Ausgabe 
(20.12.1933) Nr. 344
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Nr. 344 / 4. Vierteljahr

Mittwoch, den 20. Dezember Einzelpreis 12 Rps.

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Varifer Rekrutierung beschlossen

Paris, 18. Dezember.

Die Kammer hat mit 118 gegen 117 Stimmen das neue Rekrutierungsgesetz angenommen. Die der Abstimmung vorausgehende Aussprache ver­dichtete sich zu einer grundsätzlichen Auseinander­setzung über die Frage, ob Frankreich militärisch stark genug sei oder nicht.

.Tardieu vertrat leidenschaftlich den Stand­punkt, daß durch das neue Rekrutierungsgesetz Frankreichs Heeresmacht um eine gewisse Anzahl von Einheiten reduziert werde gerade in dem Augenblick, in dem für Frankreich und für Europa eine kritische Zeit anhebe. Um den Frie­den zu retten, brauche man ein starkes Frankreich.

Der Vorsitzende des Heeresausschusses der Kam­mer, Oberst Fabry, der Berichterstatter der Vorlage, und vor allem Kriegsminister Dala- dier vertraten die Auffassung, daß Frankreichs Militärotganisation durch die Vorlage keines­wegs geschwächt werde.

Die Zahl der stehenden Truppen betrage 168 000 Mann. Hinzu komme eine gewisse An­zahl von Truppenverbänden, namentlich 800 000 sofort kampfbereite, völlig ausgebildete Mann­schaften. Die von der Kammer bewilligten Kre­dite seien für die Anschaffung eines modernen Kriegsmaterials verwendet worden. Er werde die notwendigen Kredite beantragen, um diesen Festungsgürtel bis zum Meer auszu­bauen.

Daladier warnte davor, eine ungerechtfertigte Panik im Lande zu erzeugen. Er glaube nicht, daß man eine Nation mit einem 500 000 Mann starken Heer einfach niederschlagen könne.

Hindenburgö Geschenk

an den Vräsldenten von Venezuela

Dem Präsidenten von Venezuela, Gomez, hat anläßlich seines 28jährigen Regierungsjubiläums Reichspräsident von Hiudenvnrg als Geschenk durch den deutschen Gesandten in Caracas einen Ehrendegen mit persönlicher Widmung über­reichen lassen. Mit diesem Geschenk findet das Freundschaftsverhältnis Deutschlands zu Vene­zuela sichtbaren Ausdruck. Das überseeische Land feierte bekanntlich gleichzeitig mit dem Regie- rungsjubiläum den 25. Jahrestag seiner natio­nalen Erhebung.

Neues Kali-Gesetz

Berlin, 19. Dezember.

Das Reichskabinett hat ein neues Kaliwirt- schastsgesetz beschlossen, welches am 1. Januar 1831 in Kraft tritt und die bisherige Kaliwirt- schastsgesetzgebung außer Kraft setzt. Der parla­mentarische Reichskalirat fällt in Zukunft fort, ebenso eine Anzahl von Organisationen der Kaliwirtschast. Bestehen bleiben das Syndikat, die Kalipkiifungsstelle in vereinfachter Form und die landwirtschaftlich-technische Kalistelle. Die starken Bindungen der Kaliindustrie bleiben durchweg bestehen. Bei der Festsetzung der Preise für die deutsche Landwirtschaft bestimmten Kali­düngesalzmarken ist wie bisher die vorherige An­hörung der deutschen Landwirtschaft (Reichsnähr­stand) vorgeschrieben.

Außenhandel tut not!

Eine wichtige Berliner Lagung / Ansprachen des Aeichsministers des Aeußeren

und des Neichöwirtfchafisministers

Berlin, 18. Dezember.

Der Reichsminister des Auswärtigen und der Reichswirtschaftsminister eröffneten heute in An­wesenheit von Vertretern mehrerer Reichs­ministerien die erste Sitzung des durch das Ge­setz über Maßnahmen zur Förderung des Außen­handels am 18. Oktober 1833 geschaffenen Außen- handelsrates. Der Reichsminister des Aus­wärtigen brachte in seiner Begrüßungsansprache die enge Verbundenheit des Auswärtigen Dien­stes mit allen Maßnahmen zur Förderung des deutschen Außenhandels zum Ausdruck. Der Reichswirtschastsminister kennzeichnete die Wich­tigkeit des Außenhandels für den Wiederaufbau

der deutschen Wirtschaft. Im Gegensatz zum Binnenhandel habe der Außenhandel bisher noch keine Belebung gezeigt. Da aber der Außen­handel eine gesunde Binnenwirtschaft zur Vor­aussetzung habe, könne der Wiederaufbau des Außenhandels der Neuordnung der Binnenwirt­schaft erst folge».

Jetzt seien allerdings ernstliche und wohl er­wogene Schritte erforderlich, um dem deutschen Außenhandel seinen natürlichen Anteil am Außen­handel der Welt wieder zu verschaffen. Es sei Auf­gabe der Mitglieder des Außenhandelsrates, alle Kräfte für diese große Ausgabe einzusetzen. (Aus­führliches aus der Rede des Reichswirtschafts­

ministers bringen wir im Handelsteil. Die Red.) Das Mitglied des Außenhandelsrates Müller- Oerlinghausen betonte die stete Bereitwilligkeit aller neuberufenen Mitglieder zur tatkräftigen und schnellen Mitarbeit an den ihnen übertrage­nen wichtigen Ausgaben.

Mit einem dreifachen Sieg Heil aus das deutsche Volk, den Reichspräsidenten und den Reichskanzler schloß der Reichsminister des Auswärtigen die konstituierende Sitzung. Darnach fand eine Ar­beitstagung unter Vorsitz des Staatssekretärs Dr. Posse statt. Die vorliegenden Anträge wurden festgestellt und Ausschüsse gebildet, die ihre Arbeit sofort aufnehmen werden.

Arbeitsfront, Wirtschaft, Beruf

Staatssekretär Feder vor dem Reichskuratorium für Wirtschaftlichkeit

Berlin, 19. Dezember.

Auf der Tagung des Reichskuratoriums für Wirtschaftlichkeit, an der hervorragende Vertre­ter der Wirtschaft, der Behörden, der verschie­denen Organisationen der NSDAP., der Wissen­schaft usw. teilnahmen, hielt Staatssekretär Fe­der eine mit großem Beifall aufgenommene Rede, in der er sich u. a. programmatisch über die Aufgaben der Arbeitsfront äußerte. Der Staats­sekretär. bezeichnete die Arbeitsfront als see­lische Unter Mauerung der Eesamt- wirtschaft im nationalsozialistischen Geist und fuhr dann fort: Wenn wir in die Arbeitsfront das hineinlegen, was hineingelegt werden darf, so ist es die Erziehung zum nationalsozialistischen Denken. Wenn im ständischen Aufbau der Wirt­schaft das Führerprinzip in den einzelnen Be­trieben aufgerichtet sein wird, wenn der Betriebs­führer das entscheidende Wort sprechen kann, dann haben wir in der Arbeitsfront, in der Or­

ganisation „Kraft durch Freude" die Stelle zu finden, in der der Unterschied fällt zwischen Offizier und einfachem Mann, wo der Mensch dem Menschen, der Volksgenosse dem Volks­genossen gegenübersteht: dort wird das Front­erlebnis der Gemeinsamkeit Wiederaufleben. Das ist die Aufgabe der Arbeitsfront. Sie hat nicht in die Wirtschaft hineinzureden.

Im ständischen Aufbau der Wirtschaft hat Sachkenntnis allein ausschlaggebend zu sein. Wir müssen von der Majorität der Stimmen zur Souveränität der Sachkenntnis durchkommen. Beim Aufbau der Wirtschaft spielt danach das geistige Prinzip eine Rolle, das mit dem Beruf verbunden ist. Die berufliche Zusammenfassung wird so sein, daß neben und über den rein materiellen Aufgaben des Lebens­werkes das Wirken im Interesse des Ganzen steht. Der Jurist hat so für das deutsche Recht

Sorge zu tragen, der Arzt für die Gesundung des Volkes. Aus diesen Gruppen werden dann die Persönlichkeiten herauswachsen, die zu führen be­stimmt sind, die das Reich braucht. Wie die Dreieinigkeit stehen nebeneinander: Arbeitsfront, Wirtschaftsbetriebe und Berufe. Durch diese Dreigliederung werden wir den großen Akkord und die Harmonie bekommen, die zum Gedeihen notwendig sind. Eeburtswehen werden auf dem Wege dorthin unvermeidbar sein: aber die starke Hand des Kanzlers und der Männer, die um ihn stehen, bürgen dafür, daß alles sich zum Besten wenden wird. Wenn diese innere Gestal­tung der Wirtschaft durchgeführt ist, dann wird Zeit sein, an die höheren Aufgaben heranzu: gehen: Unser Volk wieder hinaufzuführen zu einem Reich der Freiheit und der Ehre. Wenn uns das gelingt, ist uns nicht Lange, daß wir unter der Führung Hitlers den Weltkrieg im Frieden gewinnen.

Saar und Völkerbund

Gens, 19. Dezember.

Die vom Völkerbundssekretariat veröffentlichte amtliche Tagesordnung der am 15. Januar begin­nenden ordentlichen Tagung des Völkerbundsrates sieht als besonderen Punkt vorbereitende Maß­nahmen des Rates sür die Volksabstimmung im Saargebiet vor. Zu diesem Punkt enthält die Tagesordnung die Bemerkung, daß nach Artikel 50 des Versailler Vertrages die Bevölkerung des Saargebietes nach Ablauf einer 15jährigen Frist nach der Unterzeichnung des Versailler Vertrages ihren Willen über das weitere Schicksal des

Landes entsprechend den im Vertrage vorgesehenen Bestimmungen kundzutun hat. Die Tagesordnung steht ferner die Neuwahl der gesamten Saar­regierung vor, deren Mandat noch im März des nächsten Jahres abläuft.

Weiter stehen auf der Tagesordnung fünf einzelne Beschwerden der deutschen Minderheit aus Oberschlesien, die bereits seit Jahren vor dem Völkerbundsrat ohne sachliche Erledigung behandelt worden sind. Berichterstatter für die Saarfrage ist im Völkerbundsrat der Vertreter Italiens, für die Minderheitsfragen der Ver­treter Spaniens. Die Tagesordnung umfaßt im übrigen die Regelung der Konflikte zwischen Bolivien und Paraguay sowie die Unterbringung

der Assyrier im Irak. Deutschland wird auf der Januar-Tagung des Völkerbundsrates zum ersten Male seit dem deutschen Austritt aus dem Völker­bund nicht mehr vertreten sein.

Der stellvertretende Leiter der Pressestelle des preußischen Staatsministeriums, Reg.-Rat Dr. Kunckel, ist in das Saar-Referat beim Saar- Bevollmächtigten der Reichsregierung, Vizekanzler von Papen, eingetreten.

Göring beim Reichspräsidenten. Reichspräsident von Hindenburg empfing gestern den preußischen Ministerpräsidenten General der Infanterie Eö- ring zum Vortrag.

Als es losgeben sollte

Ministerpräsident Göring hat dem „Ar- beitertum", der amtlichen Zeitschrift der NSBO. und der Deutschen Arbeitsfront, einen Originalartikel unter dem Titel „Ein Jahr nationalsozialistische Innenpolitik" zur Verfügung gestellt, dem wir u. a. folgende Abschnitte entnehmen.

„Nach der Machtübernahme durch Adolf Hitler wartete der Kommunismus auf einen günstigen Augenblick zum Losschlagen. Das Zeichen mußte gegeben werden, um in Deutschland an einem Tage den Aufruhr des Bürgerkrieges zu entfesseln. Der Versuch, durch Generalstreik den Bürgerkrieg zu schaffen, war mißglückt. Für die Kommu­nisten war das das Zeichen, daß sie bei der Arbeiterschaft kein gewonnenes Spiel hatten. In dieser Zeit griff man zu einem letzten ver­zweifelten Mittel. In der Nacht zum 28. Fe­bruar stand das deutsche Reichstagsgebäude in Flammen. Es war das schändlichste Ver­brechen in der Geschichte.

In Wien und Sofia waren es ebenfalls verbrecherische marxistische Elemente, die zur Brandfackel griffen, um damit das Fanal zum Aufstand gegen die bestehende Staatsordnung ! zu geben. Noch in dieser Nacht, da die Folgen dieses ruchlosen Verbrechens im Reichstag die * ganze Welt in Atem hielten, sollte der all- > gemeine Bürgerkrieg entfesselt , werden. Nur eiserne Entschlußkraft, ener­gisches Durchgreifen und unbedingte Hingabe der Polizei und der nationalsozialistischen Verbände konnten dieses schändliche Ver­brechen, Deutschland einem Bürgerkrieg aus­zuliefern, verhindern.

„Es wäre vollkommen verkehrt, wenn je­mand heute auf den Gedanken kommen sollte, der Bolschewismus sei ausgerottet und man könnte mit bürgerlicher Ruhe und Gelassen­heit der Zukunft entgegensehen. Nichts ist verkehrter als dieser Standpunkt. Die Schlag­kraft der Polizei hat im Bunde mit der SA.

. Die Weihnachisanfpmche

München, 19. Dezember.

Die Adjutantur des Stellvertreters des Füh­rers teilt mit: Die Weihnachtsansprache, die der Stellvertreter des Führers am Heiligen Abend um 21 Uhr im Rundfunk halten wird, wird in erster Linie an die Deutschen im Auslande ge­richtet sein. Diese haben ihn um eine derartige Ansprache gebeten und er wird ihren Wunsch umso lieber erfüllen, als er sich durch sein persön­liches Schicksal dem Auslandsdeutschtum beson­ders verbunden fühlt.

und SS. den Marxismus entscheidend ge­schlagen. Das deutsche Volk hat erkannt, vor welch jähem Abgrund es in letzter Stunde ge­rettet wurde. Heute folgt es geschlossen sei­nem Führer Adolf Hitler und gelobt ihm un­bedingte Gefolgschaft. Vielleicht wird die übrige Welt einmal erkennen, was der Nati­onalsozialismus auch für sie dadurch geleistet hat, daß er in Deutschland, dem Kernland Europas, die Ausbreitung des Bolschewismus und ein Weitergreifen des Chaos verhindertha t."

Loncisrbsricrftt cler örsmer -Leitung ;

Albanische Erlebnisse

Don Andreas von Dun

Tirana, im Dezember.

Jahrhunderte hindurch mußte Albanien unter Fremdherrschaft sein Dasein fristen. Bis anno 1921, am ersten Weihnachtstage, ein jugendlicher Nationalist namens Achmed Zogu die Fahne der Freiheit entfaltete, um aus seinem parteipolitisch zersplitterten Ländchen in einigen wenigen Jahren einen völkisch-nationalistischen Totalstaat zu bauen, um ein „unerforschtes" Land aus seinem endlosen Dornröschen-Schlaf wachzuküssen (vielleicht müßte man eher „wachpeitschen lagen!), um der ganzen Welt ad oculos zu führen, daß ein einig Volk unter einem zielbewußten Führer Großes leisten, und die Versäumnisse von Jahrhunderten fast über Nacht nachholen kann!

Dieser 1. Weihnachtstag des Jahres 1921, vom albanischen Volke seither als „Triumph der Gesetzlichkeit" gefeiert, ist und bleibt der Aus­gangspunkt einer Entwicklung, deren Ende heute noch nicht übersehen werden kann. Jedenfalls begann mit diesem Tage das Erwachen eines Volkes, und mit diesem „Erwachen" hangen mancherlei Dinge zusammen, auch Aeneas und Wilhelm Tell „persönlich". König Zogu I., von seinem Volke zum Erbkönig gewählt, baute Straßen und Brücken, ließ müdern« Gebäude er­richten, richtete Krankenhäuser ein und organi­sierte das Schulwesen. Er bahnt« den Weg für ein westliches Rechtsempfinden im Lande der Blutrache er stellte eine Armee auf die Dem«, die sich schon sehen lassen kann, er schloß Handels- vertrage einen Bünimispakt mit Italien, er sorgte für Gendarmerie und Polizei, baute ernen vorbildlichen Verwaltungsapparat auf, brachte

seinen „Söhnen", wie er sein« Landeskinder nennt, die rationelle Bodenbearbeitung bei und so fort. Feine Autos und noch feinere Flugzeuge erleichtern heute den Verkehr in einem Lande, das die Eisenbahn gewissermaßen „übersprungen" hatte, die Hafenanlagen werden modernisiert, im neuen Strandbad von Durazzo kommt man sich wie an der Riviera vor und — auf Geheiß des Königs wurden Ausgrabungen vorgenommen, Leren Ergebnisse geradezu sensationell geworden sind. Aehnlich, wie Albanien „überhaupt" erst zum neuen Leben erweckt wurde, erblühte auch hier neues Leben aus Schutt und Ruinen — allerdings das Leben der Antike! Erst ist Appollonia, die Stadt der Wissenschaft, in der Mäcenas und Pompejus dem Wort erleuchteter Lehrer lauschten, ans Tageslicht gehoben worden.

Dann gelang es, Phoenike freizulegen, deren Akropolis zu den größten ihrer Art gehörte. Und zu guter Letzt fand man den Schauplatz der Aeneis" die Stadt, in der Aeneas, nach dem Fall von Troja sein« neue Heimat suchend An- dromache wiederfindet.

Unweit vom Hafen Santi Quaranta liegt Buthrotos, derzeit Vutrinto genannt. Vor wenigen Jahren noch eine Ruinenstätte, ist hier ein neues Pompeji erstanden. Die Ausgrabungen erbringen den Beweis, daß Publius Vergilius Naro in seinem Werk sogar ganz genaue Stadt­angaben gegeben hatte. Sein Tatsachenbericht läßt darauf deuten, daß er sich mutmaßlich per­sönlich in dieser, ganz den in Trümmern liegen­den Troja nachgebildeten Stadt aufgehalten haben mutz. Die Nachbildung des Märschen Tores, ein

zweites, sogenanntes Löwentor, außerordentlich interessante und wertvolle Bildwerke, ein griechisch-römisches Theater, ein Marmorhaupt, das der Expeditionsleiter Praxiteles zuschreibt, ein Aeskulap-Kopf, der die Schule von Phydias verrät, allerlei Gebäude, Frigidarium, Baptisterium und eine weitere, endlose Fülle von Funden kamen zum Vorschein und außer allem Zweifel wird Vutrinto gar bald zu den inter­nationalen Schauwiirdigkeiten für alle Verehrer der antiken Kunst gehören. Die Weitenbummler des XX. Jahrhunderts werden sich wohl sehr geehrt fühlen, „auf den Spuren von Aeneas" lustwandeln zu dürfen...

Somit wäre der Zusammenhang zwischen dem König Zogu, der sein Land soweit gebracht hatte, daß es sich heute sogar schon archäologische Ar­beiten leisten kann, und dem wackeren Seefahrer Aeneas einwandfrei „konstruiert". Und die Ver­bindung zu Wilhelm Tell zu schaffen, fällt auch nicht übermäßig schwer. Der Herrscher, der eine in westeuropäischem Sinne über durchschnittlich intelligente Persönlichkeit ist, und darüber hin­aus eine zum größten Teil deutsche Erziehung genossen hatte in seiner Jugend, fördert natürlich die deutsche Literatur. Folglich tun das auch seine, wie eingangs erwähnt, zum einheitlichen Denken erzogenen Landeskinder. So ist es weiter nicht verwunderlich, daß sich Herr Skender Luarasi die bestimmt nicht zu unterschätzende Mühe gab, „Wilhelm Tell" ins Albanische zu übertragen. Der Verlagsbuchhändler Kristo P. Luarasie (mit dem Uebersetzer wohl eng verwandt) bringt nun die deutsche Dichtung in — Lieferungen heraus. Tell in Lieferungen, nachgedichtet von Luarasi, copyright by Luarasi 1933 zu Tirana — mag es noch so „grotesk" klingen, so ist auch das eine Kulturtat, die mit einen Beweis von der „zivilisatorischen Gleichschaltung" des aufstreben- benden Albaniens ablegt!

Und daß die in Gjirokastre (Argyrikastro) er­scheinende Wochenzeitung „Demokratia" ihre ständige Sparte „Geistiges Leben" dauernd mit Goethe-Zitaten einleitet, findet man nachgerade selbstverständlich... Zogu I, Aeneas und Wilhelm Tell — um die Goethe-Zitate nicht zu vergessen! — hängen schon miteinander zusammen. Zu­mindest — synthetisch. Ohne König Zogus Macht­ergreifung und der darauffolgenden gigantischen Aufbauarbeit wären Aeneas und Teil noch immer unbekannte Begriffe im „exotischen" Albanien! Exotisch? Nicht doch. Neben dem nachgebildeten Skäischen Tor parken in langen Reihen Auto­mobile und über uns „saust" die flugplanmäßige Maschine mit einheitlichem Knattern

Aus dem Staatsarchiv Hannover

Das Staatsarchiv Hannover, in einem alten grauen Gebäude untergebracht, das bis auf den heutigen Tag ohne Beheizungs- und Lichtanlage geblieben, ist nächst dem in Berlin-Dahlem das größte aller preußischen Staatsarchive. Es besitzt etwa 50 000 Originalurkunden (meist auf Perga­ment) vom 9. Jahrhundert an, sowie etwa 50 000 Fach Akten vom 15. Jahrhundert bis zur Gegen­wart und insgesamt mehr als eine halbe Million Aktenstücke, Handschriften, Rechnungen, Amts- biicher. Der besondere Wert des hannovrischen Staatsarchivs beruht in seinen historischen Be­ständen, den früheren Archiven des Königreichs Hannover und der darin aufgegangenen älteren Staatswesen: der Welfenlande, des Erzbistums, Bremen, der Bistümer Verben und Hildes­heim usw.

Fast alle großen Persönlichkeiten der Geschichte Europas sind mit Urkunden oder Briefen, die ihre

Unterschrift tragen, vertreten. Da finden wir eine Urkunde des Kaisers Friedrich III. aus dem Jahre 1112 mit einem Siegel in Größe von 12 Zentimeter im Durchmesser aus Vienenwachs, das auf beiden Seiten eine Prägung ausweist. Da gibt es eine Konstitutionsurkunde Friedrichs II. aus dem Jahre 1231 zur Selbständigmachung der Fürsten gegen­über dem Kaiser. Eine Gnadenurkunde des Papstes Jnnocenz für das Kloster Wülfinghausen stammt aus dem Jahre 1215 und trägt nebst einem Siegel aus Blei die Unterschriften aller Kardi­nale. Eine Urkunde Friedrich Barbarossas aus dem Jahre 1156 betrifft die Güter des Klosters Hilwartshausen in der Diözese Hildesheim. Zwei andere Urkunden sind von Heinrich dem Löwen vor und nach seiner Absetzung, die eine aus dem Jahre 1169 für das Kloster Lamspringe, die an­dere aus dem Jahre 1181 für das Kloster Wunstorf.

Besonders wertvoll ist eine Papyrus-Urkunde des Papstes Benedikt aus dem Jahre 1022 . deren langsamer Zerfall nicht aufzuhalten ist, obgleich sie auf das sorgsamst« unter Glas gelagert' wurde. Alte Zeitungsblätter aus dem Jahr« 1631 geben Einblicke in die bescheidensten Anfänge unseres heutigen hochentwickelten Zeitungswesens. Ein vertrauliches Schreiben des Altreichskanzlers Bis- marck an die hannoversche Staatsregierung ist vom 30. März 1851 aus Frankfurt a. M. datiert. Alte Verträge beziehen sich auf Zollabmachungen zwischen Hannover und der Türkei, zwischen Han­nover und Siam, zwischen Hannover und Amerika (unterzeichnet von Abraham Lincoln) usw. Ein Brief Friedrichs des Großen enthält eine Schilde­rung der Schlacht bei Roßbach. Ein Ablaßbrief aus dem Jahre 1151 ist ausgestellt vom Prokurator des Fürsten von Cypern für die Grafen von Wunstorf. Zu diesen Urkunden und Schriften kommen Tausende von Planen und Karten, unter denen die Ebstorser Weltkarte des >3. Jahr­hunderts die älteste und wertvollste ist.

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