Ausgabe 
(22.7.1934) Nr. 200
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Nr. 200 / 3. Vierteljahr

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Sonntag, 22. Juli

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Fwntkämpfer-Aniwort an Heß

Der Führer der Soliömite Francaife, Jean Renaub, zum Königsberger Appell des Stellvertreters Adolf Hitlers / Für ein Bündnis zwischen Frankreich, Deutschland und Italien / Gegen die Juden und Freimaurer

Berlin, 21. Juli.

Da die Reden Hitlers und Hetz' bei der be­kannten Abhängigkeit der französischen Presse nicht das Echo in der Oeffentlichkeit gefunden haben, das das französische Volk empfindet, hat der Pariser Berichterstatter der DAZ. den Führer der zurzeit stärksten nationalfranzösischen Bewe­gung, der Solidaritö Francaise, Jean Re- naud, um eine Aeußerung gebeten. Der Schriftsteller Jean Renaud, der als Major im Felde verwundet und während der Februar-Un­ruhen auf der Place de la Concorde verhaftet wurde, erklärte u. a.:

„Die Rede von Rudolf Hetz scheint mir die gröhte Aufmerksamkeit zu verdienen, weil sie mutig ist und weil sie bereits jetzt aus eine noch umstrittene Wahrheit hinsteuert, nämlich eine Wahrheit, die den Zusammenschluh der starken Mächte gegen die revolutionären Elemente und die politisch „Gewinnsüchtigen" betreibt."

Auf die Frage: „Glauben Sie an den Erfolg einer solchen Annäherung?" antwortete Jean Renaud: „Zweifellos, weil ich den Glauben an die Macht der Autorität habe, die einzig und allein imstande ist, den Frieden zu gewährleisten. Sehen Sie, ebenso wenig, wie man einen starken Mann angreift, greift man ein mächtiges Volk an."

Frage : „Haben Sie den Gedanken einer Ver­bindung in diesem Sinne?"

Antwort: „Ja, ein Bündnis zwischen

Frankreich, Deutschland und Italien. Dann werden die meisten Staaten genötigt sein, sich mit dieser mächtigen Einheit zu verständigen, vor allem die Sowjet-Union und die revolutionären Kräfte in allen Staaten."

Frage: „Und wie wird sich England dazu stellen?"

Antwort: „Hierüber habe ich nur meine persönliche Ansicht. England wird, und das ist auch die Ansicht von manch anderem Franzosen, stets auf der Seite des Stärksten stehen."

Frage: „Glauben Sie, datz die ehemaligen Frontkämpfer eines Tages aktiver an der Politik Frankreichs teilnehmen werden, und, wenn dies der Fall ist, datz sich badurch eher ein Weg zur Verständigung eröffnet?"

Antwort: „Zurzeit sehe ich noch Schwierig­keiten für die politischen Absichten der Front­kämpfer. Man hat diese im Streit untereinander getrennt: man hat sich nur mit ihrer Existenz

besaßt, ohne auch an ihre Seele zu denken, was Sie. als. Deutscher am besten verstehen können. Die wahren französischen Frontkämpfer hat man bisher in Deutschland nicht kennen­gelernt. Bisher wurden nur die Phänomene eingeladen und empfangen, die man pazifistische Frontkämpfer nennt. Was hat das schon zu sagen! Als ob ein alter Frontkämpfer, sei es bei Ihnen oder bei uns, den Krieg nochmals herbei­wünschte. Der echte französische Frontkämpfer will mit offenen Karten mit Ihnen spielen. Wird es gehen? Ja, es wird gehen!

Es gibt keinen Gegensatz in der Auffassung des Kampfes gegen Kommunismus und Freimaurerei. Auf diesem Gebiet können wir mit voller Loya­lität aufeinander zählen. Denn auf ihn fützt die mögliche Sicherheit Europas, die immer wieder von Juden, Freimaurern und gewissen Kapita­listen bedroht wird.

Während die Sowjets mit allen Völkern den Austausch von Schriftstellern pflegen, sollte das

gleiche auch mit den Kreisen unserer Nation ge­schehen. Die Reden von Hitler und Hetz haben aus dem Grunde nicht den Einfluß in Frank­reich gehabt, weil zu viele Zeitungen den wahren Inhalt verschleiert haben. Dafür soll Frankreich durch den Einfluß der Juden und Freimaurer in die Arme der Sowjet­union getrieben werden, gegen die wir uns jetzt und immer wenden, weil wir das als schmählichen Hochverrar empfinden. Es gibt zwei große Be­wegungen in der Welt, den Nationalsozialismus und den Bolschewismus. Die Geheimpolizei der Freimaurerei greift uns unweigerlich in die Seite, wenn wir nicht sofort mit den nationalen Kräften dagegen Front machen."

Frage: „Bedeuter das erneute Erwachen des französischen Nationalismus auf der anderen Seite keine Gefahr, zum Beispiel für das Ab­rüstungsproblem ? Sie werden verstehen, datz ich als Deutscher aus begreiflichen Gründen darauf hinweise."

Antwort: „Ueber die Abrüstung habe ich eine klar umrissene Auffassung. Sie gefällt zwar nicht jedem, doch urteile ich hier als guter Patriot, wie ich jedem anderem das Recht zu­billige, ebenso zu denken. Es ist meine feste An­sicht, datz jedes Land seine Sicherheit haben mutz, sich seine Grenzen schützen und eine schlagkräftige Armee besitzen soll. Wenn man nicht dem Herzen und dem Geiste nach abrüstet, so wird es- immer Schafe und Löwen geben und dann ist es natürlich besser, nicht zu den Schafen zu gehören.

Die menschlichen Rechte werden am besten durch die Erkenntnis von starken Völkern geschützt. Es ist das einzige Mittel, den Krieg zu vermeiden. Ich glaube nur an die Tat, an die Autorität, an den Edelmut, das Recht und das starke Blut der Völker."

Rechtsbruch wir- unnachsichtig geahndet

Gin Erlaß des Neichsminifters an alle deutschen Justizbehörden

Berlin, 21. Juli.

Der Reichsminister der Justiz, Dr. Eürtner, hat am 20. Juli 1934 folgenden Erlaß an alle deutschen Justizbehörden gerichtet:

„Durch die Niederschlagung der hoch- und lan- desoerräterischen Angriffe aus die Bolksgemein- schast vom 30. Juni, 1. und 2. Juli 1834 ist die innere Kraft des Reiches gefestigt und gesichert worden. Mehr denn je ist Voraussetzung für die weitere Arbeit der Reichs- «gierung am Neuausban des Reiches, datz die Achtung vor dem Gesetz, die der Reichskanzler als Oberster Führer der SA. in seinem Befehl an den Chef des Stabes der SA. am 38. Juni 1934 von den SA.-Führern gefordert hat, auch für jeden

Volksgenossen das oberste Gesetz seines Handelns bilde.

Der Rechtspflege erwächst die besondere Auf­gabe, mit Nachdruck für die gewissenhafte Wah­rung von Gesetz und Recht einzutreten und gegen jeden Rechtsbruch, insbesondere gegen jede strafbare Handlung, entschieden vorzugehen. Die Rechtspflege darf sich dabei von keinerlei Rücksichten auf die Person des Beschuldigten leiten lasten; sie dient allein dem Wohl des Volkes und der Gerechtigkeit. Versuche Unberufener, auf den Gang des Rechtsverfahrens Einfluß zu nehmen, sind nachdrücklichst zurückzuverweisen und alsbald den vorgesetzten Behörden zu melden. In keinem Falle dürfen sie den ordnungsmäßigen Fortgang,

insbesondere die sachgemäße Durchführung der Ermittlungen verzögern.

Bei allen Maßnahmen ist eines besonders zu beachten: der gehobenen Stellung des Trägers eines deutschen Amtes, eines Führers oder Un­terführers entsprechen erhöhte Pflichten. Wer sie verletzt, wer insbesondere als Amtsträger oder Führer sich gegen das Gesetz auflehnt, Ausschrei­tungen begeht oder sich sonst des in ihn gesetzten Vertrauens unwürdig zeigt, ist nachdrücklichst und unnachstchtlich zu verfolgen. Die Volksgemein­schaft darf erwarten, daß die Strafe, die gegen ihn verhängt wird, nach Art und Höhe der gehobenen Stellung des Beschuldigten Rechnung trägt."

Levy — der Freund Gtaviskyö!

Wegen Beleidigung des französischen Justizministers verurteilt

Paris. 21. Juli.

Im Stavisky-Skandal ist wiederholt der Her­ausgeber der gegen Deutschland hetzenden Wochen­schrift, Paul Levy, genannt worden. Dieser mit allen Mastern gewaschen« und vor den größten Verleumdungen Deutschlands nicht zurückschreckende Jude hat von der Freigiebigkeit Etaviskys in reichem Matze Nutzen gezogen. Er steht auch auf der Liste derer, die sich vor Ge­richt verantworten mästen. Levy glaubte, auch in diesem Falle mit Frechheit am besten durchzu­kommen. Er hat an den Justizminister Lhöron ein Schreiben gerichtet, das von Beleidigungen des Justizministers nur so strotzt. Allein die Sache ging diesmal schief, denn der Justizminister reichte eine Beleidigungsklage ein, die am Freitag vor einem Pariser Gericht verhan­delt wurde. Levy, der es vorgezogen hatte, per­sönlich nicht zu erscheinen, wurde zu sechs Mona­ten Gefängnis verurteilt.

Oesterreichs Dank für eiue deutsche Gedenkfeier. Der österreichische Militärattache. Generalmajor Jansa, hat gestern dem Chef der Marineleitung im Auftrage seiner Regierung den Dank der öster­reichischen Wehrmacht für die würdige Feier des 7». Gedenktages des Seegefechts bei Helgoland durch den Festungskommandanten von Euxhaven, Kapitän zur See o. Heimburg, ausgesprochen.

Anschlag auf die Donau-Bahn

Die Täter, zwei Marxisten, verhaftet

Wien, 21. Juli.

Amtlich wird mitgeteilt: Am Sonnabend, gegen S Uhr früh, hielt «in Polizeioberwachmann auf seinem Kontrollgang in einem Wiener Gemeinde­bezirk zwei Männer an, die ihm verdächtig er­schienen. Die beiden ergriffen hie Flucht, und einer von ihnen gab auf den sie verfolgenden Wachmann drei Schüsse ab, von denen zwei trafen. Der Polizeioberwachmann erlitt zwei lebens­gefährlich« Schußverletzungen. Die beiden Flüch­tenden wurden von Pastanten verfolgt und konnten festgenommen werden.

Bei ihrer Vernehmung gaben die Fest­genommenen, die sozialdemokratische Partei­gänger und Mitglieder des aufgelösten republika­nischen Schutzbundes Wien sind, an, daß sie heute in den Morgenstunden an den Gleisen der Donau-Ufer-Bahn in der Nähe der Lagerhäuser eine Sprengung vorgenommen hätten und aus Oesterreich flüchten wollten. Wie festgestellt wurde, ist tatsächlich an den Bahngleisen diese Explosion erfolgt. Fünfzehn Fensterscheiben einer nahe­gelegenen Fabrik wurden durch den Luftdruck zer­trümmert. Es ist Anzeige an das Standgericht erstattet.

„Schönheit der Arbeit"

Ein nachahmenswertes Preisausschreiben Berlin, 21. Juli.

Im Zuge der nach und nach überall in Deutsch­land einsetzenden Maßnahmen, die eine Ver­schönerung der Arbeitsstätten und ihrer Um­gebung zum Ziel haben, hat jetzt das Röhren- werk des Siemens-Konzerns ein interessantes Preisausschreiben veranstaltet, datz sich in erster Linie an die mit gärtnerischem Schönheitssinn be­gabten Arbeitskameraden der eigenen Gefolg­schaft wendet.

Ein großer freier Platz neben dem Werkge- bäude soll zu einer Eartenanlage umgestaltet werden, die der Gefolgschaft während der Pausen angenehmen Aufenthalt und schattige Sitzgelegen­heiten im Freien bieten soll. Ebenso sollen die das Gebäude umgebenden Straßen durch Rasen­flächen, Blumenbeete und Kletterpflanzen ein freundliches und schmuckes Aussehen erhalten. Daneben ist geplant, die in diesen Eartenanlagen gezüchteten Schnittblumen zur Ausschmückung der Werkstätten und Büros verwenden.

Die Kosten für die Anschaffung der Pflanzen und Materialien werden vom Werk getragen, da­gegen ist beabsichtigt, die Herstellung der An­lagen vorwiegend durch freiwillige Ge­meinschaftsarbeit der Werkangehörigen zu bewerkstelligen, wobei der Hoffnung Ausdruck gegeben wird, datz vom Betriebssichrer bis zum kleinsten Lehrling sich keiner ausschließen wird.

Für die besten Vorschläge zur Gestaltung dieser Anlagen werden drei Preise in Höhe von SO, 30 und 20 RM. ausgesetzt. Das Preisgericht setzt sich aus der Betriebsführung, dem Vertrauensrat und einem Vertreter des Amtes „Schönheit der Arbeit" der NS.-Eemeinschaft „Kraft Lurch Freude", der gleichzeitig als Sachverständiger mitwirkt, zusammen.

Derjenige Arbeitskamerad, dessen Vorschlag hauptsächlich verwendet wird, soll später zugleich mit der Leitung der Durchführung der praktischen Arbeiten betraut werden.

Begrüßenswert ist besonders der Gedanke der gemeinsamen Durchführung der geplanten Ver­schönerungsarbeiten durch die gesamte Beleg­schaft, — ein Gedanke, der jetzt immer weiter um sich greift und viel zur Festigung und Stär­kung des Zusammengehörigkeitsgefühls und der Werkverbundenheit beiträgt. — Durch solche Aktionen aber werden wir nach und nach dazu kommen, daß es von den deutschen Arbeitsstätten einmal heißen wird, sie seien die vorbildlichsten, schönsten und gesündesten der Welt.

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kr. klü. Bremen, 21. Juli.

Wäre der Ausbruch des Weltkrieges zu verhindern gewesen? Oder war es ein unabwendbares Schicksal, das zunächst Europa und dann fast die ganze Menschheit in ihren todbringenden Bannkreis zog? Hatte das Blut all der Millionen aus einem inneren Zwange der Geschichte heraus ge­opfert werden müssen — oder wären die Staatsmänner in der Lage gewesen, das grenzenlose Unheil abzuwenden? In den Tagen, da die Erinnerung an die folgen­schwere Julikrise vor zwanzig Jahren mit der Propagierung neuer französisch-russischer Kriegspakt- und Einkreisungspläne zusam­mentrifft, gewinnen jene Fragen einen be­sonders ernsten Sinn. Tie „Siegerstaaten" haben die Antwort vor 1b Jahren in Ver­sailles auf ihre Art dadurch vorweg zu neh­men versucht, daß sie Deutschland wider besseres Wissen und unter Mißachtung seines ausdrücklichen Protestes die Schuld am Weltkrieg zudiktierten. Wie unhaltbar jedoch die Verstiiller Beschuldigungen sind, geht nicht zuletzt aus der Reihe der Ereignisse hervor, die den am 28. Juni 1914 gefallenen Schüssen von Sarajewo folgten und am 23. Juli mit dem bekannten Ultimatum der Dopnelmonarchie an Serbien ihren vorläufi­ge- Abschluß fanden. Wir werden, unsere historischen Beiträge zum Ausbruch des Welt­krieges damit fortsetzend, im Folgenden die wichtigsten diplomatischen Juli-Aktionen in Berlin, Wien, Belgrad und Petersburg skiz­zieren, und zwar auf Grund aller der Akten- publikationen und Forschungsergebnisse, die Zahlreichen Ablegern der Kriegsschuldlüge den Nährboden entziehen und so die Mög­lichkeit zur Beantwortung der aufgeworfe­nen Kardinalfragen bieten.

Nach der Ermordung des österreich-ungari- schen Thronfolgers Erzherzog Franz Ferdi­nand, der das Opfer einer in Belgrad zen­tralisierten großserbischen Geheimorgani- sation geworden war, verharrte die Welt in atemloser Spannung, welchen Schritt die Wiener Regierung gegen Serbien unternehmen würde. Aber dem so dramatisch verlaufe­nen Attentat in der bosnischen Hauptstadt folgten zunächst Tage gründlicher polizei­licher Untersuchungen und langwieriger di­plomatischer Vorbereitungen. Am b. Juli ließ Kaiser Franz Joseph durch den öster- reich-ungarischen Botschafter Szögyeny im Neuen Palais zu Potsdam Kaiser Wilhelm ein mit dem 2. Juli 1914 datiertes Hand­schreiben überreichen, in dem der Monarch u. a. erklärte, „datz an eine Versöhnung des Gegensatzes, welcher Serbien von uns trennt, nicht mehr zu denken ist, und daß die erhal­tende Friedenspolitik aller europäischen Monarchen bedroht sein wird, solange dieser Herd von verbrecherischer Agitation in Bel­grad ungestraft fortlebt." Dem Handschreiben war eine ausführliche Denkschrift über die künftige Balkanpolink der Donau-Monarchie beigegeben,- Duplikate dieser Schriftstücke wurden vom Wiener Sondergesandten Graf Hoyos im Berliner Auswärtigen Amt dem Unterstaatssekretär Zimmermann zugeleitet. Damit sah sich Berlin vor die Notwendigkeit einer Aeußerung zu dem Konflikt des österreichischen Bundesgenossen mit Serbien gestellt. Bevor Wilhelm II. seine Meinung endgültig mitteilte, nahm er in Potsdam mit R-ichskanzler v. Bethmann-Hollweg Rück­sprache. Diese Besprechung, sowie eine Unter­redung des deutschen Kanzlers mit dem österreichischen Botschafter im Reichskanzler- palais führten zu dem Ergebnis, daß die Berliner Regierung dem österreich-ungari- schen Minister des Aeußeren Berchtold in der Klärung des Wiener Verhältnisses zu Belgrad freie Hand ließ, gleichzeitig aber die Versicherung abgab, daß Deutschland im Ein­klang mit seinen Bündnispflichten treu an der Seite Oesterreich-Ungarns stehen werde. Von Anfang an war man sich weiter darüber klar, mit allen Mitteln dagegen zu arbeiten, daß sich der Streit Wien-Belgrad „zu einem

*) Siehe auch unseren Artikel in Nr. 17S der VZ. vom 27. Juni: „Sarajewo".

internationalen Konflikt auswachse". Also Solidaritätsbekundung ohne Kontrollforde­rungen.

Tie Lügenpropaganda des Auslandes, die nicht anders als heute aus der Leichtgläubig­keit und dem Sensationsbedürfnis gewisser Zeitungsleser Kapital schlug, hatte die Potsdamer Besprechungen schon während des Völkerringens zu einem „ent­scheidenden Kronrat" gemacht, auf dem das spätere Wiener Ultimatum an Serbien in seinen Grundzügen festgelegt, ja, der Weltkrieg beschlossen worden sei. In Ver­sailles wurde in Zusammenhang mit dieser Lüge noch „festgestellt", daß Deutschland vom Zeitpunkt des Potsdamer „Kronrates" sei­nen Bundesgenossen in ständiger Abhängig­keit von sich gehalten habe. Diese in nichts begründete Beschuldigung stellt die Dinge geradezu auf den Kopf. Wenn wir heute, von der Warte des kühl abwägenden, über den' Ereignissen stehenden Geschichtsbetrachters aus Kritisches zum Verhalten Deutsch­lands während der österreichisch-serbischen Krise zu sagen hüben, so ist es dies: v. Beth­mann-Hollweg hätte Wien in eine gewisse Abhängigkeit von Berlin halten müssen, er hätte die Erfüllung der Bündnispflichten nicht ohne die Gegenleistung einer Ver­stärkung seines politischen Ein­flusses am Wiener Ballplatz in Aussicht stellen sollen. Die'Worte des Kanz­lers, die sich in einem Telegramm an den deutschen Botschafter in Wien befinden: „Wir sind zwar bereit, unsere Bündnis- pflichten zu erfüllen, müssen es aber ableh­nen, uns von Wien leichtfertig und ohne Beachtung unserer Ratschläge in einen Welt­brand hineinziehen zu lassen," für diese klare Sprache hätte sich der verantwortliche Leiter der deutschen Außenpolitik gegenüber Wien schon vor der Zuspitzung des Kon­flikts entscheiden müssen. Der Fehler der Politik Bethmann-Hollwegs ist also auf einem diplomatischen Terrain zu suchen, auf dem die Kriegsschuldlüge über ihre eigenen Füße stolpert.

In Wien gingen am 7. Juli — am gleichen Tage trat Wilhelm ll. auf der „Hohenzollern" seine Nordlandfahrl?n — in einer Ministerbesprechung die Meinungen über die zu beschließende Aktion gegen Ser­bien auffallend auseinander. Angesichts der serbenfreundlichen Haltung Rußlands trat der ungarische Ministerpräsident Graf Tisza zunächst für eine die Gegensätze über­brückende rein diplomatische Ak­tion ein, während der Kriegsminister Rit­ter von Krobatin und Graf Berchtold mit Serbien eine vor kriegerischen Begleiterschei­nungen nicht zurückschreckende General­abrechnung vornehmen sollten. Erst im Ministerrat am 14. Juli waren die Ansichten soweit auf einen Nenner gebracht, daß sich die Minister über den Wortlaut eines in kategorischem Ton gehaltenen Ultimatums an Belgrad einigen konnten. Es sollte Ser­bien eine Reihe von Forderungen unterbrei­tet werden, über deren volle Annahme es sich innerhalb 48 Stunden zu erklären hatte. Wegen des bis zum 23. Juli währenden Be­suchs des französischen Präsidenten Poincarä m Petersburg, d. h. wegen der Wahrschein- liHkeit, daß ein Bekanntwerden der öster­reichischen Forderungen vor Abreise der französischen Gäste von Kronstadt die Ge­fahr eines gemeinsamen kriegerischen Ein­greifens der verbündeten Reiche Rußland und Frankreich erhöhen würde, erhielt- der

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