch die Möglichkeit für die Sowjetunion, innerhalb des Völkerbundes zugunsten ihrer fernöstlichen Pläne zu wirken, sei zu bezweifeln.

Das Echo -er deutschen Pakt-Note

Immer wieder törichte Verdächtigungen

Paris, 11. September.

Die Antwortnote der Reichsregierung an die europäischen Großmächte in der Frage eines Ost Paktes findet größte Beachtung. Da amt- licherseits keine Erklärung über den Inhalt dieser Note gegeben wurde, begnügen sich die Blätter vorläufig mit der Wiedergabe der kurzen Mit­teilung des deutschen Nachrichtenbüros, aus der man allgemein die Schlußfolgerung zieht, datz die deutsche Regierung sich weigere, den Vorschlägen der Mächte in ihrer jetzigen Form zuzustimmen.

Das „Oeuvre" erklärt, es handle sich um eine glatte Ablehnung durch Deutschland, und es sei zu befürchten, daß diese Haltung neue Schwierig­keiten heraufbeschwören werde. Das „Journal" ist der Ansicht, datz Deutschland nur den Versuch mache, zu handeln. Allerdings sei wenig Aus­sicht auf Erfolg, denn Barthou habe es der Reichsregierung deutlich genug zu verstehen ge­geben, datz Versuche, die sofortige Verwirklichung der Rüstungsgleichheit zu verlangen, vergeb­lich seien.

Das „Echo de Paris" benutzt die deutsche Ant­wortnote wieder einmal zu einer maßlosen Hetze gegen Deutschland und ergeht sich in den wildesten Verdächtigungen. Das von den Mächten vorgeschlagene Sicherheitssystem könne natürlich nicht die Zustimmung eines Landes finden, das sich auf den Krieg vorbereite (?). Das von Deutschland vorgeschlagene System sei das sicherste Mittel, um Frankreich mit seinen Verbündeten im Osten zu überwerfen. Ein erster Versuch dieser Methode würde Frankreich die Freundschaft Polens kosten.

Der Genfer Sonderberichterstatter der Haoas- Agentur behauptet, datz die deutsche Antwort in der Ostpakt-Frage in den Völkerbundskreisen mit gewissem Ernst beurteilt worden sei. Besonders falle an der Note die Tatsache auf, datz die deutsche Forderung nach Verstärkung der Streitkräfte restlos aufrechterhalten werde, ferner die Tatsache, datz der Grundsatz des gegen­seitigen Beistandes abgelehnt werde. Deutschland beharre somit in seinem Willen nach Aufrüstung, die es seit Monaten unter Mißachtung der Ver­

träge verwirkliche. Ueberdies schalte es die Aus­sicht auf wirksame, den Völkerbundgrundsätzen entsprechenden Garantien aus. Vor allem aber werde der von Deutschland für die Bekanntgabe seiner Antwort gewählte Augenblick lebhaft er­örtert. Gerade an dem Tage, an dem der Eintritt Rußlands in den Völkerbund grundsätzlich be­schlossen werden sollte, sei die lleberreichung der Note erfolgt. Die deutsche Note werde aber keinen Einfluß auf die mit der Aufnahme Rußlands zusammenhängenden Fragen haben. Der Wort­laut der deutschen Note werde mit größter Auf­merksamkeit geprüft werden. Sollte sie auch nur die geringste Möglichkeit für eine Verständigung enthalten, dann werde man sie zweifellos be­nutzen, um eine Formel zu finden, die die deutsche Rückkehr zur internationalen Zusammenarbeit erleichrern könnte.

Erst Ostpakt, dann „Abrüstung"

Genf, 11. September.

Wie in Genf verlautet, hat der Präsident der Abrüstungskonferenz, Henderson, die Absicht, das Präsidium der Konferenz nicht vor November einzuberufen. Im Oktober soll ledig­lich der Ausschutz über Massenfabrikation und Waffenhandel tagen. Offenbar hofft man, bis zum November die Frage des Ostpaktes, die als wichtigste Voraussetzung für die Abrüstungs­konferenz gilt, soweit zu fördern, datz die-Konfe­renz fortgesetzt werden kann. In Genf soll übri­gens auch in den nächsten Tagen der End« August in Riga vorbereitete baltische Pakt von den hier anwesenden Außenministern Est- lands, Lettlands und Litauens unterzeichnet werden.

Spatenstich zur Reichsautobahn Kassel —Eöt- tingen. Am Dienstagmorgen wurde bei Erone der erste Spatenstich zur Reichsautobahn Eöt- tingen—Kassel getan. Die Strecke von Göttingen nach Kassel wird dadurch von 80 auf 30 Kilo- meter verringert.

Das deutsche Wirtschaftöproblem

Von

Reichsbankpräsident Dr. Hjalmar Schacht

Reichsbankpräsident Dr. Schacht hat in einem Artikel, der in der Herbstnummer der Zeitschrift „Foretgn Affairs", Newyork, vom 12. 9. erschienen ist, nochmals das deutsche Wirtschaftsproblem in seiner Ent­wicklung skizziert und die Gründe aufge­zeichnet, die zu seiner Forderung eines Moratoriums für die langfristigen deut­schen Auslandsschulden geltend zu machen sind. Wir lassen den Wortlaut des Artikels des Reichsbankpräsidenten Dr. Schacht mit Genehmigung der genannten Zeitschrift hier folgen:

Wenn man als Ausländer die Lage Deutschlands verstehen will, so mutz man sich zuerst erinnern, was in den letzten zwanzig Jahren auf das deutsche Volk an Unheil niedergegangen' ist. Deutschland hat einen 414jährigen Krieg, den es fast gegen die ganze Welt zu führen hatte, verloren. Die Opfer, die dieser Krieg an Menfchenkraft und materiellem Gut gekostet hat, waren ungeheuerlich. Es hatte diese Opfer ganz allein zu tragen und hat nicht, wie die Siegerstaaten, einen teilweise» Ersatz dafür bekommen. Durch das Diktat von Versailles wurden dem Reiche lebenswichtige Teile sei­nes Bodens und seines Volkes entrissen (Westpreutzen, Posen, Danzig, Memel, Ober­schlesien, Elsatz-Lothringen, Eupen-Malmedy, Nord-Schleswig). Seine sämtlichen Kolo­nien, die zu Beginn des Krieges bereits finanziell ausbalanciert waren und nicht nur wichtige Rohstoffgebiete, sondern auch wach­senden Absatzmarkt boten, wurden ihm weg-. genommen. Das gesamte deutsche Privat­eigentum, welches im Auslande investiert war, wurde geraubt, und damit entfiel eine der wichtigsten Ertragsquellen, aus denen die deutsche Zahlungsbilanz früher ihren Ausgleich fand. Zu diesen Verlusten traten die ungeheuren Sachlieserungen, die Deutschland nach dem Kriege zu machen hatte (Maschinen, Kohlen, Eisenbahnmaterml, Vieh, chemische Produkte usw.). Die deutsche Handelsflotte mutzte fast ganz abge­liefert werden, und endlich legte man Deutschland Kriegsentschädigungen in bar unter dem Titel „Reparationen" auf, die alles früher Dagewesene überstiegen.

An Reparationen allein hat Deutschland bis zum Ende des Ruhrkampfes 31000 Mill. Goldmark, nach dem Inkraftreten des Da- wes-PIans weitere 11000 Mill. Goldmark ausgebracht. Für Besatzungskosten, Zer­störungen von Industrieanlagen usw. mutzte es 6000 Mill. Goldmark leisten. Das weg­genommene Privateigentum im Auslande be­trug 11000 Mill. Goldmark, die verlorenen Kolonien stellten einen Wert von 80 000 Mill. bis 100 000 Mill. Goldmark dar. Dazu kom­men die eigenen Kriegskosten Deutschlands mit rund 150 000 Milk Goldmark.

Fast schwerer noch als die vorstehenden materiellen Verluste wiegt die moralische Diskriminierung, die Deutschland im Diktat von Versailles erfahren hat und die in vieler Beziehung bis auf den heutigen Tag fortge­setzt wird.

Die feierlich versprochenen 14 Punkte Wil- sons wurden schmählich gebrochen. Man hat Deutschland einseitig und gegen alle histo­rische Wahrheit mit der Schuld am Kriege belastet. Man hat den Raub der Kolonien mit dem Vorwurf begründet, datz Deutsch­land moralisch zu kolonialer Tätigkeit un­tauglich sei, obgleich alle ausländischen Fach­urteile der deutschen Kolonialpolitik das höchste Lob gezollt haben. Man hat das im Versailler Diktat zugestandene Selbstbestim­mungsrecht in Oberschlesien, Memel und Eupen-Malmedy mißachtet.

Was aber das Allerschlimmste ist, man hat das Versprechen der Abrüstung schnöde gebrochen und versucht, Deutschland in Wehr- losigkeit zu erhalten, während alle Nachbarn Deutschlands ihre Rüstungen nicht etwa ver­ringert, sondern dauernd verstärkt haben.

Wie kann sich eigentlich da noch jemand wundern, wenn Deutschland jedes Vertrauen in die Gerechtigkeit des von den Sieger-

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Der Führer wieder in Berlin

Die Schlußsitzung des Parteikongresses

Am 23. September Einführung des Reichsbischofs

„Graf Zeppelin" über französischem Manövergelände