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Nr. 200 / 3. Vierteljahr
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Fwntkämpfer-Aniwort an Heß
Der Führer der Soliömite Francaife, Jean Renaub, zum Königsberger Appell des Stellvertreters Adolf Hitlers / Für ein Bündnis zwischen Frankreich, Deutschland und Italien / Gegen die Juden und Freimaurer
Berlin, 21. Juli.
Da die Reden Hitlers und Hetz' bei der bekannten Abhängigkeit der französischen Presse nicht das Echo in der Oeffentlichkeit gefunden haben, das das französische Volk empfindet, hat der Pariser Berichterstatter der DAZ. den Führer der zurzeit stärksten nationalfranzösischen Bewegung, der Solidaritö Francaise, Jean Re- naud, um eine Aeußerung gebeten. Der Schriftsteller Jean Renaud, der als Major im Felde verwundet und während der Februar-Unruhen auf der Place de la Concorde verhaftet wurde, erklärte u. a.:
„Die Rede von Rudolf Hetz scheint mir die gröhte Aufmerksamkeit zu verdienen, weil sie mutig ist und weil sie bereits jetzt aus eine noch umstrittene Wahrheit hinsteuert, nämlich eine Wahrheit, die den Zusammenschluh der starken Mächte gegen die revolutionären Elemente und die politisch „Gewinnsüchtigen" betreibt."
Auf die Frage: „Glauben Sie an den Erfolg einer solchen Annäherung?" antwortete Jean Renaud: „Zweifellos, weil ich den Glauben an die Macht der Autorität habe, die einzig und allein imstande ist, den Frieden zu gewährleisten. Sehen Sie, ebenso wenig, wie man einen starken Mann angreift, greift man ein mächtiges Volk an."
Frage : „Haben Sie den Gedanken einer Verbindung in diesem Sinne?"
Antwort: „Ja, ein Bündnis zwischen
Frankreich, Deutschland und Italien. Dann werden die meisten Staaten genötigt sein, sich mit dieser mächtigen Einheit zu verständigen, vor allem die Sowjet-Union und die revolutionären Kräfte in allen Staaten."
Frage: „Und wie wird sich England dazu stellen?"
Antwort: „Hierüber habe ich nur meine persönliche Ansicht. England wird, und das ist auch die Ansicht von manch anderem Franzosen, stets auf der Seite des Stärksten stehen."
Frage: „Glauben Sie, datz die ehemaligen Frontkämpfer eines Tages aktiver an der Politik Frankreichs teilnehmen werden, und, wenn dies der Fall ist, datz sich badurch eher ein Weg zur Verständigung eröffnet?"
Antwort: „Zurzeit sehe ich noch Schwierigkeiten für die politischen Absichten der Frontkämpfer. Man hat diese im Streit untereinander getrennt: man hat sich nur mit ihrer Existenz
besaßt, ohne auch an ihre Seele zu denken, was Sie. als. Deutscher am besten verstehen können. Die wahren französischen Frontkämpfer hat man bisher in Deutschland nicht kennengelernt. Bisher wurden nur die Phänomene eingeladen und empfangen, die man pazifistische Frontkämpfer nennt. Was hat das schon zu sagen! Als ob ein alter Frontkämpfer, sei es bei Ihnen oder bei uns, den Krieg nochmals herbeiwünschte. Der echte französische Frontkämpfer will mit offenen Karten mit Ihnen spielen. Wird es gehen? Ja, es wird gehen!
Es gibt keinen Gegensatz in der Auffassung des Kampfes gegen Kommunismus und Freimaurerei. Auf diesem Gebiet können wir mit voller Loyalität aufeinander zählen. Denn auf ihn fützt die mögliche Sicherheit Europas, die immer wieder von Juden, Freimaurern und gewissen Kapitalisten bedroht wird.
Während die Sowjets mit allen Völkern den Austausch von Schriftstellern pflegen, sollte das
gleiche auch mit den Kreisen unserer Nation geschehen. Die Reden von Hitler und Hetz haben aus dem Grunde nicht den Einfluß in Frankreich gehabt, weil zu viele Zeitungen den wahren Inhalt verschleiert haben. Dafür soll Frankreich durch den Einfluß der Juden und Freimaurer in die Arme der Sowjetunion getrieben werden, gegen die wir uns jetzt und immer wenden, weil wir das als schmählichen Hochverrar empfinden. Es gibt zwei große Bewegungen in der Welt, den Nationalsozialismus und den Bolschewismus. Die Geheimpolizei der Freimaurerei greift uns unweigerlich in die Seite, wenn wir nicht sofort mit den nationalen Kräften dagegen Front machen."
Frage: „Bedeuter das erneute Erwachen des französischen Nationalismus auf der anderen Seite keine Gefahr, zum Beispiel für das Abrüstungsproblem ? Sie werden verstehen, datz ich als Deutscher aus begreiflichen Gründen darauf hinweise."
Antwort: „Ueber die Abrüstung habe ich eine klar umrissene Auffassung. Sie gefällt zwar nicht jedem, doch urteile ich hier als guter Patriot, wie ich jedem anderem das Recht zubillige, ebenso zu denken. Es ist meine feste Ansicht, datz jedes Land seine Sicherheit haben mutz, sich seine Grenzen schützen und eine schlagkräftige Armee besitzen soll. Wenn man nicht dem Herzen und dem Geiste nach abrüstet, so wird es- immer Schafe und Löwen geben und dann ist es natürlich besser, nicht zu den Schafen zu gehören.
Die menschlichen Rechte werden am besten durch die Erkenntnis von starken Völkern geschützt. Es ist das einzige Mittel, den Krieg zu vermeiden. Ich glaube nur an die Tat, an die Autorität, an den Edelmut, das Recht und das starke Blut der Völker."
Rechtsbruch wir- unnachsichtig geahndet
Gin Erlaß des Neichsminifters an alle deutschen Justizbehörden
Berlin, 21. Juli.
Der Reichsminister der Justiz, Dr. Eürtner, hat am 20. Juli 1934 folgenden Erlaß an alle deutschen Justizbehörden gerichtet:
„Durch die Niederschlagung der hoch- und lan- desoerräterischen Angriffe aus die Bolksgemein- schast vom 30. Juni, 1. und 2. Juli 1834 ist die innere Kraft des Reiches gefestigt und gesichert worden. Mehr denn je ist Voraussetzung für die weitere Arbeit der Reichs- «gierung am Neuausban des Reiches, datz die Achtung vor dem Gesetz, die der Reichskanzler als Oberster Führer der SA. in seinem Befehl an den Chef des Stabes der SA. am 38. Juni 1934 von den SA.-Führern gefordert hat, auch für jeden
Volksgenossen das oberste Gesetz seines Handelns bilde.
Der Rechtspflege erwächst die besondere Aufgabe, mit Nachdruck für die gewissenhafte Wahrung von Gesetz und Recht einzutreten und gegen jeden Rechtsbruch, insbesondere gegen jede strafbare Handlung, entschieden vorzugehen. Die Rechtspflege darf sich dabei von keinerlei Rücksichten auf die Person des Beschuldigten leiten lasten; sie dient allein dem Wohl des Volkes und der Gerechtigkeit. Versuche Unberufener, auf den Gang des Rechtsverfahrens Einfluß zu nehmen, sind nachdrücklichst zurückzuverweisen und alsbald den vorgesetzten Behörden zu melden. In keinem Falle dürfen sie den ordnungsmäßigen Fortgang,
insbesondere die sachgemäße Durchführung der Ermittlungen verzögern.
Bei allen Maßnahmen ist eines besonders zu beachten: der gehobenen Stellung des Trägers eines deutschen Amtes, eines Führers oder Unterführers entsprechen erhöhte Pflichten. Wer sie verletzt, wer insbesondere als Amtsträger oder Führer sich gegen das Gesetz auflehnt, Ausschreitungen begeht oder sich sonst des in ihn gesetzten Vertrauens unwürdig zeigt, ist nachdrücklichst und unnachstchtlich zu verfolgen. Die Volksgemeinschaft darf erwarten, daß die Strafe, die gegen ihn verhängt wird, nach Art und Höhe der gehobenen Stellung des Beschuldigten Rechnung trägt."
Levy — der Freund Gtaviskyö!
Wegen Beleidigung des französischen Justizministers verurteilt
Paris. 21. Juli.
Im Stavisky-Skandal ist wiederholt der Herausgeber der gegen Deutschland hetzenden Wochenschrift, Paul Levy, genannt worden. Dieser mit allen Mastern gewaschen« und vor den größten Verleumdungen Deutschlands nicht zurückschreckende Jude hat von der Freigiebigkeit Etaviskys in reichem Matze Nutzen gezogen. Er steht auch auf der Liste derer, die sich vor Gericht verantworten mästen. Levy glaubte, auch in diesem Falle mit Frechheit am besten durchzukommen. Er hat an den Justizminister Lhöron ein Schreiben gerichtet, das von Beleidigungen des Justizministers nur so strotzt. Allein die Sache ging diesmal schief, denn der Justizminister reichte eine Beleidigungsklage ein, die am Freitag vor einem Pariser Gericht verhandelt wurde. Levy, der es vorgezogen hatte, persönlich nicht zu erscheinen, wurde zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt.
Oesterreichs Dank für eiue deutsche Gedenkfeier. Der österreichische Militärattache. Generalmajor Jansa, hat gestern dem Chef der Marineleitung im Auftrage seiner Regierung den Dank der österreichischen Wehrmacht für die würdige Feier des 7». Gedenktages des Seegefechts bei Helgoland durch den Festungskommandanten von Euxhaven, Kapitän zur See o. Heimburg, ausgesprochen.
Anschlag auf die Donau-Bahn
Die Täter, zwei Marxisten, verhaftet
Wien, 21. Juli.
Amtlich wird mitgeteilt: Am Sonnabend, gegen S Uhr früh, hielt «in Polizeioberwachmann auf seinem Kontrollgang in einem Wiener Gemeindebezirk zwei Männer an, die ihm verdächtig erschienen. Die beiden ergriffen hie Flucht, und einer von ihnen gab auf den sie verfolgenden Wachmann drei Schüsse ab, von denen zwei trafen. Der Polizeioberwachmann erlitt zwei lebensgefährlich« Schußverletzungen. Die beiden Flüchtenden wurden von Pastanten verfolgt und konnten festgenommen werden.
Bei ihrer Vernehmung gaben die Festgenommenen, die sozialdemokratische Parteigänger und Mitglieder des aufgelösten republikanischen Schutzbundes Wien sind, an, daß sie heute in den Morgenstunden an den Gleisen der Donau-Ufer-Bahn in der Nähe der Lagerhäuser eine Sprengung vorgenommen hätten und aus Oesterreich flüchten wollten. Wie festgestellt wurde, ist tatsächlich an den Bahngleisen diese Explosion erfolgt. Fünfzehn Fensterscheiben einer nahegelegenen Fabrik wurden durch den Luftdruck zertrümmert. Es ist Anzeige an das Standgericht erstattet.
„Schönheit der Arbeit"
Ein nachahmenswertes Preisausschreiben Berlin, 21. Juli.
Im Zuge der nach und nach überall in Deutschland einsetzenden Maßnahmen, die eine Verschönerung der Arbeitsstätten und ihrer Umgebung zum Ziel haben, hat jetzt das Röhren- werk des Siemens-Konzerns ein interessantes Preisausschreiben veranstaltet, datz sich in erster Linie an die mit gärtnerischem Schönheitssinn begabten Arbeitskameraden der eigenen Gefolgschaft wendet.
Ein großer freier Platz neben dem Werkge- bäude soll zu einer Eartenanlage umgestaltet werden, die der Gefolgschaft während der Pausen angenehmen Aufenthalt und schattige Sitzgelegenheiten im Freien bieten soll. Ebenso sollen die das Gebäude umgebenden Straßen durch Rasenflächen, Blumenbeete und Kletterpflanzen ein freundliches und schmuckes Aussehen erhalten. Daneben ist geplant, die in diesen Eartenanlagen gezüchteten Schnittblumen zur Ausschmückung der Werkstätten und Büros verwenden.
Die Kosten für die Anschaffung der Pflanzen und Materialien werden vom Werk getragen, dagegen ist beabsichtigt, die Herstellung der Anlagen vorwiegend durch freiwillige Gemeinschaftsarbeit der Werkangehörigen zu bewerkstelligen, wobei der Hoffnung Ausdruck gegeben wird, datz vom Betriebssichrer bis zum kleinsten Lehrling sich keiner ausschließen wird.
Für die besten Vorschläge zur Gestaltung dieser Anlagen werden drei Preise in Höhe von SO, 30 und 20 RM. ausgesetzt. Das Preisgericht setzt sich aus der Betriebsführung, dem Vertrauensrat und einem Vertreter des Amtes „Schönheit der Arbeit" der NS.-Eemeinschaft „Kraft Lurch Freude", der gleichzeitig als Sachverständiger mitwirkt, zusammen.
Derjenige Arbeitskamerad, dessen Vorschlag hauptsächlich verwendet wird, soll später zugleich mit der Leitung der Durchführung der praktischen Arbeiten betraut werden.
Begrüßenswert ist besonders der Gedanke der gemeinsamen Durchführung der geplanten Verschönerungsarbeiten durch die gesamte Belegschaft, — ein Gedanke, der jetzt immer weiter um sich greift und viel zur Festigung und Stärkung des Zusammengehörigkeitsgefühls und der Werkverbundenheit beiträgt. — Durch solche Aktionen aber werden wir nach und nach dazu kommen, daß es von den deutschen Arbeitsstätten einmal heißen wird, sie seien die vorbildlichsten, schönsten und gesündesten der Welt.
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kr. klü. Bremen, 21. Juli.
Wäre der Ausbruch des Weltkrieges zu verhindern gewesen? Oder war es ein unabwendbares Schicksal, das zunächst Europa und dann fast die ganze Menschheit in ihren todbringenden Bannkreis zog? Hatte das Blut all der Millionen aus einem inneren Zwange der Geschichte heraus geopfert werden müssen — oder wären die Staatsmänner in der Lage gewesen, das grenzenlose Unheil abzuwenden? In den Tagen, da die Erinnerung an die folgenschwere Julikrise vor zwanzig Jahren mit der Propagierung neuer französisch-russischer Kriegspakt- und Einkreisungspläne zusammentrifft, gewinnen jene Fragen einen besonders ernsten Sinn. Tie „Siegerstaaten" haben die Antwort vor 1b Jahren in Versailles auf ihre Art dadurch vorweg zu nehmen versucht, daß sie Deutschland wider besseres Wissen und unter Mißachtung seines ausdrücklichen Protestes die Schuld am Weltkrieg zudiktierten. Wie unhaltbar jedoch die Verstiiller Beschuldigungen sind, geht nicht zuletzt aus der Reihe der Ereignisse hervor, die den am 28. Juni 1914 gefallenen Schüssen von Sarajewo folgten und am 23. Juli mit dem bekannten Ultimatum der Dopnelmonarchie an Serbien ihren vorläufige- Abschluß fanden. Wir werden, unsere historischen Beiträge zum Ausbruch des Weltkrieges damit fortsetzend, im Folgenden die wichtigsten diplomatischen Juli-Aktionen in Berlin, Wien, Belgrad und Petersburg skizzieren, und zwar auf Grund aller der Akten- publikationen und Forschungsergebnisse, die Zahlreichen Ablegern der Kriegsschuldlüge den Nährboden entziehen und so die Möglichkeit zur Beantwortung der aufgeworfenen Kardinalfragen bieten.
Nach der Ermordung des österreich-ungari- schen Thronfolgers Erzherzog Franz Ferdinand, der das Opfer einer in Belgrad zentralisierten großserbischen Geheimorgani- sation geworden war, verharrte die Welt in atemloser Spannung, welchen Schritt die Wiener Regierung gegen Serbien unternehmen würde. Aber dem so dramatisch verlaufenen Attentat in der bosnischen Hauptstadt folgten zunächst Tage gründlicher polizeilicher Untersuchungen und langwieriger diplomatischer Vorbereitungen. Am b. Juli ließ Kaiser Franz Joseph durch den öster- reich-ungarischen Botschafter Szögyeny im Neuen Palais zu Potsdam Kaiser Wilhelm ein mit dem 2. Juli 1914 datiertes Handschreiben überreichen, in dem der Monarch u. a. erklärte, „datz an eine Versöhnung des Gegensatzes, welcher Serbien von uns trennt, nicht mehr zu denken ist, und daß die erhaltende Friedenspolitik aller europäischen Monarchen bedroht sein wird, solange dieser Herd von verbrecherischer Agitation in Belgrad ungestraft fortlebt." Dem Handschreiben war eine ausführliche Denkschrift über die künftige Balkanpolink der Donau-Monarchie beigegeben,- Duplikate dieser Schriftstücke wurden vom Wiener Sondergesandten Graf Hoyos im Berliner Auswärtigen Amt dem Unterstaatssekretär Zimmermann zugeleitet. Damit sah sich Berlin vor die Notwendigkeit einer Aeußerung zu dem Konflikt des österreichischen Bundesgenossen mit Serbien gestellt. Bevor Wilhelm II. seine Meinung endgültig mitteilte, nahm er in Potsdam mit R-ichskanzler v. Bethmann-Hollweg Rücksprache. Diese Besprechung, sowie eine Unterredung des deutschen Kanzlers mit dem österreichischen Botschafter im Reichskanzler- palais führten zu dem Ergebnis, daß die Berliner Regierung dem österreich-ungari- schen Minister des Aeußeren Berchtold in der Klärung des Wiener Verhältnisses zu Belgrad freie Hand ließ, gleichzeitig aber die Versicherung abgab, daß Deutschland im Einklang mit seinen Bündnispflichten treu an der Seite Oesterreich-Ungarns stehen werde. Von Anfang an war man sich weiter darüber klar, mit allen Mitteln dagegen zu arbeiten, daß sich der Streit Wien-Belgrad „zu einem
*) Siehe auch unseren Artikel in Nr. 17S der VZ. vom 27. Juni: „Sarajewo".
internationalen Konflikt auswachse". Also Solidaritätsbekundung ohne Kontrollforderungen.
Tie Lügenpropaganda des Auslandes, die nicht anders als heute aus der Leichtgläubigkeit und dem Sensationsbedürfnis gewisser Zeitungsleser Kapital schlug, hatte die Potsdamer Besprechungen schon während des Völkerringens zu einem „entscheidenden Kronrat" gemacht, auf dem das spätere Wiener Ultimatum an Serbien in seinen Grundzügen festgelegt, ja, der Weltkrieg beschlossen worden sei. In Versailles wurde in Zusammenhang mit dieser Lüge noch „festgestellt", daß Deutschland vom Zeitpunkt des Potsdamer „Kronrates" seinen Bundesgenossen in ständiger Abhängigkeit von sich gehalten habe. Diese in nichts begründete Beschuldigung stellt die Dinge geradezu auf den Kopf. Wenn wir heute, von der Warte des kühl abwägenden, über den' Ereignissen stehenden Geschichtsbetrachters aus Kritisches zum Verhalten Deutschlands während der österreichisch-serbischen Krise zu sagen hüben, so ist es dies: v. Bethmann-Hollweg hätte Wien in eine gewisse Abhängigkeit von Berlin halten müssen, er hätte die Erfüllung der Bündnispflichten nicht ohne die Gegenleistung einer Verstärkung seines politischen Einflusses am Wiener Ballplatz in Aussicht stellen sollen. Die'Worte des Kanzlers, die sich in einem Telegramm an den deutschen Botschafter in Wien befinden: „Wir sind zwar bereit, unsere Bündnis- pflichten zu erfüllen, müssen es aber ablehnen, uns von Wien leichtfertig und ohne Beachtung unserer Ratschläge in einen Weltbrand hineinziehen zu lassen," für diese klare Sprache hätte sich der verantwortliche Leiter der deutschen Außenpolitik gegenüber Wien schon vor der Zuspitzung des Konflikts entscheiden müssen. Der Fehler der Politik Bethmann-Hollwegs ist also auf einem diplomatischen Terrain zu suchen, auf dem die Kriegsschuldlüge über ihre eigenen Füße stolpert.
In Wien gingen am 7. Juli — am gleichen Tage trat Wilhelm ll. auf der „Hohenzollern" seine Nordlandfahrl?n — in einer Ministerbesprechung die Meinungen über die zu beschließende Aktion gegen Serbien auffallend auseinander. Angesichts der serbenfreundlichen Haltung Rußlands trat der ungarische Ministerpräsident Graf Tisza zunächst für eine die Gegensätze überbrückende rein diplomatische Aktion ein, während der Kriegsminister Ritter von Krobatin und Graf Berchtold mit Serbien eine vor kriegerischen Begleiterscheinungen nicht zurückschreckende Generalabrechnung vornehmen sollten. Erst im Ministerrat am 14. Juli waren die Ansichten soweit auf einen Nenner gebracht, daß sich die Minister über den Wortlaut eines in kategorischem Ton gehaltenen Ultimatums an Belgrad einigen konnten. Es sollte Serbien eine Reihe von Forderungen unterbreitet werden, über deren volle Annahme es sich innerhalb 48 Stunden zu erklären hatte. Wegen des bis zum 23. Juli währenden Besuchs des französischen Präsidenten Poincarä m Petersburg, d. h. wegen der Wahrschein- liHkeit, daß ein Bekanntwerden der österreichischen Forderungen vor Abreise der französischen Gäste von Kronstadt die Gefahr eines gemeinsamen kriegerischen Eingreifens der verbündeten Reiche Rußland und Frankreich erhöhen würde, erhielt- der
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