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(07/07/1934) Nr. 185
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Einzelpreis 15 Rps.

Nr. 18s / 3. Vierteljahr Sonnabend. 7. Juli

.Sie SA. ficht makellos da!"

Unterredung mit dem Shes des Stabes Viktor Lutze

Berlin, 6. Juli.

Der Chef des Stabes der SA., Viktor Lutze, wurde von einem Vertreter desAngriffs" über die Zukunft der SA. befragt:

Mein Chef des Stabes, wußten Sie ebenso wie der Führer, Hermann Göring, Dr. Goebbels und einige andere aus der Umgebung des Kanzlers schon vor Wochen von der bevorstehenden Re­bellion der ehemaligen SA.-Führer?"

Ich erfuhr von dem verräterischen Treiben Röhms und seiner Umgebung erst, als sich die Lage wirklich zugespitzt hatte. Ich wurde dann als einer der ältesten SA.-FLHrer Deutschlands, der übrigens auch schon seit langem Front ge­macht hatte gegen die Linie der Obersten SA>- Fiihrung, vom Führer hinzugezogen, um bei der Niederschlagung der Rebellen mitzuwirken. Zu dem Kreis der Vertrauten und Freunde Röhms gehörte ich nie."

Kam die ehrenvolle Berufung zum Chef des Stabes der SA. für Sie überraschend?"

Ja, das war schon eine Ueberraschung für mich. Ich hatte niemals daran gedacht, daß ich einmal Chef des Stabes werden würde, vor allem deswegen nicht, weil ich auch nicht den Ehrgeiz hatte, es zu werden."

Glauben Sie, daß die Verräter mit ihren ver­brecherischen Plänen bei der SA. irgendwie Aus­sicht auf Erfolg gehabt hätten, wenn der Führer dem Spuk nicht im letzten Augenblick ein sähes Ende gemacht hätte?"

Der Chef des Stabes erklärte mit aller Ent­schiedenheit, daß kein SA.-Mann zu dem Verräter Röhm gestanden hätte. Bei dem ganzen Spuk handelt es sich lediglich um eine reine Führer­revolte. Und auch von den Führern war es nur ein ganz kleiner Kreis, der die Rebellion mitmachen wollte."

Es ist also tatsächlich so, daß der einfache und unbekannte SA.-Mann und feine Führer nichts von dem seit Wochen vorbereiteten verräterischen Unternehmen der obersten Führercligue wußten und daß sie infolgedessen keineswegs belastet sind?"

Nein, die SA. braucht sich wirklich nicht zu schämen, weil ein kleiner Kreis ihrer bisherigen Führer zu Verrätern wurde. Sie sollte von jenen nur mißbraucht werden, steht aber heute makel­los da. Mit Stolz kann ich sagen, daß die ge­samte SA. sauber ist und demnächst wieder mit erhobenem Haupt das Braunhemd tragen kann."

Der Führer steht selbstverständlich treu zu ihr und liebt sie. Wäre sein Verhältnis zu ihr auch nur ein bißchen getrübt, er hätte sie ja auflösen können, oder er hätte nicht die alte Karde damit beauftragt, dort, wo noch etwas faul sein sollte, für'gründliche Säuberung zu sorgen."

Auf die Frage, ob von der ehemaligen Obersten SA.-Führung nicht absichtlich politisch unzuver­lässige Elemente von den Kommunisten, Sozial- demokraten, Deutschnationalen und aus dem Stennes-Lager in der SA. aufgenommen worden sind, erklärt der Chef des Stabes, daß er dies nicht unbedingt bejahen möchte. Er sei allerdings der Meinung, daß einige der nun gerichteten früheren SA.-Führer die Aufnahme solcher Ele­mente gewünscht hätten, um dadurch Unzufrie­dene in der SA. zu sammeln.

Wie wird sich nun in Zukunft das Verhältnis zwischen der SA. und den Schutzstaffeln ge­stalten?"

Nudvls Hetz und Dr. Goebbels in Schleswig-Holstein

Husum, 8. Juli.

Der Stellvertreter des Führers, Rudolf Hetz, Reichsminister Dr. Goebbels, der Führer der Deutschen Arbeitsfront, Dr. Ley, Reichsstatthalte: Ritter von Epp, Oberpräsident und Gauleiter Lohs« und andere Parteiführer besichtigten am heutigen Freitagvormittag, von Flensburg kom­mend, die Landgewinnungsarbeiten und Deich- bauten an der Westküste Schleswig-Holsteins, u. a. auch die Landgewinnungsarbeiten an der Me­tz ingsharde, den Soenke - Nissen - Koog und den Dammbau Festland-Nordstrand. Die Wagen mit den Parteiführern passierten Freitag vormittag 9 Uhr Husum. Relchsminister Goebbels traf auf der Rückfahrt kurz vor 11 Uhr wieder in Husum ein. Der Minister wurde überall mit stürmischen Heilrufen begrüßt. In den Straßen bildete das Publikum Spalier. Auf dem Marktplatz in Husum hatte sich eine dichtgedrängte Menge eingefunden, so daß der Wagen des Ministers sich nur langsam einen Weg bahnen konnte.

Es soll wie bisher zwischen diesen beiden Formationen «in rein kameradschaftliches Verhältnis herrschen. Beide werden auch zukünftig getrennt ihren Aufgaben nachgehen und sie getrennt zu lösen haben."

Ueber die Neuorganisation der SA kann der neue Chef des Stabes heute natürlich noch keine näheren Angaben machen. Er gibt allerdings mit aller Bestimmtheit seiner Ueber­zeugung Ausdruck, daß eine Neuorganisation durchgeführt werden muß und durchgeführt werden wird, weil sie eben unbedingt notwendig

Ein lehrreicher Vergleich

(Von unserem Berliner 8. ^.-Mitarbeiter.)

Berlin, 6. Juli.

Ein gewisser Teil der Auslandspresse läßt es sich vor wie nach angelegen sein, die Vorgänge in Deutschland als ganz besonders gefährlich hin­zustellen. Es werden mit besonderer Vorliebe Vergleiche angestellt mit der großen Ruhe und Festigkeit, die in den innerpolitischen Verhält­nissen anderer Staaten herrschen sollen. Dabei bringt es ein angesehenes französisches Blatt allen Ernstes fertig, gerade die französischen Zustände als vorbildlich und darum das parlamentarische System an sich als erhaltenswert zu bezeichnen.

In politischen Kreisen der Reichshauptstadt hat man eine wesentlich andere Auffassung von der gegenwärtigen politischen Lage in den ver­schiedensten Ländern der Welt. Es soll dabei gar nicht erst auf Sowjetrußland oder den ostasiati- schen Unruheherd verwiesen werden. Auch in den meisten parlamentarisch regierten Kultur­ländern Europas und Amerikas kann man in mehr oder minder schneller Zeitfolge Zeuge auf- ruhrähnlicher Vorfälle werden.

Die blutigen Tumulte zum Beispiel, von denen soeben Amsterdam heimgesucht wird, sind als typische Zerfallserscheinungen zu werten, wie sie überall da auftreten, wo nicht die starke Hand einer autoritären Regierung die Dinge meistert. Plünderungen, Tumulte, Blutopfer: das hätte man den Niederlanden und seiner Handels­metropole noch vor kurzem nicht vorauszusagen gewagt. Frankreich ist alles andere als ein ruhiges und zufriedenes Land: fast allsonntäglich

ist. Ob in diesem Zuge eine zahlenmäßige Ver­ringerung der Sturmabteilungen erfolgen wird, ist nicht ganz ausgeschlossen, wenn man sich ver­gegenwärtigt, daß der Lh«f des Stabes, Lutze, aus den braunen Formationen ein unbedingt sauberes und was in diesem Zusammenhang von besonderer Bedeutung ist ein politisch zuverlässiges Instrument der Bewegung zu machen entschlossen ist.

Wird dann zukünftig jeder SA.-Mann Mit­glied der NSDAP. sein müssen?"

Ich bin der Meinung, daß es auf die Dauer unumgänglich sein wird, daß der SA.-Mann, in

gibt es blutige Zusammenstöße. Es ist sicher, daß sich gerade Frankreich wohl als erste der großen europäischen Nationen mit den Bestrebungen wird auseinandersetzen müssen, die eine Be­seitigung der korrupten Demokratie und des zer­fallenden Parlamentarismus im Auge haben.

Auch Nachrichten über politische Gewalttaten aus Nordamerika gehören nicht mehr zu den Seltenheiten. Wenn heute wieder Krawalle aus Sän Franzisko gemeldet werden, bei denen 6 Tote und 52 Verletzte zu beklagen sind, so wird damit die Reihe der zahllosen Unruhen in USA. lediglich vermehrt, kaum aber abgeschlossen. Gleichzeitig laufen Meldungen aus Mexiko ein, wo ein neuer Putsch in Vorbereitung ist. (Fast wörtlich die gleiche Botschaft kommt übrigens aus Griechenland, wo der General Plastiras im Begriff war, einen Staatsstreich in Gang zu bringen.) In Chile sind sämtliche Kommu­nistenführer verhaftet worden und im Süden des Landes haben sich die Bauern zu einer Revolte erhoben.

Angesichts dieser Vorgänge ist es nicht ver­wunderlich, wenn das Blatt des Papstes, L'Osservatore Romano", mit großer Sorge den französischen Flirt mit Sowjetrußland beobachtet, das zweifellos die Absicht hege, nach seinem Ein­tritt in den Völkerbund Genf zu einem bolsche­wistischen Propagandazentrum zu machen. Auch in England beobachtet man bekanntlich die fran­zösischen Pläne einer Verbrüderung mit Rußland mit immer größerem Mißtrauen.

erster Linie aber der SA.-Führer, Parteigenosse ist. Schließlich muß er, wenn er Garant einer Weltanschauung sein will, dieser nationalsozia­listischen Bewegung mit Haut und Haar ver­schrieben sein."

Der von dem früheren Stabschef verliehene Ehrendolch darf nach Entfernung des Namens des Verräters wieder getragen werden, genau so wie alle SA.-Männer ihren Dienstdolch tragen dürfen. Die Entscheidung darüber, ob die alten Kämpfer für ihre Verdienste einen Ersatz für den Ehrendolch erhalten, der dann von Adolf Hitler selbst und nicht wieder vom Chef des Stabes verliehen wird, liegt beim Führer selbst.

Frontkämpfer für Hitler

Berlin, 6. Juli.

Die Landesführer des NS.-Deutschen Front­kämpferbundes (Stahlhelm) traten in Berlin unter Leitung des Vundesführers Reichs­arbeitsministers Franz Seldte zu einer dienst­lichen Besprechung zusammen. Der Bundesführer gab dabei u. a. bekannt, daß er in einer längeren Besprechung mit dem neuen Chef des Stabes, Lutze. die Gewißheit gewonnen habe, daß künftig der kameradschaftlichen Zusammenarbeit des Bundes mit der SA. keine Schwierigkeiten ge­macht, sondern daß diese Zusammenarbeit geför­dert werden würde. Die Tagung der Landes­führer endete mit einem spontanen Bekenntnis der Treue und bedingungsloser Gefolgschaft für den Führer Adolf Hitler.

Von Killinger unbeteiligt

Im Zuge der Untersuchungen wurde u. a. durch eine untere Stelle auch Obergruppenführer von Killinger in Haft genommen. Auf Befehl des Füh­rers wurde Pg. Killinger sofort wieder aus der Hast entlassen. Die Feststellungen ergaben, daß cr in keinem Zusammenhang mit der hochverräte­rischen Revolte stand.

Im Zuge der Untersuchungen anläßlich der hoch­verräterischen Revolte wurden u. a. verhaftet: Fritz Günther von Tschirschkynd Boegendorsf, Friedrich Karl von Saoigny. Margarethe von -totzingen.

Die Untersuchung ergab, daß zwischen ihnen und den Hochverrätern keine Beziehungen be­standen haben. Ihre Enthaftung wurde veranlaßt.

Sauappell in Oldenburg

I'. L. Bremen, 7. Juli 1934.

Der Gauparteitag für Weser-Ems, der heute in Oldenburg stattfinden sollte, hat die Form eines Pflichtgauappell» für PO. und Amtswalter des Gaues Weser-Ems erhalten. Der Appell wird schlicht und ein? fach vor sich gehen und eine reine Arbeit« tagung sein.

Nichtsdestoweniger gewinnt dieser Gau» appell seine besondere Bedeutung dadurch, daß er die erste große Veranstaltung der NSDAP. nach der Säuberungsaktion ist. Die PO. im Gau Weser-Ems hat sich seit jeher, auch in den 14 Kampfjahren, als Kerntruppe des Nationalsozialismus ausgezeichnet. Mit einer Zähigkeit, die ihresgleichen sucht, und einem felsenfesten Glauben an den Sieg ist dieser Kampf geführt worden. Wenn oft hier und da in deutschen Landen Zweifel und Kleinmut in kritischen Zeiten ihr Haupt er» hoben im Gau Weser-Ems war davon nichts zu spüren. Die Person eines Earl Röver stand, wie in Erz gegoffen, im Strudel der sich überstürzenden Ereignisse und neben ihm in treuester Kameradschaft eine große Anzahl unerschrockener Kämpfer, von denen nur einige markante Namen hier genannt sein mögen: Herzog, Spangemacher, Paul Wegener. Daß die Befruchtung des Gaues Weser-Ems mit nationalsozialistischem Geist aus dem Oldenburger Lande genommen ist, mag neidlos zugestanden sein, denn dort war in ganz Nordwest-Deutschland der national» sozialistische Auftrieb am stärksten. Röver hatte versprochen, Oldenburg zu einer Hoch» bürg des Nationalsozialismus zu machen, und er hat dieses Versprechen gehalten, wenn auch die Reaktion und der Marxismus verzweifelt dagegen angekämpft haben. Röver ist es zu verdanken gewesen, daß aus dem ehemaligen fast rein demokratischen Oldenburger Land in wenigen Jahren ein nationalsozialistischer Staat geworden ist. Der Nord-Oldenburger Bauer war es be­sonders, der frühzeitig die große Idee des Nationalsozialismus erkannte. Er hielt auch Treue dem Führer, als bei der vorletzten Reichstaaswahl infolge reaktionärer und marxistischer Hetze die Stimmenzahl der NSDAP. sich um etwa 30 000 im Lande ver­ringerte und danach die gegnerische Presse jubelnd bereits den Sturz des Röver- Kabinetts, in Oldenburg ankündigte. Nur hatten die schwarzen und roten Herrschaften ihre Rechnung ohne Röver gemacht. Sie wurden vernichtet, aber Röver blieb.

Nicht überall im Gau Weser-Ems konnte diese Entwickelung so schnell vorwärts ge­trieben werden, wie in Oldenburg. In Bremen kam sie sogar reichlich spät zur endgültigen. Reife und es mußte hier inner­halb Jahresfrist noch manche Hemmung be­seitigt werden. Die größten Schwierigkeiten wurden dem vorwärtsstürmenden National­sozialismus im Gau Weser-Ems dort be­reitet, wo das Zentrum die Vormachtstellung hatte. Die in den Kampfjahren an Zahl be­scheidenen Hitler-Anhänger in jenen Gegen­den waren Kämpfer im besten Sinne des Wortes gewesen, denn es gehörte gewaltiger Mut dazu, sich zum Nationalsozialismus zu bekennen, da das offene Bekenntnis gleich­zeitig diemoralische" und wirtschaftliche Hinrichtung des Betreffenden bedeutete. Nie hätte man es für möglich gehalten, daß in diesen Zentrumsgebieten je einmal eine Hakenkreuzfahne wehen könnte. Aber es ist doch geschafft worden, wenn es auch gewissen katholischen Geistlichen noch im vorigen, ja in diesem Jahr sogar schwer gefallen ist, die politische Zentrumsweisheit nicht mehr von der Kanzel verkünden zu dürfen.

Im preußischen Teil des Gaues Weser-Ems ging natürlich auch unter der Herrschaft des roten Severinas die nationalsozialistische Ent­wicklung langsamer vor sich, als in Oldenburg. Keine Drohung der Roten aber konnte das ständige Anwachsen der nationalsoziali­stischen Ortsgruppen aus preußischem Gebiet verhindern. Man zog der SA. die Braun­hemden aus, gut, dann gingen sie in weißen Hemden mit braunen Hosen. Auch das war noch zuviel: Selbst die braunen Hosen muß­ten herunter! Es hagelte Gefängnisstrafen über die Braunhemdenträger, aber

glAk .es sonst Neues.-

Dr. Frick zu den Steuerreform-Plänen

Reichstag und Preußenhaus unter -in ! Verwaltung >

Neue Unruhen in Amsterdam

Englisches Bombenflugzeug abgestürzt

Bombenanschläge als Geschäft

Wir sich dievaterländischen" Garben der österreichischen Regierung

unentbehrlich" machen wollen

Wien, 6. Juli.

Der Oesterreichtsch« Pressedienst schreibt:

Bor drei Monaten wurde in Nraz «invater­ländischer" Jude verhaftet, weil «r in feinem Geschäft «inen Sprengkörper zur Explosion ge­bracht und dann bei der Polizei angegeben hatte, Nationalsozialisten seien die Täter gewesen. Zu seiner Entschuldigung erklärte er, daß er ja nur von Nationalsozialisten" ein« Entschädigung haben wollte. Damit diese möglichst hoch ist, hatte er in dem Raum, wo er den Böller losgehen ließ, seine ganzen Ladenhüter und eine Menge verdorbener Waren zusammengetragen.

Dieser geschäftstüchtige Ernzer Jude war in den letzten Monaten gewiß das Muster und Beispiel für vieleVaterländische" in Oesterreich. Einer seiner letzten Nachahmer hat jetzt in Wien sogar das Leben seiner Frau und seines Kindes aufs Spiel gesetzt, um gleich­falls zu einerEntschädigung" zu kommen. Hier den Tatbestand: Am 24. Juni, um 4.3V Uhr morgens, gab es in der ebenerdig gelegenen Wohnung des Dachdeckermeisters Rudolf Ander!« im 2V. Wiener Bezirk, Engerthstraße 97, eine Explosion. Das Schlafzimmer wurde stark be­schädigt, die Zimmerdecke und eine Seitenwand von Sprengstücken durchlöchert. Die Gattin des Änderte erlitt leichte, die zwölfjährige Tochter schwerere Verletzungen: sie wurden ins Spital geschafft.

Die gesamte österreichische Presse berichtete über den Borfall, der aus Grund amtlicher Berichte alsNazi-Anschlag",Mordtat brauner Banditen" usw. bezeichnet wurde. Nun haben aber die Er­hebungen und vor allem das Gutachten des Sprengmittelsachverständigen Baurat Kunze den für dieVaterländische Front" etwas unangenehmen Beweis geliefert, daß Änderte den Sprengkörper selbst zur Explo- sionbrachte. Uöber das Vorleben des Täters

wurde folgendes ermittelt: Änderte ist früher

Kommunist gewesen, ist als Säufer bekannt, vollständig verschuldet, schlecht beleumundet. Zuletzt war er Obmann der Bezirksgruppe XX desVaterländischen Ringes öster­reichischer Soldaten", hat diese Stelle aber wegen Unterschlagungen verloren. Die Behörde nimmt an, daß Anderle wieder Obmann werden und außerdem eine größere Entschädigung bekommen wollte, um einige seiner drückendsten Schulden los zu werden.

DieVaterländische Front" hat natürlich das größte Interesse daran, die bereits in weiten Kreisen bekanntgewordene Wahrheit über den Fall Anderle der gesamten Öffentlichkeit vor­zuenthalten. Das Regierungsorgan vollführt ein Berschleierungsmanöver. Und so bringt es die christttchsoziale WienerNeichspost" zuwege, noch am 3. Juli einen ihr von Änderte gleich nach der Tat übermittelten Brief zu veröffentlichen, und zwar unter dem TitelWer ersetzt den Schaden?" Diese Veröffentlichung beweist, daß man Anderle für sein Verbrechen volle Straf­freiheit gewähren will, weil es dergute Ruf" derVaterländischen Front" und der Kamps der Regierung gegen dennationalsozialistischen Mordterror" so erfordert.

So arbeitet heute das österreichische Regierungs­system! Zu solchen Mitteln muß es greifen, um sich noch eine Weile zu halten. Wer hat den Anschlag aus die Cemmeringstrecke verübt? Ein das .vaterländische" Dollfuß- System womöglich noch greller beleuchtender Fall beschäftigt zurzeit das Bezirksgericht Bruck a. d. Mur und die Staatsanwaltschaft in Leoben. Ein Heimwehrhilfspolizist erschien, wie erst dieser Tage bekannt wurde,, am 17. Juni beim Bezirksgericht in Brück a. d. Mur und sagte, er habe eine Anzeige zn machen. Auf die Frage, gegen wen sich diese richte, erklärte er, daß er sich selbst anzeigen wolle; denn er und eine größere

Zahl seiner Kameraden, deren Namen er nannte, hätten zehn Tage zuvor den Anschlag auf die Süd- bahnstrecke am Semmering ausgeführt.

Al, der Hilfspolizist weiter gefragt wurde, warum sie das getan hätten, meinte «r, «, sei geschehen, weil sie abgebaut werden sollten, zum Teil auch schon abgebaut wäre», und weil sie beschlossen hätten, eine größere Un­sicherheit im Lande zu schaffen, damit sie alle im Dienst bleibe« könnten.

Das Bezirksgericht Brück setzte sich daraufhin mit der Staatsanwaltschaft des Kreisgerichtes Leoben ins Einvernehmen, welche die Verhaftung des Hilfspolizisten anordnete. Die Behörden bemühen sich, den Vorfall der Bevölkerung gegen­über streng geheim zu halten, ebenso die weitere Untersuchung. Mittlerweile aber wird in ganz Oesterreich offen die Tatsache besprochen, daß sich seit der vor vier Wochen mit soviel Tamtam voll­zogenen Gründung der Ortswehren die Zahl der Sprengstofsanschläge verviel­facht habe. Und es wird seitens der Bevölkerung ebenso offen der Meinung Ausdruck verliehen, daß die weitaus größere Zahl aller Anschläge nunmehr von Hilfspolizisten, Heimwehrlern, Sturmschärlern und sonstigenVaterländischen" verübt wird, die sich damit unentbehrlich machen wollen.

Und die Regierung Dollfuß steht nun vor der angenehmen Entscheidung, Ortswehren, Hilfs- polizei, Schutzkorps usw. wieder aufzulassen oder eine neue Formation zu gründen, welche die bereits bestehenden Formationen überwacht. Diese neue Formation müßte natürlich ungefähr doppelt so stark sein wie alle alten zusammen. Das bereite der Regierung so wird wenigstens in Wien an zuständiger Stelle erklärt keine Schwierigkeiten, weil das Heer der Arbeitslosen für jede derartige Eventualität groß genug sei: Die einzige

Schwierigkeit scheint demnach nur darin zu bestehen, daß man nicht weiß, welchen Namen man der neuen Formation geben soll.